schreckenbergschreibt: Türchen Nr. 4 – Teamwork 2. Wie geht das eigentlich?

Gestern habe ich ein wenig erzählt, wie ich vom Alleineschreiber zum Co-Autor geworden bin. Nicht völlig, natürlich, in allen Formen die ich schreibe (Drehbuch / Roman / Kurzgeschichte) arbeite ich immer noch meist alleine. Aber ich habe die Zusammenarbeit wirklich schätzen gelernt – und möchte heute ein paar Tipps geben, unter welchen Umständen das funktionieren kann. Drei Einschränkungen dabei:

1.) Das sind keine allgemeinen Weisheiten, sondern meine Erfahrungen insbesondere (aber nicht nur) aus meiner Zusammenarbeit mit Sarah Wassermair.

2.) Es geht hier um Zusammenarbeit die Ihr Euch selbst aussucht. Wenn Ihr in zu einem bestehenden Team hinzukommt oder zu einem neu zusammengestellten gehört, gelten einige, aber natürlich nicht alle Punkte der folgenden Liste.

3.) Ich spreche von der Zusammenarbeit in ganz kleinen Gruppen – zwei, vielleicht drei Personen. Über die Zusammenarbeit in größeren Gruppen könnte ich auch etwas sagen, aber da beziehen sich meine Erfahrungen vor allem auf meine Zeit als Redaktionsleiter und -mitglied in PR-Agenturen. Deshalb schreibe ich darüber (noch) nichts in Bezug auf Belletristik und Drehbuch.

Damit hätten wir den Rahmen. Here we go:

Die richtige Person

Sarah und ich waren, bevor wir angefangen haben zusammenzuarbeiten, schon über ein Jahrzehnt eng befreundet, und wir haben uns über das Schreiben kennengelernt. Wir hatten also eine tiefe Vertrauensbasis und kannten den Werdegang und die Arbeitsweise der/des jeweils anderen sehr gut. Das ist in vieler Hinsicht ideal, aber auch ein Glücksfall, aus dem ich schlecht eine Empfehlung machen kann. Dennoch:

Eine Vertrauensbasis und gegenseitige Sympathie sollte da sein. Ihr werdet viel Zeit mit Eurer/Eurem Co-Autor*in verbringen, das ist nicht schön, wenn man sich nicht mag. Ich habe auch von Autorenteams gehört, die sich nicht ausstehen können, nicht miteinander reden und nur Manuksripte austauschen. Ich könnte so nicht arbeiten. Die Vertrauensbasis ist nötig, weil ihr beim Schreiben immer wieder Eure persönlichen Schwächen und Befindlichkeiten berühren werdet. Wenn man an einen solchen Punkt kommt, muss man darüber reden, und das erfordert ein Mindestmaß an Vertrauen.

Ihr solltet – zumindest grob – die selben Werte und die selbe Moral vertreten. Wo nicht, solltet Ihr die Einstellung des / der anderen zumindest respektieren können. Das ist unbedingt nötig, selbst wenn man für ein vergleichsweise leichtes Format schreibt. Wenn Ihr Geschichten erzählt kommt Ihr unweigerlich immer wieder an Punkte, wo Ihr Stellung beziehen müsst – dadurch, wie ihr Figuren zeichnet, welche Wendung Ihr einer Geschichte gebt, welche Themen Ihr in den Vordergrund rückt etc., etc. Hier solltet Ihr kompatibel sein – was sowohl bedeuten kann, dass Ihr Euch einig seid, als auch, dass Ihr respektvoll verschiedene Standpunkte vertretet (und deshalb vielleicht manche Themen von zwei Seiten angeht oder ganz weg lasst). Das selbe gilt für natürlich für Arbeitsmoral und professionelle Werte.

Kompatibel sollten auch Eure Arbeitsweisen sein. Sie müssen nicht gleich sein – dazu weiter unten – aber man sollte zumindest einen Kompromiss finden können, sonst geht es nicht.

Ich habe oben unsere Freundschaft und die Tatsache, dass wir uns sehr gut kennen als Glücksfall bezeichnet. Das stimmt, aber: Gerade wenn man mit einem Menschen zusammenarbeitet, der einem wichtig ist und/oder den man sehr gut kennt kann auch gerade das zur Falle werden. Denn in der Zusammenarbeit lernt man neue Seiten an dem/der Freund*in kennen und stößt womöglich auf Differenzen, die man vorher nie bemerkt hat. In dem Falle: Nicht erschrecken, das ist ganz normal. Ehrlichkeit ist da unbedingt wichtig, gegenseitige Achtung ist ja sowieso vorhanden. Streit unter Freund*innen ist nichts Schlimmes. 😉 Aber austragen muss man ihn.

