schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 22 – Hallo Taxi!

So, das Feuer brennt, kommt näher, lasst Euch eine Geschichte erzählen. Sarahs und meine Aktion geht heute in die vierte Woche, für alle neu Dazugekommenen: Wir haben beschlossen, Euch für die Zeit der sozialen Distanz in Österreich und Deutschland jeden Tag eine Geschichte zu erzählen, sie für das jüngere, ich für das ältere Publikum. Wir tun dies in der Tradition unserer uralten Zunft der Geschichtenerzähler*innen, deren Aufgabe es immer schon war, die Moral des Clans am Lagerfeuer zu heben und schwierige Zeiten ein wenig leichter zu machen.

Nachdem ich Euch gestern relativ harten Tobak zugemutet habe, ist die heutige Geschichte eher freundlich-optimistisch. Finde ich. Wenn man darüber nachdenkt. Also… auf eine Art…

Diesmal sind auch wieder jüngere Zuhörer*innen zugelassen, wenn sie noch Lust auf eine zweite Geschichte haben, nachdem sie bei Sarah drüben von den Leiden des Herrn Salamacian erfahren haben. 🙂

Der Titel der Geschichte verweist auf ihre Entstehung als Beitrag zu einer Wettbewerbsausschreibung mit dem launigen Titel „Hallo Taxi“. Ich habe den Preis nicht gewonnen, ich bin nicht sicher, ob die Ausschreibenden (irgendwas mit Taxen, keine Ahnung mehr, was 😀 ) für diese Art der Interpretation ihres Berufes offen waren. Wobei ich meinen Fahrer hier wirklich sympathisch finde.

Wieder unter der Lizenz Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0)* .





HALLO TAXI

von Michael Schreckenberg

Als Sven auf die Uhr sah, war er schon zehn Minuten zu spät.

Zwanzig vor Zwölf! Verdammte Scheiße.

Er sprang so hastig auf, dass er in bester Slapstick-Manier fast den ganzen Tisch umgerissen hätte, er konnte es gerade noch verhindern und taumelte stattdessen, kaum weniger lächerlich, einige Schritte rückwärts. Die Aufmerksamkeit des ganzen Restaurants gehörte ihm. Sven setzte zu einer Erklärung an, sah, dass es sinnlos sein würde, verkniff sie sich und wandte sich stattdessen an Thomas, der neben ihm gesessen hatte.

„Könntest Du für mich zahlen. Ich… ich bin noch verabredet. Hab ich völlig vergessen. Wenn Du…“

„Kein Problem. Was ist denn los?“

„Nichts. Erzähle ich Dir morgen, okay? Ich muss nur wirklich schnell weg, jetzt.“

„Ja, mache ich.“

„Danke. Okay, also… War ein netter Abend, echt. Tschüss zusammen.“

Er warf einen Blick in die Runde der Kollegen, drehte sich um und verließ eilig das Lokal. Jaqueline wartete in der Lobby des Hotels auf ihn, in Leverkusen, verdammt, auf der anderen Rheinseite. Als er das letzte Mal auf die Uhr geguckt hatte war es halb elf gewesen. Und dann hatte jemand – Arne – hatte Arne diese beschissene Diskussion über Whisky angefangen. Oder nein – die Diskussion hatte er selbst angefangen. Und sich hineingesteigert. Und die Zeit vergessen.Und jetzt war sein Handyakku leer. Wie lange würde Jaqueline warten?

Planlos rannte er die Straße entlang, merkte kaum, dass es regnete, dass er nass wurde, haderte mit sich, dass er den Akkus nicht aufgeladen hatte, dass er nicht daran gedacht hatte, vom Restaurant aus im Hotel anzurufen. Langsam schälte sich so etwas wie ein klarer Gedanke aus dem Wust seiner Konfusion.

Er brauchte einen Bus. Oder noch besser – ein Taxi.

Sven erinnerte sich undeutlich, auf dem Hinweg auf der anderen Straßenseite einen Taxistand gesehen zu haben. Er schaute schnell nach links und rechts, sah, dass die Bahn frei war und rannte über die Straße.

