schreckenberglebt: Are you really looking up?

Ein Freund machte mich auf diese Gegenrede zu dem Video „Look Up!“ aufmerksam, das die sozialen Netzwerke verdammt, über die es sich gerade massenhaft verbreitet. Haha…

Die Gegenrede ist nicht unbedingt brillant geschrieben, aber da „Look Up!“ als Gedicht auch eher mittelmäßig ist, treffen sie sich auf Augenhöhe. Und die Meinung der Autorin teile ich. Auch ich dachte beim Ansehen von „Look Up!“: „Was für ein pathetischer Blödsinn.“ Ja, klar, man kann sich die Welt finster reden… Aber mir fiel spontan dieses bezaubernde Paar aus meinem Freundeskreis ein, das sich im Internet getroffen hat und das gerade Eltern einer mindestens ebenso bezaubernden Tochter geworden ist. Meine beste Freundin, die ich ohne ein Internetforum nie kennengelernt hätte. Meine Kinder, die auf Spielplätze gegangen sind, Sport treiben, lesen, echte Freunde in der echten Welt haben – und die eben auch elektronisches Spielzeug nutzen, sich mit ihren echten Freunden über WhatsApp verabreden, Trainingszeiten den Newsgroups ihrer Vereine entnehmen und Kritiken über ihre Bücher in eigene Blogs schreiben. Klar gibt es vereinsamte Gestalten im Netz – aber die gibt es überall, look up! Smart phones* and dumb people? I think not.

 

*btw: Ich besitze kein Smartphone. 😉

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schreckenbergschreibt: Der Finder – eine feministische Kampfschrift?

Also – bevor mir die erste Feministin hier (mit Recht) verbal aufs Dach steigt: Die Idee ist nicht von mir. 😀 Mein neuester Amazon-Rezensent vermutet, die Tatsache, dass in meinem Endzeit-Roman Frauen unter anderem Jägerinnen und Späherinnen sind, sei einem „feministischen Zeitgeist“ geschuldet. Er selbst vermutet, in einer Situation wie der im Roman geschilderten würden die Frauen sich ganz schnell freiwillig auf traditionelle Rollen zurückziehen.

Hm. Ich glaube das nicht, und ich glaube es aus Überzeugung nicht, das hat nichts mit Zeitgeist zu tun. Im Gegenteil – gerade über diesen Punkt hatte ich einige sehr interessante Diskussionen mit einem guten Freund, der ebenfalls eine Endzeitgeschichte geschrieben hat. Obwohl die Geschichten sehr unterschiedlich sind und der Untergang der Zivilisation jeweils andere Ursachen hat, ist das Setting ähnlich: Eine nahezu menschenleere Welt (bei mir etwas menschenleerer als bei ihm), bei vielen unzerstört herumliegenden bzw. -stehenden Resten unserer technisierten Welt. Bei ihm ergeben sich sehr schnell wieder alte Rollenbilder, bei mir eher nicht. Ich möchte hier kurz unsere Argumente wiedergeben und es würde mich interessieren, was Ihr dazu denkt.

Kurz vorweg: Der Blick in die Geschichte ist hier nicht sehr hilfreich. Die Recherchen, die ich betrieben habe, sprechen davon, dass sehr frühe Wildbeutergesellschaften keine großen Unterschiede zwischen Männern und Frauen in Hinsicht auf die Arbeitsteilung machten, während mit zunehmender Spezialisierung auch die Arbeitsteilung nach Geschlechtern (wie auch immer sie jeweils ausgesehen hat) Einzug hielt. Diese Beispiele früher menschlicher Gesellschaften lassen sich aber, wie ich finde, nur sehr schwer auf die Situation in Endzeitgeschichten anwenden. Frühzeitliche Menschen waren mit dem Wissen um alles, was sie fürs Leben brauchen aufgewachsen, während modern sozialisierte Zivilisationsmenschen bei Wegfall der Zivilisation vieles erst neu lernen müssen. Andererseits SIND sie eben modern sozialisiert, mit Erfahrungen und Vorstellungen, die sich höchstwahrscheinlich extrem von den Vorstellungen eines Frühmenschen unterscheiden (von den Erfahrungen sowieso).

