Der Dunkle Fürst und das Fräulein Niedermaier – Teil 3

An Sarahs Geschichtenfeuer geht es derweil weiter mit dem Dunklen Fürsten und seiner Haushälterin. Ich bin fortwährend entzückt. 😀

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About: Geschichten für euch
Teil 1
Teil 2

Fräulein Niedermaier seufzte und betrachtete ihren Arbeitsgeber mitleidig. Der arme Mann war immer so mit seinen Experimenten und Untertanen-Unterdrücken und Invasionen in Nachbarländer beschäftigt, dass er einfach nicht mehr dazu kam, an die simplen Praktikalitäten des Lebens zu denken. Beispielsweise, dass ein zehn Meter großes Feuermonster auch entsprechend viel fraß – die Braunkohlerechnungen der Feste waren immens – und dass… nun, dass am anderen Ende des Feuermonsters auch wieder etwas herauskommen musste, und zwar ebenfalls in entsprechender Menge und glühend heiß.
Wer sich noch über die Hinterlassenschaften eines Dackels auf dem Teppich aufzuregen vermochte, der hatte ganz eindeutig noch nicht erlebt, was dreißig Kilo Magma an derselben Stelle anrichten konnten. Bis sie es schafften, den Balrog stubenrein zu bekommen, waren Windeln aus Asbest nun einmal die einfachste Lösung. Auch wenn es, wie Fräulein Niedermaier unumwunden zugab, einiger Vehemenz und strenger Blicke bedurft…

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schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 15 – Der Schwarze

Kommt näher, liebe Freundinnen und Freunde, hört meine Geschichte. Vor zwei Wochen haben Sarah und ich damit begonnen, Euch jeden Tag eine zu erzählen, um Euch die Zeit der (damals) selbstgewählten, beziehungsweise (nun) verordneten Isolation zu vertreiben. Und um dieses kleine Jubiläum zu feiern, bekommt Ihr heute die allererste Kurzgeschichte, die ich je geschrieben habe…

… oder besser: Eine Form davon. Ursprünglich war „Der Schwarze“ ein ganz kurzes Geschichtchen, anderthalb getippte (Schreibmaschine! Wir reden von 1984) Seiten. Im Laufe der vielen Jahre danach bin ich immer wieder zu ihr zurück gekehrt, habe sie auch irgendwann abgeschrieben und im Computer gespeichert, umgeschrieben, verändert… aber eigentlich bin ich immer sehr nah an der alten Kürzestgeschichte geblieben. Bis 2015.

Ich hatte schon einige Kurzgeschichten veröffentlicht, unter anderem meine erste Limburg-Geschichte, die ich Euch gestern kredenzt habe. Ein Jahr später kamen meine Verleger, Daniel Juhr und Michael Itschert, wieder auf mich zu, weil eine zweite Westerwald-Anthologie geplant war. Wieder baten sie mich um eine Limburg-Geschichte. Irgendwie ist dieses Limburgding später eskaliert, ich vermute, mit zwei Kurzgeschichten, einer Novelle (der „Sturmglocke“ die ich Euch letztes Wochenende gegeben habe) und einem Roman („Nomaden“) bin ich wahrscheinlich der Autor, der mit dem wenigsten Bezug zur Stadt (ich war ein paarmal zur Recherche dort, aber das ist auch alles) am meisten über Limburg geschrieben hat. 😀

Damals war es aber, wie gesagt, erst die zweite Limburg-Geschichte – und ich hatte plötzlich das Gefühl, dass es an der Zeit war den „Schwarzen“ endlich, nach mehr als 30 Jahren, unter die Menschen zu lassen. Für die Limburg Anthologie habe ich die ursprüngliche Geschichte stark ausgeweitet, meinem Protagonisten und seinem Opfer eine Hintergrundgeschichte gegeben und das ganze ein wenig an die Geschichte von Eukalyptusbonbon angebunden – aber der Kern ist geblieben, und einige Absätze sind tatsächlich unverändert so, wie in der allerersten Version:

Wieder unter der Lizenz Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0)* Bitte beachtet dabei, dass JEDE Verwendung den Hinweis auf die Erstveröffentlichung enthalten muss!






Der Schwarze

von Michael Schreckenberg



Erstveröffentlichung in „Mordsbrocken“, von Michael Itschert und Daniel Juhr (Hrsg.) mit Hermann Josef Roth, Gardez!Verlag und JUHRVerlag 2015.


,,Geh weg!“ bittet der Mann in dem kleinen Raum.

Der Schwarze lacht.

,,Geh weg! Lass mich in Ruhe!“ Der Mann ist erschöpft.

,,Du weißt, dass ich nicht weg kann“, sagt der Schwarze.

Natürlich weiß der Mann das. ,,Geh weg!“ heult er.

,,Ich verstehe Dich nicht“, sagt der Schwarze. ,,Bin ich denn nicht Dein Freund? Habe ich nicht geholfen? Habe ich nicht immer getan, was Du wolltest?“

Der Mann schüttelt wild den Kopf. Schweiß fliegt, und Tränen.

Der Schwarze scheint nachzudenken. Der Mann weiß, dass das nur eine Imitation ist. Hohn. ,,Wer weiß. Wer weiß,“ meint der Schwarze schließlich, „ohne mich wärst Du doch bestimmt im Gefängnis. Ich bin Dein Freund.“

Der Mann rafft sich zu einer Antwort auf: ,,Warum hast Du es mich dann nicht selbst tun lassen? Warum nicht? Ich wäre lieber im Gefängnis als hier mit Dir. Lieber im Gefängnis.“

,,Das habe ich Dir doch schon so oft erklärt“, sagt der Schwarze mit etwas, das liebenswürdiger Geduld ähnlich sein soll. ,,Ich bin Dein Freund. Dein engster, Dein nächster, Dein bester Freund. Du hast einen Wunsch? Du traust Dich nicht? Dein Freund spürt, was Du fühlst und er hilft Dir.“

Der Mann schluchzt und schließt die Augen. Der Schwarze ist weg.

