So, und jetzt brennt auch mein Geschichtenfeuer, ich bin bereit, Euch die 11 Quarantänegeschichte zu erzählen. Sofern Sarah schon fertig ist, können auch die ältere, leseerfahrene Kinder rüber kommen – aber bitte nur unter Aufsicht. Im Gegensatz zu gestern ist die Geschichte (vordergründig) nicht sehr brutal und die Sprache ist auch viiiiel gediegener. Aber es ist und bleibt eine Geschichte in der es um Mord und Toschlag geht, also vorsicht. 😉
Wir Autor*innen werden ja oft gefragt, woher wir unsere Ideen bekommen, und das ist meistens sehr schwer zu beantworten. Denn eine Idee entsteht meist, wenn zwei oder drei Dinge im Kopf zusammenkommen und daraus etwas völlig Neues entsteht. WIE das aber geschieht ist kaum steuerbar, bewusst schon gar nicht. Daher weiß ich – wie alle Autor*innen die ich kenne – letztlich nicht, woher meine Ideen kommen. Mein Bewusstsein verarbeitet eben Eindrücke, Bilder, Erfahrungen, Ängste, Träume, etc., etc., mischt sie, verändert sie, und dann ist da plötzlich eine Idee.
Manchmal weiß ich aber zumindest genau, dass etwas eines Tages Bestandteil einer Idee werden wird. So ging es mir bei der CRIMINALE 2017 in Graz. Sarah und ich hörten dort einen hochinteressanten und äußerst lehrreichen Vortrag unserer Kollegin Klaudia Blasl. Klaudia ist Expertin für Giftpflanzen und hat sogar ein Buch darüber geschrieben, das eigentlich in das Rechercheregal von allen gehört, die zu dem Thema schreiben. (Ich sehe gerade – 111 tödliche Pflanzen… Passt ja zur 11. Geschichte. 😀 ). Mir war jedenfalls schon während dieses Vortrags klar, dass ich dieses Wissen bei nächster Gelegenheit verwenden würde. Woher der Rest der Idee kam weiß ich – wie üblich – nicht, aber das Ergebnis war die Geschichte vom Kräuterweiblein, die in dieser Anthologie bei JUHRmade erschienen ist:
Wieder unter der Lizenz Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0)* Bitte beachtet dabei, dass JEDE Verwendung den Hinweis auf die Erstveröffentlichung enthalten muss!
Das Kräuterweiblein
von Michael Schreckenberg
Erstveröffentlichung in „Verbrechen und andere Leidenschaften“, JUHRmade, 2017.
Ich danke meiner Kollegin Klaudia Blasl für ihren äußerst inspirierenden Vortrag über Giftpflanzen auf der CRIMINALE 2017 in Graz. M.S.
Es war einmal ein junger Mann, der lebte in der Stadt Köln am großen Fluss Rhein. Er lebte ganz alleine in einer kleinen Kammer, winters wie sommers. Damit aber Brot auf dem Tisch und Bier im Kühlschrank und Strom auf dem Router war, so hatte er sich an einen Meister verdungen, den die Menschen riefen, wenn sie Probleme mit ihren Computern hatten. Der Meister aber dachte gar hoch von dem jungen Mann, war doch dieser klug und geschickt und ein rechter Tausendsassa, wenn es daran ging, allerlei Fehler in Programmierungen aufzuspüren und zu beheben.
Und so begab es sich, dass der Meister dem jungen Mann eine Sprachnachricht schickte, des Inhalts, dass dieser sich hurtig nach der Stadt Reichshof-Eckenhagen im Bergischen aufmachen solle. In der dortigen Filiale der Kreissparkasse nämlich stünde es schlimm, kein Computer arbeite wie er solle und die Probleme seien so arg, dass die Sparkasse externe Hilfe benötige. Der junge Mann murrte ein wenig, denn zum Kunden sich zu begeben liebte er nicht, war viel lieber alleine und löste Probleme von seiner Kammer aus. Der Meister aber ermahnte ihn streng und so fügte sich der junge Mann und eilte geschwind über die A4 nach Eckenhagen, denn, so sagte sein Navigationsgerät, dies sei die schnellste Route trotz üblicher Verkehrslage.
Wie er aber die Sparkasse betrat, wurde er einer Jungfer gewahr, die dort Dienst tat. Ihr Haar war schwarz wie seine liebsten T-Shirts, ihre vollen Rundungen brachten sein Herz in Wallung und augenblicklich entbrannte er in unsterblicher Liebe zu ihr. Er aber getraute sich nicht, auch nur ein Wort an sie zu richten, denn er war wohlbeleibt, sein Haar war dünn und seine Brille dick, so dass er sich unansehnlich fand und nicht hoffte, jemals ein Weib gewinnen zu können.
Nun war es an dem, dass die Fehler in der Software zahlreich und vertrackt waren, so dass der junge Mann viele Stunden daran werkte. Die fleißige Jungfer aber warf ihm verstohlene Blicke zu, denn sie fand ihn stattlich gebaut und klug und geschickt bei seiner Arbeit, und er gefiel ihr gar sehr. Und so begab es sich, dass sie, als der Abend sich neigte, ihn artig fragte, ob er sie in ihr Kämmerlein begleiten wolle, einen Kaffee mit ihr zu trinken und zu plaudern.
Der junge Mann besuchte nun immer öfter die Bank und manche Nacht kehrte er gar nicht heim in sein schönes Köln, sondern blieb in Reichshof-Eckenhagen, weil er es dort so wundersam und fein angetroffen hatte. Und bald schon war bekannt, dass der Computerexperte und die Bankkauffrau Hochzeit halten wollten. Da aber erhob die Filialleiterin eine große Klage, dachte sie doch, das fleißige Fräulein würde mit ihrem Bräutigam gewiss nach Köln wegziehen und sie somit ihrer tüchtigen Helferin beraubt sein. Verstockt war die Frau und drohte, dem jungen Paar das Leben schwer zu machen mit allerlei Lügen und finsteren Ränken. Schon sah es aus, als müsse das Hochzeitsfest abgesagt werden, da ward die böse Frau ganz plötzlich am Herzen krank und starb bald.
Nun wurde das Hochzeitsfest gehalten. Und weil sie sich so sehr liebten, segnete der liebe Gott die Jungvermählten bald mit einem schönen Töchterlein, welches sie Loretta nannten, nach einer Mume der Mutter, alsbald aber nannte jedermann sie nur Lotti. Lottis Augen waren grün wie die ihrer Mutter, das Haar blond wie das des Vaters und alle Welt hatte sie sehr lieb. Sie war der ganze Sonnenschein ihrer Eltern und für ein paar Jahre war das Leben der Familie ohne Sorge. Sie kauften ein Häuslein am Ammerweg in Hahnbuch und ließen sich dort nieder, die Frau leitete nun die Sparkassenfiliale und der Mann diente weiter dem Meister im fernen Köln vom Homeoffice aus.
Doch der Herr gibt und der Herr nimmt, und in einer nebligen Dezembernacht verlor ein ungeschickter Fuhrmann bei Bergneustadt die Gewalt über seinen Lastwagen. Er prallte gegen den Kleinwagen der Bankkauffrau, fegte ihn von der Straße und gegen einen Baum und noch bevor die Retter herbeieilten, hauchte die junge Mutter ihren letzten Atem aus.
Da war die Trauer groß bei dem Vater und der kleinen Lotti, hatten sie doch ihre Frau und Mutter gar sehr lieb gehabt. Wie nun Zeit ins Land ging, wuchs Lotti zu einem klugen und verständigen Mädchen heran, sehr zur Freude des Vaters, der sie inniglich liebte.
So vergingen einige Jahre in trauter Zweisamkeit und Wohlstand, denn der Vater war ein fleißiger Mann und die Risikolebensversicherung der jungen Mutter war hoch gewesen. Er aber sehnte sich mehr und mehr danach, wieder eine Frau zu finden, an deren warmen Busen er sich schmiegen könne. Und in dem Jahr, in dem Lotti ihren elften Geburtstag feierte, gab er bekannt, dass eine Frau ins Haus kommen und bei ihnen wohnen wolle, zu der er in Liebe entbrannt sei. Die Frau hatte er im Internet kennengelernt, dort wo sich gelehrte Menschen und Alleinstehende von feinem Wesen treffen. Sie umgarnte den Vater mit reichlich Minne und versuchte auch, Lotti mit süßen Worten zu betören, allein, das verständige Mädchen blickte bis ins Herz der Frau, das schwarz und bitter war, und es war keine Liebe zwischen ihnen.
