schreckenbergschreibt: Wie eine Lesung sein sollte – CRIMINALE 2012

Zuerst und vor allem:

SAUERLAND! Höre mich an! ERST blinken, DANN bremsen!

Das brannte mir auf der Seele. Zum Thema:

Wie ihr festgestellt haben werdet, habe ich mich nach dem 26. April nicht mehr von der CRIMINALE gemeldet. Das lag vor allem an der CRIMINALE selbst. Wenn ich damit beschäftigt bin, mich bei Lesungen grandioser Kollegen herumzutreiben, selbst zu lesen, Vorträge zu besuchen, die anderen Newbees kennen zu lernen, mich mit dem Syndikat vollzuversammeln, bei der Verleihung des deutschen Krimi-Oskars den Preisgekrönten zuzujubeln, dem FC Criminale beim Ver… beim Unter… beim Zusamm… beim tapferen Kampf gegen widrigste Umstände (Gegner zum Beispiel) zuzusehen, zu tanzen, sehr sympathische neue Bekannte von denen der/die eine oder andere womöglich eines Tages Freunde werden könnten zu finden und zur Musik der weltbesten Krimiautorenundautorinnenband zu rocken, sorry, dann kann ich nicht auch noch regelmäßig bloggen. Ich werde also in den nächsten Tagen nicht mehr von der (denn sie ist vorbei, alas, alas), sondern über die CRIMINALE 2012 berichten. Und mein Thema heute sind:

Lesungen

Kennt Ihr dieses Lied von Udo Lindenberg? Club der Millionäre? Da gibt es eine Textzeile, in der es um die Möglichkeiten geht, Millionär zu werden: „(…) oder Schriftsteller vielleicht, oder’n Lottogewinn (…)“.

Viele Leute glauben daran. Die Wirklichkeit sieht so aus: Von den ca. 25.000 professionellen Schriftstellerinnen und Schriftstellern in Deutschland ( professionell = unter professionellen Bedingungen von einem seriösen Verlag verlegt, es bedeutet NICHT hauptberuflich) bekommen die Top Ten ca. 41 % (Ja, Einundvierzig. Da fehlt kein Komma.) der jährlichen Gesamteinnahmen aller 25.000. Soviel zum Club der Millionäre.

Die Idee, dass wir Schriftsteller an unseren Schreibtischen sitzen und abwechselnd Geschichten schreiben und versuchen, die vielen riesigen Zahlen auf unseren Kontoauszügen zu verstehen, ist also falsch. Lesungen gehören zum Beispiel zu unseren regelmäßigen zusätzlichen Einnahmequellen. Für manche ist das ein hartes Los, sie lesen nicht gerne. Für mich nicht. Ich LIEBE Lesungen. Vor allem, wenn sie so ablaufen wie meine Lesung mit Sandra Lüpkes und Karin Schickinger am vergangenen Freitag im Rahmen der CRIMINALE.  Ich möchte anhand dieser Lesung einmal aufdröseln, wie eine gute Lesung sein sollte:

1.) Alle Beteiligten sind gut vorbereitet

Das ist so verdammt wichtig! Und mit „Beteiligte“ meine ich nicht das Publikum – das sollte sich auf einer Krimilesung nicht unbedingt wundern, dass Krimis gelesen werden, darf sich aber ansonsten gerne überraschen lassen. Bei Schullesungen ist das etwas anderes, aber die sind ein Sonderfall. Nein, ich meine vor allem Gastgeber und – aufgemerkt – die Autoren. In unserem Fall gab es auf der Gastgeberseite das Kulturbüro der Stadt Sundern und die Firma Capristo Exhaust, in deren Räumern wir lasen. Da ich nicht weiß, ob die beteiligten Personen ihren Namen gerne in meinem Blog lesen möchten, werde ich sie weiterhin als „Das Kulturbüro“ und „Firma Capristo“ bezeichnen – aber das waren echte, engagierte und freundliche Menschen. 🙂 Das Kulturbüro also hatte sich anhand unserer Homepages vorbereitet, moderierte uns kurz an, ließ uns aber auch noch Raum für einige eigene Worte. Die Firma Capristo freute sich offensichtlich, uns zu Gast zu haben und hatte den Leseraum ebenso gut vorbereitet wie ein kleines Rahmenprogramm. Wer von beiden für das Catering zuständig war weiß ich nicht, aber es gab üppig Getränke und Knabberkram für das Publikum und für uns Brötchenplatten. Ich weiss von Kollegen, die bei einer Gourmetlesung (mit Abendessen) ihr Essen selbst bezahlen sollten. Nicht so hier. Ich hätte mich – vor, nach oder während der Lesung – auch locker ins Koma fressen können. Das allerdings wäre unprofessionell gewesen und damit wären wir bei unserem Part:

