schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 12 – Kreativität

Ich habe neulich erzählt, dass ich zwei autobiographische Kurzgeschichten geschrieben habe. Die eine (chronologisch die zweite) habe ich hier bereits als Quarantängeschichte gepostet. Die andere ist älter. Sie teilt mit „No Booze in the North“ den humorigen und – wie ich hoffe – selbstironischen Ton, aber sie ist ernster.

Ich werde nächstes Jahr 50 Jahre alt, und ich habe mich, wie man so schön sagt, mit meinen „Abgründen“ auseinander gesetzt, in all den jahren. Ich nenne sie lieber „Dämonen“. Damit meine ich nicht die Art von Auseinandersetzung, die dazu führt, dass man sich als Autor von Horror-Thriller-Krimi gerne mit finsterem Blick und Messer in der Hand ablichten lässt, um schön gefährlich und zu den eigenen Geschichten passend zu wirken.

Ich meine die Art von Auseinandersetzung, die dazu führt, dass man genau das nicht will.

Warum erzähle ich das? Als junger Mensch neigte ich dazu – wie viele jungen Menschen, glaube ich – mich auf eine coole Art für abgründig zu halten. Im Grunde diese Messer-und-böses-Gesicht-Pose, nur eben dazu noch pubertär. Ich war einigen meiner Dämonen schon begegnet – aber ich hatte weder gelernt, dass man manche davon zu seinen Freunden machen kann, andere im Käfig halten muss und auf manche beides zutrifft. Dazu hätte ich sehr viel selbstkritischer sein müssen, als ich es damals sein konnte – denn schön sind die alle nicht. (Wenn sie schön sind, sind es keine Dämonen, Leute… auch wenn manche das gerne möchten 😉 ). Also tat ich etwas einfacheres: weglaufen, verleugnen…

Diese Geschichte erzählt von einer der ersten echten Bekanntschaften, die ich mit einem Dämon machte . Oder… eigentlich sind es zwei. Den zweiten habe ich nur sehr viel später erst erkannt, und um den geht es hier auch nicht. Der erste aber… Er ist weit verbreitet und leicht zu zähmen. Aber gezähmt werden muss er.


(Wie immer unter der Lizenz Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0)*.)

Kreativität

von Michael Schreckenberg

Es muss im Frühling gewesen sein. Ich würde lügen, wenn ich behauptete, ich wüsste noch, wann es genau war. Ich erinnere mich, dass der Tag warm war, aber nicht heiß. Auf den Fotos tragen wir alle Feldjacken mit aufgerollten Ärmeln, keine Parkas. Im späten Frühling und im Sommer durfte ich nicht mehr unschuldig durch den Wald rödeln, sondern musste wichtige Sachen machen. Wichtige Sachen existieren in Abkürzungen, da zumindest, also war ich SanKurier, UvD, StOvWaFahrer und ähnliches mehr. Schwamm drüber. Es muss also Anfang Frühling gewesen sein, sagen wir März, und die Sicherheitsgefährdendenkräfte, die schon in unserer Grundausbildung dauernd die Heide hinter Harburg unsicher gemacht hatten, waren wieder da. Oh – ich merke, für Leute, die sich an den Sezessionskrieg 1990/91 nicht mehr erinnern, muss ich eine Geschichtsstunde einschieben. Ich mache es so kurz wie möglich, also:

Ende der 80er Jahre kam den Armeen des westlichen Bündnisses kurzzeitig der Feind abhanden. Schon 1990 erbot sich ein onkelhaft aussehender Mann mit einem dicken Schnauzbart, die Rolle zu übernehmen und auch auf dem Balkan braute sich schon einiges zusammen. Kaum jemand aber ahnte, was sich da wirklich zusammenbraute und was den Schnauzbärtigen betraf, so war er in die Planung der Bundeswehr noch nicht eingegangen. Zu weit weg, zu heiß, zu gefährlich. Die Planung hatte bis 1989 etwa so ausgesehen:

„Der Ivan kommt über’n Hügel, und dann druff!“

Dass der Ivan statt dessen nichtmal mehr den Hügel hatte haben wollen, war eine blöde Panne gewesen, denn von nun an konnte der Feind nicht mehr das tun, was er bis dato jahrzehntelang zuverlässig getan hatte: Rotland heissen und von Osten über’n Hügel kommen. Und so kam es zum Sezessionskrieg: Plötzlich kam der Feind ständig von Süden (Orangeland). Das konnte nur eines bedeuten: Die Bayern hatten sich erhoben. Vielleicht zusammen mit den Hessen. Von Norden fiel gleichzeitig Rosaland ein – das konnten nur die Dänen sein, in alter Wikingertradition. Ich sage mit einer gewissen Genugtuung, dass ich bei den beiden entscheidenden Schlachten dabei war: Als wir den Südstaatlern in Niedersachsen ihr Gettysburg bereiteten, gab Funker Razorback die entscheidenden Befehle weiter (und ermahnte einen Wuppertaler Grünschnabel zu Funkdisziplin, der sich das ganze mit einem Atomschlag ziemlich einfach machen wollte), bei der Abwehr der Horden aus Haithabu auf Fehmarn fuhr Fahrer Razorback kreuz und quer über die Insel und äh… rettete so die freie Welt.

Blieben die Sicherheitsgefährdendenkräfte. Wir erfuhren nie, wer sie waren. Bayerische Partisanen? Oder doch die fünfte Kolonne der Dänen? Jedenfalls taten sie ständig Dinge von bedrohlicher Sinnlosigkeit. Meistens infiltrierten sie die Heide und nötigten uns, draussen zu campen, um ein Munitionsdepot zu bewachen, welches Tag und Nacht von einer Wachmannschaft bewacht wurde. Doppelt hält besser. Einmal verminten die Schlauberger die Straße zur Kaserne und zwangen uns so, durch den benachbarten Sumpf zu waten. Mein persönlicher Kampfwert wurde dadurch allerdings stark gehoben, da eine Horde Ameisen, die die Innenseite meiner Hose geentert hatte, jämmerlich ersoff. Leider zeigte sich keine Sicherheitsgefährdendekraft, die ich, so dem Leben zurückgegeben, Mores hätte lehren können.

Und dann kam dieser Frühlingstag, die Sicherheitsgefährdendenkräfte holten zum letzten und härtesten Schlag aus – sie fuhren durch den Wald. Also hiess es für den Fernmeldezug des ruhmreichen, ältesten Flugabwehrregimentes des Heeres: Sperre bauen! Das ganze lief unter dem Titel „Pionierausbildung“. Ich allerdings musste den ganzen Vormittag Material und Vorgesetzte spazieren fahren und bekam so den wichtigsten Teil der Ausbildung nicht mit. Als ich zu den Kameraden stieß, machten die gerade Mittagspause. Ich fand sie in einem lichten Wäldchen, das durch einen breiten Weg von einem dichteren, dunklen Waldstück getrennt war. Quer über den Weg hatten sie aus entrindeten Baumstämmen etwas gebaut, das wie eine Mischung aus Zaun und Mikado im Endstadium aussah. Da ich in die tieferen Tiefen des Sperrenerrichtens nicht eingeweiht worden war, bekam ich eine Aufgabe, mit der ich mich nützlich machen konnte, ohne zu stören: Ich baute Sprengfallen.