Der Vater aber war vernarrt und schon bald läuteten die Hochzeitsglocken wieder und die hartherzige Frau wurde Lottis Stiefmutter. Da hatte das gute Mädchen wenig Freude im Haus, zumal die Stiefmutter den Vater bestärkte, das Homeoffice aufzugeben und ein Büro in Köln anzumieten, so dass sie im Hause alleine walten und herrschen konnte. Lotti floh ihr einst so schönes Heim nun oft und verbrachte viele Stunden auf dem Friedhof in der Zöpe, wo sie beim Grabe der Mutter weinte und der Toten ihr Leid klagte.
Wie sie aber eines Tages ans Grab kam, da staunte sie gar sehr. War dort doch eine alte Frau mit den Blumen und Sträuchlein zu Gange. Schon oft hatte Lotti sich gefragt, warum nur das Grab der Mutter immer so voller schöner Pflanzen sei, denn den Vater kümmerte es immer weniger und sie selbst verstand nichts von diesen Dingen. Nun hatte sie des Rätsels Lösung: Im Ort war die Alte als Kräuterweiblein bekannt, das alleine in einem alten Haus unweit des Sportplatzes beim Wald wohnte und sich auf allerlei Rezepte, Naturheilverfahren und Traditionelle Chinesische Medizin verstand. Doch niemand ging gerne zu ihr, galt sie doch als unfreundlich und mit ihrem Wissen um die Gifte und Kräfte der Natur nicht ungefährlich. Auch Lotti fürchtete die wunderliche Alte. Sie traute sich nicht zum Grab, versteckte sich im Wald hinter der Klinik und wartete, bis sie wieder alleine bei der Mutter Stein sitzen konnte.
An der Gesamtschule, in die Lotti jeden Tag ging um fleißig zu lernen, gab es einen Lehrer, der hieß Dr. Strauch. Dieser war ein arger Bösewicht. Immer spielte er den Jungen und Mädchen gute Freundschaft vor, wenn aber eines nicht so tat und redete wie er wollte, so wurde er zum Wüterich. In Lottis Schulklasse nun gab es ein Kind, welches aus einem fernen Land vor den Schrecken des Krieges geflohen war. Dieses Mädchen war mit der Deutschen Sitte und Gewohnheit nicht bekannt, verstand die Scherzworte des Dr. Strauch nicht und lachte nicht über sie. Das erzürnte den Lehrer, und wie nun Lotti versuchte, dem Zürnenden das Schweigen der Fremden zu erklären, da wütete er auch gegen sie und verlangte, die Stiefmutter beim Elternsprechtag zu sehen.
Oh wie schlimm war das für Lotti. Denn die Stiefmutter zankte aufs Ärgste, so dass das Kind aus dem Hause floh und zum Friedhof lief, der Mutter ihr Leid zu klagen. Aber wie das Mädchen ankam, da sah es schon das Kräuterweiblein dort und Lotti wurde bang ums Herz. Dennoch: In seiner Not wollte das Kind sich diesmal nicht vom Grabe der Mutter vertreiben lassen und näherte sich der Alten. Wie dieses sich jedoch umwandte und des Mädchens gewahr wurde, da lächelte sie freundlich. Und sie entdeckte dem Kinde, dass sie eben jene Mume der Mutter sei, nach der Lotti ihren Namen erhalten habe. Sie fragte Lotti freundlich, ob sie nicht zu Besuch in ihr Häuschen am Wald kommen wolle, wie es die Mutter als Kind oft getan habe.
So kam es, dass Lotti nun viele Nachmittage mit dem Kräuterweiblein verbrachte, mal das Grab der Mutter verschönernd, mal in der Hütte der Alten. Eines Tages nun begab es sich, dass Lotti ganz traurig zum Friedhof kam, wo sie die Alte treffen wollte. Wie diese nun frug, welches Kümmernis das Mädchen denn befallen habe, da klagte dieses sein Leid: Der Tag des Elterngespräches war nämlich nah, und Lotti fürchtete arge Strafen und Qualen. Das weise Kräuterweiblein dachte nun lange nach, derweil es das Kind mit allerlei Vorträgen über die Pflanzen und Gewächse ablenkte, von Eibe und Buchsbaum sprach, von Efeu und Oleander, Christrose und Herbstzeitloser.
In den Tagen, die folgten, versuchte Lotti noch eifrig die Gunst des Lehrers zu gewinnen, mit kleinen Diensten und Aufmerksamkeiten und Geschenken. Alleine, er wollte nicht freundlicher werden. Doch wie nun der gefürchtete Tag heran war, da verbreitete sich die Nachricht, der Lehrer sei schlimm erkrankt und schon bald hieß es, der bleiche Gevatter habe ihn geholt und vor seinen letzten Richter gebracht.
Dieses Unheil war abgewendet. Doch hatte Lotti gehofft, dass nun wieder ein wenig Frieden im Haus einkehre, so irrte sie. Denn die Stiefmutter, die den Tod des Lehrers sehr beklagte, wandte sich nun gegen jenes Mädchen aus der Fremde, um die Stieftochter zu beschweren. Lotti und die Fremde nämlich waren Freundinnen geworden, selbst zum Kräuterweiblein gingen sie zuweilen gemeinsam, und das wollte die böse Stiefmutter nicht leiden. Sie wollte auch, dass das fremde Mädchen aus der Stadt verschwände und suchte deshalb die Freundschaft von Menschen, denen die Fremden ein Ärgernis waren. Solche gab es nicht viele in der kleinen Stadt, aber doch gab es sie. Nun begannen jene schnell, ganz besonders Lottis Freundin und ihre Familie zu bedrängen und die Flüchtlinge waren voller Angst und Lotti fürchtete um das Leben ihrer Spielgefährtin.
Auch diese Sorge trugen die Kinder vor das Kräuterweiblein. Die kluge Alte bedachte, was zu tun sei. Zunächst beruhigte sie die Kinder mit einem Spaziergang im Wald, dann gab sie ihnen Kuchen, so dass sie lachten und für eine Weile ihre Angst vergaßen.
Wie nun eines Tages die Freunde der Stiefmutter bei Grillfleisch und Bier saßen, da geschah etwas Seltsames: Mit einem Mal brüllten sie noch lauter als zuvor und aus ihren Liedern, mit denen sie deutsche Art und alte Zeiten priesen, wurde wirres Gelalle, bis sie, einer nach dem anderen, umfielen, sich wanden und zuckten und still wurden. Wohl beobachtete mancher Nachbar dies Geschehen, da aber jene Freunde als grobschlächtig und der Gewalt zugeneigt bekannt waren, traute sich niemand, hinzugehen oder einen Arzt zu rufen, bis sie alle ihren letzten Atem ausgehaucht hatten.
Wenn aber so viele und so wenig gelittene Menschen alle auf einmal zum Sterben gehen, dann kommt die Polizei, zu schauen, ob nicht ein Verbrechen geschehen sei. Alsbald stand fest, dass bei dem Grillfest nicht nur gutes Bier und saftiges Fleisch auf den Tische gekommen war, sondern auch Küchlein, welche mit süßen Beeren reichlich bedeckt waren. Jene süßen Beeren aber waren nichts anderes gewesen als Tollkirschen. Nun dachten wohl einige Polizisten, dass hier ein Mord geschehen sei, und manche verdächtigten gar das Kräuterweiblein. Als sich aber herausstellte, dass dieses ganz unschuldig sein musste, weil es nämlich an fraglichem Tage viele Stunden lang im fernen Wuppertal auf einem Markt seine Tees und Kräutermischungen feil gebotet hatte, da schüttelten die Polizisten ihre Häupter und beschlossen, dass der Grund des Übels wohl die Torheit der Getöteten gewesen sei, welche sich an so schlimmen Pflanzen gelabt hatten.
Derweil hatte Lottis Stiefmutter eine Krankheit befallen, die wollte und wollte nicht besser werden. Immer schwächer wurde die hartherzige Frau. Das gute Kind, den Frieden suchend, kümmerte sich rührend um die Stiefmutter, wusch ihre Wäsche und wechselte die Laken, doch nichts erweichte das Herz der Kranken, mit immer schwächerer Stimme verfluchte sie das Mädchen. Kein Arzt konnte aber die Ursache ihres Leidens finden und sie wurde schwächer und schwächer und siechte dahin, bis sie starb.
