schreckenbergschreibt: Türchen Nr. 4 – Teamwork 2. Wie geht das eigentlich?

Gestern habe ich ein wenig erzählt, wie ich vom Alleineschreiber zum Co-Autor geworden bin. Nicht völlig, natürlich, in allen Formen die ich schreibe (Drehbuch / Roman / Kurzgeschichte) arbeite ich immer noch meist alleine. Aber ich habe die Zusammenarbeit wirklich schätzen gelernt – und möchte heute ein paar Tipps geben, unter welchen Umständen das funktionieren kann. Drei Einschränkungen dabei:

1.) Das sind keine allgemeinen Weisheiten, sondern meine Erfahrungen insbesondere (aber nicht nur) aus meiner Zusammenarbeit mit Sarah Wassermair.

2.) Es geht hier um Zusammenarbeit die Ihr Euch selbst aussucht. Wenn Ihr in zu einem bestehenden Team hinzukommt oder zu einem neu zusammengestellten gehört, gelten einige, aber natürlich nicht alle Punkte der folgenden Liste.

3.) Ich spreche von der Zusammenarbeit in ganz kleinen Gruppen – zwei, vielleicht drei Personen. Über die Zusammenarbeit in größeren Gruppen könnte ich auch etwas sagen, aber da beziehen sich meine Erfahrungen vor allem auf meine Zeit als Redaktionsleiter und -mitglied in PR-Agenturen. Deshalb schreibe ich darüber (noch) nichts in Bezug auf Belletristik und Drehbuch.

Damit hätten wir den Rahmen. Here we go:

Die richtige Person

Sarah und ich waren, bevor wir angefangen haben zusammenzuarbeiten, schon über ein Jahrzehnt eng befreundet, und wir haben uns über das Schreiben kennengelernt. Wir hatten also eine tiefe Vertrauensbasis und kannten den Werdegang und die Arbeitsweise der/des jeweils anderen sehr gut. Das ist in vieler Hinsicht ideal, aber auch ein Glücksfall, aus dem ich schlecht eine Empfehlung machen kann. Dennoch:

Eine Vertrauensbasis und gegenseitige Sympathie sollte da sein. Ihr werdet viel Zeit mit Eurer/Eurem Co-Autor*in verbringen, das ist nicht schön, wenn man sich nicht mag. Ich habe auch von Autorenteams gehört, die sich nicht ausstehen können, nicht miteinander reden und nur Manuksripte austauschen. Ich könnte so nicht arbeiten. Die Vertrauensbasis ist nötig, weil ihr beim Schreiben immer wieder Eure persönlichen Schwächen und Befindlichkeiten berühren werdet. Wenn man an einen solchen Punkt kommt, muss man darüber reden, und das erfordert ein Mindestmaß an Vertrauen.

Ihr solltet – zumindest grob – die selben Werte und die selbe Moral vertreten. Wo nicht, solltet Ihr die Einstellung des / der anderen zumindest respektieren können. Das ist unbedingt nötig, selbst wenn man für ein vergleichsweise leichtes Format schreibt. Wenn Ihr Geschichten erzählt kommt Ihr unweigerlich immer wieder an Punkte, wo Ihr Stellung beziehen müsst – dadurch, wie ihr Figuren zeichnet, welche Wendung Ihr einer Geschichte gebt, welche Themen Ihr in den Vordergrund rückt etc., etc. Hier solltet Ihr kompatibel sein – was sowohl bedeuten kann, dass Ihr Euch einig seid, als auch, dass Ihr respektvoll verschiedene Standpunkte vertretet (und deshalb vielleicht manche Themen von zwei Seiten angeht oder ganz weg lasst). Das selbe gilt für natürlich für Arbeitsmoral und professionelle Werte.

Kompatibel sollten auch Eure Arbeitsweisen sein. Sie müssen nicht gleich sein – dazu weiter unten – aber man sollte zumindest einen Kompromiss finden können, sonst geht es nicht.

