schreckenberglebt: Levliest 2013 Teil 3 (bzw. Teil 5 und 6) – Toleranz, Dankbarkeit und eine Art Bilanz

Und hui, ist es Mittwoch, der 1. Mai und Levliest 2013 ist schon wieder Geschichte. Leider. Zwei Jahre soll das jetzt dauern, bis es wieder so weit ist? Na gut, ich sehe ein, Leverkusen ist eine Stadt mit klammen Kassen, also besser alle zwei Jahre ein schönes, fettes Lesefestival als jedes Jahr ein mageres. Aber nur bis der Reichtum ausbricht! Danach will ich jedes Jahr ein Levliest. Möglichst gut eingepasst zwischen Criminale und Fantasy Filmfest, okay? Danke! 🙂

Von zwei Veranstaltungen will ich noch berichten und mich dann an eine über die Maßen subjektive Bilanz wagen. Ich habe ja bereits geschrieben, dass für den Montagabend drei Alterntiven auf meinem Zettel standen. Entschieden habe ich mich schließlich (schweren Herzens) gegen Peggy O. und auch gegen das Bayer04 Fanprojekt und für die Lesung im Türkisch-Islamischen Kulturzentrum.

Veranstalter war das Arbeitsforum Interkultureller Dialog, eine sehr nützliche Einrichtung, die immer mal wieder Diskussions- und Informationsveranstaltungen mit Vertretern verschiedener Religionen hier in Leverkusen organisiert. Wir fanden uns also ein in einem ebenso großen wie heimeligen Raum neben der türkischen Moschee: Teppiche, Sitzkissen, gepolsterte Bänke, niedrige Tische, Gebäck und Wasser, später, in der Pause, Tee. Es wird ja gerne behauptet, dass unter den Völkern die Deutschen die Erfinder der Gemütlichkeit sind. Unter den Religionen sind es bestimmt die Moslems, zu mindest nach den Grenzen meiner Erfahrung, die diverse christliche Versammlungsräume und Gotteshäuser ebenso einschließt wie Synagogen, buddhistische Tempel und Zen-Dojos. 😀 Der gemütliche Raum war trotz seiner Größe erfreulich gut gefüllt, trotz des etwas sperrigen Mottos und der versteckten Lage des Kulturzentrums.

Das Motto war „Herzlich Willkommen – wer immer Du bist“. Vier Geistliche* – je zwei islamische und zwei christliche – lasen aus Texten, die für sie zu diesem Motto passten, und die unterschiedlicher kaum hätten sein können. Drei haben mir gut gefallen und ich habe sie mit Gewinn gehört: Ein Kapitel aus einem politikwissenschaftlichen Artikel des Reformsalafisten  Tariq Ramadan, einen Text des islamischen Mystikers Rumi und ein kurzes Stück aus den Selbstbelehrungen Mark Aurels

Ich habe hier schon einmal etwas über meinen persönlichen Glauben angedeutet und ich will niemanden groß damit langweilen, daher in aller Kürze: Ich bin gläubig, gleichzeitig bin ich aber davon überzeugt, dass sich Glaube mit etwas beschäftigt, das jenseits der von Immanuel Kant endgültig definierten Grenze des rein-a-priorischen Denkens liegt, also außerhalb der Grenzen unserer Erkenntnisfähigkeit. Von daher bin ich immer etwas irritiert, wenn ich andere Gläubige von „Gottesbeweisen“ und „Glaubensgewissheiten“ sprechen höre. Da kann man nichts beweisen und gewiss ist auch nichts. Ebenso bizarr finde ich diese verbissene Form des Atheismus, die die Nichtexistenz Gottes beweisen zu können glaubt oder – noch lustiger – glaubt, die Wahrscheinlichkeit dieser Nichtexistenz ausrechnen zu können. Meine Sichtweise zwingt mich zur Toleranz: Da ich nichts beweisen kann und niemand mir etwas widerlegen kann muss ich jeden tolerieren der etwas anders als ich glaubt oder nicht-glaubt, so lange er mich in Ruhe das glauben lässt, was ich glaube.

Dies vorausgeschickt wird natürlich klar, dass dem Mystizismus meine besondere Sympathie gehört, egal, ob er christlich, buddhistisch, jüdisch oder eben islamisch daher kommt – Mystiker wollen nicht beweisen sondern erfahren und bedienen sich, wenn sie ihre Erfahrungen und Erkenntnisse weitergeben, dazu meist noch einer sehr schönen und machtvollen Sprache, das gilt auch für Rumi. Mark Aurel wiederum ist nun alles andere als ein Mystiker, aber einer meiner absoluten Lieblingsethiker. Den höre ich so gerne wie ich ihn lese. Tariq Ramadan kannte ich bisher nur dem Namen nach, sein Text war ebenfalls interessant und hörenswert.

