schreckenbergliest: Schöne Dystopie

Ich beschäftige mich gerade recherchehalber einmal wieder mit Aldous Huxleys „Brave New World„. Eine ganz herausragende Geschichte, wahrscheinlich die klügste Dystopie die ich kenne – inklusive der Frage, wer eigentlich bestimmt, was eine Dystopie und was eine Utopie ist. Der Beobachter? Oder die Subjekte?

Wenn Dystopien in der Schule behandelt werden, dann las man zu meiner Zeit entweder „Brave New World“ oder Orwells „1984„. Orwells Dystopie ist drastischer, vordergründig grausiger und auswegloser (was einfach ist, denn aus Huxleys Dystopie will ja niemand raus). Und Orwell ist natürlich tröstlicher und viel einfacher, in jeder Hinsicht. Wir wissen ja so gerne, wer die Guten sind und dass wir zu ihnen gehören.

Neil Postman hat in seinem Vorwort zu „Amusing ourselves to Death“ die beiden Utopien verglichen. Ich zitiere seine Worte hier einmal lang, weil sie es verdienen – und weil ich auch der festen Überzeugung bin, dass Huxley recht behalten wird:

We were keeping our eye on 1984. When the year came and the prophecy didn’t, thoughtful Americans sang softly in praise of themselves. The roots of liberal democracy had held. Wherever else the terror had happened, we, at least, had not been visited by Orwellian nightmares.

But we had forgotten that alongside Orwell’s dark vision, there was another – slightly older, slightly less well known, equally chilling: Aldous Huxley’s Brave New World. Contrary to common belief even among the educated, Huxley and Orwell did not prophesy the same thing. Orwell warns that we will be overcome by an externally imposed oppression. But in Huxley’s vision, no Big Brother is required to deprive people of their autonomy, maturity and history. As he saw it, people will come to love their oppression, to adore the technologies that undo their capacities to think.

What Orwell feared were those who would ban books. What Huxley feared was that there would be no reason to ban a book, for there would be no one who wanted to read one. Orwell feared those who would deprive us of information. Huxley feared those who would give us so much that we would be reduced to passivity and egoism. Orwell feared that the truth would be concealed from us. Huxley feared the truth would be drowned in a sea of irrelevance. Orwell feared we would become a captive culture. Huxley feared we would become a trivial culture, preoccupied with some equivalent of the feelies, the orgy porgy, and the centrifugal bumblepuppy. As Huxley remarked in Brave New World Revisited, the civil libertarians and rationalists who are ever on the alert to oppose tyranny „failed to take into account man’s almost infinite appetite for distractions.“ In 1984, Orwell added, people are controlled by inflicting pain. In Brave New World, they are controlled by inflicting pleasure. In short, Orwell feared that what we fear will ruin us. Huxley feared that what we desire will ruin us.

This book is about the possibility that Huxley, not Orwell, was right.

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schreckenbergzeigt: Amanda Palmer über Nick Caves „Skeleton Tree“

Ich weiß, der Rest vom Fantasy Filmfest fehlt noch. Kommt, versprochen. Heute wollte ich aber zuerst etwas über Nick Caves (and the Bad Seeds‘) neues Album „Skeleton Tree“ schreiben. Dieses wunderschöne, durch Haut und Knochen bis in die Seele treffende Werk, mit dem Cave an „Push the Sky away“ anknüpft und einen Bogen zu seinen früheren und frühen Werken schlägt, dieses Meisterwerk von einem Album. Über das Missverständnis, dies sei ein Album über den Tod seines Sohnes. Und darüber, was es bedeutet, als Künstler einem anderen Künstler so zutiefst dankbar zu sein, für seine Hilfe und die Türen die er öffnet. Und dann hat mich Sarah auf diesen Text von Amanda Palmer im „Guardian“ aufmerksam gemacht, der vieles davon und noch viel mehr besser sagt, als ich es könnte. Mir bleibt nur, Euch den Artikel ans Herz zu legen und sie zu zitieren:

So thank you for the gift, Nick. Thank you.

