schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 3 – Die Wahrheit über den König

Heute habe ich ein wenig Coronablues. Keine Ahnung, warum, vielleicht stressen mich die ständigen EILMELDUNGEN!!!!!!!!! mit so immens wichtigen Informationen, wie der, dass die Fussball EM auf 2021 verschoben ist. Ja… ich kann mir schwer vorstellen, wie ich überlebt hätte, hätte ich das zwei Stunden später erfahren. Natürlich könnte ich mich vom Nachrichtenstrom abklemmen, aber das würde auch bedeuten, dass ich a) aufhören müsste zu arbeiten und b) auch nützliche und wichtige Dinge (ein Großteil meiner Kontakte, beruflich wie privat, läuft über das Internet) nicht erfahren würde.

ABER: Weil ich Coronablues habe stelle ich heute für Euch und mich eine der wenigen fröhlichen Geschichten, die ich geschrieben habe ein. Viele werden es inzwischen wissen, aber ich hoffe natürlich auch auf neue Leser*innen, daher auch heute die Erklärung: Wir Geschichtenerzähler*innen haben und hatten immer schon in solchen Zeiten die Aufgabe, den Clan vor Langeweile und Trübsinn zu bewahren, ein wenig Zerstreuung zu schaffen und die graue Realität etwas bunter zu machen. Sarah und ich haben beschlossen, dieser Aufgabe nachzukommen, indem wir Euch jeden Tag ans virtuelle Lagerfeuer bitten und Euch eine Geschichte erzählen – sie für die Kinder, ich für die Großen.

Meine heutige Geschichte ist die einzige High-Fantasy-Geschichte, die ich je veröffentlicht habe. Sie erschien 2013 in dieser Anthologie:

Der volle Titel der Ausschreibung war „Zauberhafte Welten – mit Leichtigkeit“, und genau das war die Aufgabe: Eine Phantastische Geschichte zu schreiben, aber eben nicht düster, sondern ein wenig in die heitere Richtung. Zuvor noch das Formelle:

Wieder stelle ich die Geschihcte unter der Lizenz Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0)* ein. Bitte beachtet dabei, dass JEDE Verwendung den Hinweis auf die Erstveröffentlichung enthalten muss!

Und hier ist:




Die Wahrheit über den König

von Michael Schreckenberg

Erstveröffentlichung in „Zauberhafte Welten“, von Andrea Reichert (Hrsg.), Oldigor Verlag 2013.

„Er war ein Held“, stammelte General Karfragh unter Tränen. Im nächsten Moment erstarrte er, die Augen schienen aus den Tiefen des massigen Gesichtes herauszuquellen und aus seinem Mund kam ein langgezogener, gequälter Laut. Die Hand des Generals versuchte vergeblich, sich in die linke Brustplatte seines Harnischs zu krampfen. Er zog zweimal keuchend Luft ein, dann kippte er hintenüber, mitsamt seinem gewaltigen Sessel, keuchte noch einmal, rollte zur Seite und blieb liegen, so tot wie nur irgendetwas.

„Scheiße und Eis,“ röhrte N’ch, der Barbar.

Vrilla seufzte nur tief und sah Markill an, Heerführer, Kanzler und seit neuestem Regent, zu dessen Linken sie saß. Markill selbst war blass geworden. „Verdammt mich,“ flüsterte er. „Es wirkt. Was machen wir jetzt?“

Die Belagerung war anstrengend gewesen, damit hatten die Probleme angefangen, und das Volk in der Festung hatte alsbald angefangen zu murren. Gegen das Heer. Und den Krieg. Gegen das Essen. Gegen Markill, den angeblich so unfähigen Befehlshaber, gegen Karfragh, seine rechte Hand, gegen Vrilla und die Barbaren und alle anderen Verbündeten und zuletzt auch gegen den König. Nur gegen den Feind murrten diese fetten Städter nicht.

