schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 23 – Puppenbrunnen

Heute erzähle ich Euch die letzte aus meinem Vorrat veröffentlichter Geschichten. Was ich dann noch habe sind einige alte Geschichten, die ich überarbeiten muss, oder mit denen ich Euch – wie schon mit „Unser Haus“ – einen Einblick in mein sehr frühes Frühwerk gebe. Und wenn die auch aufgebraucht sind… mal sehen. Ich habe Ideen, also keine Sorge – ich werden Euch nicht geschichtenlos lassen. 😉

Puppenbrunnen ist für diese Anthologie aus dem Jahre 2013 entstanden:

Und vielleicht passt sie besser in die jetzige Zeit als alle anderen. Immerhin geht es um einen Typen, der Stimmen hört und daher glaubt, besser informiert zu sein als alle anderen. Von denen haben wir ja gerade nicht wenige, gerade hier, im Netz. 😉

Das hier kennt Ihr schon:

Wieder unter der Lizenz Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0)* Bitte beachtet dabei, dass JEDE Verwendung den Hinweis auf die Erstveröffentlichung enthalten muss!

Und los geht es:





Puppenbrunnen

von Michael Schreckenberg

Erstveröffentlichung in „Mörderisch Bergisch“, Gardez!Verlag und JUHRVerlag 2013.

Everything you can think of is true“ (Tom Waits)

An den Finder dieses Briefes,

es ist wichtig, dass Sie die folgenden Zeilen genau verstehen. Es ist wichtig, dass Sie alles, was ich schreibe, sehr ernst nehmen. Ich vermute, nach dem, was geschehen ist, nach meiner Tat, habe ich Ihre volle Aufmerksamkeit. Für mich liegt meine Tat in der Zukunft. Für Sie liegt sie in der Vergangenheit. Bitte glauben Sie mir, dass ich all das, was geschehen muss, all das, was für Sie geschehen ist, ebenso grauenvoll finde wie Sie. Aber Sie müssen jetzt versuchen, mir zu folgen und genau zu verstehen, was ich Ihnen sagen will. Sie müssen versuchen, mich nicht als das Monster zu sehen, zu dem ich werden muss. Sie müssen mich verstehen. Sonst werden all diese Menschen, all die Kinder umsonst gestorben sein. Das wollen Sie doch nicht. Ich will es ganz bestimmt nicht. Ich will nicht sinnlos töten. Ich will nicht sinnlos sterben.

Ich nehme an, Sie sind Polizist. Oder Polizistin. Bitte fühlen Sie sich nicht beleidigt, wenn ich Sie nicht korrekt anspreche. Ich halte es für möglich, dass Sie direkt von der Schule hierher gekommen sind, dass Sie all diese Bilder im Kopf haben, es tut mir sehr leid. Vielleicht haben Sie auch selbst Kinder. Ich glaube nicht, dass es ihre Kinder getroffen hat, dann hätte man sie bestimmt nicht dorthin geschickt. Aber was Sie gesehen haben müssen – Sie haben mein ganzes Mitgefühl. Bestimmt haben Sie oder ein tüchtiger Kollege meinen Ausweis gefunden. Ich werde ihn nicht zufällig dort verloren haben. Ich will, dass Sie schnell hierher kommen und diesen Brief finden. Das ist wichtig!

Ich werde Ihnen alles von Anfang an erzählen. Ich weiß nicht, ob Sie mir danach glauben können. Wahrscheinlich nicht – Sie werden mich für einen Irren halten, einen von denen, die Stimmen hören und mit Dingen sprechen. Egal. Wichtig ist nur, und das müssen Sie mir versprechen, dass Sie mich ernst nehmen, und sei es nur für einen Moment. Fahren Sie zu dem Brunnen. Berühren Sie die Puppen. Und dann vernichten Sie sie! Für all die armen Kinder. Für all die zerstörten Familien. Für alle Menschen, dass es nie wieder geschehen muss. Und für mich. Versprechen Sie mir das! Habe ich Ihr Wort? Danke!

