schreckenbergschreibt: Meine Stadt – Langenrath

Gestern habe ich den Verlagsvertrag für meinen nächsten Roman unterschrieben. Er wird den Titel „Der Wandernde Krieg: Sergej“ tragen – und Ihr liegt nicht falsch, wenn Ihr vermutet, dass sich noch andere Romane anschließen werden deren Titel mit „Der Wandernde Krieg:“ beginnt. Keine Sorge – ich werde nicht beginnen, eine Reihe zu schreiben. Diese Geschichte war von Beginn an als Trilogie geplant, und Trilogie bedeutet – drei abgeschlossene Romane, jeder für sich lesbar und verständlich. Der erste Teil erscheint, wenn alles klappt, Mitte – Ende September dieses Jahres. Aber das nur am Rande, heute will ich mich nicht mit diesem kommenden Roman beschäftigen, sondern mit der Stadt, in der er zum Teil (und zu einem wichtigen Teil) spielt: Langenrath.

Die Geschichte Langenraths beginnt mit der Geschichte des kommenden Romanes – „Sergej“ wie ich ihn kurz nennen werde oder „Terra Incognita“ (oder kurz: TI), das war lange, sehr lange der Arbeitstitel (von 1998 bis vorgestern, um genau zu sein). Gemäß meinem Grundsatz, dass ich meine Geschichten am liebsten dort spielen lasse, wo ich mich selbst gut auskenne, sollte diese Geschichte vor allem in Leverkusen und einer benachbarten Stadt spielen, in der ich aufgewachsen bin. Es ergab sich nur ein Problem – im Laufe der Geschichte nimmt ein Ortsteil dieser Stadt ganz erheblichen Schaden. Außerdem brauchte ich, ganz in der Nähe dieses Ortsteils, ein bestimmtes Gebäude (das „Gut“, ihr werdet es im Buch bald erkennen). Und in der Nähe des Gutes ein Feld und einen Wald und einen Waldrand mit ganz spezifischen Merkmalen. Und natürlich gab es genau diese Gegebenheiten in der Wirklichkeit nicht. Ich stand also vor der Wahl: ändern oder neu schaffen?

„Ändern“ hätte bedeutet, dass ich die reale Stadt meinen Bedürfnissen anpasse. Das wäre nichts Neues gewesen – im „Finder“ und in „Die Träumer“ habe ich genau das gemacht. Wer aufmerksam durch Leverkusen und Wuppertal (zum Beispiel) geht, wird zwar feststellen, dass ich mich in beiden Romanen sehr oft an die Realität gehalten habe, dass ich mir aber auch einige Freiheiten erlaubt habe: Den Bunker, in dem die Party zu Beginn des „Finders“ statt findet, gibt es zwar – aber man konnte ihn zuletzt vor 20 Jahren für Partys mieten, heute hat er einen anderen Zweck. Wer sich die Mühe macht, in der Gegend, in der ich den Hof von Daniel, Esther und ihren Gefährten ansiedele, nach diesem Hof zu suchen, wird vermutlich den einen oder anderen ähnlichen Hof finden – aber das Vorbild (das es gibt) steht ganz woanders. Auch die Waldkaserne in Hilden gibt es – aber sie sieht in meiner Geschichte von innen eher aus wie die Röttigerkaserne in Hamburg, in der ich meinen Wehrdienst geleistet habe, und die ich auf laaaangen Wachstreifen sehr gut kennengelernt habe. Ähnlich ist es mit den „Träumern“. Wer – vielleicht auf den Spuren von Chloe Lynch – in Opladen zum Beispiel das Haus sucht, in dem Bastian wohnt, wird feststellen, dass er Chloes Weg vom Bahnhof aus genau nachvollziehen kann, inklusive des Cafés in dem sie sitzt und beobachtet, des Friseurs und der Bank, deren Aushang sie liest. Das Haus selbst aber wird er nicht finden. Da ist wohl ein Haus, und es ähnelt auch dem in meiner Beschreibung – aber für meinen Protagonisten musste ich mir eben dann doch einige Spezifika ausdenken, von der Luxuswohnung in der er wohnt bis hin zu der langsam schließenden Haustür, die Chloe nutzt, um sich Zugang zu verschaffen.

Ich gehöre nicht zu den Autoren, die den Anspruch haben, jeden Baum richtig zu benennen und die Zahl er Fenster in jedem Haus, dass ihre Figuren passieren, richtig gezählt zu haben. Ich weiß, dass es diese Autoren gibt und dass viele Leser solche Geschichten sehr gerne haben, gerade wegen des Wiedererkennungseffektes. Aber meine Geschichten funktionieren anders. Ich möchte zwar (schon alleine, weil es das Schreiben erleichtert) nah an den realen Gegebenheiten bleiben und nehme dafür auch gerne viel Recherche auf mich, mache viele Fotos, renne mit Notizblock und Diktiergerät durch die Gegend – ganz alte Schule. Wenn aber die Notwendigkeiten der Geschichte mit der Realität kollidieren, dann regiert die Geschichte und im Leverkusener Chempark erscheint eine komplette Fabrik wo keine ist oder der Keller eines Kasernengebäudes aus Hamburg befindet sich plötzlich in Hilden. Ich schreibe keine Dokus.

