schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 32 – Der Ruf, Teil 7

Heute zünde ich mein Geschichtenfeuer mal wieder ein wenig früher an. „Der Ruf“, meine Horrorgeschichte aus dem Bergischen Land, geht in die siebte Runde. Zwei unserer Hauptfiguren geben sich romantischen Träumen hin, für eine andere ist die Party endgültig vorbei. Und das Böse bekommt eine Stimme.

Der Ruf – Teil 1, Hintergrund, Rechte

Der Ruf – Teil 2

Der Ruf – Teil 3

Der Ruf – Teil 4

Der Ruf – Teil 5

Der Ruf – Teil 6


Der Ruf – Teil 7



Im Haus, gegen 19.45 Uhr

„Hey – schläfst Du?“

Christoph öffnete die Augen. Britt beugte sich über ihn und sah ihn mit prüfender Besorgnis an. Ein Stück hinter ihr stand Philip, auch sein Gesichtsausdruck verriet Sorge. Er hielt etwas in der Hand, das Christoph nicht erkennen konnte.

„Christoph – alles in Ordnung?“

War alles in Ordnung? Er hatte nicht das Gefühl. Hatte er geschlafen? Er wusste es nicht wirklich. Wirre Gedankenfetzen schossen ihm durch den Kopf, seltsame Erinnerungen. Ein Urwald. Feuer. Daran konnte er sich gut erinnern. Feuer, alles hatte gebrannt. Und die Wespen. Irgend etwas war mit Wespen gewesen, Wespen und Ameisen. Und das Feuer. Das Feuer hatte das ganze Haus vernichtet. Das Feuer hatte in der Stadt gebrannt, alles hatte gebrannt. Aber das war ein anderes Feuer gewesen. Ein anderes Feuer als das im Haus. Dieses Feuer…

Er spürte eine Hand auf seiner Schulter und Britts Gesicht kam näher, als sie sich neben ihn hockte.

„Was ist mit ihm?“, hörte er Philip fragen.

„Weiß nicht“, antwortete sie, „aber das hier gefällt mir nicht, vielleicht sollten wir doch…“

„Feuer!“, krächzte er.

„Was?“ Philip stellte den Teller – es war ein Teller, den er in der Hand hielt, das konnte Christoph jetzt erkennen – auf den Couchtisch.

„Er hat ‚Feuer‘ gesagt“, erklärte Britt ohne den Blick von Christoph zu wenden. „Hey“, sagte sie sanft und leise, „bist Du bei uns?“

Er nickte und hörte, dass sie beide erleichtert aufatmeten. Er kam sich vor wie ein Taucher, der aus einem kalten, dunklen Wasser nach oben kam, die Welt um ihn wurde von Augenblick zu Augenblick wirklicher und die Gedankenfetzen verblassten.

„Ja“, sagte er mit trockenem Mund und hustete. „Ja, klar… bin hier.“

Britt lachte. „Das ist gut. Wie fühlst Du Dich?“

„Gut“, sagte er und im selben Moment hörte er ein tiefes Glucksen, ein fremdartiges Lachen. Er sah sich irritiert im Raum um, soweit es seine Position auf dem Sofa zuließ, aber da war niemand außer Britt und Philip. Sie folgten beide seinem Blick.

„Was ist?“, fragte Philip.

Er war nun fast ganz zurück in der Klarheit der Realität, das komische Glucksen war verschwunden.

„Nichts“, sagte er. „Ich dachte, ich hätte was gehört. Es ist nur… es ist nichts.“ Er schaute sich nochmal kurz im Raum um und schüttelte den Kopf. Da war nichts. Das Geräusch war nur eine Erinnerung. Wie das Feuer.

„Vielleicht sollten wir Dich doch nach Rade fahren.“ Britts Gesicht verriet immer noch Besorgnis. Christoph lächelte und schüttelte den Kopf, noch bevor er wusste warum. Aber den Gedanken an einen Arzt, den Gedanken, hier weg zu gehen, mochte er nicht. Er wollte hier bleiben. Das erschien ihm sehr wichtig. Er setzte sich ein Stück im Sofa auf.

„Nicht nötig, wirklich. Es geht mir gut.“ Er machte Anstalten aufzustehen.

„Oh nein!“ Britt drückte ihn mit sanfter Gewalt in das Sofa zurück. „Mag sein, dass Du nicht ins Krankenhaus willst, aber Du wirst erstmal schön hier liegen bleiben.“

„Ich habe Durst“, protestierte er. „Ich wollte mir nur ‘ne Cola…“

„Die können wir Dir holen.“ Sie warf Philip einen Blick zu, und er war schon unterwegs.

„Britt, bitte, es geht mir wirklich…“

„Keine Diskussion! Wie Du vorhin schon richtig bemerkt hast – ich bin Ärztin. Und als solche ordne ich weitere Sofaruhe an, basta!“ Sie lächelte. „Im Ernst, Christoph, vorhin hast Du gekotzt und konntest Dich nicht mehr an das erinnern, was Du ‘ne halbe Minute vorher gesagt hast, eben hast Du was von Feuer erzählt…“

„Genau, was war das mit dem Feuer?“ Philip war zurück gekommen und drückte Christoph ein kaltes Glas Cola in die Hand. Der nahm zwei kleine Schlucke. Beim ersten tat die Kohlensäure noch ein wenig weh, aber schon der zweite schwemmte angenehm das klebrige Gefühl aus seinem trockenen Mund.

„Feuer?“, fragte Christoph, nachdem er noch einen Zug genommen hatte. „Was ist mit Feuer?“

Britt und Philip warfen sich einen Blick zu.

„Du hast ‚Feuer‘ gesagt“, erklärte sie. „Eben, kurz bevor Du… bevor Du richtig aufgewacht bist.“

Feuer. Natürlich, da war etwas gewesen. Etwas Wichtiges. Es hatte gebrannt. Oder war das nur ein Traum gewesen? Er sah die beiden mit unsicherem Lächeln an.

„Ich weiß nicht so richtig. Es hat nicht gebrannt, oder?“

„Nicht, dass ich wüsste,“ sagte Philip vorsichtig. Christoph seufzte.

„Dann muss ich es geträumt haben. Ich glaube, ich habe eine ganze Menge wirres Zeug geträumt.“

„Offensichtlich.“ Britt sah immer noch besorgt aus.

„Komm, Britt, es ist alles in Ordnung mit mir. Ich kann aufstehen, ich habe Hunger, ich…“

„Ich habe Dir was zu Essen mitgebracht.“ Philip griff nach dem Teller, den er auf den Tisch gestellt hatte. „Ein Kotelett, ein bisschen Krautsalat, ein bisschen Kartoffelsalat, falls Du das Fleisch immer noch nicht willst kann ich gerne…“

„Nee, schon gut, danke.“ Christoph griff nach dem Teller. Britt holte ein in eine Serviette gewickeltes Besteck aus der Gesäßtasche ihrer Shorts und gab es ihm. Er sah sie mit gequältem Lächeln an.

„Ich würde lieber draußen essen. Mit den anderen.“

Britt grinste, aber sie ließ sich nicht erweichen.

„No way, mein Freund. Ich will erst wissen, ob Du wieder anfängst zu kotzen.“

„Oder wirres Zeug zu reden“, setzte Philip hinzu.

Christophfügte sich. Im Grunde hatte er selbst immer noch das Gefühl, dass irgend etwas mit ihm ganz und gar nicht in Ordnung war. aber er hätte nicht sagen können, was es war.

Am See, gegen 20.15 Uhr

Stephan und Katja waren zum See gegangen. Sie hatten sich von den anderen Grüppchen weit genug abgesondert, dass klar war, dass sie unter sich bleiben wollten. Sie saßen da und sahen auf den See hinaus oder in den fast wolkenlosen Himmel, in dessen Blau sich langsam, ganz langsam ein dunklerer Ton mischte, der die Dämmerung ahnen ließ.

‚Ein Schatten von Dunkelheit’, dachte Stephan. Er probierte ein wenig an der Formulierung herum und erwog, sie bei Gelegenheit in einer seiner Geschichten zu verwenden. Aber er war nicht sicher… die Phrase hatte etwas Plattes, etwas, das Leute, die von Comics und Graphic Novels keine Ahnung hatten und sie trotzdem kauften, weil es eben chic war, nicht verstehen würden. Andererseits…

…interessierte ihn die Phrase überhaupt nicht. Was ihn interessierte, brennend interessierte, war Kat. Damit hatte er nicht gerechnet. Er hatte sich ehrlich darauf gefreut, sie wiederzusehen, weil sie eben lange bevor sie sich ineinander verliebt hatten wirklich gute Freunde gewesen waren. Eine Weile lang hatte er keinem Menschen mehr vertraut als Kat. Und auch wenn er als verletzter Pubertierender sicher anders geurteilt hätte – aus seiner älteren Sicht hatte sie dieses Vertrauen nie wirklich enttäuscht. Sie waren einfach zu jung gewesen. Zu jung und zu dumm. Deshalb hatte er den Ballast dieser gescheiterten Jugendliebe so leicht über Bord werfen können und sich auf die liebenswerte Freundin von damals gefreut. Deshalb hatte er so gerne mit ihr geflirtet, deshalb hatte er solchen Spaß daran gehabt, dass die anderen, Chris im Besonderen, sie wie zwei kritische Komponenten einer äußerst gefährlichen Chemikalie behandelten. Und Kat hatte die ganze Zeit denselben Spaß gehabt, hatte sich an denselben Sachen gefreut wie er. Sie hatten völlig nahtlos an die alte Freundschaft angeknüpft.

