schreckenbergschreibt: Türchen Nr. 2 – Grusel

So, da habe ich also ein Adventskalenderprojekt angefangen, ich naives Häschen. Ich habe das übrigens, das gebe ich auch gleich zu, in der Absicht getan, durch kontinuierliches Bloggen ein wenig meine Leser*innenbasis zu vergrößern, weil ich mich im Anschluss daran einem Thema widmen will, dass einerseits recht wichtig ist, zu dem es andererseits aber sehr wenig Information in Form von unaufgeregten Erfahrungsberichten gibt – ich jedenfalls habe sie bei meiner Recherche Anfang dieses Jahres schwer vermisst. Aber dazu, wie gesagt, später.

Adventskalener also. Vor drei Tagen habe ich mich noch gefragt, was zur Hölle ich eigentlich alles schreiben soll. Fantasy Filmfest, ja, sollte ich mal (ähem). Ängstliche , jammeringe Männer – klar, immer ein Thema. Das Schreiben – UNBEDINGT (Obwohl ich da nie weiß, was Euch interessiert, was selbstverständlich und was langweilig ist, also FRAGT! 😀 ). Schwimmen, kämpfen, meditieren… ja… für MICH wichtig, und das ist mein Blog, also behellige ich auch Euch damit, aber gleich am Anfgang?

Und dann spült mir das Wochenende gleich drei interessante Themen vor die Füße: Die Urwahl der neuen SPD-Vorsitzenden, ein Gespräch mit dem Großen Kind zum Thema Game of Thrones und die Frage von inter123netzzo, ob es das Christkind wirklich gibt.

Nun gut, dass die SPD eine Sozialdemokratin und einen Sozialdemokraten an ihre Spitze gewählt hat, mag Presse, SPD-Establishment, FDP, CDU und Gerhard Schröder schwer erschüttern, mich macht es eher ein bisschen hoffnungsfroh. Ich habe geschworen, die SPD nie wieder zu wählen, trotzdem wünsche ich ihr, dass andere das wieder tun. Wir brauchen in diesem Land dringend parlamentarische Mehrheiten links der CDU, und ohne mindestens 20 Prozent für die SPD geht das einfach nicht.

Game of Thrones sind gleich mehrere Themen (darunter: „Wieso muss da jede Frau um sich charakterlich zu wandeln, erstmal vergewaltigt werden?“, „Was war an Staffel 8 gut und was schlecht?“ und „Warum zum Teufel darf ein strategischer Vollcretin wie John Snow irgendeine militärische Entscheidung treffen?“), über die ich bestimmt noch bloggen werde, aber nicht hier.

Und was inter123netzzos Frage betrifft: Vielen Dank fürs Eisbrechen. 🙂 Die beantworte ich, wenn wir näher an Weihnachten sind. Hier nur soviel: Frag mal Deine Tochter, wie mutig es ist, mir Fragen zu stellen, in denen Worte wie „wirklich“ vorkommen… 😀

Womit ich mich heute aber kurz beschäftigen möchte ist die Frage nach dem Grusel. Anlass ist die Lesung am Samstag: Gemeinsam mit Jutta Wilbertz, Andreas Schnurbusch, Leon Sachs und Isabella Archan las ich aus der Anthologie „Die gruseligsten Orte in Köln“, in der wir alle vertreten sind. In ihrer Moderation fragte Jutta uns nach unseren eigenen, gruseligsten Erlebnissen. Andreas, der Polizist ist, und Leon, der als Sportjournalist über den 1. FC Köln* schreibt, hatten da natürlich ganz Schauerliches zu berichten. (Genaugenommen reichte bei Leon, dass er erwähnte, worüber er schreibt um das – Kölner – Publikum in Entsetzenstarre zu schicken.) Ich erzählte eine kleine Geschichte, die mit „The Ring„, einem düsteren Flur und meiner jüngeren Tochter zu tun hat. Die drei Leute im Publikum, die The Ring kannten, waren angemessen beeindruckt.

Wir haben alle gruselige Anekdoten mit Pointe erzählt (außer Leon, bei dem reichte es, dass er erwähnte…), klar, wir sind Geschichtenerzähler*innen. Aber haben wir wirklich die Frage nach unserem gruseligsten Erlebnis beantwortet? Ich bin, was mich ziemlich sicher, dass ich geschummelt habe. Der Duden definiert „gruselig“ als: “ Gruseln hervorrufend; schaurig, unheimlich“. Ich habe am Samstag definitiv nicht meine schaurigsten Erlebnisse erzählt, das hätte die Stimmung des wirklich netten Abends gekippt. Und wenn man die Definition nimmt, bei der der Duden ein Wort mit sich selbst erklärt („Grusel hervorrufend“) dann wäre es auch falsch.

Juttas Frage ist nämlich mit der sehr verwandt, die ich als Horrorautor häufiger gehört habe: „Wovor gruseln Sie sich?“ Das ist eine andere Frage als (die ebenfalls gern gestellte) „Wovor haben sie Angst?“ Auf die Frage kann ich konventionell, ausweichend und ehrlich antworten, in dem ich von meinen Liebsten, dem Klimawandel oder – selten – auch von tief sitzenden, altverwurzelten Ängsten (siehe oben) rede. „Grusel“ aber bedeutet für mich etwas anderes. Es ist die Art von Unbehagen oder Angst, die einen älteren, vielleicht vormenschlichen Kern anspricht. Die Antizipation (!) von etwas, das meine höheren geistigen Funktionen sofort ausschaltet, und mir nur die ganz alten Alternativen lässt: Kampf oder Flucht. Und – das kommt hinzu – von etwas das FALSCH ist. Falsch im Sinne von Arthur Machens Bösem: Singende Blumen, Frucht treibende Steine, etc.** Insofern gibt es eigentlich nur eine Antwort auf diese Frage: Ich grusele mich vor dem, was ich mir vorstellen kann und nicht ausschließen kann. Weil ich leider einen sehr weiten (oder engen) Realitätsbegriff habe. Und deshalb fürchte ich mich davor, dass der Spiegel mir nicht das zeigt, was ich erwarte. Was ich sehen könnte, wenn ich mich umdrehe und in die Dunkelheit hinter mir schaue. Welche Welt ich vorfinde, wenn ich nach dem Aufwachen die Augen öffne.

Ich grusele mich davor, dass im nächsten Moment das, was ich selbstverständlich für wahr halte, zerfallen wird. Und dass das, was ich dann sehe, mir nicht gefallen wird. Klingt vielleicht seltsam, aber andererseits: Wir haben das alle schon erlebt, schließlich sind wir geboren worden. Und wir werden es alle nochmal erleben. Bis dahin aber – seid vorsichtig mit Spiegeln und schaut nicht zu tief ins Dunkel hinter Euch. Adventszeit ist Kerzenzeit. 😉

* Bevor sich irgendwer getriggert fühlt – die Rivalität zwischen FC Köln und Bayer Leverkusen ist mir ziemlich egal. Was Fußball angeht beobachte ich Westham United mit einiger Sympathie und ja, Bayer Leverkusen ist mir nicht völlig egal. Der Effzeh aber auch nicht. Nur – mit Herzblut bin ich bei den Langenfeld Longhorns und den Baltimore Ravens.

** Noch so ein Thema, über das ich mal schreiben sollte. 😀 Oder darüber reden. Zum Beispiel am 18. Januar in der Leverkusener Stadtbibliothek.

Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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