Dann – nach nur zwei Monaten der Belagerung, was gab es da denn bitte zu murren – hatte der Sturm begonnen und mit ihm die Schlacht. Drei Nächte und zwei Tage hatte sie gedauert, und am Morgen des dritten Tages, mit dem Aufgang der Sonne, ganz wie in einer dieser süßlichen Legenden, war Vrillas Bruder auf der Hügelkette erschienen und mit ihm das halbe Heer ihrer Mutter, und sie waren die Hügel hinab gestürmt in der Morgensonne, und die Feinde hatten sich zwischen Hammer und Amboss wiedergefunden und was für ein grässliches Gemetzel war das gewesen. Grässlich und erhebend, natürlich, wie ein Gemetzel nun mal ist, wenn man gewinnt. Vrilla war mitten unter den Streitenden gewesen und ihre Säbel hatten nicht wenig Nahrung gefunden, und Markill war ein großartiger Anblick gewesen, auf diesem gewaltigen Reittier und und als es vorbei war, und sie ihren Bruder in die Arme schloss, mitten auf dem Schlachtfeld, da hatte das Stadtvolk jubelnd auf den Zinnen gestanden, und von Murren keine Spur. Und endlich, als es wirklich ganz und völlig vorbei war, da war dann auch Lorenck vor dem Tor erschienen, der König, huldvoll lächelnd in seiner goldenen Rüstung. Aber ganz und völlig vorbei ist es nie, nicht wahr? Irgendein Feind hatte noch gelebt und eine Armbrust gehabt und einen Bolzen und Gift und so ein riesiger, dicker König in einer in allererster Linie schönen Rüstung ist dann auch kein besonders forderndes Ziel. Tja…

Immerhin hatte es lange genug gedauert, bis Lorenck der Achte, Sohn von Lorenck dem Siebten, geliebter Vater hier, Herrscher dort, Oberpriester hier und so weiter und so weiter, gestorben war. Er hatte noch unter alles seinen Vollziehungsstrich setzen können, was es zu vollziehen galt. Markill war Regent bis zur Großjährigkeit Lorenck des Neunten, die Barbaren bekamen ihren Lohn, Vrilla war endlich keine Geisel mehr sondern offiziell die Beraterin und Diplomatin, die sie inoffiziell schon seit ihrem elften Lebensjahr war, alles war gut. Nur, dass der König dann leider noch genug Leben in seinem Berg von einem Körper gehabt hatte durchzuhalten, bis sein Harem eingetroffen war. Und er hatte seiner aktuellen Favoritin, einer Hexe namens Jicke, die aus irgendeinem dunklen, blöden Wald stammte, der viele schöne, blöde Hexen hervorbrachte, sein Leid vorjammern können, von den undankbaren Städtern und ihren Lügen und den Intrigen am Hof und blablabla. Und was hatte das dumme Stück gemacht? Hatte es die Stadt verflucht, oder ihre Bürger, Felder, Erstgeborenen, was eine Hexe eben so tut, in ihrem Zorn? Nein, die hatte in den ganz großen Topf gefasst und die Lüge selbst verflucht. Hatte man so etwas schon gehört? Kaum hatte der König seinen letzten Atem ausgeröchelt, da war sie auf die Stadtmauer gestürmt:

„Dies schwöre ich: Wer meinem Liebsten, meinem König, dem großen, dem gnädigen, dem zärtlichen Lorenck auch nur eine Lüge hinterher sagt, der soll im selben Moment sterben, so lange ich lebe!“ Und es hatte einige Blitze gegeben und Rauch, alles in allem sehr beeindruckend. Und damit war plötzlich nicht mehr die Neuordnung des Landes oder die Regelung des Erbes oder die Erziehung des Prinzen oder auch nur die verdammte Totenfeier wichtig gewesen, sondern nur die Trauerrede auf eben dieser Feier. Der Kronrat und die Vertreter der Verbündeten saßen in einem leidlich komfortablen, verschwiegenem Raum im Bergfried zum gemeinsamen Grübeln. Und wenn noch irgendjemand am Ernst der Lage gezweifelt hatte, so hatte die unbedachte Sentimentalität des alten Generals ihn eines Besseren belehrt.