Dazu gehört auch, dass man die Sprache des/der anderen lernt. Und damit meine ich nicht, dass ich plötzlich dauernd „Oida!“ sage (tue ich) oder einen Stuhl „Sessel“ nenne (tue ich nicht), weil meine Co-Autorin Österreicherin ist. Es geht um die professionelle Sprache. Ein knapp 50jähriger Mann mit PR-Hintergrund und Wurzeln in der Belletristik spricht einfach eine andere professionelle Sprache als eine deutlich jüngere Frau mit sehr viel literarischer Bildung und einem Studium an der Filmakademie. Das führt zu Miss- und Unverständnissen, die sich ausräumen lassen, indem man eine gemeinsame Sprache findet. Und damit wäre wir auch schon bei der:

Zusammenarbeit

Ganz wichtig sind für mich reale Treffen. Und das sage ich als jemand, dessen Co-Autorin knapp 800 Kilometer entfernt lebt und der den Großteil seiner Kommunikation mit ihr über Skype erledigt. Dennoch – oder gerade deshalb – die Zeiten, die wir gemeinsam in Sarahs Wintergarten oder an unserem Esstisch in Leverkusen, in einem Wiener Café oder in Zettel’s Traum sitzen, sind unersetzlich. Oder – wenn man festsitzt – mal eben einen gemeinsamen Spaziergang machen und den kreativen Schub von Bewegung und frischer Luft nutzen. Eine Weile einzeln brüten und dann wieder gemeinsam arbeiten können. Die dichte, kreative Atmosphäre, die dabei entsteht, kann Skype nicht bieten.

Unerlässlich ist außerdem eine klare und gemeinsam vereinbarte Struktur. Bei uns sieht das zum Beispiel so aus, das wir immer gemeinsam entwickeln und plotten, aber nie gemeinsam schreiben. Ob Pitch, Exposee, Treatment oder Buchfassung – wir planen gemeinsam den nächsten Schritt, dann schreibt eine(r) von uns das, was gerade ansteht (in der Regel wechseln wir uns ab), gibt es dem/der anderen zur Überarbeitung usw. Ich weiß von anderen Autor*innenteams die sich das kapitel- oder figurenweise aufteilen, wieder andere schreiben wirklich gemeinsam an einem Computer… Es gibt wahrscheinlich unendlich viele Herangehensweisen. Wichtig ist nur, dass Ihr eine findet, die für beide passt und der sich beide verpflichtet fühlen, sonst gibt es ein äußerst unkreatives Chaos.

Dort, wo sich die grundlegenden Arbeitsweisen widersprechen ist ein Kompromiss nötig. Es geht nicht, dass eine(r) sich der Arbeitsweise der/des anderen unterordnet. Wenn jemand permanent gegen seine/ihre Natur schreiben muss, dann ist diese Person permanent und zunehmend frustriert. Das gilt übrigens auch wenn es, anders als bei uns, eine Hierarchie gibt. Wenn eine Chefautorin nicht willens ist, sich auf die Arbeitsweise ihres Hilfsautors einzustellen, sondern ihm permanent ihre aufzwingt, dann hat sie einen frustrierten und demotivierten Helfer.

Vertraut Euch und anerkennt die Expertise des/der jeweils anderen. Wenn Sarah mir etwas zum Thema Pathologie erzählt, glaube ich das. Wenn ich ihr etwas Historisches sage schlägt sie es nicht nach. Das verlangt natürlich auch, dass alle zugeben, wenn sie etwas nicht wissen oder verstehen.

Bei Überarbeitungen und auch in jedem anderen Zusammenhang: Gebt ehrlich Feedback. Seid freundlich, aber schont Euch nicht, wenn die Geschichte es verlangt. Lobt aber auch ehrlich, wenn Ihr etwas besonders gut findet.

Noch zwei ganz wichtige Punkte, an die meine Co-Autorin mich erinnert hat:

So wichtig der Kompromiss in der Arbeitsweise ist: KEINE KOMPROMISSE IN DER GESCHICHTE! Wenn eine(r) eine Figur mag, der/die andere aber nichts damit anfangen kann, gebt ihr nicht die halbe Zeit. Diskutiert jeden Konflikt aus, bis es eine Lösung gibt, mit der beide nicht nur leben können, sondern zufrieden sind. Wenn ihr die nicht findet – verzichtet auf den Konfliktpunkt.

Bauchgefühle sind ein Argument! Wir sind alle Künstler, wir fühlen unsere Geschichten. Und wir fühlen, wenn etwas nicht damit stimmt, auch wenn wir noch nicht genau wissen, was es ist. Wenn jemand im Team mit etwas ein schlechtes Gefühl hat, ist an dem Gefühl immer etwas dran. (Ehrlich, ich habe noch nie das Gegenteil erlebt.) Findet heraus, was es ist.

Sooo – das war es im Groben, glaube ich. 😀 Wenn Ihr Fragen habt – fragt gerne.

Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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