Vor zehn Jahren hat es begonnen. Sie haben den Brunnen wieder aufgestellt. Sie haben ihn neben die Sparkasse gestellt und das wird Sie überraschen: Ich weiß bis heute nicht genau, warum sie das getan haben. War es Naivität? Wusste dieser Obst- und Gartenbauverein nicht, was er tat, als er die Puppen wieder an einen Ort brachte, an dem sie Menschen anlocken und Macht gewinnen können? Oder arbeiten unter diesem harmlosen Deckmantel etwa noch immer Menschen daran, das Werk des verfluchten Wallace zu beenden, Verräter an ihrer eigenen Spezies, Verräter an der ganzen Schöpfung, zu welchem Zweck? Welches sollte ihr Lohn sein, für diese niedrigste aller Taten? Ja, es mag sein, dass sie wirklich arglos und naiv waren. Aber kann ich das wirklich glauben? Ich fürchte, ich kann es nicht. Ich bin mit meinen Nachforschungen noch nicht weit genug gediehen, meine Zeit war zu kurz. Werden Sie mir glauben, mein Leser, mein letzter Verbündeter? Werden Sie die letzten Puzzleteile zu dem großen Bild finden?

Vor zehn Jahren also stellten sie den Brunnen in die Mitte dieses kleinen grünes Fleckens neben der Sparkasse. Hat sich damals niemand gefragt – warum? Warum man gerade in eine Stadt wie Burscheid, eine Stadt der grünen Hügel und weiten Landschaft, eine solch traurige Entschuldigung für einen Park setzt? Nein, niemand hat gefragt. Vieh waren sie, Vieh sind sie alle, und ich bewahre sie vor der Schlachtbank. Ich werde mir meine Menschlichkeit entreißen um ihre zu bewahren.

Ich war damals 12 Jahre alt. Eigentlich schon zu alt für die vierte Klasse, aber ich war viel krank, zwei Jahre musste ich wiederholen, das erste und das dritte Schuljahr. Nach diesem Tag sollte ich nie wieder krank sein. Das muss Ihnen doch auch seltsam vorkommen. Wenn das kein Beweis ist! Aber es ist nicht der einzige.

Ich war also 12 und wir haben eine Klassenausflug zu dem Brunnen gemacht, kurz nachdem sie ihn wieder aufgestellt hatten. Ich war auch auf der Montanusschule, ist das nicht bitter? Ich werde heute Menschen töten die ich als Kind verehrt, fast geliebt habe. Glauben Sie nicht, das fiele mir leicht. Oh nein.

Den Ausflug machten wir gegen Ende des Schuljahres, zwei oder drei Wochen vor den Ferien. Danach ging es in die Lindenpassage auf ein Eis. Sagen wir es, wie es ist – unsere Lehrerin wollte sich einen kurzen Tag gönnen. Oder war es ihre Absicht, uns den Puppen zuzuführen? Ich glaube es nicht, obwohl es ins Bild passen würde. Aber ich kannte diese Frau. Kann ich mich so sehr irren?

Bevor wir unser Eis bekamen, mussten wir uns rund um den Brunnen aufstellen. Unter den Baum? War der Baum damals schon da? Ich bin nicht sicher. Eine Kaukasische Flügelnuss, ich habe nachgesehen, Pterocarya Fraxinifolia. Es bedeutet nichts. Die Zeichen sind überall, aber der Baum hat nichts damit zu tun. Sie müssen sich um den Baum nicht kümmern.

Da standen wir also, 21 kleine Viertklässler und ich, und sie erzählte uns von dem Brunnen. Und von dem Verein und dem Unfall und von Paris und von Wallace, dem Erzverräter, tausendmal verflucht, und von jenem mit dem Doppelnamen, seinem Jünger und Nachfolger im Verrat. Natürlich erzählte sie uns nicht die Wahrheit, die nur ich kenne. Sie erzählte die Geschichte, die alle kennen: Dass Wallace nach dem Deutsch-Französischen Krieg von Mitleid getrieben (MITLEID!!! Verflucht sei er, verflucht seine Heuchelei, verflucht sein Verrat, der mich zum Mörder macht. Keine Hölle brennt heiß genug für Dich, Wallace!!!!!!!), Brunnen habe aufstellen lassen für die arme Bevölkerung von Paris, dass Jener mit dem Doppelnamen mehr als dreißig Jahre später dann den einzigen Wallace-Brunnen in Deutschland gestiftet habe, just hier in Burscheid. Hat eigentlich nie jemand gemerkt, wie blödsinnig diese Geschichte ist? Das ergibt doch gar keinen Sinn. Burscheid! Warum Burscheid?