Und nun stand ich plötzlich da, mit der Notwendigkeit, einen ganzen Ortsteil und seine Bewohner zu verändern, teilweise zu vernichten und alles in allem nicht besonders gut aussehen zu lassen. Zu diesem Ortsteil brauchte ich das Gut. Und den Wald. Und das Feld. Und dann einen Bauernhof. Und noch ein Wäldchen. Hügel. Einen Gasthof an der Landstraße. Die Landstraße selbst… die Geschichte wuchs und wuchs und mit ihr die Notwendigkeiten, die real existierende Stadt zu verändern, bis mir schließlich klar war, dass es so nicht mehr ging. Immer noch zu behaupten, dies sei die real existierende Stadt, wäre lächerlich gewesen. Also musste ich den größeren Wurf wagen: Ich schaffte mir meine eigene Stadt. Und ihr Name sollte „Langenrath“ sein, das klingt sehr bergisch und den hiesigen Flurnamen ähnlich. Und damit war auch gleich der vermaledeite Ortsteil mitgeboren: „Neurath“.

Ich habe ein Vorbild, was dieses Vorgehen betrifft: Stephen King hat für seine Geschichten die Städte Castle Rock und Derry in Maine geschaffen. Das Vorbild für Derry ist Bangor, Castle Rock hat, soviel ich weiß, kein Vorbild. Langenrath ist eine Verbindung aus beidem: Es hat ein Vorbild (und ich nenne diese Stadt in keiner der Langenrath-Geschichten beim Namen, behaupte aber auch nie, es gäbe sie nicht – der Leser mag denken, was er möchte), ähnelt diesem aber weniger als Derry Bangor ähnelt (laut Stephen King, selbst nachprüfen konnte ich es leider noch nicht).

Mit Castle Rock verbindet Langenrath, dass es bald zu einem Mittelpunkt meines Geschichtenuniversums wurde – zumindest zum Mittelpunkt meiner Mystery- oder Horrorgeschichten. Nach dem ich den Ort für „Terra Incognita“ / „Sergej“ geschaffen hatte, gewann er bald ein Eigenleben. Ein Handlungsstrang in „Der Ruf“ beginnt dort, mehrere Kurzgeschichten spielen hier, selbstverständlich werden alle Teile der Trilogie um den „Wandernden Krieg“ hier Schauplätze haben und auch ein weiterer, bisher nicht abgeschlossener Roman mit dem Arbeitstitel „Königskinder“ ist in Langenrath angesiedelt. Es gibt wiederkehrende Figuren, allen voran die Journalistin Recha Gold von der Lokalzeitung „Langenrather Neueste Nachrichten“.

Die Stadt wächst. Begann sie ihre Existenz in „Sergej“ mit einem Bahnhof, einer Fußgängerzone und eben Neurath, so kamen noch im selben Roman eine Kirche, ein See, die Post und vieles mehr hinzu. Die Kurzgeschichte „Im Block“ steuerte eine genauere Verortung zwischen den (realen) Nachbarstädten und eine Tankstelle bei. Da die Protagonisten in „Königskinder“ Jugendliche sind, gewann Langenrath plötzlich mehrere Schulen, eine Disco und einen Gothic-Club, eine Bar, ein Café, einen Stadtpark und ein Schwimmbad – die Stadt wächst mit den Geschichten, sie ist lebendig. Und es geht mir mit ihr wie mit meinen Geschichten oft, ich weiß noch nicht genau, wohin sie sich entwickeln wird und wie es mit ihr weiter geht. Eins aber ist klar: Sie ist jetzt schon dabei, sich ihre eigene Geschichte zu schaffen, die Figuren in „Königskinder“ nehmen oft Bezug auf die Geschehnisse in „Sergej“, obwohl die Geschichten eigentlich nur lose miteinander zu tun haben. Aber sie spielen eben in der selben Stadt, und die Jugendlichen aus „Königskinder“ sind zur Zeit, in der „Sergej“ spielt, noch Kinder, der Schrecken, der über ihre Stadt kommt, prägt sie mit.

Ich bin gespannt, wie es mit Langenrath weiter geht, ich habe Pläne für die Stadt. Und ich werde Euch auf dem Laufenden halten, wenn es so geht, wie ich hoffe, könnt ihr diese Pläne sogar aktiv mitgestalten. Aber das ist noch Zukunftsmusik. Heute kann ich Euch zumindest schon einmal auf einen kurzen, nächtlichen Besuch in meine Stadt einladen – mit dieser Kurzgeschichte:

Im Block

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Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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