schreckenbergschaut: FNHF Teil 9 – The Incredible Shrinking Man

Ja, doch, es gibt mich noch. 😀 Erinnert Ihr, meine treuen Leser, Euch noch an den Beginn dieses Blogs? Ist ja nicht soooo lange her. Damals schrieb ich, dies würde ein sehr unregelmäßiger Blog werden. Solange ich den wöchentlichen Freitagstermin für den FNHF treu hielt und so lange ich dann auch noch fast täglich von der CRIMINALE (schaut mal, die sind jetzt offiziell schon bei 2013, ich FREUE mich schon… 😀 – hat jemand ’ne bezahlbare Bleibe für mich in Bern?) berichtet habe hätte man das ja schon fast vergessen können..

Nun – die letzten Wochen war ich so arg mit diesem Zeug, das wir Schriftsteller dauernd machen beschäftigt… wie nennt man das noch… ach ja -„Schreiben“ und dann hatte ich auch noch Geburtstag und darob meine Lieblingssarah zu Besuch (um den Gastbeitrag im Blog hast Du Dich ja hübsch herumlaviert, meine Teure 😉 ) und als ich dann letzte Woche am Towel Day ENDLICH eine passende Filmkolumne schreiben wollte, da kam mir meine liebe Kollegin Regina dazwischen und lud mich mit einer Vorlaufzeit von einem Tag auf die (den? das?) ColoniaCON ein, wo ich aus dem „Finder“ las. Und das braucht ja ein wenig Vorbereitung, also auch keine Zeit zum bloggen.

Langer Rede kurzer Sinn: Ich präsentiere Euch heute den Film, den ich eigentlich für den Towel Day vorgesehen hatte. Passenderweise kann man ihn sowohl in die Kategorie Horror als auch in Science-Fiction einordnen – oder man konnte es, als Horror noch ein respektabler Name war und SciFi auch für etwas andere galt als für Space Operas. Wobei ich absolut nichts gegen Space Operas habe, ich bin ein großer Fan von Iain M. Banks – aber wenn man sich fragen muss, ob zum Beispiel ein Gott des Genres wie Philip K. Dick heute nicht eher in die große Mystery-Soße gerührt würde, dann ist das schon eine verdammte… ach lassen wir das. Die Bedeutungen von Begriffen ändern sich. Und über den Niedergang des Begriffs „Horror“ werde ich mal einen eigenen Beitrag verfassen, also, wo waren wir? Genau – der für den Towel-Day vorgesehene Film war:

The Incredible Shrinking Man (Die unglaubliche Geschichte des Mr. C)
(USA 1957)
Drehbuch: Richard Matheson, Jack Arnold
Regie: Jack Arnold

Zwei Dinge fallen hier sofort auf:

1.) Der deutsche Titel ist besser als der englische. Kommt selten genug vor, aber nach Meisterwerken der Titelfindung wie „Das Böse“, „Das Grauen“ und „Bis das Blut gefriert“ musste das ja rein statistisch irgendwann mal kommen.

2.) „DAS SOLL EIN FNHF SEIN??? Mach mal halblang!“ höre ich die Genrefans toben und ja – diesmal haben sie wirklich recht. Wenn der Regisseur, der den B-Film zur Kunstform erhoben hat auf einen so sehr drehbuchbegabten Schriftsteller wie Richard Matheson trifft, dann muss doch ein Werk herauskommen, das weit über dem Freitagsnachmittagshorrorfilmstandard ist, oder? Nun – MUSS nicht. Die Konstellation bei „Psycho“ war ähnlich, und da ist es Hitchcock eben noch gelungen, Robert Blochs Drehbuch zu retten. Aber ich gebe zu – in diesem Falle hier ist es so. „The Incredible…“ ist ein sehr, sehr guter Film, besser als alle, die ich hier bisher vorgestellt habe. Aber es war eben Towel-Day! Ein hoher Feiertag. Ich wollte Euch etwas Besonderes gönnen. Und dann kam Regina und… 😉

Inhalt
Die Geschichte ist extrem einfach – wie so viele gute Geschichten. Leider kenne ich den zu Grunde liegenden Roman von Matheson nicht, aber hier geht es ja auch um die Drehbuchadaption. Einfach, wie gesagt – Scott Carey (Grant Williams) gerät während eines Bootsaufluges in eine Wolke, die glitzernde Partikel auf seiner Haut hinterlässt. Und obwohl er glitzert wird er nicht etwa zum Vampir, sondern er beginnt einige Monate darauf, langsam und kontinuierlich zu schrumpfen, weiter und weiter. Der Prozess stoppt zwischendurch einmal durch ärztliche Kunst (oder auch nicht?), eine kleinwüchsige Artistin schafft es sogar, ihm etwas neuen Lebensmut zu geben. Aber dann geht es wieder los und niemand kann ihm mehr helfen, kein Arzt, keine Freunde, auch seine Frau nicht. Er wird so klein, dass Katzen und Spinnen zur tödlichen Bedrohung werden und der Versuch, zu einer Brotkrume zu gelangen um etwas essen zu können, wird zur epischen Queste innerhalb der Geschichte.