Der Vater war untröstlich, dass ihm wieder ein liebes Weib gestorben war und was immer Lotti sagte, das konnte ihn nicht aufheitern. Lotti aber blieb stets freundlich und liebevoll zum Vater. Und wirklich – an einem Nachmittag, als sie Kuchen für ihn gebacken und Tee gekocht hatte, da schaute er sie mit einem Mal über den Rand der Teetasse an und sprach: „Mein liebes Kind.“ Und heiße Tränen weinte er, um Verzeihung bittend, für all die Missachtung in den Jahren zuvor und er versprach, dass alles wieder so werden würde wie früher.
Wie froh war da Lotti! Der Kuchen, den sie gerade herein trug, fiel ihr aus der Hand. Sie eilte auf den Vater zu, doch wie sie am Tische angelangt war, da stolperte sie, und nach Halt suchend ruderte sie mit den Armen, schlug dem Vater die Tasse aus der Hand, riss das Tischtuch fallend mit sich, so dass aller Tee verschüttet war und alles Geschirr entzwei. Sie aber tauchte lachend aus all der Zertrümmerung auf und sagte nur: „Ich koche neuen! Und hole Kuchen vom Bäcker.“
„Du hast den Tee verschüttet und den Kuchen fallen lassen und deinem Vater auch noch die Tasse aus der Hand geschlagen?“, frug am Abend das Kräuterweiblein und sah Lotti gedankenvoll an an. Nach dem Nachmittagstee mit dem Vater war das Mädchen noch zur Alten gelaufen, ihr von dem Geschehenen zu berichten.
„Ja“, sprach das Mädchen mit unschuldigem Augenaufschlag. „So ungeschickt.“
„So ungeschickt“, wiederholte das Kräuterweiblein. „In der Tat.“
Sie tauschten einen langen Blick, schweigend.
Schließlich nickte das Kräuterweiblein. „Du bist ein gutes Kind. Wie deine Mutter war. Lies.“
Und sie gab Lotti das dicke Buch, das diese so lieb gewonnen hatte. Das Mädchen blätterte durch die Seiten, die sie schon kannte und die ihr Trost und nützlichen Rat gespendet hatten: Wie man den Gestank des Schierlings in Limonade verstecken kann. Dass Tollkirschen gefährlich wohlschmeckend sind. Dass es schon reicht, die Laken und Unterkleidung eines Kranken in einem Sud von Eisenhut zu waschen, um diesen immer mehr zu schwächen. Und dass ein Tee von Eibennadeln früher oft Verzweifelten zum Suizid gereicht habe. Wie hilfreich war dieses Wissen doch gewesen. Nun schlug Lotti eine neue Seite auf. „Aloe Vera“, las das gelehrige Kind. „Ich wusste gar nicht …“
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.
ENDE
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Während ich noch mein Feuerholz schichte (a.k.a. durchsehe und redigiere) brennt Sarahs Feuerchen schon heimelig und sie ist bereit Euch zu erzählen, wie es mit Alischa und der Mission seines Lebens weitergeht… 🙂
Alischa hatte in seinem Leben gegen Hunderte von Monstern gekämpft, hatte über Tausende von Feinden triumphiert – aber keiner von ihnen war so unerbittlich gewesen wie Schwester Hildtrude. Die Frau herrschte mit eiserner Hand überSonnenscheins Mittelmeer-Altersheim für betagte Gesetzesbrecher magischer und nicht-magischer Naturund war offensichtlich fest entschlossen, höchstpersönlich jeden Humor aus der Welt zu entfernen. Allein das Theater, das sie und ihre Gehilfinnen wegen dem winzigkleinen Rollstuhlrennen gemacht hatten, das Alischa und Baldachius Prim am Gang veranstaltet hatten! Gut, vielleicht hätte es keine echten Skelette gebraucht, um die Rollstühle zu schieben, aber wo blieb denn sonst der Spaß?(Der gefürchtete Totenbeschwörer war mittlerweile auch ein bisschen in die Jahre gekommen, hatte es mit dem Kreuz und wohnte in Zimmer 879. Die Sache mit…
Gönnen wir Alischa und seiner geheimnisvollen Liebsten einen romantischen Moment. Sie haben sich ihn hart verdient. Beziehungsweise… Sie hat ihn diesen Moment sich hart verdienen lassen. 😀
Ein kleines Boot liegt in der Bucht, nur sichtbar, wenn der Mond hin und wieder durch die Wolkendecke bricht. Die Nacht ist mild, der Wind bringt den Duft von wildem Hibiskus.
„Hast du eigentlich nie Angst?“, fragte er sie in der Dunkelheit.
„Doch, einmal als Kind. Da hab ich mich so gefürchtet, dass ich geglaubt hab, ich erstick dran.“
„Was ist dann passiert?“
Sie lächelt ihn an und schmiegt sich enger an ihn: „Ein kleiner Kerl mit Rotznase ist plötzlich vor dem Käfig gestanden und wollt mir seine Muskete zeigen. Da hab ich gewusst, so schlimm wird’s nicht werden.“
Er lacht und schlingt die Arme um sie. Er weiß jetzt endlich ihren Namen und flüstert ihn der Dämmerung zu.
Sarahs Feuer brennt schon eine Weile, die Kinder sind also mit ihrer spannenden Geschichte um den Piraten, der in alle sieben Weltmeere pinkeln wollte, gut versorgt. Die Großen mögen zu mir kommen, ich habe eine böse kleine Geschichte zu erzählen. Und nicht verwirren lassen, ich erzähle sie etwas anders als gewohnt. 😉
Heute allerdings ist es wichtig: DIESE GESCHICHTE IST WIRKLICH NUR FÜR LESER*INNEN AB 16! Sowohl die SPRACHE als auch die Art der GEWALTdarstellung hätte ich meinen Kindern früher nicht zugemutet, und die waren schon mit 12 hartgesottene Leseveteran*innen.
BÄM! ist erstmals 2014 in dieser Anthologie aus dem JUHRVerlag und dem Gardez!Verlag erschienen:
In dem Buch ereignet sich die Geschichte an einem realen Ort, wobei ich mir bei den Personen und Schauplätzen einige Freiheit genommen habe. Aus dem Grund habe ich die Geschichte für den Blog auf das Zentrum eines Geschichtenuniversums umgeschrieben, in dem viele meiner Geschichten spielen. Die Kurzgeschichten „Im Block“ und „Die Sturmglocke“, die ich hier schon veröffentlicht habe, stammen daraus, ebenso meine Romane „Der wandernde Krieg – Sergej“ als auch „Der Ruf“. Dieses Zentrum ist das fiktive Städtchen Langenrath im Bergischen Land.
In Langenrath gibt es eine Bank. Und Banken ziehen nun mal manchmal Verbrecher an…
(Wieder unter der Lizenz Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0)* Bitte beachtet dabei, dass JEDE Verwendung den Hinweis auf die Erstveröffentlichung enthalten muss!)
Und bitte wirklich: AB 16!
BÄM!
von Michael Schreckenberg
Erstveröffentlichung in „Mörderisch Bergisch 2“, JUHRVerlag und Gardez!Verlag, 2014.
Das Klingeln reißt Jens aus dem Schlaf, jemand klingelt an der Tür, wieder und wieder, und davon wacht er auf. Wieviel Uhr ist es? Ein Traumgedanke will zurück in sein Bewusstsein, irgendwas mit Frank, irgendetwas Wichtiges, das er gesagt hat, aber es ist vergeblich, der Traum schwindet, der Gedanke kommt nicht an. Kann auch nicht so wichtig gewesen sein, und an Frank will er lieber nicht denken. Mit dem hatte er genug Ärger. Scheiße. Der ganze gestrige Tag ist wieder da, mit einem Mal, keine schön dusselige Schlafschwere mehr, der ganze beschissene Tag. Er weiß, wo er ist, er weiß, dass Özlem neben ihm liegt, ohne, dass er sich zu ihr umdrehen müsste. Lieber starrt er noch ein wenig das Fenster an. Die milchige Sichtblende löscht alle Details aus und lässt nur weißes Licht hinein. Er könnte stundenlang auf das Fenster starren, ja, das wäre wirklich schön. Geht aber nicht. Nicht nach gestern. Es klingelt schon wieder. Er weiß, wer das ist. Da hast Du’s…
Özlem macht ein mauliges Geräusch. Klar, sie weiß nicht, wer das ist da unten. Sie ist unschuldig sauer, weil jemand sie aus dem Schlaf klingelt. Sie hat keine Ahnung. Oder vielleicht doch, blöd ist sie ja nun wirklich nicht. Sie hat einfach keine Fragen gestellt, gestern.
