schreckenbergschaut: Karnickelschlitten

Wie gestern angekündigt, hier meine Meinung zu dem langen Film, in dem ein Kaninchenschlitten vorkommt und der mich den ganzen frühen Abend über vom Bloggen abhielt. Ich meine natürlich:

Der Hobbit – Teil 1, Eine unerwartete Reise

Drehbuch: Fran Walsh, Philippa Boyens, Peter Jackson, Guillermo del Toro
Regie: Peter Jackson

Ich schreibe diesmal keine formale Filmkritik nach dem üblichen Aufbau, den Ihr aus der Rubrik „schreckenbergschaut“ und von den FNHF (nein, die sind nicht tot, sie schlafen nur sehr fest) kennt. Ich stehe noch sehr unter dem Eindruck des Films und schreibe diese Eindrücke einfach mal auf. Dabei schreibe ich vor allem für Leute, die – wie ich – die „Herr der Ringe“ Filmtrilogie kennen und auch Kenner der Bücher Tolkiens sind, der gesamten Mythologie, inklusive Silmarillon, der Nachrichten aus Mittelerde und all der Randgeschichten. Da Walsh und Jackson den Hobbitfilm ganz eindeutig – von kontinuierlichen Schauspielern bis hin zur Musik – als Teil eines gemeinsamen Filmuniversums mit den HDR-Filmen ansehen denke ich, dass dieser Ansatz angemessen ist. Ich bezweifle, dass Zuschauer, die die HDR-Filmtrilogie nicht kennen (und auch die Bücher nicht) den ersten „Hobbit“ wirklich verstehen können und es würde mich wirklich mal interessieren, was so jemand von dem Film hält.

(ACHTUNG: Das Folgende enthält einige SPOILER. Aber keine, die Kennern des Buches den Filmgenuss verderben werden)

Mir selbst hat er gefallen. Es ist wichtig, dass ich das gleich zu Anfang feststelle, denn ich werde in der Folge recht hart mit ihm ins Gericht gehen. Und ich weiß nicht, ob er mir auch gefallen hätte, wenn ich nicht so ein großer Fan der Mythologie Tolkiens und auch der ersten beiden Ring-Filme von Jackson und Walsh wäre. Aber alleine die Tatsache, dass ich wieder zurück darf in dieses phantastische Mittelerde, das Jackson da bildgewaltig geschaffen hat, dass ich diese Architektur und diese Kostüme und diese Wesen und Monster wiedersehen darf, dazu noch das wirklich brillante Spiel von Martin Freeman als Bilbo, der mit Gewalt in die Liga meiner Lieblingsschauspieler drängt (ich fand ihn schon als Arthur Dent und als Dr. Watson großartig)… das ist schon schön, das sehe ich mir gerne auch drei Stunden lang an und da freue ich mich auch gespannt auf die nächsten beiden Teile. Alles in allem allem also ein gelungener Kinobesuch. Und ich freue mich, Euch bei dieser Gelegenheit das kleine Kino bei mir um die Ecke empfehlen zu können. Die neuen Projektoren setzen die  48-fps-Technik wirklich toll um, wer braucht da noch 3D?

Der Film ist überall dort gut, wo er sich an die Buchvorlage hält. Besonders die Zwergeninvasion in Bilbos Höhle und der Rätselkampf mit Gollum haben mir sehr gut gefallen, auch wenn die Rätselei etwas kurz geraten war und ich mit Gollums gespaltener Persönlichkeit nicht so zurecht komme. Wohlgemerkt: Als Drehbuchkniff ist das gut, war es auch schon in den HDR-Filmen, und Andy Serkis (bzw. sein digitales Ich) bringt das auch sehr gut rüber. Dennoch – Gollum ist nicht persönlichkeitsgespalten, sein magisch/psychisches Problem ist, dass er etwas Böses (den Ring) in seine Persönlichkeit integriert hat, ihn so sehr als Teil seiner selbst (oder sich als Teil des Rings) versteht, dass es ihn zu Grunde richtet. In den Herr der Ringe Filmen war das noch deutlich, hier nicht mehr. Geschickt eingebaut und toll umgesetzt wiederum fand ich die Vorgeschichte Thorins in Erebor. Das hat mir sehr gut gefallen. Und bezaubernd ist natürlich der Moment, in dem Frodo, das Buch in der Hand, sich von Bilbo verabschiedet, um sich genau unter den Baum zu setzen und zu lesen, unter dem wir ihn dann zu Beginn von „Die Gefährten“ wiedertreffen werden. Das freut das Fan-Herz. 🙂

ABER! Aber! Aber! Es ist wie schon in der HDR-Verfilmung: Wenn Fran Walsh beim Drehbuch zu sehr von der Vorlage abweicht, dann wird es kritisch. Ich sage nur: Elben in Helm’s Deep, Faramir der Böse, Gruppenkuscheln der Hobbits und die nicht stattgefundene Befreiung des Auenlandes. Um nur die wichtigsten Punkte zu nennen. Brrrr.

