schreckenbergschreibt: Warum eigentlich?

Verdammt – ich habe den ersten Geburtstag meines Blogs verpasst.

Happybirthdaytoyou, happybirthdaytoyou, happy birthday, lieber Blo-hog, happy birthday to you. (nachträglich)

So, das hätten wir, and  now for something completely different:

Heute habe ich an meiner alten Schule berufsberaten. Einmal im Jahr stellen dort Eltern, Ehemalige und sonstige der Schule verbundene Menschen ihre Berufe vor, und ich mache da schon seit etwa 15 Jahren mit, obwohl meine Kinder lange auf andere Schulen gehen. Aber es ist eine gute Sache, und ich freue mich immer, die alten Räume wiederzusehen (heute war ich in dem, in dem ich mein Latinum gemacht habe, brrrr) und darin ein paar frische, junge, meist interessierte und vornehmlich intelligente Gesichter. Viele Jahre habe ich dort den Beruf des PR-Beraters vorgestellt, seit letztem Jahr trete ich als Schriftsteller auf.

Das läuft dann so ab, dass ich einen idealtypischen Arbeitstag schildere (den es so nie gibt) ein wenig zu Chancen und Vertriebswegen sage und mich danach ausfragen lasse, weil man zu diesem Beruf alles und nichts erzählen kann, und ich lieber möchte, dass die Schülerinnen und Schüler von mir das erfahren, was sie speziell interessiert als irgendetwas, das an ihren Interessen und ihrer Lebenswelt völlig vorbeigeht. Ich bin nunmal 20 bis 25 Jahre älter, ich bilde mir nicht ein zu wissen, was die bewegt.

Eine Frage war: „Warum schreiben Sie? Machen Sie das, um Geld zu verdienen, oder um Kultur zu vermitteln, oder…?“

Ich liebe dieses offene „oder“ am Schluss. 😀 Angeblich ist diese Frage ja ein Klassiker, tatsächlich war dies das erste Mal, dass jemand sie mir gestellt hat, dazu noch mit dieser erfrischend offenen Zusatzfrage. Warum also schreibe ich?

Ich tue es NICHT des Geldes wegen. Ich bin ausgebildeter PR-Berater und ich kann sowohl PR als auch Werbung als auch journalistisch texten, ich könnte mein Geld (und mehr Geld) weiß Gott anders verdienen. Und das tue ich ja auch. Inzwischen macht die PR vielleicht noch 20 oder 30 Prozent meiner Arbeit aus, aber der größte Teil meines Beitrages zum Familieneinkommen ist aus dieser Quelle. Von meiner Schriftstellerei, so professionell ich sie auch betreibe (das ist mein Beruf, nicht mein Hobby!) könnte ich mich kaum alleine ernähren. Und wenn ich es wegen des Geldes täte, hätte ich die zehn Jahre, in denen ich nichts als Absagen und dubiose Angebote (Druckkostenzuschuss…) bekommen habe mit Sicherheit nicht ertragen.

Tue ich es also der Kultur wegen? Habe ich Werte, Botschaften, verdammte INTENTIONEN, die ich meinem Publikum nahe bringen will? Antwort: Ebenfalls NEIN! Selbstverständlich, das habe ich auch heute Mittag geantwortet, vermitteln meine Geschichten eine gewisse Weltsicht, meinen Blick auf die Welt, sicher auch meine Werte. Ein schönes Beispiel dafür ist vielleicht die Macht der Liebe. Ich glaube, dass Liebe eine Menge Hindernisse überwinden kann, dass sie Stärke und Mut gibt. Meine Bücher erzählen davon, der „Finder“ und der „Ruf„, ebenso und besonders „Sergej„. In Sergej erfahren wir auch, dass es Grenzen gibt und in den Träumern erzähle ich, dass diese Macht auch unwiderstehlich zerstörerisch sein kann. In einem noch unveröffentlichten (und nicht fertigen) Roman von mir gibt es einen Ex-Nazi, der sich in eine Punkerin verliebt, und dadurch zwar nicht gleich geläutert wird, aber immerhin so auf den Weg kommt, sich von seiner Ideologie zu lösen. Und ich bin absolut nicht der Meinung, dass so eine Geschichte immer wie „Romeo und Julia“ ausgehen muss, also tragisch. Manche meiner Liebespaare dürfen, als Belohnung für all das, was sie miteinander und füreinander durchstehen, gemeinsam in den Sonnenuntergang reiten. Und wenn sie nicht gestorben sind…

Aber ist das meine Botschaft? Will ich meine Leserinnen und Leser zum Glauben an die Macht der Liebe bekehren, will ich sie glauben machen, dass diese Naziepisode exemplarisch ist und die Welt ein besserer Ort wäre, wenn nur mehr Menschen sich in den richtigen Gegenpart verliebten? Keineswegs! Das ist nur meine Sicht auf die Dinge, und jeder ist frei, eine andere zu haben und meine Geschichten trotzdem zu lesen, von mir aus sogar in seinem Sinne zu interpretieren. Jede Interpretation ist richtig, jede falsch.