Ich habe oben unsere Freundschaft und die Tatsache, dass wir uns sehr gut kennen als Glücksfall bezeichnet. Das stimmt, aber: Gerade wenn man mit einem Menschen zusammenarbeitet, der einem wichtig ist und/oder den man sehr gut kennt kann auch gerade das zur Falle werden. Denn in der Zusammenarbeit lernt man neue Seiten an dem/der Freund*in kennen und stößt womöglich auf Differenzen, die man vorher nie bemerkt hat. In dem Falle: Nicht erschrecken, das ist ganz normal. Ehrlichkeit ist da unbedingt wichtig, gegenseitige Achtung ist ja sowieso vorhanden. Streit unter Freund*innen ist nichts Schlimmes. 😉 Aber austragen muss man ihn.

Dazu gehört auch, dass man die Sprache des/der anderen lernt. Und damit meine ich nicht, dass ich plötzlich dauernd „Oida!“ sage (tue ich) oder einen Stuhl „Sessel“ nenne (tue ich nicht), weil meine Co-Autorin Österreicherin ist. Es geht um die professionelle Sprache. Ein knapp 50jähriger Mann mit PR-Hintergrund und Wurzeln in der Belletristik spricht einfach eine andere professionelle Sprache als eine deutlich jüngere Frau mit sehr viel literarischer Bildung und einem Studium an der Filmakademie. Das führt zu Miss- und Unverständnissen, die sich ausräumen lassen, indem man eine gemeinsame Sprache findet. Und damit wäre wir auch schon bei der:

Zusammenarbeit

Ganz wichtig sind für mich reale Treffen. Und das sage ich als jemand, dessen Co-Autorin knapp 800 Kilometer entfernt lebt und der den Großteil seiner Kommunikation mit ihr über Skype erledigt. Dennoch – oder gerade deshalb – die Zeiten, die wir gemeinsam in Sarahs Wintergarten oder an unserem Esstisch in Leverkusen, in einem Wiener Café oder in Zettel’s Traum sitzen, sind unersetzlich. Oder – wenn man festsitzt – mal eben einen gemeinsamen Spaziergang machen und den kreativen Schub von Bewegung und frischer Luft nutzen. Eine Weile einzeln brüten und dann wieder gemeinsam arbeiten können. Die dichte, kreative Atmosphäre, die dabei entsteht, kann Skype nicht bieten.

Unerlässlich ist außerdem eine klare und gemeinsam vereinbarte Struktur. Bei uns sieht das zum Beispiel so aus, das wir immer gemeinsam entwickeln und plotten, aber nie gemeinsam schreiben. Ob Pitch, Exposee, Treatment oder Buchfassung – wir planen gemeinsam den nächsten Schritt, dann schreibt eine(r) von uns das, was gerade ansteht (in der Regel wechseln wir uns ab), gibt es dem/der anderen zur Überarbeitung usw. Ich weiß von anderen Autor*innenteams die sich das kapitel- oder figurenweise aufteilen, wieder andere schreiben wirklich gemeinsam an einem Computer… Es gibt wahrscheinlich unendlich viele Herangehensweisen. Wichtig ist nur, dass Ihr eine findet, die für beide passt und der sich beide verpflichtet fühlen, sonst gibt es ein äußerst unkreatives Chaos.

Dort, wo sich die grundlegenden Arbeitsweisen widersprechen ist ein Kompromiss nötig. Es geht nicht, dass eine(r) sich der Arbeitsweise der/des anderen unterordnet. Wenn jemand permanent gegen seine/ihre Natur schreiben muss, dann ist diese Person permanent und zunehmend frustriert. Das gilt übrigens auch wenn es, anders als bei uns, eine Hierarchie gibt. Wenn eine Chefautorin nicht willens ist, sich auf die Arbeitsweise ihres Hilfsautors einzustellen, sondern ihm permanent ihre aufzwingt, dann hat sie einen frustrierten und demotivierten Helfer.

