schreckenberglebt: Neutralität, Womanizer und Vergewaltigung

Ursprünglich sollte dieser Blog sich hauptsächlich mit meiner Schreiberei beschäftigen. Da ich aber letztlich so viel schreibe (also Drehbuch und Belletristik), dass ich nicht genau weiß, was ich ÜBER das Schreiben schreiben soll, habe ich Alltagssleben, Gedanken, Filme, Musik, etc. mit aufgenommen. Langsam habe ich aber das Gefühl, dass dieser Blog zu einem feministischen Blog mutiert. Dabei bin ich noch nicht einmal sicher, dass ich wirklich Feminist bin. Reicht es wirklich dafür aus, Frauen und Männer als selbstverständlich gleichwertige Menschen zu betrachten?

Aber in letzter Zeit lese ich so viel von jammernden Männern die sich allen Ernstes bedroht oder sonstwie negativ berührt fühlen, weil Frauen bitteschön nicht als niedliches, menschenähnliches Sexvieh betrachtet werden wollen, dass ich quasi dauerverstört bin. Also schreibe und reblogge ich eben viel darüber (wer gleich zum eventuell feministischen Teil kommen möchte, möge nacht unten scrollen), here we go:

Harald Martenstein schreibt zuweilen sehr schlaues, oft aber leider auch ziemlich dummes Zeug. Insbesondere in seiner Kolumne im ZEIT-Magazin. In der aktuellen Ausgabe (sorry, Paywall) ist sein eigentliches Thema die Frage, ob Journalisten (in ihren Artikeln) eine Haltung haben und zeigen sollten oder nicht. Er drückt dabei seinen durchaus lustigen Glauben an Neutralität in der Berichterstattung aus und verlangt von Journalisten, dass sie nur die objektive Wahrheit wiedergeben. Muss ich erklären, warum es albern ist, die Wiedergabe objektiver Warheit mit haltungsloser Neutralität zu verwechseln? Okay: Selbst wenn ich die neutralstmögliche journalistische Form, die Nachricht, betrachte, ist völlige Neutralität eine Illusion. Nah an neutral wäre das (wir gehen mal davon aus, dass jeder der folgenden Sätze objektiv wahr ist):

Mensch wird verdächtigt, Juwelier ausgeraubt zu haben.

Schon:

Mensch raubt Juwelier aus. ist eine Wertung.

Mann raubt Juwelier aus. eine weitere Wertung, in dem ich dem Menschen eine Eigenschaft zuspreche.

Leverkusener raubt Juwelier aus. dass der Mann ein Leverkusener ist, ist für die Tatsache der Nachricht eigentlich irrelevant. Der Journalist geht aber mit Recht davon aus, dass das viele Leute in Leverkusen interessiert. Und womöglich auch Leute in Köln, die eine bestimme Meinung über Leverkusener haben und diese bestätigt oder dementiert sehen. Von Neutralität sind wir jetzt schon ein gutes Stück entfernt.

Leverkusener polnischer Abstammung raubt Juwelier aus. jetzt haben wir das Feld erreicht, wo klar wird, dass sowohl die Nennung als auch das das Weglassen einer Eigenschaft von verschiedenen Menschen als Verletzung der Neutralität gewertet wird. Und noch einer:

Leverkusener polnischer Abstammung raubt Juwelier aus, der seine Tochter überfahren hat. Und wieder haben wir durch das Hinzufügen einer zuvor weggelassenen Information ebenso gewertet, wie wir es durch das Weglassen der Information getan hätten.

Und zuletzt gehen wir ein wenig in die Nachricht rein:

Gestern Mittag raubte ein Leverkusener polnischer Abstammung einen deutschen Juwelier aus. Eine zufällig vorbeikommende Ghanaerin schlug den mutmaßlichen Täter nieder und hielt ihn fest, bis die Polizei kam.

Wer möchte kann jetzt mal das spaßige Experiment machen und die Abstammung und das Geschlecht von Täter, Opfer und Heldin herumschieben, hinzufügen und weglassen und sich dabei auch noch vorstellen, die Nachricht sei wahlweise aus der Taz oder der Bild. Es werden sich unterschiedliche Gefühle einstellen – alle wegen eines objektiven Tatsachenberichts.

ES GIBT KEINE BERICHTERSTATTUNG OHNE HALTUNG! Redlich ist es daher, wenn Journalisten oder Medien ihre Haltung benennen. Das kann durchaus eine Verpflichtung sein, so unvoreingenommen wie möglich zu arbeiten. Aber der Grund, warum viele Zeitungen ihr Weltbild im Titel tragen („Zeitung für Politik und Christliche Kultur“ oder so) ist die redliche Absicht, Leserinnen und Leser darüber zu informieren, dass es keine neutrale Berichterstattung gibt, und mit welcher Haltung man in diesem Blatt zu rechnen hat.