Die Dunkelheit hinter den Augenlidern bringt nicht die ersehnte Ruhe. Sie bringt Bilder. DIE Bilder. Limburg…

Martin hatte sich oft gefragt, auf wievielen Totenscheinen die falsche Todesursache stand. Mord. Suizid. Unfall. Falsch, alles falsch. Flohmarkt sollte da stehen. Mittelaltermarkt. Oder, die schlimmste Ausgeburt der Hölle, der fucking Kunsthandwerkermarkt. Auf Flohmärkten fand man ja manchmal wirklich etwas Ungewöhnliches oder Nützliches. Die Erstausgabe, die dieser Trottel ihm für zehn Euro überlassen hatte und über die der Antiquar fast einen Orgasmus bekommen hätte. 450 bar auf die Hand, und wahrscheinlich hätte Martin da mit etwas Ahnung noch mehr raushandeln können. Und Mittelaltermärkte hatten wenigstens Flair. Wenn man Met aus einem Horn trank und dabei zwei Typen zuschauten, die sie mich eisernen Knüppeln die Rüstungen verbeulten, war es fast erträglich, dass Johanna aufgedreht herumwuselte und blödsinnigen Tinnef für völlig überteuerte Preise kaufte. Nur weil der nachgemachte Modeschmuck nicht „nachgemachter Modeschmuck“ hieß, sondern „Geschmeide“. Kunsthandwerkermärkte aber…

Später hatten sie sehr darauf abgehoben, dass er einiges eingeworfen hatte, vorher. Die ganze Geschichte mit dem Schwarzen käme davon, hatten sie gesagt. Was wussten die schon? Und wie bitte sollte man einen Kunsthandwerkermarkt ohne Drogen ertragen?

Johanna war auch nicht nüchtern gewesen, die war naturstoned sobald sie Getöpfertes und Geschöpftes und Geschmiedetes und gottverdammt Gefilztes sah. Alles war mundgeblasen und handgeklöppelt und wäre Martin nicht schon Atheist gewesen, er hätte über die Kunsthandwerkermärkte seinen Glauben verloren. Es konnte keinen Gott geben, der sowas zuließ. Und einmal im Jahr kam das Grauen nach Hause. Kunsthandwerkermarkt in Limburg.

Vielleicht, so hatte er gedacht, ist das auch nur ein schlechter Trip, vielleicht liegt es an mir. Oder an diesen grünen Dinger, die er dem Typen mit dem Affen auf dem T-Shirt im Bahnhofparkhaus abgekauft hatte. „Eukalyptusbonbons,“ hatte der Typ gesagt. „Versuch mal, versuch mal.“ Die Dinger hatten wirklich wie Hustenbonbons geschmeckt, aber die Wirkung war ein klein wenig anders. Aber lag es daran? Oder an Martin selbst? Der ganze Neumarkt voller Menschen und alle waren so entsetzlich gut drauf. Alle hatten Spaß, so schien es, schauten hier, betatschten da, kauften dort. „Ah!“ „Oh!“ „Schau mal!“ Nur ihn kotzte das alles so an. Und vielleicht auch den Vater, der sein Kind anbrüllte weil es unbedingt eine potthässliche, handgeschnitzte (natürlich!) Ente haben wollte und keine Ruhe gab. Martin hätte ihn küssen mögen.

Und Johanna mittendrin. Vor lauter Begeisterung mutierte sie zur Touristin. Lief die Stadt hinauf und hinab, all die engen und vor allem anstrengend steilen Gassen, kaufte Postkarten am Dom, erzählte die ganzen abgestandenen Bischofswitze nochmal, fand das Fachwerk und die Natursteinmauern plötzlich so interessant, wunderte sich über die Zahl der Eiskaffees und dass sie alle original italienisch waren, schleifte ihn in eins, genoss wortreich den Wind.

Wir wohnen hier, dachte Martin verzweifelt. Direkt drüben bei der Feuerwehr. Die Innenstadt ist steil und verstopft wie immer, alles voller Touris, das Fachwerk und die Natursteine sind nur bei Sonne schön, vom Pflaster ganz zu schweigen, denk an deinen Bänderriss. Der Wind ist auch nicht windiger als irgendwo anders wo viel Wind weht und über die Gelatoinflation beschwerst du dich doch sonst mehr als jeder andere. Was macht dieses Zeug mit dir? Wieviel nutzloses Zeug wirst Du heute wieder nach Hause schleppen? Gefilzte Handytaschen in die kein Handy passt? Geschmiedete Nägel die zu lang und breit für irgendeinen praktischen Nutzen sind? Mundgeblasene Christbaumkugeln, die schon beim Auspacken vor Heiligabend zu Staub zerfallen?

Das alles sagte er natürlich nicht laut. Johanna konnte so unglaublich herablassend sein, und er litt an einem High Sensitive Brain. Das hatte er per Selbstdiagnose im Internet herausgefunden. Er war sehr sensibel und verletzlich. Besser, ihr keinen Anlass zu geben.

Er hatte es ertragen. Er hatte es alles ertragen, den Kunsthandwerkerkrempel, die Wir-Covern-Ganz-Woodstock-Band, die Puppenspieler und die Jongleure und ihre enervierend gute Laune. Bis die Vorhaltungen kamen. Da waren sie schon auf dem Weg nach Hause.

„Warum machst du nichts aus Deinem Leben, Martin?“

„Wieso hängst du nur rum, Martin?“

„Schau mich an, Martin. In der Schule hatte ich es so schwer, und jetzt?“

„Martin, Martin, Martin, Martin,“ ein einziges Yattern und Keifen, kaum, dass sie den Neumarkt verlassen hatten (mit zwei neuen, gefilzten Taschen voller handgemachtem…. Wasauchimmer) und den halben Weg nach Hause.

Was war dann geschehen?

Er sah sich wieder an der Schiede stehen, der großen Ausfallstraße. Immer, immer sah er die Szene wie durch einen Filter, einen optischen und akustischen, alles war so fern und dumpf. Langsam auch, Zeitlupenwelt. Machte dass das Eukalyptusbonbon? Oder war es, weil der Schwarze…

Der Lastwagen in der Ferne.

Der dicke Kerl, in den Martin hineingetaumelt war, kraftlos von Sonne und Filz und Martin, Martin, Martin…

„Passt doch auf, ihr Brutparasiten!“

Geiles Schimpfwort, hatte er gedacht, wo hat der das denn her?

„Blablabla, Martin… Blablabla, Martin… Blablabla, Martin…“ Johanna kannte keine Gnade.

