Die Sonntagsfrage: Ist 1968 langweilig?

Guten Abend zusammen. Sonntag ist, Zeit für die Sonntagsfrage, an einem dicht gedrängten Wochenende, mit mehreren Feiern, einem wichtigen und sehr angenehmen Geschäftstermin, Fantasy-Filmfest-Nights, liebem Besuch und damit verbundenem exzessiven Absinthkonsum… ich glaube, der Absinth der letzten Nacht wabert immer noch ein wenig in meinem Gehirn herum, aber dafür ist er ja da. Nichtsdestotrotz habe ich auch heute wieder Pia Freys Sinnfragenkombinator zischen lassen, und die Frage ist Sarahs Schuld, denn sie rief „Stopp!“. Keine schlechte Frage, finde ich, auch wenn sie (wie so oft) ein wenig seltsam klingt:

140316Ist 1968 langweilig?

Zunächst: Die Frage, ob 1968 langweilig WAR ist nur subjektiv zu beantworten, und von mir auch das nicht. Ich wurde erst drei Jahre später geboren und habe daher zu 1968 persönlich ein ähnliches Verhältnis wie zu 22.001.968 v. Chr. oder 2168 n. Chr. Wenn wir Zeit mal spaßeshalber als real betrachten (und wenn ich hier über Jahreszahlen spreche geht es ja gar nicht anders), dann liegt es außerhalb meines persönlichen Zeitlichtkegels.

Die andere Art, die Frage zu betrachten ist: Sind die Auswirkungen und ist die Rezeption von 1968 langweilig? Oder langweilig geworden? Gehen „Die 68er“ und das Gerede über sie mir auf den Zeiger? Denn Langeweile ist ja (siehe oben) stets ein subjektives Gefühl.

Dazu muss ich zunächst erklären: Ich bin KEIN typisches 68er-Kind. Meine Eltern gehören zwar der Generation an, die später „Generation der 68er“ genannt werden sollte, sie waren 1968 im Alter von 20 bzw. 25 Jahren. Aber sie waren gerade schwer mit ihrer etwas problematischen persönlichen Liebesgeschichte beschäftigt. Ich bin ein Fan dieser Liebesgeschichte, immerhin verdanke ich ihr meine Existenz, werde sie aber hier nicht erzählen. Nur soviel: Mein Vater lebte zu dieser Zeit seit etwa einem Jahr in Spanien, meine Mutter bereitete sich darauf vor, ihrem Freund, späterem Verlobten und noch späterem Ehemann, dorthin zu folgen sobald sie volljährig (also damals 21) sein würde. Letztlich lief alles gut und sie kehrten erst kurz vor meiner Geburt gemeinsam nach Deutschland zurück.

Für meine Eltern war 1968 also ein auf und auf spannendes Jahr, aber gerade die Tatsache, dass sie die Herausforderungen dieses Jahres meisterten (und so die Familienhistorie um viele spannende bis lustige Geschichten bereicherten) führte dazu, dass sie die kollektive Erfahrung des Aufbruchs, Widerstandes und der Gesellschaftsbewegung anderer junger Menschen in Europa kaum teilten. Denn Spanien war zu jener Zeit noch eine faschistische Diktatur, in der ein Aufbruch wie etwa in Frankreich oder Deutschland schlicht nicht möglich war.

So wuchs ich als Kind von Eltern auf, die zwar viele Ideale der 68er teilten, sich aber kaum als diejenigen verstanden, die diese Ideale in der Gesellschaft durchgesetzt hatten. Für mich hatte das, neben anderen positiven und weniger positiven Auswirkungen, auch die sehr angenehme Folge, dass meine Mutter und mein Vater nie das Gefühl hatten, sich, mir, meiner Schwester oder der Welt um uns irgendetwas in Bezug auf die 1968er Bewegung beweisen zu müssen. Ich glaube also, was „Die 68er“ betrifft, etwas eher eine Außensicht zu haben, als viele andere meiner Generation, deren Auseinandersetzung mit den eigenen Eltern oft auch eine Auseinandersetzung mit 1968 war.

Ich bin der 1968er also grundsätzlich weniger überdrüssig als viele meiner Altersgenossinnen und -genossen. Mich haben auch keine 68er-Lehrerinnen und -Lehrer genervt. Ich machte mein Abitur auf einem katholischen Gymnasium. Das Kollegium dort war eine bunte Mischung, von stockkonservativen Nonnen auf der einen bis zu sehr progressiven jungen Menschen (auch eine davon war Nonne, muss ich fairerweise sagen) auf der anderen Seite des Spektrums und allem dazwischen. Gerade diese Mischung führte aber dazu, dass wir der Progressiven nicht überdrüssig wurden, es sei denn, die hatten eine nervende Persönlichkeit. Aber diese Art von schwer erträglichem Lehrpersonal gab es auch quer durchs Spektrum.

Eine historisch kritische Auseinandersetzung mit 1968 fand in meiner Jugend nicht statt. Die begann später und es sind einige Punkte im publizistischen, nichtwissenschaftlichen Bereich dieser Auseinandersetzung, die mich tatsächlich langweilen bis ärgern, besonders, wenn die Autoren im Nachhinein alles besser wissen und besser gemacht hätten. Ich halte nämlich sehr viel von den 68ern und ihrer Bewegung. Ich bin der Überzeugung, dass sie in Bezug auf Frauenrechte, Chancengleichheit, allgemeine Toleranz, Aufarbeitung der Nazizeit, gesellschaftliche Liberalität und Bürgerrechte usw., usw., unendlich viel bewegt hat. Gerade meine Generation nimmt sehr vieles davon als selbstverständlich. Aber zum Beispiel jedes Paar, das heute unverheiratet zusammenlebt und womöglich gar Kinder hat, sollte dreimal nachdenken, bevor es auf „Die 68er“ schimpft.

Mich haben eine Weile die immer gleichen Berufs-68er(innen) und Berufs-Anti-68er(innen) gelangweilt, die durch die Talkshows tingelten und uralte Gefechte immer neu ausfochten, während wir in einer Gesellschaft leben, die von den Erfolgen wie dem Scheitern unzähliger Menschen dieser Generation und ihrer Träume und Ideale zu tiefst geprägt ist. Dieses Talkshowthema ist gottlob weitgehend verschwunden, vielleicht mit Ausnahme von Feminismusdebatten, in denen die ebenfalls immer gleichen älteren Herren und die immer gleiche ältere Dame sich ihre immer gleichen, in den 1950er und 1960er Jahren geprägten Vorstellungen um die Ohren hauen. Währenddessen haben zwei Generationen von Feministinnen ihre Themen und Standpunkte weiterentwickelt – aber die agieren eben in der wirklichen Welt, nicht auf der Einladungsliste von Quasselsendungsredaktionen.

Ist 1968 also langweilig? Nein, gewiss nicht. Dieses Jahr und die Zeit und die Generation, für die es steht, sind zentral für die Gesellschaft in der wir heute leben. Und ob einem die nun passt oder nicht – langweilig ist sie nicht, finde ich.

Verwendete Literatur:

Frey, Pia: Sinnfragen Kombinator“, Frankfurt 2013

Und diverse Fernsehsendungen sowie Artikel (genannt sei hier vor allem Die Zeit), die ich beim besten Willen nicht mehr zusammenbekomme.

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Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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