schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 21 – Vasilisa

Heute erzähle ich Euch mal wieder eine von meinen veröffentlichten Geschichten. Sie ist 2015 in der untenstehenden Anthologie erschienen und sie ist – und ich meine diese Warnung wirklich, wirklich, wirklich sehr ernst:


NICHTS FÜR KINDER!

„Vasilisa“ – also die Geschichte – ist fünf Jahre alt, ich weiß nicht, wie aktuell sie noch ist und inwiefern das Prostituiertenschutzegesetz die Situation geändert hat. Ich fürchte, nicht sehr, aber ich bin, wie gesagt, nicht mehr so in der Materie. Die Recherche für „Vasilisa“ war psychisch anstrengend. Und das sage ich als männlicher Mitteleuropäer, der in einer sehr luxuriösen Situation ist. Im Gegensatz zu meiner Protagonistin und den Frauen, denen sie nachempfunden ist, hatte ich die Wahl, mich mit diesem Thema zu beschäftigen, und dann wieder auf Abstand zu gehen.

„Vasilisa“ ist, auch das ist wichtig, eine fiktive Figur, wie alle Figuren in der Geschichte. Ebenso alle Orte in der Geschichte, abgesehen von der Gegend, durch die sie bei ihrer Flucht läuft, die gibt es wirklich. WAS sie allerdings erlebt ist nicht fiktiv, sondern aus verschiedenen Recherchequellen zusammengesetzt. Und – es ist immer noch eine Geschichte, die in einer Regiokrimianthologie erschienen ist. Ihr dürft also annehmen, dass ich da nicht unbedingt das Schlimmste rein geschrieben habe, was ich bei der Recherche gefunden habe. Ich habe nichts verharmlost, aber das ist noch eine eher… massentaugliche Geschichte.

Soooo… nach all der Vorrede dürfte klar sein, dass diese Geschichte

WIRKLICH NICHTS FÜR KINDER SONDERN NUR FÜR MENSCHEN AB 16 IST!



Wieder unter der Lizenz Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0)* Bitte beachtet dabei, dass JEDE Verwendung den Hinweis auf die Erstveröffentlichung enthalten muss!


Vasilisa

von Michael Schreckenberg

Erstveröffentlichung in „Morde und andere Gemeinheiten“, JUHRVerlag 2015.

NICHT FÜR LESER*INNEN UNTER 16 JAHREN




Sterne über ihr. Der Duft von Wald und Gras. Die Bäume flüstern im Wind und ganz in der Nähe muss ein Bach sein, Vasilisa hört ihn rauschen, riecht ihn in der feuchten, kühlen Luft dieser Sommernacht. Schön. Schön ist es hier.

Fast wie zu Hause.

Sie verbietet sich den Gedanken. Hier, im hohen Gras kauernd wie ein Rehkitz, wachsam, ängstlich, mit nichts als einem plüschigen String-Tanga und einem T-Shirt bekleidet ist sie weit, weit weg von zu Hause. Und schön ist es hier auch nicht. Sie haben sich verlaufen, den Weg verloren, als sie kreuz und quer durch die Wiesen gerannt sind. Nur weg. Sie kennen das Geräusch des Autos, sie kennen es alle drei, und ein Blick genügte, das panische Erkennen, und sie sind von der Straße gesprungen, weg, nur weg. Und jetzt haben sie den Weg verloren.

Vasilisa spürt Olessya und Kazia mehr als sie sie sieht. Sie kauern in der Nähe, sind aber im hohen Gras nicht zu sehen, und das ist gut so. Wenn sie die Freundinnen nicht sehen kann, auf so wenige Meter, dann sind sie hier sicher, gut verborgen. Sie möchte hier bleiben, wo die Wiese duftet und der Wald rauscht, wo sie die Erde unter ihren bloßen Füßen spürt, sich mit den Händen hineinkrallen kann, die Erde selbst kann ihr hier Schutz bieten.

Illusionen. Die Erde bietet keinen Schutz, sie sprechen die Sprache nicht, sie haben keine Pässe, niemand kennt sie, niemand wird ihnen helfen, niemand wird sie schützen. Das hat selbst die Frau gesagt, die Frau mit den blauen Haaren, die Frau, die sie retten will. Sie wartet am Treffpunkt. Aber wenn sie dort nicht hinkommen, zur vereinbarten Zeit, dann wird sie nicht lange warten. Das Risiko ist zu groß. Und was dann?