Gedankenfetzen huschen durch Jens Verstand, während er sich in höchster Eile die Jeans überstreift, die sie ihm gegeben hat, das T-Shirt, den Pulli. Warum ist es immer so schwer, sich die Socken anzuziehen, wenn man in Eile ist? Er sucht seine Stiefel und findet sie schnell. Sie sind immer noch dreckig, von gestern.
Özlem richtet sich im Bett auf, die Augen noch geschlossen, reibt sich durchs Gesicht. Er spürt schmerzlich, dass er sich da etwas vorgelogen hat. Özlem war nicht die beste Idee für ein Versteck. Er hatte sie einfach noch einmal sehen wollen. Und noch einmal mit ihr ins Bett, klar, das auch. Und jetzt, wo er sie so sieht, will er unbedingt bei ihr bleiben. Unmöglich. Gott, wie gerne würde er es ihr erklären. Was passiert ist. Dass er nichts dafür konnte. Dass er nichts davon wollte, dass er niemandem etwas getan hat. Dass nichts von dem, was sie sich bald zusammenreimen wird stimmt. Na ja, fast nichts. Keine Zeit für Erklärungen. In seinem Kopf fangen „The Clash“ an zu singen:
„When they kick at your front door
how you’re gonna come…“
Ja wie? Wo ist das verdammte Ding?
„Suchst Du was?“ Özlem ist aufgewacht. Und so wie sie fragt, weiß sie genau, was er sucht.
„Ja.“
„Ich habe sie weg getan.“
„Wohin?“
„Sag ich nicht.“
„Ey, Özlem! Wo…“
„Vergiss es!“
Sie schreit. Er schreit. Sie hat recht. Was will er denn machen, wenn sie die Treppe hochkommen und an die Tür hämmern, was jeden Moment passieren muss? Zum letzten Gefecht hinaus stürmen? Er wäre vielleicht verzweifelt genug dafür, aber sie ist nicht so wahnsinnig, ihn zu lassen. Jetzt klingeln sie bei anderen Wohnungen, er kann es hören. Gleich werden sie im Flur sein. Zeit läuft ab, es wird eng, ganz eng, er will die Pistole nicht mehr, jetzt will er die Pistole nicht mehr, jetzt soll Özlem ihm einen Fluchtweg sagen. Sie kennt keinen. Er will wissen, wie man aufs Dach kommt. Sie will es nicht sagen. „Aber ich bin unschuldig“, schreit er, „Özlem, ich hab‘ nichts gemacht.“
„Dann geh da raus und sag denen das!“
„Die hören mir nicht zu. Nicht danach.“
Sie fragt nicht, wonach, sie ahnt es. Oder sie weiß es. Vielleicht hat sie es die ganze Zeit gewusst. Er fleht, sie soll ihm sagen, wie er aufs Dach kommt. Sie sagt es ihm endlich, weil er nicht mehr nach der Waffe fragt. Vielleicht auch, weil sie weiß, dass das Dach eine Sackgasse ist. Sie glaubt bestimmt immer noch, dass alles gut werden kann, wenn sie ihn fangen. Wenn er mit ihnen redet. Er stürmt aus der Wohnung, so schnell wie möglich, so leise wie nötig. Er hört sie, unten, sie sind jetzt im Haus.
Auf dem Dach ist es windig, damit hat er gerechnet. Er war noch nie hier oben, genau genommen war er noch nie auf dem Dach eines Hauses, aber auf Hochhausdächern hat es windig zu sein. Außerdem ist Herbst. Er läuft zum Rand des Daches und wirft einen Blick in die Runde. Von hier oben sieht man, dass das Haus nicht wirklich im Grünen liegt, das sieht nur von unten so aus, wenn man vom Stadtpark kommt. Der Stadtpark ist lächerlich winzig und das Haus liegt mitten in der Stadt. Und er kann sehen, wie schön es hier ist. Winziger Stadtpark hin oder her – hier breitet die Stadt sich unter ihm aus, im Tal der Wupper, umgeben von grünen Hügeln, von hier aus sieht Langenrath aus wie einer dieser Spielteppiche. Ein grüner Spielteppich mit einer daraufgebauten Spielstadt. Echt schön.
Da unten, so nah, die Bank. Was wäre gewesen, wenn er Frank gestern einfach hätte stehen lassen, mit seinem bescheuerten Plan. Nicht in die Bank gegangen wäre, sondern weiter, an dem Café vorbei und über den Zebrastreifen, dann nochmal über die Straße und durch den Stadtpark, zu diesem Haus. Wenn er bei Özlem geklingelt hätte, einfach so, am Tag, offen, ein Mann, der eben bei seiner Ex vorbeischaut, um alles wieder gerade zu biegen. Er hätte Blumen kaufen können.
Sie wäre nicht da gewesen, klar, sondern auf der Arbeit. Aber wenn er nicht mit Frank in die Sparkasse gegangen wäre. Diesem verdammten Irren.
Egal. Egal jetzt, zu spät, viel zu spät. Er späht nach unten. Da parkt ein einzelnes Polizeiauto. Das ist gut. Sie wissen also nicht, dass er hier ist. Sie gehen die Möglichkeiten durch, haben ein paar Leute zu Özlem geschickt, um nachzuschauen – aber ohne konkreten Verdacht. Sie ist eben seine Ex, die muss man auch fragen.
Könnte also immer noch klappen. Blöd nur, dass das Dach eine Sackgasse ist. Der einzige Weg nach unten führt durch den Flur – und den Mut, sich an ihnen vorbei zu schmuggeln hat er nicht. Nach gestern erschien ihm die Idee, es nochmal mit einer Flucht nach oben zu versuchen instinktiv richtig. Aber Instinkte können trügen.
Er überlegt, ob er warten soll, bis sie von selbst wieder gehen, aber er ist nicht sicher, was Özlem ihnen sagen wird. Sie weiß eben nicht alles, vielleicht denkt sie wirklich, es wäre besser, wenn sie ihn jetzt einkassieren.
Die Balkone. Wie dachte er gestern noch? Wie eine Leiter. Das könnte klappen. Er tritt an den Rand des Daches – der erste Balkon im obersten Stockwerk ragt unter ihm aus der Wand. Er ist leer und schmutzig, als hätte ihn lange niemand mehr betreten.
Jens springt, so plötzlich, dass er selbst davon überrascht ist. Er landet hart auf dem Balkon, der Sprung war tiefer, als er gedacht hatte, aber so tief dann doch wieder nicht. Gut, soweit. Er späht vorsichtig in die Wohnung hinter der Balkontür. Sie scheint leer, aber nicht unbewohnt. Er wagt nicht, dort einzubrechen, und hier kann er nicht bleiben. Wenn sie aufs Dach kommen, finden sie ihn hier allzu leicht. Wieviele Balkone hat er gestern gezählt? Neun. Einer weg, bleiben noch acht.
Diesmal ist es viel schwerer, und leider hat er daran nicht gedacht. Er hat nur vom Dach auf den ersten Balkon gedacht. Nicht vom ersten auf den zweiten. Es ist nämlich so: Die Balkone liegen genau übereinander. Nichts, wo er hinein springen könnte. Er muss von der Brüstung des einen Balkons auf die des darunterliegenden springen, am besten so, dass er ein leichtes Übergewicht zum Haus hin bekommt und auf den unteren Balkon fällt. Die Alternative ist eine kurze Reise an der Hauswand entlang nach unten, wo das Gras lange nicht so weich sein wird, wie es ihm noch gestern Nacht erschien.