Aber das war natürlich nicht alles, es war eine nützliche Lüge gewesen, und zwar von Beginn an, von dem Moment an, als er sie wieder gesehen hatte. Nichts war vorbei. Er hatte sich geirrt. Es war keine kleine Jugendliebe gewesen, und sie war nicht gescheitert. Sie hatte sich nur eine lange, lange Pause genommen, hatte sich zurückgezogen und gewartet.

Er hatte sich selbst noch eine Weile täuschen können, aber dann, als sie sich im Schuppen angesehen hatten, hatte er aufgegeben. Er war ihrs, so einfach war das. Und jetzt saß er hier mit ihr, ihr Kopf an seiner Schulter und er wusste nicht, wohin mit seinen Händen. Einige Stunden zuvor hatte er sie mit Sonnenmilch eingerieben und mit traumhafter Sicherheit gewusst, wie weit er dabei gehen konnte, was ihr gefallen würde und wo die dünne, unsichtbare Grenze verlief, zwischen Nähe und Anmaßung. Und jetzt hielt er seine rechte Hand in unnatürlichem Winkel an seinen Körper gepresst, denn die Angst, ihre Brust zu berühren und damit den Moment zu zerstören war viel größer als der Schmerz im Handgelenk. Mist, verdammter.

Sie hatten seit langer Zeit nicht gesprochen

„Was ist passiert?“, sagte Kat.

Er zuckte mit den Schultern, vorsichtig, denn an der einen Schulter lag ja ihr Kopf.

„Immer noch keine Ahnung, wirklich. Aber ich glaube, er hat auch den Mund gar nicht bewegt, zum Schluss oder? Ich weiß, wie das klingt, aber — er hat gesprochen ohne seinen Mund zu bewegen.“

„Mag sein, ich weiß nicht. Aber…“ Er hörte, dass sie lächelte. „Das meine ich nicht.“

„Oh.“

„Ja. Was ist mit uns passiert, Stephan?“

Jede Antwort die ihm darauf einfiel klang zu einfach. Er öffnete den Mund, um ihn unverrichteter Dinge wieder zu schließen. Einmal. Und noch einmal. Und noch einmal.

„Ich weiß es nicht, Kat,“ sagte er schließlich. „Es… ich bin einfach… ich bin so froh, dass wir wieder… dass wir uns wiedergetroffen haben…“ Er brach verwirrt ab. Sie schmiegte sich noch ein wenig enger an ihn.

„Ja“, sagte sie. „Ich bin auch froh.“

Sie sahen wieder auf den See hinaus, während sich in seinem Inneren wilde Gedankenfetzen jagten. Erinnerungen an Kat und vage Zukunftsräume mischten sich mit dem, was im Schuppen und im Wohnzimmer geschehen war, so lange, bis er in diesem Gedankenbrei Realität und Fiktion und Vergangenheit und Gegenwart kaum noch auseinanderhalten konnte. Dabei beobachtete ein Teil von ihm den Rausch die ganze Zeit über wie ein unbeteiligter Forscher und wunderte sich mit milder Belustigung über die totale Verwirrung.

„Erinnerst Du Dich an die Bucht?“, fragte Kat nach einer Weile.

„Hm?“

„Die kleine Bucht.“ Sie deutete auf das andere Ufer des Sees. „Weißt Du noch? Wo wir damals die Nacht verbracht haben. Bevor“, sie lachte leise, „bevor der ganze Krawall losging.“

Auch Stephan lachte. „Klar erinnere ich mich, was denkst Du denn?“

Sie lachten erneut, und es tat gut. Gemeinsam mit ihr zu lachen hatte immer ungeheuer gut getan.

„Da drüben war es so dunkel und so schön…“, sagte Kat, und er wußte nicht, ob sie mit ihm sprach oder mit sich selbst oder beides, „und wir konnten die Feuer sehen, weißt Du noch? Sie hatten Feuer gemacht, hier, auf dieser Seite, so kleine Lagerfeuer. Eigentlich wollten wir ja ein Großes machen, aber Chris hatte total Schiss, dass jemand kommt und sie deswegen Ärger bekommt.“

„Ja, weiß ich noch.“

„Denkst Du, sie ist noch da? Die Bucht?“

Stephan überlegte. „Na ja… Warum sollte sie nicht mehr da sein? Kann nur sein, dass sie jetzt zugewachsen ist, mit Büschen oder so.“

Kat drückte seinen Arm. „Sollen wir nachsehen?“

„Unbedingt!“

Im Haus, gegen 20.30 Uhr

„STEH AUF!“

Christoph zuckte zusammen. Die Stimme war laut gewesen, zu laut und zu deutlich, um ein Traum zu sein. Und er wusste ganz genau, dass er alleine im Wohnzimmer war. Er lag wieder auf dem Sofa, Britt hatte noch einmal nach ihm geschaut und gesehen, dass er das Kotelett und den Kartoffelsalat gegessen hatte, ohne sich ein weiteres Mal zu übergeben. Sie war zufrieden wieder gegangen. Er hatte sich noch einmal auf dem Sofa ausgestreckt, weil er sich wieder ein wenig schwach gefühlt hatte, und dann…

„STEH AUF!“

Eigentlich waren es gar keine Worte, stellte er erschrocken fest. Mehr ein gutturales Glucksen, das sein Gehirn wider jede Vernunft sofort und ohne Zweifel in klare Worte kleiden konnte, als ob…

„STEH AUF!!!“

„Ich weiß nicht …“, dachte er, „… ich will nicht ….“

„Dann — GEH AUS DEM WEG!“

Christoph hatte das entsetzliche Gefühl, zu schrumpfen. Mit rasender Geschwindigkeit zog er sich zusammen, wurde kleiner und kleiner, bis er nur noch ein Punkt war, und dann…

…merkte er, dass sein Körper nicht mit ihm geschrumpft war. Er selbst, sein Innerstes Ich, war zu einer Winzigkeit zusammengetrocknet. Er SAH noch, aber so, als sei der ganze Raum um ihn gewaltig gewachsen, als wären seine Augen ein Fernglas gewesen, dass jemand plötzlich und brutal in seinem Kopf herumgedreht hatte. Und er HÖRTE noch, aber von weit her, alle Geräusche, die Stimmen, die Musik, waren leise gedreht und befanden sich nun am Ende einer langen Röhre und er dachte entsetzt, panisch, dass er nichts mehr SPÜRE, dass er den Kontakt zu seinem Körper völlig verloren habe, als er einen dumpfen, gedämpften Schlag verspürte. Er sah durch das umgedrehte Fernglas und stellte fest, dass dieser viel zu große Saal, zu dem sein Körper geworden war, auf dem Boden lag. Er war vom Sofa gefallen.

Und dann begann er, auf dem Boden zu kriechen, und Christoph schrie auf, stumm, denn er erreichte seine Stimme nicht mehr, er schrie und schrie, denn es war nicht er, der seinen Körper im Wohnzimmer herumkriechen ließ, der versuchte, ihn auf Arme und Beine zu stützen und wieder stürzte, als habe jemand den Boden eingefettet. Christoph schaute all dem nur zu. Er war ein Passagier in seinem eigenen Körper geworden.

Der Körper kroch auf dem Boden, zog sich hierhin und dahin und scheiterte immer wieder daran, sich aufzurichten.