Vertraut Euch und anerkennt die Expertise des/der jeweils anderen. Wenn Sarah mir etwas zum Thema Pathologie erzählt, glaube ich das. Wenn ich ihr etwas Historisches sage schlägt sie es nicht nach. Das verlangt natürlich auch, dass alle zugeben, wenn sie etwas nicht wissen oder verstehen.

Bei Überarbeitungen und auch in jedem anderen Zusammenhang: Gebt ehrlich Feedback. Seid freundlich, aber schont Euch nicht, wenn die Geschichte es verlangt. Lobt aber auch ehrlich, wenn Ihr etwas besonders gut findet.

Noch zwei ganz wichtige Punkte, an die meine Co-Autorin mich erinnert hat:

So wichtig der Kompromiss in der Arbeitsweise ist: KEINE KOMPROMISSE IN DER GESCHICHTE! Wenn eine(r) eine Figur mag, der/die andere aber nichts damit anfangen kann, gebt ihr nicht die halbe Zeit. Diskutiert jeden Konflikt aus, bis es eine Lösung gibt, mit der beide nicht nur leben können, sondern zufrieden sind. Wenn ihr die nicht findet – verzichtet auf den Konfliktpunkt.

Bauchgefühle sind ein Argument! Wir sind alle Künstler, wir fühlen unsere Geschichten. Und wir fühlen, wenn etwas nicht damit stimmt, auch wenn wir noch nicht genau wissen, was es ist. Wenn jemand im Team mit etwas ein schlechtes Gefühl hat, ist an dem Gefühl immer etwas dran. (Ehrlich, ich habe noch nie das Gegenteil erlebt.) Findet heraus, was es ist.

Sooo – das war es im Groben, glaube ich. 😀 Wenn Ihr Fragen habt – fragt gerne.

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schreckenbergschreibt: Türchen Nr 3 – Teamwork Teil 1

Ende Oktober besuchte ich in Wien einen von Michael Reisecker organisierten Workshop zum Thema „Writer’s Room“. (Michael, falls Du dies liest, die letzte Rate kommt, ich habe es echt vergessen!). Dozent war Timo Gößler. Für mich war der Workshop in mehreren Hinsichten ein großer Gewinn, unter anderem auch, weil ich mit Writer’s Rooms noch keinerlei Erfahrung hatte. „WRITER’S ROOM“ ist im Moment so ein Zaubertwort in der Branche, mit dem sich sehr viele Wünsche und Hoffnungen verbinden – und das sehr viele Leute, sehr unterschiedlich verstehen. Bis hin zu Ideen von (so genannten) „Writer’s Rooms“, in denen alle möglichen Leute „mitmachen“ – und in denen die Autor*innen (also die Writer) in der Minderheit sind (und nicht das Sagen haben). Nein, Leute, es hat schon einen Grund, dass dort, wo es funktioniert, im Writer’s Room nur Writer sitzen. Aber zur Wertschätzung von Autor*innen und warum sie so wichtig wäre vielleicht ein andermal.

Heute (und morgen) will ich über Teamwork beim Schreiben sprechen. Heute mehr allgemein, morgen mit ein paar praktischen Tipps, wie das funktionieren kann. Denn – und so komme ich darauf – die magischen Writer’s Rooms sind im Grunde nicht mehr als das: Eine Methode, wie man mit mehreren Autor*innen eine Geschichte schreibt (denn etwas anderes ist auch eine Serie nicht). Bei dem Workshop ergab es sich, dass ich mit Jacob Groll und Sarah zusammen eine Folge einer fiktiven Serie entwarf. Das waren nicht nur vom Spaßfaktor her ein paar großartige Stunden – es war eben auch ein sehr effektives Plotten. Die Grundidee der Folge war von mir, Sarah und Jacob haben sich dazu gesellt – und was am Ende dabei raus kam, war 1.) sehr anders als das, was ich mir ursprünglich gedacht hatte und 2.) viel besser.

