The 12 days before Christmas: Tag 7 – Taubenkrieg

Heute ist Dienstag, und das ist im Moment SAMCRO-Abend. Zu Anfang habe ich mir die Serie mit großer Skepsis angesehen und vor allem deshalb, weil ich ich mal sehen wollte, wie es aussieht, wenn Hellboy sich die Hörner abfeilt und eine Motorradgang übernimmt. Dann allerdings war ich positiv überrascht – statt der erwarteten Romantisierung einer kriminellen Vereinigung, wie man das ja schon aus diversen Mafiafilmen sattsam kennt, bekam ich eine sehr differenzierte und kritische Abrechnung mit dem Phänomen Motorradclubs geboten – und das, ohne dass mir die Hauptfiguren, die allesamt Mitglieder der „Sons of Anarchy“ sind (habe ich vergessen zu erwähnen – davon rede ich) unsympathisch wären. Das ist gut, denn von Leuten angewidert zu sein, die einem ehemaligen Freund ein großflächiges Tattoo aus dem Rücken brennen, weil dieser unvorsichtig genug ist, einen öffentlichen Auftritt seines Kindes zu besuchen, ist einfach. Dass ich mich aber mit manchen dieser Leute dennoch von Folge zu Folge identifiziere, das ist eine Leistung guter Drehbuch und Regiearbeit, verbunden mit guten Schauspielern.

Warum erzähle ich das – will ich Euch empfehlen, Euren Freunden und Verwandten „Sons of Anarchy„-DVD Boxen auf den Gabentisch zu legen? Keine schlechte Idee, gibt es aber erstmal nur auf Englisch. Die erste Staffel erscheint erst im März 2013 auf Deutsch und ist dann im Dezember sicher schon preiswerter.

Nein, ich möchte Euch ein Buch empfehlen, dass sich ebenfalls der Thematik annimmt. Anfang des Jahres erfuhr ich, dass die Krimiautorin Sandra Lüpkes meine Patin auf der Criminale 2012 sein würde. Was für eine großartige Patin Sandra war (und ist) habe ich an anderer Stelle geschrieben, hier geht es um eines ihrer Bücher, das ich mir im Vorfeld gekauft hatte um mal etwas von dieser mir bis dahin völlig unbekannten Frau zu lesen. Und ich kann es Euch nur wärmstens empfehlen:

Taubenkrieg

Taubenkrieg

Was ist das?

„Taubenkrieg“ ist ein deutscher Krimi, dass der sich des MC-Themas weniger bombastisch, weniger episch, weniger amerikanisch annimmt als eine Serie der Twentieth Century Fox ist klar. Hier geht es nicht um Waffen- und Drogenhandel im großen Stil und um den Niedergang ehemaliger Freiheitsideale und des amerikanischen Traums – hier geht es um einen Mord ohne Leiche im Mecklenburger Hinterland rund um Schwerin. Das verschwundene Opfer ist Mitglied des örtlichen Chapters eines fiktiven Motorradclubs, der „Devil Doves“. Sandras Ermittlerin, die Profilerin Wencke Tydmers, lässt sich in den Club einschleusen. Folgendes sagt die amazon-Kurzbeschreibung:

Inmitten eines brutal zerstörten Clubhauses des Motorradclubs Devil Doves am Ufer des Pinnower Sees breitet sich eine Blutlache aus. Von einer Leiche fehlt jedoch jede Spur. Das Blut scheint nach den Ergebnissen einer DNA-Analyse von Leo Kellerbach zu stammen, Staranwalt in Lederkluft und Vorsitzender der berüchtigten Devil Doves. Hundertschaften durchkämmen die Landschaft – doch die Leiche bleibt verschwunden. Wencke und ihr Kollege Boris Bellhorn werden als Verpächter des neuen Clubhauses in die Szene eingeschleust, unterstützt von Axel Sanders. Die drei Ermittler lernen eine völlig fremde Welt kennen, in der die deutschen Gesetze einen Dreck wert sind, wo es nur noch um Macht, Geld und Einflussnahme geht. Doch auch die Familie des Opfers gibt Rätsel auf …

(Wer immer diesen Text geschrieben hat – da sind ein paar Fehler drin, aber keine tragischen, im Kern passt das.)

Ich will nicht spoilern, also sage ich über die Handlung nicht mehr, als dass „Taubenkrieg“ ein packender, gut geschriebener Krimi ist, kurzweilig zu lesen mit einem letztlich doch überraschenden Schluss, obwohl ich mich lange auf der richtigen Fährte wähnte, und die auch nicht ganz falsch war. Das Buch hat aber noch ein paar andere Vorteile: Sandra Lüpkes hat sorgfältig recherchiert, und sie lässt uns an ihrem Hintergrundwissen in Form eines Glossars teil haben, das so ist, wie ein Glossar sein soll: nützlich und unaufdringlich! Hier brüstet sich die Autorin nicht mit ihrem anrecherchierten Wissen, sondern sie bietet eine echte Hilfe für alle Leser, die mit der Welt der Motorradclubs einerseits nicht vertraut sind, andererseits aber auch keine wissenschaftliche Arbeit darüber schreiben wollen, sondern einfach nur eine Krimi lesen. UND – ganz besonderes Lob: Sandra steht dazu, dass Wencke Tydmers eine Krimifigur ist, und daher, im Dienste der Geschichte, manchmal Dinge tut, die eine echte Profilerin nicht unbedingt machen würde. Oh wie wohltuend ist das in einer Welt, in der viele Krimi- und Drehbuchautoren so tun, als würden sie fiktive Dokus schreiben. Nein, die Geschichte regiert. Schön, dass mal jemand das zugibt.

Warum ist das ein gutes Geschenk?

Das Thema MCs ist im Trend, in den Nachrichten wie in den Geschichten, das sieht man an aktuellen Tatorten, an SAMCRO, jeden Monat mindestens einmal in der Tagesschau und spät nachts auf N24. Ein gut geschriebener, leicht lesbarer Krimi zu einem aktuellen Thema – das ist doch ein feines Weihnachtsgeschenk, oder?

Für wen?

Oh – für viele. Sandra Lüpkes schreibt sehr zielgruppenübergreifend ohne beliebig zu sein. Jedem Liebhaber moderner deutscher Krimis könnt Ihr dieses Buch bedenkenlos schenken, ebenso wie Thrillerfans. Der regionale Aspekt – Mecklenburg – hat auch seinen Charme, falls Ihr eine(n) Mecklenburger(in) beschenken möchtet. Muss aber nicht sein, ich war noch nie in Mecklenburg und es zieht mich auch nichts hin, dennoch habe ich das Buch mit viel Genuss gelesen.

Ein zusätzlicher Gedanke: Ich wusste Anfang 2012 noch nicht, dass Ende des Jahres die „Sons of Anarchy“ ein fester Termin auf meinem kargen TV-Kalender sein würden. Als es dann aber soweit war, war ich sehr froh, dass ich Sandras „Taubenkrieg“ gelesen hatte. Das Buch behandelt die ausgesprochen amerikanische Thematik der Serie mit einem sehr bodenständigen Bezug auf Deutschland, so dass ich vieles, was ich jeden Dienstag auf Kabel 1 sah, einordnen und in Hinblick auf die hiesige Realität verstehen konnte. Wenn Ihr also SAMCRO-Fans kennt (oder solche die es werden wollen), die nicht in die Romantikfalle getappt sind, dann kann dieses Buch ihnen sicherlich die Wartezeit versüßen. Denn heute endet hierzulande die erste Staffel. Und die DVD kommt, wie gesagt, erst im März. 😉

 

 

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Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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