schreckenbergschreibt: Es ist kein verdammtes HOBBY!

Fall 1:

„Guten Tag, was sind Sie denn von Beruf?“

„Ich bin Landschaftsgärtner.“

„Oh das trifft sich gut. Ich möchte Sie einladen, in unserem Park einen Teich anzulegen. Eine Bezahlung gibt es natürlich nicht, und Sie würden sich verpflichten, 100 Eintrittskarten für den Park abzunehmen – selbstverständlich zum Vorzugspreis für Mitgestalter. Die dürfen Sie gerne zum handelsüblichen Preis weiterverkaufen, da machen Sie doch einen guten Schnitt. Und Werbung für Sie ist es außerdem. Na, was sagen Sie?

Fall 2:

„Hallo, schön, dass ich Dich treffe, was machst Du denn jetzt so?“

„Ich bin immer noch Möbelschreiner. Außerdem habe ich gemerkt, dass es mir Freude macht, aus dem Holz auch so kleine Figuren zu machen, Spielzeugtiere, Schachspiele. Das ist ein hübsches Zusatzgeschäft, die Leute mögen das. Na ja, und da meine Frau besser verdient als ich, kümmere ich mich auch um die Kinder, wenn sie nach Hause kommen – Sportvereine, kochen, all das.“

„Du bist also gar kein professioneller Möbelschreiner?“

„Öhm… doch.“

„Aber das mit den Figuren, das ist ein Hobby.“

„Nein, das mache ich schon professionell, ich verkaufe die über Spielwarengeschäfte… das macht zwar Spaß, aber Hobby ist anders.“

„Aber zwei Berufe und dann auch noch Teilzeithausmann – Du musst Dich doch entscheiden!“

„Warum?“

„Weil wir in Deutschland leben!“

Fall 3

„Hallo, sind Sie nicht XYZ, der Konzertpianist?“

„Ja, bin ich.“

„Ich finde Ihr Spiel ganz großartig.“

„Danke, freut mich sehr, wenn es Ihnen gefällt.“

„Da wir uns hier gerade treffen – ich bin Vorsitzender des Vereins „Die wilden Kulturbeutel“, wir veranstalten Konzerte in unserer Stadthalle. Wir würden Sie gerne für ein Klavierkonzert in der kommenden Saison buchen. Ich bin allerdings nicht sicher, ob wir etwas bezahlen können. Wenn der ABCKonzern uns wieder sponsort, dann sicher. Sonst nicht. Und die Anfahrt können wir auch nicht übernehmen, das müssen Sie verstehen, das machen wir nie. Aber andererseits – es hören ja immer weniger Menschen klassische Musik, und wäre das nicht eine tolle Werbung… hallo? Hallo, bleiben Sie doch hier, warten Sie doch…“

WTF???

Als Schriftsteller muss ich mich immer wieder damit auseinandersetzen, dass am Ende einer interessanten Anthologieausschreibung steht, dass die Leute, die von mir eine Kurzgeschichte wollen, um die in ein Buch zu packen, das sie dann verkaufen möchten, verlangen, dass ich eine festgeschriebene Anzahl von Exemplaren des Buches KAUFE, wenn ich in die Anthologie komme. Die wollen also nicht mich dafür bezahlen, dass sie Geld mit meiner Arbeit machen dürfen, sondern verlangen noch, dass ich die Früchte meines eigenen Schaffens von ihnen kaufe. Hm… nein, will ich nicht. Da drucke ich mir die Geschichte lieber gleich hier zu Hause aus und werfe mir dafür ein paar Euro in die Urlaubsspardose. Das ist zwar blödsinnig und Papierverschwendung, aber immerhin habe ich so noch etwas davon. Und wenn ich das dann in meinen Blog schreibe, ist das ja auch eine tolle Werbung. Irgendwie.

