Die Sonntagsfrage als Montagsfrage: Ist das Paradies ein Grund zum Feiern?

Wie gestern schon angekündigt: Aus der Sonntagsfrage ist diesmal eine Montagsfrage geworden. Gestern nämlich galt es einen Familiengeburtstag zu feiern, außerdem war Superbowl. Und da zwei meiner drei Kinder sich mittelbar oder unmittelbar mit American Football beschäftigen, ist die Begeisterung für diesen schönen Sport zur Familiensache geworden – keine Zeit, sich mit Fragen aus Pia Freys Sinnfragen Kombinator zu beschäftigen. Und Zeit braucht die heutige Frage, sie ist, wenn man ein paar Anfangshürden überspringt, eine sehr schöne:

140203Ist das Paradies ein Grund zum Feiern?

Die Anfangshürden sind natürlich damit verbunden, dass „Paradies“ bei uns ein Begriff ist, der vor allem in religiösen Zusammenhängen vorkommt, also mit Glauben verbunden ist, insbesondere mit Glauben an ein(e)(n) Gott. Man kann an Gott glauben (ich tue das), man kann es mit ebenso gutem Recht bleiben lassen, wer Recht hat werden wir in diesem Leben nicht herausfinden, wie ich schon an verschiedenen Stellen in diesem Blog ausgeführt habe (zum Beispiel hier und hier). Aber wenn wir uns darauf einigen, dass wir hier mal als Arbeitshypothese annehmen, dass „Paradies“ kein sinnloser Begriff ist (sonst wäre die Frage ja ebenso sinnlos), kommen wir weiter. 😀

Um herauszufinden, was mit dem Begriff „Paradies“ in unserem Kulturkreis gedacht ist, bietet sich natürlich ein Griff zur Bibel an. Dachte ich. Nachdem ich aber im Verzeichnis meiner Bibelübersetzung nachgeschaut und die entsprechenden Textstellen in Augenschein genommen hatte, stellte ich etwas Erstaunliches fest: Der Begriff „Paradies“ kommt nur in den umfangreichen Anmerkungen und Fußnoten vor, nicht aber in der Schrift selbst. Da meine Kenntnisse in Hebräisch und Altgriechisch nicht existent sind und mein Latein mehr Lücke als Wissen, muss ich mich auf die Übersetzung verlassen – das Wort „Paradies“ steht demnach nicht in der Bibel.

Da meine mangelnden Sprachkenntnisse es mir unmöglich machen, die Begriffsgeschichte kritisch zu prüfen, habe ich zum Gegencheck mal wieder zum Duden gegriffen. Was dort steht deckt sich allerdings insoweit mit den Fußnoten meiner Bibelausgabe, dass ich aus beidem zusammen drei Hauptbedeutungen von „Paradies“ oder auch „paradiesisch“ ableiten kann.

Die erste ist geographisch:
Das Paradies ist demnach ein Ort, und zwar der Garten (in) Eden: „Gott pflanzte einen Garten in Eden im Osten und setzte dahinein den Menschen, den er geschaffen hatte.“ (Genesis 2/8). Interessanterweise suchen immer wieder Menschen – Wissenschaftler und Enthusiasten – nach diesem Ort. Sie benutzen als Anhaltspunkte die (sehr vagen) geographischen Angaben der Bibel und stellen Theorien auf, nach denen der in der Bibel gemeinte Ort zum Beispiel irgendwo im heutigen Irak, in der Osttürkei oder im Kaukasus liegt (fragt mich bitte nicht nach den Quellen – ich habe über die Jahre verschiedene Fernsehdokus zu diesem Thema gesehen, keine Ahnung, wie die hießen). Mir will sich der Sinn einer solchen Forschung nicht erschließen. Sicher – vermutlich ist die Paradiesgeschichte eine Erinnerung an ein vergleichsweise bequemes Steinzeitleben vor dem letzten oder vorletzten großen Klimawandel (siehe unten) und diejenigen, die diese Geschichte zuerst mündlich weitergegeben haben, werden einen ganz bestimmten Ort oder eine Gegend gemeint haben, in der es sich damals gut leben ließ. Aber selbst wenn jemand diesen Ort zweifelsfrei finden würde, was wäre damit gewonnen? Ich vermute mal ganz stark, dass er oder sie dort weder auf Cherubime noch auf verbotene Bäume oder sprechende Schlangen treffen würde. Nur auf ein Tal, dass vor vielen Tausend Jahren einmal sehr fruchtbar und generell angenehm war.
Für die Frage bringt diese Begriffsgrundlage nicht viel. Die Frage, ob der Garten ein Grund zum Feiern ist, ist etwa so sinnvoll wie die, ob Wuppertal ein Grund zum Feiern ist. Und die Antwort kann nur lauten: Für den, der feiern will, kann alles ein Grund sein. Ansonsten eher nicht. 😀