Jens zieht sich auf die Brüstung des Balkons, vermeidet den Blick an den Brüstungen entlang nach unten und konzentriert sich ganz auf sein Ziel. Wenn er die untere Brüstung zu fassen bekommt…
Der Wind zerrt an ihm, und für einen Moment will er zurück. Will sich stellen, will seine Strafe auf sich nehmen, will hoffen, dass Özlem versteht und auf ihn wartet, will, dass alle verstehen. Er hat niemandem etwas getan. Keinem Unschuldigen. Genau genommen hat er Leute gerettet.
Aber dann sieht er das Mädchen in der Bank wieder vor sich, und den Mann auf dem Parkplatz, und er weiß, dass niemand verstehen wird. Und er denkt an seinen Sprung gestern. Das hat doch auch geklappt, das hat ganz wunderbar geklappt. Also atmet Jens zitternd, und springt, und hofft.
Als Frank neben hinter ihm aus der Kneipe kam, da sagte er…
BÄM!
Er verbirgt sich im Schlamm der Böschung, bis es dunkel ist, getragen vom Hochgefühl des Sprunges, dieser Befreiung, fast wie ein Flug in die Freiheit, nachdem sie von allen Seiten näher gekommen waren, ihn dort hoch gejagt hatten, eine Sackgasse – und er war einfach in die Freiheit geflogen.
Genau genommen war es keine Sackgasse. Genau genommen hatte er nie einen Verfolger gesehen. Da waren Stimmen gewesen, oberhalb der Böschung, vielleicht hatten sie ihn wirklich gesucht und dort seine Spur verloren. Bestimmt. Er ist ihnen entkommen, er ist frei. Nun muss er es nur noch bleiben.
Auf der Mülldeponie nicht entdeckt zu werden ist nicht besonders schwer. Sein Versteck liegt am Rand, er muss einfach nur ausharren, bis die Schicht beendet ist und die Arbeiter nach Hause gehen. Und dann noch ein wenig länger, bis er sicher ist, dass er sich aus seinem Loch wagen kann. Inzwischen ist es dunkel.
Er ist immer noch wie im Rausch. Vom Deponiegelände zu kommen ist auch einfach, dann über die Bahngleise und hinunter, am Bahnhof vorbei in die Stadt, wirre Bilderfolgen. Erst als er er sich im Schatten der Bepflanzung niederkauert, die den Stadtpark vom Bürgersteig abgrenzt und er auf der anderen Straßenseite die Bank wieder sieht, ist ihm klar, wo er ist und was er tut. Sie kommen immer an den Tatort zurück, heißt es nicht so? Da sind Polizeiabsperrungen, Kreidezeichnungen, da steht immer noch ein Streifenwagen.
Aber kein Mensch, weit und breit. Warum auch, es ist dunkel, neblig und feucht. Der Regen hat wieder eingesetzt, und Jens merkt plötzlich, wie nass und dreckig er ist. Warum hier? Nun – ist das nicht klar? Es gibt keinen sicheren Ort mehr, nicht in Solingen, nicht in Köln, nirgendwo. Nicht für jemanden wie ihn, ohne Geld, ohne Kontakte. Mit nichts als… er merkt, dass er die Pistole immer noch in der Hand hat, versucht, sie in die Tasche zu stecken, aber sie ist zu groß. Er vergewissert sich zweimal, dass sie gesichert ist, steckt sie dann hinten in den Hosenbund und zieht die Jacke darüber. Er weiß, wo er hin muss. Sicherheit ist schon lange kein Ort mehr für ihn. Sicherheit ist nur ein einziger Mensch.
Die große hölzerne Eule am Eingang ist ein Wächter im Nebel. Starr schaut sie an ihm vorbei. Er bildet sich ein, dass sie die Brücke hinaufschaut, aber er ahnt, dass sie zur Bank hinüber schielt. Er stolpert durch den dichten, feuchten Dunst des Stadtparks. Ein Totenkopf grinst ihn an, er erschrickt und weicht aus, stolpert, geht zu Boden, krabbelt und schreit fast auf, als er in eine groteske Fratze starrt, eine bäuerliche Medusa, deren Haare Würmer sind, keine Schlangen. „Nur eine Skulptur“, versucht ein Teil seines Verstandes ihn zu beruhigen, „und der Totenkopf, das war eine Kinderzeichnung auf einem Holzzelt, Du bist auf dem Spielplatz, das ist nur ein Spielplatz…“ und gibt es einen schlimmeren Ort als einen verlassenen Spielplatz in Nacht und Nebel? Nur wenige Meter von dem Ort entfernt, wo heute Nachmittag… er spürt die Waffe in seinem Hosenbund und schiebt die Erinnerung mit Gewalt von sich. Das war nicht er gewesen, er konnte nichts dafür. Jens versucht, Klarheit zu gewinnen. Das hier ist keine Geisterstadt im Nebel, das ist der Langenrather Stadtpark bei miesem Wetter, weiß Gott nichts Außergewöhnliches, da ist der Weg, da der große Baum und die seltsame Flamingoskulptur, und dort die weichen Wiesen, und mitten darauf, wie ein Turm, eine mächtige Zuflucht, das große Haus…
Er hält am Rande des Parks und geht unwillkürlich in die Hocke. Es kann sein, dass sie Özlems Wohnung beobachten. Andererseits – wer wäre so verrückt, sich ausgerechnet bei seiner Ex-Freundin verstecken zu wollen, in Sichtweite des Tatorts?
Er vertreibt sich die Zeit, indem er zählt. Erst die Balkone auf dieser Seite des Hauses, es sind neun, sie ziehen sich wie eine Sprossenleiter die ockergelbe Wand hinauf. Er sieht sie gelb trotz der Dunkelheit, weil er weiß, dass sie gelb ist. Dann zählt er die Fenster. Dann beginnt er, die Gebäude der Umgebung zu zählen, bis er ganz sicher ist, dass ihm hier niemand auflauert.
Sie starrt ihn nur an. So ist sie. Andere würden vielleicht sagen „Jens, um Himmels willen, wie siehst DU denn aus?“ Sie nicht. Sie fragt, indem sie schaut, sie braucht keine Antworten um zu verstehen.
„Komm rein.“
Sie weiß, dass er in der Scheiße steckt. Sie weiß nicht, in welcher, noch nicht, und es scheint sie auch nicht zu interessieren. Er liebt sie dafür. Er liebt sie dafür, und für alles andere und er fragt sich, warum er sie verlassen hat. Noch so eine dumme Entscheidung.
„Geh Dich duschen“, sagt sie, und: „Ich habe noch Klamotten von Dir hier. Du kannst wechseln.“
„Kann ich hier bleiben? Heute Nacht?“
Sie schweigt lange und nickt dann. Sie versucht, ein kleines Lächeln zu verbergen. Er ist noch nicht lange unter der Dusche, hier, wo der Nebel warm ist und wo er von Sicherheit träumen kann, als sie ihm nachkommt.
BÄM!
Plötzlich ist es so still. Eben noch das Geschrei und dann das Brüllen der Pistole und jetzt? Nichtmal der Verkehr auf der Landstraße ist noch zu hören, kann das denn sein? Dann wird Jens das Pfeifen in seinen Ohren bewusst und dass da nichts ist als Pfeifen, diese wattige Abwesenheit von Umgebung, und er versteht. Er hat die Pistole ja direkt vor sich gehalten, fast in Kopfhöhe, und die Schüsse waren so laut. Die anderen Schüsse waren nicht so nah gewesen, weder auf dem Parkplatz in der Stadt noch in der Bank oder davor, obwohl er sich in der Bank auch erschreckt hatte, so laut war das gewesen…
Er versteht, dass er sich jetzt nicht damit aufhalten kann, über Lärm und Taubheit nachzudenken. Er muss hier weg, sofort. Hier anzuhalten war überhaupt keine gute Idee gewesen, aber er hatte Frank loswerden müssen. Das hat ausnahmsweise mal wirklich gut geklappt. Frank liegt ihm vor den Füßen und Jens bemüht sich, nicht da hin zu sehen. Drei Schüsse, und zwei haben Frank im Gesicht getroffen, einer an der Schulter. Das sieht überhaupt nicht schön aus. Immerhin, das Frankproblem ist er los, und er fühlt tatsächlich Erleichterung.
„Da hast Du’s“, denkt er.
Hört er Sirenen, oder bildet er sich das nur ein? Es ist egal, sie werden hier sein, bald. Wenn sie ihnen nicht sowieso auf den Fersen waren, dann hat Franks Fahrstil ganz sicher nicht geholfen, ihre Spuren zu verwischen.