Ich habe keine Botschaft, ich bin kein Erzieher, ich bin ein Geschichtenerzähler. Was ich will, das EINZIGE was ich will ist, Geschichten zu erzählen. Ich entwerfe Gegenwelten und lade meine Leser ein, sie zu betreten. Das tut übrigens jeder Schriftsteller. Auch wer sozialkritische Dramen schreibt schafft eine eigene Welt mit Figuren und Ereignissen, die es in unserer, der „realen“, Welt nicht gibt. Er interpretiert, wählt aus, verkürzt, auch wenn er sicher bemüht sein wird, diese Gegenwelt der „realen“ so weit wie möglich anzugleichen (zur Realität der Realität siehe hier). Da ich vornehmlich phantastische Literatur schreibe, und hier und da einen Krimi, fällt bei mir nur eher auf, dass das eine Gegenwelt ist.

Natürlich möchte ich, dass die Leser, wenn sie aus meiner Gegenwelt zurückkehren, davon berührt sind. Vielleicht auch, dass sie etwas mitnehmen in unsere angebliche Realität. Aber was das ist, wieviel, wo und wie es sie berührt – das liegt nicht bei mir.

In der Steinzeit war es bestimmt so, dass auf jede Jagd auch zwei Typen mitkamen, die vielleicht nicht die besten Jäger waren, die aber nachher am Feuer am besten davon erzählen konnten. Der eine berichtete vielleicht davon, dass Knörks Speer gebrochen ist, Gorbs aber nicht, warum Gorb den besseren Speer hat und warum Teamwork bei der Jagd besser ist als Einzelkämpfertum (wäre Urk doch nur nicht alleine in die Höhle des Bären gerannt… was lernen wir daraus?). Der andere schert sich einen Dreck um Faustkeilschlagen, Speerwickeln und Teambuilding – aber er lässt den ganzen Clan die Jagd noch einmal miterleben, so, dass selbst die Jäger danach der Meinung sind, das sei ja wirklich viel spannender und großartiger gewesen, als sie es in Erinnerung haben. Dieser Erzähler möchte ich sein. 😉

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Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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6 Antworten zu schreckenbergschreibt: Warum eigentlich?

  1. olivermenard schreibt:

    Songtexte für „Boozehounds“?

    Summ mal an…;-)))

    Da habe ich doch eben mal reingehört… So schnell wie die spielen, hast du pro Song wahrscheinlich über 1000 Wörter investiert. Knallharter Job, indeed…

    • Mountfright schreibt:

      Ich war in der luxuriösen Situation, die Texte schreiben zu können bevor die Melodie da war. Ich habe sie dann Stefan gegeben und der musste sich damit rumschlagen. Ich war oft ehrlich (und positiv) überrascht von den Melodien. 😀

  2. olivermenard schreibt:

    Texte ohne Melodie?

    Schummler…;-))))

    Jetzt versuch das mal mit Musik. Bei der Band wirst du Herzrasen kriegen.

    • Mountfright schreibt:

      Öhm… ich glaube ich kann gerade nicht mehr folgen. Ich KENNE die Musik der Boozehounds selbstverständlich, ich war oft genug mit denen unterwegs. Einer der besten Momente meines Lebens war, als in Calella SEHR viele SEHR gut aussehende Frauen „Silence“ mitgesungen haben – auch wenn die natürlich nicht den unerkannten Texter angehimmelt haben, sondern die Jungs auf der Bühne. 😀

      Nur schreibe ich eben die Texte, ohne dass ich komponieren würde. Das soll jemand tun, der es kann. 😉

      • olivermenard schreibt:

        Aber mal im Ernst… der unbekannte Texter wäre doch gerne auf die Bühne gesprungen, um seine Lorbeeren einzuheimsen, oder?

        Ich wäre hoch gesprungen. Ganz sicher.

  3. Mountfright schreibt:

    Did You hear about that starlet? She was so stupid, she slept with the author. 😀

    NIEMAND interessiert sich für den Texter. Ich schreibe Belletristik, Drehbücher und Songtexte. Abgesehen von der Belletristik ist der Name dessen, der den Text geschrieben und sich die ganze Geschichte ausgedacht hat üblicherweise von keinerlei Interesse. Damit muss ich leben. 😉

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