„KOMM HER!“, befahl die Stimme ungehalten. „ZEIG MIR, WIE ES GEHT!“

FORTSETZUNG FOLGT

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Der Dunkle Fürst und das Fräulein Niedermaier – Teil 20

Sarah erzählt derweil von Salamacian, dem Dunklen Fürsten, der einen wahrlich ungeheuren Schritt wagt:

Avatar von Sarah WassermairDer Guppy war's und nicht die Lerche

About: Geschichten für euch
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 5
Teil 6
Teil 7
Teil 8
Teil 9
Teil 10
Teil 11
Teil 12
Teil 13
Teil 14
Teil 15
Teil 16
Teil 17
Teil 18
Teil 19

Baldomachchorion zögerte – Salamacians Verhalten verstieß gegen einige der grundlegendsten Anstandsregeln für so eine Situation, und er hatte keine Ahnung, wie er damit umgehen sollten. Die Entscheidung wurde ihm abgenommen, als er hinter sich eine Stimme hörte: „Was bitte wird das?“

Fräulein Niedermaier trat neben ihn an die Zinnen und spähte hinunter: „Ist das eine Finale Schlacht? Schaut eindeutig wie eine Finale Schlacht aus. Müssen’S mir schon vorher sagen, Herr Baldomachchorion, wenn’s eine Finale Schlacht planen, die machen immer so eine furchtbare Sauerei, grad wenn ein Drache dabei ist, und ich weiß gar nicht, ob ich genug Reinigungsmittel für die Brandflecken da hab und…“

Ihre Stimme wurde leiser…

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schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 31 – Der Ruf, Teil 6

Gestern habe ich Euch im fünften Teil von „Der Ruf“ von der brillanten Idee meiner Hauptfiguren erzählt, eine Seance abzuhalten und von der noch brillanteren Idee Christophs, ein altes Buch mitzubringen, und das Lateinische vorzulesen (und somit aus der Seance eine Beschwörung zu machen, aber das nur am Rande). Ich bin also nicht völlig über Horrorklischees erhaben. Genau genommen habe ich in diesem Buch einige davon zusammengesetzt und geschaut, was daraus wird. 😀 Wollt Ihr das wissen? Dann geht es heute weiter mit:

Der Ruf – Teil 1, Hintergrund, Rechte

Der Ruf – Teil 2

Der Ruf – Teil 3

Der Ruf – Teil 4

Der Ruf – Teil 5

Der Ruf – Teil 6


Im Haus, gegen 18.30 Uhr

Sie hatten sich im Wohnzimmer um den Couchtisch versammelt. Britt saß auf dem Sofa und drückte einen feuchten Lappen gegen ihre Beule. Die hässliche Schürfwunde am Arm hatten sie mit einem großen Pflaster versorgt. Philip hatte sich neben ihr auf die Sofalehne gesetzt und sah unglücklich in seine Handflächen. Chris hatte einen der Stühle vom Esstisch herangezogen, sich verkehrt herum darauf gesetzt und schaute nun, das Kinn auf die Lehne des Stuhls gestützt, ins Leere. Stephan und Justus lehnten am Kamin, Kat hatte sich vor Stephan auf den Boden gesetzt, den Rücken an seine Beine gelehnt. Christoph saß zusammengefallen in dem Sessel der Sitzgruppe, sein Gesicht war immer noch bleich, auf der Stirn hatte er Schweißperlen.

„Was war das?“ Philip hatte die Betrachtung seiner Hände beendet und sah in die Runde.

„Vielleicht ist irgendwas explodiert,“ meinte Justus schließlich lahm.

„Klar ist was explodiert,“ meldete sich Kat vom Boden, „das haben wir wohl alle mitbekommen. Aber was?“

„Vielleicht waren da irgendwelche Dämpfe in dem Schuppen,“ überlegte Justus. „Und wegen der Kerzen…“

„Da waren keine Dämpfe,“ sagte Chris. „Der Schuppen wird schon seit Jahren nicht mehr genutzt. Wenn da jemals irgendwelche Dämpfe drin waren, sind die lange verflogen.“

„Lösemittel,“ schlug Justus vor, „Holzschutz aus den Wänden, oder…“

Chris schüttelte den Kopf. „Nein, sowas kann’s nicht gewesen sein.“

„Das war auch nicht sowas,“ sagte Britt leise.

„Was dann?“ Justus sah sie leicht beleidigt an.

„Keine Ahnung. Irgendwie… Irgendwas mit Christophs Formel…“

„Klar,“ sagte Justus, „Er hat einen Geist gerufen und der ist dann explodiert“

„Deine Dampftheorie ist auch nicht gerade brillant,“ erinnerte Kat ihn.

„Vielleicht war es Harz. Aus dem Holz.“ Er sah wütend auf sie herunter.

„Das berühmte Bergische Knallharz,“ sagte Philip sarkastisch.

„Besser als Geister,“ schnaubte Justus.

Philip machte eine wegwerfende Handbewegung und wandte sich Britt zu. „Ist der Lappen noch kühl?“

Sie lächelte und nickte. „Alles klar, danke.“

Chris sah Stephan an, „Was meinst Du?“

Er dachte einen Moment nach und schüttelte dann den Kopf. „Keine Ahnung.“

„Ein Blitz,“ meinte Justus, „es könnte ein Blitz gewesen sein, der…“

„Justus, bitte,“ Philip sah ihn etwas gequält an, „gleich erzählst Du uns noch, dass ein Flugzeug auf den Schuppen gestürzt ist.“

Justus wurde rot. „Na, immerhin muss ich keine Geister bemühen, die explodieren.“

„Ich hab nie was von einem Geist gesagt,“ sagte Britt langsam.

„Egal,“ schnappte er. „ Du hast doch gesagt, dass es was mit Christophs Show zu tun hatte, oder?“

Britt war blass geworden. Die Muskeln an ihrem Kiefer zuckten. „Ich habe lediglich laut gedacht,“ sagte sie leise und betont ruhig.

Justus hatte eine sichtbare Retourkutsche auf der Zunge aber Britts Blick ließ es ihm klüger erscheinen, die zu schlucken. Stattdessen wandte er sich an Philip.

„Und was ist mit Dir? Vorhin war das alles noch Quatsch, mit der Séance und plötzlich machst Du Dich über jede vernünftige Erklärung lustig, die ich bringe.

„Was regst Du Dich eigentlich so auf?“ fragte Kat.

„Oh ja, jetzt komm Du auch noch und…“

„Hey!“ herrschte sie ihn an und sprang so schnell auf, dass Stephan ausweichen musste. „Komm mal auf den Teppich, mein Freund! Was ist Dein Problem?“

„Ja, klar, schrei mich an. Der einzige der eine vernünftige Erklärung versucht, aber es ist ja viel einfacher, rumzumotzen und…“

Stephan lachte plötzlich. „Na komm, Justus. Die Idee, dass Christophs Litanei eine Explosion ausgelöst hat ist krude. Aber Du musst zugeben, dass Deine vernünftigen Erklärungen so toll auch nicht sind. Vielleicht haben wir einfach gar keine Erklärung.“

„Darf ich Dich daran erinnern,“ entgegnete Justus und zeigte auf Philip, „dass es Dein Kumpel war, der gefragt hat, was passiert ist?“

„Ja, aber wie ich ihn kenne, wollte er keinen Glaubenskrieg anzetteln. Du glaubst an Indoor-Blitze, Britt glaubt, es hat was mit Christophs Beschwörung zu tun. Ich finde nicht, dass sich das viel tut.“

„Es tut mir leid! Bitte es tut mir so leid!“ Christoph saß senkrecht im Sessel und schrie. Sie fuhren zusammen und drehten sich zu ihm. Stephan fühlte wie er eine Gänsehaut bekam, als er ihn so sah, mit weit aufgerissenen Augen in dem totenblassen Gesicht, über das der Schweiß lief.

„Was tut Dir leid?“ fragte Chris. „Was ist los.“

Er beachtete sie nicht. Statt dessen sah er Kat an. „Es tut mir leid, Kat.“

Sie sah irritiert in die Runde, bevor sie seinen Blick erwiderte. „Was?“

Seine flackernden Augen wanderten weiter und fanden Stephan. „Bitte, Stephan, bitte.“

„Bitte was?“

Christoph schüttelte den Kopf und stöhnte. „Es tut mir so leid.“ Dann schloss er die Augen und sackte auf dem Sessel zusammen. Die anderen lösten sich aus ihrer Erstarrung, Britt und Chris, die im Aufspringen den Stuhl umstieß waren zuerst bei ihm.

„Christoph, was ist?“ fragte Britt.

Er öffnete die Augen und sah sie verwirrt an. „Was ist?“

Britt sah ihn prüfend an. „Du warst weggetreten.“

„Lange?“

Sie schüttelte den Kopf, zuckte kurz zusammen, fluchte leise und drückte den Lappen wieder auf ihre Beule. „Ich glaube nicht. Woran erinnerst Du Dich?“

„Ich weiß nicht. Justus und Philip haben sich gestritten. Und dann… Weiß nicht.“

„Du hast Dich entschuldigt,“ sagte Philip.

