Der Dunkle Fürst und das Fräulein Niedermaier – Teil 18

Dass Sarah eine großartige Autorin ist weiß ich, seit ich die ersten Zeilen von ihr gelesen habe. Und damals war sie zarte 15 Jahre alt. Aber um von dort zu einer Autorin zu reifen, die den simplen Wunsch nach Kakao mit so tiefer Finsternis verbinden kann, muss schon einiges passieren. :-* Hört von den bösen Ränken des Baldomachchorion:

Avatar von Sarah WassermairDer Guppy war's und nicht die Lerche

About: Geschichten für euch
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 5
Teil 6
Teil 7
Teil 8
Teil 9
Teil 10
Teil 11
Teil 12
Teil 13
Teil 14
Teil 15
Teil 16
Teil 17

Sie waren der Adel des Haushältergeschlechts, ein jeder und jede einzelne schon zu Lebzeiten eine Legende. Fräulein Niedermaiers Ahnen waren mit Fürsten und Königen in die Schlacht geritten und hatten ihnen anschließend die Hemden gebügelt. Es gab beispielsweise eine (heute verloren gegangene) letzte Strophe des Nibelungengenliedes, in der beschrieben wurde, wie Fräulein Niedermaiers Ur-Ur-Ur-Ur-Großmutter Angelika Niedermaier nach dem Gemetzel an Etzels Hof unter viel Gefluche den Thronsaal aufräumte und das Blut aus den Teppichen wusch – und selbst Dschingis Kahn war am Abend in eine niedermaiergesäuberte Jurte zurückgekehrt und hatte dort heißen Stutenmilchkakao vorgefunden.
Tatsächlich stellte Wappen der Niedermaier eine dampfende Tasse Kakao dar und sie bereiteten diesen nach altem Familienrezept nur…

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schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 29 – Der Ruf, Teil 4

Heute erzähle ich Euch den vierten Teil meines Romans „Der Ruf“ (Erstveröffentlichung übrigens 2011). Ich habe ihn – als einziges meiner Bücher bisher – damals auf eigene Faust als E-Book über amazon veröffentlicht. Dort gibt es ihn inzwischen nicht mehr (siehe unten, Teil 1). Während ich die Geschichte hier einstelle überarbeite ich sie auch und stelle fest, dass sie in Teilen doch etwas langatmig und schlecht gealtert ist. Daher kürze ich relativ viel und formuliere hier und da um. Will sagen: Was Ihr jetzt und hier lest ist, meiner Meinung nach, der beste „Ruf“ den es derzeit gibt. Und für eine Geschichte, deren erste Version irgendwann in den 1980ern entstanden ist (damals noch mit jugendlichen Figuren und in Amerika spielend 😀 ) mag das etwas heißen.

Mit der heutigen Episoden stelle ich die letzten Figuren aufs Feld. Ab morgen wird gespielt. 😉

Der Ruf – Teil 1, Hintergrund, Rechte

Der Ruf – Teil 2

Der Ruf – Teil 3




Der Ruf – Teil 4

Wipperfürth, Innenstadt, früher Nachmittag

Als Philip und Stephan nach Wipperfürth hineinfuhren, hatte Sabine es lange wieder verlassen. Sie passierten einen Kreisverkehr am Ortseingang und fuhren Richtung Zentrum, vorbei an vielen, verschieferten Häusern. Nach einer Weile wechselte der Straßenbelag von Asphalt zu Pflaster, während der Mazda eine schmale, ansteigende Straße entlang fuhr

„Meinst Du wirklich…“ begann Stephan zweifelnd.

„Warte“, sagte Philip. Sie kamen über die Kuppe des Hügels und befanden sich zu Stephans Verblüffung mitten in einem kleinstädtischen Zentrum. Philip parkte auf dem Marktplatz vor einer schmucken, weißen Kirche. Sie verließen den Wagen, Britt parkte den Ka direkt neben ihnen und stieg ebenfalls aus.

„Und wohin jetzt?“

„Ich dachte, wir gehen erstmal da runter“, sagte Philip und deutete an der Kirche vorbei. Stephan aber hatte in der entgegengesetzten Richtung etwas entdeck. Zwischen einem der verschieferten Häuser und einem mit bunten Graffiti besprühten Container befand sich ein niedriger Anbau. Das große Schild über dem Eingang, schwarz und gelb und rot und etwa so gut zur Umgebung passend wie ein Ozeandampfer, verkündete den Namen: „Underground.“

„Was gibt’s denn da?“, fragte er begeistert.

Philip zuckte mit den Schultern. „Weiß nicht so genau. Klamotten, Musik…“

„Bücher?“

Er nickte. „Ich glaube schon. Mangas und so’n Zeug. Nochmal: Du wirst ihr doch keins von Deinen schenken wollen?“

Stephan lachte laut und Britt schaute irritiert von einem zum anderen. „Warum denn nicht? Ich meine… ich kenne Deine Sachen ja nicht, Stephan, aber…“

„Nein, nein.“ Er schüttelte den Kopf, immer noch lachend. „Philip hat Recht, es ist etwas… speziell.“

Britt grinste. „Darf ich eins haben?“

„Wie wäre es“, fragte Philip, „wir fahren nach der Party bei mir vorbei. Ich habe „Dark Ones“ doppelt und „Nightshift“ dreimal. Dann kannst Du die signieren und Britt kann sie gleich mitnehmen.“

„Gemacht“, sagte Stephan. „Aber jetzt gehe jetzt in den Laden da. Was macht Ihr?“

„Ich glaube, wir gehen da hin, wohin Philip gesagt hat“, überlegte Britt. „Du kennst Dich hier aus?“

„Ein bisschen.“ Philip zwinkerte ihr zu. „Immobilienhai. Ich komme rum.“

Das „Underground“ war erstaunlich hell, aber kühl für einen so heißen Tag. Aus Hamburg kannte er viele andere Läden dieser Art, die meisten bemühten sich um stilecht schummrige Beleuchtung. Das hatte der hiesige offenbar nicht nötig. Das Geschäft bestand aus einem einzigen, rechteckigen Raum mit einer Kassentheke an der dem Eingang gegenüberliegenden Längsseite. Auf der Seite rechts des Eingangs gab es Klamotten, links Bücher, CDs und Vinylschallplatten. Jeder freie Fleck an den Wänden war mit Konzertpostern tapeziert, auf dem Kassentresen lagen diverse Flyer diverser Veranstaltungen. Der Laden war fast leer. Ein auf beiläufige Weise schönes Goth-Mädchen stöberte mit überdrüssigem Gesichtsaudruck in den T-Shirts und Hoodies. Hinter dem Kassentresen langweilte sich ein dicker Typ mit kahlgeschorenem Kopf und schwarzem Vollbart. Er blickte auf, als Stephan eintrat und nickte ihm zu. Stephan nickte zurück und ging in Richtung der Bücher. Tatsächlich – da waren Comics und Graphic Novels. Und auf prominentem Platz, gut sichtbar aufgestellt, ein Exemplar seines eigenen neuesten Werkes, „Dark Ones“. Stephan nahm es mit leichtem Unglauben in die Hand und blätterte darin. Er begriff immer noch nicht so richtig, WIE erfolgreich er wirklich war. Hier, am Ende der Welt…

„Das ist gut“, ließ sich der Typ an der Kasse vernehmen, der ihn beobachtet hatte.

„Hmmm…“, machte Stephan. Und dann, einer Eingebung folgend und gegen seinen Instinkt: „Danke. Ist von mir.“

„Echt?“ Der Mann kam hinter dem Tresen hervor. Auch das Mädchen hatte von den Klamotten abgelassen und kam näher.

„Ja“, sagte Stephan, dem die Situation schon peinlich zu werden begann. „Also die Texte. Die Zeichnungen sind von ’nem Kumpel.“ Er tippte auf den Künstlernamen des Zeichners, der auf dem Cover stand.

„Also bist Du „Pale“?“ Der Bärtige schaute ihn mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Unglauben an.

„Eigentlich Stephan.“ Er streckte die Hand aus. „Pale ist der Künstlername.“ Der Mann nahm die Hand und schüttelte sie begeistert.

„Ich bin Dä Botz. Also…“, er grinste, „Jacob. Dä Botz ist der Künstlername.“

„Welche Art von Kunst?“

„Musik. Bin Drummer bei den „Alcoholic Monks“.“

„Aha“, machte Stephan, der von der Band noch nie gehört hatte. Dä Botz erriet es.

„Kennste nicht, was?“

„Nee“, gab Stephan zu.