Jacob Groll mit dem Ergebnis unseres Powerplottings. Es kommen Hippstersatanisten vor. Wir hatten Spaß.

Klar, unser Team war eine glückliche Fügung. Nicht nur, weil wir die Kombination zweier eingespielter Duos sind: Dass Sarah und ich viel zusammenarbeiten und, wo nicht, gegenseitige Erstleser sind – uns also auch beruflich sehr gut kennen und sehr vertrauen – habe ich hier schon oft erwähnt. Und lange bevor Sarah und ich begonnen haben, gemeinsam zu schreiben, waren sie und Jacob schon ein Team, dem wir zum Beispiel die unbedingt sehenswerte Serie „Janus“ verdanken. (Bald ist übrigens Weihnachten… nur so am Rande.) Wir drei haben ganz gut geklickt, glaube ich. Aber ich bin ziemlich sicher, dass gerade bei einer so strengen Form wie einem Seriendrehbuch, mehrere kreative Köpfe oft zu einem besseren Ergebnis kommen als einer alleine.

Das war nicht immer so. Noch vor… sagen wir… fünf Jahren hätte ich fest behauptet, dass Schreiben im Team nichts für mich ist. Schon die Zusammenarbeit mit meinem Verlagslektor war schwierig für mich, obwohl ich nicht zu den Autoren zähle, die glauben, ihre erste Version sei gleich Gold. Aber er hatte immer soooo viel anzumerken, so viele eigene Ideen, und das war doch, verdammt nochmal MEINE Geschichte. Meine Idee, meine Figuren, meine WELT! Niemand kennt die besser als ich. Was erlaubt er sich, er Verlagsbüttel?

Nun ja – wie ich immer wieder gerne erzähle: Mit circa 90 Prozent seiner Anmerkungen hatte er in der Regel recht. Und das habe ich, nach dem ersten Furor, dann auch gerne eingesehen. Aber allein diese Erfahrung hat mich glauben lassen, dass ich für eine echte Co-Autorenschaft echt nicht gemacht bin. Ich bin mit meinen Ideen und Geschichten schon sehr eitel und sehr egozentrisch. Da jemand anderen ran lassen… naja.

Hinzu kommt, dass ich mich nur als Discovering Writer kannte, zumindest vor den Träumern und den Drehbüchern. Sowohl beim Finder als auch bei Sergej und – mit Einschränkungen – auch noch bei den Nomaden habe ich die begonnen, die Geschichte zu schreiben, ohne genau zu wissen, wo ich am Ende herauskommen würde. Die Träumer sind eine Ausnahme, weil Krimis schon wegen der Beweisführung Reißbrettarbeit benötigen, und die Kurzgeschichten stehen mir immer mehr oder weniger sofort ganz vor Augen. Aber das waren Ausnahmen. Phantastische Literatur schrieb ich (und schreibe ich immer noch) stets als Reise, bei der ich selbst nur ein paar Wegmarken kenne, nicht aber den Weg selbst und das Ziel, an das er mich führt. So zu schreiben ist ein faszinierendes Abenteuer – und ich dachte lange, für mich die einzige Methode.

Nur – Drehbücher kann man so nicht schreiben. Für ein festes Format wie Heldt sowieso nicht (btw. – Sahras und meine neueste Folge findet ihr hier in der ZDF-Madiathek) , aber auch nicht für neue Filme oder Serien, egal, ob man sie alleine oder im Team schreibt. Die visuellen Formate folgen einer strengen dramaturgischen Form für die es zwar sehr viele Bezeichnungen gibt (3-5 Akter, Sequenzenmodelle, Heldenreise etc.), die aber letztlich jeder Geschichte zugrunde liegt. Hinzu kommen die zeitlichen Begrenzungen. So etwas kann man nur geplant schreiben. Davon, dass eine Entwicklung in Zusammenarbeit mit einer Produktionsfirma und ggf. auch einem Sender nochmal etwas VÖLLIG anderes ist als die Zusammenarbeit mit einem Verlag will ich hier gar nicht anfangen. Nur soviel: Drehbuchautor*innen müssen unbedingt selbstbewußt und sollten besser nicht eitel sein. Sonst tut es weh.