Wir lasen sehr unterschiedliche Passagen. Ich hatte den Anfang der Träumer stark eingedampft (unter anderem ein ganzes Kapitel -2 – weggelassen) und konnte so in den mir zustehenden 20 Minuten vom Beginn des Prologes bis zum ersten Auftauchen Glasers lesen. Karin las einige Passagen aus ihrem aktuellen Krimi und stellte so die wichtigsten Figuren vor. Sandra las eine komplette Kurzgeschichte, die sie für die CRIMINALE-Anthologie geschrieben hatte, und die in just dem Raum ihren Ausgang nahm, in dem wir nun auftraten. Schon im Vorfeld hatte sie, als federführende Autorin, die Organisation übernommen, sich mit Karin und mir einerseits und Kulturbüro und Capristo andererseits abgestimmt. Alles war gut vorbereitet und organisiert.

2.) Die Öffentlichkeitsarbeit im Vorfeld stimmt

Ich weiß, dass es auch anders sein kann – ich habe schon vor zwei Leuten gelesen. Und auch ein Festival wie dieses ist kein Selbstläufer. Ich war als Festivalteilnehmer in Sundern, nicht als PR-Berater, darum habe ich mich gar nicht dafür interessiert, wie die PR im Vorfeld gelaufen war. Offenbar gut -die Lesung war gut besucht, und es waren die richtigen Leute da. Niemand sprang auf und verließ schimpfend den Saal, niemand rief „Das kann man Jerry Cotton nicht antun!“ oder sowas. 😉 Okay – es waren drei Kinder anwesend (keine allzu Kleinen), aber selbst da hatte man uns vorher gefragt, was für Texte wir lesen und die Eltern konnten einschätzen, was sie ihren Sprösslingen zumuten.

3.) Die Lesung hat einen Spannungsbogen

Der ergab sich hier von selbst, dadurch, dass Sandra ihre (übrigens sehr lesens- bzw. hörenswerten) Geschichte, die für diesen Anlass und diesen Ort geschrieben war, zum Schluß las. Es muss ja nicht schwer sein, einen Spannungsbogen zu erzeugen. Aber da sein sollte er. 😉

4.) Der Funke springt über

Tja, das liegt bei uns. Er sprang, denke ich. 🙂

5.) Es gibt Geld

Na, ernüchtert? Ich hoffe nicht. Aber es ist so, Leute, wie oben gesagt – wenn ich zum Bäcker gehe und Brötchen kaufe, dann will der Geld sehen. Mit dem Vorschlag, ihm statt dessen eine spannende Geschichte zu erzählen, brauche ich nicht zu kommen. Also möchte auch ich für meine Arbeit Geld sehen – von ganz speziellen Promo-Terminen oder guten Zwecken oder meinen privaten Küchentischlesungen für gute Freunde mal abgesehen. Hier gab es Geld. Es stank, wie erwartet, nicht.