Den schönen und klugen Text von Amanda Palmer findet ihr hier:

https://www.theguardian.com/music/2016/sep/10/nick-cave-skeleton-tree

 

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schreckenbergzeigt: A Hooray To Alec Lightwood and Magnus Bane

„So what I was trying to say with all this is that (…) a gay (or lesbian or any queer) relationship isn`t about how queer this relationship is, but about loving each other.“

Words of wisdom – by a very bright teenager. 🙂

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schreckenbergschaut: Fantasy Filmfest 2016 – 4 Bergfest Teil 2

Vergangenen Sonntag war, wie gesagt, mein Bergfest und persönlicher 3-Filme-Tag beim Fantasy Filmfest in Köln. Gestern habe ich an dieser Stelle das Kurzfilmprogramm „Get Shorty“ besprochen, heute also zu den beiden Langfilmen von vorgestern Abend. Und zunächst wie immer eine:

+++ SPOILERWARNUNG +++ SPOILERWARNUNG +++ SPOILERWARNUNG +++

 

 

 

 

Zuerst kam:

Under the Shadow (Iran 2016)
Drehbuch / Regie: Babak Anvari

Als iranischer, in Jordanien gedrehter Film hat „Under the Shdow“ zunächst selbstverständlich den Bonus, dass er mich nicht nur in einen phantastischen Weltentwurf (denn den hat jede phantastische Geschichte als Grundlage, eben auch ein Horrorfilm wie dieser) sondern auch in eine andere Kultur UND, in diesem Falle, auch in eine andere Zeit mitnimmt, die Zeit des Iran-Irak-Krieges in den 1980ern. Diese Kombination aus einer fremden Gesellschaft und nostalgisch Vertrautem schafft für mich, der ich in den 70ern geboren und in den 80ern aufgewachsen bin, eine Atmosphäre die an sich schon hochspannend ist und mich daher von der ersten Minute an für den Film gewinnt. Zum Inhalt:

Schon in den ersten Minuten des Films sehen wir, wie der Lebenstraum von Shideh (Narges Rashidi) zerstört wird: Die junge Mutter hat einst Medizin studiert und würde ihre Studien gerne wieder aufnehmen, um Ärztin zu werden. Doch während der Revolutionszeit, als der Schah gestürzt wurde und das Islamige Regime an die Macht kam, hat sie sich in einer radikal linken Gruppe engagiert – ein unauslöschbarer Makel in den Augen der Machthaber. Ein Staatsbeamter erklärt ihr streng, dass sie alle Hoffnungen, je wieder studieren zu können, begraben muss. Was es außerdem bedeutet, als Frau unter patriarchalischen Herrschaft zu leben, zeigt und Babak Anvri meisterhaft mit einer einzigen Geste: Als sie auf eine Straßensperre der Revolutionswächter zufährt, streicht sich die ohnehin schon aufgelöste Shideh hastig einige Haarstränen unter den Hidjab. Dies und ihre offensichtliche Nervosität während der folgenden Kontrolle sagen alles und setzen den Rahmen für alles was kommt. Ich – ein Europäer, der niemals im Iran war – bekomme so, ohne lange Erklärungen, eine präzise Einführung in die Welt der Geschichte.

Was sich dann entfaltet ist eine eher konventionelle Spuk- und Besessenheitsgeschichte vor dem Hintergrund der ständigen realen Bedrohung irakischer Bombenangriffe. Shidehs Tochter Dorsa (Avin Manshadi) hat irgendwie das Interesse eines Djinn geweckt, was, wie Genrekenner wissen, immer eine unangenehme Sache ist. Die zunächst rationale Shideh sieht sich zunehmend gezwungen, an die übernatürliche Präsenz in ihrer Wohnung zu glauben, kann zuletzt gar nicht mehr (ebensowenig wie der Zuschauer) sicher sein, ob Dorsa noch Dorsa ist oder die besessene Hülle des Dämons oder gar ein Trugbild.

Babak Anvari macht sehr viel richtig, vom permanenten Motiv des Windes bis hin zur klaustrophobischen Atmosphäre, die sich paradoxerweise steigert, je mehr Menschen das Mietshaus verlassen, weil sie an die Front versetzt werden (Shidehs Mann), sterben (ein alter Nachbar) oder aufs Land fliehen (wie alle anderen Hausbewohner). Dass der Film mich dennoch nicht ganz überzeugt hat liegt eben an der sehr konventionellen Geschichte. Wobei ich zwei Einschränkungen machen muss:

1.) Filmsprache ist Farsi, das ich weder spreche noch verstehe, ich war auf den Untertitel angewiesen, daher ist mir wahrscheinlich einiges entgangen.

2.) Ich kenne, wie gesagt, den Iran überhaupt nicht. Ich bin sicher, dass dieser Film sehr viele Allegorien auf die dortige Gesellschaft der 80er Jahre – oder gar bis heute? – die ich nicht verstehen und daher nicht würdigen kann (etwa die Enge im Mikrokosmos der Hausgemeinschaft?).

