Die 10 beliebtesten Blogbeiträge – Platz 2: Selbstachtung, bitte!

Im Nachgang zu meinem Artikel über völlig selbstverständliche Ausbeutungskultur und die Nichtachtung künstlerischer Arbeit schrieb ich am 18. Mai 2013 diesen Beitrag über Druckkostenzuschussverlage – und darüber, dass ich E-Books für eine bessere und seriösere Alternative halte. Der Text beschäftigt sich, das ist wichtig, mit belletristischen Texten, im wissenschaftlichen Bereich ist die Publikation im Selbstverlag üblich und anerkannt. Der Artikel wurde zum bisher zweitbeliebtesten Artikel in meinem Blog:

Selbstachtung, bitte!

Eigentlich sollte dies eine Antwort auf den Kommentar von 11 zu meinem Blogbeitrag von gestern werden – aber ich schweife beim Antworten doch so sehr ab, dass ich daraus einen eigenen Beitrag mache. 11 schrieb unter anderem:

„(…) Solange Autoren unbezahlte Gigs annehmen und bei Druckkostenzuschusslern ihre Büchlein rausbringen, wird sich auf Verwerterseite nichts ändern. Über das Thema habe ich mich auch vor einer Weile mal entsprechend ausgelassen: http://zaubertinte11.wordpress.com/2011/07/29/vom-wesen-der-wertschatzung/ (…)“

Ich bin vom Gefühl her etwas milder gegenüber den Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die sich in ihrer Verzweiflung an Druckkostenzuschussverlage wenden. Ich habe selbst zehn Jahre lang Absagen gesammelt, das nagt an der Substanz. Allerdings habe ich das Angebot eines Druckkostenzuschussverlages abgelehnt, weil ich eben meinen Anspruch und diesen Stolz hatte. Aber die Versuchung war da – einfach weil die so nett über mein Buch gesprochen haben, diese Schlangen (ich hatte es ihnen geschickt, weil ich nicht wusste, dass es ein Zuschussverlag war, die hatten einen ganz guten Namen, damals). Gottlob hatte mir kurz vorher die Lektorin eines sehr renommierten und seriösen Verlages eine begeisterte Ablehnung geschickt (sie hat mich in der Programmbesprechung nicht durchsetzen können), so wusste ich, dass ich auch bei echten Verlagen eine Chance habe. 🙂

Allen, die dies lesen und über einen Druckkostenzuschussverlag nachdenken:

LASST ES!!!!

Ihr betrügt Euch selbst und ihr werdet Euch wundern und enttäuscht sein, wie wütend andere Schriftsteller auf Euch sind. Die Ablehnung ist massiv und hat nichts mit Dünkel zu tun. Viele Print-Selfpublisher empfinden das so, man muss sich nur in den entsprechenden Foren umschauen. Sie glauben wir „Etablierten“ (Ihr würdet Euch wundern, wie wenig etabliert man sich als „Etablierter“ fühlen kann 😉 ) hielten uns für die besseren Autoren, sprächen den Selfpublishern ihr Talent und ihr Engagement ab – das ist nicht so, jedenfalls nicht, sofern es mich betrifft (und einige sehr viel etabliertere und berühmtere Kollegen, die ich kenne). Ich weiß sehr gut, dass auch eine große Portion Glück dazu gehört, zum richtigen Zeitpunkt beim richtigen Vermarkter (denn das ist ein Verlag oder Agent) den Fuß in die Tür zu bekommen. Nein, die Verachtung, die den Zuschusszahlern (Wieso eigentlich „Zuschuss“? Nennen wir es beim Namen – die Leute publizieren ihre Bücher auf eigene Kosten. Das englische Wort „Selfpublisher“ ist ehrlicher!) teilweise so verletzend entgegen schlägt rührt daher, dass sie signalisieren:

„Die Arbeit eines Schriftstellers ist so wertlos, dass er nicht erwarten kann, dass jemand ihn dafür bezahlt. Er muss selbst dafür zahlen, dass er gelesen wird.“

Und das empfinden WIR als Verachtung, und jemand, der diese Maxime lebt, ist im Geschäftsleben unser natürlicher Feind, egal, wie gut und talentiert er schreibt.