Die zweite Begriffsherleitung ist spirituell:
Demnach ist „Paradies“ ein Zustand, der Duden sagt ein Zustand der Seligkeit, in der Bibel ist eine Existenz in Gemeinschaft mit Gott gemeint (etwa Hosea 2/20 ff). Das ist etwas konkreter als „Seligkeit“ wenn auch nicht viel. Was das bedeutet ist eine Frage des persönlichen Gottesbildes, wobei ich vermute, dass Leute mit einem sehr personalen Gottesbild (alter Mann mit Bart etc.) hier in Erklärungsnot kommen. Kann aber daher kommen, dass mein Gottesbild nicht von einer Person in unserem üblichen Sinn ausgeht. Die für mich beste Annäherung an den Begriff der Gemeinschaft mit Gott habe ich im Zen-Buddhismus gefunden, vielleicht gerade weil der Buddhismus ohne Gott auskommt. Ich meine den Begriff des „Satori“, der gemeinhin mit „Erleuchtung“ übersetzt wird. Das Wort leitet sich aber von dem japanischen Wort für „erkennen“ ab, der japanische Philosoph und Zen-Lehrer Daisetz T. Suzuki spricht vom „Erreichen eines neuen Blickpunktes für die Einsicht in das Wesen der Welt“. Satori „hat“ man, es ist also ebenso ein Augenblick wie ein andauernder Zustand. Und jene, die Satori haben, sprechen davon, dass der Begriff „Erkenntnis“ ungenau sei, da Erkenntnis eine Dualität von Erkennendem und Erkannten impliziert, Satori aber eher Erfahrung von Einheit sei. Auch sei diese Form der „Erkenntnis“ kein Ergebnis logischer Deduktion, sondern eine unmittelbare Erfahrung. Da ich Satori nicht habe, kann ich nicht sagen, ob es das ist, was ich als Gotteserfahrung bezeichnen würde. Außerdem ist es wesentlich für Satori, dass die so Erleuchteten nicht weltfern sondern im Gegenteil, sehr weltzugewandt sind. Aber ich stelle mir die Einheit mit Gott (also den paradiesischen Zustand, die Seligkeit) wie eine Form allumfassenden und ewigen Satoris vor (ich weiß, Raum- und Zeitbegriffe sind in diesem Zusammenhang albern, aber Sprache hat ihre Grenzen 😀 ). Wäre das ein Grund zu feiern? Keine Ahnung – ich weiß ja nicht, wie das ist. Spontan würde ich vermuten: Ja, durchaus.

Die dritte Herleitung ist kulturell:
Hier bietet die Bibel viele Bilder. Wenn der Prophet Jesaja etwa  das „Auftreten des gerechten Königs“ beschreibt, so benutzt er die bekannten Metaphern: „Gerechtigkeit ist der Schurz seiner Lenden und Treue der Gurt seiner Hüften. Dann wohnt der Wolf bei dem Lamm und lagert der Panther bei dem Böcklein. (…) Der Säugling spielt am Schlupfloch der Otter und in die Höhle der Natter streckt das entwöhnte Kind seine Hand.“ (Jesaja 11/5-8). Diese und zahlreiche andere Stellen beschreiben die Ankunft des Messias, des Reiches Gottes etc. Die meisten dieser Beschreibungen sind sich in drei Dingen einig: In der Abwesenheit von Gewalt, garantierter Gerechtigkeit und darin, dass der Mensch in wirklichem Einklang mit der ihn umgebenden Natur lebt – er ist ein Teil von ihr, nicht ihr entgegengestellt. Interessanterweise treffen all diese Bedingungen auch auf den Zustand im Garten (Paradies) Eden zu, vor der Vertreibung. Es ist also ein Zustand, in dem die Menschen schon einmal waren und zu dem sie zurück wollen. Und nicht etwa „nach dem Tod“. Da scheint die spirituelle Beschreibung des paradiesischen Zustandes eher zutreffend – Einheit mit Gott. Nein, dieses Paradies, das wir hatten und scheinbar wieder haben wollen, ist irdisch.