Eine übliche NATO-Handgranate besitzt, entgegen landläufiger Meinung, nicht nur eine Sicherung, sondern zwei: Den berühmten Sicherungssplint und den Sicherungshebel. Sie explodiert wenige Sekunden, nachdem der Splint gezogen und der Hebel losgelassen wurde. Man nehme also eine Handgranate und stecke sie in einen Plastikbecher, der den Hebel festhält. Dann befestige man einen Faden an der Granate, der stark genug ist, sie aus dem Becher zu ziehen, spanne den Faden und ziehe den Splint, fertig ist die Sprengfalle. Wer immer nun an dem Faden zieht, reisst die Granate aus ihrem Becher – und hat ein ernstes Problem. Ich konnte mein Glück kaum fassen: Endlich, nach fast neun Monaten, war meine Kreativität gefordert. Ich stürzte mich begeistert auf die Aufgabe. Während meine Kameraden an ihrem Mikado weiter bauten, bastelte ich theoretische Höllenmaschinen aus himmelblauen Übhandgranaten. Ich berechnete das Verhalten von Menschen, die sich plötzlich einer solchen Sperre gegenüber sehen. Ihre Laufwege. Ich ließ mir von den beiden Planern des Dings erklären, wie es gebaut war, um zu antizipieren, wie man es einreissen würde. Ich entwickelte nicht nur den Ehrgeiz, die fiktiven Fahrer des aufgehaltenen Konvois mittels kleiner Splitterbomben zuverlässig zu zerhacken, ich wollte auch noch, dass sie sich in ihrem letzten bewussten Moment als lebende Wesen verarscht vorkämen. Verarscht von mir. Ich baute zwei Sprengfallen in die Sperre selbst ein, zwei legte ich in das Gehölz. Für die fünfte hatte ich mir einen besonders perfiden psychologischen Trick ausgedacht.

Ich darf behaupten, dass dies die Glanzstunde meiner kurzen Militärkarriere war. Durch die Fallen in der Sperre war ein Abbau derselben fast unmöglich. Ich Cleverle hatte sie sogar so gebaut, dass der Versuch, eine zu entschärfen, die andere auslösen musste. Die Granaten in dem Wäldchen fanden selbst die nicht, die mich beim Bau gesehen hatten – bis sie in den Spannfaden liefen. Mit Nummer Fünf sorgte ich allseits für große Heiterkeit, als der zuständige Unteroffizier kam, um unser Werk zu begutachten. Er lobte die feine Sperre und fand für meine Bömbchen viel Anerkennung, ich sonnte mich in seiner Gnade. Dann entdeckte er einen dünnen Stamm, eher einen großen Ast, der sauber etwa zehn Meter vor der Sperre quer über dem Weg lag. Er sah uns tadelnd an: „Was soll denn der Unsinn? Meinen Sie, der hält einen Unimog auf?“ Mit diesen Worten ergriff er das offensichtlich nutzlose Stück, hob es auf – und sah sich meiner Nummer fünf gegenüber die, aus ihrem eingegrabenem Becher gezogen, direkt vor seinen Augen baumelte. Was haben wir gelacht. Und nochmal wurde ich gelobt.

Abends schrieb ich, wie jeden Abend seit knapp zwei Monaten, einen Brief an meine neue Freundin. Während ich von meinem Erfolg berichtete, wurde die Freude mir langsam schal. Ich besah den kleinen Plan, den ich auf einem Notizzettel gemacht hatte, um die Fallen wiederfinden zu können (das gehört zur Prozedur). Meine Kreativität war immer mein größter Schatz gewesen. In Nichts war ich so gut. Heute hatte ich sie verkauft – und ich hatte es nicht einen Moment gemerkt. Ich hatte nicht eine Sekunde gezweifelt. Ich hatte es gerne getan. Meine Kreativität war treu gewesen – sie hatte mir beim Sprengfallenbauen ebenso geholfen wie sie mir stets beim Geschichtenerzählen und Lösungenfinden half. Sie war treu, ich hatte sie betrogen. Nicht, weil ich die Fallen gebaut hatte, ich war mir schon darüber im Klaren, wo ich hier war, und ich war freiwillig hier. Sondern weil ich nicht einen Moment getrauert hatte. Ich sah den guten Befehlsempfänger, der ich war, und ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben Angst vor mir.

Heute, Jahre später, besitze ich den kleinen Notizzettel mit dem Plan immer noch. Und immer, wenn ich ihn ansehe, bin ich ein wenig…

…stolz.

ENDE









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Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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