Er lachte. „Macht nix. Ist neu, wart’s mal ab. Du wohnst in Hamburg steht da?“

„Ja. Aber ich bin aus Leverkusen. Ursprünglich mal.“

„Ah, okay. Und jetzt, was machst Du hier?“

„Party“, sagte Stephan. „Dieses Wochenende, hier in der Nähe.“

„Ah.“ Dä Botz schien erstaunt. „Weiß ich gar nichts von.“

„Ist privat.“

„Ah, so.“

Das Mädchen war inzwischen zum Comicregal gegangen, hatte sich eine Ausgabe von „Dark Ones“ gegriffen, einen Geldschein auf den Tresen gelegt, streckte Stephan das Buch hin und nuschelte etwas Unverständliches. Stephan identifizierte einen Laut wie „tgrmm“, ließ sich von Däm Botz einen Stift geben und öffnete den Comic.

„Wie heißt Du?“, fragte er das Mädchen.

Sie nuschelte wieder, er stutzte, schrieb dann „Für das geheimnisvolle Mädchen im ‚Underground’“, signierte und gab es ihr zurück. Sie schaute hinein, lächelte flüchtig und huschte aus dem Laden. Als Stephan ihr eine halbe Stunde später folgte, hatte er auf Däs Botzes Empfehlung je eine CD der Bands „Trapset“ und „Be a Genius“ für Chris, sowie eine Demo-CD der „Alcoholic Monks“ für sich selbst in der Tasche und eine lose Absprache für eine Signierstunde mit Band im „Underground“. Darauf freute er sich jetzt schon, das klang sehr nach seiner Anfangszeit, die gerade mal zwei Jahre zurück lag.

Er kehrte fast gleichzeitig mit Britt und Philip zum Wagen zurück. Die beiden kamen lachend, in eine sichtbar fröhliche Unterhaltung vertieft, aus der Gegenrichtung zurück. Britt schwenkte eine Tüte, auf der ein türkisfarbener Vogel abgebildet war. Darin befand sich offensichtlich ein Buch. Am Wagen angelangt verglichen sie ihre Beute. Philip drehte eine der CDs in den Händen.

„Kenne ich gar nicht.“

„Hat mir Dä Botz empfohlen. Was hast Du?“, fragte Stephan.

Britt griff in die Tüte und holte ein Buch heraus, das Stephan gänzlich unbekannt war. „Das Rosentor.“ Auch der Name des Autors sagte ihm nichts.

„Was ist das?“

„Fantasy-Geschichte, spielt in Leverkusen. Hat mir die Buchhändlerin empfohlen. Klingt doch gut für Chris, oder? Fantasy und Lev. Fand Philip auch.“

Stephan nickte. „Ja. Wird sie bestimmt freuen.“

Das Bergische Land, früher Nachmittag

Sie kamen über die A 1, die A 45 und die A 4, sie verließen die Autobahnen bei Engelskirchen und bei Remscheid, bei Wermelskirchen und Wuppertal, bei Lüdenscheid und Gummersbach und fuhren hinein in den Flickenteppich dazwischen, dieses grüne Auf und Ab aus Wiesen und Dörfern und Städtchen und Wäldern, dort hin, wo der Wald dichter wurde, hin zu dem einen Wald und dem See und dem Haus und dem Garten.

Sie kamen alleine, wie Sabine oder Ulf, der seit zwei Monaten verheiratet war und sich, seit er die Einladung erhalten hatte, ein paarmal zu oft dabei erwischt hatte, wie er über Rena nachdachte und daran, wie sie am Lagerfeuer in seinem Arm gelegen hatte – oder Rena selbst, die sich zwar auch an die Feuer erinnerte, und den See, und den Wald und den Garten und die Musik, die Ulf aber völlig vergessen hatte.

Sie kamen als Pärchen, wie Maike und Bastian, die schon seit der Schule ein Paar waren oder Markus und Tanja, die sich vor drei Jahren in einer Kölner Zahnarztpraxis wiedergetroffen hatten.

Manche trafen sich unterwegs, wie Britt, Philip und Stephan, oder wie Khan und Simon, die eine ganze Weile in stillem Einvernehmen auf ihren Motorrädern nebeneinander die kurvigen Straßen hinter Lindlar entlang fuhren, bevor ihnen klar wurde, dass sie das selbe Ziel zu haben schienen. Michael und Sascha trafen sich nicht weit davon entfernt, wo sie bei einem Garagenverkauf angehalten hatten, weil sie beide dasselbe Problem hatten wie Britt und Stephan – kein Geschenk. Michael entschied sich für eine leidlich schöne Tiffany-Lampe. Während Sascha dem jungen Paar, das den Garagenverkauf veranstaltete – um ein Kinderzimmer zu finanzieren, wie sie erzählten – lang und breit erzählte, dass er Garagenverkäufe ja „aus den Staaten“ kenne und niemals damit gerechnet habe, AUSGERECHNET HIER auf so etwas zu stoßen, ging Michael zurück zur Straße, just in dem Moment, als Khan und Simon über einen nahen Hügel kamen. Sie fuhren heran, erkannten ihn, und stiegen von ihren Motorrädern. Unterdessen hatte Sascha dem Pärchen zwei Gedichtbände abgekauft hatte, von denen er ebenfalls nicht erwartet hatte, sie AUSGERECHNET HIER erstehen zu können und trat zu den wiedergefundenen Schulfreunden. Sie erzählten sich von ihrer Reise, ihren Leben. Sie waren jetzt schon in der Hochstimmung von der Chris so sehr hoffte, dass sie sich einstellen würde.

Sie alle machten eine Zeitreise, die schemenhaften Erinnerungen an ihre Jugend und die Zeit der Party wurde tiefer und reicher und farbiger, manchmal ganz plötzlich, wie bei Martina, die in der Nähe von Hückeswagen an den Straßenrand fahren musste, weil ein plötzlicher Lachanfall ihr die Kontrolle über den Wagen raubte. Sie hatte sich an Chris erinnert. An das Basketballteam und an dieses Spiel, eine Woche vor der Party, und sie Sache mit dem Eigenkorb…

Auch Frank, der im selben Moment aus Remscheid hinaus fuhr, erinnerte sich an die Party und die See und all die Mädchen in den Bikinis und den Badeanzügen und wie eng die geschnitten gewesen waren, und wenn man genau hinsah, hatte man ihre Brüste sehen können, als wären sie nackt gewesen und wenn man noch genauer hinsah… er leckte sich die Lippen ohne es zu merken. Ob sie wohl als Frauen immer noch so scharf sein würden? Und welche von ihnen würde wohl die Schärfste sein?

Sie fuhren zu einem mythischen Ort, einem Ort, der sie alle einmal berührt hatte. Manche dieser Mythen waren romantisch, andere dramatisch, es waren kleine Komödien dabei und kleine Tragödien. Keine große Literatur, eben die Art von kleinen Geschichten, die nachklingt und da bleibt, immer und immer und immer. Und nun fuhren sie hinein, in eine weitere Geschichte.

Im Haus, Nachmittag

Als der große Moment endlich da war, war Chris auf dem Klo. Es klingelte, als sie gerade nach dem Toilettenpapier griff und damit waren ein Großteil der Sorgen, die sie sich in den vergangenen Tagen gemacht hatte – wer würde als erster kommen, was sollte sie sagen, wie würden sie aussehen und so weiter, und so weiter – nichtig. Sie fluchte leise und rief, in der Hoffnung, dass Katja sie hören würde:

„Ich bin im Bad!“

„Okay!“, rief Katja aus der Küche. „Ich gehe schon.“

Chris hörte sie durch das Wohnzimmer in den Flur gehen und die Tür öffnen. Fröhliches Stimmengewirr folgte, aus dem sie viele ‚Hallos‘ und Gelächter hörte, aber außer Katjas Stimme erkannte sie keine. Wie auch. Sie zupfte ihr Kleid zurecht, wusch sich die Hände und verließ das Bad. Es war ein Paar, eine kleine, schmale Frau, deren langes, braunes Haar über der Stirn von einem schwarzen Haarreif gehalten wurde und ein schlanker Mann mit randloser Brille und einer Halbglatze. Das dünne blonde Haar, das die Glatze umkränzte, hatte er zu einem Pferdeschwanz gebunden. Beide trugen sackartige Hosen, seine war orange, ihre weiß, Birkenstocks und ausgewaschene schwarze T-Shirts. Und beide lachten Christina fröhlich an.

„Hey Chris! Tolle Idee, die Party!“, rief die Frau bei ihrem Anblick.

„Herzlichen Glückwunsch!“, setze er hinzu.

Wer waren die Beiden?

Es war der Haarreif, der sie gerade noch rechtzeitig darauf brachte, bevor es beginnen konnte, peinlich zu werden.

„Maike!“, verkündete sie das Ergebnis ihrer Grübelei und schaffte es tatsächlich, nicht den geringsten Zweifel mitschwingen zu lassen.