Der Lastwagen war grün, näher jetzt.

Wieder an der Schiede. Die Abendsonne schickte einen ersten goldenen Herbstton, fern noch.

Der Lastwagen war laut.

Johanna neben ihm. In diesem Moment hatte er sich vorgestellt, wie es wohl wäre, jetzt die Hände auf ihre Schultern zu legen und – sanft, ganz sanft zuzustoßen. Wenn mit ihr all sein Ärger, der Frust, die Demütigungen auf die Straße fallen würden.

Und gerade bevor der Gedanke wieder in Martins Gedankenbrei versank, stand plötzlich der Schwarze hinter ihr, nickte ihm zu, legte die Hände auf ihre Schultern und stieß zu.

Der Lastwagen war da.

Später hatte er versucht, alles zu erklären. Dass der Schwarze es gewesen war, nicht er. Hatte versucht, es den Polizisten zu erklären. Den Ärzten. Dem Richter. Hatte auf den Schwarzen gezeigt, wie er da, offen und für jeden sichtbar, an der Wand lehnte. Er hatte ihn angeklagt, hatte geschrien und gebettelt. Niemand hatte ihm geglaubt. Sie hatten ihn hierher gebracht…

Der Mann öffnet die Augen wieder. Da ist der Schwarze. Der Mann starrt ihn an.

,,Du bist immer noch da.“

,,Ja.“

,,Geh weg!“

Der Schwarze lacht.

Der Mann springt auf. ,,Geh weg, weg! Weg! Weg!“ Er geht auf den Schwarzen los.

Der Schwarze lacht ihn aus.

Der Mann springt ihn an und schlägt auf ihn ein. ,,Geh weg! Geh weg! Geh endlich, endlich weg! Geh….“

Seine Stimme überschlägt sich, rasend schlägt er auf den Schwarzen ein, trommelt mit beiden Fäusten, tritt ihn, schlägt zu und schreit und schreit und schreit, und der Schwarze lacht, lacht, lacht, und das Lachen wird lauter und lauter und gellt in den Ohren des Mannes, lauter und lauter, das Lachen übertönt alles, wischt alles aus und leerte die Welt.

In der Forensischen Psychiatrie der Psychiatrischen Klinik Hadamar geht ein Pfleger an dem kleinen Raum vorbei, hört das Geschrei und wirft einen kurzen Blick hinein. Er überlegt einen Moment , den Mann ruhig zu stellen entscheidet dann aber, dass es besser ist, wenn er sich austobt. In dem Raum kann er sich nicht verletzen. Der Pfleger lächelt leise. Er wird Julia davon erzählen. Sie hört die Geschichten immer so gerne, die er aus der Psychiatrie mitbringt. Was sie wohl sagen wird, wenn er ihr von dem Mann erzählt? Dem Mann, der brüllend an der Wand steht und auf seinen Schatten einschlägt.

ENDE








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Der Dunkle Fürst und das Fräulein Niedermaier – Teil 2

Ein Dunkler Fürst zu sein ist nicht einfach. Und was den Umgang mit Balrogs angeht, können sich sowohl Feanor als auch Gandalf bei Fräulein Niedermaier noch was abschauen. 😀

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About: Geschichten für euch
Teil 1

Salamacian machte auf dem Absatz kehrt und eilte die Treppen zurück hinauf. Seine Stimme hallte in den verfallenen Gemäuern wieder wie eine Friedhofsglocke, als er lauthals den Namen der Kreatur brüllte, die fest entschlossen schien, sein Leben in ein einziges Jammertal zu verwandeln: „Fräulein Niedermaier! Fräulein Niedermaieeeeeeeeer! FRÄULEIN NIEDERMAI-“

„Jetzt schreien’s ned so, Herr Salamacian. I bin ja nu ned taub.“

Salamacian kam inmitten seines Thronsaales schlitternd zu stehen. Die Stimme kam von oben. Weit oben. Erblickte auf und entdeckte seine Haushälterin knapp unter der Decke, wo sie auf einer endlos langen Leiter balancierte und den Luster polierte, den ein Urgroßonkel Salamacians dereinst aus den Knochen seiner Feinde hatte anfertigen lassen. Fräulein Niedermaiers rosarote Tweedjacke kontrastierte auf fast unwirkliche Weise dem Dekor.

„Was is denn? Sehen’S ned, dass ich grad am Arbeiten bin?“

Salamacian atmete tief durch.

„Sie waren schon wieder in meinem Labor!“

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schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 14 – Eukalyptusbonbon

Passend zu meinem kleinen Wutausbruch von eben geht es in der heutigen Quarantänegeschichte um jemanden, der sich… sagen wir mal ziemlich unvernünftig verhält. Auch diese Geschichte führt uns – wie die vom vergangenen Wochenende – nach Limburg. Sie ist erstmals 2014 in der folgenden Anthologie im JUHRVerlag und im Gardez!Verlag erschienen:

Eukalyptusbonbon

Wieder unter der Lizenz Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0)* Bitte beachtet dabei, dass JEDE Verwendung den Hinweis auf die Erstveröffentlichung enthalten muss!

Die Geschichte führt und in den wunderschönen We-he-hesterwald…








Eukalyptusbonbon

von Michael Schreckenberg

Erstveröffentlichung in „Mordwind“, von Michael Itschert und Daniel Juhr (Hrsg.) mit Hermann Josef Roth, Gardez!Verlag und JUHRVerlag 2014.


Es beginnt immer mit den Farben. Grün. Warum ist alles so verdammt grün?

Habe ich geschlafen?

Ein Klopfen an der Tür. Laut. Ich muss wohl geschlafen haben, aber ich liege nicht in meinem Bett, sondern auf dem Boden, mitten auf dem Teppich. Vollständig bekleidet, Schuhe inklusive.

Bin ich so eingeschlafen?

Das Klopfen hat mich geweckt. Und das Rufen.

„Polizei. Herr Bischof, öffnen sie die Tür. Wir müssen mit ihnen reden.“

Wieso reden? Und wieso ist alles so verdammt grün hier. Wie, wenn der Monitor am Computer kaputt ist. Kennen sie das? Nur eben in echt.

