schreckenbergschreibt: Von Göttern und Nebenfiguren und der Wirklichkeit

Wegen des Karfreitags heute mal kein FNHF. Statt dessen ein paar mehr oder weniger besinnliche Worte zum Thema:

Gott / Schriftsteller / Figuren

Neulich ergab sich auf meiner Facebook-Seite ein spannender Dialog, der (gekürzt) so ging:

Ich: Gruselige Momente im Schriftstellerleben: Wenn eine Figur ganz kurz davor ist zu begreifen, was sie ist – nämlich eine Romanfigur, und man selbst das erst merkt, wenn man die geschriebene Passage nachliest. Brrrrr… Gänsehaut. Ist das irgendwie nachvollziehbar?

Claudia Junger: Ich finde es schwer zu verstehen. Es sei denn, die Figur bemerkt, dass sie nicht real ist.

Ich:  Sie (die Figur) macht sich Gedanken über die Wirklichkeit – und wie wirklich die Realität ist, in der sie sich befindet. (…) den Gedanken „was wäre, wenn ich nur die Figur in einem Roman bin“ haben wir ja vielleicht alle schon einmal gedacht. Nur… wenn eine der eigenen Romanfiguren kurz davor ist, diesen Gedanken zu haben (ohne, dass man das selbst geplant hat) – das ist creepy. 😉

Claudia Junger: Ahhhh, danke, ich verstehe. Etwa so wie die Frage, was ist das Weltall und worin befindet es sich? Total abstrakt….

Ich: Weniger naturwissenschaftlich, mehr philosophisch, wie in der berühmten Geschichte von Zhuangzi ((die Geschichte kann man hier nachlesen)). (…) Ich bin völlig davon überzeugt, dass wir über die „Wirklichkeit“ an sich nichts wissen können. Warum ich davon überzeugt bin würde jetzt hier eine Menge Worte zuviel erfordern (wäre aber vielleicht mal ein hübsches Thema für den Blog :-D). Diese Überzeugung zieht sich zuweilen auch durch meine Geschichten, aber selbstverständlich eher durch die phantastischen Geschichten (Thomas sagt das im „Finder“ mal sehr deutlich) als durch die Krimis. (…)

Wir habe ich da gesagt? Hübsches Thema für den Blog. 😀 Zuerst also kurz zu mir und der Realität:

Ich bin, wie gesagt, davon überzeugt, dass wir über die Realität an sich – die so genannte „Wirklichkeit“ – nichts wissen können. Diese Überzeugung entnehme ich in erster Linie der „Kritik der reinen Vernunft“ von Immanuel Kant und sie gründet unter Anderem auf folgender Erkenntnis Kants (fürchterlich grob wiedergegeben von mir):

Wir werden als Menschen mit bestimmten Formen der Wirklichkeitswahrnehmung geboren, die von vorneherein in uns angelegt sind und sich nicht auf Erfahrung gründen, ohne die wir aber nicht denken können (rein a-priorische Erkenntnis). Dazu gehören Raum und Zeit, Ursache und Wirkung, Einheit, Vielheit, Allheit etc. – alles Dinge, die wir in die Erfahrung hineinlegen, die wir aber nicht aus ihr gewinnen können. Da wir nicht wissen, ob die rein a-priorische Erkenntnis eine Entsprechung in der objektiven Realität hat, können wir über diese Realität weder etwas erfahren noch aussagen. Das ist aber nicht schlimm, wir kommen mit der Realität so wie wir sie wahrnehmen ja auch ganz gut zurecht. Und so lange Theologen, Naturwissenschaftler oder andere religiöse Menschen uns nicht zwingen wollen, an ihre Realitätsauslegung zu glauben, können wir auch alle friedlich in unserer Beschränktheit leben.

(Und wer sich jetzt daran stört, dass ich Kants Hauptwerk sehr verkürzt in wenigen Zeilen verwurstet habe – es steht jedem frei, die „Kritik der reinen Vernunft“ zu lesen. Nur zur Warnung: Kant war ein genialer Erkenntnistheoretiker und Philosoph. Er war ein… hm… weniger genialer Formulierungskünstler. 😉 )

Wozu das? Nun, wie gesagt – ich weiß nichts über die Realität, und egal, was Stephen Hawking hofft und glaubt: Kein Mensch wird es je können.

Daraus ergibt sich aber – für mich als Schriftsteller – die Frage: Wie real sind meine Figuren? Kann ich sicher sein, dass sie weniger real sind als ich, oder dass ich realer bin als sie? Und die Antwort ist: Nein, das kann ich nicht! Woher weiß ich denn, dass ich mehr bin als eine Romanfigur Gottes? Dass ich nicht in diesem Moment auf eine Seite geschrieben werde und alles, was ich für meine Erfahrung und meinen Charakter halte, nur die Biographie ist, die ER in seinem göttlichen Textverarbeitungsprogramm unter „Hintergrundgeschichten Nebenfiguren“ abgespeichert hat? Nun gut, ich gebe zu – ich hoffe, dass ich eine Hauptfigur bin. Nebenfiguren werden so gerne verheizt. 😉

Daniel im „Finder“ hält sich für real. Für uns – mich als Autor, Euch als Leser – beginnt seine Existenz mit dem Moment, als er völlig verkatert von dieser Party nach Hause kommt. Er aber erinnert sich an seine Eltern und seine Schwester, an seine Schulzeit, sein Leben als Fotograf, verflossene Liebesgeschichten. All dies ist im Roman erwähnt, wir erleben es aber nicht mit ihm. Für uns ist es Hintergrundgeschichte, für ihn ist es erinnerte Realität.