Und nun kommt der eventuell feministische Teil:

Neben der lustigen Missachtung von journalistischem Basiswissen äußert Martenstein nebenbei und im Rahmen einer Reihe ähnlicher Begriffspaare:

„Was wenn (…) ein Womanzier kein Vergewaltiger (…) [ist]?“

Tja.

Was wenn ein Schriftsteller kein Ladendieb ist? Was wenn eine Buchhändlerin keine Marathonläuferin ist? Was wenn ein Gnu nicht Eduard heißt?

Ein Womanizer ist jemand, der – warum auch immer – so attraktiv ist, dass viele Frauen mit ihm Sex haben wollen, und der diese seine Eigenschaft zu seinem Vergnügen ausnutzt. Dagegen ist nichts einzuwenden.

Ein Vergewaltiger ist jemand, der sich, um sein persönliches Machtgelüst zu befriedigen*, einem anderen Menschen aufzwingt und sie oder ihn penetriert. Dagegen ist sehr, sehr viel einzuwenden.

Beides hat erstmal nichts miteinander zu tun. Es mag Womanizer geben, die Vergewaltiger sind. Es mag aber auch Incels geben, die Vergewaltiger sind. Es mag Bäcker geben, die Vergewaltiger sind. Leverkusener. Über 40-jährige. Etc., etc. Und ebenso gibt es selbstverständlich weitaus mehr Womanizer, Incels, Bäcker, Leverkusener und Über 40-jährige, die keine Vergewaltiger sind. Was soll also dieser in seiner Selbstverständlichkeit völlig lächerliche Satz?

Naja, das ist natürlich klar. In letzter Zeit sind – auch aber nicht nur im Rahmen von metoo** – viele Fälle aufgekommen, in denen Frauen (und in mindestens einem Fall auch Männer) nach langer Zeit den Mut gefunden haben, gegen mächtige und einflussreiche Männer aufzustehen, die sie in der Vergangenheit sexuell genötigt und / oder vergewaltigt haben. Eine der Standardverteidigung besagter Männer ist: „Die waren alle freiwillig mit mir im Bett.“ Oder anders: „Ich bin ein Womanizer.“

Es kommt immer wieder mal vor, dass jemand fälschlicherweise der Vergewaltigung bezichtigt wird, ja, leider. Es kommt aber sehr viel öfter vor, dass Opfer von Vergewaltigungen die Tat aus Angst oder Scham nicht zur Anzeige bringen. Wenn also ein angebliches Opfer jemanden der Vergewaltigung bezichtigt, dann kann das eine Lüge sein. Statistisch wahrscheinlicher aber ist, dass es keine ist. Wenn aber VIELE angebliche Opfer den selben Menschen der Vergewaltigung (oder sexuellen Nötigung) bezichtigen, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass die Mehrheit von ihnen die Wahrheit sagt. Insbesondere dann, wenn sie die Tat nicht nur zur Anzeige bringen, sondern öffentlich machen. Denn sich öffentlich als Opfer sexualisierter Gewalt zu outen ist nicht so einfach, wie die Martensteins dieser Welt sich das offenbar vorstellen.

Tut Martenstein das wirklich, mit seinem sinnleeren Satz? Stellt er sich auf die Seite der Täter, denunziert er die Opfer? Es scheint so, wahrscheinlich tut er es. Aber sicher ist es nicht, er könnte jederzeit sagen: „Nein, so meine ich das nicht, ich wollte nur mal eine sinnlose Verknüpfung hinschreiben, und die Sache mit den Buchhändlerinnen und dem Marathon fand ich irgendwie unpassend.“ Kann man machen. Das wäre dann, eine Haltung zwar zu haben, aber nicht dazu zu stehen.

*NEIN! Eine Vergewaltigung geschieht nicht aus sexuellen Motiven. Die Penetration geschieht nicht zur Befriedigung sexueller Lust, sondern aus dem Wunsch, Macht auszuüben. Die Tatsache, dass kein Konsens besteht oder das Opfer nicht konsensfähig ist, macht einen für den Täter wichtigen Teil des Aktes der Vergewaltigung aus. Deshalb spricht man ja auch seriöserweise schon lange nicht mehr von sexueller, sondern von sexualisierter Gewalt. Wer das nicht glaubt recherchiere bitte wissenschaftliche Quellen zu dem Thema.

** „Me, too“ bedeutet übrigens nicht, wie manche zu glauben scheinen, „Männer sind Schweine!“, „Vorwärts für das Matriarchat!“ oder „Schwanz ab!“. Sondern „ich auch“. Im Zusammenhang: „ICH bin AUCH Opfer von sexueller Belästigung, Nötigung und/oder Gewalt geworden.“ Dass so dermaßen viele Frauen dieses “ me too“ aussprechen, sollte für uns Männer Anlass zu Besorgnis, Fragen und Zuhören sein. Und nicht zu sexistischem Mimimi-Geschrei. Aber darüber wollte ich ja auch noch mal schreiben…

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Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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