Wir sind also hier vor allem auf unsere Phantasie angewiesen. Und die führt bei unterschiedlichen Leuten zu unterschiedlichen Ergebnissen. Folgende Argumente für eine Rückkehr zur traditionellen Arbeitsteilung sind mir begegnet:

1.) Körperliche Argumente 1: Männer seien, da sie von Natur aus stärker und ausdauernder sind als Frauen, für körperlich belastende Tätigkeiten besser geeignet als Frauen.

2.) Mentalitätsargumente: Die von Natur aus kriegerische(re)n Männer würden andere Männer als Bedrohung sehen, vor der sie die Frauen beschützen wollten / müssten. Frauen würden dies – als von Natur aus sanftmütiger und friedfertiger – akzeptieren.

3.) Einzigartigkeit von Frauen (körperlich 2): Frauen können Kinder austragen, Männer können das nicht. Da Kinder für kleine Gesellschaften, die fast nur aus Erwachsenen bestehen (aber weiterexistieren wollen) extrem wichtig und wertvoll sind, werden diese Gesellschaften alles dafür tun, die potentiellen Austrägerinnen von Kindern vor Unfällen und allen anderen Gefahren zu schützen, notfalls eben auf Kosten der Männer, die ersetzbarer sind.

Ich bin, wie oben gesagt, anderer Meinung, von daher kann es sein, dass ich diese Argumente verkürzt wiedergegeben habe. Man möge mich korrigieren. Hier nun meine Argumente gegen eine Rückkehr zur traditionellen Arbeitsteilung:

1.) Jedes Talent wird gebraucht: Die Gruppen sind klein und in der neuen Situation gänzlich unerfahren. Wenn daher eine Gruppe eine begabte Schützin in ihren Reihen findet (wie Carmen im „Finder“) oder ein Mädchen, das sich nicht nur geschickt, schnell und leise bewegen, sondern auch gut schießen kann (wie Lara, die Späherin), dann wäre es simple Resourcenverschwendung, die an den Herd oder zum Putzen zu schicken. Andererseits spricht gar nichts dagegen, dass eine Frau wie Esther, die ausgebildete Krankenschwester ist, in die traditionelle Frauenrolle der Heilerin zurückkehrt.

2.) Diese Menschen sind modern sozialisiert. Und die Tatsache, dass sowohl Frauen als auch Männer das Recht haben, sich ihre Rolle in der Gesellschaft frei auszusuchen, ist Allgemeingut. Eine Endzeitgesellschaft würde dieses Recht vermutlich einschränken, aber nicht entlang von Geschlechtern, sondern entlang von Talenten.

3.) Was das Kriegsargument betrifft – es sind überall moderne Handfeuerwaffen verfügbar. Niemand muss mit schweren Schwertern, Lanzen oder Keulen hantieren. Auch hier sind Talente und Erfahrung wichtiger als Kraft. Im Nahkampf ist die durchschnittliche Frau dem durchschnittlichen Mann tatsächlich unterlegen, aber nur bei gleichem Ausbildungsstand. Ich weiß (aus Erfahrung), dass eine entsprechend ausgebildete Frau gegen einen nicht oder weniger ausgebildeten Mann auch im Nahkampf bestehen kann, mit Waffen (etwa einem Messer) sowieso, aber auch waffenlos.