Vasilisa weiß nicht, dass sie sich im Westen Deutschlands befindet, im Bergischen Land, in einem Ort namens Waldbröl. Sie haben ihr gesagt, dass es auf viele Kilometer im Umkreis nichts gibt als Wald, Hügel und ein paar Dörfer, in denen ihr niemand helfen würde. Stimmt das? Sie weiß es nicht, und sie wird es nicht herausfinden. Was sie weiß ist, dass sie nur eine einzige Hoffnung hat: Sie muss das Autohaus finden, ihre erste Wegmarke. Und von dort aus zu dem Parkplatz des Rewe-Supermarktes, wo die Frau mit den blauen Haaren wartet. Und sie weiß, dass sie sich niemals hätte träumen lassen, dass sie sich eines Tages in einer solchen Situation wiederfinden würde.

Sie hatte sich doch informiert. Vasilisa kannte die Geschichten von den Mädchen, die in den Westen gegangen waren, als Kellnerinnen, Tänzerinnen, Modells. Alle kannten die Geschichten. Sie kamen selten zurück kam, und wenn doch, dann schwiegen sie und niemand fragte. Und dennoch…

„Deine Chance! Als Modell nach Europa! Casting, erste und zweite Runde im Stadttheater.“

„Lass uns hingehen,“ hatte Vasilisa gesagt. Tanja war skeptisch gewesen. Wegen der Geschichten. Also hatte Vasilisa recherchiert, mehr um die Freundin zu überzeugen als für sich selbst. Sie hatte die Agentur gegoogelt, hatte sogar in Deutschland angerufen. Die Mitarbeiterin dort war freundlich und sprach ebenso gut Englisch wie Vasilisa. Ja, eine kleine Agentur. Bilder für Kataloge, Anzeigen in Zeitschriften und im Internet, Plakate. Keine Stars unter Vertrag, keine berühmten Namen, aber einige Mädchen, die mit diesen Jobs gutes Geld verdienten. Das deckte sich mit dem, was die Recherche in den Suchmaschinen ergab. Die Anzeigen waren echt, zwei der jungen Frauen waren sogar in einer deutschen Fernsehwerbung zu sehen, sie fand sie bei Youtube und auf der Homepage der Baumarktkette. Die Agentur gab es wirklich, und sie beschäftigte wirklich junge Frauen aus Osteuropa, auch Ukrainerinnen wie Vasilisa und Tanja. „Das ist wirklich eine Chance, eine echte Chance,“ hatte sie Tanja bedrängt. „Du sagst doch selbst – alles ist besser als hier zu leben.“

„Und alt zu werden,“ hatte Tanja gelacht. „Ja, gehen wir hin.“

Der Vorraum des Theaters war voll gewesen, sie hatten eben noch einen Platz auf einem der Stühle ergattert. Einen großen Teil der Mädchen kannte Vasilisa, von der Schule, aus dem Schuppen, der sich hier großspurig „Disko“ nannte. Fast alle waren sie in ihrem Alter, 17, ein, zwei Jahre älter oder jünger. Vasilisa hatte gesehen, wie der Mann an der Tür zwei kleinere Mädchen wieder nach Hause geschickt hatte, die mochten so 13 oder 14 gewesen sein. Ein paar Frauen waren älter, Anfang, Mitte 20. Von denen kannte sie nur Alina, die wohnte mit ihrer Tochter im selben Haus wie Vasilisas Familie. Vasilisa winkte ihr zu, Alina nickte nur kurz.

„Wir repräsentieren Top-Models auf der ganzen Welt,“ erklärte der ukrainische Vertreter der Agentur, ein rundlicher junger Mann der sich als Yegor vorgestellt hatte, „ihr kennt sie aus dem Fernsehen und den großen Modezeitschriften.“ Die Namen der Top-Modells nannte er nicht. Vasilisa knuffte Tanja in die Seite und grinste sie an. Sie hatte sich ja informiert… Das, was sie unter einem Top-Modell verstand vertrat diese Agentur nicht. Aber sie nahm es Yegor nicht übel, Trommeln gehörte wohl zum Handwerk. Und wer weiß – vielleicht waren ja schon einige berühmte Models dort herausgekommen und später zu größeren Namen gewechselt.