„Maike, Bastian, das ist echt toll, dass ihr kommt.“

„Du, das war doch klar. Wir haben was für Dich.“ Maike zog den Stoffrucksack von der Schulter, entnahm ihm ein eingeschlagenes Päckchen und überreichte es mit großer Geste.

„Danke.“ Sie befühlte das kleine Paket. „Ein Buch?“

„Es ist ein tolles Buch“, erklärte Bastian, während Christina das Papier abzog. „Nachdem ich es gelesen habe, habe ich alle meine Lieblingsbücher nochmal gelesen und es stimmt, was er schreibt, es gibt so vieles, das man…“ Er verstummte und sah Chris, die das Buch inzwischen ausgepackt hatte erwartungsvoll an. „Kennst Du es schon?“

Die Beschenkte betrachte den schwarzen Einband des dicken Taschenbuches. Der Autor hieß Marwin Wittbert, der Titel ‚Phantasie kann etwas bewegen!‘ prangte in schmalen gelben Lettern auf dem Cover, darunter, kleiner, ‚Von Schriftstellern, die etwas zu sagen haben und solchen, die nur reden.‘

„Das ist bestimmt interessant…“

Katja, die bisher daneben gestanden und die Szene beobachtet hatte, kam näher und schaute neugierig auf das Buch.

„Aha“, sagte sie. „Worum geht’s da?“

„Na ja“, begann Bastian, „Wittbert erklärt eben, woran man einen richtigen Schriftsteller erkennt, der nicht nur einfach unterhalten will und…“

„Lass sie es doch erst mal lesen“, lachte Maike. „Chris, können wir hier irgendwo unser Gepäck unterbringen?“

„Ja, sicher.“ Dankbar drückte sie Katja das Buch in die Hand. „Könntest Du…“

„Klar.“ Sie nahm das Geschenk und brachte es zu dem kleinen Tisch, den sie für diesen Zweck vorgesehen hatten. Chris zeigte Maike den Raum im ersten Stock, in dem die Gäste ihr Gepäck unterbringen konnten und kam dann zurück ins Wohnzimmer, wo sie eine schmunzelnd Katja vor dem Geschenketischen fand.

„Manche Dinge ändern sich nie, oder?“, sagte Kat.

Christina lachte. „Mal sehen, was ich damit mache. Aber ich wusste gar nicht, dass die beiden immer noch zusammen sind.“

„Sie sind sogar verheiratet.“

„Woher weißt Du?“

„Habe ich alles eben erfahren, als Du Dich auf dem Klo versteckt hast.“

„Ich habe mich nicht…“

„Kommt Sascha auch?“ Maike kam ins Zimmer, gefolgt von Bastian.

„Ich denke schon“, sagte Chris. „Er hat jedenfalls…“

Die Klingel unterbrach sie. Der geschäftige Teil des Nachmittages hatte begonnen.

Der Parkplatz, Nachmittag

Auf dem Behelfsparkplatz standen schon ein blauer VW-Bus und ein silberfarbener BMW. Philip und Stephan stiegen aus dem Mazda, nahmen ihr Gepäck und gingen zu Britt hinüber, die sich gerade einen kleinen Trekking-Rucksack auf den Rücken lud.

„Bereit?“, fragte Philip.

„Ja. Was meint Ihr, wem gehören die?“ Sie zeigte auf den VW-Bus und den BMW.

„Bastian und Maike“, sagte Philip sofort. „Der Bus gehört Bastian und Maike, ich nehme jede Wette an.“

„Ich wette nicht!“, sagte Stephan. „Du hast recht, garantiert.“

„Und der BMW?“, fragte Britt.

Sie sahen den silbernen 7er eine Weile unschlüssig an.

„Ich weiß“, sagte sie plötzlich selbst. „Der gehört Sixt. Das Nummernschild.“

„Wer mietet denn sowas, um zu ‘ner Party zu fahren?“

Stephan betrachtete den Wagen mit leichter Abscheu. Philip und er sahen sich kurz an, sie hatten beide die selbe Idee gehabt. Philip deutete mit den Augen diskret auf Britt und sie schwiegen beide. Sie hatte es trotzdem gemerkt.

„Stimmt“, sagte sie mit einem halben Lächeln, „es könnte Justus sein.“

„Er hat sich damals ziemlich beschissen verhalten, oder? Dir gegenüber“, sagte Philip vorsichtig.

Sie schnaubte. „Und wenn schon. Das ist lange her.“ Sie hakte sich bei den beiden Männern unter und drückte die Arme ihrer alten Freunde.

„Gehen wir?“

Es war nicht wirklich ein Dejá Vu, das Stephan hatte, als sie den Weg zum Haus hinuntergingen. Damals war er schon hier gewesen, bevor die meisten Gäste gekommen waren. Christinas Eltern hatten Chris, Katja und ihn am Tag vor der Party hierher gebracht, sie hatten dann zu dritt alles vorbereitet. Und dennoch – hier schien die Zeit stehen geblieben zu sein. Der zweistöckige Ziegelbau sah immer noch so aus wie vor 15 Jahren, er sah zumindest auf den ersten Blick keinen Unterschied. Chris und ihre Eltern hatten es immer das „Ferienhaus“ genannt, und als Jugendlicher hatte er, bevor er zum ersten Mal hier gewesen war, immer an ein flaches Holz oder Steinhaus gedacht, ein Sommerhaus, wie er es aus den Ferien kannte. Aber das „Ferienhaus“ der Familie Sand war ein sehr gewöhnliches kleines Ziegelhaus, zweistöckig, schmucklos. Chris hatte einmal erzählt, dass der Vorbesitzer es hatte bauen lassen, irgendwann Anfang der 1980er Jahre. Zuvor hatte sich hier ein älteres Gebäude befunden, von dem nur der Keller übrig geblieben war. Er befand sich immer noch unter dem neuen Gebäude. Chris‘ Eltern hatten ihr Bestes getan, um dem kargen Äußeren des Hauses ein wenig Charme zu verleihen. Die weißen Fensterrahmen schienen in all den Jahren kaun gealtert zu sein, die Gardinchen in den Fenstern und die naturfarbene Holztür sahen so aus, wie sie immer ausgesehen hatten. Die Dachrinne schließlich schien doch neu zu sein, Stephan glaubte nicht, dass sie damals schon aus Kupfer gewesen war. Das wirklich Spannende war nie das Haus selbst gewesen. Wirklich interessant war, dass es so abgelegen war. Und natürlich der Garten — und der See. Er spürte wie Britt, die immer noch untergehakt zwischen Philip und ihm ging, zögerte und wurde ebenfalls langsamer. Dann standen sie auf dem Weg und sahen zum Haus hinüber. Britt schüttelte langsam den Kopf.

„Es ist komisch, oder?“

„Ein bisschen“, sagte Philip.

„Ich habe ein Gefühl“, meinte sie wie zu sich selbst. „Irgendwie wie… wie Lampenfieber.“

Stephan lachte. „Hast Du etwa die Photos vergessen? Mein Haus, mein Auto, mein Boot?“

Sie lächelte und schüttelte den Kopf. „Darum geht es nicht. Damals kannten wir uns alle. Wir waren Freunde. Jetzt sind wir alle fremd. Ich verbringe ein Wochenende am Ende der Welt in einem Haus mit lauter Fremden.“

„Immerhin hast Du uns“, meinte Philip. „Wenn es zu doof wird, gehen wir drei irgendwo ins Dorf und schießen uns die Lampe aus. Du wirst sehen, das macht Spaß mit uns.“

Sie lachte und legte den beiden ihre Arme um die Schultern. „Genau. Ihr seid meine Amigos.“

Sie waren fast da, als die Tür sich öffnete und eine Frau mit einer Gießkanne herauskam. Stephan erkannte Chris sofort. Die blonden Locken, die damals lang auf ihren Rücken herabgefallen waren, waren nur noch etwas über schulterlang, aber die großen blauen Augen waren immer noch dieselben. Sie erkannte die drei ebenfalls, stellte die Gießkanne ab und strahlte über das ganze Gesicht.

„Britt, hey!“ Die Frauen umarmten sich lachend. Dann wandte sie sich an die Männer.

„Stephan, Philip, das ist so schön, Euch zu sehen. Was ist mit Deinen Haaren passiert, Stephan?“

„Abgeschnitten.“ Er fuhr sich grinsend über seinen kurzen schwarzen Schopf. „Direkt nach dem Abi.“

Sie sah die Beiden glücklich an.

„Ich habe mich richtig auf Euch gefreut.“

„Warte nur“, unkte Stephan.

