schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 24 – Tausch

So, heute erzähle ich Euch nochmal eine Geschichte ganz aus meinen Anfängen. Und ich lasse sie, von einigen ganz kleinen Änderungen abgesehen, wieder so wie sie ist, obwohl die Versuchung wirklich riesig ist, da mehr zu machen. Aus heutiger Sicht – immerhin schreibe ich im Moment vor allem Drehbücher – ließe sich da so viel am Dialog feilen, soviel mehr rausholen. 😀 Vielleicht mache ich das irgendwann auch mal, aber für heute überlasse ich die Bühne nochmal dem Jugendlichen, der eine Idee, ein Bild im Kopf hatte, und daraus eine schnelle, kurze Geschichte gemacht hat. Eine Skizze, eben, noch kein Bild.

Und tja – damit bin ich dann am Ende meines Kurzgeschichtenvorrats. Ich habe noch eine Serienkillergeschichte, aber mit Serienkillern habe ich es nicht mehr so. Dann ist da noch eine (wie ich finde) ganz gute Geschichte, auch aus der Frühzeit, wo ich mir als junger Mensch ein paar Gedanken darüber gemacht habe, wie es sein könnte, als alter Mensch zu sterben – finde ich aktuell nicht so passend. Dazu noch ein paar handschriftliche Dinge, zwei oder drei Fragmente… nichts, was ich hier verwenden könnte.

Fragt sich, wie es weiter geht. Ich könnte – wie Sarah – etwas Längeres in Fortsetzungen posten oder Fragmente aus bisher unveröffentlichten Romanen. Was wäre Euch lieber? Please let me know in the comments below. 😉




Wieder unter der Lizenz Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0)*.



Tausch

von Michael Schreckenberg

Der junge Mann hörte dem anderen aufmerksam zu. Irgendwie konnte er ihn schon sehr gut verstehen. Ihm wäre das Ganze vermutlich auch langweilig geworden. Natürlich. Sein eigenes Leben war so langweilig. Aber…

,,Ich mache das jetzt schon seit 22 Jahren.“ sagte der andere gerade. „Es ist so ermüdend.“

Der junge Mann fühlte sich etwas unangenehm, schließlich war er an der Situation nicht ganz unschuldig.

,,Lies doch mal ein Buch‘, schlug er zaghaft vor, ,,oder hör doch einfach mal zu, wenn ich Musik laufen lasse.“

Der andere verzogdas Gesicht ,,Geht nicht. Die Tür ist undurchlässig, wenn sie geschlossen ist. Hast Du mich jemals gehört?“

,,Nein“, gab der junge Mann zu.

,,Siehst Du? Und mit dem Lesen ist leider auch nicht viel los. Ich muß ja immer auf dem Sprung sein, da kann man sich nicht groß konzentrieren. Ich freue mich ja schon, dass ich mal so ganz normal mit Dir reden kann. Viele die dasselbe tun wie ich, haben dies Möglichkeit nie. Die meisten sind total neurotisch, wenn sie pensioniert werden.“

Der junge Mann nickte. Verständlich, klar.

,,Ich habe Dich angesprochen, weil ich Dich um etwas bitten will. Ich wäre nicht böse, wenn Du ablehnst. Aber – könntest Du nicht mal – mit mir tauschen?‘.‘

Der junge Mann erschrak.

,,Du brauchst keine Angst zu haben“, sagte der andere eilig, ,,wir tauschen natürlich wieder zurück. Oh ja. das müssen wir sogar, es geht gar nicht anders. Wirklich, also…“ er brach ab und schaute den jungen Mann an.

Der überlegte und zögerte lange, bis er sprach. Dann sagte er langsam. ,,Geht das denn überhaupt? Ich meine. meine Familie, das Studium. Ich…“

,,Keine Sorge,“ unterbrach der andere eifrig, ,,da gibt es gar keine Probleme, das garantiere ich Dir. Niemand wird es merken. Und so schlecht ist es dann auch wieder nicht. Es gibt viel zu sehen, viel, worüber man nachdenken kann. Nur, 22 Jahre sind eine lange Zeit und…“

,,Wie lange?“

,,Was?“

,,Für wie lange willst Du tauschen?“

Der andere starrte ihn eine Sekunde an. Dann verstand er.

,,Oh, oh ja, ich äh ich dachte so an zehn, also zehn, zwölf Jahre. Ich… ich…“ er brach ab und starrte den jungen Mann wieder an. Er konnte es offenbar nicht fassen.

,,Zehn Jahre?“

,,Na ja..“

,Verrückt‘, dachte der junge Mann. ,Verrückt. Tu es bloß nicht. Wer weiß, ob Du ihm trauen kannst.‘ Er sah den anderen, die flehentliche Bitte stand ihm ins Gesicht geschrieben. ,Nein!‘ schrie sein Verstand.

,,Fünf Jahre“, sagte er.

,Idiot‘, antwortete der Verstand.

,,Danke!“ sagte der andere. ,,Danke. Du wirst es nicht bereuen, das schwöre ich Dir. Danke.“ Er kam zu ihm herüber.

,,Kann ich wirklich da rein. Einfach so?“

,,Ja. Ganz einfach.“

Der junge Mann schüttelte wortlos den Kopf.

Dann stieg er in den Spiegel.

ENDE













*Dies ist eine allgemeinverständliche Zusammenfassung der Lizenz und Haftungsbeschränkung (die diese nicht ersetzt).

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Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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