Mit Yegor waren zwei Fotografen gekommen, eine Frau, die Fragebogen austeilte und zwei Männer, die sich im Hintergrund hielten und nie etwas sagten. Tanja und Vasilisa brüteten gemeinsam über ihren Fragebögen. „Viel über unsere Familie,“ sagte Tanja. „Wozu wollen die das wissen?“

Vasilisa zuckte mit den Achseln. „Vielleicht, damit sie wissen, wie sie uns einsetzen können? Fernsehspots in denen eine ganze Familie zu sehen ist, oder so? Muss man ja spielen können.“

„Hm,“ machte Tanja. Dann wurden ihre Augen weit. „Bitte – was?“ Sie hielt Vasilisa den Fragebogen hin und deutete auf die 43. Frage. „Ob ich schon einmal mit einem Mann geschlafen habe? Was geht die das denn an?“

Sie hatte es laut und empört gesagt, Yegor kam an ihren Tisch geeilt.

„Kann ich euch helfen, Mädels?“

Tanja tippte auf Frage 43 und sah ihn anklagend an. Er lächelte verlegen. „Ja, das fragen viele. Wisst ihr… wir haben viele Kunden im Nahen Osten. Und die sind da manchmal etwas eigen. Uns ist das völlig egal, ehrlich. Und wir behandeln das auch diskret.“

„Nein, tut mir leid,“ Tanja stand auf.

„Tanja…,“ sagte Vasilisa.

„Bleib doch wenigstens noch, bis wir die Fotos gemacht haben,“ schlug Yegor vor. „Du kannst deine behalten, auch wenn du nicht durchs Casting kommst. Oder vorher wieder gehen willst.“

„Aber ich muss dafür den Fragebogen ausfüllen?“

Er hob entschuldigend die Hände. „Schon. Aber wenn wir dich nicht in die Kartei nehmen, dann vernichten wir den sowieso. Was sollen wir denn noch damit?“

Tanja setzte sich wieder, grummelte, schrieb aber weiter und gab schließlich ihren Fragebogen gemeinsam mit Vasilisa ab. Aber als sie am Abend, nach der Fotosession, wieder alle zusammentrafen, da gehörte Vasilisa zu denen, die für den zweiten Tag eingeladen wurden. Tanja nicht. Immerhin hielt er sein Versprechen: Beide bekamen vier Ausdrucke auf Fotopapier. Tanja zeigte ihre Vasilisa.

„Sehen cool aus, oder?“

Vasilisa wog unglücklich den Kopf. „Vielleicht, wenn du mehr gelächelt hättest…“

Tanja lachte. „Ich will doch sowieso nicht Model werden. Und ich mag die Bilder.“

Auch Vasilisa lächelte jetzt. „Ja, passen zu dir.“

Die beiden umarmten sich zum Abschied und tauschten Küsschen.

„Viel Erfolg morgen,“ sagte Tanja. „Du schaffst das bestimmt.“

Wohin? Vasilisa hebt den Kopf über das Gras und schaut suchend in die Runde. Dort unten läuft die Straße, dahin kann sie nicht zurück. „Wohin?“ zischt nun auch Kazia auf Russisch mit hartem Akzent. Olessya kommt auch aus der Ukraine, Kazia dagegen ist Litauerin. Vasilia, Olessya, Kazia. Schon die Namen sagen zu dürfen bedeutet Freiheit. Dort waren sie Zuzana, Swetlana und Roxy. „Das sind Eure Namen!“ hatte der Deutsche gesagt. „Die anderen vergesst Ihr besser.“

Sie muss den Weg finden. Sie ist die Erfahrenste, die Älteste vielleicht auch, sie hat die beiden angestiftet, mitzumachen. Warum? Alleine hätte sie es nicht geschafft, weder, Lars zu überwältigen noch durch den Zaun zu kommen. Sie brauchte Helferinnen. Und nun ist sie für sie verantwortlich.

„Dort!“ Nur ein Gefühl, sie läuft die Wiese hinauf, die anderen folgen ihr. Und dann sieht sie es, leuchtend in der Dunkelheit, und die Erleichterung breitet sich warm in ihrem Bauch aus, macht ihre Beine weich, fast fällt sie.

BMW!

Die erste Wegmarke, ein Autohändler. So sehr hatten sie sich gar nicht verlaufen. Vasilisa läuft den Weg entlang, zwei Bäume bilden mit ihren Blättern ein Tor, fast hat sie das Gefühl, hindurch in die Freiheit zu laufen, dabei haben sie gerade mal die erste Etappe geschafft. Und auch das noch nicht ganz.