4.) Männer sind Frauen – in der modernen Gesellschaft – auch nur theoretisch an Körperkraft und Ausdauer überlegen. Praktisch ist es eine Frage des Lebensstils vorher: Wer ein aktives Leben geführt und viel Sport getrieben hat, hat eine bessere körperliche Ausgangssituation als der Sofasportler mit Bildschirmarbeitsplatz. Mit der Zeit mag sich das einebnen, aber mein Roman behandelt nur das erste Jahr nach dem Verschwinden der Menschheit. Und da verliert ein stark übergewichtiger Computerexperte wie Ben zwar deutlich an Gewicht und gewinnt an Kraft und Beweglichkeit, erreicht aber nie die Leistung seiner Freundin Carmen, die schon „vorher“ aktiver gelebt hat.

5.) WENN eine so kleine Gesellschaft sich demokratische Regeln gibt, wie im Finder (in dem es ja auch Gegenbeispiele gibt), dann kann sie schlicht niemanden in irgendeine Aufgabe zwingen, die er oder sie nicht will. Und da die Menschen modern sozialisiert sind (siehe 2.) werden sie ihre Wünsche nicht an alten Rollenbildern orientieren.

Nicht von der Hand zu weisen ist allerdings, aus meiner Sicht, das Argument, dass Frauen wegen ihrer Fähigkeit, Kinder auszutragen, für eine solche Gruppe besonders schützenswert sind. Das betrifft allerdings in erster Linie schwangere Frauen – weil kaum eine moderne Frau sich, wenn sie nicht schwanger ist, vor allem als „potentielle Kinderträgerin“ definieren lassen wird. Ganz davon abgesehen, dass gerade in der Finderwelt ja die Hoffnung auf eine Zukunft für die Menschheit an sich sehr schnell schmal wird. Ich spreche das nirgendwo aus, aber: Bevor die Heuler auftauchen, werden schnell einige Frauen schwanger. Danach kaum noch. Ich vermute (ich muss es wirklich vermuten, geplant habe ich es nicht), ersteres ist der Ausdruck der Hoffnung, den meine Figuren haben. Verhüten wäre ja noch gut möglich. Als die Hoffnung verschwindet kehren wohl einige Paare wieder zu den Verhütungsmitteln zurück…

Nun aber meine Frage: Was meint Ihr?

 

P.S.: Ach ja – und noch eine Bitte: Ob Ihr dem Rezensenten nun zustimmt oder nicht, bitte fangt keinen Krieg mit „hilfreich“ / „nicht hilfreich“ Bewertungen der Rezension an. Das fällt am Ende nur auf mich zurück (wie schon einmal geschehen). Danke. 😉

 

 

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schreckenbergschreibt: Kontrollverlust

Wer diesen Blog schon länger verfolgt weiß, dass ich mitunter in einem Zustand schreibe, in dem ich die Geschichte nicht erfinde, sondern in dem sie gleichsam aus mir herausfließt, über meine Hände in die Tastatur auf den Bildschirm. Ich konstruiere dann nicht mehr, sondern bin nicht viel mehr als mein Medium. Ich bin damit nicht alleine, viele Kolleginnen und Kollegen kennen diesen Zustand. Angelsächsische Autoren nennen es „Die Zone“ (ich bin nicht sicher, ob ich den Ausdruck ursprünglich von Neil Gaiman oder Stephen King kenne), ich bezeichne es gerne als „in der Geschichte sein“. Denn so fühlt es sich für mich an. Ich bin bei meinen Figuren, im Geschehen, fühle mit ihnen und notiere, was passiert, obwohl mir irgendwie schon klar ist, dass ich das Geschehen forme während ich schreibe. Aber im besten Falle doch nicht nur – die Geschichte formt sich, ich schreibe. Es dauert, auch wenn ich mit dem Schreiben fertig bin, immer noch eine Weile, bis ich aus der Geschichte/Zone wieder herauskomme, was für meine Umgebung manchmal etwas anstrengend ist.

Im Moment bin ich noch drin, weswegen ich jeden Satz dieses Blogbeitrags mehrmals anfange – es geht nicht so einfach, zu bloggen, wenn ich eben noch in einer verlassenen Tankstelle war, umgeben von einer leeren Welt, und den plötzlichen Zornesausbruch einer Figur miterleben musste, der für mich ebenso überraschend kam wie für meinen Protagonisten.