„Herr Bischof! Nehmen sie doch Vernunft an.“

„Es ist ganz schön witzig, dass du Bischof heißt“, sagt der Schimpanse auf meinem Sofa und zieht an seiner Zigarre. Er spricht mit schwerem russischen Akzent.

„Du bist nicht real,“ sage ich zu dem Schimpansen. Er zuckt mit den Schultern, „Wenn Du meinst, Towarisch.“

Bummbummbumm!Herr Bischof! Wir wissen, dass sie da sind. Wir wollen ihnen nur ein paar Fragen stellen.“

Der Schimpanse lacht glucksend und murmelt etwas Russisches. Ich schaue ihn an und ein Verdacht keimt in mir auf.

„Was hast du getan?“ will ich wissen.

„Ich? Gar nichts, ich bin nicht real. Hast du selber gesagt.“

„Das heißt nichts.“ Ich habe meine Erfahrungen mit dem Schimpansen.

Bummbumm! „Machen sie es sich doch nicht so schwer, Herr Bischof!“

Ich schaue mich in dem Zimmer um. Das abgeranzte Sofa, auf dem der Schimpanse sich flezt und zwei Sessel, alle in scheußlichstem Grün, jederzeit, ob ich gerade wieder in meiner grünen Phase bin oder nicht. Der Teppich, auf dem Generationen von kaputten Typen Brandlöcher hinterlassen haben. Das Bett, unberührt. Das Zimmer ist nicht schmutzig oder so. Nur alt und völlig verwohnt. Das Bad… na ja, wie gesagt, zumindest sauber. Der Couchtisch ist so ein Monster mit Holzrahmen und Steingutfliesen. Braun. Grünbraun, im Moment. Auf den grünbraunen Steingutfliesen sind grünbraune Segelschiffe abgebildet. Und mitten auf dem Tisch liegt der Beutel, voll mit Eukalyptusbonbons, fast ein Kilo. Ich will das alles nicht mehr. Ich will nicht mehr so leben, und ich will den Schimpansen nicht mehr und die Eukalyptusbonbons. Ich mache jetzt die Tür auf, und beantworte den Polizisten ihre Fragen, ich erzähle ihnen alles, was ich weiß, auch wenn sie nicht danach fragen. Eine Beichte befreit.

„Was bist du für ein Feigling“, sagt der Schimpanse und pafft kopfschüttelnd an der Zigarre.

„Herr Bischof!!!“

Gott hasst Feiglinge.

Der Name war früher schon für Witze gut. „Herr Bischof macht PR für den Herrn Bischof, hahaha.“ Dabei war ich in der Öffentlichkeitsarbeit des Bistums nur ein kleines Licht. Zuständig für den Kontakt zu den Gemeinden, auf den unteren Ebenen. So habe ich auch Sabine kennengelernt. Und als dann alles den Bach runterging im Bistum – sie werden davon gehört haben – da mussten eben Köpfe rollen. Und zuerst rollen eben unten die Köpfe. Um mich zu trösten, ist Sabine dann mit mir in dieses Häuschen gefahren, wo das mit den Eukalyptusbonbons passiert ist. Und dann ist alles etwas aus dem Ruder gelaufen, Stephanie hat mich vor die Tür gesetzt…

Ich glaube, ich muss etwas früher anfangen. Bevor ich Stephanie kennenlernte, wollte ich nie nach Hessen. Hessen war für mich Frankfurt und Hessisch und beides fand ich scheußlich. Ich komme aus dem Bergischen Land, aus Langenrath. Werden sie nicht kennen – eine kleine Stadt in der Nähe von Leverkusen. Ich habe in Düsseldorf Germanistik und Kommunikationswissenschaften studiert. Stephanie habe ich auf der Rheinkirmes getroffen, sie hat eine Freundin besucht, die auch in Düsseldorf studierte, Medizin. Und plötzlich fand ich Hessen interessant, Limburg besonders, weil sie daher kam, und Hessisch klang plötzlich viel schöner, weil sie es sprach.

Als ich sie zum ersten Mal in Limburg besuchte, fühlte ich mich zu Hause. Fachwerkhäuser, steile, enge Gassen, Restaurants, Cafés und unzählige „original italienische“ Eisdielen – als hätte jemand alle Vorzüge meiner Bergischen Heimat zusammengefasst und an einem Ort gemeinsam verwirklicht. Und über allem der Dom – nicht einschüchternd und gewaltig, wie der, den ich kannte, sondern bunt, überschaubar, geradezu freundlich verglichen mit Köln. Das Hessische war zu ertragen. Selbst das Klima gefiel mir. Es war ein heißer Sommertag, aber hier in den Gassen wehte permanent ein leichter, erfrischender Wind. Windy City – ich nannte Limburg im Scherz „das Chicago Mittelhessens“. Stephanie verstand den Witz nicht, aber sie lachte trotzdem – so verliebt waren wir damals.

Wir heirateten schon im folgenden Jahr, nach unseren Studienabschlüssen, und Stephanies Vater, ein Anwalt und Limburger Honoratior, drehte noch ein paar Rädchen für uns, bevor er sich mit meiner Schwiegermutter in den üppigen Ruhestand nach Andalusien verabschiedete. Stephanie hatte in Gießen ihren Bachelor in Fremdsprachen/Kultur/Wirtschaft gemacht und kam in einem dieser kleinen, teuren Kunstverlage unter. Die kurze Trauer, dass seine Tochter an keinem der schneidigen Kerle aus seiner alten Verbindung Gefallen gefunden hatte überwand Schwiegerpapa, indem er mich in die Öffentlichkeitsarbeit des Bistums schob – das war doch mal etwas Ansehnliches für so einen Schreiberling. Sie schenkten dem Töchterlein noch das Haus in Staffel, und weg waren sie. Und wir waren in unserer Bahn, kaum, dass wir uns gefunden hatten.

Wir wohnten unmittelbar bei der Staffeler Grundschule, und das war schonmal das erste Problem. Ich wollte auch Kinder, irgendwann, aber Stephanie hatte sich schon seit ihrem siebten Lebensjahr oder so als kommende Mutter einer großen Kinderschar gesehen. Und als sich nach zwei Jahren immer noch keine Sophie und/oder kein Korbinian einstellten (auf die Namen hatte sie sich vor Jahren mit sich selbst geeinigt, Laurits und/oder Nele sollten folgen) wurde sie ungeduldig. Es lag natürlich an mir. Das hatte sie schon beschlossen, lange, bevor der Arzt es bestätigte. Es bestand dennoch eine geringe Chance, was zur Folge hatte, dass wir „Das“, wie sie es nannte, nach Terminplan machten, nach ihrem Terminplan. Dass ihre Schwester einen Familienzuwachs nach dem anderen lieferte machte die Sache nicht besser.