„Wie wir es auch machen,“ sagte Markill nun, „es wird eine Katastrophe. Spreche ich die Unwahrheit, sterbe ich am Rednerpult. Es gibt keinen Regenten und wir haben den schönsten Bürgerkrieg, kaum, dass wir Frieden hatten. Spreche ich die Wahrheit, bin ich als Regent unhaltbar und wir haben auch Bürgerkrieg.“

„Eis und Scheiße,“ bekräftigte N’ch. Vrilla sah ihn stirnrunzelnd an. Sie trauerte der Zeit nach, als die Barbaren noch gegrunzt und geblökt hatten, bevor dieses Schiff voller Mönche des Wissenslichts in der Eisbucht gestrandet war. „Du wirst Deine Worte mit viel Bedacht wählen müssen,“ sagte sie, mehr zu sich selbst. Markill hatte es natürlich gehört.

„Wie wäre es, wenn Du meine Worte wählst?“

Und selbstverständlich wandten sich sofort alle Augen ihr zu. Die des gesamten Thronrates, der seit Jahren gewohnt war, dass sie der Verstand und Markill der Arm des Königs waren, die ihres Bruders, der erstaunt und glücklich erkannte, welch hohe Stellung sie hier hatte, die des Barbaren, der einmal mehr ihre Brüste unter dem Wams einzuschätzen versuchte und die Markills, in die sie gerne einfach eine Weile zurück gestarrt hätte. Sie seufzte erneut und nickte. „Eine Grabrede für unseren…“ – sie konnte gerade noch verhindern, dass sie gewohnheitsmäßig eine Schmeichelei einfügte – „…für unseren toten König.“

Der große Saal war mit schwarzen Stoffen verhängt und solchen, die einmal schwarz genug gewesen waren, um angemessen zu sein. Der König lag in einem offenen Sarg, den zwölf sehr starke Sklaven hielten, siebenundsechzig Feuer brannten in übermannshohen Leuchtern, einer für jedes Lehen. Neben jedem Leuchter und vor dem Sarg standen je vier Musketenträger der Garde, in Grün und Gold. Vrilla saß in der ersten Reihe, gemeinsam mit dem Kronrat, den Verbündeten und den Würdenträgern der Stadt. Rechts neben ihr der Bürgermeister, der sie vor einer Woche als „schmarotzende Hure“ bezeichnet hatte, und vor wenigen Minuten, als sie unter dem Jubel der Städter den Saal betreten hatte, als „schönste Tochter unseres geliebten Brudervolkes“. Zu ihrer Linken saß N’ch, gehüllt ihn feinste Felle, von denen, wie er ihr anvertraut hatten, noch viel schönere und weichere sein Lager zierten. Sie hatte es mit freundlichem Nicken zur Kenntnis genommen. Je nachdem, wie das Kommende funktionieren würde, würde sie womöglich sehr schnell und sehr gründlich die Hilfe des Einheimischen rechts und des starken Mannes links brauchen. Denn nun betrat Markill den Saal. Es wurde still.

Seine Uniform war völlig schwarz und Vrilla ärgerte sich etwas darüber, dass sie registrierte, wie gut sie ihm stand. Er schritt angemessen langsam auf das Podest in der Mitte des Saales und warf von dort einen angemessen langen Blick auf den Sarg mit dem König darin. Vrilla schaute nach rechts, in das Seitenschiff, wo der Harem saß. Jicke thronte auf ihrem Ehrenplatz und hatte Markill scharf ins Auge gefasst. Der drehte sich nun langsam vom Sarg weg und blickte in die Trauergemeinde.

„Mein Herr Lorenck,“ begann er die Rede, die Vrilla mit Uhrmacherbehutsamkeit entworfen und mit ihm eingeübt hatte, „war ein überaus großer König.“

Denn vier normal dicke Könige hätten in ihm Platz gehabt“, ergänzte Vrilla in Gedanken.