„He, wer… oh, hey.“

Stephan drehte sich nach der neuen Stimme um, deren Besitzerin – offenbar angezogen vom Lärm der Begrüßung – aus dem Haus gekommen war. Sie war kleiner als Chris. Aus dem sommersprossigen, von braunen Haaren umrahmten Gesicht schauten ihn die die selben klaren, grünen Augen an wie damals.

„Kat“, sagte er lächelnd.

Sie lächelte ebenfalls. „Stephan.“

Sie umarmten sich.

„Sollen wir gehen, während Ihr an alte Zeiten anknüpft?“, fragte Philip und wandte sich an Chris. „ Wo können wir unser Gepäck unterbringen?“

„Äh – oben, ich zeig‘ es Euch. Zeigst Du gleich Stephan wo, Kat?“

„Nein, nein, wir kommen mit.“ Sie legte einen Arm um Stephan Hüfte und lachte ihn an, während sie Chris, Britt und Philip ins Haus folgten. „Ich glaube, das wird ein spaßiges Wochenende, was meinst Du?“

Er drückte sie leicht an sich. „Jede Wette!“

FORTSETZUNG FOLGT

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Der Dunkle Fürst und das Fräulein Niedermaier – Teil 17

Für die von Euch, die in Geschichte gepennt haben – hier ein wenig Hintergrund zu den Dunkelfürstenhaushälter*innen. In Sarahs heutiger Quarantänegeschichte:

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About: Geschichten für euch
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 5
Teil 6
Teil 7
Teil 8
Teil 9
Teil 10
Teil 11
Teil 12
Teil 13
Teil 14
Teil 15
Teil 16

Nachdem nun Baldomachorion nicht in der Stimmung war, seinen bösen Plan zu erläutern, er aber für das Verständnis dieser Geschichte unabdingbar ist, erlaubt eurer bescheidenen Chronistin, diese Lücke zu füllen. Es hatte vor mehreren Jahren begonnen, als Salamacian seinen Freund zu einer Einweihungsparty für seinen neuen Folterkeller in die Feste des Erstaunlich Dauerhaften Unheils eingeladen hatte und Baldomachchorion die unglaubliche Sauberkeit und Heimeligkeit auffiel, die überall im alten Gemäuer herrschte.
Die Teppiche leuchten in dunklen Farben, die Vorhänge waren frisch gestärkt und die Spinnweben an der Decke in geschmackvollen Mustern angeordnet – so, wie man es sich eben wünschte. In jedem Kamin brannte ein Feuer und sowohl Buffett als auch der folgende Eierlikör waren…

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schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 28 – Der Ruf, Teil 3

Auf geht’s, in die fünfte Woche der Quarantängeschichten. Seit dem 15. März stellen Sarah und ich jeden Tag Lesestoff ein – wir bitten Euch quasi ans virtuelle Lagerfeuer und erzählen Euch eine Geschichte, wie es die Aufgabe unserer uralten Geschichtenerzähler*innenzunft ist, seit es Menschen gibt. Auch wenn in Österreich und Deutschland langsam vorsichtiger Optimismus angebracht erscheint – immer noch ist soziale Isolation das Gebot der Stunde. Gerade deshalb zünden wir wieder an unsere Geschichtenfeuer an – Sarah mit ihrer Geschichte für die jüngere Leserschaft, ich für die älteren.

Weiter geht es also mit der Vorstellungsrunde der wichtigesten Figuren in „Der Ruf“:

Der Ruf – Teil 1, Hintergrund, Rechte

Der Ruf – Teil 2

Der Ruf – Teil 3

Opladen, Vormittag

Er sah Philip schon von weitem. Opladen war nicht ganz so tot wie Langenrath, aber der Bahnsteig war leer genug, dass Stephan seinen Freund ohne große Anstrengung ausmachen konnte. Er sah den braunen Schopf, der jetzt rapide grau wurde und die unvermeidliche blaue Jacke.

Die Bremsübungen des Lockführers hatten diesmal einen anderen Erfolg – der Zug hielt so weit hinten, dass die Lok am Beginn der Wartezone zum Stehen kam. Sie ruckte noch einmal kurz an, so dass die an den Türen wartenden Fahrgäste hübsch durchgeschüttelt wurden und blieb dann endgültig stehen. Die Tür entriegelte, Stephan stieg hinaus, in die Hitze des Bahnsteiges und war schon fast neben dem Bahnhofsgebäude angelangt, als Philip ihn bemerkte. Mit wenigen Schritten war er bei Stephan:

„Ich habe mich schon gewundert, welcher Idiot bei diesem Wetter in Schwarz rumrennt.“

Stephan schaute an sich herunter. „Mein T-Shirt ist grau.“

Sie umarmten sich.

„Freust Du Dich auf die Party?“ fragte Philip.

Stephan zuckte mit den Achseln. „Eigentlich schon. Ich hoffe nur, es artet nicht in so eine ‚mein-Haus-mein-Auto-mein-Boot-Orgie‘ aus.“

Sie verließen den Bahnsteig durch den Nachtausgang zwischen Bahnhofsgebäude und Fahrradständer.

„Wieso eigentlich?“, meinte Philip. „Du kannst doch einiges vorweisen, mit Deinen Comics. und ich glaube nicht, dass es dazu verkommt. Nicht, wenn sich die Leute nicht völlig gedreht haben.“

Stephan nickte. „Genau.“

Sie waren bei Philips Wagen, einem weißen Mazda, angekommen und stiegen ein. Stephan warf sein Gepäck achtlos auf den Rücksitz und legte das Buch ins Handschuhfach, wo sich schon drei Dosen Cola befanden. Philip startete den Wagen.

Sie hatten nach dem Abitur Kontakt gehalten und waren Freunde geblieben. Stephan hatte dann Deutsch und Philosophie studiert und nebenbei geschrieben, ein Verhältnis, das sich langsam aber sicher umgekehrt hatte. Philip hatte ebenfalls studiert, erst ein wenig Medizin, dann ein wenig Soziologie, um am Ende bei den Wirtschaftswissenschaften zu enden. Er hatte zu seinem großen Entsetzen festgestellt, dass er Talent dafür hatte, dass es ihm sogar Spaß machte. Nun arbeitete er in einer Düsseldorfer Immobilienvermittlung und fürchtete, dass er eines Tages den Laden seines Vaters übernehmen würde. Nein, er wusste es. Früher hatte er seine Eltern so grässlich spießig gefunden. Nun hatte er erkannt, dass er im Grunde dasselbe wollte. Ein ruhiges Leben. Einen Job, der Spaß machte. Familie. Spießig und glücklich eben. Konservativ, so vermutete er, würde er dann wohl von selbst werden. Er hatte sich ein paar Mal mit Stephan darüber unterhalten, der die dräuende Fratze des Kleinbürgertums in Philips Fall nicht so bedrohlich fand. Trotzdem – der Gedanke, im Meer der Bourgeoisie zu versinken, ängstigte Philip weiterhin. Aber immerhin fehlten im noch die – in seinen Augen – wichtigsten Attribute: Frau, Kinder, Haus und Hund. Der aktuelle Dackel seiner Eltern hieß Wasti.

„Was hältst Du davon?“, fragte Philip eine gute Viertelstunde später. Sie hatten gerade das Ende des obligatorischen Staus vor Remscheid erreicht, die Ellenbogen aus den Fenstern gehängt und begonnen, die inzwischen warme Cola zu trinken, während die Ramones verkündeten, dass sie nicht auf dem „Pet Semetary“ beerdigt werden wollten. Verständlich.

Stephan schluckte seine warme Cola und verzog wohlig angeekelt das Gesicht. „Wovon?“

„Na ja, von der Idee an sich. Revival nach fünfzehn Jahren und so.“

„Gute Idee. War ja wirklich nett damals.“

„Ja, vor allem der See, weißt Du noch?“, fragte Philip. „Es ist wieder genau derselbe Platz oder? Dasselbe Haus?“

Stephan nickte, während er sich noch etwas tiefer in den Sitz sinken ließ. „So habe ich die Einladung jedenfalls verstanden.“

Philip starrte versonnen vor sich hin, es ging immer noch nur im Schritttempo weiter. „Weißt Du noch, Chris‘ Eltern hatten damals sogar ‘nen Bus gechartert. Die Party war das Geburtstagsgeschenk.“

Stephan fuhr aus seiner lässigen Haltung hoch, der Sicherheitsgurt bremste ihn usnanft.