Ich mache Stephanie nicht den geringsten Vorwurf, ehrlich. Ich hätte ja etwas sagen können, etwas tun, etwas ändern. Aber ich war zu feige, zu phlegmatisch, zu betäubt. Limburg machte mich träge, Staffel betäubte mich. Eines Sonntags saß ich in unserem Wohnzimmer und las in einem Buch, so einer Endzeitgeschichte, in der mit einem Mal fast alle Menschen von der Erde verschwunden waren. Und ich stand auf, ging aus dem Haus und vor die Tür, sah mich um, lauschte – und schauderte.

Gott hasst Feiglinge.

Dann ging das mit Sabine los. Sie nahm an einer dieser PR-Schulungen teil, die ich regelmäßig für die Funktionsträger in den Gemeinden gab. Und sie war das genaue Gegenteil von jeder Klischeevorstellung, die Sie vielleicht von einer Gemeindereferentin haben. Wow. Und dass ich ohne sehr viel Glück keine Korbinians oder Sophies in die Welt setzen konnte störte sie nicht im Geringsten, im Gegenteil. Wenn Sie verstehen, was ich meine. Wir waren diskret, trafen uns nur in Montabaur, Weilburg oder auch mal im Wald, um der Limburger 24/7- Beobachtung zu entgehen. Ich glaube, das gelang uns ganz gut. Oder Stephanie interessierte sich einfach nicht so sehr dafür.

Ich weiß nicht, wie es weiter gegangen wäre, wenn diese Sache im Bistum nicht passiert wäre. Vielleicht wäre mir irgendwann doch noch ein Lauritz oder eine Nele entschlüpft, und dann wäre natürlich die Frage gewesen – bei wem? Vielleicht wäre auch einfach gar nichts passiert, und ich wäre nach und nach gesetzt und ruhig oder alt und bitter geworden.

Nach dem Rausschmiss war ich noch betäubter. Stephanie beobachtete mit grimmiger Zufriedenheit, wie das Scharfrichterbeil nach und nach immer höhere Köpfe fand, aber mir war das egal. Ich redete mir ein, dass ich verbrannt war – niemand würde mich einstellen, so lange ich mit dieser Geschichte verbunden war. Das bewahrte mich davor, initiativ werden zu müssen, meine Kontakte abzuklopfen, das Netzwerk auf seine Haltbarkeit zu prüfen. Und wenn alles nicht geholfen hätte, hätte ich ja auch in Andalusien anrufen können. Schon bei dem bloßen Gedanken wurde mir schlecht.

Stephanie schalt mein Phlegma, tat aber sonst nichts weiter, weder um zu motivieren, noch um zu demotivieren. Nur die Korbinianversuche wurden noch seltener. Und mit Sabine hatte ich mich seit Wochen nicht mehr getroffen.

Daher war ich ehrlich erstaunt, als sie eines Donnerstagnachmittags anrief. Ich saß gerade vor dem Computer, war damit beschäftigt, mir Gründe einfallen zu lassen, warum all die vielversprechenden Anzeigen in den Internetportalen nicht zu mir passten und sehr dankbar für die Ablenkung.

„Du musst mal raus“, bestimmte sie. „Ich habe ein Ferienhäuschen gemietet, im Wald. Da verbringen wir morgen und das Wochenende.“

„Was soll ich denn Stephanie sagen?“ wollte ich wissen.

„Pffft“, machte Sabine. „Das Übliche. Ein Angelausflug mit… wie heiße ich?“

„Martin.“

„Okay, mit Martin also. Ich habe eine Überraschung für dich.“

Endlich spürte ich mich wieder. Das war eines von Sabines ganz großen Talenten – sie machte, dass ich mich lebendig fühlte, nicht dumpf, wie eine Figur in einer Geschichte, die ein anderer erzählt. Das Haus war so einsam gelegen, dass wir uns nicht nur drinnen austobten, sondern auch drumherum, im Bach, auf einer Wiese, im Wald. Am Nachmittag rückte sie mit der Überraschung heraus – sie hatte einen Korb voller Pilze. Allerdings waren das keine, die ich kannte, keine Champignons oder Steinpilze oder so.

„Was ist das?“ wollte ich wissen.

Sie lachte. „Zauberpilze.“

„Zauberpilze? Drogen?“

Sie rollte mit den Augen. „Mensch, Sven. Das ist kein Crystal Meth oder sowas. Ich habe sie selbst gesammelt, manche auch gekauft. Verschiedene Sorten. Für uns. Wir… öffnen unsere Wahrnehmung ein wenig. The doors of perception, Du verstehst schon, oder?“

„Klar“, sagte ich und versuchte, überzeugend zu klingen. Meine ganze Drogenerfahrung beschränkte sich auf einen Joint, den ich mal auf einem Unheilig-Konzert abgelehnt hatte. „Und Du kennst Dich damit aus, ja?“

„Sicher“, sagte sie, so selbstverständlich, dass ich ihr sofort glaubte. Darüber lacht der Schimpanse bis heute. Ich finde das weniger lustig.

Sie kochte einen Großteil der Pilze zu einer grünlichbraunen Soße, die wir dann gemeinsam essen wollten. So weit die Theorie. In der Praxis stank das Gebräu so schauderhaft, dass wir den Raum verlassen mussten. Draußen fing Sabine an zu weinen. Ich weiß nicht, ob sie beim Kochen genascht hat oder ob sie wirklich so untröstlich war, weil ihre schöne Überraschung geplatzt war. Aber als ich sie im Arm hielt und tröstete kam mir eine Idee. Der Letzte, den ich erfolgreich getröstet hatte, war einer von Stephanies zahlreichen Neffen gewesen, Maximilian. Und der Trost kam mit diesen Worten: „Ich habe eine Idee. Lass uns Bonbons machen.“

„Was?“ fragte Sabine.