Fall 3 entspricht natürlich der allseits beliebten, unbezahlten Lesung. Ist doch tolle Werb… NEIN!!! IST ES, VERDAMMT NOCHMAL, NICHT! Ich signalisiere damit nur, dass ich meine eigene Arbeit (als Autor und als Vortragender) so gering schätze, dass ich sie verschenke. Ich schätze meine Arbeit aber nicht gering, und ich packe verdammt viel Zeit darein, also will ich Geld sehen. Wer das Geld an sich abschaffen will, hat mich auf seiner Seite. Aber so lange das noch nicht durchgesetzt ist, schreibe ich Rechnungen bzw. Quittungen.

Es gibt Ausnahmen. Es gibt gute Zwecke, für die ich honorarfrei lese oder schreibe (und was ein guter Zweck ist bestimme in diesem Falle ICH, nicht der Veranstalter, nicht ein Leser, nicht ein Kollege). Es gibt sehr reizvolle Preise, um die ich mich auch bewerbe, wenn noch nicht klar ist, ob aus der Ausschreibung eine Anthologie hervorgeht und wenn ja, zu welchen Bedingungen. Es gibt kostenlose Küchentischlesungen vor Partys bei mir zu Hause oder im Kreis befreundeter Autorinnen und Autoren. Aber das sind eben – Ausnahmen.

Und damit kommen wir zu Fall 2, der besonders prickelnd ist. Einerseits gibt es Autorinnen und Autoren, die das Glück haben, ausschließlich für ihre und/oder von ihrer Kunst leben zu können. Die haben vielleicht ein paar Bücher mehr auf dem Markt als ich, oder ein paar Bestseller gelandet, ein paar Filmrechte vertickt, sonstwie mehr Geld mit der Schriftstellerei verdient als ich. Ich gönne es ihnen sehr. ABER – ein paar (wenige aber laute) dieser Kolleginnen und Kollegen sprechen denen, die (noch) nicht so viel Glück hatten wie sie oder einfach nur noch nicht so lange im Geschäft sind, das Profitum ab. Und dagegen wehre ich mich dann ganz gerne. Nur weil ich nebenbei noch einen weiteren Beruf habe („Brotberuf“ nenne ich den nicht, was ich dann die Schriftstellerei? „Wasserjob“?), und die Kinder betreue bin ich nicht weniger professioneller Schriftsteller. Es kommt ja auch niemand auf die Idee, mich Hobby-PR-Berater zu nennen, nur weil viele Kollegen, die nicht nebenbei auch Profi-Schriftsteller sind, deutlich mehr Geld verdienen als ich.

Andererseits – und da schließt sich der Kreis – schreiben viele Menschen hobbymäßig. So wie auch viele Menschen als Hobby im Garten arbeiten. Es ist eine Frage des Anspruchs: Wer seine Geschichten schreibt, weil er oder sie eben gerne schreibt und ansonsten gar keine großen Ambitionen auf eine Leserschaft außerhalb des eigenen Familien- und Freundeskreises hat, der ist ein(e) Hobbyschriftsteller(in). Das sagt nichts über das Können, im Gegenteil. Ich bin sicher, so manches schriftstellerische Großtalent ist uns nie bekannt geworden, weil das betreffende Genie darauf gar keinen Wert legte – und seine Genialität daher auch nicht den Widrigkeiten der Verlagssuche und dem Schliff durch Lektoren unterwarf. Mein Anspruch ist aber (und war immer) ein anderer. Ich WILL Leserinnen und Leser, ich will meine Geschichten unter die Menschen bringen. Dafür arbeite ich (HART! Disziplinier schreiben ist schwer. Plotten macht wenig Spaß, Lektoratsmails abzuarbeiten gar keinen, um nur diese zu nennen), dafür bilde ich mich fort, dafür bin ich meinen Geschäftspartnern ein professioneller Widerpart.