Denn davon wollte ich Euch kurz erzählen – ein Beispiel dafür, wie Schreiben in der Zone für mich funktioniert.

Die Szene war mehr oder weniger vorgeplant. Es ist kein Krimi und kein Drehbuch, deshalb plane ich einzelne Szenen wenn, dann nur sehr grob, und lasse der Geschichte ansonsten ihren Lauf, aber in diesem Rahmen war sie geplant. Das Kapitel sollte eigentlich vor allem als Übergangskapitel dienen. Im vorherigen habe ich eine Sequenz beendet, im Kommenden wird eine neue beginnen, dazwischen wollte ich eine wichtige Hintergrundinformation über eine zentrale Nebenfigur einführen und das Band zwischen ihr und meinem Protagonisten mit ein paar gemeinsamen kleinen Erlebnissen stärken. Die beiden sitzen also in dieser Tankstelle, trinken Cola und futtern Süßigkeiten und ich merke schon, dass es gut läuft, denn ich komme ganz von selbst zu dem Punkt, an dem die wichtige Information enthüllt wird. Und dann plötzlich – übernehmen meine Figuren die Regie, das Gespräch nimmt eine Wendung, die ich nie geplant hatte, die Wellen schlagen hoch, ich sitze nur staunend daneben und schreibe mit, und am Ende sind wir nicht nur um einige wichtige Infos reicher, auch die Charaktere der beiden beteiligten Figuren sind ein ganzes Stück tiefer und deutlicher geworden. Und ich staune und freue mich.

Es ist nicht so, dass ich vorher nicht gewusst hätte, wie meine Figuren sind. Nun aber VERSTEHE ich sie besser.

Diese wunderschönen Momente sind einer der wichtigsten Gründe, aus denen ich meinen Beruf liebe.

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schreckenbergschreibt: Das Phantom

Ähm… wie soll ich es sagen… also…. es ist so… dass… örhg… öhm… also… ich finde meinen Sinnfragenkombinator nicht. Er ist nicht weg, er ist nur garantiert bei einer Auf- oder Umräumaktion an einen Platz gelangt, an dem ich ihn nicht vermute (wie mein Schlüssel, den ich mal im Kühlschrank fand oder der Ring in der Obstschale). Ich werde ihn also wiederfinden und dann alsbald die Sonntagsfrage nachholen. Bis dahin aber (oder, wenn ich ihn schnell finde, darumherum) habe ich drei andere Themen, die ich bearbeiten möchte, das erste gehe ich heute an. Es liegt mir sehr am Herzen und ich habe es hier und da in diesem Blog schon einmal angerissen, aber ihm nie einen eigenen Beitrag gewidmet. Es geht um:

Die Intention des Autors

Am vergangenen Montag – heute vor einer Woche – las ich an meiner alten Schule. Die sind dort darauf gekommen, dass ihr Institut mindestens zwei Schriftsteller und einen Drehbuchautor hervorgebracht hat und haben daraus eine kleine Veranstaltungsreihe geklöppelt – vier Lesungen, dreimal mit den Ex-Schülern und eine Lesung, in der Schülerinnen und Schüler ihre Werke vortragen. Ich war sehr froh darüber, dass die Veranstalterinnen auch mich gefragt haben. Hätte mir irgendwer vor 25 Jahren prophezeit, dass ich einmal in dem selben Atrium, in dem ich Hausaufgaben ausgetauscht, Liebeskummer verarbeitet, Oberstufenpartys gefeiert, auf meine Abiturnoten gewartet usw. usw. habe gegen Eintritt vor einem beachtlichen Publikum aus meinem eigenen Roman lesen würde… ein wahr gewordener Traum. Aber nicht nur der Traum war schön, auch die Realität. Ich habe aus dem Finder gelesen und ein ganz kurzes Stück aus dessen Fortsetzung, die gerade im Werden ist. Danach gab es eine laaange Fragerunde (was gut war, ich mag Fragerunden).