Selbstverständlich bedeutet das nicht, dass die Ergebnisse weniger kreativ sind, als die Ergebnisse einer Schreibreise ins Ungewisse. Es gibt sehr kreative Filme und Serien, umso besser und kreativer, je mehr Macht die Autor*innen haben. Und es gibt sehr unkreative Romane. Nicht die Form oder die Methode machen die Kreativität aus, sondern die Idee und die Geschichte, die daraus wird.

Dennoch habe ich in der Zusammenarbeit mit Sarah die Erfahrung gemacht, dass zwei kreative Köpfe, die sich Bälle zuspielen und gemeinsam spinnen, mehr sind als die Summe ihrer Teile. Gerade, wenn die Form so streng ist und allerlei Vorgaben uns Grenzen setzen. Wir nehmen uns sehr viel Zeit fürs Plotten, meist reise ich dafür zu ihr nach Wien, und wir verbringen Stunden und Tage damit, uns Ideen zuzuwerfen, damit zu spielen, in die wahnsinnigsten Richtungen zu spinnen, nur um am Ende zurück zu kommen und etwas zu haben, zu dem wir beide alleine nicht im Stande gewesen wären. Und die zwei Stunden, in denen wir beim Workshop gemeinsam mit Jacob unsere Köpfe um Privatdetektive und Hippstersatanisten gewickelt haben, lassen mich sehr stark vermuten, dass hier mehr Köche nicht unbedingt einen schlechteren Brei bedeuten.

Inzwischen bin ich sogar der Meinung, dass man auch zu zweit discovering schreiben kann – also die Methode, nach der ich Romane schreibe. Ist vor allem eine Frage der Form und der Absprache. Aber wie man zu zweit (oder zu mehreren) erfolgreich schreibt, dazu morgen mehr.

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schreckenbergschreibt: Türchen Nr. 2 – Grusel

So, da habe ich also ein Adventskalenderprojekt angefangen, ich naives Häschen. Ich habe das übrigens, das gebe ich auch gleich zu, in der Absicht getan, durch kontinuierliches Bloggen ein wenig meine Leser*innenbasis zu vergrößern, weil ich mich im Anschluss daran einem Thema widmen will, dass einerseits recht wichtig ist, zu dem es andererseits aber sehr wenig Information in Form von unaufgeregten Erfahrungsberichten gibt – ich jedenfalls habe sie bei meiner Recherche Anfang dieses Jahres schwer vermisst. Aber dazu, wie gesagt, später.

Adventskalener also. Vor drei Tagen habe ich mich noch gefragt, was zur Hölle ich eigentlich alles schreiben soll. Fantasy Filmfest, ja, sollte ich mal (ähem). Ängstliche , jammeringe Männer – klar, immer ein Thema. Das Schreiben – UNBEDINGT (Obwohl ich da nie weiß, was Euch interessiert, was selbstverständlich und was langweilig ist, also FRAGT! 😀 ). Schwimmen, kämpfen, meditieren… ja… für MICH wichtig, und das ist mein Blog, also behellige ich auch Euch damit, aber gleich am Anfgang?

Und dann spült mir das Wochenende gleich drei interessante Themen vor die Füße: Die Urwahl der neuen SPD-Vorsitzenden, ein Gespräch mit dem Großen Kind zum Thema Game of Thrones und die Frage von inter123netzzo, ob es das Christkind wirklich gibt.