„Entschuldigt? Wofür?“

„Keine Ahnung. Müsstest Du doch wissen.“

Christoph dachte einen Moment nach. „Nein. Ich wüsste nicht, wofür…“

„Ist auch egal,“ unterbrach Britt ihn. „Wie fühlst Du Dich? Ist Dir schwindelig? Übel?“

„Ja, übel. Mir ist immer noch schlecht.“

„Vielleicht hast Du Dir ‘ne Gehirnerschütterung geholt, als Du vorhin den Abflug gemacht hast.“

Er lächelte unsicher. „Wenn Du meinst.“

Britt fasste ihn scharf ins Auge. „Wir sollten Dich ins Krankenhaus bringen. Das gefällt mir gar nicht.“

Für einen Moment sah Christoph sie erschöpft und fast erleichtert an. Stephan war sicher, dass er Britts Vorschlag folgen würde. Dann aber straffte Christoph sich mit einem Mal, sein Blick schien klarer zu werden. „Krankenhaus? Warum? Ich habe mir nur den Kopf gestoßen, das geht schon.“

„Ich weiß nicht“, sagte Britt. „Erst kotzt Du vor den Schuppen, dann redest Du wirres Zeug – ich finde, das sollte sich mal ein Experte ansehen.“

Er lächelte. „Du bist doch Ärztin, oder?“

„Orthopädin, das ist nicht mein Feld. Ich würde mich echt besser fühlen, wenn wir das abklären.“

„Aber“, sagte Chris etwas hilflos, „wir wollten doch jetzt grillen. Wie soll er denn ins Krankenhaus kommen? Ich meine… das nächste ist in Wipperfürth. Oder Rade. Das ist eine ganze Ecke bis dahin, und…“

„Ich kann ihn fahren“, sagte Philip. „Kein Akt. Und wenn Britt mitkommen will…“

Sie nickte, aber Christoph schaffte ein Lachen. „Leute, macht nicht so einen Wind darum. Ist echt nicht nötig. Ich ruhe mich ein wenig aus, dann geht das schon. Und wenn es schlimmer wird, könnt ihr mich immer noch einweisen, oder? Britt?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht. Schwindelig ist Dir nicht? Kopfschmerzen?“

„Nein, nur übel.“

„Okay dann… leg Dich ein bisschen hier auf’s Sofa und ruh‘ Dich aus. Und wir sehen uns das an. Wenn es besser wird, gut, wenn nicht, fahren wir Dich ins Krankenhaus.“

„Genau“, sagte Kat. „Wir grillen jetzt was und bringen Dir dann die Sachen hier rein.“

Er sah sie gequält an. „Essen?“

„Vielleicht ‘nen Salat oder sowas?“

Er überlegte. „Salat klingt gut. Ich darf jetzt bloß nicht an Würstchen denken. Bäh.“

Chris sah auf die Uhr. „Wir sollten wirklich langsam anfangen. Wer kann mir helfen?“

„Was ist denn zu tun?“, fragte Justus.

„Erstmal nur den Grill anmachen. Und wir müssen das ganze Zeug raus tragen.“

„Ich mach das mit dem Grill“, beschloss Justus. Im Rausgehen warf er Stephan einen Blick zu. „Wir diskutieren das später weiter.“

Im Garten, gegen 19 Uhr

Simon sah sich hektisch nach einer Fluchtmöglichkeit um, aber es gab keine. Er hatte ihn zu spät gesehen, nun würde er es ausbaden müssen. Er hatte das Bedürfnis gehabt, ein wenig für sich zu sein, also war er alleine, ein Bier in der Hand, in den Schatten der Sauna gegangen, hatte sich an das kleine Holzgebäude gelehnt und den anderen zugesehen. Gerade wurden ernsthafte Vorbereitungen zum Grillen getroffen, Justus schleppte Holzkohle heran und verteilte sie nach Chris Anleitung im Grill. Stephan brachte einen Klapptisch, den Kat und Philip mit allerlei Grillgut bestückten. Mehr und mehr der Partygäste fanden sich um den Grill ein, schwatzten und lachten und äußerten ihre Vorfreude.

Simon grinste vor sich hin. ‚Es ist unmöglich‘, dachte er, ‚sie können nicht schon wieder Hunger haben. Nicht nach dem, was sie dem Kuchen angetan haben.‘ Er schaute wieder zum Grill hinüber, an dem Justus, von der Menge angefeuert, gerade mit dem Blasebalg zu Gange war und Simons eigener Appetit strafte ihn Lügen. Jetzt ein schönes Grillkotelett… oder eines von den netten orangen Dingern…

In seiner Begeisterung für das Geschehen hatte er Frank einfach übersehen. Als er ihn dann bemerkte, war es zu spät. Frank steuerte auf ihn zu, sein breites Grinsen trug er vor sich her wie eine Fackel. ‚Er sieht völlig irre aus‘, dachte Simon, erstaunt über die plötzliche Erkenntnis. Frank hatte immer so ausgesehen. Da halfen weder der Schnurrbart noch die lichten Stellen im Haar.

„Naaaaaa?!“, sagte Frank.

„Na“, antwortete Simon mit säuerlichem Gesicht. Frank sah ihn eine Weile an und Simon begann, sich unbehaglich zu fühlen, als der andere ihn freundschaftlich auf die Schulter schlug.

„Wie geht’s, Alter?“

„Gut.“

Das reichte Frank als Einladung, er stellte sich neben Simon und betrachtete ebenfalls die anderen Partygäste. Die hatten sich nun fast vollständig um den Grill eingefunden und gaben mehr oder weniger hilfreiche Kommentare zu Justus Bemühungen ab.

„Boah, die ist ja so scharf!“, sagte Frank.

Simon, der schon wieder ein wenig in seinen Betrachtungen versunken war, zuckte zusammen.

„Was?“

Frank nickte zum Haus herüber und schenkte ihm etwas, dass er vermutlich für eine Art Verschwörergrinsen unter Männern hielt.

„Britt. Die ist das schärfste Gerät auf der Party, oder? Die wollte ich früher schon… heiraten“, er lachte keckernd.

‚Mein Gott‘, dachte Simon, ‚er schafft noch nicht mal ein richtig dreckiges Lachen.‘ Er hatte eine Freundin zu Hause und er würde sich garantiert nicht dieses schöne Revival dadurch versauen, dass er sabbernd nach einer Kopulationspartnerin suchte, wie dieses Windei hier neben ihm.

„Der würde ich gerne mal ein paar schöne Sachen zeigen“, sagte Frank.

‚Das kannst Du nicht‘, dachte Simon leicht angeekelt. Laut sagte er: „Geh doch rüber und schlag‘ es ihr vor.“ Natürlich würde Frank das nicht tun. Aber die Aussicht, ihn loszuwerden und gleichzeitig zusehen zu können, wie Frank von Britt und vermutlich auch Philip, Stephan, Justus, Kat und Chris bei lebendigem Leibe zerfleischt würde, war zu verlockend. Wo war eigentlich Christoph?

Frank lachte sein keckerndes Lachen, dann wurde sein Blick kritisch. „Kat ist immer noch ’ne Schlampe, was?“

Simon sah ihn erstaunt an. Er vermutete, dass Frank weniger von Kats Outfit als von seinen feuchten Träumen gesprochen hatte.

„Ich finde sie nicht schlampig“, sagte er knapp, was wieder dieses nervenzerreißende Lachen aus Frank herauslockte.

Aus dem Schatten der Bäume über dem Trampelpfad, der zum See hinunter führte, lösten sich zwei Gestalten. Simon erkannte Tanja und Markus, und zu seiner grenzenlosen Erleichterung entdeckten sie Frank und ihn und steuerten auf sie zu.

„Was macht ihr denn hier?“, fragte Tanja fröhlich.

„Ich guck mir das ganze Treiben ein bisschen an“, sagte Simon. „Sie haben gerade den Grill angeworfen.“

„Ja, wir genießen die Aussicht“, erläuterte Frank grinsend. Markus sah Simon irritiert an, der zuckte resigniert mit den Schultern. Eine der Frauen beim Grill, Martina, löste sich aus der Gruppe, ging ein Stück in den Garten, hob etwas vom Boden auf, ging zurück zu den anderen und gab es Chris. Simon konnte nicht erkennen, was es war. Neben ihm machte Frank ein neues Geräusch, eine seltsame Mischung aus Lachen, Pfeifen und Hecheln.

„Hast Du das gesehen? Ey, hast Du das gesehen? Wie kann die sich denn so vorbeugen, mit so’nem kurzen Rock, die…“

Simon hatte genug. Er nahm einen Schluck aus der Bierflasche und machte sich auf den Weg zu den anderen. Tanja und Markus folgten ihm und ließen den immer noch grinsenden Frank bei der Sauna zurück.

„Das dürfte jetzt klappen.“ Justus betrachtete die Glut im Grill fachmännisch und hielt eine Handfläche über den Rost. „Noch ein bisschen durchziehen, dann können wir anfangen.“

„Gut.“ Chris nickte zufrieden. „Danke Justus.“

Er lächelte mit freundlicher Herablassung. „Sicher.“

Warum muss er so ein Arschloch sein?‘, dachte Stephan. Aber er sagte nichts. Er war immer noch verwirrt von dem, was in dem Schuppen passiert war, und obwohl er früher keine Gelegenheit ausgelassen hatte, sich mit Justus in die Haare zu kriegen, hatte der Streit vorhin ihm nicht gefallen. Er hätte lieber gehabt, wenn sie wirklich zu einer Erklärung für den komischen Ausgang der Séance gekommen wären. Aber das war vermutlich von vornherein unmöglich gewesen, auch ohne dass Justus und Britt aufeinander losgegangen waren. Er selbst neigte dazu, Britt zuzustimmen, irgend etwas hatte es mit Christophs Formeln zu tun gehabt. Mit diesem komischen Buch. Er erinnerte sich schaudernd an das Gefühl, das über ihn gekommen war, als er es in der Hand gehabt hatte. Etwas stimmte ganz und gar nicht mit dem alten Ding, aber andererseits – Comics über Geister und Dämonen zu schreiben war eine Sache, selbst daran zu glauben eine andere. Dennoch – Christophs Gesichtsausdruck, als er diese Entschuldigung herausgeschrien hatte…

Etwas strich sanft über seinen Arm.