Kazia rennt an ihr vorbei, keuchend, lachend und Vasilisa stürzt in die Wirklichkeit zurück, sieht ihren eigenen Leichtsinn in dem der Freundin.„Kazia!“ zischt sie, so laut wie möglich, so leise wie die Vorsicht es gebietet. „Warte!“

Die Kleine hört sie nicht und Vasilisa beginnt zu sprinten, bleibt dabei geduckt. Ihre Sinne sind jetzt angstscharf, der Instinkt eines Tieres, und sie wittert Gefahr. Der Bach rauscht noch, das Laub wiegt sich immer noch flüsternd im Wind, dennoch ist es still, so menschenstill, dass sie Kazias klatschende Schritt auf dem Asphalt deutlich hört. Das Mädchen hat die Wiese längs des Weges verlassen und rennt hügelabwärts auf das Autohaus zu, jede Deckung vergessend, was macht die da?

Vasilisa hat Kazia fast eingeholt, als sie die Wagen sieht. Und einen erkennt sie sofort. Sie wirft sich nach links rennt weiter, dort, hinter dem BMW-Haus sind Autos abgestellt, viele Autos, zwischen denen kann sie sich verstecken. Olessya ist hinter ihr, neben ihr, sie war die ganze Zeit da. Unten flammen Scheinwerfer auf, Kazia schreit auf. Olessya schaut Vasilisa an.

„Woher wussten die das?“

Die Ältere schüttelt den Kopf. „Ich weiß nicht. Aber… wo sollten wir denn hin. Die Frau hat gesagt, wir müssen uns verstecken, sie werden überall sein.“

Olessyas Gesicht ist reine Hoffnungslosigkeit. „Aber wieso gerade hier? Woher wussten die das? Es gibt so viele Wege, so viele Orte…“

Wieder schüttelt Vasilisa den Kopf. „Nein. Hier gibt es nicht viele Orte, nicht wirklich. Sie brauchten nur…“

Weiter kommt sie nicht, denn jetzt schreit Kazia. Und es ist kein Schrei des Erschreckens, wie vorhin. Da ist nur Schmerz. Und Verzweiflung.

Und noch ein Schrei, lang.

Vasilisas Körper ist gelähmt, ihr Verstand aber ist seltsam klar. „Eine Botschaft ist das,“ denkt sie durch die Schreie der Kleinen hindurch. „Niemand hört Euch. Niemand wird Euch helfen.“

Olessyas Hand auf ihrem Arm, dort unten noch ein Schrei, die Finger krallen sich in Vasilisas Bizeps.

„Wir müssen… wir müssen…“ stammelt Olessya.

„Kommt raus!“ Lars‘ Stimme. Der Zorn darin ist echt, sie haben ihm vorhin übel mitgespielt. Nicht übel genug.

„Warum haben wir ihn nicht umgebracht?“ fragt Vasilisa sich, während ein anderer Teil ihres Verstandes mit fliegender Hast einen Ausweg sucht. Und wieder schreit Kazia, wilde, keuchende Schreie mit jedem Atemzug, als menschlich kaum noch zu erkennen. Das muss doch jemand hören. Aber selbst wenn? Wer folgt denn solchen Schreien mitten in der Nacht? Neben ihr beginnt Olessya zu weinen.

„Niemand wird Euch helfen.“ Das hat Lars gesagt, das haben Oleg und Tommy gesagt und wie sie alle heißen, und das hat die Frau mit den blauen Haaren gesagt. „Niemand. Nur ich.“

Die Frau ist nicht weit von hier. Sie wartet auf dem Parkplatz es Supermarktes, und noch ist es nicht zu spät, bestimmt nicht.

„Kommt raus, oder ich schneide die kleine Fotze in Streifen!“

Wieder schreit Kazia.

„Ist gut!“, schreit Olessya unter Tränen. „Wir machen was Du sagst!“

Sie dreht sich nach Vasilisa um – aber die ist verschwunden.

Dass Olessya brechen würde, war Vasilisa mit dem ersten Schluchzen klar. Und was das bedeutete auch. Sie schleicht zwischen den Autos hindurch, während die Stimmen näher kommen. Ein dumpfer Laut, wieder ein Schrei, das ist Olessya. „Gut,“ sagt ein böser, pragmatischer Teil in ihr der Teil, der sie durch all das Entsetzen hindurch vor der Panik bewahrt. „Gut. Wenn sie mit ihr beschäftigt sind, dann können sie nicht nach dir suchen.“ Sie schleicht um das Autohaus herum, schneidet den Weg durch einen Grünstreifen mit Bäumen und Büschen hindurch ab und gelangt auf einen weiteren Parkplatz.

