schreckenbergschreibt: Meine Figuren und ich

19 Tage ist der August schon alt und ich habe noch nicht einen Blogbeitrag geschrieben. So geht das nicht. So wird man niemals reich und berühmt durch Blogging. Aber ich sagte ja von Beginn an: Dies wird ein sehr unregelmäßiger Blog.

Doch langsam regte sich mein Mitteilungsdrang, und ich wollte Euch eigentlich den längst fälligen Beitrag über ein Thema liefern, das mir sehr wichtig ist: Schreiben und Musik. Denn ich höre immer Musik beim Schreiben und denke, dass ich dazu ein paar Gedanken äußern kann, die vielleicht lesenswert sind. Ich habe gestern schon ganz eifrig und methodisch eine Tabelle erstellt, in der ich Punkte vergab: Erwähnung in einer Danksagung in einem veröffentlichten Roman = 3 Punkte, Textzitat in einem veröffentlichten Roman = 1 Punkt, zur Danksagung in einem noch unveröffentlichten Manuskript vorgesehen = 2 Punkte. So kam die stattliche Anzahl von 44 Künstlern/Bands zusammen, mit drei ganz deutlichen Spitzenreitern, über die sich regelmäßige Leserinnen und Leser meiner Werke sicher nicht wundern werden (Na? Was glaubt Ihr? 😉 ). Ich wollte Euch erzählen, welchen Einfluss etablierte Musiker wie Nick Cave oder Sting auf mich haben und Euch ein paar verborgene aber höchst inspirierende Perlen wie etwa Mad Jack and the Hatters oder Kosima and the Blue Cable vorstellen. ABER: Das muss noch warten.

DENN: Es ist verdammt heiß, da draußen. Bäh. Ich sitze an meinem Schreibtisch in einem verrammelten, verdunkelten und darob ziemlich erträglichen Zimmer, aber dennoch – es ist nicht schön. Und während ich über diese missliche Tatsache nachgrübelte, fiel mir auf, dass ausnahmslos ALLE Protagonisten meiner Romane diese meine Abneigung gegen Sommerhitze teilen. Einzige Ausnahme sind vielleicht die Figuren im „Ruf„, aber die haben eine Gartenparty, auf die sie sich freuen können und einen See zum Abkühlen in der Nähe. Aber sonst… Beispiele gefällig? Gerne:

Aus „Der Finder„:

…dann lag ich einfach schlaff und bewegungslos da, starrte an die Decke und genoss die fast vollständige Abwesenheit von Licht. Ruhe. Kühle. Dunkelheit. Gut. Draußen raste ein brüllend heller Tag im heißesten Frühsommer seit Jahren dem Mittag entgegen.

Aus „Der Wandernde Krieg: Sergej“:

Ich bin kein großer Freund des Tageslichts, Erin. Schon gar nicht im Sommer.

Und in „Die Träumer“ motzt Bastian nur deswegen nicht über den Sommer, weil das Buch im Spätsommer beginnt und im Herbst endet. Der wird auch noch jammern, keine Sorge, die Fortsetzung spielt hauptsächlich im Sommer. 😀 Und in meinen Büchern sind die Sommer meistens heiß, keine Ahnung, warum.

Warum schreibe ich das? Weil ich das nicht geplant habe, es hat sich ohne mein Zutun ergeben. Und es entspricht genau meiner Einstellung zum Sommer, zumindest tagsüber (Sommernächte mag ich sehr – ebenso wie meine Protagonisten). „Klar“, wird mancher nun denken, „sind ja auch Deine Figuren. Du hast sie Dir ausgedacht, also denken sie so wie Du.“ Aber das ist gleich in mehreren Hinsichten falsch. Zum einen ist es einfach ein Irrtum, den Autor mit seinen Hauptfiguren zu verwechseln. Ich kann nicht reiten, wie Daniel aus dem „Finder„, und merke Dinge hoffentlich etwas schneller als er. Ich bin kein Recherchegenie, wie Bastian aus den „Träumern„, habe dafür aber auch weniger moralische Probleme mit unserem gemeinsamen Beruf. Ich bin nicht so cool wie Stephan aus dem „Ruf„. Und was Sergej betrifft… nun, ich bin nicht ganz sicher, was Sergej betrifft, aber er denkt und tut Dinge, bei denen ich mir ganz sicher nicht einig mit ihm bin. Ihr werdet das merken, und Ihr werdet verstehen, warum ich Schwierigkeiten habe, ihn einzuordnen. 😉 ALLE meine Figuren haben etwas von mir, selbstverständlich. Aber ich bin KEINE davon. Und was den Sommer betrifft – es geht auch anders. Noch ein Auszug aus dem kommenden Roman „Der Wandernde Krieg: Sergej“ – Sergej, die namensgebende Hauptfigur, zeigt seiner neuen Freundin bei ihrem ersten Besuch sein Haus:

Die Führung war kurz. Küche und Bad waren schnell gezeigt, und in den beiden oberen Räumen gab es nichts zu sehen, außer einem Lagerregal, das ich in einem Baumarkt gekauft hatte um meine wenigen Habseligkeiten vorerst unterzubringen. Dafür gefiel ihr die wild wuchernde Wiese hinter dem Haus, mit der ich den Rundgang beendete. Sie ließ sich auf den Rücken fallen, breitete die Arme aus und kniff die Augen zusammen.

