schreckenbergschreibt: Aber früher war er besser…

Alle Künstlerinnen und Künstler von denen ich weiß, die sich über Jahrzehnte halten und originell bleiben, wandeln sich – und damit wandelt sich selbstverständlich auch ihre Kunst. Es sei denn, sie verlieren irgendwann ihre Kreativität und sind – aus kommerziellen oder persönlichen Gründen – gezwungen, das alte Zeug immer und immer wieder zu präsentieren, mal in neuem Gewand, manchmal nichtmal das. Mir fällt hier eine Band ein, die schon vor meiner Geburt sehr erfolgreich war, es bis heute ist, die ich sehr liebe für ihre großartige Musik – und die irgendwann, vor 30 Jahren oder so, begonnen hat, sich selbst zu kopieren, wieder und wieder und wieder und wieder… es ist sehr traurig, das mitanzusehen.

Ein Gegenbeispiel ist Leonard Cohen, der selbst unter widrigen Umständen und finanziellem Druck noch in der Lage war, kreativ zu sein, sich neu zu erfinden, alte Stücke neu zu präsentieren, neues, Originelles zu schaffen. Einige seiner Alben aus den 2000ern gefallen mir nicht so gut (die letzten beiden dann wieder sehr), aber das bedeutet nichts. Ich erwarte von einem/einer Künstler*in nicht, dass er oder sie jahrzehntelang meinen Geschmack bedient.

Und damit wäre wir beim Punkt des heutigen Eintrags: Zwei Künstler, die mich seit den 80er Jahren begleiten, haben sich in dieser Zeit sehr gewandelt – und dabei wütende Reaktionen bei ihren Fans hervorgerufen. Ich rede von Stephen King und Nick Cave. Wer Kings Geschichten aus den 70ern und 80ern mit seinen heutigen vergleicht, wer Nick Cave & The Bad Seeds von vor 3X Jahren und von heute hört, der wird einen großen Unterschied feststellen. Und nichts anderes ist zu erwarten.

Es gibt Fans, die verstehen das nicht. Sie haben King und Cave zu einem bestimmten Zeitpunkt ihrer künstlerischen Entwicklung kennengelernt, haben sich dafür begeistert – und erwarten, dass alles immer so bleibt, wie sie es gern haben. Diese Menschen haben, meiner Meinung nach, ein falsches Verständnis, sowohl von der Natur dessen, was ein(e) Künstler*in tut, als auch zum Verhältnis, das wir Künstler*innen zu den Menschen haben, die unsere Kunst konsumieren.

Wir lieben unser Publikum! Wir sind glücklich und dankbar, dass es uns und unsere Arbeit schätzt, dass es uns unterstützt, dass es uns stärkt und verteidigt. Aber wir schulden ihm nichts! Das Publikum gibt uns Applaus und Unterstützung (und – meistens – Geld), wir geben ihm unsere Zeit, unsere Mühen, unsere Kreativität, unser Herzblut. Und bestenfalls bleiben wir ein Leben lang zusammen. Aber niemand hat einen Anspruch darauf, dass wir gleich bleiben, exakt so wie an dem Tag, als wir uns kennengelernt haben.

Ich mag nicht alles von Stephen King und Nick Cave. Es gab Zeiten, da haben sie Kunst geschaffen, die nicht zu meinem persönlichen Geschmack passt. In diesen Zeiten habe ich mich an dem „guten alten Zeug“ erfreut und gewartet, wo ihre Entwicklung sie wohl weiter hin führt. Und siehe da – wir sind auch wieder zusammengekommen. Wenn man eine(n) Künstler*in wirklich verehrt, dann ist seine/ihre Entwicklung zu beobachten und daran Teil haben zu dürfen oft interessanter als die Werke selbst.

Nick Cave hat in seinen Red Hand Files gerade ein paar sehr kluge Worte dazu geschrieben – Ihr könnt sie hier lesen. Und wenn ich ihn richtig verstehe, gibt es auch ein Lied von ihm zu dem Thema. Es gehört zu denen, die ich mag:

Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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