Wir leben in einer Gesellschaft, die geistige Arbeit gerne geringschätzt, wenn an ihrem Ende nicht irgend ein Plan steht, nach dem man etwas bauen kann, Maschinen, Häuser, was weiß ich. Lehrer? Haben immer nur auf Schulen herum gehangen, wissen nichts von der Welt. Politiker? Die reden doch nur und füllen sich die eigene Tasche. Uniprofessorinnen, womöglich noch in Philosophie, Sozialwissenschaftlen oder Theologie? Braucht kein Mensch. Musiker, Bildhauer, Maler, Schriftsteller? KÜNSTLER??? Sollen ihr Hobby Hobby sein lassen und sich einen richtigen Job suchen. In dieser Geisteshaltung hat es eine parasitäre Freeloader- und Piratengesinnung, die uns das Recht und Eigentum an unserer Arbeit absprechen will, sehr leicht. Aber es ist genau andersherum. Wir waren schon da, als die ersten Menschen sich organisierten, sich gegenseitig ihre Kenntnisse weitergaben, ihren Geschichten Formen gaben. Keine Gesellschaft konnte je auf uns verzichten, keine wird es je können. Und wer glaubt, das könne jeder, der soll erst mal beweisen, dass er das Zeug dazu hat, so zu schreiben und zu erzählen, zu malen und zu fotografieren wie wir. Da wird es dann oft ganz schnell eng.

Dieses Selbstbewusstsein sollten wir leben und verteidigen – und dazu gehört auch, dass wir Geschichtenerzähler von den Jägern und Sammlern Essen für unsere Geschichten verlangen. Nur so sind wir ernst zu nehmen! Ach ja: Und wenn einer von uns außerdem ein passabler Jäger ist und sich deshalb nicht ganz so viele Geschichten ausdenkt wie die anderen – ist er trotzdem ein Geschichtenerzähler. 😉

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Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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15 Antworten zu schreckenbergschreibt: Es ist kein verdammtes HOBBY!

  1. Pingback: Grummelgrummel | Der Guppy war's und nicht die Lerche

  2. 11 schreibt:

    So isses! Und Änderung scheint für uns Berufsschreiber (noch) nicht in Sicht. Solange Autoren unbezahlte Gigs annehmen und bei Druckkostenzuschusslern ihre Büchlein rausbringen, wird sich auf Verwerterseite nichts ändern. Über das Thema habe ich mich auch vor einer Weile mal entsprechend ausgelassen: http://zaubertinte11.wordpress.com/2011/07/29/vom-wesen-der-wertschatzung/
    Liebe Grüße,
    Kathrin

    • Mountfright schreibt:

      Stimmt, Deinen Beitrag hatte ich damals auch geliked – es ist unglaublich, oder? Ich warte ja immer noch darauf, dass mal ein Verleger anruft und sagt: „Herr Schreckenberg – wir haben Ihre Romane gelesen und haben uns entschlossen, mit Ihrem Einverständnis, ihr nächstes Buch herauszubringen – und sie bekommen die gesamten Einnahmen, abzüglich dessen, was die Buchhandlungen sich nehmen. Aber Druck, Marketing, Lektorat – machen wir alles auf unsere Kosten. Ist doch eine tolle Werbung für uns!“ 😀

  3. Pingback: schreckenbergschreibt: Selbstachtung, bitte! | schreckenbergschreibt

  4. Brigitte Pons schreibt:

    Danke. Schließe mich vollumfänglich an!

  5. Holm schreibt:

    Hallo Michael,
    Ich habe deinen Text gelesen. Ich denke, das ist branchenübergreifend … Computerprobleme, Patente, Korrekturen …
    Aber wenn ich so nachdenke, das wäre ein guter Feuilleton- Artikel!
    {h=1}(ich kenn da ne Zeitschrift die sucht ehrenamtliche …. ) {h=0}

  6. Cornelia Boehler schreibt:

    wie wahr … und schön geschrieben – fast zu schön!

  7. gudrunlerchbaum schreibt:

    Reblogged this on g:textet und kommentierte:
    Gelegentlich gehört das gesagt, geschrieben, gehört, gelesen …