„Autsch! Geburtstag! Mist! Hast Du ein Geschenk?“

Philip sah ihn erstaunt an. „Klar. Ein Buch von Matt Ruff. Du nicht?“

„Scheiße, nein.“ Stephan fuhr sich zerstreut durch die Haare. „Ich habe das Ganze immer mehr als Revival-Party gesehen. Stand auf der Einladung was von Geburtstag?“

„Ja, vorne drauf, ziemlich dick.“

„Scheiße.“

„Eigentlich stand da“, zitierte Philip genüsslich grinsend. „Ich feiere meinen 31. Geburtstag – und DU bist eingeladen. Genau wie damals. War eine ziemlich exakte Kopie der alten Einladung.“

„Ich weiß“, murmelte Stephan, „mir ist die Form eben etwas mehr aufgefallen als der Inhalt.“

„Bla, bla, bla.“

Stephan sah ihn säuerlich an. „Du hast gut lästern. Was mache ich denn jetzt?“

„Du kannst unterwegs was besorgen. Wenn wir von der Autobahn runter sind. In Remscheid oder Wipperfürth oder so.“

„Da gibt’s Geschäfte?“

Philip lachte. „Na ja… für jemanden der in Hamburg wohnt… Aber ja, doch. Geschäfte gibt’s.“

Stephan grübelte. „Wenn wir an einem Comic-Laden vorbeikommen würden…“

„Du willst ihr doch hoffentlich keines von Deinen Werken schenken, oder?“

„Nee. Aber da gibt es ein paar andere Gute… . Andererseits – ich habe keine Ahnung, was ihr gefallen würde. Ich kenne Chris ja gar nicht mehr. Warum meinst Du, dass Dein Buch ihr gefällt?“

„Es ist mein Lieblingsbuch. Ich will Leute dazu missionieren.“

„Du weißt also auch nicht, was ihr gefallen könnte.“

„Keine Ahnung.“ Philip schüttelte den Kopf. „Ich habe sie in den letzten zehn Jahren drei Mal gesehen, das letzte Mal vor zwei Jahren am Bahnhof. Ich habe keinen Schimmer, was sie mag.“

„Ich habe Christoph irgendwann mal gesehen. Und Britt, letztes Jahr, als ich mal in Opladen in der Fußgängerzone war,“ sinnierte Stephan. „Es ist so verdammt lange her. Was haben wir ihr damals nochmal geschenkt. Den Mofa-Helm, oder?“

„Ja, und den Nierengurt. Wir haben alle zusammengeschmissen.“

Sie betrachteten eine Weile schweigend den Stau vor sich.

„Hast Du eigentlich eine Ahnung, wer alles kommt?“, fragte Stephan dann.

„Nein. Katja wird wohl da sein. Chris und sie sind immer noch befreundet.“

„Katja?“

„Ja“, sagte Philip und beobachtete seinen Freund aus dem Augenwinkel, aber dessen Gesicht ließ auf keinerlei Gemütsregung schließen. Was nichts bedeutete – Stephan konnte ein erstklassiges Pokerface bewahren, wenn er wollte. Mit einem Mal allerdings breitete sich ein sonniges Grinsen darauf aus.

„Was ist mit Justus?“

Philip verschluckte sich an seiner Cola und hustete. „Mist, darüber habe ich ja noch gar nicht nachgedacht“, sagte er schließlich. „Na ja, vielleicht hat er sich geändert.“

„Hoffentlich nicht.“

„Oh bitte, Stephan.“ Philips Verzweiflung war nur teilweise gespielt. „Ich habe den nie ertragen. Ich weiß noch genau, wie Christoph und Britt den angeschleppt haben.“

Stephan Grinsen wurde noch breiter. „Ich fand ihn zum Schreien.“

Philip musste wider Willen lachen. „Zugegeben, er hatte seine Momente. Vielleicht freue ich mich ja doch darauf, ihn wiederzusehen.“

Flughafen Düsseldorf, Vormittag

Justus freute sich eindeutig nicht darauf, Stephan oder Philip wiederzusehen. Im Grunde freute er sich nicht darauf, überhaupt irgend jemand wiederzusehen. Er erinnerte sich ungern an seine Jugend. Er war naiv gewesen, unreif eben. Und sie nicht besser. Justus hatte sich erst spät befreit. Sein Vater war gestorben und hatte per Testament versucht, die Jahre, in denen er seinen einzigen Sohn aus erster Ehe vernachlässigt hatte, wieder gut zu machen. Justus hatte dem alten Sack nicht vergeben, aber das Geld hatte ihm eine Fülle neuer Möglichkeiten eröffnet. Jetzt lebte er in einem kleinen Haus im Ardèche, kam mit den Zinsen sehr gut über die Runden und widmete sich den ganzen Tag seiner Kunst. Er war alleine und zufrieden. Und dann war ihm dieser Brief ins Haus geflattert. Er hatte sich einen Moment lang gefragt, wer zur Hölle Christina Sand war. Natürlich. Eine von denen. Eine von seinen Freunden aus Jugendzeiten. Er wollte niemanden wiedersehen. Keine Christina, keine Britt, um Himmelswillen nicht Britt, und auch die anderen nicht. Er hatte den Brief in den Papierkorb geworfen und sich wieder ans Malen gegeben.

Aber immerhin hatte sie ihn wiedergefunden…

Er hatte sich gefragt, was aus den anderen geworden war. Er hatte es geschafft, er lebte seinen Traum. Was mochten sie heute machen?

Er hatte an Christoph gedacht. Mit dem hatte er sich eigentlich immer gut verstanden. Justus hatte einen Moment nachgedacht, dann hatte er den Quast weggelegt und den Brief aus dem Papierkorb geholt. Warum eigentlich nicht?

Jetzt saß er am Düsseldorfer Flughafen, wartete auf seine Reisetasche und verfluchte seineSentimentalität. Der Erfolg war, dass er sich jetzt mit einem sauteuren Mietwagen auf den Weg in das Outback des Bergischen Landes machen durfte, um dort einen Haufen Menschen wiederzutreffen, die ihn schon vor fünfzehn Jahren halb totgenervt hatten.

Seine Tasche kam, er seufzte und holte den Schlüssel für einen BMW ab. Als er zum Wagen ging, dachte er über ein Bild nach, an dem er im Moment arbeitete. Er wusste nicht, woher er die Idee dazu gehabt hatte, er war mitten in der Nacht aufgestanden und hatte begonnen zu malen. Die Leinwand nahm fast eine ganze Wand seines Ateliers ein, das Gemälde war eine wilde Komposition aus Schwarz und Rot. Als er fast fertig gewesen war, war eine Wespe durchs Fenster herein gekommen, hatte sich auf die Leinwand gesetzt und war daran kleben geblieben. Nun überlegte er, ob er sie dran lassen oder entfernen sollte. Eigentlich passte sie ganz gut dazu.

Er fand den Wagen setzte sich hinein. Jetzt würde er erst einmal dieses Wochenende hinter sich bringen. Um die Wespe konnte er sich danach Gedanken machen.

Am See, Mittag

„Die ganze Idee war irrsinnig“, klagte Chris. „Ich kenne die alle doch gar nicht mehr. Mit etwas Pech öden sich hier nachher einundzwanzig Leute entsetzlich an und um neun gehen alle wieder. Dann sitzen wir da, auf unserem Bier, unseren Koteletts und der ganzen albernen Idee.“

Katja lachte. „Ja und? Dann gehen wir halt rüber ins Dorf, sammeln ein paar kräftige bergische Jungbauern ein und…“

„Verdammt Kat, ich meine es ernst. Was ist, wenn es ein Reinfall wird?“

Sie wuschelte Chris durch die nassen Haare. „Es wird kein Reinfall. Überleg doch mal: Einundzwanzig Leute haben geantwortet. Meinst Du, die sind nicht alle mindestens genauso gespannt wie wir?“

„Meinst Du?“

„Alleine schon die „Weißt-Du-Noch-Damals-Geschichten“ reichen mindestens bis Samstagabend. Und bis dahin fühlen sich alle wohl und haben sich wieder aneinander gewöhnt.“ Sie lachte wieder. „Und sind wahrscheinlich so besoffen, dass keiner mehr ans Weggehen denkt. Glaub mir, es wird ein Erfolg.“

Chris lächelte vorsichtig. „Dein Wort in Gottes Ohr.“

Sie saßen am Ufer des Sees, schauten aufs Wasser hinaus, in dem sie eben noch geschwommen waren, trockneten in der Sonne und hingen ihren Gedanken nach.

„Genau wie damals“, sagte Chris nach einer Weile versonnen.

„Hm?“

„Damals sind wir auch noch an den See gegangen, bevor die ersten Gäste gekommen sind.“

„Hmja. Damals war es auch so heiß.“ Katja sah zum anderen Ufer hinüber. Es sah tatsächlich alles so aus wie vor fünfzehn Jahren, als wäre die Zeit stehengeblieben. In der ersten Nacht war sie mit Stephan auf die andere Seite geschwommen. Zu dem Zeitpunkt war noch alles in Ordnung gewesen. Sie hatten die Feuer betrachtet, die am anderen Ufer gebrannt hatten, und geträumt. Katja fragte sich, ob ihre Erinnerung es verklärte, oder ob es damals tatsächlich so traumhaft gewesen war. Ersteres, vermutlich.