Jenseits der asphaltierten Auffahrt zum Autohaus sieht sie einige flache Gebäude und davor das genau Gegenteil des sauberen, leuchtenden, aufgeräumten Glasbaus hinter ihr. Container, Haufen schwer erkennbarer Dinge, Chaos. Gute Verstecke, während die Stimmen näher kommen.

Sie sprintet über die Straße springt an den Zaun und sieht den Stacheldraht zu spät. Als sie sich über den Rand schwingt reißen die Dornen ihren Unterschenkel auf, aber der Schmerz ist fern, nichts verglichen mit der Erleichterung darüber, dass niemand ihren Spurt und ihren Sprung gesehen hat. Sie kriecht in einen flachen Container, verbirgt sich im Schutt. Der Riss in ihrem Bein schmerzt, Blut fließt auf ihre Füße, aber das ist jetzt nicht wichtig. Still sein. Kazia schreit. Klein sein. Und Olessya. Eins werden mit der Umgebung. Lars brüllt nach ihr. Nicht mehr da sein.

Vasilisa weiß nicht, dass sie sich auf dem städtischen Bauhof versteckt hat. Sie weiß nicht, dass ihre Häscher in Zeitnot sind, dass der Wachdienst, der ein Auge auf das BMW-Autohaus hat, bald wieder hier vorbei kommen wird. Dass es vielleicht das Beste für sie wäre, bliebe sie einfach hier liegen und ließe sich am nächsten Tag finden. Sie hat gelernt, dass sie keiner Hoffnung trauen kann. Nur den Drohungen, die immer wahr werden. Und sich selbst.

Am zweiten Tag waren nur sehr wenige zurückgekommen. Vasilisa erkannte erstaunt, dass nicht einmal alle die noch da waren, die am Abend zuvor eine Einladung für das zweite Casting bekommen hatte. Vielleicht hatte manche abgeschreckt, dass der Vertrag in Hebräisch geschrieben war – weil ihre ersten Jobs in Tel Aviv gebucht waren, hatte Yegor erklärt. Da suchte ein Kunde für einen Modekatalog natürliche, unverbrauchte Gesichter, und die Agentur wollte sie gleich dorthin schicken. Sonne, Strand, einige würden sogar einen Surfkurs machen, für die Bademodenfotos. Wer wollte konnte sich eine Übersetzung der wichtigsten Punkte geben lassen, und Vasilisa hatte darauf bestanden. Alles klang gut, nur, dass sie die 5000 Euro, die die Agentur ihnen für Kleidung, Unterkunft, Reisen und Setcards vorstreckte würde zurückzahlen müssen machte ihr etwas Sorge. Aber Yegor meinte, die meisten hätten das in drei Monaten wieder drin, die Letzten normalerweise nach einem halben Jahr.

Zu Hause musste sie keine große Überzeugungsarbeit leisten. Bei einigen von den anderen mochten die Eltern Probleme gemacht haben, aber ihre Mutter war beschäftigt und unterzeichnete den Vertrag für sie ohne überhaupt hinzuschauen, ihr Vater war wie üblich nicht zu Hause. Zu den wenigen, die am zweiten Tag zurückkehrten, gehörte auch Alina.

„Wie machst du das mit deiner Kleinen?“ fragte Vasilisa sie in einer Pause des Castings.

Alina zuckte mit den Schultern und seufzte. „Meine Mutter passt auf sie auf. Wenn ich Urlaub habe, komme ich zurück. Ich mache das nicht länger als drei oder vier Jahre, dann habe ich genug Geld und komme zurück, bevor sie in die Schule kommt.“

Vasilisa hatte genickt. Das klang nach einem guten Plan.

Das zweite Casting bestand aus einer weiteren Fotorunde, diesmal mussten sie dabei tanzen, und dann fast nur aus einem langen Vorstellungsgespräch. Die beiden Männer, die gestern kein Wort gesagt hatten, wurden ihnen als Herr Bruijn und Herr Ackermann vorgestellt, sie führten die Gespräche. Vasilisa konnte sich nachher kaum daran erinnern, nur, dass es lange gedauert hatte, dass es um ihre Familie gegangen war, die Schule, die Freundinnen, sie war zu aufgeregt gewesen. Yegor hatte ihr bedeutet, dass diejenigen, die sie dazu einladen, hatten so gut wie aufgenommen waren. Und tatsächlich schickten sie danach nur noch zwei Mädchen nach Hause, die Vasilisa flüchtig aus der Schule kannte. Jetzt waren sie noch neun. Yegor strahlte sie an.