Ich vermute (und mehr als eine Vermutung ist das nicht), dass die Bibel hier die Erinnerung an einen wirklichen Zustand wiedergibt. Es scheint so, dass frühmenschliche Gesellschaften, die ein Leben im Gleichgewicht mit ihrer natürlichen Umgebung erreicht haben, für unsere Begriffe sehr glücklich waren, in dem Sinne, dass all ihre Bedürfnisse befriedigt oder leicht zu befriedigen waren. Ich kenne sowohl Beschreibungen aus Tasmanien als auch aus Nordamerika, die diese Vermutung nahe legen. Und es liegt ebenso nahe, dass auch die Menschen in unseren Breiten (damit meine ich jetzt mal Europa und vor allem den Mittelmeerraum) eine solche Zeit erlebt haben – und sich nach ihrem Ende (evtl. durch das Ende des letzten Glazials) danach sehnen – unbewusst vielleicht bis heute. Vielleicht ist das einer der Gründe für den Erfolg des „Finders“ – und anderer Endzeitgeschichten. Sieben Milliarden Menschen, die zu einem Großteil in einer Kultur und Ideologie des immerwährenden Wachstums leben, steuern einen geraden Weg in die Katastrophe (und zwar nicht für „den Planeten“, dem Planeten geht es prächtig, sondern für unsere eigene Spezies). Da haben Geschichten, die einen Neuanfang versprechen, sicher etwas Verlockendes, nicht nur für die Leser, sondern auch für mich als Autor.

Nur hat diese Medaille aber zwei Seiten. Auf der anderen, düsteren Seite steht zum Einen, dass die Erinnerung, auch die Erinnerung einer Spezies (so sie es denn ist, siehe oben, ich vermute nur), verklärt. Natürlich ist es angenehm, quasi bedürfnislos in einer Umwelt zu leben, die alles Notwendige im Überfluss bereitstellt, so dass es keine Not und keine Verteilungskämpfe gibt. Andererseits war es sicherlich nicht so angenehm für diejenigen, die hier und da mal auf dem Speiseplan eines Bären oder Löwen landeten. Und wenn man für die Frühzeit der Menschheit eine deutlich niedrigere durchschnittliche Lebenserwartung als heute annimmt, so lag das vermutlich weniger daran, dass die Menschen in der Blüte ihrer Jahre abtraten, sondern eher an einer sehr hohen Kindersterblichkeit. Dennoch – den Großteil der Menschheitsgeschichte haben wir steinzeitlich gelebt, soooo schlecht kann das nicht gewesen sein.

Zum Zweiten gehört zur finsteren Seite der Medaille natürlich das, was im „Finder“ ebenso unweigerlich passiert wie in allen anderen Endzeit/Neuanfang Geschichten: Der Untergang / Tod /das Verschwinden des Großteils der Menschen. Denn wenn wir davon sprechen, dass 7.000.000.000 Menschen einfach viel zu viele sind, dann sprechen wir von 7.000.000.000 wertvollen und in ihrer Mehrheit bestimmt liebenswerten Individuen. Nicht irgendwelche anonymen Massen sind „zuviel“, sondern wir alle und die, die wir lieben. Die Rückkehr ins irdische Paradies setzt also eine entsetzliche Katastrophe voraus.

Ist also, in diesem Sinne, das Paradies ein Grund zum Feiern? Ja, mag sein – für die, die übrig bleiben.

Verwendete Literatur:

Ahrenhoevel, Diego u.A. (Herausgeber): Die Bibel – die Heilige Schrift des Alten und Neuen Bundes, Freiburg im Breisgau (16), 1968

Diener, Michael S.: Das Lexikon des Zen, München 1996

Frey, Pia: Sinnfragen Kombinator, Frankfurt 2013

Suzuki, Daisetz T.: Die große Befreiung – Einführung in den Zen-Buddhismus, Bern, München, Wien 1999

Wermke, Dr. Matthias u.A. (Herausgeber): Duden – Die deutsche Rechtschreibung, Mannheim, Wien, Zürich (25) 2009

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Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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