„Es wird anders sein“, sagte sie.

Bergisches Land, hinter Bergisch Born, gegen Mittag

„Gottverfluchter Organspender, überhol doch, wenn Du es so eilig hast!“, brüllte Philip. Der schwarze Ford Ka klebte jetzt schon seit mindestens zwei Kilometern an ihrer Stoßstange. Im Gegensatz zu den anderen Dränglern, die sie permanent überholt hatten, seit sie die Autobahn verlassen hatten — vorzugsweise vor Hügelkuppen und unübersichtlichen Kurven — war dieser besonders hartnäckig. Offenbar wollte er ihnen die rechte Fahrweise beibringen. Stephan drehte sich in seinem Sitz um und versuchte Stirnrunzelnd, den anderen Fahrer zu erkennen.

„Es ist ‘ne Frau, glaube ich“, meinte er.

„Dann eben Organspenderin“, schimpfte Philip. „Scheißegal, was es ist, die soll mir nicht so verdammt nah auf der Pelle hängen.“

„Sie winkt“, verkündete Stephan.

„Steht die auf Dich, oder was?“, knurrte Philip.

„Keine Ahnung, ich kann sie kaum erkennen, die Scheibe ist irgendwie getönt.“

„Winkt sie immer noch?“

„Nein, sie…“

Die Hupe des Ka quäkte zweimal.

„…sie hupt. Vielleicht ist was mit Deinem Wagen?“

Philip lenkte den Mazda auf den Seitenstreifen und hielt an. Der Ka hielt ebenfalls.

„Wollen mal sehen, was am Start ist“, murmelte Philip und stieg aus. Stephan tat es ihm nach.

Die Fahrerin des Ka stieg ebenfalls aus, eine Frau in ihrem Alter. Die langen blonden Haare hatte sie zu einem lockeren Pferdeschwanz zusammengebunden. Unterhalb ihrer Sonnenbrille trug sie ein breites Grinsen.

„Hallo Philip, hallo Stephan!“

Auch auf Stephan Gesicht erschien ein fröhliches Grienen. „Hey Britt!“

Philip fielen sichtbar die Schuppen von den Augen. „Britt! Hey! Schön Dich zu sehen!“

„Eben hat er Dir noch die Pest an den Hals gewünscht“, petzte Stephan.

„Tut mir leid. Ich bin schon eine ganze Zeit hinter Euch…“

„Ich weiß“, sagte Philip.

„…und ich war mir die ganze Zeit nicht richtig sicher. Aber als Stephan sich dann umgedreht hat, war ich sicher.“

Sie standen sich einen Moment unsicher gegenüber und gaben sich dann freundschaftlich die Hände.

„Ihr fahrt auch zur Party.“ Keine Frage, eine Feststellung.

Philip nickte. „Ja, aber wir müssen noch einen kleinen Umweg machen.“ Er grinste schadenfroh. „Der Held hier hat kein Geschenk.“

Britts Lächeln gefror und sie legte erschrocken eine Hand vor den Mund.

„Scheiße…“

„Oh bitte!“ Philip blickte von Britt zu Stephan und zurück.

„Echt – daran habe ich gar nicht gedacht. Ich dachte, Revival-Party und dann… “ Sie zog die Sonnenbrille ab und drehte sie ratlos in der Hand.

„Langsam frage ich mich, wer hier was falsch verstanden hat“, sagte Stephan.

„Nee, er hat völlig recht.“ Britt schüttelte den Kopf. „Das ist eindeutig ’ne Geburtstagsparty. Shit. Was mach ich denn jetzt?“

„Dich uns anschließen“, schlug Philip vor. „Vielleicht findet Ihr ja zusammen was Passendes.“

Wipperfürth, gegen Mittag

Während Britt, Philip und Stephan ein paar Kilometer entfernt Wiedersehen feierten, war Sabine Kaplan in weniger ausgelassener Stimmung. Sie war jetzt sicher, dass sie sich verfahren hatte, und dass sie mittlerweile mindestens eine halbe Stunde hinter ihrem Zeitplan war. Das war an sich nicht so schlimm, sie hatte eine Mittagspause eingeplant, die ihr einen Zeitpuffer von einer Stunde sicherte. Würde die Pause eben ein wenig kürzer ausfallen. Aber ärgerlich war es trotzdem. Sie hatte sich den Weg über Google Maps und vorsichtshalber noch einen zweiten Routenplaner ganz genau ausgearbeitet, sogar noch die Satellitenbilder angesehen und nun das. Sie war mit ziemlicher Sicherheit falsch abgebogen und dann sehr, sehr viele Kilometer in die falsche Richtung gefahren. Wenn sie richtig überschlagen hatte, musste sie inzwischen in Lindlar sein. Aber hier sah ja auch alles gleich aus, sehr viel Gegend und hin und wieder mal ein Städtchen. Und nun schien die Welt zu Ende zu sein, die Straße führte immer weiter durch Wiesen und Felder.

Sie lebte in Düsseldorf, hatte nach einem glänzend abgeschlossenen Jurastudium sofort eine Anstellung in einer der ältesten und angesehensten Anwaltskanzleien der Stadt – Mannheimer, Wetter, Pfeiffer und Tump – bekommen, das musste man erstmal schaffen. Und ihre Vorgesetzten waren sehr angetan von ihrem Fleiß und ihrem Können, ihre Verantwortungsbereiche und Kompetenzen waren nach einer kurzen Testphase kontinuierlich gewachsen, und ein Ende war nicht abzusehen.

Christinas Einladung hatte sie überrascht und erfreut. Damals war sie gar nicht so eng mit Chris befreundet gewesen, sie hatten im selben Basketballteam gespielt, und so war sie auch zu einer Einladung gekommen. Die Feier selber war ein, wenn nicht der Höhepunkt ihrer Jugend gewesen. Natürlich – alles würde anders sein. Aber Christina hatte in das selbe Haus eingeladen. In denselben Wald. An denselben See.

Doch nun schien von Anfang an alles schief zu gehen. Erst der Stau, der sie von ihrer geplanten Route A auf Route C gezwungen hatte, die von Wuppertal aus über Land führte. Dann, trotz aller Planung, trotz aller Vorbereitung, dieser Fehler, dieser falsche Abzweig.

Aber da war ein Mensch. Sie schaute fast erstaunt durch die Windschutzscheibe, hier hatte sie im Ernst niemanden erwartet. Es war ein Mann, Mitte 30 vielleicht, der einen großen Hund spazieren führte. So einer hätte ihr genauso gut am Düsseldorfer Rheinufer begegnen können. Sabine fuhr langsam, hielt neben ihm an und ließ das Fenster herunter.

Der Mann sah interessiert ins Auto.

„Hallo.“

„Ja, guten Tag“, sagte Sabine. „Das ist Lindlar?“

Der Mann zwinkerte irritiert.

„Äh. Nein. Das hier gehört zu Wipperfürth. Wenn Sie nach Lindlar…“

„Sind Sie ganz sicher? Das kann eigentlich nicht Wipperfürth sein.“

Der Mann zwinkerte erneut.

„Doch, schon. Ich wohne hier, ich sollte es eigentlich wissen.“

In Sabines Kopf rasten Landkarten und Satellitenbilder vorbei, drehten sich, auf den Karten erschienen Wegmarken und Streckenmarkierungen und verschwanden wieder. Kein Plan wollte stimmen. Andererseits schien der Mann die Wahrheit zu sagen. Oder machte er sich nur einen Witz auf Kosten der blöden Städterin? Nein, er wirkte eigentlich nicht wie so ein Hillbilly. Recht kultiviert, eigentlich. Aber was er sagte, ergab keinen Sinn. Wie konnte das sein. Sie war doch vorhin falsch abgebogen und dann…

„Wo wollen Sie denn hin?“

Sabine schreckte aus ihren Überlegungen. Der Mann war noch da und sah sie freundlich und immer noch ein wenig irritiert an.

„Bitte?“, fragte Sabine.

„Wohin möchten Sie? Vielleicht kann ich Ihnen helfen.“

Sabine stutzte kurz. Natürlich. Das war eine gute Idee. Sie sagte ihm, wohin sie wollte, und er nickte.

„Ja, das ist eigentlich gar nicht so schwer. Ist noch ein ganzes Stück von hier, aber leicht zu finden. Wo dann dieses Haus selbst ist, weiß ich jetzt natürlich nicht, aber sie fahren über…“ und er beschrieb ihr den Weg.