Bastian aus den „Träumern“ weiß noch nicht, wie sein Leben weiter gehen wird. Wir verlassen ihn, als der Sanitäter ihn in den Krankenwagen bugsiert. Er ist verwirrt, in einem Widerstreit der Gefühle, wahrscheinlich steht er auch noch etwas unter Drogen. Und er fürchtet sich vor der ungewissen Zukunft. Ich aber weiß, was in seiner Zukunft liegt.

Es gibt im „Finder“ eine Stelle, die mir immer wieder ein wenig Angst macht. Im zweiten Teil, nach der letzten Schlacht im Schloss und nachdem sie die Toten gefunden haben, fragt Daniel Vera, was sie nun zu tun gedenke. Und sie antwortet:

Wir werden das Haus anzünden, bevor wir gehen. In der Garage ist noch eine Menge Benzin. Wir werden den ganzen verdammten Bau bis auf die Grundmauern niederbrennen und wenn es noch einen verdammten Gott gibt, der etwas anderes tut, als uns zu verarschen, fängt der ganze beschissene Wald Feuer und fackelt die beschissenen, verf***ten, kindermordenden Mistviecher mit ab.“

Ich bin erschrocken, als mir zum ersten Mal klar wurde, wer dieser bösartige Gott ist, den sie da anklagt und den sie um eine letzte Gnade bittet. Dieser verdammte, grausame Gott, der ihre Welt erschaffen hat, um sie dann wieder zu zerstören und gerade sie, Vera, und ihre Schützlinge, aufs Grausamste leiden zu lassen. Sie meint natürlich mich. Und sie hat recht mit ihrer Anklage. Welches Recht habe ich, das zu tun? Ich weiß es, ehrlich gesagt, nicht. Ich tue es, weil ich es kann und muss. Aber ich habe großen Respekt und große Demut vor meinen Figuren. Es tut mir leid, was ich ihnen antue. Aber ich kann nicht anders.

Zwei Anmerkungen dazu:

Was immer Vera über ihren Gott denken mag – er ist nicht allmächtig. Ich habe nicht die Macht, in meine Geschichten einzugreifen wie ich es will. Eine Geschichte ist nur zum Teil „Erfindung“, jedenfalls ist das bei mir so. Zu einem nicht geringen Teil ist sie Inspiration und erzählt sich selbst durch mich. Von daher steht es oft nicht in meiner Macht, Figuren weniger leiden zu lassen. Sicher – ich hätte zum Beispiel das, was Angela und Mehmet im „Finder“ in diesem Wandschrank passiert ist, verschweigen können. Aber wäre es – in der Realität der Geschichte – dadurch weniger oder anders passiert? Keine Ahnung. Ich hätte auch den Figuren im „Ruf“ diese ganze grausame Belagerung ersparen können – um den Preis, dass ich die Geschichte nicht schreibe. Denn die Geschichte verlangt, dass ich sie so erzähle, und wenn ich es nicht tue, wird sie bestenfalls schlecht, schlimmstenfalls existiert sie garnicht. Natürlich habe ich große schöpferische Freiheit – aber immer wieder werde ich von der Geschichte und auch von meinen Figuren überrascht – zum Beispiel wenn, wie oben geschildert, eine Figur plötzlich ganz nah an die Erkenntnis kommt, dass sie eine Romanfigur ist. Und dann fängt man eben an, über die Realität des Romanes nachzudenken. Und die Realität des Schriftstellers. Und die Realität darüber, und darüber und darüber…

Die zweite Anmerkung: Es ist im Moment in manchen Kreisen sehr schick zu behaupten, es gäbe kein Geistiges Eigentum. Menschen, die ganz offensichtlich selbst nicht den Drang verspüren oder die Fähigkeit haben, Neues zu schaffen, leugnen, dass andere das tun. In ihren Augen fügen wir nur Versatzstücke neu zusammen. Sie irren sich. Wir sind keine Resampler und wir sind auch keine Nacherzähler – wir schaffen mit unseren Ideen etwas Neues. Ob das in der „objektiven Realität“ uns gehört, oder unseren Figuren oder dem, der uns schreibt – wer weiß. In der Realität wie wir sie kennen aber gehört es uns und uns alleine. Denn nur wir können die Realität unserer Geschichten erschaffen. Ohne uns gäbe es sie nicht.

Schöne Ostertage. 😉

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Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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14 Antworten zu schreckenbergschreibt: Von Göttern und Nebenfiguren und der Wirklichkeit

  1. Krimi und Co. schreibt:

    Hallo Michael,

    das ist ein total interessantes Thema und nun habe ich es auch begriffen. 😉

    Dir und deiner Familie auch ein schönes Osterfest.

    Liebe Grüße

    Claudia

  2. marcusjohanus schreibt:

    Ich gebe dir recht, dass Figuren und Ereignisse beim Schreiben ein Eigenleben entwickeln können. Ich denke, dass einfach unbewusste Vorgänge den Schreibprozess beeinflussen. Ich denke auch, dass das gut ist und dass man der Sachd ihren Lauf lassen sollte. Aber auf das Schreiben folgt ja das Überarbeiten und dieser Prozess sollte möglichst bewusst und rational verlaufen.

    • Mountfright schreibt:

      Da hast Du völlig Recht und ich bin ein Überarbeitungsfanatiker (je länger Sachen in meiner Schublade liegen, desto öfter kommen sie unters Messer, die Version des „Finders“ die Ihr kennt, ist Version 9. Und nur die letzten beiden davon sind Überarbeitung in Zusammenarbeit mit dem Verlag). 😀

      Aber das ist ja nur Arbeit an der schon bestehenden Geschichte. Der eigentliche Schöpfungsprozess – um im Bild zu bleiben – ist dann bereits geschehen.

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