Er hatte den Bus nicht wahrgenommen, der gerade aus der Haltestelle fuhr. Er hörte Bremsen zischen, wandte sich um, rutschte auf der schlüpfrigen Fahrbahn aus und sah hilflos, wie das Ungetüm sich auf ihn zu schob. Himmel, war der groß.

Im letzten Moment gewann Sven seine Fassung zurück und warf sich auf den rettenden Bürgersteig. Der Bus fuhr an ihm vorbei, der Fahrer starrte immer noch nach vorne, als läge Sven noch dort auf der Straße. De rappelte sich hoch, klopfte sinnlos sein völlig versautes Jackett ab und sah sich um. Glück im Unglück – ein Taxi kam aus einer Seitenstraße und fuhr auf ihn zu. Sven riss die Hand hoch und der Wagen hielt direkt vor ihm. Es war ein Volvo, ein alter 760, cremefarben natürlich. Auf der Tür prangte der Name des Unternehmens – „Psychopompos“, ein Grieche wohl – und als Maskottchen ein niedlicher Vogel, der eine Baseballkappe mit der Aufschrift „Taxi“ trug. Keine Rufnummer. „Dämlich,“ dachte Sven.

Der Fahrer beugte sich über den Beifahrersitz, öffnete die Tür und machte eine einladende Geste. Sven ließ sich in das Taxi fallen, mit dem üblichen Gefühl, dass er stets in Taxen hatte – saß er einmal darin, wollte er nie wieder aufstehen.

„Guten Abend.“

Er drehte sich zu dem Taxifahrer. Gottseidank – der sah nicht nach Generve aus. Ein dicklicher Typ, Ende 40, Südländer vielleicht, einen Akzent hatte er nicht. Womöglich war es Herr Psychopompos persönlich. Sven nickte ihm zu und schnallte sich an.

„’n‘ Abend. Nach Leverkusen, bitte.“

„Über den Fluss?“

Sven sah ihn überrascht an. „Ja. Leverkusen. Ramada Hotel. Kostet das extra, auf die andere Seite?“

Der Fahrer schüttelte den Kopf, stellte das Taxameter an und fuhr los.

‚Okay‘, dachte Sven, ‚einer von den Wortkargen.‘ Auch gut, würde er keinen dummen Smalltalk über das Wetter, den Effzeh, Politik oder sonst ein Thema machen müssen, dass ihn nicht interessierte. Im Moment interessierte ihn nur Jaqueline. Und das er möglichst schnell bei ihr war.

„Wie lange brauchen wir?“

Der Fahrer sah ihn mit ausdrucksloser Nachdenklichkeit an.

„Wie immer,“ sagte er schließlich.

„Was meinen Sie? Wie lange genau?“

„Nicht lange.“

Sven beschloss, es aufzugeben. Der Mann sprach zwar einwandfreies Deutsch, aber offenbar ließ sein Wortschatz zu wünschen übrig. Immerhin – ‚nicht lange‘ war unter diesen Umständen nicht schlecht.

Er sah auf die Uhr.

Gleich Mitternacht, er war schon eine halbe Stunde verspätet. Sven sah aus dem Fenster, aber er kannte die Gegend nicht, durch die sie fuhren. Dass hieß nichts, er wohnte erst seit zwei Jahren in Köln und es gab unzählige Ecken, die er noch nie gesehen hatte. Im Moment durchfuhren sie eine Wohnsiedlung, niedrige Einfamilienhäuser, hier und da ein kleiner Laden oder ein Kiosk, einmal glaubte er, einen Kindergarten zu erkennen. Kein Mensch war auf der Straße. Und kein Auto. Sven lehnte sich wieder zurück und schloss die Augen. Jaqueline. Er konnte sie fast fühlen. Er schlief ein…

…und schreckte mit einem Ruck hoch. Der Sicherheitsgurt bremste ihn schmerzhaft. Jetzt fuhren sie durch einen Wald. Einen sehr dichten Wald, wie es schien, die Bäume ließen fast kein Licht durch und er konnte die Straße kaum sehen, trotz der Scheinwerfer. Der Wagen ruckelte und schaukelte heftig. Er sah Tiere im Scheinwerferlicht, große Insekten, die er noch nie gesehen hatte, wie eine nicht besonders gelungene Mischung aus Motten und Libellen. Sven warf einen Blick auf den Fahrer, der ein Lied summte.