Ehrlich gesagt habe ich ich das selbst auch nicht herausfinden können, ein weiteres ungelöstes Rätsel. Wahrscheinlich musste es nicht unbedingt Burscheid sein, nur irgendein Flecken mit genug einfachem Volk, das nicht allzu viele Fragen stellt.

Auch ich bemerkte nicht, wie albern die Geschichte war, wie offenkundig widersinnig. Ich war ja noch ein Kind. Ich hörte gar nicht richtig zu, ich wollte mein Eis und überlegte schon, welche Sorten ich nehmen würde. Als der Unterricht aber dann zu Ende war und wir endlich abdackeln durften, da streifte ich im Gedränge mit der Hand den Puppenbrunnen, streichelte eines der Basreliefs, einen dieser Fischdrachen an der Basis des Brunnens. Nur eine flüchtige Berührung, der Bruchteil einer Sekunde. Doch da hörte ich zum ersten Mal die Stimme: „Komm zurück!“

Sie riefen mich den ganzen Tag und die ganze Nacht und noch einen Tag und noch eine Nacht. Am dritten Tag konnte ich nicht mehr widerstehen und folgte ihrem Ruf. Ich ging nicht in die Schule, ich ging zum Puppenbrunnen. Ich saß dort am Morgen und ich saß dort am Mittag und bis zum Abend. Viele Leute kamen vorbei. Niemand sprach mich an. Vielleicht konnten sie mich gar nicht sehen. Ich aber lauschte den Puppen. Immer redeten nur die drei Schönen. Ihre Stimmen sind klar und wenn sie sprechen, dann fühle ich mich ganz sicher und geborgen in der Wärme und Liebe, die in ihren Stimmen ist. Auch heute noch, obwohl ich weiß, dass es eine Lüge ist. Sirenengesang. Sie fangen Dich, sie singen für Dich, sie lullen Dich ein. Du hast Angst vor einer Mathearbeit? Lausche, lausche auf ihre Stimmen, auch wenn Du nicht beim Brunnen bist, sind sie bei Dir und sie geben Dir die Antworten, die Du brauchst. Jemand war böse zu Dir, hat Dich verletzt? Erzähle es den Puppen, sie singen für Dich, sie machen die Welt wieder schön. Und sie kümmern sich um Deinen Feind. Die Puppen können alles. Alles!

Was wäre passiert, wenn sie geduldiger gewesen wären? Wenn die vierte Puppe nicht so früh gesprochen hätten. Und wenn sie Lale in Ruhe gelassen hätten. Doch sie hatten nicht mehr viel Zeit. Vor vielen Jahren, in den 1960er Jahren, hat jemand erkannt, was der Puppenbrunnen wirklich ist und versucht, ihn zu zerstören. Das ist nicht gelungen, natürlich nicht. Aber der Brunnen war seiner Macht beraubt, niemand war mehr da, der ihm opferte, kaum ein Mensch hörte seinen Ruf. Bis er wieder dort aufgestellt wurde, mitten in der Stadt. Die Puppen hatten viel Zeit verloren.

Als die vierte Puppe sprach, war ich schon mehr als zwei Jahre lang zu den Puppen gekommen, immer wieder, hatte ihren Stimmen gelauscht, ihren Geschichten, ihren Belehrungen. Ich hatte ihnen geopfert. Die armen Tiere taten mir leid und meine kleine Schwester weinte so, als das Kätzchen nicht mehr wiederkam, aber die Puppen wollten es. Und der Lohn war so köstlich.