Einen Moment lang denkt er daran, einfach wieder ins Auto zu steigen und davon zu brausen, die Auffahrten zur A3 und A542 sind ganz nah. Dann fällt ihm wieder ein, wie sie an das Auto gekommen sind und dass er damit ja nun absolut nichts zu tun haben will. Okay – er hat damit zu tun, irgendwie schon, aber jetzt mit der Karre weiter zu fahren, gerade nachdem er Frank losgeworden ist, das ist bestimmt keine sonderlich clevere Idee. Er sieht sich nach einem anderen Fluchtweg um – es geht nur zu Fuß. Und wenn er nicht vorne an der Landstraße entlang laufen will, dann bleibt nur der Weg in den Wald. Direkt neben ihm führt ein Trampelpfad ins Dickicht der aussieht, als würde er nach wenigen Metern im Gebüsch enden. Man muss schon ein Eingeweihter sein um zu wissen, dass daraus ein breiter Waldpfad wird. Jens ist ein Eingeweihter, er ist nicht weit von hier aufgewachsen, seine Eltern wohnen immer noch hier. Die werden verdammt stolz auf ihren Sprössling sein, der ist bestimmt bald im Fernsehen.
Egal, ganz egal. Wichtig ist der Waldpfad, der früher das Endstück seiner täglichen Laufstrecke war, als er Jugendlicher war, so verdammt voller Elan und Hoffnung. Wie lange ist das jetzt her? Zehn Jahre? Ein Leben, eine beschissene Ewigkeit ist das her. Aber hier hat er Heimvorteil. Jens rennt den Waldpfad entlang bis er an einen breiten Schotterweg kommt. Der Weg führt eine flache Steigung hinauf. Jens, der wenig in seinem Leben im Griff hat und noch weniger, seit er mit Özlem Schluss gemacht hat, achtet sehr darauf, in Form zu bleiben, und das zumindest hat er im Griff. Er läuft und atmet automatisch, in schnellem, gleichmäßigem Rhythmus, dass er heute Stiefel statt Laufschuhen und Jeans statt Sporthose trägt, merkt er gar nicht. Adrenalin ist ein Freund.
Als er die Weggabelung erreicht, die links unter der A542 hindurch nach Langenfeld führt, ist er kurz versucht, diesen Weg zu nehmen, aber er lässt es und läuft weiter. Wenn er schon zu Fuß flüchtet, wäre es dumm, den offenkundigsten Weg zu nehmen. Er muss unberechenbar bleiben, je unberechenbarer, desto besser.
Wenn man es so betrachtet, ergibt Franks Benehmen fast Sinn. Jens lacht hysterisch, bemerkt erschrocken, dass er wie Frank klingt und stellt es ab.
Sie sind bestimmt schon auf dem Parkplatz. Sie sind bestimmt schon hinter ihm her. Ob sie Hunde dabei haben? Scheiße, an Hunde hatte er gar nicht gedacht.
Er überquert die A3 auf der Fußgängerbrücke und erreicht die nächste Weggabelung. Entscheidungen, Entscheidungen. Rechts geht es noch ein Stück durch den Wald, dannbei Mama und Papa vorbei („Schau doch einfach mal rein, Jens.“) und zurück in die Stadt. Ganz blöde Idee. Also links. Richtung Mülldeponie.
Jens läuft den breiten Weg entlang. Da sind Menschen, ein Paar, Radfahrer. Sie tragen Warnwesten. Wer zum Teufel macht denn sowas? Sein eigenes Leben ist vielleicht im Moment gerade etwas zu spannend, aber man kann die Vorsicht auch übertreiben. Jens lacht wieder hoch und schrill, diesmal merkt er es nicht. Er sieht auch nicht, wie das sicherheitsbewusste Radfahrerpärchen auf die Pistole starrt, als er vorbei rennt. Er ist gerade ganz woanders.
Er befindet sich auf einer Reise in seine Vergangenheit, von der Laufstrecke seiner Jugend zum Zielort des Schnitzeljagdgeburtstages und dann rechts in den Wald und den steilen Weg hinauf, dorthin, wo früher der Ort war, den sie Sandberge genannt haben. Heute ist da die Deponie. Es hatte einen Winter gegeben, da hatte mal richtig Schnee gelegen, und er war mit seinen Eltern und seinem Bruder diesen Weg hinauf gestiegen, den Schlitten ziehend, und dann war er die Sandberge hinab gesaust. Auf dem Rückweg hatten sie entdeckt, dass ein weiterer steiler Waldpfad eine noch bessere Rodelstrecke abgab. Wenn man die Rinne am Rand mit einer Kufe erwischte, dann raste man steil und sicher in die Tiefe. Wenn nicht, haute es den Schlitten auf halber Strecke mit vollem Tempo aus der Spur. Zu Hause hatte es heißen Kakao und Adventsgebäck gegeben. Das war der beste Winternachmittag seines Lebens gewesen. Am nächsten Tag hatte er mit seinem Bruder wiederkommen wollen, aber am Morgen hatte es geregnet und zwei Tage später war der Schnee fast ganz verschwunden. Dennoch – dieser Nachmittag. Was war bloß schief gelaufen, seither?
Jens ist in einer anderen Zeit, er spürt seine Stiefel kaum noch und den Boden darunter, er achtet nicht auf seine Lunge und seine Muskeln, die nun doch langsam zu protestieren beginnen, er spürt die Waffe in seiner Hand nicht, während er immer weiter bergauf läuft, dem Grat der Sandberge entgegen, immer schneller, als raste er auf einem Schlitten bergauf, als hätte er die Rinne gefunden, so perfekt, dass es egal ist, ob es hinauf geht oder hinab.
Er erreicht das Ende des Weges, nicht den Rand über der Sandklippe sondern den Zaun der Mülldeponie und wendet sich nach links, hetzt den ausgewaschenen Hohlweg am Zaun entlang, mit traumhafter Trittsicherheit. Erst als er den schmalen Steig hinunter läuft und an der Zufahrt zur Deponie herauskommt, stürzt er zurück in die Welt. Was macht er denn hier, was ist das für eine blödsinnige Flucht? Er lauscht und glaubt sie zu hören, Stimmen, Hunde. Wohin jetzt?
Er folgt seinem Instinkt und der sagt: Hinauf! Also rennt er über die leere Straße, unbemerkt von den Arbeitern auf der Deponie, und auf der anderen Seite wieder einen Trampelpfad hoch, am Zaun entlang. Verdreckt aber gut leserlich ragt ein Schild über den Stacheldraht und verkündet:
„Vorsicht Steilböschung!
Betreten der Deponie verboten!“
Das ist doch mal eine Idee! Er vermeint wieder, sie zu hören, von unten, vielleicht auch vor ihm, aber da gibt es ja noch den Fluchtweg zu seiner Rechten. Er erreicht eine Stelle, an der der aufgeschwemmte Wegesrand fast die Höhe des Stacheldrahts erreicht. Er klettert auf den Rand, nimmt die letzte Kraft zusammen und springt. Der Versuch, mit einem Fuß auf dem Stacheldraht zu landen und sich abzudrücken endet fast in der Katastrophe, denn der Draht ist nicht straff gespannt und seine Beine fühlen sich inzwischen an wie Pudding. Aber er hat Glück, rutscht nur ab und landet so direkt nach seinem Sprung flach auf dem Boden. Niemand hat ihn gesehen. Er kriecht und krabbelt am Rand des Zauns entlang, der Boden ist seifig und feucht nach dem Regen der letzten Wochen, er merkt es kaum. Hier ist die lehmige Steilwand noch zerklüftet, dieser Teil wird noch nicht für die Deponie genutzt. Wieder hört er sie, ganz bestimmt, Stimmen, Hunde. Es könnten natürlich auch Spaziergänger sein, aber wer weiß. Er muss hier weg. Und plötzlich fliegt Jens, frei. Er ist gesprungen, noch bevor er es wusste, und er spürt die Freiheit für einen Sekundenbruchteil, der ihm traumhaft lang vorkommt. Dann landet er hart, aber nicht zu hart, der Boden ist weich und abschüssig, er rollt noch ein ganzes Stück bis er, völlig verdreckt aber glücklich, in einer Mulde hinter einem kleinen Gebüsch liegen bleibt. Hier, eins mit dem Boden, fühlt er sich zum ersten Mal sein langer Zeit sicher und geborgen. Ein gutes Versteck. Eigentlich will er hier gar nicht mehr weg.
