Die 10 beliebtesten Blogbeiträge – Platz 1: Es ist kein verdammtes HOBBY!

Am 17. Mai 2013 platzte mir der Kragen. Ich hatte genug von Lesungsveranstaltern, die keine Gage zahlen wollen, Anthologieausschreibern, die zwar mit ihren Geschichtensammlungen Geld verdienen, den Geschichtenschreibern aber keins zahlen möchten und Kollegen, die „Profitum“ danach beurteilen, ob man nur mit Geschichten sein Geld verdient oder zusätzlich auch mit etwas anderem. Der folgende (kontrollierte) Wutausbruch wurde oft gelesen und reblogt und damit mein beliebtester Blogbeitrag bisher:

Es ist kein verdammtes HOBBY!

Fall 1:

„Guten Tag, was sind Sie denn von Beruf?“

„Ich bin Landschaftsgärtner.“

„Oh das trifft sich gut. Ich möchte Sie einladen, in unserem Park einen Teich anzulegen. Eine Bezahlung gibt es natürlich nicht, und Sie würden sich verpflichten, 100 Eintrittskarten für den Park abzunehmen – selbstverständlich zum Vorzugspreis für Mitgestalter. Die dürfen Sie gerne zum handelsüblichen Preis weiterverkaufen, da machen Sie doch einen guten Schnitt. Und Werbung für Sie ist es außerdem. Na, was sagen Sie?

Fall 2:

„Hallo, schön, dass ich Dich treffe, was machst Du denn jetzt so?“

„Ich bin immer noch Möbelschreiner. Außerdem habe ich gemerkt, dass es mir Freude macht, aus dem Holz auch so kleine Figuren zu machen, Spielzeugtiere, Schachspiele. Das ist ein hübsches Zusatzgeschäft, die Leute mögen das. Na ja, und da meine Frau besser verdient als ich, kümmere ich mich auch um die Kinder, wenn sie nach Hause kommen – Sportvereine, kochen, all das.“

„Du bist also gar kein professioneller Möbelschreiner?“

„Öhm… doch.“

„Aber das mit den Figuren, das ist ein Hobby.“

„Nein, das mache ich schon professionell, ich verkaufe die über Spielwarengeschäfte… das macht zwar Spaß, aber Hobby ist anders.“

„Aber zwei Berufe und dann auch noch Teilzeithausmann – Du musst Dich doch entscheiden!“

„Warum?“

„Weil wir in Deutschland leben!“

Fall 3

„Hallo, sind Sie nicht XYZ, der Konzertpianist?“

„Ja, bin ich.“

„Ich finde Ihr Spiel ganz großartig.“

„Danke, freut mich sehr, wenn es Ihnen gefällt.“

„Da wir uns hier gerade treffen – ich bin Vorsitzender des Vereins „Die wilden Kulturbeutel“, wir veranstalten Konzerte in unserer Stadthalle. Wir würden Sie gerne für ein Klavierkonzert in der kommenden Saison buchen. Ich bin allerdings nicht sicher, ob wir etwas bezahlen können. Wenn der ABCKonzern uns wieder sponsort, dann sicher. Sonst nicht. Und die Anfahrt können wir auch nicht übernehmen, das müssen Sie verstehen, das machen wir nie. Aber andererseits – es hören ja immer weniger Menschen klassische Musik, und wäre das nicht eine tolle Werbung… hallo? Hallo, bleiben Sie doch hier, warten Sie doch…“

WTF???

Als Schriftsteller muss ich mich immer wieder damit auseinandersetzen, dass am Ende einer interessanten Anthologieausschreibung steht, dass die Leute, die von mir eine Kurzgeschichte wollen, um die in ein Buch zu packen, das sie dann verkaufen möchten, verlangen, dass ich eine festgeschriebene Anzahl von Exemplaren des Buches KAUFE, wenn ich in die Anthologie komme. Die wollen also nicht mich dafür bezahlen, dass sie Geld mit meiner Arbeit machen dürfen, sondern verlangen noch, dass ich die Früchte meines eigenen Schaffens von ihnen kaufe. Hm… nein, will ich nicht. Da drucke ich mir die Geschichte lieber gleich hier zu Hause aus und werfe mir dafür ein paar Euro in die Urlaubsspardose. Das ist zwar blödsinnig und Papierverschwendung, aber immerhin habe ich so noch etwas davon. Und wenn ich das dann in meinen Blog schreibe, ist das ja auch eine tolle Werbung. Irgendwie.

Fall 3 entspricht natürlich der allseits beliebten, unbezahlten Lesung. Ist doch tolle Werb… NEIN!!! IST ES, VERDAMMT NOCHMAL, NICHT! Ich signalisiere damit nur, dass ich meine eigene Arbeit (als Autor und als Vortragender) so gering schätze, dass ich sie verschenke. Ich schätze meine Arbeit aber nicht gering, und ich packe verdammt viel Zeit darein, also will ich Geld sehen. Wer das Geld an sich abschaffen will, hat mich auf seiner Seite. Aber so lange das noch nicht durchgesetzt ist, schreibe ich Rechnungen bzw. Quittungen.