Sabine bedankte sich, fuhr weiter und folgte, anfangs noch etwas misstrauisch, seiner Beschreibung. Das Misstrauen verflog schnell. Er hatte ganz offensichtlich Recht gehabt. Schon einige hundert Meter nach dem großen Nichts, das sie an ein Zeitportal hatte denken lassen, kam sie durch eine kleine, moderne Siedlung, und zwei Abzweigungen weiter war sie wieder auf der Strecke, die sie geplant hatte. Sie war nicht falsch abgebogen – sie hatte es nur gedacht und danach die Wegweiser einfach nicht mehr richtig einordnen können. Wie seltsam. Aber nun war sie wieder auf dem richtigen Weg, gut in der Zeit. Sehr gut. Sie liebte Überraschungen nicht.

FORTSETZUNG FOLGT

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schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 27 – Der Ruf, Teil 2

Seit gestern erzähle ich Euch – wie es Sarah schon von Beginn an getan hat – eine lange Geschichte in Fortsetzungen. Was es mit diesem Roman – Der Ruf – so auf sich hat, wie ich die Rechtesituation gerne handhaben würde, welchen Hintergrund diese Geschichte hat, das alles findet Ihr hier:

Der Ruf – Tei 1 inklusive Hintergründe, Rechte etc.

Heute geht es weiter – wir lernen ein paar unserer Figuren und das Setinng kennen:



Der Ruf – Teil 2



TAG 1

Mother pack me bags because I’m off to foreign parts

Don’t ask me where I’m going ’cause I’m sure it’s off the charts

(The Pogues, „Drunken Boat“)

1 UNTERWEGS

Im Haus, Morgen

Christina machte einen Salat. ihre Eltern hatten Ihnen das Ferienhaus für dieses Wochenende überlassen, die Gäste würden am Mittag oder späten Nachmittag ankommen. Kat war zum See gegangen, schwimmen. Christina legte das Messer beiseite und sah aus dem Fenster über der Spüle. Sie ließ ihren Blick langsam durch den Garten wandern, über die Veranda und den gemauerten Grill, die Wiese mit den drei großen Bäumen, die Sauna und den Holzschuppen, bis hin zur Hecke. Die Luft schwebte voller warmer Farben aus Grün und Braun, durch die Hecke sah sie wie die Sonne auf der Oberfläche des Sees spielte. Ein Versprechen. Vielleicht würde wirklich etwas vom Geist dieser Sommertage und verzauberten Nächte vor fünfzehn Jahren zurückkehren. In wenigen Stunden schon würden ihre Freunde hier sein, die Freunde von damals. Und sie würden sich an die legendäre Party erinnern.

Sie sah sie dort im Garten, wie sie damals gewesen waren, eben keine Kinder mehr und noch nicht erwachsen. Der Höhepunkt dieser Zauberzeit, so hatte sie es immer empfunden, war die Party gewesen. Ihr sechzehnter Geburtstag. Der Höhepunkt und das Ende. Kurz darauf hatten Stephan und Katja sich getrennt. Und obwohl Christina nie den Eindruck gehabt hatte, dass die beiden das Herz ihres Kreises gewesen waren, war es danach zu Ende gegangen. Mehr Freundschaften begannen zu zerbrechen und nur zwei Monate später war ihr Kreis zu Staub zerfallen und hinweg geweht. Die Traumzeit war vorbei. Vorher aber war Magie gewesen und nie war sie so groß wie in den drei Tagen und zwei Nächten, die sie alle zusammen in diesem Haus und in diesem Garten verbracht hatten.

Im letzten Jahr hatte Christina oft an den Sommer und die Party zurückgedacht. Eines Tages hatte sie die alte Gästeliste gesucht und zu ihrer großen Verwunderung tatsächlich gefunden. Sie hatte die vierunddreißig Namen gelesen und begonnen zu träumen. Und dann hatte sie, einem plötzlichen Impuls folgend, ihre Eltern angerufen und gefragt, ob sie ihren Geburtstag in diesem Jahr in dem Haus am See feiern konnte.

Dann hatte sie begonnen, Adressen zu suchen. Katja hatte ihr dabei geholfen. Sie war ihr geblieben in den fünfzehn Jahren, sie waren gemeinsam erwachsen geworden, das letzte Band aus der Traumzeit.

Sie hatten fast alle gefunden, den sozialen Netwerken sei Dank. Einmal angebohrt hatten die Quellen munter zu sprudeln begonnen und bald hatten sie 32 Adressen zusammen. Die meisten hatten sich gar nicht so weit von Leverkusen entfernt, wo sie gemeinsam zur Schule gegangen waren. Justus hatte es nach Frankreich verschlagen, Stephan nach Hamburg, andere fanden sie in Berlin, München, in Frankfurt, Koblenz und Münster, eine sogar in London, aber die meisten lebten immer noch in der Nachbarschaft ihrer Jugend. Sie hatte Einladungen geschrieben – altmodisch, auf Papier, wie früher – und als die Antworten einzutreffen begannen, hatte Christina ihre Freunde angerufen – ihre neuen Freunde – und sie vorgewarnt. Sie würde ihren Geburtstag diesmal nicht wie gewohnt feiern, nicht böse sein, sie würde alle im Herbst mal zum Essen einladen. Sie hatten es locker genommen, und irgendwie hatte ihr das nicht gefallen. Kein Problem, Tina, Du kannst doch tun was Du willst, Tina, wann seh’n wir uns denn noch mal, Tina? Tina. Damals war sie Chris gewesen.

Sie würden kommen. Viele hatten etwas geschrieben von „tolle Idee“ oder „ich freue mich sehr darauf“, irgend etwas in der Art. Nicht alle, selbstverständlich. Sieben hatten abgesagt, ein Brief kam zurück – unbekannt verzogen – und drei hatte gar nicht geantwortet. Aber einundzwanzig, immerhin, zweiundzwanzig mit ihr, und die sechs Wichtigsten waren dabei. Der alte Kreis: Stephan und Philip, Justus und Christoph, Britt. Und Kat natürlich, Katja. Sie sah aus dem Fenster in den Garten und träumte.

„Hey! Was soll das denn!?“

Christina zuckte zusammen und drehte sich um. Kat stand in der Küchentür, im Badeanzug, das eigentlich hellbraune Haar nass und dunkel vom morgendlichen Schwimmen im See, in der Hand ein großes Badetuch, im Gesicht eine Mischung aus Belustigung und halb gespielter Entrüstung. Christina sah sie mit einem Anflug von schlechtem Gewissen an.

„Was soll was?“

Katja grinste. „Weißt Du genau. Ich hab’ doch extra gesagt, Du sollst warten, bis ich vom See zurück bin.“ Sie kam in die Küche, ihre bloßen Füße hinterließen feuchte Spuren auf den Fliesen. „Und jetzt bist Du schon fast fertig.“

„Ach, Quatsch.“ Christina machte eine große Geste, die die Küche, das Haus und den ganzen Garten einschloss. „Wir haben echt noch genug zu tun. Wir müssen das ganze Zeug aus dem Keller holen, alles aufstellen, den Grill vorbereiten – alles.“

„Hm.“ Katja sah aus dem Fenster. „Hast Du geträumt?“

„Ein bisschen.“

Katja nickte versonnen. „Ja, das war toll damals.“

Christina warf ihr einen Seitenblick zu. „Meinst Du, es wird wieder so gut? So wie damals?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Es wird nicht wie damals. Erwarte nicht zu viel. Aber ich freue mich wahnsinnig darauf, alle mal wieder zu sehen.“

„Und Du hast echt kein Problem damit?“

Katja seufzte. Nicht schon wieder. „Nein. Habe ich nicht.“

Christina wand sich ein wenig, aber sie konnte nicht davon lassen. Es war ihre Hauptsorge gewesen, und dieses Gespräch hatten sie inzwischen so oft wiederholt, dass es schon etwas von einem Ritual hatte. „Na ja, Du weißt ja, wegen…“

„Och, Chris, jetzt komm mir doch nicht wieder damit. Es ist fünf – zehn – Jahre – her. Wir waren alle noch Kinder.“

„Ja. Nur… weil es so schlimm war, damals.“

„Nein, ehrlich. Ich freue mich, ihn mal wieder zu sehen. Es gibt sicherlich eine Menge zu erzählen. Was hattest Du noch gesagt, er studiert noch oder so?“

„Ja, in Hamburg. Ich habe Philip vorletztes Jahr mal getroffen. Sie haben immer noch Kontakt. Oder hatten ihn, ist auch schon wieder fast zwei Jahre her.“

„Hmm.“ Katja sah versonnen in den Garten. Vielleicht hatte Chris recht. Vielleicht würden sie wirklich etwas wieder erwecken können.