Hier ist es nicht anders. Die Familienfehde Thorins mit Azog ist überflüssig wie nur was – es sei denn, man braucht noch Material, um den Film zu verlängern. Braucht man aber nicht, ich wäre auch mit zwei Stunden zufrieden gewesen. Und wenn es denn schon unbedingt sein muss, warum dann nicht Azog im Schattenbachtal sterben lassen (wie in Tolkiens Geschichte) und seinem Sohn Bolg (der im Hobbit wirklich vorkommt) eine etwas wichtigere Rolle geben? Aber nein – es muss der bleiche, verstümmelte „Schänder“ sein.

Aber der weiße, vernarbte Riesenorg Azog (der Moby Dick Mittelerdes?) ist nur ein kleines Ärgernis. Viel ärgerlicher fand ich die Veränderung von Bilbos Rolle. Im Buch ist er – immerhin als Meisterdieb angeheuert – vor allem listenreich und gewinnt so den Respekt der Zwerge. Diese Facette entfällt im Film fast völlig. Bilbo trickst die Trolle nicht aus bis es Tag wird, er verwickelt sie nur kurz in ein Gespräch, bis Gandalf mal wieder den Retter gibt, den Stein spaltet und die Sonne rein lässt. Auch der Rätselkampf mit Gollum erscheint eher wie ein zufälliges Spiel, als wie ein altehrwürdiges (wenn auch spielerisches) Ritual des geistigen Kräftemessens, das er im Buch ist. Statt dessen erkämpft sich Bilbo Thorins Bewunderung letztlich, in dem er einen Org tacklet (von dem er, rein massemäßig, eigentlich abprallen müsste) und danach furios mit dem Schwert dreinhaut. Ja, ja, alles nett, aber das kann eben jeder Zwerg besser und Mut haben die auch. Dafür hätte es Bilbo nicht gebraucht. Es ist schade, dass der listige Trickster hier zugunsten eines Minikriegers entfällt.

Tja – muss ich noch irgendwas zu Radagast sagen, dem Meister des Karnickelschlittens und Igelretters? Was soll das sein, Comic-Relief? Oder ein Schmankerl für die Zielgruppe der Vier- bis Achtjährigen, ein wenig Disney in Mittelerde? Sorry, Peter Jackson, aber ich werde meine dreijährige Nichte trotz der niedlichen Igelrettung nicht mit in diesen Film nehmen, die Warge, Azog und Thrors herumfliegender Schädel könnten die Kleine ein wenig verstören.
Fran Walsh, die uns Radagast, immerhin einer der Istari, hier als vogelkackebeschmierten Einfaltspinsel präsentiert, macht sich damit Sarumans Urteil zu eigen. Der macht sich in der Buchvorlage zum Herrn der Ringe ziemlich gehässig über diesen Natur- und Tierfreund lustig. Wir sehen Radagast nicht durch die Augen seines Freundes Gandalf oder der Elben, die ihn schätzen – wir sehen ihn als genau den Trottel, der er in Sarumans Augen ist. Und diese hochnotpeinliche Karnickelschlitten-Verfolgungsjagd ist noch überflüssiger als Azog, das Monster mit der eingebauten Gartenkralle.

Aber am meisten stört mich etwas, das mich schon in den HDR-Filmen gestört hat, und das leider kaum jemand bemerkt. Ich liebe nunmal das Silmarillon mehr als den Hobbit oder den Herrn der Ringe.  Und da stört es mich gewaltig, dass in Jacksons Filmen aus Galadriel, dieser 20.000 Jahre alten Kriegerprinzessin, die zu Fuß die Helcaraxe überquert  hat und mit Feanors Söhnen geritten ist, die nuschelnde, dauergrinsende Vorsitzende einer elbischen Hippiekommune wird.
Aber so beeindruckend Galadriel auch ist: Sie steht in Tolkiens Mythenwelt weit unter Gandalf. Denn Gandalf ist ein Maia, einer der Istari – also eine niedere Gottheit, von Manwe persönlich auserwählt, um in Mittelerde nach dem Rechten zu sehen. Und so einer beugt vor einer Elbin das Haupt, wie im Hobbit-Film? Von Radagast – ein Maia wie Gandalf – will ich gar nicht nochmal anfangen.
Wie gesagt, den Meisten wird das nicht auffallen, mich stört es profund.