Der Supermarkt in Altenkirchen hatte bis 22 Uhr geöffnet, ich kaufte also Eukalyptusöl und Zucker. Danach lud ich Sabine noch zum Essen ein, bevor wir zu dem Häuschen im Wald zurück fuhren. Sie war wahnsinnig neugierig, aber ich sperrte sie aus der Küche und machte ein großes Geheimnis aus dem, was ich da vorhatte. Genaugenommen hatte ich keine Ahnung, ob es funktioneren würde. Ich wusste nicht, ob sich die widerliche Pilzbrühe mit selbstgemachten Eukalyptusbonbons zu etwas Essbarem kombinieren ließ. Und welche Wirkung das dann haben würde. Aber es war den Versuch wert. Ich schmolz also den Zucker, verrührte ihn eifrig mit Wasser und Eukalyptusöl, verteilte das Ganze auf drei Backblechen und drückte gezielt Soßekleckse in die Masse, während sie erkaltete. Ich war mit dem Eukalyptusöl großzügig gewesen, und so roch die ganze Küche nun danach – von dem Pilzgestank war kaum noch etwas zu merken. So weit so erfolgreich. Während die Masse erstarrte, ließ ich mir im Schlafzimmer von Sabine zeigen, was sie mit mir unter Pilzeinfluss zu tun gedachte. Es war tief in der Nacht, als ich in die Küche zurückkehrte, das Ergebnis meiner Bemühungen in viele kleine Stücke brach, die Stücke in den Klarsichtbeutel packte und zu ihr brachte. Sabine hielt eines der Bonbons ins Licht – es schimmerte Grün und die Pilzflecke darin sahen aus wie wertvolle Einschlüsse in Glas. „Sind die schön“, sagte sie.

Danach verlässt mich meine Erinnerung ein wenig. Ich habe Visionen, in Grün getaucht, und das meiste, was ich da sehe, kann ich kaum glauben. Was ich weiß ist, dass ich am frühen Sonntagabend aus den grünen Träumen erwachte. Ich lag in der Küche unter dem Tisch. Sabine fand ich im Bett. Ich wusste, dass sie das Haus bis Montag gemietet hatte, aber ich musste langsam nach Hause, wenn ich die Geschichte vom Angelausflug nicht zu sehr belasten wollte. Ich gab ihr einen Abschiedskuss, sie antwortete mit einer schwer zu deutenden Mischung aus Murmeln und Wimmern. Ich ging davon aus, dass es freundlich gemeint war und verließ unser Liebesnest. Die Eukalyptusbonbons nahm ich, einer Eingebung folgend, mit.

Die Tasche stand vor der Tür in Staffel – meine große Sporttasche, darin eine wild zusammengewürfelte Mischung meiner Besitztümer. An einem der Griffe klebte ein Zettel: „Ich will Dich nie wiedersehen. Ich bin noch nie so gedemütigt worden.“

Ich versuchte, in das Haus zu kommen, aber der Schlüssel passte nicht. Stimmt, einer dieser Verbindungsbrüder hatte der Alma Mater den Rücken gekehrt und einen Schlosserbetrieb geerbt. Ich klingelte. Nichts. Ich versuchte mich zu erinnern und langsam kamen einige Bilder zurück. Sabine. Ich. Orgiastische Hysterie. Und mein Handy, in das wir abwechselnd und gemeinsam schrien, lachten, brabbelten und stöhnten. Alles in Grün. War das wirklich passiert?

Sie hatte unser gemeinsames Konto gesperrt, was nicht schwer war, schließlich lief es auf ihren Namen. Die Kreditkarten funktionierten noch – bis sie das Konto auflöste. Das war der Punkt, an dem ich von dem noblen Vier-Sterne-Schuppen in der Limburger Altstadt in diese eher preiswerte Alternative jenseits des Bahnhofs wechselte. Ich hatte weder von Stephanie noch von Sabine auch nur ein Wort gehört und konnte immer noch nicht rekonstruieren, was in den zwei Nächten und Tagen im Wald wirklich passiert war. Völlig klar hingegen war, dass mir rapide das Geld ausging. Außerdem hatte ich immer häufiger Flashbacks, in denen die Welt grün wurde und die Zeit verloren ging. Manchmal sprach eine Stimme auf russisch zu mir, was seltsam war, da ich niemals Russisch gelernt hatte. Aber ich wusste, dass es russisch war. Die Flashbacks hielten mich davon ab, zur Arbeitsagentur zu gehen – was, wenn die auch plötzlich grün wurde? Ich hatte nach unserer Orgie im Wald keines der Eukalyptusbonbons mehr angerührt. Aber ich dachte immer öfter über sie nach.

Ich weiß nicht, wieviel Sabine wirklich über Drogen und psychoaktives Zeug wusste. David Rossmann aber wusste eine Menge davon – und ich wusste, dass er es wusste. Er war zwei Jahre zuvor Praktikant in der Pressestelle des Bistums gewesen und ich hatte zufällig ein Telefongespräch mitgehört, als er dachte, er sei alleine im Raum. Da er – woher auch immer – von meiner Affäre mit Sabine wusste, herrschte ein Patt zwischen uns, das wir beide nicht ungemütlich fanden. Wir blieben in Kontakt, er war inzwischen freier Mitarbeiter der Nassauischen Neuen Presse und einer der Kontakte, die auch noch funktionierten, nachdem ich gefeuert worden war. Wir trafen uns auf dem Neumarkt, seine Idee. Die Rheingauer Weintage waren in vollem Schwunge, dennoch schaffte David es irgendwie, dass wir auf unsere Ecke der Bierzeltbank unter uns blieben. Ich schaute mich dennoch immer wieder nach den Touristen und Einheimischen um, die uns umströmten. Wir saßen gegenüber der Kaffeerösterei, deren Schaufenster zusätzlich Neugierige anzog. Ein konspiratives Treffen sah anders aus. Er nippte völlig ungerührt an seinem Riesling und pfiff „Lilli Marleen“.

„Warum bist Du eigentlich so nervös?“ fragte er, als er mit dem Liedchen fertig war.