Es gibt Ausnahmen. Es gibt gute Zwecke, für die ich honorarfrei lese oder schreibe (und was ein guter Zweck ist bestimme in diesem Falle ICH, nicht der Veranstalter, nicht ein Leser, nicht ein Kollege). Es gibt sehr reizvolle Preise, um die ich mich auch bewerbe, wenn noch nicht klar ist, ob aus der Ausschreibung eine Anthologie hervorgeht und wenn ja, zu welchen Bedingungen. Es gibt kostenlose Küchentischlesungen vor Partys bei mir zu Hause oder im Kreis befreundeter Autorinnen und Autoren. Aber das sind eben – Ausnahmen.

Und damit kommen wir zu Fall 2, der besonders prickelnd ist. Einerseits gibt es Autorinnen und Autoren, die das Glück haben, ausschließlich für ihre und/oder von ihrer Kunst leben zu können. Die haben vielleicht ein paar Bücher mehr auf dem Markt als ich, oder ein paar Bestseller gelandet, ein paar Filmrechte vertickt, sonstwie mehr Geld mit der Schriftstellerei verdient als ich. Ich gönne es ihnen sehr. ABER – ein paar (wenige aber laute) dieser Kolleginnen und Kollegen sprechen denen, die (noch) nicht so viel Glück hatten wie sie oder einfach nur noch nicht so lange im Geschäft sind, das Profitum ab. Und dagegen wehre ich mich dann ganz gerne. Nur weil ich nebenbei noch einen weiteren Beruf habe („Brotberuf“ nenne ich den nicht, was ich dann die Schriftstellerei? „Wasserjob“?), und die Kinder betreue bin ich nicht weniger professioneller Schriftsteller. Es kommt ja auch niemand auf die Idee, mich Hobby-PR-Berater zu nennen, nur weil viele Kollegen, die nicht nebenbei auch Profi-Schriftsteller sind, deutlich mehr Geld verdienen als ich.

Andererseits – und da schließt sich der Kreis – schreiben viele Menschen hobbymäßig. So wie auch viele Menschen als Hobby im Garten arbeiten. Es ist eine Frage des Anspruchs: Wer seine Geschichten schreibt, weil er oder sie eben gerne schreibt und ansonsten gar keine großen Ambitionen auf eine Leserschaft außerhalb des eigenen Familien- und Freundeskreises hat, der ist ein(e) Hobbyschriftsteller(in). Das sagt nichts über das Können, im Gegenteil. Ich bin sicher, so manches schriftstellerische Großtalent ist uns nie bekannt geworden, weil das betreffende Genie darauf gar keinen Wert legte – und seine Genialität daher auch nicht den Widrigkeiten der Verlagssuche und dem Schliff durch Lektoren unterwarf. Mein Anspruch ist aber (und war immer) ein anderer. Ich WILL Leserinnen und Leser, ich will meine Geschichten unter die Menschen bringen. Dafür arbeite ich (HART! Diszipliniert schreiben ist schwer. Plotten macht wenig Spaß, Lektoratsmails abzuarbeiten gar keinen, um nur diese zu nennen), dafür bilde ich mich fort, dafür bin ich meinen Geschäftspartnern ein professioneller Widerpart.

Wir leben in einer Gesellschaft, die geistige Arbeit gerne geringschätzt, wenn an ihrem Ende nicht irgend ein Plan steht, nach dem man etwas bauen kann, Maschinen, Häuser, was weiß ich. Lehrer? Haben immer nur auf Schulen herum gehangen, wissen nichts von der Welt. Politiker? Die reden doch nur und füllen sich die eigene Tasche. Uniprofessorinnen, womöglich noch in Philosophie, Sozialwissenschaftlen oder Theologie? Braucht kein Mensch. Musiker, Bildhauer, Maler, Schriftsteller? KÜNSTLER??? Sollen ihr Hobby Hobby sein lassen und sich einen richtigen Job suchen. In dieser Geisteshaltung hat es eine parasitäre Freeloader- und Piratengesinnung, die uns das Recht und Eigentum an unserer Arbeit absprechen will, sehr leicht. Aber es ist genau andersherum. Wir waren schon da, als die ersten Menschen sich organisierten, sich gegenseitig ihre Kenntnisse weitergaben, ihren Geschichten Formen gaben. Keine Gesellschaft konnte je auf uns verzichten, keine wird es je können. Und wer glaubt, das könne jeder, der soll erst mal beweisen, dass er das Zeug dazu hat, so zu schreiben und zu erzählen, zu malen und zu fotografieren wie wir. Da wird es dann oft ganz schnell eng.

Dieses Selbstbewusstsein sollten wir leben und verteidigen – und dazu gehört auch, dass wir Geschichtenerzähler von den Jägern und Sammlern Essen für unsere Geschichten verlangen. Nur so sind wir ernst zu nehmen! Ach ja: Und wenn einer von uns außerdem ein passabler Jäger ist und sich deshalb nicht ganz so viele Geschichten ausdenkt wie die anderen – ist er trotzdem ein Geschichtenerzähler. 😉

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Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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