Es war an einem Winterabend, als die vierte Puppe sprach. Die, die immer im Schatten ist, die mit dem zerstörten Mund. Als ich ihre Stimme hörte schrie ich auf, so schrecklich ist diese Stimme. Sie tut weh. Doch sie hat Macht, viel Macht. Sie ist stark, diese Stimme. Und sie nahm mir etwas und sie gab mir etwas. Und sie erklärte mir alles. Sie sprach von einer uralten Rasse, älter als die Menschen, eine Rasse die von den Sternen kam, noch vor den Göttern. Eine Rasse die herrschte, bis sie besiegt wurde, vernichtet und gebannt. Wie Wallace, der Erzverräter, sie ins Licht zurückholte und verbarg, versteckte wie ein Buch in einer Bibliothek – denn die meisten Brunnen in Paris sind wirklich nichts als das: Brunnen. Teuflisches Genie, verflucht sei er. Und wie der Krieg im Geheimen neu entbrannte, wie Brunnen zerstört und Puppen getötet wurden, bis nur noch diese vier lebendig waren, die vier, die jener mit dem Doppelnamen wohlweißlich weit entfernt von der Front verborgen und im Verborgenen genährt hatte.

Im geheimen Puppenkrieg starben die Wissenden und so überlebten die Puppen hier, unbehelligt, abgesehen von diesem einen Anschlag, der einer Zufallsentdeckung entsprang, keinem Plan.

Und die vierte Puppe befahl mir, was zu tun sei. Es würde nicht schwer sein, wenige Taten über wenige Jahre, zur rechten Zeit am rechten Ort, wenn die Sterne richtig standen. Dann würde die alte Rasse befreit und die Menschen würden ihre Sklaven sein und ihre Nahrung, ich aber und meine Familie, wir sollten über die Menschen herrschen, so lange sie noch leben würden. Fürsten sollten wir sein, Götter.

Ich war gewillt alles zu tun, den Befehlen zu folgen, doch als ich mich vom Brunnen entfernte in dieser Nacht, da kam mir ein Gesicht in den Sinn, ein lachendes Gesicht, das neue Mädchen in meiner Klasse. Die einzige, die nett zu mir war, immer. Was würde dann aus ihr werden. Und unvorsichtig wie ich war sprach ich das Wort aus. „Lale?“

Sie starb zwei Wochen später. Ein betrunkener Autofahrer stieß sie von ihrem Fahrrad, auf der Straße nach Pattscheid, sie war auf dem Weg nach Hause. Er schleifte sie 500 Meter weit mit sich, bevor er etwas merkte. Der arme Mann. Er konnte nichts dafür, aber das wusste nur ich. Die Puppen hatten es getan, er hatte ihre Stimmen gehört. Doch Lale ist nicht umsonst gestorben, sie hat sich geopfert für Euch alle, so wie ich mich für Euch alle opfern werde, aber ohne meine Schuld auf sich zu laden.

Die Puppen hatten mir Lale genommen und ich begann, sie dafür zu hassen. Doch ich war klug. Sie ahnten nichts von meinem Sinneswandel, nach außen blieb ich ihr Diener, brachte weiter die Opfer dar, lauschte den Unterweisungen. Aber im Verborgenen las ich. Ich fand die Schriften, in denen die Wahrheit verborgen war. Ich las Machen und Lovecraft, Kafka und Konsalik, Clive Barker und Dan Brown. Und ich begann, mich vorzubereiten, denn ich wusste, wenn die Zeichen sichtbar würden, dann musste ich vorbereitet sein.