„Na ja…“ stammelte ich. „Ich dachte, wir treffen uns etwas geheimer.“

Er lächelte halb und meinte dann nur: „Worum geht es denn?“

Ich legte den Beutel mit den völlig unverdächtig wirkenden Eukalyptusbonbons auf den Tisch und erzählte meine Geschichte – zumindest den Teil, den ich für wichtig hielt. Während ich redete wurde die Welt grün, und mit einem Mal sah ich den Schimpansen zwischen den Weintrinkern. Er schlenderte gemächlich auf uns zu und paffte an seiner Zigarre. Der Leninorden auf seiner Brust wies in als Helden der Sowjetunion aus.

David nahm ein Bonbon aus dem Beutel und lutschte probehalber daran.

„Klingt interessant“, sagte er. „Kannst Du…“

„Ist hier irgendwo ein Zirkus?“ unterbrach ich ihn. „Da ist ein Affe ausgebrochen.“

Ich wachte auf dem Sofa in meinem Hotelzimmer auf. Die Welt hatte immer noch einen leichten Grünschimmer und der Schimpanse saß auf dem Sessel und paffte.

„Wo bin ich?“ fragte ich, obwohl dass das einzige war, worauf ich mir die Antwort selbst zusammenreimen konnte. „Wie bin ich hierher gekommen?“ oder „Wer bist Du?“ wären sinnvollere Fragen gewesen. Der Affe schien es zu ahnen.

„Du bist ein wenig unpässlich geworden, Towarisch“, sagte er mit dem schweren Akzent, der mir so vertraut werden sollte. „Ich habe das Gespräch mit deinem Freund abgeschlossen und dich nach Hause gebracht. Er wird gleich anrufen. Du solltest die Finger von den Drogen lassen, weißt du? Da liegt kein Segen drauf.“

„Was du nicht sagst“, murmelte ich. Im nächsten Moment quäkte mein Handy. Es war David.

„Starkes Zeug“, sagte er. „Wirklich selbstgemacht?“

„Ja.“ Ich überlegte. Hatte ich ihm das nicht verschweigen wollen? „Hat der Affe dir das gesagt?“

„Was? Welcher Affe?“

„Na, der Schimpanse. Der mich nach Hause gebracht hat.“

Eine lange Pause. Dann: „Sven, ich habe keine Ahnung, was Du da faselst. Aber wenn ich Dir einen Tipp geben darf – lass die Finger von dem Zeug. Werde nicht Dein eigener Kunde.“

„Okay.“

„Gut. Also – am Sonntag möchte sich ein Mann mit dir treffen. Er heißt Georg Frings. Er trifft Dich im Parkhaus am Bahnhof. Zeit sage ich Dir noch. Erster Stock.“

„Im Parkhaus? Warum?“

„Weil da Sonntags nichts los ist.“ Er schwieg wieder eine Weile. Dann sagte er: „Sei vorsichtig. Frings ist normalerweise vertrauenswürdig, aber du bist dermaßen ahnungslos…“

„Kommst Du denn nicht?“

„Nein, ich bin nur der Vermittler. Und Sven – noch was. Vielleicht solltest du dich mal bei Sabine melden. Die ist immer noch nicht wieder ganz auf dem Damm. Vielleicht bekommst du es mit einer Entschuldigung wieder hin. Und bring Blumen. Viele Blumen.“

„Wieso Entschuldigung? Und woher kennst du Sabine?“

„Ach Sven…“ er seufzte tief. „Ich melde mich wieder.“

Georg Frings wartete tatsächlich im Parkhaus auf mich. Er und noch zwei Typen, die er Thorsten und Murat nannte. Frings war ein großer, braungebrannter Typ in den Vierzigern. Er trug Jeans und ein Polohemd und sah überhaupt nicht so aus, wie ich mir einen Drogendealer vorstellte. Thorsten und Murat sahen auch nicht so aus, wie ich mir Schläger vorstellte. Viel zu jung, viel zu schmal, viel zu sehnig. Die Augen allerdings…

„Du bist… Bohr?“ fragte er. Seine beiden Begleiter grinsten. Den Namen hatte ich mir gegeben… na ja, sie wissen schon. Wegen dieser Fernsehserie. Und Heisenberg. Er kannte sie offenbar auch und ich kam mir unendlich blöd und ahnungslos vor. Wohl nicht zu Unrecht.

„Ja,“ sagte ich.

„Dann zeig doch mal her,“ sagte Frings.

Ich zog den Beutel aus der Tasche und Thorsten hatte ihn mir aus der Hand gerissen, bevor ich überhaupt merkte, dass er sich bewegte.

„Gibt es Probleme?“ hörte ich den bekannten Akzent vom Treppenhaus her. Die Welt bekam ihren Grünschleier.

„Ist das Zeug wirklich so gut, wie David sagt?“ fragte Frings.

„Ja“, sagte ich.

„Ich glaube, ich komme mal hoch, Towarisch.“

„Na dann“, sagte Frings grinsend und wandte sich zum Gehen, den Beutel in der Hand schwenkend. „Don’t call us, we call you.“

„Aber…“

Thorsten und Murat wirbelten herum und sahen mich an, eine Einladung, auch nur einen Schritt zu wagen. „Kein aber“, sagte Frings fröhlich und drückte auf einen Autoschlüssel. „Beep beep“ machte ein weißer Mercedes. Ein haariger Arm schob mich sanft zur Seite.

„Ich übernehme ab hier“, sagte der Held der Sowjetunion.

Und dann bin ich hier aufgewacht, auf dem Teppich in meinem grünen Hotelzimmer.

„Herr Bischof, machen sie es uns doch nicht so schwer“, ruft die Polizei. Gleich werden sie irgendjemand die grüne Tür aufschließen lassen. Ein Ende mit Schrecken, immerhin.

Andererseits…

„Du könntest Durch das Klofenster raus“, sagt der Schimpanse. „Gar kein Problem. Wir sind im ersten Stock, den Sprung schaffen wir locker.“

Was, wenn ich aus dem Fenster springe? Ich habe den Beutel mit den Eukalyptusbonbons noch. Wieder. Wie auch immer. Was, wenn ich Sabine um Entschuldigung bitte, und sie freundlich dazu bringe mir zu sagen, welche Pilze das genau waren? Und in welchem Verhältnis. Was, wenn ich mich mal mit David darüber unterhalte, ob er wirklich nur Vermittler sein will? Was dann?

Ich greife nach dem Beutel.

Gott hasst Feiglinge.