„Seine Feinde zitterten vor der Macht seiner Heere.“

Wenn auch nicht vor ihm selbst.“

„Seine Freunde genossen seine Feste.“

Oh ja.“

„Wer ihn liebte, liebte ihn!“

Auf den Satz war Vrilla besonders stolz, und er verfehlte seine Wirkung nicht. Jicke schluchzte auf und nickte heftig.

„Seinen Kindern,“ rief Markill und richtete den Blick sanft auf den nächsten Lorenck, „war er ein Vater.“

Sofern er je eigene gezeugt hat.“

„Wer tatkräftig und klug war, konnte unter meinem Herrn zu großer Ehre gelangen.“

Weil er in seiner Faulheit jeden ins Joch spannte, der ihm irgendeine Aufgabe abnehmen konnte.“

„Doch er war milde zu jenen von geringem Verstand.“

Weil er sie als seine Brüder erkannte.“

So umschiffte er noch eine ganze Weile jede Klippe, und Vrilla hatte schon begonnen, sich zu entspannen, als dies kam:

„Ich erinnere mich noch gut an jenen Tag vor drei Wintern, als König Lorenck, den ‚Der Große‘ zu nennen ich mich nicht scheue, alleine den Eisriesen des Gebirges entgegentrat und ihnen seine Herausforderung entgegenschleuderte. Und die Unholde – sie erzitterten ob seiner Worte!“

„Oh nein,“ dachte Vrilla, und im nächsten Moment schwankte Markill und brach zusammen.

„Feldscherer!“ schrie sie, doch der Wundarzt der Garde war schon bei ihm, ein Freund, den sie aus vielen Schlachten kannten. „Er lebt!“ rief er. Und er schaute Vrilla direkt an. „Aber nicht mehr lange“, sagte sein Blick.

Vrillas Blick flog durch den Raum, Hilfe suchend, irgendetwas, dass ihren Geliebten vor dem Fluch und das Land vor dem Chaos retten würde. Was er gesagt hatte war nicht völlig falsch gewesen, deshalb war er nicht sofort gestorben, aber falsch genug, dass es ihn töten würde. Und ihr Blick blieb an Jicke hängen, der Urheberin des Unheils, die genauso verstört wie alle anderen auf die Soldaten blickte, die Markill aus dem Saal trugen. Sie rannte zu der Hexe hinüber.

„Holde Herrin,“ raunte Vrilla ihr ins Ohr. „Rettet diese feierliche Stunde. Geht nach vorne, sprecht über den König, über Eure Liebe.“

Jicke sah sie kurz verwirrt an, dann nickte sie entschlossen und schritt auf das Podest. Wieder wurde es still. Sie schaute auf den Sarg und begann schluchzend:

„Lorenck mein König – ich liebte ihn. Und er liebte mich.“

Als der Tumult neuerlich begann, lief Vrilla aus dem Saal.

Sie fand Markill in einer kleinen Rüstkammer, sie hatten ihn auf einen Tisch gelegt. Als sie in den Raum stürmte richtete er sich gerade vorsichtig auf. Der Wundarzt sah ihn an, erstaunt aber zufrieden ob der plötzlichen Heilung.

„Erbebten!“ rief Vrilla lachend, trunken vor Erleichterung. „Erbebten. Nicht erzitterten! Erinnerst Du Dich denn nicht, wie sie gelacht haben, die Eisriesen? Ich dachte, das ganze Gebirge stürzt zusammen.“

„Ja,“ Markill lächelte. „Meine Dummheit. Verzeih mir. Aber es geht mir besser.“ Erst jetzt merkte er, was er da gesagt hatte und schaute den alten Arzt verdutzt an. „Warum geht es mir besser?“

Vrilla trat an den Tisch und küsste ihn. „Der Fluch,“ sagte sie, „ist mit der Verflucherin gestorben.“

ENDE








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Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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