BÄM!
„Lüg mich nicht an!“, brüllt Frank und fuchtelt mit der Pistole in der Luft herum. „Was glaubst Du, wer Du bist, dass Du mir hier Scheiße erzählst? Glaubst Du, ich leg‘ Dich nicht um? Glaubst Du, das hab ich nicht drauf?“
Das Mädchen hinter dem Kassenschalter weint, aber sie hält sich gut. Von ihrem Kollegen kann man das nicht sagen, der sitzt schlotternd auf dem Boden, von Heulkrämpfen geschüttelt. Die anderen Angestellten sitzen starr auf Stühlen und Boden, einigen laufen die Tränen über das Gesicht, andere starren einfach nur blass ins Leere. Auch ein paar von den Kunden weinen, aber still. Denen ist ganz klar – die Hauptfiguren in der Geschichte hier, das sind die Bankangestellten. Und Frank und Jens natürlich. Wenn sie sich still verhalten, so hoffen sie bestimmt, dann bleiben sie Randfiguren und kommen hier lebend raus. Jens findet die Überlegung vernünftig.
So hätte das alles nicht laufen dürfen. Sie hätten schon vor fünf Minuten wieder draußen sein sollen, die Plastiktüten voller Geld. Dass der Typ, der den Helden spielen wollte, jetzt halb betäubt in der Ecke liegt, mit Blut und Kotze im Gesicht, das war vielleicht so eingeplant, obwohl Jens findet, dass Frank ein wenig überreagiert hat. Aber dafür haben die jetzt alle gewaltig Schiss hier, das ist gut. Gar nicht gut ist, dass Frank gleich am Anfang in die Decke geschossen hat. Erstens war das verteufelt laut, und direkt gegenüber liegt die Polizeiwache. Zweitens, und das macht Jens wirklich Sorgen, hätte das gar nicht möglich sein dürfen. Franks Pistole sollte eine Attrappe sein, täuschend echt, aber eben täuschend. Wie seine eigene. Doch Frank hatte ihm wohl nicht die ganze Wahrheit gesagt. Über gar nichts.
Das Mädchen ist tapfer. Eine kleine, pummelige Frau, höchstens 20, schätzt Jens. Vielleicht eine Auszubildende. Und die steht jetzt völlig ohne Hilfe dem rasenden Frank gegenüber.
„Die Geldbestände sind mit einem Zeitschloss gesichert,“ entgegnet sie, um Fassung ringend. Das klingt so gestelzt, bestimmt zitiert sie aus irgendeinem offiziellen Schrieb, das gibt Sicherheit. „Wir haben Ihnen alles gegeben, was wir hier draußen hatten, ehrlich.“ Sie legt ihre Hand auf die Lidl-Tüte, die vor ihr auf dem Tresen liegt, nicht einmal zu einem Drittel gefüllt. Die andere Tüte ist immer noch in Jens‘ Hosentasche.
Frank reißt ihr die Tüte mit der Linken unter der Hand weg, mit der Rechten richtet er die Pistole genau auf ihre Stirn.
„Scheiße, Zeitschloss. Verarsch mich nicht. Hier gibt’s kein Zeitschloss. Ich hab‘ das recherchiert.“
Was soll sie sagen. Sie sieht auf die Waffe, mit flatterndem Blick, und Jens weiß, dass sie die Wahrheit sagt. Franks Recherche ist für den Arsch, wie überhaupt alles an Franks beschissenem Plan.
Die ganze Sache dreht ins Unabänderliche, als der Typ mit dem Schnauzbart den Helden in sich entdeckt. Jens war kurz davor, aufzugeben, Frank zu packen, raus aus der Bank, in den Wagen und weg hier. Die Chance davonzukommen war jetzt schon minimal, aber was war das bisher? Versuchter Raubüberfall, schwere Körperverletzung, und wenn er wieder einen brauchbaren Anwalt bekäme, würde er die ganze blöde Gewaltnummer Frank in die Schuhe schieben können. Er selbst hat ja nichtmal eine echte Waffe. Und vielleicht würden sie ja wirklich nicht erwischt. Jens macht schon den Schritt nach vorne, um Frank am Arm zu fassen, als der Schnäuzerheld aufsteht. Er ist einer von den älteren Bankangestellten, aber bestimmt nicht der Filialleiter, er sieht einfach nicht wichtig genug aus.
„Jetzt lassen Sie mal die Frau in Ruhe, sie können doch nicht…“ sind seine letzten Worte, bevor Frank ihn erschießt. Einfach so. Er schießt zweimal, und der Typ fällt einfach um, Jens sieht nicht einmal, wo die Kugeln getroffen haben. Er ist genauso geschockt wie die anderen Menschen in der Bank, von Frank abgesehen. Der fängt wild an zu lachen, reißt sich die Sturmhaube vom Kopf und hüpft in der Bank herum wie Rumpelstielzchen.
„Da habt Ihr’s!“ brüllt er immer wieder. „Da habt Ihr’s! Da habt Ihr’s!“ Er schießt auf das Mädchen hinter dem Tresen, trifft es an der Schulter und sie taumelt zurück und fällt ebenfalls, aber Jens ist ziemlich sicher, dass sie nicht so schwer verletzt ist.
„Da habt Ihr’s!“ Noch ein Schuss, ungezielt in Richtung einiger am Boden kauernder Kunden.
„Da habt Ihr’s!“ Diesmal trifft er eine Kundin, sie schreit, sie rollt an die Wand, kauert sich zusammen und schreit und schreit und hört nicht auf.
Frank lacht kreischend. „Da habt Ihr’s, Ihr Fotzen!“ Er schießt gezielt auf zwei junge Männer, die für die Bank arbeiten, trifft beide mehrmals, es sieht überhaupt nicht gut aus.
Das muss sofort aufhören. Jens springt vorwärts, packt Frank hart an der Schulter, brüllt ihm „Raus hier!“ ins Ohr, damit Frank weiß, wer da an ihm zieht und ihn nicht aus Versehen auch noch erschießt. Frank lässt sich ziehen, wedelt mit der Pistole und der Lidl-Tüte herum und brüllt weiter: „Da habt Ihr’s! Da habt Ihr’s, Ihr Scheißfotzen!“
Sie sind vor der Bank, und weil der Tag so ein richtiger Glückstag ist, hat ein Taxi ihr Auto zugeparkt, das sie clever direkt vor die Bank gestellt haben. Der Taxifahrer hilft gerade einer Oma aus dem Auto, an der von den Haaren bis zu den Schuhen alles beige ist, und für einen Moment starren sie sich alle an. Jens, der immer noch die Sturmhaube trägt, der völlig irre keckernde Frank, die Oma, der Taxifahrer. Und Jens‘ Blick schweift auf die andere Straßenseite, an der Eule vorbei und über den Stadtpark. Er kann das Haus sehen, in dem Özlem wohnt. Eben, bevor sie in die Bank gegangen sind, hat er für einen Moment daran gedacht, statt dessen hinüber zu gehen, an dem Café vorbei und über den Zebrastreifen, dann nochmal über die Straße und durch den Stadtpark, zu ihr. Vielleicht würde ja doch noch alles gut. Aber statt dessen war er mit Frank…
„Bullenfotzen! Da habt Ihr’s!“
Ein neuer Schuss, der Taxifahrer wirft sich auf den Boden, offensichtlich nicht getroffen, reißt die Oma mit runter und legt sich halb auf sie, um sie zu schützen. Gute Reflexe. Der Typ sieht irgendwie orientalisch aus. Wer weiß, wo der schon hat in Deckung gehen müssen. Jens schreckt aus seinen Gedanken und blickt sich nach Frank um. Der zielt auf die Polizeistation gegenüber, vor der sich zwei Beamte ebenfalls auf den Boden geworfen haben. Na klasse. Wenn es eine Möglichkeit gibt, die ganze Scheiße noch beschissener zu machen, dann, indem der Irre einen Polizisten umlegt. Jens schubst ihn vorwärts.