Nun gut, dass die SPD eine Sozialdemokratin und einen Sozialdemokraten an ihre Spitze gewählt hat, mag Presse, SPD-Establishment, FDP, CDU und Gerhard Schröder schwer erschüttern, mich macht es eher ein bisschen hoffnungsfroh. Ich habe geschworen, die SPD nie wieder zu wählen, trotzdem wünsche ich ihr, dass andere das wieder tun. Wir brauchen in diesem Land dringend parlamentarische Mehrheiten links der CDU, und ohne mindestens 20 Prozent für die SPD geht das einfach nicht.

Game of Thrones sind gleich mehrere Themen (darunter: „Wieso muss da jede Frau um sich charakterlich zu wandeln, erstmal vergewaltigt werden?“, „Was war an Staffel 8 gut und was schlecht?“ und „Warum zum Teufel darf ein strategischer Vollcretin wie John Snow irgendeine militärische Entscheidung treffen?“), über die ich bestimmt noch bloggen werde, aber nicht hier.

Und was inter123netzzos Frage betrifft: Vielen Dank fürs Eisbrechen. 🙂 Die beantworte ich, wenn wir näher an Weihnachten sind. Hier nur soviel: Frag mal Deine Tochter, wie mutig es ist, mir Fragen zu stellen, in denen Worte wie „wirklich“ vorkommen… 😀

Womit ich mich heute aber kurz beschäftigen möchte ist die Frage nach dem Grusel. Anlass ist die Lesung am Samstag: Gemeinsam mit Jutta Wilbertz, Andreas Schnurbusch, Leon Sachs und Isabella Archan las ich aus der Anthologie „Die gruseligsten Orte in Köln“, in der wir alle vertreten sind. In ihrer Moderation fragte Jutta uns nach unseren eigenen, gruseligsten Erlebnissen. Andreas, der Polizist ist, und Leon, der als Sportjournalist über den 1. FC Köln* schreibt, hatten da natürlich ganz Schauerliches zu berichten. (Genaugenommen reichte bei Leon, dass er erwähnte, worüber er schreibt um das – Kölner – Publikum in Entsetzenstarre zu schicken.) Ich erzählte eine kleine Geschichte, die mit „The Ring„, einem düsteren Flur und meiner jüngeren Tochter zu tun hat. Die drei Leute im Publikum, die The Ring kannten, waren angemessen beeindruckt.

Wir haben alle gruselige Anekdoten mit Pointe erzählt (außer Leon, bei dem reichte es, dass er erwähnte…), klar, wir sind Geschichtenerzähler*innen. Aber haben wir wirklich die Frage nach unserem gruseligsten Erlebnis beantwortet? Ich bin, was mich ziemlich sicher, dass ich geschummelt habe. Der Duden definiert „gruselig“ als: “ Gruseln hervorrufend; schaurig, unheimlich“. Ich habe am Samstag definitiv nicht meine schaurigsten Erlebnisse erzählt, das hätte die Stimmung des wirklich netten Abends gekippt. Und wenn man die Definition nimmt, bei der der Duden ein Wort mit sich selbst erklärt („Grusel hervorrufend“) dann wäre es auch falsch.

Juttas Frage ist nämlich mit der sehr verwandt, die ich als Horrorautor häufiger gehört habe: „Wovor gruseln Sie sich?“ Das ist eine andere Frage als (die ebenfalls gern gestellte) „Wovor haben sie Angst?“ Auf die Frage kann ich konventionell, ausweichend und ehrlich antworten, in dem ich von meinen Liebsten, dem Klimawandel oder – selten – auch von tief sitzenden, altverwurzelten Ängsten (siehe oben) rede. „Grusel“ aber bedeutet für mich etwas anderes. Es ist die Art von Unbehagen oder Angst, die einen älteren, vielleicht vormenschlichen Kern anspricht. Die Antizipation (!) von etwas, das meine höheren geistigen Funktionen sofort ausschaltet, und mir nur die ganz alten Alternativen lässt: Kampf oder Flucht. Und – das kommt hinzu – von etwas das FALSCH ist. Falsch im Sinne von Arthur Machens Bösem: Singende Blumen, Frucht treibende Steine, etc.** Insofern gibt es eigentlich nur eine Antwort auf diese Frage: Ich grusele mich vor dem, was ich mir vorstellen kann und nicht ausschließen kann. Weil ich leider einen sehr weiten (oder engen) Realitätsbegriff habe. Und deshalb fürchte ich mich davor, dass der Spiegel mir nicht das zeigt, was ich erwarte. Was ich sehen könnte, wenn ich mich umdrehe und in die Dunkelheit hinter mir schaue. Welche Welt ich vorfinde, wenn ich nach dem Aufwachen die Augen öffne.