Die Moderatorin des Abends war eine Deutschlehrerin, und sie bewies Mut, denn sie forderte die anwesenden Schülerinnen und Schüler kurz vor Schluss auf, doch mal zu fragen, wie das denn nun sei, mit der Intention des Autors. Offenbar hatte es da, wie zu allen Zeiten unter Schülern und Lehrern, Divergenzen gegeben. Und nun hatte man ja einen von diesen Autoren da. Allein, die Jugendlichen trauten sich nicht. Was ich verstehen kann – wer weiß denn, wie der Typ da vorne antwortet. Dann aber kam die Frage doch, allerdings nicht von Schülerseite, sondern von einem Gast in meinem Alter. Mann, war ich dankbar.

Seit ich Lesungen mache, habe ich davon geträumt, dass mir jemand mal diese Frage stellt. An einer Schule. Vor Schülern und Lehrern. Nun war der Moment da. Gibt es sie, die berühmte Aussageabsicht, die Antwort auf die Frage „Was will der Autor uns damit sagen?“

Die Antwort, von der ich so lange schon wünschte sie mal geben zu können lautet: Jain.

Nein. Ich behaupte: Kein Autor, jedenfalls kein ernstzunehmender Autor fiktionaler Belletristik, baut eine Geschichte um eine Aussageabsicht auf. Das ist Humbug, nur leider ein Humbug, an den viele Lehrerinnen und Lehrer bis heute gnadenlos glauben. Sie glauben wirklich, Hemingway habe ZUERST die Absicht gehabt, über die Macht der Natur über den Menschen zu schreiben (beispielsweise) und sich dann eine passende Geschichte um einen alten Mann, einen Schwertfisch und Haie ausgedacht. Und ich bin davon überzeugt, wer so denkt kann Journalist sein, Publizist, Lehrer – aber niemals Schriftsteller. Die Absicht einer Autorin oder eines Autors ist IMMER* zuerst, eine Geschichte zu erzählen. Sagen wir es platt (und verkürzend) – zu unterhalten. Widerspricht das der Absicht, etwas über die großen Themen unserer Existenz zu sagen? Nein, tut es nicht, aber darauf komme ich im nächsten Abschnitt. Wer glaubt, man könne sein Publikum nur mit Plattheiten oder Fragen wie „Wird ihre Liebe halten?“ unterhalten, der unterschätzt das Publikum ganz gewaltig. Die großartigen Dramen eines Shakespeare, die Stoff für unendlich viele Hauptseminare an den Universitäten dieser Welt liefern, sind zu einem beachtlichen Teil Theaterstücke fürs Volk, auch wenn der König sie bezahlt hat. Und wer glaubt, dass „Macbeth“ zum Beispiel nur für Gebildete geschrieben sei, abgesehen vom Schenkelklopfer in der Porter-Scene, dem ist in seiner Arroganz kaum zu helfen. Doch, die Menschen haben das verstanden, da bin ich sicher, ebenso wie sie die aktuellen politischen Anspielungen verstanden haben werden. Das Publikum ist nicht doof und war es noch nie. Das ist nur leider in Zeiten von Scripted Reality und ähnlichem Mist in Vergessenheit geraten.

Und deshalb bin ich ein wenig in Rage geraten, bei meiner Antwort auf die Frage, und habe lautstark gegen Deutschlehrer gewettert, die glaube, es gäbe DIE Intention des Autors, und wer die richtig benennt bekommt eine gute Note und wer sie falsche benennt eine schlechte. Für den kleinen Ausbruch gab es sogar Applaus. Von der Seite, auf der die Schülerinnen und Schüler saßen.

Aber das ist nur die halbe Wahrheit, und das habe ich selbstverständlich auch gesagt.