„Sind wir hier richtig?“

„Ja.“

Der Mann war von nervtötender Selbstsicherheit. Hätten sie nicht einfach über die B8 fahren müssen? Oder die A3? Aber doch sicher nicht über irgendeinen gottverlassenen Waldweg.

„Sind Sie ganz sicher?“

„Ja.“

„Sie fahren die Strecke oft?“

„Ja.“

Sven sah verstohlen auf die Uhr und stieß einen kleinen Laut der Überraschung aus. Erst fünf nach zwölf. Er hatte den Eindruck gehabt, mindestens eine halbe Stunde geschlafen zu haben. Mit deutlich verbesserter Laune wandte er sich an den Fahrer. Er hatte plötzlich das Bedürfnis, über Jaqueline zu reden. Sie würde da sein. Sie würde auf ihn warten, sicher.

„Wissen Sie, ich habe es etwas eilig. Ich hoffe, meine Freundin wartet auf mich.“

„Wartet sie schon lange auf Sie?“

„Ähm…“ machte Sven, „Ja, so… 35 Minuten.“

Jetzt schaute ihn der Fahrer erstaunt an. „Das ist nicht lang.“

Sven seufzte. Südländer, echt. Manana… „Ansichtssache.“

Der andere zuckte mit den Schultern. „Wie auch immer – wir sind gleich da.“

„Was meinen Sie…“

Sie hatten den Wald hinter sich gelassen und tatsächlich sah Sven, dass die Straße ein Stück weiter vorne an einem Flussufer endete. Dort, am Ende des Weges, wartete eine kleine Fähre, nicht viel mehr als ein besserer Nachen. Das Taxi hielt am Flussufer.

„Was soll das?“ fragte Sven.

„Sie müssen doch auf die andere Seite.“

„Ja, aber…“

„Der Fährmann bringt sie hinüber. Auf der anderen Seite werden sie erwartet.“

Sven sah wieder auf die Fähre. Ein kleines Boot, mit einem niedrigen Steuerhäuschen.

„Warum sind sie nicht einfach über die B8 gefahren?“

Der Fahrer lächelte nur.

Und Sven hatte mit einem Mal das starke, betäubende Gefühl, dass es richtig war, so. Dass es so sein musste. Er sah auf das Taxameter, konnte aber keinen Betrag erkennen.

„Wie viel schulde ich ihnen?“ fragt er mit trockenem Mund.

„Was sie geben wollen.“

Ja, warum auch nicht? Was er geben wollte. Gut. Er griff in die Tasche seines Jacketts, zog seine Portemonnaie hervor und reichte Psychopompos einen Fünfzig-Euro-Schein.

„Der Rest ist für Sie.“

„Danke. Hier, nehmen Sie das.“ Der Fahrer drückte ihm eine kleine, schwere Münze in die Hand. Eine Eule war darauf abgebildet. Und ein paar griechische Buchstaben. „Für den Fährmann. Bezahlen sie ihn erst, wenn sie auf der anderen Seite sind.“

Auch das klang richtig, fand Sven. Eine Erinnerung… „Ja. Ja, ich weiß.“

Es regnete immer noch. Weitere Erinnerungen kamen, Bilder. Seine Mutter, die für ihn sang. Der Geburtstag, an dem er das Feuerwehrauto bekommen hatte. Sein Vater, der ihn auf dem Gabelstapler fahren ließ. Der erste Kuss. Der erste Sex. Abifeier. Volontariat. Und Jaqueline, die Schöne, die Traurige. Dann das Essen mit seinen Kollegen. Zwanzig vor Zwölf, er war zu spät dran, Jaqueline wartete. Und der Bus. Der Bus, der immer näher kam. Der Schmerz…

Er war bei der Fähre angekommen und ging an Bord.

„Wie heißt dieser Fluss noch mal“, fragte er den Fährmann. Er hatte es einmal gewusst, aber wieder vergessen.

ENDE










*Dies ist eine allgemeinverständliche Zusammenfassung der Lizenz und Haftungsbeschränkung (die diese nicht ersetzt).

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Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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2 Antworten zu schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 22 – Hallo Taxi!

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