Das ist toll. Du hast eine eigene Wiese.“

Ich sah sie von oben belustigt an. Erin, das ist ein Haufen Unkraut. Und außerdem ist es hell und heiß. Lass uns reingehen.“

Mit einer völlig unvermuteten, schnellen Bewegung hebelte sie mir das linke Bein weg. Obwohl ich im letzten Moment merkte, was sie vorhatte, fiel ich. Sie war über mir, schnell wie ein Schatten.

Verdammter, lichtscheuer Mann. Du wirst jetzt eine Weile mit mir auf dieser wunderschönen Sommerwiese bleiben, ist das klar?“ Ihre Augen blitzten fröhlich. Ich roch, wie sich ihr Duft mit dem der Wiese vermischte, fühlte ihren Körper unter dem dünnen Kleid und ergab mich. Zuletzt hatte ich meine Einstellung zu Helligkeit, Hitze und dem Unkraut hinter dem Haus zumindest in einigen Punkten revidiert.

Es GIBT Argumente für den Sommer. 😉 Aber viele sind es nicht.

Aber wie werden meine Figuren so? Ich setze mich nicht hin und plane sie, es gibt keine Tabelle, in der unter dem Stichwort „Sommerhitze“ bei Sergej steht „hasst sie“ und bei Erin „hat kein Problem damit“. Ich weiß, dass es Kollegen gibt, die regelrechte Interviews mit ihren Figuren führen, bevor sie sie auf die Manuskriptseiten loslassen. Ich bewundere diese methodische Arbeit und habe mir ein entsprechendes Formular gemacht, aber ich benutze es nur für meine Drehbücher, denn Drehbücher sind generell sehr viel geplanter und formelhafter als Romane, selbst als Kriminalromane. Und ich HABE Personalakten über meine Romanfiguren – aber ich lege sie an, wenn ich die Figuren kennen gelernt habe.

Das hört sich vielleicht etwas seltsam an, aber es ist wirklich so: Ich lerne meine Figuren kennen. Ich weiß Anfangs nicht einmal, wie sie aussehen, und bei den Protagonisten bleibt das immer vage. Meine Figuren kommen zu mir, und wie ich es an anderer Stelle schon mit Bezug auf die Ideen zu den Geschichten selbst geschrieben habe: Woher sie genau kommen, weiß ich nicht.

Selbstverständlich forme ich sie. Die ganze Geschichte ist ein Formungsprozess, aber ich rüste sie natürlich auch ganz gezielt mit Eigenschaften aus. Daniel kann eben reiten und ist gerne für sich, weil ich so jemanden für die Geschichte brauchte. Bastian ist vor allem deshalb so ein Rechercheass, weil ich einen Ermittler brauchte, der gut ermitteln kann ohne Polizist oder Detektiv zu sein. Stephan ist so charmant und entspannt, weil er mürrisch und verklemmt keine Schnitte bei Kat gehabt hätte, und ich brauche die Beziehung der beiden. Das betrifft auch bestimmte äußere Eigenschaften meiner Figuren. Ihr werdet Erin, die wichtigste weibliche Nebenfigur im kommenden Roman, als eine Meisterin der Selbstverteidigung kennen lernen. Es gab sogar Testleser (nur Männer, interessanterweise), die sich über „die Superfrau“ beschwert haben. Aber da kann ich aus meiner eigenen Erfahrung als Kampfsportler und Selbstverteidigungslehrer sagen: Die ist realistisch. Ich kenne solche Frauen. Und für den Roman brauchte ich jemanden, der sich zu wehren und anderen zu helfen weiß – deshalb kann Erin das, was sie kann. Warum sie aber eher klein ist, blauäugig und kurze blonde Haare hat? Warum sie Amerikanerin ist? Keine Ahnung. Sie war eben so, als ich sie kennen lernte. 😀

Meine Figuren kommen also zu mir, manchmal, wenn ich sie brauche, manchmal einfach so. Und dann forme ich sie aus, meist, indem ich schreibe, überarbeite, schreibe, überarbeite etc. Was ich ausdrücklich NICHT tue ist, mir einen echten Menschen als Vorbild zu nehmen und ihn dann in meine Geschichten einzubauen. Da würde erstens nicht funktionieren, denn, wie schon oft gesagt: Die Geschichte regiert! Da passen keine echten Menschen rein, echte Menschen kann man nicht verbiegen. Außerdem wäre alleine der Versuch anmaßend – schließlich kenne ich keinen echten Menschen so gut, dass ich seine innersten Gefühle und Motive kennen würde oder seine Handlungen vorhersagen könnte. Genau das muss ich aber für eine und in einer Geschichte tun. Was manchmal vorkommt ist, dass eine oder mehrere Charakteristika eines echten Menschen in eine Figur einfließen. Das beste Beispiel dafür ist Lara aus dem „Finder“ die viele Eigenschaften mit einem Mädchen teilt, das ich mal kannte. Witzigerweise habe ich das erst gemerkt, nachdem ich sie geschrieben hatte, denn äußerlich ähneln sich die beiden kaum. Aber auch Lara hat mit ihrer Inspiration am Ende wenig zu tun und das nicht nur, weil die beiden selbstverständlich einen sehr unterschiedlichen Lebensweg gegangen sind. Sie existieren in unterschiedlichen Universen. Und im Gegensatz zu ihrem Vorbild ist Lara ein Herbstmensch, der die Sommerhitze nicht mag. Wie ich. 😉

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Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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