Dennoch – und das stimmt zum Schluss versöhnlich: Auch wenn ich in einer gewissen Furcht davor lebe, dass Jackson mir Beorn in den kommenden Filmen womöglich als eine Art Papa-Bär präsentiert oder das Bilbo Smaug mit dem Schwerte erschlägt und hernach in seinem Blut badet, so konnten mir all die oben angeführten Schwächen den Genuss des Films nicht wirklich verderben. Wie gesagt: Ich habe ihn gern gesehen und ich freue mich auf Teil zwei. Und wenn ich das sagen kann, trotz des Karnickelschlittens und allem, dann muss der Rest doch ziemlich gut gewesen sein.

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Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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3 Antworten zu schreckenbergschaut: Karnickelschlitten

  1. Sarah Wassermair schreibt:

    Während mich die Nicht-dem-Buchtreuigkeiten nicht so besonders gestört haben*, wars bei mir auch der große Charakterbogen Bilbo, der mich arg irritiert hat. Die Feigling-goes-Held-Nummer bis hin zum großen Heimatmonolog kennt man nun wirklich. Und mit Thorin hätt man eventuell auch etwas tendenziell spannenderes machen können als ein Aragorn-Mini-me mit Vaterkomplex. Ernsthaft, das hatten wir schon, da weigere ich mich, mich emotional Reinziehen zu lassen.

    Aber während der große emotionale Bogen halt bröckelig war wie Fetakäse, hat mich der Film halt mit einer Unzahl von Details versöhnt, die ganz großartig waren – der kleine Schreiberlingsgoblin beispielsweise, oder die Tatsache, dass sie tatsächlich die Lieder dringelassen haben. Und natürlich die Salat-Szene in Bruchtal, weil die die Elfen so wunderbar in Kontext setzt.

    Ganz abgesehen natürlich von der Besetzung – Martin Freeman ist grundsätzlich mal über jeden Zweifel erhaben, und Gollum möcht ich am liebsten als Haustier – die Rätselszene war für mich das absolute Highlight des ganzen Unternehmens, einfach nur für das Gesicht, dass Gollum beim Nachdenken macht. Das ist schon sehr begnadet.

    *was zum einen viel damit zu tun hat, dass ich den Hobbit mit 12 gelesen hab und seit dem nicht mehr, zum anderen damit, dass ich grundsätzlich dazu neige, bei Verfilmungen milder zu sein – sie müssen als eigenständiges Werk funktionieren, nicht als acherzählung

    • Mountfright schreibt:

      Ich gebe Dir Recht – ein Film ist keine Nacherzählung. Sollte der Finder je verfilmt werden und sollten wir unser Drehbuchkonzept durchbringen, dann werde ich mir auch einiges anhören müssen.

      ABER: Veränderungen an der Vorlage sind m. E. nur dann legitim, wenn sie der Straffung oder der Dramaturgie geschuldet sind. Wenn man aber – wie hier – von der Vorlage abweicht und die Geschichte zusätzlich aufbläst und zwei unnötige dramaturgische Wendungen einwebt (Azog / Igelrettung) um dafür eine wichtige (Bilbo nutzt seine Klugheit) wegzulassen, dann ist das eine Sünde.

      Was findet Ihr eigentlich alle an diesem Schreiberork? Meine gesamte Familie fand ihn auch niedlich. Ich finde hingegen, dass Azog und der quallige Orkkönig gegen den fast sympathisch aussehen und fühle mich als Schreiber persönlich beleidigt. 😀

      Was die Lieder angeht hast Du allerdings auch recht, die sind auch sehr schön umgesetzt. Obwohl ich im Abspann lieber eine Version des Zwergenliedes von den Dropkick Murphys gehört hätte. 😉

  2. Pingback: schreckenbergschaut: Ein Film zuviel | schreckenbergschreibt

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