Schreckenberglebt: Um Armlängen zurückgeworfen

Ja, ich weiß, es ist schon sooooooo viel gesagt zu Henriette Rekers Armlängenempfehlung. Und zu ihrer grandiosen Idee, Frauen Verhaltensempfehlungen zu geben, damit sie nicht Opfer von sexualisierter Gewalt werden.

Um es vorweg zu sagen: SELBSTVERSTÄNDLICH ist es klug, als gefährlich bekannte Orte oder solche, bei denen man ein schlechtes Gefühl hat zu meiden. Achtsam zu sein, besonders in unübersichtlichen und potenziell gefährlichen Situationen seine Umgebung zu beobachten und sich gegebenenfalls zurückzuziehen. Abstand zu Menschen zu halten, sie einem nicht geheuer vorkommen. Aber das sind doch keine Verhaltensregeln, die nur für Frauen gelten, sondern für jeden Menschen, der sich ohne Schaden durch die Welt bewegen möchte.

Wie es ankommt, wenn so etwas als Verhaltensempfehlung exklusiv für Frauen rausgegeben wird, dazu hat Sarah Wassermair einen sehr lesenswerten Beitrag geschrieben, den ich heute hier gerebloggt habe.

Sarah hat in ihrem Blogbeitrag schon einen Großteil dessen gesagt, was gesagt werden sollte, ich möchte nur ein paar Gedanken dazu beitragen – aus meiner Erfahrung, die ich in vielen Jahren als Selbstverteidigungsausbilder für Frauen gesammelt habe. Mein letzter Kurs ist inzwischen auch… 12 Jahre her? Aber wenn ich von Armlängen und Verhaltensregeln für Frauen lese, dann ist mir klar, dass sich in den Jahren seither nichts geändert hat. Also:

1.) Erstaunlich viele Frauen kamen zu uns in die Kurse mit der einerzogenen Grundanahme, dass eine Frau, die Opfer sexualisierter Gewalt wird, oft eine Mitschuld trage. Weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort war, weil sie zu sexy angezogen war, weil sie dem späteren Täter erst „Hoffnung gemacht“ und ihn dann abgewiesen habe… die ganzen dämlichen Klischees. Darauf gibt es nur eine einzige Antwort:

Das Opfer TRÄGT NIE SCHULD! Auch nicht Mitschuld. Gar nicht. Schuld sind alleine die Täter, und es gibt keine Ausrede. Selbst wenn eine Frau meinethalben nackt im Bett eines Mannes liegt, plötzlich aufsteht und sagt „Ich habe es mir anders überlegt“, dann hat er das verdammt nochmal zu akzeptieren!!!

Und es gibt auch keinen Automatismus, der uns Männer zu bemitleidenswerten Hormonmonstern macht, die nunmal leider nicht anders können. Diese Idee alleine empfinde ich als Beleidigung. Jeder Mann der eine Frau sexuell belästigt, nötigt oder vergewaltigt entscheidet sich bewusst, das zu tun und es gibt keine Entschuldigung dafür.

KEINE Entschuldigung! Kein Wertegefüge, keine Familiengeschichte, keine Veranlagung, keine Religion, kein Alkohol, kein Karneval, kein Oktoberfest, kein Silvester – nichts! Jeder Täter begeht seine Tat individuell und kann sich nicht auf irgendetwas zurückziehen, das ihm diese Verantwortung nimmt.

2.) Ebensooft bin ich der Einstellung begegnet, eine Frau habe ja „sowieso keine Chance“. Auch das ist Blödsinn, zumindest, wenn man von den „üblichen“ Formen sexualisierter Gewalt ausgeht. Das was in Köln passiert ist, ist ein Sonderfall, ebenso wie Gruppenvergewaltigungen. Ja, wenn eine Frau einer großen Übermacht gegenübersteht, die alle Fluchtwege blockiert, dann hat sie wirklich keine Chance. Ein Mann übrigens auch nicht. Auch hier wieder – Übermacht ist Übermacht, egal welches Geschlecht das Opfer hat.

Ansonsten aber – doch! Frauen haben eine Chance, sich gegen Männer erfolgreich zu verteidigen, selbstverständlich haben sie die. Das beginnt damit, eine Situation zu erkennen und richtig einzuschätzen bis hin zur harten körperlichen Gegenwehr, wenn es ganz schlimm kommt. Es ist erstaunlich, wie hartnäckig sich die Idee hält, die paar Kilo Muskelmasse und die paar Zentimeter Reichweite, die der durchschnittliche Mann der durchschnittlichen Frau voraus hat wären unabweisbar kampfentscheidend. Auch das ist ein Mythos unserer Gesellschaft, so tief verankert, dass ich von Männern weiß, die glauben, eine mit einem Messer bewaffnete Frau habe keine Chance gegen einen unbewaffneten Mann.

Die Wirklichkeit sieht natürlich anders aus – Frauen können sich selbstverständlich erfolgreich gegen Männer verteidigen und ich empfehle JEDER Frau und JEDEM Mädchen, einen guten Selbstverteidigungskurs zu besuchen. Woran man einen solchen erkennt schreibe ich dann morgen, und keine Sorge: Das wird keine Werbung. Wie gesagt, mein Team hat schon lange keinen Kurs mehr gegeben, deshalb kann ich da ganz neutral schreiben. 😉

Hinzu kommt: Die meisten Sexualstraftäter wollen keinen Kampf, sie wollen Macht spüren, je einfacher desto besser. Deshalb zeigen die entsprechende Statistiken sehr oft, dass eine klare Haltung und Gegenwehr dazu führen, dass der Täter seinen Versuch abbricht. Also bitte, bitte, bitte, liebe Frauen: Seid wehrhaft, macht Euch wehrhaft, glaubt nicht, dass ihr geborene Opfer seid. Ihr seid es nicht, egal, was wer auch immer Euch einreden will.

3.) Nochmal zurück zur Armlänge… was soll das eigentlich? Wenn ich eine Armlänge Abstand zu jemandem halte, der mir Gewalt antun will, in welcher Form auch immer, dann hat der diese Armlänge ganz schnell überbrückt. Und wer in Köln (Karneval! Weihnachtstage auf der Schildergasse! Rush Hour im Bahnhof! etc., etc., etc.) oder sonstwo (schonmal auf der Soester Allerheiligenkirmes gewesen?) davon redet, eine Armlänge Abstand zu halten der unterstellt doch auch wieder nur, dass eine zufällige Berührung dem Opfer eine Mitschuld gibt und dem Täter die Verantwortung nimmt, oder?

Man sollte die Länge des eigenen Armes dennoch kennen. Der Reichtweite beim Schlag wegen.

Amen.

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Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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