Ja. Selbstverständlich haben Autorinnen und Autoren etwas zu sagen, und wir WOLLEN auch etwas sagen. Nicht nur die „Gesellschaftskritischen“, sondern alle, vermute ich, auch und gerade wir, die wir phantastische- und Kriminalliteratur schreiben. Aber ich wehre mich gegen den Begriff „Intention“. Das ist mir zu voluntaristisch, ich spreche lieber von „Themen“. Eine unvollständige Auswahl von Themen, die mir wichtig sind und die in meinen Romanen auftauchen: die Existenz von Gut und Bösen und die Frage, ob sie relativ sind, die Frage nach der Realität der Realität, die Verführbarkeit von Menschen… das sind nur drei von vielen. Aber selbst wenn ein oder mehrere Themen in einem meiner Bücher zentral sind, beginne ich nie ein Buch aus der ABSICHT heraus, etwas dazu zu sagen. Die Frage sollte meiner Meinung nach daher nicht lauten „Was ist die Aussageabsicht des Autors?“ sondern „Welche Themen behandelt der Autor in seinem Werk und wie äußert er sich dazu?“ Gute Lehrerinnen und Lehrer gehen die blöde Sache mit der Intention so an und ich hatte das Glück, in der wichtigsten Zeit (7. – 10. Klasse) nacheinander eine Lehrerin und eine Lehrer in Deutsch zu haben, die mit diesem Ansatz arbeiteten. Die Lehrerin saß vergangene Woche sogar im Publikum und wir haben nachher noch ein wenig geplaudert. 🙂 Diese beiden haben uns nicht in ein langweiliges Rätselspiel mit Namen „Was will der Autor uns…“ geschickt. Bei Ihnen mussten wir eine Intention (nennen mussten sie es ja so) herausarbeiten und an Textstellen belegen. WAS diese Intention war, war ihnen mehr oder weniger egal – so lange wir es am Text schlüssig nachweisen konnten, war es in Ordnung. Was ihre eigene Meinung zu der Frage war erfuhren wir selten – darauf kam es ihnen nicht an. Wir waren dadurch gezwungen uns mit den Werken auseinander zu setzen, und nicht mit den Vorstellungen unserer Lehrer davon. Und das ist viel spannender.

Des Klügste, was je ein Lehrer zu mir über „Die Intention des Autors“ gesagt hat, kam von besagtem Deutschlehrer, der uns in der 9. und 10. Klasse unterrichtete. Ich fragte ihn später, als er nicht mehr mein Deutsch-, sondern mein Philosophielehrer war, noch einmal zu dem Thema und ob er wirklich glaube, dass all diese Autoren wirklich die Intention gehabt hätten, dies und jenes zu sagen. Seine Antwort werde ich nicht vergessen:

„Michael – wer sagt Ihnen denn, dass der Autor seine Absicht kennen muss?“

Amen!

 

P.S.: Eine wichtige Warnung an alle Schülerinnen und Schüler, die dies lesen: Nichts von dem, was ich hier sage, rettet Euch, wenn Ihr unter einem Lehrer / einer Lehrerin leidet, der/die an die EINE Intention glaubt. Ein Verweis auf diesen Blog wird Euch nicht helfen. Also schreibt, was man von Euch verlangt, Pädagogen dieser Art sind ja meist leicht zu durchschauen, und die gute Note ist Euch sicher. Verwechselt das nur nicht mit der Wirklichkeit. 😉

 

 

 

 

*Na ja, vielleicht nicht immer. Es gibt Autorinnen und Autoren, die machen es andersherum. Und deren Geschichten lesen sich dann auch entsprechend. Zum Beispiel… nee, lassen wir das. 😀

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schreckenbergliest: SERAPH 2014

Und der SERAPH 2014 geht an:

Ju Honisch (bester Roman 2014) für „Schwingen aus Stein“

und

Katharina Hartwell (bestets Debüt 2014) für „Das fremde Meer“.

Ganz herzlichen Glückwunsch! 🙂

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