Urteil
Es gibt eigentlich nur eine einzige Kritik an diesem Film: Die Prämisse ist extrem unlogisch. Ein Mensch, ein Säugetier, das so sehr schrumpft? Wie soll Scott seine höheren Gehirnfunktionen aufrecht erhalten? Wie -als er winzig wird – atmen? Wie…
Ja, ja, alles richtig aber QUATSCH! Das hier ist eben keine SCIENCE Fiction Film im Sinne von „wissenschaftlich“. Wer mit dieser Kritik an den Film herangeht hat ihn nicht verstanden, hat eine ganze Literaturgattung nicht verstanden. Viele großartige Werke des phantastischen Films und der phantastischen Literatur haben eine wissenschaftlich nicht haltbare Prämisse, deshalb handeln sie ja auch vom „Übernatürlichen“. So lange sie danach die innere Logik ihrer Geschichte halten ist alles gut. Wer damit nicht leben kann, soll Dokus schauen oder Physikbücher lesen. Literatur und Film spiegeln nicht das wahre Leben, denn das wahre Leben hat keine Dramaturgie. Von diesem Grundsatz ausgehend sind die Autoren des Phantastischen Genres eben nur noch ein wenig experimentierfreudiger als andere Literaten.

Abgesehen von der Kritik an der Prämisse ist der Film nahezu makellos, wenn man von etwas zu viel Pathos im Mono- und Dialog und den eher mittelmäßigen Schauspielern (Ausnahme: April Kent als Clarice, die ist sehr gut) absieht. Am auffälligsten ist die unglaublich gekonnte Dramaturgie, insgesamt wie in einzelnen Szenen und Sequenzen. In all seinen Filmen beweist Jack Arnold, dass er sehr gut weiß, wann und wie man Action aufbauen muss, wie man eine spannende Squenz langsam erzählt und wie man Relief einbaut. Mit Matheson hat er hier einen Autor, der ihm die congeniale Vorlage liefert, das Ergebnis ist ein Film, dessen Tempowechsel so meisterhaft sind, wie man sie heute nicht mehr erlebt. Permanente Action oder das bewusste Gegenteil entsprechen heute unseren Sehgewohnheiten, und selbst ruhige Filme kommen kaum noch ohne andauernde schnelle Schnitte aus. Hier ist das noch anders – und es funktioniert bis heute, zumindest bei mir.

Früher wurde der Film als Kritik am Kalten Krieg und am Atomzeitalter verstanden, später hielt man ihn für eine frühe und weitblickende Kritik an der Umweltverschmutzung. Da niemals genau gesagt wird, warum Scott schrumpft, kann er beides sein. Oder nichts davon – wahrscheinlich brauchte Matheson einfach nur einen Grund, um seinen Protagonisten schrumpfen zu lassen. Er ist nicht in die Falle getappt, eine harte Erklärung anzubieten und seine Geschichte damit einem Zeitgeist anzupassen. Seine Wolke ist und bleibt geheimnisvoll und damit zeitlos.

Mir gefällt außerdem besonders das offene Ende. Eigentlich mag ich es, wenn ein Film ein richtiges Ende hat, mit einem guten offenen Schluss kann ich aber auch leben. Der offene Schluss hier ist allerdings unbedingt notwendig, wenn man nicht die Phantasie des Zuschauers ersticken will. Gottlob tut Matheson uns das nicht an, sondern eröffnet eine Fülle von Möglichkeiten, über die man nächtelang reden kann. Danke. 🙂

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Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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6 Antworten zu schreckenbergschaut: FNHF Teil 9 – The Incredible Shrinking Man

  1. Sarah Wassermair schreibt:

    „(um den Gastbeitrag im Blog hast Du Dich ja hübsch herumlaviert, meine Teure 😉 ) “
    WAS? Ich erinnere mich an diesen Besuch nur dumpf durch einen dichten absinthduftenden Schleier der Verklärung – da hätt ich auch noch Schreiben sollen? Und du hättest so einen Schrieb dann mit deinem Namen in Verbindung gebracht gewusst? Da wären doch dann am Ende – Gott behüte! – überflüssige ADJEKTIVE drin gewesen! Positive Adjektive! Das kannst du doch gar nicht wollen!

    • Mountfright schreibt:

      Doch. Will ich. Entscheide Dich: Entweder demnächst, nüchtern (oder wie nüchtern man in Wien eben sein kann – aber bedenke, dort hast Du viele andere Pflichten) oder bei Deinem nächsten Rheinlandurlaub – auf die Gefahr hin, das Du wieder absinthiert oder vermalted bist. 😉

  2. Sarah Wassermair schreibt:

    Und: „Ein Mensch, ein Säugetier, das so sehr schrumpft? Wie soll Scott seine höheren Gehirnfunktionen aufrecht erhalten? Wie -als er winzig wird – atmen? Wie… “

    Wahrlich. Und dass Gregor Samsa plötzlich ein Exoskelett ausbildet, dass kann man mir darwinistisch auch nicht wirklich überzeugend bringen.

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