Ich grusele mich davor, dass im nächsten Moment das, was ich selbstverständlich für wahr halte, zerfallen wird. Und dass das, was ich dann sehe, mir nicht gefallen wird. Klingt vielleicht seltsam, aber andererseits: Wir haben das alle schon erlebt, schließlich sind wir geboren worden. Und wir werden es alle nochmal erleben. Bis dahin aber – seid vorsichtig mit Spiegeln und schaut nicht zu tief ins Dunkel hinter Euch. Adventszeit ist Kerzenzeit. 😉

* Bevor sich irgendwer getriggert fühlt – die Rivalität zwischen FC Köln und Bayer Leverkusen ist mir ziemlich egal. Was Fußball angeht beobachte ich Westham United mit einiger Sympathie und ja, Bayer Leverkusen ist mir nicht völlig egal. Der Effzeh aber auch nicht. Nur – mit Herzblut bin ich bei den Langenfeld Longhorns und den Baltimore Ravens.

** Noch so ein Thema, über das ich mal schreiben sollte. 😀 Oder darüber reden. Zum Beispiel am 18. Januar in der Leverkusener Stadtbibliothek.

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schreckenberglebt: Türchen Nr. 1 – von Türchen

Nachdem meine liebe Kollegin Jutta Willbertz gestern, anlässlich einer gemeinsamen Lesung, diesen meinen Blog lobte, dachte ich: Wäre vielleicht nicht doof, mal wieder in den Blög zu schreiben. Also…

Wie wäre es, wenn ich in diesem Jahr aus meinem Blog einen Adventskalender mache? 24 Posts an 24 Tagen hintereinander. Gut – wer meine bisherigen Versuche, kontinuierlich zu bloggen verfolgt hat, der weiß, dass dieses Unterfangen an Größenwahn grenzt, aber der Wille ist voll da. Ehrlich!

Ihr könnt mir dabei zur Seite stehen: Wenn es ein Thema gibt, über das Ihr mich einmal bloggen lesen wollt, wenn Ihr eine Frage habt, die ich Euch öffentlich beantworten soll – jetzt ist der Zeitpunkt gekommen! 😀

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schreckenberglebt: Greta Thunberg emittiert

Die deutschen Medien haben ein neues Hobby, eines, das sie von den Schwurblern übernommen haben: Sie versuchen, möglichst genau jede Emission, die von Greta Thunberg ausgeht, zu berechnen und sie ihr dann empört vorzuhalten. Sinn und Hintergrund dieser Empörung erschließen sich mir nicht ganz, aber das ist durchaus natürlich. Empörung ist hierzulande ein beliebter Volkssport, und ich habe es eh nicht so mit den Lieblingssportarten meines Volkes. Ich sehe ja auch lieber American Football als Fußball. Hat eigentlich schon jemand bei den Berechnungen berücksichtig, dass sie atmet – also CO2 ausstößt? Und – Gott bewahre – aufgrund ihres Stoffwechsels hin und wieder wahrscheinlich auch Flatulenzen hat? METHAN, Leute! Teufelszeug! Warum betreibt das feine Fräulein keine Phososynthese, hm?