„Hey, was ist mit Dir?“

„Hm?“ Er löste sich aus seinen Gedanken und sah, dass Kat vor ihm stand. Die Menge, die eben noch um den Grill gestanden hatte, hatte sich verlaufen, die Terrasse war fast wieder leer, abgesehen von Maike und Martina, die in der Nähe der Anlage standen und sich zur Musik bewegten und Chris, die beim Grill geblieben war. Die meisten der anderen standen in kleinen Grüppchen im ganzen Garten verteilt und warfen von Zeit zu Zeit gierige Blicke in Richtung Grill. Er selbst stand, an die Hauswand gelehnt, in einer Ecke der Terrasse, die vorhin noch belebt gewesen war. Jetzt war er allein – bis auf Katja.

„Entschuldige, was hast Du gesagt?“

Sie lachte. „Ich wollte nur wissen, ob was mit Dir ist. Stehst hier ganz alleine in der Ecke und schaust traurig vor Dich hin.“

„Ich bin nicht traurig, ich habe nur nachgedacht.“

„Stimmt“, sie nickte, „das war früher schon so. Soll ich Dich in Ruhe lassen?“

„Nein, bleib ruhig hier.“

„Ich wollte Dich nicht stören.“

„Du störst nicht.“

Sie sahen sich eine Weile an, dann lehnte sie sich neben ihn an die Wand und sie schauten beide zum Schuppen hin. Stephan sah, dass in der Scheibe des ihnen zugewandten Fensters ein Sprung war, der sich von linken unteren Ecke etwa zehn Zentimeter in Richtung Fenstermitte zog. Als er heute Nachmittag, von fast der selben Stelle wie jetzt, zum Schuppen geschaut hatte, war der Sprung noch nicht dagewesen, darauf hätte er jeden Eid geschworen. Und er wusste, dass es bei der Séance passiert war. Er war völlig sicher. Kat schien seine Gedanken zu lesen.

„Das Fenster ist kaputt“, sagte sie gedankenverloren. „War es vorhin noch nicht, oder?“

„Nein, ich glaube nicht.“

Sie betrachteten wieder eine Weile den Schuppen.

„Was ist da drin passiert?“, sagte Kat, mehr zu sich selbst als zu ihm.

„Weiß nicht. Keine Ahnung.“

„Ich auch nicht. Ich hatte so ein ganz komisches Gefühl, als ich das Buch angefasst habe. Und später…“

Er sah sie erstaunt an. „Ich auch.“

Sie blickte überrascht zurück. „Ja? Die anderen nicht, ich habe Britt gefragt und Philip…“ Sie unterbrach sich und Stephan sah plötzliches Erschrecken über ihr sommersprossiges Gesicht huschen. Tiefes Erschrecken.

„Er hat sich bei uns entschuldigt, Stephan. Nur bei uns.“

Er nickte.

Kat nagte an ihrer Unterlippe. „Das gefällt mir überhaupt nicht.“

Sie rückte ein Stück näher an ihn und legte ihre Wange an seine Schulter. Er legte einen Arm um sie und zog sie an sich. Sie sagte nicht, dass sie Angst hatte, aber das war auch nicht nötig. Ihm ging es nicht anders. Er wusste, dass etwas geschehen würde, und er fürchtete sich davor.

FORTSETZUNG FOLGT

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Der Dunkle Fürst und das Fräulein Niedermaier – Teil 19

Sarah wiederum erzählt Euch heute von der besten „Endlich stehen wir uns wieder gegenüber“-Rede, die ich kenne. 😀

Avatar von Sarah WassermairDer Guppy war's und nicht die Lerche

About: Geschichten für euch
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 5
Teil 6
Teil 7
Teil 8
Teil 9
Teil 10
Teil 11
Teil 12
Teil 13
Teil 14
Teil 15
Teil 16
Teil 17
Teil 18

Und nun zu gab es für Baldomachchorion nur noch das zu erledigen, was im Business gemeinhin als der krönende Abschluss eines jeden diabolischen Plans galt: die Angeberei. Er eilte die Treppen so schnell hinauf, dass er fast auf dem frisch gebohnerten Boden ausgerutscht wäre – er inhalierte dabei tief den Duft von Bienenwachs und Poliermittel und erfreute sich bis ins dunkelste Dunkel seiner Seele daran – und kletterte auf die Zinnen seines Schlosses. Der Anblick, der sich auf der Ebene davor bot, war durchaus beeindruckend: so weit das Auge blicken konnte, erstreckte sich ein Heer aus Zombies, Dämonen und diverser namenloser Schrecken1, der Himmel darüber brodelte förmlich vor…

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schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 30 – Der Ruf, Teil 5

Sooo, tut mir leid, heute bin ich ein wenig spät dran. Aber jetzt brennt das Lagerfeuer, setzt Euch her. Heute erfahrt Ihr, woher „Der Ruf“ seinen Namen hat:

Der Ruf – Teil 1, Hintergrund, Rechte

Der Ruf – Teil 2

Der Ruf – Teil 3

Der Ruf – Teil 4

Der Ruf – Teil 5




2

DER RUF

Haus und Garten, gegen 16.30 Uhr

Um vier waren tatsächlich alle, die zugesagt hatten, erschienen. Der Garten war gefüllt mit Menschen und Stimmen, sie redeten und lachten, tauschten Erinnerungen aus, erzählten sich Neuigkeiten.

Chris stand mit ihrer alten Clique am Grill und es war fast wie früher. Ein bisschen. Philip braunes Haar begann grau zu werden, aber alles in seinen Gesten, in seinem Reden und in seinem Lachen schien so geblieben zu sein wie vor 15 Jahren. Christophs ehemals babyweiches Gesicht hatte ein paar Falten gewonnen. Er trug tatsächlich die selben Klamotten wie damals, sie erinnerte sich genau: Ein weißes T-Shirt und eine sorgfältig ausgewaschene Jeans. Sie glaubte nicht, dass er sich bewusst wieder so ausstaffiert hatte, aber sie glaubte auch nicht, dass er heute oft so rumlief. Es war kein Zufall, dass sie sich so genau erinnerte, was er getragen hatte. Es war nie etwas daraus geworden. Sie hatte einen Großteil der Zeit, die sie eigentlich auf Christoph hatte verwenden wollen, damit verbracht, Katja zu trösten und auf Stephan zu fluchen. Jetzt standen die beiden wieder beieinander, lachten über die selben Scherze.

Andere Wunden waren nicht verheilt. Britt sprach kein Wort mit Justus und er mied sie, so gut es ging. Justus hatte sich von allen am auffälligsten verändert, obwohl Stephan jetzt kurze Haare hatte, obwohl Philip grau geworden war und Christoph Falten bekommen hatte. Äußerlich hatte er sich nicht sehr verändert. Justus war immer noch groß und breitschultrig, noch etwas stämmiger als früher vielleicht. Das dunkelblonde Haar lag immer noch ungeordnet an seinem Kopf. Die Brille war ein wenig zu klein für sein großes Gesicht. Seine Kleidung war nicht wirklich abgetragen, aber er hatte viel Geld dafür bezahlt, dass sie so aussah. Er war damals anziehend gewesen, mit seinen irren Ideen und seiner versponnenen Kunst und immer auf der Seite der Guten und Gerechten. Zumindest hatte es so ausgesehen, bis die Sache mit Britt passiert war. Was genau es gewesen war, sie wusste es nicht. Sie war damals von der Schule verschwunden und Justus hatte alle Freunde verloren, Christoph ausgenommen.

Und vielleicht hatte an diesem Punkt eine Entwicklung begonnen, die ihn zu dem gemacht hatte, was er heute war. Er hatte von vornherein so deutlich klar gemacht, wie dankbar sie zu sein hatte, dass er extra zu ihrer Party aus Frankreich gekommen war, dass die Dankbarkeit, die sie tatsächlich empfunden hatte, dem dringenden Wunsch gewichen war, ihn direkt wieder raus zu schmeißen. Kat war drauf und dran gewesen, Christinas Wunsch wahr zu machen, als Britts Ankunft ihm den Mund schlagartig gestopft hatte.

Und doch fanden sie immer wieder irgendwie alle zusammen. Vorhin im Wohnzimmer, jetzt hier am Grill. Das alte Band war verrottet und verblasst, aus der Magie war Nebel geworden, aber etwas war immer noch da.

Christoph nahm einen Hieb aus der Bierflasche.

„Wisst Ihr,“ sagte er, „was dem Ganzen fehlt, damit es so richtig wie damals wird?“

„Zwanzig Litter Hormone?“, schlug Britt vor.

„Dass Stephan und Kat sich ankeifen?“, meinte Philip und kassierte einen Schlag in den Nacken.

„Nein. Überlegt mal – was haben wir immer gemacht? Sagt nicht, Ihr habt es vergessen.“

Sie sahen sich ratlos an, Chris fühlte sich ungemütlich bei dem Gedanken, etwas Wichtiges vergessen zu haben.