ENDE











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schreckenberglebt: Ignoranz auf der Mitte der Brücke

Im Moment veröffentliche ich hier ja vor allem Geschichten, und zur Coronakriese habe ich mich noch gar nicht geäußert, einfach, weil ich mich nicht kompetent fühle. Aber nach dem heutigen Gang zum Einkauf muss ich mal einen Aufruf an einen Teil der älteren Generation, oder anders: der Risikogruppe der Über-65-Jährigen loswerden.

SAGT MAL, GEHT’S NOCH?!

In Leverkusen, wo ich wohne, sind die Ausgangsbeschränkungen jetzt eine Woche alt (wir haben etwas früher angefangen, als der Rest der Republik). Ich habe mich darauf eingestellt, dass dieser harte Zustand eine Weile dauert, mehrere Wochen auf jeden Fall. Und ich bin in einer sehr privilegierten Situation: Wir haben, auch als fünfköpfige Familie, genug Platz im Haus. Wir haben einen Garten. Wir können Geschäfte ebenso problemlos erreichen wie den Wald, wo man gut und mit genug Sicherheitsabstand Sonne und frische Luft tanken kann. Claudia und ich können beide vom Homeoffice arbeiten. Mich erreichen die Ausläufer der Krise langsam (Produktionsfirmen können nicht mehr ins Risiko gehen) aber im Vergleich mit anderen freischaffenden Künstlerinnen und Künstlern geht es noch. Claudias Business is ‚a‘ boomin‘. Uns geht es also vergleichsweise gut. Aber wir haben auch:

Arbeit (Recherchen zum Beispiel), die ich nicht erledigen kann. Liebe Menschen, die wir nicht mehr persönlich treffen können. Freunde und Freundinnen, die bereits jetzt in existenzieller Not sind, oder die ihre Reserven schmelzen sehen. Menschen, die uns teuer sind und die zu Risikogruppen gehören, weil sie entweder schwer oder chronisch krank sind, oder weil sie eben weit über 65 Jahre alt sind.

Ich weiß also, dass die derzeitigen Zwangsmaßnahmen notwendig sind, ich weiß aber auch, dass sie ein Opfer bedeuten. Für uns (noch) nicht so, für andere aber bereits jetzt schon sehr.

Und was sehe ich, bei meinem Weg zum Einkauf, den ich alleine mit dem großen Kind mache, inklusive ausgiebige Hygienemaßnahmen vorher und nachher?

Neben sehr vielen vernünftigen Menschen aller Generationen, die einkaufen, Sport treiben, spazieren gehen und dabei sowohl auf Vereinzelung als auch auf Mindestabstand achten, sehe ich:

Alte Damen, die auf Bänken in der MITTE einer Fußgängerbrücke sitzen, so dass es völlig unmöglich ist, die Brücke mit dem nötigen Mindestabstand zu benutzen. Wenn man also nicht durch die Wupper schwimmen oder einen Kilometer Umweg gehen will, muss man sich wohl oder übel an ihnen vorbei quetschen.

Menschen die eindeutig über 65 sind und auf Bänken sitzend die Sonne genießen. Ja, ich weiß, der gewohnte Spaziergang ist irgendwann ohne Rast zwischendurch nicht möglich. Aber anstelle eines langen lassen sich auch drei kurze Spaziergänge machen. Wisst Ihr, wer vor Euch auf der Bank gesessen hat?

Menschen, denen die Sache mit dem Mindestabstand SCHEISSEGAL ist, sowohl draußen, als auch, besonders pikant, in geschlossenen Räumen, etwa Supermärkten.

Und ALLE – ausnahmslos ALLE dieser Menschen sind Seniorinnen und Senioren.

Ich weiß, das ist nur ein Ausschnitt. Viele vernünftige Menschen, die sich verhalten wie ich weiter oben geschrieben habe, sind auch ältere Menschen. Und die, die sich selbst in Quarantäne nehmen, nur auf ihren Balkon gehen, so sie einen haben, und die Nachbarn oder andere hilfsbereite Menschen Besorgungen erledigen lassen, die sehe ich natürlich nicht. Weil sie eben verantwortungsbewusst handeln und zu Hause bleiben. Und ich vermute: Auch in dieser Generation sind die Vernünftigen in der Mehrheit.

Aber es ist schon auffällig, dass gerade die Generation, die jungen Menschen oft Kurzsichtigkeit und Verantwortungslosigkeit vorwirft, sich gerade massenhaft unvernünftig verhält. Und dadurch meinen Kindern, deren Abitur verschoben ist, meinen Freundinnen und Freunden, denen das Einkommen wegbricht, mir selbst, der ich in eine ungewisse zweite Jahreshälfte schaue und allen anderen, die gerade FÜR SIE eine Menge Gefahren, Unsicherheiten und Unbequemlichkeiten auf sich nehmen, kollektiv den Finger zeigt.

Was wollt Ihr, mit Eurer Ignoranz? Dass die Stimmung kippt? Dass mehr und mehr Menschen sich fragen, warum sie sich einschränken, während die, für die sie sich einschränken, offenbar so weiter leben wollen wie bisher? Wollt Ihr wirklich, dass sich eine Mehrheit bildet, die fordert, dass wir EUCH in strenge Quarantäne nehmen und für alle anderen die Maßnahmen lockern? Damit trefft Ihr übrigens nicht nur Euch, sondern auch die (angenommene) Mehrheit Eurer Generation, die sich vernünftig verhält. Und falls Euch das nicht reicht – wenn Ihr Euch durch Euer verantwortungsloses Verhalten infizieren solltet (was ich wirklich niemandem wünsche): Wollt Ihr auf die Intensivstation? Wollte Ihr beatmet werden? Und wollt Ihr wirklich in dem Intensivbett liegen, dass dann eine Krebspatientin oder ein Unfallopfer nicht bekommt, weil Ihr unbedingt in der verdammten Mitte der fucking Brücke sitzen musstet?

Seht ein, dass Ihr alt seid. Ich werde bald 50, ich weiß, alt werden ist nicht schön und jeder wäre lieber jung. Aber Ihr seid alt. Ihr gehört zur Risikogruppe. Zeigt, verdammt nochmal, ein wenig Altersweisheit und reißt Euch zusammen.

Die heutige Quarantänegeschichte folgt dann geich.

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