„Glückwunsch, ihr Lieben. Ihr habt es geschafft.“

Vasilisa brauchte einen Moment, bis sie begriff, und dann brach der Jubel sich Bahn. Sie schrien, klatschten und lachten, einzig Alina lächelte nur ein bisschen, aber das verstand Vasilisa. Die dachte bestimmt an die lange Trennung von ihrer Tochter.

Dennoch waren sie am Abend nur zu siebt als sie, Rucksäcke, Koffer und Taschen neben sich, darauf warteten, dass Yegor sie abholte. Er kam mit einem geräumigen Van, schaute in die Runde, erkundigte sich nach dem Verbleib der beiden Fehlenden, wartetet dann aber nicht, sondern ließ sie alle in den Wagen steigen.

Sie fuhren stundenlang, Vasilisa nickte zwischendurch ein und konnte so nur raten, wie lange sie unterwegs gewesen waren, als sie auf einen Parkplatz in der Mitte von Nirgendwo einbogen, rings um sie nur hohe Nadelbäume. Am Himmel war das nächtliche Schwarz bereits dem tiefen Blau der ersten Dämmerung gewichen. Das war Vasilisas liebste Zeit am Tag, sie liebte die Farben und die Luft vor dem Morgen. Als sie aus dem Van stieg atmete sie tief ein und lachte. Wenn das kein gutes Omen war.

Yegor ging zu den Bussen hinüber, in denen bereits einige Frauen saßen. Vor den Fahrzeugen standen dagegen ausschließlich Männer. Yegor sprach mit ihnen, die Atmosphäre schien freundlich, die Männer nickten viel und lachten. Dann kam ihr Begleiter zurück.

„Du, Du und Du.“ Er zeigte auf Vasilisa, Alina und ein Mädchen namens Leyla, das Vasilisa nicht näher kannte. „Ihr fahrt da mit.“ Er zeigte auf den linken Bus. „Der Typ heißt Tommy. Netter Kerl.“

„Auch von Eurer Agentur?“ fragte Alina. Yegor nickte.

Gerade als Vasilisa einsteigen wollte, gab es Tumult an dem anderen Bus. Sie zerrten eine schreiende junge Frau heraus, sie blutete aus der Nase. Die Frau taumelte ein paar Schritte, dann trat einer der Männer ihr die Beine weg und sie fiel. Zu viert traten sie auf sie ein, bis die Schreie aufhörte und das Bündel sich nicht mehr bewegte. Vasilisa und die anderen starrten fassungslos. Zwei der Männer lösten sich aus der Gruppe und kamen zu ihnen. Der eine ging an Vasilisa vorbei ohne sie auch nur anzusehen und setzte sich auf den Fahrersitz des Busses. Der zweite baute sich vor ihre auf und sah sie herausfordernd an. Er war kaum größer als sie, aber er schien nur aus Schultern, Armen und einem riesengroßen, kantigen Gesicht zu bestehen.

„Was?“

„Wieso…“ flüsterte Vasilisa.

„Journalistenschlampe. Hat sich bei uns eingeschlichen. Steig ein.“ Und dann, wie um irgendeine Form wiederherzustellen. „Kannst mich Tommy nennen.“

Sie suchen nach ihr, Vasilisa hört sie, Schritte, Gemurmel. Die Nacht ist so still, dass sie die Worte fast versteht, und dazwischen das erstickte Schluchzen. Sie vermutet, dass es Olessya ist. Immerhin quälen sie sie nicht weiter, nicht jetzt und hier. Sie haben wohl begriffen, dass Vasilisa für Olessya ebensowenig herauskommen wird wie für Kazia. Also warum weitere Wertminderung an der Ware betreiben. „Ramschen“ nennen sie das, und sie machen es selten. Geschäft ist Geschäft. Dann, ein paar grauenvolle Sekunden lang das Rappeln des Zauns, sie ist überzeugt, dass sie hinüberklettern und sie finden werden, nur eine Frage der Zeit. Und dann? Sie weiß, was mit Alina geschehen ist…

Aber niemand klettert über den Zaun, stattdessen Tommys laute Stimme, sie hört die Wagentüren, dann die Motoren, sie fahren davon.

