schreckenbergschreibt: Das Böse Wort

Es gibt Fragen, auf die gibt es keine richtige Antwort. Sie lösen die so genannte Todesspirale aus. Beispiele gefällig?

„Fällt Dir was an mir auf?“

„Warum guckst Du meine Freundin an?“

Oder auch, für Schriftsteller:

„Schreibst Du Regio?“

Ja, pfft…

Es gibt immerhin eine korrekte Antwort (und nur eine!) auf diese Frage, und die lautet:

„Definiere Regio.“

Nur – das kann man schlecht sagen, wenn man nicht als Klugscheißer und arroganter Möchtegernstar rüberkommen möchte. Aber es ist die einzige Rettung, denn was weiß ich denn, was mein Gegenüber mit „Regio“ verbindet? Sind das gute Geschichten, die Lesern, die zufällig in der Region wohnen in der sie spielen, noch einen zusätzlichen Wiedererkennungsspaß bieten? Oder sind das lieblos runtererzählte Rahmenhandlungen, deren einziger Zweck es ist, möglichst viele Straßennamen, Hausnummern und Kneipen zu erwähnen? Und wie steht der Fragende dazu? Ist er ein Regiohasser, der keiner Geschichte eine Chance gibt, die sich um ein wenig authentisches Lokalkolorit bemüht? Gehört er zu den Leuten, die grundsätzlich nur Bücher gut finden, die man nachher ablaufen kann, um herauszufinden, ob die vom Autor erwähnte Buche in der XY-Straße in Wirklichkeit auch ja keine Eiche ist? Liegt die Wahrheit dazwischen? Und vor allem – und da schließt sich der Kreis – WAS MEINT ER MIT „REGIO“?

Regio ist das böse Wort! Es dient selbst in Kollegenkreisen zuweilen dazu, Kollegen abzuqualifizieren („Der schreibt so Regiokrimis.“). Und manchmal stimmt es ja wirklich. Es gibt Bücher, die haben nichts, keine Figuren, keine Dramaturgie, keine Logik, nur eins: Lokalkolorit satt!

Andererseits habe ich auch schon Bücher gelesen, die beispielsweise in London spielten und obwohl ich London im Grunde wirklich nur als Tourist kenne (und heute gar nicht mehr, denn ich war schon EWIG nicht mehr da, aber das ist eine ganz andere Klage… ), habe ich sofort gemerkt: Da stimmt nix! Warum musste der/die (deutsche!) Autor/in die Geschichte nur ausgerechnet dort spielen lassen?

Regio scheint mir eine ganz und gar deutsche Krankheit zu sein. Vielleicht irre ich mich, aber hat jemals jemand Henning Mankell gefragt, warum er „Ystad-Regio“ schreibt? Hat irgendwer je gelesen oder gehört, dass man Stephen Kings Werke als „Maine-Regio“ bezeichnet hätte? Meines Wissens nicht. Dennoch bin ich sicher, dass die Touristenbüros von Ystad und Bangor irgendwo eine kleine Statue ihre regionalen  Bestesellerautors aufbewahren, die täglich geputzt und verehrt wird. 😀 Ich selbst bin sicher – WENN es mich eines Tages mal in die US of A verschlägt, dann werde ich SICHER einige Orte in Maine besuchen. Und warum? Genau! Es funktioniert also auch ohne Etikett.

Und bevor mir jemand Heuchelei vorwerfen kann: Ich bezeichne mich selbstverständlich (und gerade in meiner Regio-n) selbst als Leverkusener bzw. Bergischer Autor. Und jeder Leverkusener, Kölner, Wuppertaler etc. der zu meinen Büchern greift weil sie – ganz  oder teilweise – in seiner Heimat spielen, ist mir mehr als herzlich willkommen. Ich hoffe nur, es bleibt nicht dabei. Wenn mir jemand sagte „Also, die Träumer fand ich eigentlich doof, habe es aber trotzdem gerne gelesen, immerhin wohnt Bastian (der Held des Buches) ja in Opladen.“, dann empfände ich das nicht als Kompliment. Umgekehrt freuen mich Statements der Art „Den Finder fand ich klasse, obwohl mir das Bergische Land völlig egal ist und ich im Leben nie nach Wuppertal will.“