Langenrath, Vormittag

‚Achmed hat keine Eier!‘

‚Na, wie schade für ihn‘, dachte Stephan. Er betrachtete die Graffiti, die die Langenrather Bahnhofsunterführung zierten. Hier gab es eine Menge zu lernen, zum Beispiel, dass Boris „voll niedlig“ war oder dass ein unbekannter Künstler „Tina B. figgen“ wollte.

Der Bahnhof war winzig, zwei Gleise, ein paar Bänke, das Ganze überdacht. In der Mitte des Bahnsteigs die Treppen zur Unterführung, dazwischen zwei weitere Bänke, durch Wände aus Glasbausteinen vom Rest des Bahnsteigs abgetrennt. Stephans Eltern hatten hier vor einigen Monaten mit zwei befreundeten Paaren einen Bauernhof gekauft und ausgebaut und sich damit einen Jugendtraum erfüllt. Stephan und Alex, sein Zwillingsbruder, hatten viel beim Ausbau geholfen. Der Hof war groß, schön und preiswert und sie hatten wirklich etwas daraus gemacht. Dennoch – irgendwie hatte Stephan bei dem Hof ein komisches Gefühl. Wann immer er dort war, hatte er Alpträume, Träume von Feuer und Dunkelheit, Schüssen und Schreien. Sonst träumte er fast nie schlecht. Doch der Hof hatte seine Vorteile – Stephans Eltern verfügten nun über ein Gästezimmer mit eigenem Bad und separatem Eingang, dass er regelmäßig als Basisstation nutzte, wenn er von Hamburg zurück in die alte Heimat kam.

Ein lauer Luftzug, der einmal die Ambition gehabt hatte ein Windstoß zu werden, wirbelte etwas gelblichgrauen Staub auf, ansonsten lag der Bahnhof totenstill. Niemand, so schien es, wollte Langenrath an diesem Freitagvormittag verlassen. Stephan stellte sich an den Rand des Bahnsteiges und kickte ein Steinchen zwischen die Gleise. Seit Montag war er jetzt hier, hatte tagsüber geschrieben und war Abends mit Philip herumgezogen, wie in alten Zeiten. Neuerdings konnte er sich Spontanurlaube in der alten Heimat leisten.

Er schritt den Bahnsteig einmal der Länge nach ab, drehte sich um, ging zurück und setzte sich auf die Lehne einer der Bänke. Stille. Kein Mensch. Kein Auto. Nicht einmal ein Vogel. Der Tag begann schon, heiß zu werden, die Sonne hatte ihre Kraft seit drei, vier Stunden ausgetestet und drehte nun voll auf. Stephan sah eine Weile starr in die Richtung, aus der er den Zug erwartete, dann zur Bahnhofsuhr. Fünf Minuten Verspätung. Keine Durchsage, natürlich nicht, nicht hier.

Zwei Minuten später senkten sich die Schranken über die Straße, die vor dem Bahnhof die Gleise kreuzte. Stephan wartete auf den vorbei rasenden ICE. Statt dessen zockelte ein halbe Minute später der Stadtexpress nach Köln gemütlich um die Biegung, hinter der die Gleise im Wald verschwanden. Er zockelte heran und zockelte vorbei und Stephan war schon nah daran, sich ziemlich verarscht vorzukommen, als der Lokführer die Bremse fand. Stephan suchte sich einen Sitzplatz am Fenster. Seinen Schlafsack und die Tasche, an die er ihn geschnallt hatte, stellte er neben sich auf den Sitz.

Er sah hinaus und dachte über die kommende Party nach. Als er Christinas Einladung in seinem Briefkasten gefunden hatte, hatte er sich zuerst gewundert und dann gefreut. Es würde viel Spaß machen, alle wieder zu sehen, doppelten Spaß zusammen mit Philip. Und er freute sich darauf, Katja zu treffen. Wann immer er über Fehler nachgedacht hatte, die er in den letzten einunddreißig Jahren gemacht hatte, war die Entscheidung, mit Katja Schluss zu machen, einer davon. Was war eigentlich passiert, damals? Er hatte es vergessen, eine unbedeutende Eifersuchtsgeschichte. Stephan erinnerte sich daran, wie reif und männlich er sich vorgekommen war, als er ihre nette kleine Jugendliebe mit Gekeife beendet hatte. Wenn sie heute genauso darüber dachte wie er, würden sie eine Menge zusammen lachen. Lächelnd kramte er ein Buch aus seiner Tasche, lehnte sich zurück und begab sich auf eine kurze Reise nach Innsmouth.

Köln, Vormittag

Christoph betrachtete das Buch nachdenklich. Plötzlich war er überhaupt nicht mehr sicher, dass es so eine gute Idee war. Kindisch. Séancen, Himmel, das war so lange her.

Aber es hatte dazugehört, damals. Er hatte die Séancen geleitet. Er erinnerte sich an den Ernst in den Augen seiner Freunde, während er Beschwörungen gemurmelt hatte, die er irgendwo aufgeschnappt hatte, an das Glas und das selbstgemachte Ouja-Brett, an das Kerzenlicht, an die Atmosphäre. Es hatte sich immer irgend etwas bewegt und es war immer irgend etwas zu hören gewesen, und sie alle, auch er selbst, hatten jedes Mal geglaubt, wirklich etwas entdeckt zu haben, irgendeinen Kontakt. Danach hatten sie darüber diskutiert, ernsthaft und eifrig, bis jemand einen ironischen Witz machte, meist Philip, manchmal auch Stephan oder Katja, und die mystische Atmosphäre verschwand. Aber auch die Spötter ließen sich jedes Mal wieder auf die nächste Sitzung ein.

Christinas altmodische Einladung hätte Christoph fast nicht erreicht. Er arbeitete im Außendienst und war erst vor kurzem nach Köln gezogen, weil er von hier aus seine Kunden besser erreichen konnte. Sein ehemaliger Vermieter hatte ihm den Brief nachgeschickt. Christoph war ihm dankbar. All die alten Gesichter, Menschen, die er teilweise seit dem Abi nicht mehr gesehen hatte. Und dann noch an derselben Stelle wie damals, das hatte wirklich was. Am Abend des ersten Tages hatten sie auch eine Séance abgehalten, in dem alten Geräteschuppen. Leider hatte sich mal wieder kein richtiger Geist gezeigt und Philip, der zurück an den Grill gewollt hatte, hatte die Sache gesprengt und danach üblen Krach mit Justus und Britt gehabt. Trotzdem – schöne Erinnerungen…

Christoph setzte sich, legte das Buch vor sich auf den Couchtisch und sah ins Leere. Ja, er erinnerte sich gut. Sehr gut. Philips alberner, spöttischer Einwurf, Justus, der ihn angebrüllt hatte. Christoph selbst war einfach nur beleidigt gewesen. Er schüttelte den Kopf, lächelte und betrachtete wieder das Buch vor sich. Er hatte es auf dem Dachboden im Haus seiner Großmutter gefunden, nachdem sie gestorben war, vier Jahre war das jetzt her. Es hatte in einer Truhe gelegen, zusammen mit anderen alten Büchern. Die anderen hatte er für einen guten Preis an einen Antiquitätenhändler verkauft, dies aber hatte er behalten, er wusste nicht einmal so recht, warum. Der Deckel war abgerissen, aber das war nicht der Grund, das Buch hätte sicher auch ohne Deckel noch einen guten Preis erzielt. Aber er wollte es nicht weggeben. Es hatte ihn angesprochen. Der Inhalt war schwer verständlich, viel Latein und altertümliches Deutsch. Offenbar ging es um das Öffnen von Durchgängen. Von einem ,„wandernden Krieg“ war die Rede, von „jenen, die hinter den Zeiten wandeln“ und anderem verworrenen Zeug, aber es waren auch ein paar Beschwörungsformeln darin, die ziemlich mystisch und unheimlich klangen. Wenn er ein paar davon beim richtigen Licht und der richtigen Atmosphäre vortragen würde…

Christoph streichelte das Deckblatt des Buches. „Wege und Tore“ stand dort, „seyend die dritte Abschrift des Tractates, welches der große und inniglich wissende Studiosus und auch Magister geheimer Disciplinae, Darius zu Delft verfasset hat mit eigener Hand. Der Unkundige sey itzt gewarnet, dies nimmer zu lesen noch zu gebrauchen“. Er grinste, als er diese Worte wieder las. Bisher hatte er noch keinen Schaden genommen. Er war sicher, dass die anderen eine gepflegte Geisterbeschwörung in Memoriam alter Zeiten zu schätzen wissen würden. Er steckte das Buch vorsichtig in die Vortasche seines Rucksackes, rief seine Frau noch einmal in ihrem Büro an, verließ die Wohnung, stieg in seinen Wagen und fuhr los.

FORTESETZUNG FOLGT

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