Das Blöde bei all dem ist nur: Selbst wenn Greta Thunberg den Atlantik auf einem dieselbetriebenen Seelenverkäufer überqueren würde, der seit 1952 nicht mehr gewartet wurde, dabei alle zehn Minuten links einen Eimer Schweröl und rechts eine Wanne Dünnsäure über die Reeling kippen und jeden Tag einen Delphin verspeisen würde, den sie per Sprengstoff gefangen hat, um dann, in den USA angekommen, das dreckigste Kohlekraftwert der Welt einzuweihen – all das würde nichts daran ändern, dass das, was sie sagt, wahr ist. Eine überwältigende Mehrheit der mit der Materie befassten Wissenschaftler (je nach Quelle* irgendwas zwischen 97,x und 99,x Prozent) sagt, dass wir Menschen kurz davor sind, das Klima auf diesem Planeten irreversibel und zu unseren Ungunsten zu verändern. Und Greta Thunberg (gemeinsam mit vielen anderen) weist nur darauf hin, dass wir – besonders aber die Generationen und Gruppen an den Schalthebeln der Macht – dringend handeln müssen, wenn wir das noch verhindern wollen. Ganz einfach.

Und das ist es, worum es bei dem ganzen Gretabashing in Wirklichkeit geht: Dass wir uns der Grundlage unserer eigenen Zivilisation, wenn nicht gar unserer Lebensgrundlage selbst berauben, wenn wir nicht radikal etwas ändern, ist eine naturwissenschaftliche Tatsache. Und mit der Physik kann man nicht diskutieren. Und ja, das bedeutet, dass wir sehr viel ändern, auf sehr viel verzichten, sehr viel Selbstverständliches aufgeben müssen*. Das ist unpopulär. Und wenn die Tatsache, dass 2+2=4 ist in ihrer Konsequenz bedeutet, dass ich von meinem gewohnten und bequemen Leben Abschied nehmen muss, dann gefällt mir diese Rechnung nicht. Aber sie ist numal wie sie ist, also kann ich nichts dagegen tun. Mir bleiben dann, wenn ich unbedingt will, dass alles so bleibt, nur zwei Möglichkeiten:

Entweder, ich zweifle die Mathematik selbst an, und erkläre, dass alle, die an sie glauben manipuliert sind. Das tun die Verschwörungstheoretiker.

Oder ich versuche, mich an der Person abzuarbeiten, die das Ergebnis der Rechnung laut verkündet. Das ändert nichts am Ergebnis, führt aber zu einer sinnlosen Scheindiskussion, bei der ich mich irgendwie besser fühle, weil ich mich ja nicht mehr mit den Konsequenzen aus 2+2=4 auseinander setzen muss. Das tun die Leute, die sich gerne an Greta Thunberg abarbeiten.

Egal was Greta Thunberg sagt oder nichts sagt, tut oder nicht tut, emittiert oder nicht emittiert, und egal wer ihr zuhört oder sich weigert, das zu tun: Die Physik lässt nicht mit sich verhandeln. Die Veränderungen werden kommen, so oder so. Es ist nur die Frage, wieviel davon wir noch bestimmen können.

*Wie schon bei früheren Posts gesagt: Nein, ich verlinke die Beweise nicht. Ich bin müde. Sucht sie Euch selbst. Schaut von mir aus in Rezos Liste, aber nein, ich werde Euch die Recherche nicht abnehmen. Lernt anständig zu recherchieren (falls ihr es noch nicht könnt) und dann recherchiert. Es ist lehrreich.

**Natürlich liegen in diesen Veränderungen, wie in allen Veränderungen, auch viele Chancen. Idealerweise leben wir am Ende in einer gerechteren***, lebenswerteren, schöneren Welt. Aber das sehen wir dann. Erstmal sollten wir schauen, dass wir uns die wenigen Gestaltungsmöglichkeiten erhalten, die wir noch haben.

*** „Gerechter“ bedeutet natürlich noch immer, dass wir West- und Nordeuropäer unseren Lebensstandard wahrscheinlich senken müssten. Aber wäre das wirklich so schlimm?

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