Denn ich schreibe Geschichten, keine Touristenführer. Natürlich mache ich meine Recherche. Ich bin für den Finder mit der Kamera durch Wuppertal gezogen, habe für den Ruf  laaaange Recherchefahrten durchs Oberbergische gemacht, mit Kamera und Diktiergerät, bin für die Träumer durch den japanischen Garten geschritten um alles zu überprüfen, etc., etc., etc. Und ich hoffe, das gibt meinen Geschichten Leben, denn eine echte Umgebung ist besser, glaubwürdiger und stimmiger als jede ausgedachte. Und ich fände es lustig, zum Beispiel mal eine Finder-Schnitzeljagd mit authentischen Schauplätzen zur organisieren. ABER: Wenn ich an einer bestimmten Stelle einen Baum brauche und da ist keiner, dann schreibe ich ihn mir da hin! Und wenn ich eine ganze Stadt brauche, die es nicht gibt, dann mache ich das auch. Priorität hat immer, immer, immer: Die Geschichte!

Schreibe ich also Regio? Hm… Definiere Regio! 😀

Ich bin ein Schriftsteller aus Leverkusen. Ich kenne mich in vielen Gegenden in NRW gut aus, ebenso in einer bestimmten Region der Niederlande und, mit Abstrichen, in Hamburg und ein paar anderen Ecken Europas. Meine Geschichten spielen – von einigen wenigen Kurzgeschichten abgesehen – im Schwerpunkt alle dort, wo ich mich auskenne, insbesondere in Leverkusen, Köln und dem Bergischen Land. Wenn mich das zum Regio-Autor macht, dann bin ich einer. Und gerne!

Aber wenn Ihr mir einen Gefallen tun wollt… dann vermeidet die verdammte Frage. 😉

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Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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3 Antworten zu schreckenbergschreibt: Das Böse Wort

  1. Stefan Andres schreibt:

    Hallo! Ein schönes Plädoyer wider das stereotype Einordnen literarischer Qualität in Schubladen. Aber ist es nicht so, dass es dem jeweiligen Verlag ganz und gar nicht gleich ist, ob auf dem Buchumschlag ein regionaler Bezug erkennbar ist? Der Begriff „Köln-Krimi“ ist doch, soweit ich weiß, zum Beispiel rechtlich geschützt. Sollte die Diskussion, ob man nun ein „Regio-Autor“ ist oder eher nicht, also nicht ehrlicherweise mit dem eigenen Verlag geführt werden?

  2. Mountfright schreibt:

    Für die Verlage stellt sich natürlich die Frage nach der Henne und dem Ei. Gerade für kleine Verlage ist ein regionaler Bezug immer eine gewisse Sicherheit – die Buchhandlungen in der Region werden die Bücher zumindest abnehmen. Alles weitere hängt an den Ambitionen des Verlages – und da hast Du Recht, da sollte man als Autor schon genau hinschauen, bevor man einen Vertrag unterschreibt. Mein Verleger – Daniel Juhr – hat mir bei unserem ersten Treffen den Anspruch seines Verlages im belletristischen Bereich so umschrieben: „Regional verankerte Geschichten die auch für ein überregionales Publikum interessant sind.“ Dementsprechend findet sich der Regionalbezug auf meinen Romanen (die schlicht „Endzeit-Thriller“ und „Kriminalroman“ gelabelt sind) dann auch erst im Klappentext. Das passt mir sehr gut – das Regionale ist nicht im Vordergrund, andererseits will ich ja auch nicht verstecken, dass ich aus Leverkusen komme und das die Geschichten hier spielen.

    Umgekehrt – wenn mir ein Verleger sagen würde: „Schreib mal irgendwas, egal, Hauptsache Leverkusen. Bitte je 30% Opladen und Schlebusch, 40% Wiesdorf, dann passt das schon.“, dann müßte ich mich fragen, was dieser Verlag je dafür tun wird, dass auch Leute in München und Hamburg von diesem Buch erfahren. Hängt natürlich auch vom eigenen Anspruch ab, aber in dem Falle würde ich auf die Zusammenarbeit lieber verzichten. 😉

  3. Pingback: schreckenbergschreibt: Blick in die Schublade Teil 1 – DIE LÖWEN | schreckenbergschreibt

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