  8. Stefanie Maucher schreibt:

    Ein schöner Artikel, der mich bereits in seinen Anfängen zum Schmunzeln brachte. Solche Anthologie-Ausschreibungen mag ich auch nicht, oder Lesungsanfragen (bekomm ich zwar eigentlich nie, aber was solls) am Arsch der Welt, ohne auch nur die Anfahrt getilgt zu bekommen…
    Allerdings finde ich, man kann durchaus mal Ausnahmen machen. Zum Beispiel trage ich eine Kurzgeschichte bei, zu einer Art Horror-Almanach, in der sich „kleine Größen“ unserer deutschen Horrorlandschaft versammeln, mit dem Vorsatz, den Lesern näherzubringen, dass Horror nicht zwingend von „überm großen Teich“ kommen muss. Kein Verlagsprojekt, wo am Ende der Herausgeber verdient, während sich die Autoren bitte geehrt vorkommen sollen, sondern ein Gemeinschaftswerk, das dazu dienen wird, den Bekanntheitsgrad der teilnehmenden Autoren zu fördern. „Autoren teilen ihre Leserschaft“ könnte man das Projekt wohl auch nennen.
    In diesem Fall betrachte ich meine Kurzgeschichte als Werbemittel um meine Leserschaft zu erweitern. Es gilt einfach abzuwägen, ob man denkt, man profitiert am Ende davon, so etwas zu machen. Wenn ich dadurch die Leserschaft der anderen Mitwirkenden, die für sich allein auch schon ganz ordentliche Erfolge verbuchen können, infiltrieren kann, dadurch bekannter werde und sich am Ende der eine oder andere, der mich zuvor nicht kannte, auch an ein Buch von mir wagt, dann habe ich schon gewonnen. Der Aufwand, die Kurzgeschichte zu schreiben, gemessen an meinen sonstigen Projekten, war minimal, Spaß gemacht hat’s obendrein, gute Werbung auch für mich wirds definitiv.
    Ansonsten lehne ich es aber ab, umsonst zu arbeiten. Ich habe schon Verlagsverträge ausgeschlagen, weil ich die Konditionen nicht gut fand und mir dachte, das ist zu wenig lukrativ und ich verzichte auf Dumpingpreise für meine Bücher, auch im Selfpublishingbereich. Ich finde die Mentalität, die hier bei uns herrscht, sehr unschön, Kunst und Unterhaltung quasi zum Nulltarif zu erwarten.

    • Mountfright schreibt:

      Da ich in diesem Artikel ja sehr viel geschimpft habe, habe ich natürlich nur die negativen Beispiele genannt. Umgekehrt stimmt es aber auch – es gibt viele seriöse Ausschreibungen, an denen sich Jede(r) beteiligen kann, und die faire Konditionen anbieten – einen echten Preis, neben der Aufnahme in die Anthologie oder einen Anteil am Verkaufspreis. Davon wird niemand reich, klar. Beispiel: Ich habe gerade einen Vertrag für eine Anthologie unterschrieben. Der Autorenanteil beträgt 10% vom Verkaufspreis, geteilt durch ca. 20 Autorinnen und Autoren. Das ist für jede(n) von uns natürlich nicht die Welt, 0,5% eben. Aber der Verlag zahlt damit den üblichen Autorenanteil (der zwischen 5 und 10 Prozent liegt), und wir haben eben auch alle nur je 1/20 Buch geschrieben. 😉 Was uns in Deutschland leider völlig fehlt, sind die Genremagazine, die für Kurzgeschichten zahlen, und die im angelsächsischen Raum zum Beispiel immer noch zu finden sind, auch und gerade online.

      Aber es lohnt sich, nach guten Ausschreibungen zu suchen, auch wenn es mühsam und oft ärgerlich ist. Der Blogger Marcus Johanus, den ich sowieso immer wieder gerne empfehle, hatte zum Thema Kurzgeschichten und zu einem Wettbewerb gestern einen sehr interessanten Beitrag im Blog:

      http://marcusjohanus.wordpress.com/2013/05/18/kurzgeschichtenwettbewerbe-fur-romanautoren/

  9. Adela Krippner schreibt:

    Eine wundervolle Beschreibung der Lage! Dieses Thema kennen auch wir Astrologen. Alles, was man nicht wiegen, messen, anfassen oder essen kann, ist nichts wert. So die Allgemeinlage.
    Als Astrologin arbeite ich ausschließlich geistig, man kann bei mir kein konkretes Produkt erwerben, von dem der Otto Normalverbraucher einen unmittelbaren Nutzen hätte. Der Sprung von der materiellen in die geistige Welt fällt den Leuten immer noch sehr schwer.

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