Ich besitze eine Anleitung zum Bau einer Maschinenpistole. Die einzelnen Bauteile habe unter unterschiedlichen Vorwänden von unterschiedlichen Schlossern herstellen lassen. Die Maschinenpistole funktioniert gut. Ich habe diese Anleitung nicht aus dem Internet, ebensowenig wie den Plan zum Bau meiner Bombe. Wer so etwas im Internet sucht, ist dumm. Eine Leihbücherei hier, ein Antiquariat dort, ein Flohmarkt in dieser Stadt, eine große Buchhandlung in einer anderen. Geduldiges Suchen und Finden. Niemanden fragen, nichts bestellen. Kleine Mengen, unverfängliche Einzelteile. Es ist gar nicht so schwer. Nur die Patronen waren ein Problem, da brauchte ich dann doch das Internet. Dieses eine Mal. Ein Risiko, aber ein geringes. Sie werden auf diesen Kauf stoßen, wenn Sie alles untersuchen, sofern Sie wirklich ein Polizist sind. Nur zu, folgen Sie meinem Weg, Schritt für Schritt. Wenn Sie verstehen, was ich getan haben, vielleicht verstehen sie ja doch, warum. Aber sie müssen zu dem Brunnen gehen. Sie haben es versprochen.

Anfang dieses Jahres begann ich, die Zeichen zu sehen. Immer waren es Kinder. Ein Fangenspiel, unverfänglich für jeden, der das Muster nicht kennt. Ein Fussballspiel der E-Jugend – warum schießt der Stürmer den Ball in diesem Winkel am Tor vorbei, warum köpft der Verteidiger den Eckball genau in diesem Moment ins eigene Tor? Die Zeichen waren überall, plötzlich, und ich begriff: Wieder die Kinder! Wieder diese Schule. Als mir klar wurde, was ich würde tun müssen, da weinte ich. Lange und voller Verzweiflung. Denn ich wusste – es waren nur wenige Kinder, die sie betört hatten. Aber ich wusste nicht, welche. Sie hatten sie versteckt, wie Bücher in einer Bibliothek. Einige kannte ich. Andere nicht. Ich verstand, dass es nur einen Weg gibt, um sicher zu gehen: Alle! Alle müssen sterben.

Auf dem Papier klingt das so einfach: Wenige müssen sterben, um viele zu retten, um Milliarden vor der Vernichtung zu bewahren. Ein paar Kinder für alle Menschen der Welt. Aber es ist nicht einfach, glauben Sie mir das. Nicht, wenn man selbst das Werkzeug der Rettung ist. Dennoch werde ich es tun. Sie werden es ja wissen, wenn Sie dies lesen. Wie ich in die Schule eingedrungen bin. Wie ich sie heraus getrieben habe, alle tötend, die nicht fliehen wollten. Meinen Wagen werde ich an der Sonnenuhr parken, und sie werden auf ihn zu laufen. Wenn die Bombe dann detoniert wird sie fast alle der Verbliebenen mit sich reißen. Um die wenigen Überlebenden und Verletzten werde ich mich dann noch kümmern müssen, bevor ich mich endlich, endlich selbst zur Ruhe schicken darf. Aber das wissen Sie ja bereits. Nur um die Puppen kann ich mich nicht mehr kümmern, ich habe die Kraft nicht mehr. Das müssen Sie dann tun. Es ist nicht schwer, auch sie werden geschwächt sein durch das Ende ihrer Geschöpfe. Wie es geht steht in dem Notizbuch, das ich neben diesen Brief legen werde. Und jetzt gehen Sie und tun, was getan werden muss, im Namen meiner Opfer und aller Menschen auf der Welt.

Ich wünsche Ihnen Glück. Ich wache über Sie!

Der unglückliche Retter der Menschheit.

Er faltet den Brief sorgfältig, steckt in in ein braunes DIN-A5 Kuvert auf das er noch einmal schreibt: „An den Finder.“ Er legt den Brief auf den Tisch. Er legt das Notizbuch daneben. Nimmt es noch einmal auf. Küsst es. Legt es wieder auf den Tisch, nimmt den Rucksack, verlässt die Wohnung und zieht die Tür zum letzten Mal hinter sich zu. Im Rucksack sind die Maschinenpistole, viel Munition, die Zünder, eine Flasche mit Mineralwasser und ein großes Messer. Er hofft, dass er das Messer nicht brauchen wird. Er läuft die Treppe hinab, geht aus dem Haus, steigt in das Auto. Die Bombe füllt den Laderaum und den halben Raum der umgeklappten Rückbank. Noch ist der Sprengstoff ungefährlich, nur elektrische Energie oder sehr große Hitze können die Reaktion auslösen. Rund um die Bombe hat er Kartons drapiert, voller Schrauben, Nägel, Rasierklingen, Blechstücke, Metallkugeln…