Eine gute Alternative für alle, die nicht auf Verlage warten wollen oder prinzipiell ohne Verlag arbeiten möchten bietet sich durch das Self-Publishing von E-Books. Die Meinung der verlagsgebundenen Schriftsteller  über diese Selbstverleger ist geteilt. Ich kann daran prinzipiell nichts Schlechtes finden, nicht nur, weil ich diesen Weg (vor allem aus Neugier) selbst einmal gegangen bin, als ich schon „etabliert“ war (i.e. ein Buch bei einem Verlag hatte). Im Gegensatz zu einem Selfpublisher im Printbereich setzt der Selfpublisher von E-Books kaum eigenes Geld ein, und er lässt sich seine Bücher bezahlen. Also genau wie zum Beispiel ich. Gut – er opfert eigene Zeit und investiert, aber das tun alle, die bei Verlagen sind, auch, wenn sie zum Beispiel ein Buch ohne Vorvertrag schreiben. Wenn der/die E-Book Selfpublisher(in) einen professionellen Anspruch hat, dann beschäftigt er/sie vielleicht eine(n) freie(n) Lektor(in), und freie Lektoren wollen natürlich auch bezahlt werden. Aber auch dies ist eine Investition, die man sich dann über die Preiskalkulation des E-Books wieder hereinholt. Der große Unterschied zu Print-Selfpublishern ist, dass die E-Book-Selfpublisher nicht einem Dienstleister Hunderte und Tausende Euro in den Rachen werfen, damit dieser gnädig ihr Buch verlegt. Sie investieren in die Qualität ihrer Arbeit, sie geben dem Vermarkter einen fairen Anteil jedes verkauften Buches – das ist, meiner Ansicht nach, alles seriös, nur eben ein anderer Vermarktungsweg als meiner. Das hängt aber vor allem damit zusammen dass ich, PR-Mann hin oder her, ein ganz schlechter Vertriebler bin, und sehr dankbar dafür, dass jemand (mein Verlag) mir diese ganze Nummer abnimmt und auch noch das Lektorat für mich zahlt.

Und seit Ende letzten Jahres ist es zunehmend so, dass die Leser von E-Books auf Qualität achten, nicht nur, was die Geschichte, sondern auch was Stil, Grammatik und Ortographie angeht. Das kann den guten E-Book-Autoren nur recht sein. Natürlich gibt es auch die, die einfach nicht gut schreiben können und/oder keine guten Geschichten haben und jetzt schon wieder schimpfen, weil die dummen/bösen Leser/E-Book-Vermarkter/anderen Schriftsteller sie nicht reich machen. Und manche verlagsgebundene Schriftsteller sehen den Erfolg dieses Vanillebondagebuches als Beweis für die Unseriösität dieses Marktes. Na ja, seien wir ehrlich – Mist zu Hauf gibt es auch auf Papier.

Ich habe nur eine Bitte an die E-Book Selfpublisher:

Verschenkt Eure Bücher nicht!* Beteiligt Euch nicht an 0-Euro Marketingaktionen. Bietet keine ganzen Romane für 99 cent an (einzelne Kurzgeschichten und Novellen sind etwas anderes). Konterkariert nicht Eure Arbeit und die Grundlage des ganzen Standes, dem auch Ihr angehört, in dem Ihr signalisiert: „Eigentlich ist es ja doch nichts wert.“ Gebt denen, die Eure Bücher cracken und reich werden, indem sie Eure Arbeit kostenlos verteilen, keine Argumente. Indem Ihr Eure Preise fair und ohne Selbstausbeutung kalkuliert und Eure Investitionen wieder reinholt, werdet Ihr immer noch preiswerter sein als wir, die wir Print verlegen, und dagegen ist nichts einzuwenden – Ihr habt eben eine Station weniger in der Wertschöpfungskette, dafür müssen wir uns weniger um Marketing und Vertrieb kümmern, weil das unsere Verlage machen.

Ich hänge an meinen Printbüchern, für mich ist uns bleibt der Weg über den Verlag mein Königsweg. Aber heute sind meist beide Modelle seriös. Und beide verlangen Selbstachtung.

*Also – nicht massenhaft. Presse, Familie, Recherchehelfer etc. sind etwas anderes. 😉

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Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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