Vasilisa ist nicht naiv genug zu glauben, dass sie die Jagd aufgegeben haben. Alina hat das geglaubt, damals, das war ihr Fehler. Sie werden Patrouille fahren, bis zum Morgen. Aber so viel Zeit hat sie nicht. Sie muss zum Parkplatz, dorthin, wo die Frau mit den blauen Haaren wartet. Als sie genug Mut gesammelt hat, verlässt die den Container, klettert wieder über den Zaun, läuft um die Vorderseite des Bauhofs und verbirgt sich dann zwischen einigen, hohen Bäumen. Sie hat immer noch einen groben Plan ihres Fluchtwegs im Kopf, aber der ist jetzt zu lang, zu kompliziert. Die Frau hat ihr die Karte gezeigt, Vasilisa hat sie sich eingeprägt, abgezeichnet. Die Hauptstraße darf sie nicht nehmen, da werden sie warten, Sicherheit bieten nur die kleinen Pfade, die Schleichwege. Aber wenn sie zum Himmel schaut, dann weiß Vasilisa, dass die Zeit knapp wird, sie muss einen gefährlicheren Weg wagen. Sie schleicht die stille Straße entlang, weiter im Schatten der Bäume, vorbei an der Rückseite eines Gebäudes, dass, wenn sie ihren Plan richtig im Kopf hat, ein Fitnessstudio sein muss. Also ist die Straße dort… „Talstraße“. Die Buchstaben auf dem Schild sagen ihr nichts, aber das Schriftbild kommt ihr bekannt vor. Gut. Nicht sicher, aber sie ist auf dem richtigen Weg. Vasilisa sammelt Luft, sammelt Entschlossenheit, dann beginnt sie, die lange Straße entlang bergauf zu laufen. Sie war zu Hause immer eine gute Sportlerin, und hier haben sie darauf geachtet, dass die Mädchen in Form bleiben, es gab sogar ein Laufband, einen Fahrradergometer und ein paar Maschinen mit Gewichten. Alles zur Hebung des Warenwertes. Der Lauf den Berg hinauf ist anstrengend, aber immer wenn sie einen Motor hört, macht Vasilisa eine Zwangspause, duckt sich hinter ein Auto vor dem Geschäft mit den Spielwaren und der Babyausstattung, unter die Mauer in einer Seitenstraße. Dann wechselt sie die Straßenseite, denn dort sind wieder Bäume, die ihr Deckung geben. Sie hat nie viel auf Bäume gegeben, abgesehen davon, dass sie als kleines Kind gerne im Park gespielt hat. Heute Nacht aber sind sie ihre Freunde, immer wieder, bieten ihr Schutz und eine flüchtige Form von Sicherheit.

Sie erreicht den Kreisverkehr mit schmerzenden Lungen, die Wunde brennt. Vasilisa wendet sich nach rechts. Ja, dort ist die Turnhalle, davor wieder Bäume, wie ein kleiner Park. Noch einmal Rast. Zwei Autos fahren vorüber, den Klang des einen glaubt sie zu erkennen, sie presst sich an die Borke ihres Beschützers, will eins mit ihm werden, hineinkriechen, fort sein. Aber jetzt ist es nicht mehr weit. Sie sprintet die Straße entlang, dann rechts in die Dunkelheit der schmalen, baumgesäumten Gasse. Bergab wieder, in Sicherheit, in die Dunkelheit…

Ein Auto biegt hinter ihr in den Raabweg ein und sie erkennt den Klang, völlig ohne Zweifel. Noch haben die Scheinwerfer sie nicht erfasst, aber jeden Moment muss sie im Licht sein, und dann gibt es keine Flucht mehr. Nicht jetzt noch, nicht so kurz vor dem Ziel. Vasilisa beginnt wieder zu rennen, mit der Kraft der letzten Verzweiflung.

Sie hat nie erfahren, ob das Mädchen auf dem Parkplatz im Wald wirklich eine Journalistin war, aber das war auch nicht wichtig. Was geschehen war, war ein Exempel, und alle haben es verstanden.

Ist Vasilisa da schon aufgewacht? Sie hätte es selbst nicht sagen können. Aber spätestens in dem Club am Meer hat sie es begriffen. Sie hat nie erfahren, wo er war, wahrscheinlich in Griechenland, die Buchstaben waren alle griechisch. Hier wurden sie eingeritten, wie die Männer es nannten. Vasilisa passierte es nur zweimal, dann hatte sie gelernt, dass es besser war, sich zu fügen. Alina aber…

Im Club bekamen sie so etwas wie eine Ausbildung. Vasilisa hatte lange aufgehört, von der Modelkarriere zu träumen, sie hatte überhaupt keine Träume mehr als den, den nächsten Tag ohne Kunden, Schmerzen, Strafen zu überleben. Alina war anders. Sie hatte ihre Tochter zu Hause, sie hatte noch lebendige Träume, sie hatte noch Wut. Ihre Fluchtvorbereitungen traf sie im Stillen, klug, behutsam und alleine, und fast hätte es geklappt. Sie brauchten drei Tage, bevor sie sie zurückbrachten.