Es dämmert bereits. Er fährt die Kölner Straße hinauf, biegt dann auf den Zubringer ab und zur Autobahnauffahrt Opladen. Im Kreuz Leverkusen fährt er auf die A1. Er hat sich für die Autobahn entschieden, weil die Polizei auf der Bundesstraße zwischen Bergisch Neukirchen und Burscheid gerne mal blitzt. Und er weiß, dass er schnell fahren wird, seine Ruhe und Geduld sind dahin. Nur nicht im letzten Moment von einem Zufall gestoppt werden.

Er fährt schnell und schneller – und ist es ein Zufall? Ein Schlag, ein Knall, der Wagen schüttelt sich und dann beginnt die Welt sich zu drehen, rasend schnell. Der Raum um ihn wird eng und enger, sein Van verwandelt sich in einen Kombi, dann in einen Kompaktwagen. Der Airbag knockt ihn kurz aus und flabbert dann vor seinem Gesicht herum, als er in eine dumpfe Benommenheit erwacht. Irgend etwas kommt durch den Boden und dringt in seinen Körper ein, er spürt keinen Schmerz, er wird eins mit der Maschine. Noch ein Krach, noch zwei, drei heftige Bewegungen, dann Ruhe. Es riecht nach Benzin. Er sieht durch einen Schlitz zwischen Motorhaube, Dach und den Resten der Windschutzscheibe zwei helle Punkte auf sich zukommen. Schnell. Er riecht Benzin. Aus den Punkten werden Scheiben, Scheiben aus Licht, sie kommen wirklich sehr schnell näher. Und er riecht Benzin. Und dann hört er es. Erst leise und von fern, dann lauter und lauter werdend, alles verdrängend. Gelächter. Vier Stimmen. Und sie lachen und lachen und lachen. Und er beginnt zu verstehen. Die Falle. Die Täuschung. Er sieht noch einmal alle Zeichen, und er erkennt seinen Fehler. Er versteht nun, was das letzte Opfer ist. Es braucht gar nicht so viel. Das Blut eines Mannes reicht. Nun sind die hellen Scheiben da. Gelächter, Gelächter, Licht überall, und ein Wind, der seine Welt zerreißt.

ENDE

















*Dies ist eine allgemeinverständliche Zusammenfassung der Lizenz und Haftungsbeschränkung (die diese nicht ersetzt).

Sie dürfen:

Teilen — das Material in jedwedem Format oder Medium vervielfältigen und weiterverbreiten, solange Sie sich an die Lizenzbedingungen halten:

Unter folgenden Bedingungen:

Namensnennung — Sie müssen angemessene Urheber- und Rechteangaben machen, einen Link zur Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Diese Angaben dürfen in jeder angemessenen Art und Weise gemacht werden, allerdings nicht so, dass der Eindruck entsteht, der Lizenzgeber unterstütze gerade Sie oder Ihre Nutzung besonders.

Nicht kommerziell — Sie dürfen das Material nicht für kommerzielle Zwecke nutzen.

Keine Bearbeitungen — Wenn Sie das Material remixen, verändern oder darauf anderweitig direkt aufbauen, dürfen Sie die bearbeitete Fassung des Materials nicht verbreiten.

Keine weiteren Einschränkungen — Sie dürfen keine zusätzlichen Klauseln oder technische Verfahren einsetzen, die anderen rechtlich irgendetwas untersagen, was die Lizenz erlaubt.

Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
Dieser Beitrag wurde unter Quarantänegeschichten, schreckenberglebt, schreckenbergschreibt abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 23 – Puppenbrunnen

  1. Pingback: Quarantänegeschichten Teil 13 | Der Guppy war's und nicht die Lerche

  2. Pingback: schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichten – Zwischenspiel und Überblick | schreckenbergschreibt

  3. Pingback: schreckenbergschreibt: Das waren die Quarantänegeschichten | schreckenbergschreibt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s