„Weg!“, brüllt er. „Hör auf zu ballern! Wir müssen hier weg!“
Franks Blick wird für einen Moment klar, er schaut sich um, erfasst die Situation und beginnt zu rennen. Und im Rennen tut er etwas, das Jens mehr Angst macht als alles andere, weil plötzlich alles nicht mehr so spontan und zufällig passiert scheint. Frank wechselt das Magazin. Warum hat der ein zweites Magazin dabei? Was hat der vor?
Sie rennen am zweiten Kreisverkehr in die Fußgängerzone, über die Brücke mit dem französischen Namen und auf den großen Parkplatz. Jens folgt Frank, und die Aufschrift an einem geschlossenen Supermarkt scheint ihn persönlich verhöhnen zu wollen. „Besser haushalten!“ Ja, hahaha, wer seine Finanzen im Griff hat, der muss keine Banken machen, der muss auch keine Özlem verlassen, nur weil sie ihn mit seiner eigenen Unfähigkeit konfrontiert und dann auch noch die Frechheit besitzt, ihm Hilfe anzubieten, der muss nicht…
„Karre und Autoschlüssel, los!“, schreit Frank, und der völlig verängstigte Mann, der auf dem Parkplatz gerade seinen BMW aufschließt, gibt ihm bereitwillig beides. Es nutzt nichts. „Da hast Du’s, Du Pimmelfotze!“ jubelt Frank triumphierend, und Jens schließt die Augen, als die Pistole wieder losbrüllt. Er streift die Sturmhaube ab, wirft sich auf den Beifahrersitz und will den Mann nicht sehen, der neben dem Auto liegt und zuckt.
Frank gibt Gas, rast vom Parkplatz und entgegen der Einbahnstraße die Ladenstraße hoch. Menschen spritzen links und rechts aus dem Weg.
„Fotzen!“ ruft Frank ihnen zu. „Ihr bekommt alle noch was, alle bekommen heute was ab!“ Er lacht und trommelt euphorisch auf das Lenkrad. Jens wirft einen Blick in die Lidl-Tüte. Wenn das 3000 Euro sind, ist es viel. Frank hatte ihm zehnmal soviel versprochen. Und er hatte es geglaubt, obwohl er es hätte besser wissen müssen.
Der Wagen schießt aus dem Teil der Straße, der vor allem Einkaufszeile und Fußgängerzone ist, auf den, der eine von Langenraths Hauptverkehrsadern bildet. Ausnahmsweise haben sie mal Glück und prallen mit niemandem zusammen. Frank lenkt den BMW direkt um die nächste Ecke, nun rasen sie die Straße zum Bahnhof hoch.
„Wo willst Du eigentlich hin?“, will Jens wissen.
„Autobahn“, sagt Frank knapp und für einen Moment darf Jens hoffen, dass sein Kollege den Verstand wiedergefunden hat. Dann reißt Frank das Steuer herum und biegt scharf nach links ab, direkt auf den Bahnübergang zu.
„Doch nicht hierher!“, schreit Jens. „Was ist, wenn die Schranke zu ist?“
Die Schranke ist nicht geschlossen, sie schießen über die Gleise hinweg, und Jens ist klar, dass er Frank los werden muss, ganz schnell. Auf gar keinen Fall will er mit dem auf die Autobahn. Auf der Zubringerstraße kommt ihm eine Idee.
„Bieg da vorne mal gerade ein“, sagt er.
„Was?“
„Bieg da ab!“, befiehlt Jens und Frank ist hinreichend verdutzt, auf den kleinen Parkplatz am Wald einzubiegen, auf dem sich Jogger und Wanderer und alle möglichen anderen Leute treffen, über deren Beweggründe Jens gerätselt hat, als er noch ein Kind war und nicht weit von hier wohnte. Jetzt stehen hier aber nur vier geparkte Autos, von den Besitzern weit und breit nichts zu sehen. Das ist gut. Jens nötigt Frank anzuhalten und auszusteigen und erzählt etwas vom Geldaufteilen, falls sie getrennt werden, und für Frank klingt das offenbar logisch genug. Er legt die Pistole auf das Autodach, langt nach der Plastiktüte auf dem Beifahrersitz. Und Jens staunt über diese Arglosigkeit. Dann greift er blitzschnell die Waffe, hält sie Frank genau vor’s Gesicht und drückt ab. Frank hat nicht einmal Zeit, sich zu wundern.
BÄM!
„Es ist ein todsicheres Ding“, sagt Frank, und Jens weiß, dass das einer von diesen Sätzen ist, die stets in die Katastrophe führen. Aber er will hoffen.
Sie sitzen im Kölner Hof, in Opladen, und draußen schüttet es als wolle es nie mehr aufhören. Vor einer Woche hat sich der Sommer endgültig verabschiedet, seitdem ist der Regen kalt und gönnt sich kaum eine Stunde Unterbrechung. So musste das damals mit der Sintflut auch angefangen haben.
„Komm, mach mit“, sagt Frank, eindringlich nun. „Ich habe das alles genau geplant.“ Er senkt die Stimme. „Die haben da nichtmal ein Zeitschloss. Habe ich recherchiert. Und wir nehmen nur Spielzeugwaffen. Dann kann man uns nicht mal richtig was, wenn es nicht hinhaut.“
„Ich dachte, die Sache ist todsicher“, meint Jens.
„Ist sie auch. Nur für den Fall, dass wir Pech haben. Außergewöhnliches Pech.“
„Ich weiß nicht.“
„30000 Euro. Mindestens.“
„Ich denke, ich sollte vielleicht doch zu Özlem zurück. Aber ich bringe das irgendwie nicht.“
Frank verdreht nur die Augen. „Hör doch mal von der blöden Fotze auf.“
Jens‘ Miene versteinert. „Sag das noch einmal…“
Frank hebt die Hände. „Ey, sorry. Ich dachte nur, weil sie Dir so weh getan hat und so.“
„Sie hat mir nicht weh getan.“ Jens seufzt. „Manchmal denke ich, ich sollte einfach Schluss machen. Von irgend ’nem Hochhaus springen oder so. Dann sehe ich mein ganzes Leben nochmal als Film, unten macht es BÄM und Schluss ist mit dem ganzen Mist.“
„Mann, jetzt red‘ doch nicht so ’ne Scheiße“, schimpft Frank. „Wir machen das zusammen. Übermorgen. In Langenrath. Dann hast Du Kohle und keine Probleme mehr. Dann lädst Du Deine Özlem zu ’nem geilen Urlaub ein, entschuldigst Dich und alles ist wieder Tacko.“
Jens denkt lange nach. „Kein Zeitschloss?“
„Nein.“
„Sowas gibt’s doch gar nicht mehr.“
„Ich hab’s recherchiert.“
Als Frank hinter Jens aus der Kneipe in den Regen tritt, sagt er: „Dieser Film, den man am Ende sieht – meinst Du, der läuft vorwärts oder rückwärts?“
BÄM!
ENDE
*Dies ist eine allgemeinverständliche Zusammenfassung der Lizenz und Haftungsbeschränkung (die diese nicht ersetzt).
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Keine weiteren Einschränkungen — Sie dürfen keine zusätzlichen Klauseln oder technische Verfahren einsetzen, die anderen rechtlich irgendetwas untersagen, was die Lizenz erlaubt.
Und wer glaubt, dass ich viel für eine Flasche Single-Malt auf mich nehme, der sollte mal lesen, was Alischa bereit ist, für seine Liebe zu tun. Er ist ein wahrer Held. 🙂
Alischa hatte mit vielen Fragen gerechnet, aber nicht damit.
„Was… was hat DAS mit der ganzen Sache zu tun?“
„Alles, mein Bub, alles“, sagte Madame Susura und die Krähe krächzte zustimmend. „Siehst du, du hast dem Universum als Kind ein Versprechen gegeben. Und jetzt ist es verärgert, weil du dich so lange nicht mehr darum gekümmert hast.“
„Das ist doch Schwachsinn!“
„Ach ja?“, fragte sie kühl: „in dem Fall brauchst du meine Hilfe ja auch nicht.“
Sie begann aufzustehen und Alischa wurde ein klein bisschen panisch: „Nein! Nein, nein, ich hab nur gemeint… also, es ist halt ein wenig seltsam, oder?“
„Und was an der Geschichte, die du mir grad erzählt hast, ist nicht seltsam?“
Da hatte sie einen Punkt. Er sank in sich zusammen.