„Oh bitte, Ihr enttäuscht mich. Kerzen. Gläser…“

„Och nee.“ Philip sah ihn gequält an. „Keine Séance.“

„Warum denn nicht? Wir könnten wieder in den Schuppen gehen und… Na ja, genau wie damals eben.“

Philip sah sich hilfesuchend nach Stephan um, aber er erkannte ein verdächtiges Glitzern in dessen Augen. Dasselbe bei Katja und Chris, Justus hatte den stereotypen, gelangweilten Gesichtsausdruck, den er die ganze Zeit vor sich hertrug, alleine Britt schien ihm eine Hilfe. Sie rollte mit den Augen und zuckte resigniert mit den Schultern, als er sie ansah. Sie waren offenbar in der Minderheit.

„Gar keine schlechte Idee“, sagte Stephan gedehnt. „Wenn das geht, Chris?“

„Klar“, sie nickte, aufgeregt bei dem Gedanken, die ganze alte Show nochmal durchzuziehen. Das war immer witzig gewesen und ein bisschen gruselig. „Der Schuppen ist so gut wie leer. Wir könnten ein paar von den Klappstühlen rein schaffen und den Gartentisch…“

„Wir brauchen Kerzen“, warf Katja ein.

„Es ist helllichter Nachmittag“, bemerkte Philip.

„Wir machen es ja nicht jetzt,“ entgegnete Christoph. „Irgendwann heute Abend oder so.“

„Es bleibt bis zehn hell“, erinnerte Britt. „Länger sogar.“

„Hört doch auf zu moppern.“ Stephan sah begeistert in die Runde. „Wir verhängen einfach die Fenster. Was ist mit Kerzen, Chris?“

„Wir haben welche im Haus, klar. Und die Fenster könnten wir mit dunklen Decken verhängen. Das ist ‘ne super Idee, Christoph. Das wird bestimmt lustig.“

„Ich habe auch eine Überraschung für Euch“, verkündete Christoph stolz. „Seid Ihr alle dabei? Britt, Philip?“

„War ich jemals nicht dabei?“, seufzte Philip. Britt nickte mit schiefem Grinsen.

„Was ist mit Dir, großer Künstler?“ Stephan schlug Justus auf die Schulter, der zuckte zusammen. „Dabei?“

„Ja“, knurrte er.

„Okay“, sagte Christoph aufgeregt, „Okay, okay. Wann?“

„Am besten, bevor wir den Grill anschmeißen“, meinte Katja. „Was meinst Du, Chris?“

Christina nickte. „Ja. So um sechs. Länger als ‘ne Stunde brauchen wir ja wohl nicht, oder?“

„Bestimmt nicht“, meinte Christoph.

„Vorher hast Du nichts zu essen?“ Justus sah sie mit einer komischen Mischung aus Herablassung und Enttäuschung an. „Ich habe am Flughafen zuletzt was gehabt.“

„Hast Du die Kuchen drinnen nicht gesehen?“, fragte Katja.

„Ich meine was Richtiges.“

„Nein“, sagte Chris, entschlossen, sich die gute Laune nicht verderben zu lassen. „Bis dahin gibt’s nur Falsches.“

Justus verschwand wortlos in Richtung Haus. Christoph sah ihm einen Moment unschlüssig nach.

„Also, um sechs am Schuppen?“, fragte er.

Chris nickte. „Um sechs. Ich bringe Kerzen und Tischtücher.“

„Klasse.“ Er lächelte kurz entschuldigend und folgte Justus ins Haus. Die fünf am Grill Verbliebenen sahen ihm nach.

„Wie wär’s,“ fragte Katja schließlich, „Wer kommt mit zum See?“

Am See, gegen 17.30 Uhr

Chris hatte in der Einladung – wie damals – dazu aufgefordert, Schwimmzeug mitzubringen und so hatte sich die Feier für den Moment ganz natürlich an den See verlagert. Nun hatten die meisten die erste Abkühlung hinter sich und saßen in kleinen Gruppen am Ufer, ein paar Tapfere tummelten sich noch im See. Irgend jemand hatte einen uralten Ghetto-Blaster mitgeschleppt und so schwebte aus einiger Entfernung das Gejubel einer Liveaufnahme herüber. Tanja und Markus saßen mit Maike und Bastian zufrieden im Schatten eines Baumes am Seeufer. Tanja ließ sich auf den Rücken sinken und blinzelte in die Sonne. Markus, der sich gerade mit Bastian unterhalten hatte, drehte sich zu ihr und streichelte ihr über den Bauch.

„Was haben wir damals gemacht? Um diese Zeit, meine ich“, überlegte Bastian. Markus grübelte einen Moment nach.

„Am ersten Tag um fünf? Waren wir da nicht auch am See?“

„Ich nicht“, meinte Maike nachdenklich. „Ich habe Chris beim Grillen geholfen. Mit Justus und Christoph.

Tanja versuchte, sich an die damalige Partygesellschaft zu erinnern, um herauszufinden, wer fehlte. „Was ist eigentlich mit Stephans Bruder? Waren die nicht Zwillinge? Er war auf irgend so einer anderen Schule…“

„Das war ‘ne Sportschule“, erinnerte sich Markus.

„Genau. Aber der war doch da, oder? Er sah genau aus wie Stephan. Wie hieß der noch, verdammt?“

„Alex“, sagte Maike. „Er hieß Alexander. Er ist im Moment in Amerika mit seiner Frau, er besucht da eine Freundin von ihr, oder so.“

„Woher weißt Du das?“, wollte Bastian wissen.

Sie lachte. „Ich habe Stephan vorhin gefragt.“

„Ganz andere Frage“, schaltete Tanja sich wieder ein, „wann wird gegrillt?“

„Sieben oder so“, sagte Markus.

„Na dann“, sagte sie und stand auf, „haben wir ja noch Zeit für ‘ne Runde Schwimmen. Kommt Ihr mit?“

Einige Meter weiter, näher am See, blickte Chris auf ihre Armbanduhr. „Ich glaube, ich kümmere mich mal um den Grill.“ Sie stand auf. Philip, der auf seiner Strandmatte ausgestreckt döste, öffnete ein Auge.

„Brauchst Du Hilfe?“

„Nee, lass mal. Ich wollte nur alles ein wenig zurechtlegen, damit wir nach der Séance gleich anfangen können.“

„Séance“, knurrte Philip. Chris, Britt und er hatten vor einiger Zeit das Wasser verlassen, weil ihnen kalt geworden war. Justus und Christoph, die zwischenzeitlich zu ihnen gestoßen waren, waren schon früher zurück zum Haus gegangen. Kat und Stephan schwammen immer noch draußen auf dem See herum. Britt sah Philip an.

„Lass ihnen doch ihren Spaß. Wir rufen die Geister…“ Sie lachte.

„Ich habe das… wie lange mitgemacht? Zwei Jahre. Zwei Jahre, Britt, jedes verdammte Wochenende eine Séance. Mindestens.“

„Wem sagst Du das?“

„Du solltest mich verstehen.“ Er wandte sich wieder Chris zu, die gerade ihr Handtuch über die Schulter hängte und sich anschickte zu gehen.

„Bist Du sicher, dass wir Dir nicht helfen können?“

„Nein, ehrlich, es ist nicht viel. Nachher könnte ich Euch brauchen.“

„Jederzeit gerne.“

„Okay, dann bis gleich.“

„Bis gleich“, sagte Philip. Britt winkte ihr hinterher. Dann lagen wortlos nebeneinander und hingen ihren Gedanken nach.

„Irgendwie ist es komisch“, sagte Britt nach einer Weile.

„Hm?“ Philip drehte sich zu ihr.

„Ich meine, es ist komisch. Ich habe gedacht, wir reden viel mehr darüber, was heute so ist, was aus uns geworden ist, was wir gemacht haben in all der Zeit und so.“

„Tun wir doch. Ich weiß, dass Du Ärztin geworden bist…“

„Nein, das meine ich nicht. Klar reden wir darüber, was für Berufe wir haben. Himmel, ich kam mir vorhin vor, wie beim Heiteren Beruferaten. Aber das war’s auch schon. Ich weiß zwar jetzt, dass Du Immobilienhai bist…“

„He, ich hab auch ‘ne Seele!“

„Ja, noch.“ Sie grinste. „Was ich sagen wollte ist: Du bist Immobilienhai, Stephan macht Comics, Kat ist Journalistin geworden, Chris Lehrerin, der eine macht dies, die andere jenes, alles klar, aber das ist auch alles. Ich weiß nichts von Ehepartnern oder Kindern. Ich weiß nicht, was die Leute in all den Jahren dazwischen gemacht haben, was sie gedacht haben, wie sie gelebt haben, was für Wünsche und Träume wahr geworden sind und welche nicht — alle reden nur davon, wie es früher war.“

„Stört Dich das?“

Sie zuckte etwas hilflos mit den Schultern. „Ich weiß nicht. Ich rede auch gern drüber. Ich habe vorhin bestimmt ‘ne geschlagene halbe Stunde mit Martina über Mathe bei Sokolowski gesprochen. War richtig schön, aber habe ich irgend etwas über sie erfahren? Okay, sie ist bei irgend einer Bank. Sie arbeitet in London. Ist sie glücklich? Was hat sie erlebt in den letzten 15 Jahren? Ich habe mich eigentlich darauf gefreut, solche Geschichten zu hören. Sowas interessiert mich. Aber irgendwie…“ Sie zuckte wieder mit den Schultern.