Ich bin daher mit Kritik hier sehr vorsichtig – für einen Europäer ein netter, durchaus sehenswerter Film, mehr nicht. Aber, wie gesagt, für Leute die mehr wissen als ich mag er mehr sein.

 

Danach erlebten Sarah und ich eine ganz eigene Form von Grusel, denn im Jamesons Distillery Pub war Karaoke Night. Das Jamesons ist und bleibt mein Lieblingspub in Köln, aber… das war hart. Und nein, wir haben nicht… zuhören reichte. 😀

Zurück im Kino sahen wir dann zu später Stunde:

To steal from a Thief (Spanien 2016)
Drehbuch: Jorge Guerricaechevarria
Regie: Daniel Calparsoro

Tja… das ist eben ein Heist-Film. Die Gangster stürmen eine Bank, nehmen Geiseln, stehlen Geld, Wertsachen aus den Schließfächern, die Festplatte mit den brisanten Aufzeichnungen eines Politikers und fliehen gemäß ihres brillanten Plans.

Oder eben nicht. Das charmante an dieser Geschichte ist, dass hier genau GARNICHTS nach Plan läuft. Alles, was die Diebe sich vorgenommen haben geht schief, Plan B und C gehen auch den Bach runter, und am Ende löscht der Idiot in der Truppe auch noch aus Versehen besagte brisante Daten, mit denen sie sich in lezter Not den Weg freipressen wollen. Und wenn man mal davon absieht, dass es vielleicht eine Maßnahme wäre, einen Plan, der darauf beruht, dass man durch die Kanalisation flieht, um eine Woche zu verschieben wenn es seit Tagen in Strömen gießt, dann können die armen Kerle nichtmal was dafür. So weit, so gelungen.

Das Problem ist, dass mir die meisten Figuren den ganzen Film über herzlich egal sind. Das Drehbuch nimmt sich nicht die Zeit, sie mir nahe zu bringen, daher verstehe ich ihre Motive nicht, ihre Ziele sind rein oberflächlich – mit der Beute fliehen (Gangster), die Diebe fassen (Polizisten), die Präsidentin aus der Schusslinie halten (Politiker). Das reicht nicht, um mich den Figuren nahe zu bringen, ihr Schicksal ist mir ziemlich egal. Immerhin werden mir drei der Gangster in der zweiten Hälfte des Films noch sympathisch genug gemacht, dass ich ihnen die Flucht mit der Beute gönne, und einer der Polizisten tut etwas sehr Ehrenhaftes… aber warum er das tut verstehe ich auch nicht, weil ich eben genau nichts über ihn und seinen Charakter weiß.

Kann das daran liegen, dass ich wieder auf Untertitel angewiesen war, weil ich kein Spanisch spreche? Mag sein. Dennoch… ich hatte ja den direkten Vergleich, was Bilder und fehlende Worte angeht – Shideh aus „Under the Shadow“ war mir nah, mit ihr fürchtete und litt ich, Farsi hin oder her. Also fehlte bei „To steal from a Thief“ wohl doch etwas mehr als nur Sprachkenntnisse meinerseits.

Kein schlechter Film, wirklich. Aber auch kein richtig guter.

Heute Abend dann: Don’t grow up. Das Programmheft verspricht viel. Wie üblich. Außerdem spoilert es mich ein wenig. Das ist nicht nett. 😀 Wir werden sehen…

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schreckenbergschaut: Fantasy Filmfest 2016 – 3 Bergfest Teil 1

Obwohl das Fantasy Filmfest in Köln noch bis zum kommenden Sonntag geht, hatten Sarah und ich gestern schon Bergfest. Ich habe 11 Filme auf der Karte und sah gestern die Nummern 4, 5 und 6, Sarah will sieben Vorstellungen sehen und hatte gestern die dritte und vierte.  Ah, Moment, erstmal die:

+++ SPOILERWARNUNG +++ SPOILERWARNUNG +++ SPOILERWARNUNG +++

Oder, wenn man so will – ich habe 19 Filme im Plan und sah gestern Nummer 4 – 14. Denn der erste Termin für mich war:

Get Shorty

die traditionelle Kurzfilmvorstellung beim FFF. In die musste ich alleine, denn nachdem Sarah und ich bei den Fantasy-Filmfest Nights 2015 zusammen „German Angst“ gesehen haben, hat sie den Kurzfilmen beim FFF abgeschworen. Mit Recht – German Angst ist völlig überschätzter Mist, und ich schäme mich bis heute, die Drehbuchautorin des mehrfach preisgekrönten „Spitzendeckchen / Vienna waits for you“ (den ihr Euch hier ansehen könnt) da rein geschleift zu haben. Ich musste sie auch wieder rausschleifen, BEVOR sie Fragen an die anwesenden Filmschaffenden stellen und damit eine Schlägerei anzetteln konnte. Ich meine… wir waren von Fans umzingelt und wären, so rein optisch, mit den ersten 20 wohl fertig geworden, danach aber der Masse erlegen. Da wollte ich mich lieber mit ihr in die nächste Pizzeria setzen und sie langsam runterkühlen. 😀

Aber das nur am Rande. Hier geht es nicht um Sünden der Vergangenheit sondern die diesjährige Get-Shorty-Auswahl.

Ich will und kann hier nicht alle neun Kurzfilme ausführlich besprechen. Einer (Arcana) war wirklich so erstaunlich blöd, dass er einen Platz in German Angst verdient hätte, wenn er nicht aus Portugal wäre. Nein, viel Ekel macht noch keinen guten (Kurz)Film. Nimmt man mal den Ekelfaktor raus war die Handlung auf dem dramaturgischen Niveau von „Ein Mann isst einen Apfel – ENDE“. Verschwendete Lebenszeit in Reinform.

Zwei Filme (Decorado und Interesting Ball) waren hübsch anzusehen, teilweise witzig und sehr surreal. Oder wirr. Oder ich bin zu doof. Wie auch immer. Jedenfalls wäre ich bereit, sie mir beide nochmal anzusehen oder sie mir auch erklären zu lassen. Seltsam. Aber nicht schlecht.

Drei Filme (Kookie, Twenty Forty Three und Uncanny Valley) fand ich… nett. Die Grundidee war bei allen Dreien etwas unoriginell, aber sie hatten alle auch ihre Momente. Kookie hat ein sehr süßes Ende, Uncanny Valley ist zwar vorhersehbar, aber als Dystopie gut und konsequent gedacht. Besonders gut hat mir der Schluß von Twenty Forty Three gefallen, weil die Drehbuchautorin / Regisseurin Eugenie Muggleton den Mut hatte, auf das plakative und vorhersehbare Ende zu verzichten und stattdessen ein zumindest offenes, wenn nicht happy End(e) zu schreiben. Yep, dazu gehört Mut, gerade in diesem Genre.

Drei Filme haben mir wirklich gut gefallen:

Growing Pains ist eine hinreißend anmierte Werwolf-Liebesgeschichte, mit einem sehr schüchternen Werwolf, einem sexy-liebenswerten Love-Interest und einer übelst bigotten Mutter. Ich mag den ganzen Film und ich mag auch hier den Mut zum Happy End.

Seth ist die sehr, sehr schräge Geschichte eines jungen Mannes der seinen Vater beeindrucken will. Der Film bewegt sich auf Ace Ventura Niveau, und wer darüber die Nase rümpft soll mir erstmal nachweisen, dass er sich „Seth“ ansehen kann, ohne zu lachen. Und ehrlich – manchmal reicht das. Manchmal reicht „einfach nur lustig“, gerade bei einem Kurzfilm. Lachen tut gut. Und wenn dann auch noch die Schauspieler mit sichtbarem Spaß bei der Sache sind und Szenen wie solche dabei herauskommen:

Seth: „My father is hard to impress.“
Vater: (ein Glas Wasser trinkend) „Mmm, this water is tasty.“

dann erfrischt das doch das Herz. Meins zumindest.

Last but absolutely not least: The Black Bear. Erinnert sich noch jemand an „Staplerfahrer Klaus – der erste Arbeitstag„? „The Black Bear“ folgt dem selben Prinzip, nur geht es hier nicht um Arbeitsschutz im Materiallager, sondern um die Sicherheitsvorschriften in einem Nationalpark. Natürlich folgen die Touristen den Vorschriften nicht, und folgerichtig werden sie vom Bären dafür dezimiert. Dass der Bär dabei aussieht wie das Bärenmarke Bärchen macht den an sich schon lustigen Film noch witziger. Well done.

9 Kurzfilme, davon einer doof, zwei aus der Wertung, drei okay und drei sehr gelungen – alles in allem ein guter Schnitt. Mal sehen, vielleicht kann ich Sarah beim nächsten Mal doch wieder überreden… 😉

Morgen folgt der zweite Teil vom Bergfestbericht.

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