Und dann Text Nummer Vier. Gut – ich gebe zu, wer mit Martin Walser kommt hat es schwer bei mir, und das ist sicher – zumindest teilweise – Geschmacksache. Aber muss man an einem Abend und unter diesem Motto wirklich einen klar antikatholischen und in der Tendenz atheistischen Text lesen? Ich bin ganz froh, dass ich nicht mehr der Atheist bin, der ich viele Jahre war. So war es für mich einfach eine Übung in Demut und Toleranz, das interessiert zu ertragen. Als Atheist aber hätte ich es ehrlich als Anmaßung empfunden, das ausgerechnet der Geistliche einer christlichen Kirche meine Position einnimmt – wie inkonsequent kann man sein?

Ungeachtet dessen war das ein sehr lohnender, angenehmer und gewinnbringender Abend – und wieder VÖLLIG anders als alles, was ich in den Tagen vorher gesehen und gehört hatte.

Gestern dann endete Levliest, für mich mit meiner zweiten eigenen Lesung. Ich las in der Schlebuscher Geschäftsstelle der Stadbibliothek aus meinem neuen Roman „Der wandernde Krieg – Sergej„. Das Publikum war überschaubar aber immer noch zufriedenstellende groß – und es war ein TOLLES Publikum. Dass ich gut genug lesen kann, um eine Gruppe Menschen eine Weile in meinen Bann zu ziehen, das weiß ich. Aber es ist schön zu spüren, wie diese Menschen mitgehen. Für einen Vorleser ist das immer etwas subtiler als für, sagen wir, einen Rockmusiker. Bei mir tanzt keiner, und Unterwäsche flog auch noch nie über den Lesetisch, dennoch – in der Ruhe gibt es eine Spannung und es ist gut, wenn man die spüren kann. Und wenn sich danach, in der entspannten Phase, dann auch noch gute Gespräche ergeben, umso besser.

Besonders gefreut hat mich, dass gestern viele Mitarbeiterinnen und ein Mitarbeiter der Stadtbibliothek im Publikum saßen. Das sind nicht nur einfach die Buchprofis – obwohl das schon reichen würde, um stolz zu sein. Aber man muss wissen, dass es Agid Jumpertz war, Lektorin für Belletristik in der Bibiotheks-Hauptstelle in Wiesdorf, die Levliest vor Jahren überhaupt erst erfunden und mit viel Engagement ins Leben gerufen hat. Seither ist das Team der Stadtbibliothek mit seiner Leiterin Lucia Werder einer der (wenn nicht DER) Motor(en) dieser großartigen Veranstaltung, der all den Initiativen und Unternehmen, Kulturschaffenden und auch uns Autoren ein gutes Stück Energie gibt. Und das von denen dann gleich eine ganze Gruppe zu meiner Lesung aufläuft – das schmeichelt.  🙂

Also – Levliest 2013 war ein Gewinn für mich, auch wenn ich zweimal gegen Borussia Dortmund und die Champions League antreten musste. Vom Beginn- an dem ich zum ersten Mal als Teil des Teams Schleheck-Wilbertz-Linker-Schreckenberg las, ein Team, das auf keinen Fall ein One-Night-Read bleiben sollte, bis zum Ende in Schlebusch war jede Veranstaltung ein Gewinn, geistig sowieso, aber auch wegen der bezaubernden Menschen, die ich wiedergesehen und kennengelernt habe.

Kritik habe ich eigentlich nur in einem einzigen Punkt – und da weiß ich nicht einmal, wen die Kritik trifft. Vielleicht ist das sogar der Kern des Problems. Denn die mediale Reichweite, das Image und der Bekanntheitsgrad von Levliest bleiben sehr hinter dem zurück, was das Festival verdient hätte. Das Problem liegt in der Öffentlichkeitsarbeit.Die Pressestelle der Stadt hat vermutlich viele andere Aufgaben, die an der Organisation beteiligten Stellen in Bibliothek und Kulturbüro sowieso und das Geld ist knapp, in unserer Stadt, so dermaßen knapp. Von Steuermoral und Großunternehmen fange ich jetzt mal gar nicht an. Immerhin hat eine der beiden großen Tageszeitungen für Ort eine tägliche Levliest-Seite geführt. Wenn beim nächsten Mal dann noch die Vorberichterstattung etwas anzieht und es gelingt, mehr örtliche Medien anzufixen… der PR-Mann in mir will gerade Ideen entwickeln. 😀 Der Autor aber dankt nochmal für die schönen Tage – und freut sich auf 2015.

Noch ein paar Bilder von der gestrigen Lesung:

*Es ist mir ein wenig peinlich, aber da ich nur von dem katholischen Vertreter und dem Imam der türkischen Gemeinde Name UND Funktion kenne werde ich der Gerechtigkeit halber keinen Namen und keine Funktion nennen. Aber mal ehrlich – wenn das Programmheft nicht vollständig ist und die Protestanten dann auch noch einen anderen als den Angekündigten schicken… Ich renne da doch nicht mit Notizbuch rum und führe Interviews. Dort war ich Gast, hier bin ich bloggender Schriftsteller, Journalist bin ich woanders. 😉

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Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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