Die Mädchen mussten zuschauen, als sie den Film mit Alina machten, von der Galerie über dem Studio. Wer die Männer waren wusste Vasilisa nicht, es war keiner dabei, den sie kannte. „Stellen wir morgen ins Netz“, sagte Tommy aufgeräumt, während er neben Vasilisa stand und einen Apfel aß. „Sehr gefragt. Der ganze Film kostet, klar, aber die kurzen Clips die wir machen kann jeder abrufen, ganz legal. Naja…“ er strich ihr durchs Haar. „Noch drei, vier härtere Filme und dann hat sie genug, denke ich. Mal sehen, was wir dann noch mit ihr anfangen können.“ Unten in dem Raum lachte Alina und schrie vor gespielter Lust. Vasilisa erfuhr später, dass sie ihr Bilder ihrer Tochter gezeigt hatten. „Du oder sie.“

Wieviel Zeit verging, bevor sie sie nach Deutschland verschickten, wusste Vasilisa nicht. Es war ein großes Haus, nah am Wald, geschützt von einer Mauer, Stacheldraht auf der Krone. Hier lebten sie nur, zwei Mädchen pro Zimmer, sie lebte mit Kazia. Die Kleine behauptete immer, 17 zu sein, aber Vasilisa konnte das nicht glauben. Und für die Filmaufnahmen nahmen sie Kazia nie. Sport, essen, schlafen. Baden, dreimal am Tag und nach dem Sex. Langeweile. An guten Tagen. Die meisten waren nicht gut. Sie fuhren sie mit dem Van in die Bordelle der Umgebung, manchmal auch in Clubs oder Hotels. Die Männer interessierten sich nicht für Zuzana, für Vasilisa schon gar nicht. Die Mädchen waren das Angebot, die Männer die Nachfrage. Bis der Bodybuilder mit der Glatze kam. Der wollte nur reden. Das war nicht neu. Aber was er sagte…

Vasilisa glaube ihm zuerst nicht. Aber dann brachte er die Frau mit den blauen Haaren mit. Sie erzählte von der Organisation. Und dem Plan. Und Vasilisa begann, wieder zu träumen.

Vor ihr endet der Weg an der Wand eines Gebäudes. Sie taucht mit einem Sprung in den schmalen Weg zur rechten, rollt sich ins Unterholz an dessen Rand, wartet. Der Wagen kommt heran, hält, der Motor röhrt wie erstaunt. Warten, warten, endlose Momente. Dann wendet Tommy das große Auto und fährt zurück, den Raabweg hinauf.

Ein Traum wird wahr. Vasilisa läuft oberhalb des Baches entlang, dann wieder in den Raabweg, auf den Parkplatz, dort ist der rote Kleintansporter. Die Frau schließt sie in die Arme.

„Die anderen?“

Vasilisa schüttelt den Kopf.

Sie fahren davon, in die Freiheit, über waldgesäumte Straßen, in eine große, leuchtende Stadt hinein, zur Rückseite eines großen Hauses. Die Frau führt sie hinein, gibt ihre saubere Kleidung, zeigt ihr ein Zimmer. „Das mit dem Pass regeln wir,“ sagt sie noch. „Schlaf gut.“

Vasilisa wäscht sich, legt sich in das saubere, duftende Bett, schläft ein.

Lassen wir sie schlafen, sie ist frei. Vasilisa weiß nichts von dem Krieg zweier Mädchenhändlerringe, weiß nichts davon, dass Tommy, Lars, Oleg und die anderen so gut wie am Ende sind. Ihnen die Mädchen zu stehlen ist eine simple Machtdemonstration. Sie weiß nichts von dem Plakat gegenüber dem großen Haus, in dem sie selig schläft: „Party! Party! Party! 50 international Girls, Fun-Flatrate.“

Der Bodybuilder und die Frau mit den blauen Haaren sind eindeutig auf der Seite der Sieger.

Aber für eine halbe Nacht, ein paar Stunden Schlaf und die Dauer eines langen Traumes ist Vasilisa wirklich frei.

ENDE












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Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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