Dazu stimmte bei dieser Lesung noch ein Punkt, der nicht notwendig ist, den ich aber mag:

6.) Lesen im Team

Gut – alleine lesen schmeichelt dem Ego. Eine Stunde oder länger stehe ICH mit MEINEN Geschichten alleine im Mittelpunkt. Das kann ganz hübsch aufpumpen. Aber eine Lesung hat viel mit einem Konzert gemein, und ein gutes Team auf der Lesebühne ist wie eine gute Band. Das muss nicht einmal ein Autorenteam sein – eine meiner absoluten Lieblingslesungen war eine Lesung mit Whisky-Tasting. Ich las Single-Malt-Texte (wer mich kennt wird sich nicht wundern, dass ich das komplett mit eigenen Texten bestreiten konnte :-D), ein Malt-Experte leitete die Verkostung und sprach über den guten Stoff. Wir konnten uns die Bälle wunderbar zuspielen, es war ein grandiose Nacht. Auch an die Lesungen mit Daniel Juhr und Stefan „Plastikbechergott“ Melneczuk erinnere ich mich mit viel Freude. Im Team zu lesen macht Spaß. Das war hier nicht anders.

Ein schöner Abend war das. Und meine Zeit, was war ich vorher nervös – wie ein leuchtend grüner Leseanfänger. Die erste Lesung für das Syndikat – das ist schon was. Schließlich wollte ich ja nicht mit Betonschuhen im Sorpesee landen. Aber da ich itzt hier sitze und schreibe mußte sich meine Patin wohl nicht beim Don beklagen. 😀

Und jetzt würde ich gerne von Euch wissen – was erwartet IHR von einer guten Lesung?

 

 

 

 

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Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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8 Antworten zu schreckenbergschreibt: Wie eine Lesung sein sollte – CRIMINALE 2012

  1. marcusjohanus schreibt:

    Aufschlussreicher Artikel. Ich finde es bei einer Lesung vor allem wichtig, die Persönlichkeit des Autors kennenzulernen. Es muss also auch noch eine Gesprächsrunde geben, in der auch ein wenig aus dem Nähkästchen geplaudert wird, wozu der Autor oder die Autorin natürlich auch bereit sein muss, da ein wenig von sich preiszugeben. Ansonsten kann ich mir auch ein Hörbuch besorgen 😉

    • Mountfright schreibt:

      Gesprächsrunden machen doppelt Spaß, da gebe ich Dir Recht. Wobei auch da Vorbereitung wichtig ist, wieder auf Seiten des Autors UND des Veranstalters. Der Autor sollte sich zumindest über die Fragen, die oft kommen, Gedanken gemacht haben („Woher haben Sie Ihre Ideen“, „Warum schreiben Sie gerade Krimis/Horror/Fantasy“ etc.) und dann etwas sagen, das für das Publikum interessant ist (und ehrlich, natürlich 🙂 ), nicht irgendwelchen Routinerotz.

      Der Veranstalter wiederum sollte in der Lage sein, ein wenig zu moderieren, vielleicht mit einer ersten Frage das Eis zu brechen. Wenn das nicht funktioniert, sollte man als Autor selbst ein paar Eisbrechertaktiken kennen.

      Häufig ergeben sich interessante Gespräche aber auch in den Pausen oder am Ende, dann oft beim Signieren. Für mich ist dieser Kontakt immens wichtig, ich freue mich, die Leute zu treffen, die meine Sachen lesen und lerne nicht selten aus ihren Fragen noch etwas.

  2. autorphilipp schreibt:

    Witzig, ich schreibe gerade an einem Artikel mit Lesungstipps. Wenn ich darf, werde ich dann einen Link zu dieser Seite setzen.

  3. Pingback: schreckenberglebt: Hey! Hey! Glausersieger, Glausersieger! Hey! Hey! – CRIMINALE 2012 | schreckenbergschreibt

  4. Pingback: schreckenbergschreibt: Rückblick 2012 | schreckenbergschreibt

  5. Pingback: schreckenberglebt: CRIMINALE 2014 – die Grenzen des Wachstums | schreckenbergschreibt

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