„Okay, was willst Du wissen? Frag mich aus.“

Sie lachte und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Lass mal. Ich bin wahrscheinlich einfach zu ungeduldig. Wir sind noch zwei Tage hier, irgendwann gehen die alten Anekdötchen aus.“

Philip dachte nach. „Vielleicht. Aber was mich eigentlich interessiert, ist, was aus den alten Geschichten geworden ist.“

„Wie meinst Du das?“

„Na ja, wie sich alles im Rückblick ändert. Guck Dir Kat und Stephan an.“ Er deutete auf den See hinaus, wo die beiden sich prächtig zu amüsieren schienen. Kats Gelächter wehte zu ihnen herüber. „Kannst Du Dich noch an die Party damals erinnern?“, fragte Philip. „Ich meine richtig? Das war die Hölle, mit den beiden. Ich war mit Stephan hier unten am See, am Sonntagnachmittag, und er hat geschrien, er hat geheult, hat einen Tobsuchtsanfall nach dem anderen bekommen, ich habe gedacht, wenn ich nicht gut auf ihn aufpasse, bringt er sie um. Oder sich. Oder beides. Und jetzt das.“

„Ja und? Ist doch schön, dass sie sich wieder verstehen.“

„Ja klar. Aber das ist es doch, was ich meine. Wie sich alles gewandelt hat. Was früher ein halber Weltuntergang war, ist heute ein Lacher am Rande, Leute die sich früher gehasst haben stehen heute beieinander und trinken Bier. Hast Du Micha und Khan gesehen?“

„Ja.“ Sie dachte nach. „Du hast recht, es ist wirklich interessant, was aus den Geschichten von damals geworden ist. Aber im Grunde ist das gar nicht so weit weg von dem, was ich vorhin gemeint habe. Was ist zwischendurch passiert, warum versuchen Khan und Micha nicht, sich gegenseitig umzubringen? Warum sind manche von den alten Geschichten nicht mehr wichtig?“ Sie sah eine Weile auf den See hinaus. „Und andere doch“, setzte sie dann leise hinzu.

Philip betrachtete sie von der Seite. „Willst Du es erzählen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Später vielleicht.“ Sie drehte sich zu ihm und sah ihn lange an. „Vielleicht könnte ich es Dir erzählen. Ich hatte zu Dir immer das meiste Vertrauen, ich weiß nicht, ob Du das gewusst hast. Mehr noch, als zu Justus.“

Philip schluckte. „Nein, woher sollte ich?“

Sie lächelte halb. „Stimmt. Na ja, ich glaube, Du bist immer noch in Ordnung, auch wenn Du demnächst arme Mieter über den Tisch ziehst. Wenn ich darüber reden will, erfährst Du es zuerst, okay?“

„Okay. Und danke. Falls Du mal ein Haus brauchst…“

Sie lachte und stieß ihm spielerisch die Faust vor die Schulter.

„Wer braucht ein Haus?“ Stephan kam vom Ufer zu ihnen herauf, Kat folgte ihm und drückte sich unterwegs das Wasser aus den Haaren.

„Ihr, wie es aussieht“, versetzte Philip.

„Die Party hat einen schlechten Einfluss auf ihn“, erklärte Stephan zu Katja gewandt. „Er fällt zurück in seine Vorpubertät.“

Kat lachte. „Wo ist Chris?“, wollte sie wissen.

„Schon zurück zum Haus. Sie wollte irgendwas fürs Grillen vorbereiten.“

„Ach Mensch.“ Kat sah mit gerunzelter Stirn zu der Baumgruppe, hinter der der Garten begann. „Sie hätte doch was sagen können.“

„Ich habe ihr Hilfe angeboten“, sagte Philip. „Sie wollte nicht.“

„Anbieten reicht nicht, Du musst mit Gewalt drohen.“ Sie schüttelte den Kopf. „Dummes Huhn. Na ja, egal.“ Sie streckte sich auf ihrem Badetuch aus.

„Wieviel Uhr haben wir eigentlich?“ fragte Stephan, einige Minuten später.

„So zwanzig vor sechs“, antwortete Britt.

„Hm“, machte Stephan.

„Haben wir ja noch ein bisschen Zeit“, murmelte Katja träge in ihr Badetuch.

„Ich bin ja mal gespannt“, sagte Stephan.

„Worauf, auf die Séance?“, Philip sah ihn spöttisch an.

„Ich weiß echt nicht, was Du dagegen hast.“

Philip dachte einen Moment nach. „Nichts“, gab er schließlich zu. „Eigentlich nichts. Nur, dass er mir früher schon immer damit auf den Sack ging.“

„Na ja, aber es war doch wirklich witzig. Und manchmal sogar wirklich ein bisschen gruselig“, fand Kat.

„Na, ja“, meinte Philip.

Stephan knuffte ihn freundschaftlich. „Hey komm, um der alten Zeiten willen.“

Der Schuppen, 18 Uhr

Justus stand gelangweilt vor der Schuppentür, als Britt, Katja, Stephan und Philip vom See zurückkamen.

„Wo sind Chris und Christoph?“, fragte Kat.

Justus deutete mit dem Kopf auf den Schuppen.

„Da drin.“

„Geht’s schon los?“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich denke schon. Sie hängen gerade die Fenster ab.“

Stephan schob die Tür auf und betrat das kleine Holzgebäude. Billig aber geschickt aus rohen Stämmen und Brettern zusammengezimmert und dann sorgfältig abgedichtet, hatte es Chris‘ Vater früher als Unterstand für alte Motorräder gedient, die er restauriert hatte. Vor fünfzehn Jahren hatte gerade zufällig keines darin gestanden. An der Rückwand hingen noch einige Bretter, auf denen zurückgelassenes Werkzeug lag. Darunter stand ein altes Fahrrad, in der Ecke lag eine zusammengeknüllte Plane. Christoph und Chris waren gerade dabei, das letzte der beiden ohnehin schon fast blinden Fenster mit einem dunkelblauen Tuch zu verhängen. Vor dem anderen hing ein braunes. Die Tücher schafften es mitnichten, den Raum zu verdunkeln, aber sie sorgten für ein schummriges Licht. In die Mitte des Raumes hatten sie einen kleinen runden Plastiktisch geschoben und sieben Stühle darum gruppiert. Auf dem Tisch lagen eine Taschenlampe, einige Kerzen und ein Leinenbeutel, in den etwas eingeschlagen war. Stephan griff danach.

„Was ist das?“

Christoph drehte sich um und ließ fast seinen Zipfel des Tuches los.

„He, lass das liegen!“

Stephan, erstaunt von seiner Schärfe, legte das Paket zurück auf den Tisch.

„‘Tschuldigung.“

Christoph lächelte. „Entschuldige, ich wollte Dich nicht so anblaffen. Aber das ist die Überraschung, von der ich Euch erzählt habe.“

„Ups. Tut mir leid. Kann ich Euch helfen?“

„Ja.“ Chris nickte und zeigte auf den Tisch. „Du kannst die Kerzen in die Kerzenständer tun.“

Stephan sah sich kurz um und entdeckte eine Plastiktüte auf einem der Stühle, der er sieben einfache, eiserne Kerzenständer entnahm. Er steckte die Kerzen darauf und stellte eine vor jeden Platz auf den Tisch. Unterdessen kamen die anderen herein und standen dicht gedrängt zwischen Tisch und Tür. Chris und Christoph waren mit dem Fenster fertig, und als Britt die Tür hinter sich zuzog, wurde es tatsächlich dämmrig. Das Licht der Taschenlampe erhellte den Raum kaum, sondern schien ihn, im Gegenteil, düsterer zu machen.

„Okay“, sagte Christoph, „setzt Euch.“

Er selbst setzte sich unter das braun verhängte Fenster. Chris setzte sich rechts neben ihn, neben ihr saß Katja, dann kamen Stephan, Britt und Philip, Justus schloss den Kreis.

‚Wir sitzen genau wie damals‘, schoss es Stephan durch den Kopf und die plötzliche Erkenntnis erstaunte ihn.

Philip reichte ein Zippo herum und sie zündeten die Kerzen vor sich an. Als Christoph die Taschenlampe ausschaltete, schienen die Schatten zu wachsen und hatte Stephan ein gespenstisches Dejá Vu. Wo die Kerzen die Gesichter seiner Freunde erhellten, sahen sie mit einem Mal keinen Tag älter aus als damals. Die Schatten verwischten die Spuren, die Dämmerung und das Kerzenlicht verzeichneten die Konturen und übrig blieben dieselben alterslosen Gesichter, in die er vor fünfzehn Jahren gesehen hatte. Selbst der gedämpfte Lärm der Party, der von draußen herein drang, schien nicht anders zu sein. Er sah Philip an, sein spöttisches Lächeln war alterslos. Er sah Kat neben sich und sie blickte zurück, mit Augen, in die das Kerzenlicht dieselbe warme Dunkelheit gelegt hatte. Sie lächelte und er lächelte zurück und in einem Moment löschten die Kerzen endgültig fünfzehn Jahre und einen schrecklichen, kindischen Streit.

„Seid Ihr so weit?“, fragte Christoph.

‚Und ob‘, dachte Stephan. Aber er nickte nur. Wie die anderen auch.

„Okay, ich habe Euch eine Überraschung versprochen. Hier ist sie.“

Aus dem Leinenbeutel zog er ein Buch. Stephan, der kein Experte war, konnte sofort sehen, dass es uralt sein musste, auch in dem spärlichen Licht. Es war in Leder gebunden, der Deckel fehlte. Die Seiten schienen aus einem sehr festen Papier zu bestehen. Oder aus Pergament. Justus stieß einen leisen Pfiff aus.

„Was ist das?“, fragte Philip.

„Ein Buch“, sagte Christoph, versunken in den Anblick des alten Schatzes, den er ausgepackt hatte.

„Ach, was.“

Er sah irritiert auf. „Wie bitte?“

„Was für ein Buch?“, sagte Philip mit leichter Belustigung.

„Es heißt ‚Wege und Tore‘. Ein Beschwörungsbuch. Es sind Sprüche darin, die Tore öffnen können. So heißt es jedenfalls.“

„Sieht alt aus“, meinte Stephan anerkennend.

Christoph nickte, immer noch versonnen. „Ist es auch, glaube ich. Habe ich geerbt. Ich habe es seinerzeit nicht verkauft, weil ich dachte, ich könnte es vielleicht nochmal brauchen.“

Britt beugte sich halb über den Tisch, vorsichtig den Kerzen ausweichend. „Kann ich es mal sehen?“

„Klar. Ihr müsst es sowieso alle begrüßen.“

„Wir müssen was?“, fragte Philip.

„Das Buch begrüßen. Es steht in der Einleitung.“ Christoph nickte nachdrücklich. „Es entfaltet seine größte Wirkung, wenn alle Mitglieder des Zirkels es ehrfürchtig annehmen und begrüßen.“ Er reichte es Chris. „Willst Du anfangen?“

Sie nahm das Buch und betrachtete es tatsächlich ehrfürchtig. „Wie begrüßt man es?“, wollte sie wissen.

Christoph sah ein wenig verlegen aus. „Keine Ahnung.“

Sie sah es einen Moment lang unschlüssig an, dann strich sie langsam über die erste Seite und reichte es an Katja weiter. Die legte nur kurz ihre Hand darauf und gab es Stephan. Er betrachtete es einen Moment unschlüssig und plötzlich hatte er ein entsetzliches Gefühl der Leere und Einsamkeit. Alles um ihn her schien zu verschwimmen und zu schwinden. Bevor er begriff, was er tat, drückte er das Buch kurz an seine Brust und gab es dann Britt. Das seltsame Gefühl war verschwunden.

Britt strich ebenfalls mit der Hand darüber und reichte es an Philip weiter. Der hielt das Buch mit beiden Händen vor sich und betrachtete es mit gerunzelter Stirn. Dann murmelte er leise „Hallo Buch“ und gab es Justus. Justus verneigte sich leicht davor und reichte es Christoph. Der legte es vor sich, beugte sich vor und berührte die erste Seite mit der Stirn.

„Gut also“, sagte er dann. „In diesem Buch stehen viele Beschwörungen. Ich habe eine herausgesucht, die…“, er schlug kurz nach und las vor, „…Räume und Zeiten öffnet und einen herbeiruft, der Wissen hat. Was haltet Ihr davon?“

„Wissen ist gut“, sagte Kat.

„Räume und Zeiten hört sich auch gut an“, meinte Justus.

„Also okay, dann rufen wir einen, der Wissen hat.“ Er grinste. „Mal sehen, was er uns erzählen kann. Hier stand nichts von Gläsern oder Karten, ich bin gespannt. Fasst Euch an den Händen.“

Stephan nahm mit der Linken Britts Hand und Katjas mit der Rechten und sah Christoph an, dessen konzentriertes Gesicht über das Buch gebeugt war. „Herren und Meister, höret uns“, begann Christoph mit langsamer Stimme zu deklamieren. „Ihr Meister des großen Krieges, gebt uns ein Jota Eurer Macht…“ Dann verfiel er in Latein, die Formel klang eintönig und monoton, während er sie herunterbetete. Stephan hatte den Eindruck, dass Christoph sogar einiges von dem verstand, was er sagte.

Etwas veränderte sich.

Es war kaum merkbar, als würde eine Spannung in dem kleinen Raum entstehen und langsam wachsen. Die Dunkelheit nahm zu.

„Spürt Ihr das?“, hauchte Kat. Stephan drückte ihre Hand.

Christoph deklamierte immer weiter, eine lange, ermüdende Litanei. Die Spannung wuchs, in der Dunkelheit zog sich etwas zusammen. Stephan spürte ein Kribbeln auf der Haut, zuerst ein leichtes, angenehmes Kitzeln, das langsam zu einem stechenden Prickeln wurde.

„Das gefällt mir nicht“, sagte Philip.

Es wurde stärker und stärker.

Stephan fühlte, wie seine kurz geschorenen Haare sich aufstellten. Er schluckte trocken, das Atmen war mühsam, er fühlte sein Herz schwer und schnell schlagen.

Es wuchs und wuchs.

Stephan hörte, wie Kat neben ihm keuchte. Er wandte sich ihr zu und konnte sie in der tiefen, immer tieferen Dunkelheit kaum erkennen. Er drückte ihre Hand. Sie krallte sich in seine, und der Schmerz war wie ein willkommener Anker, der ihn in der Wirklichkeit hielt.

Doch es wuchs und wuchs..

„Hör auf“, sagte Justus und sah Christoph an. Der hob das Gesicht, das leuchtete, als gelte das Licht der Kerzen ihm und nur ihm. Und sie sahen das ungläubige Entsetzen in seinen Augen, während sein Mund immer weiter sprach. Er konnte nicht aufhören. Sie konnten erkennen, wie verzweifelt er es versuchte, aber er sprach weiter, immer weiter und weiter flossen die fremden Worte aus ihm heraus. Stephan glaubte nicht mehr, dass es wirklich noch Latein war.

„Der Kreis“, sagte Chris keuchend. „Wir müssen den Kreis unterbrechen. lasst…“

Im nächsten Moment explodierte es. So jedenfalls erschien es Stephan, er hörte ein grässliches Krachen und aus dem Buch schien ein Blitz zu schlagen, der den ganzen Raum erhellte. Christoph wurde mitsamt seinem Stuhl in eine Ecke geschleudert und alle Kerzen erloschen. Zurück blieb Dunkelheit, nur erhellt vom flackernden Licht der Flammen, die aus dem Buch schlugen.

Chaos brach los. Neben Stephan war Britts Stuhl ebenfalls umgestürzt und nur die Tatsache, dass Philip und er sie immer noch an den Händen hielten, hatte verhindert, dass sie nach hinten über gefallen war. Sie lag auf den Knien und fluchte, während Philip sich leise um sie kümmerte. Chris und Katja waren zu Christoph gelaufen, der stöhnend in der Ecke lag, während Justus sich bemühte, das brennende Buch mit den Händen auszuschlagen. Stephan stand inmitten all dieses plötzlichen Wirbelns und war gelähmt. Das Gefühl war wieder da, die kalte Leere, die ihm vorkam wie die Ahnung von etwas, das er lange vergessen hatte. Wie in Trance ging er zu dem Fenster, vor dem Christoph gesessen hatte und begann, das Tuch abzureißen. Das half. Das hereinbrechende Tageslicht vertrieb die Ahnung der Leere und machte aus der dunklen Höhle, in der etwas Fremdes über sie gekommen war, wieder einen staubigen Holzschuppen. Philip stieß die Tür auf und führte Britt hinaus. Justus, der das Buch gelöscht und dann von sich gestoßen hatte, folgte ihnen. Chris und Katja stützten Christoph, der auf unsicheren Beinen aus dem Schuppen wankte. Stephan kam als letzter. Den Schuppen zu verlassen war, wie aus einem Traum aufzutauchen. Einige Meter weiter, beim Haus, war die Party in vollem Gange, die Musik lief, niemand schien das Krachen gehört oder den Blitz gesehen zu haben. Die Sieben schauten sich verwirrt an. Stephan sah in blasse, ängstliche Gesichter. Britt, die an Philip gelehnt im Gras saß, hatte eine Schürfwunde am linken Arm und eine große Beule auf der Stirn, die langsam blau zu werden begann. Sie musste im Fallen gegen den Tisch gestoßen sein. Christoph sah sehr krank aus.

„Wie geht es Dir?“, fragte Stephan.

Christoph schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht, mir ist so schlecht, ich… Oh Schei…“

Er drehte sich um und erbrach sich lautstark gegen die Schuppenwand. Als er fertig war reichte Philip ihm ein Taschentuch, mit dem er sich den Mund abwischte. Sie sahen sich an und verstanden nicht.

„Lasst uns rüber gehen“, sagte Chris schließlich. „Ins Haus.“

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