schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 13 – Saison ist doch immer

Sooo, jetzt habe auch ich mein Feuer angezündet. Sarah erzählt an ihrem ab heute eine neue Geschichte für Kinder – ich habe wieder etwas für die Großen. Kommt also her, Freundinnen und Freunde, setzt Euch, wärmt Euch, ich erzähle Euch eine Geschichte. Draußen ist es kalt und klar, aber wir dürfen nicht raus, denn die Seuche geht um. Aber sie wird vorbei gehen, dann sind wir wieder frei, und dann kommt auch irgendwann der Sommer, den viele von Euch so lieben. Ich bin eher ein Herbstmensch, aber heute habe ich auch Pläne für den Sommer gemacht, denn Optimismus und Hoffnung sind stärker als Schwarzseherei. Also… in Wirklichkeit.

Für die Figuren in der Sommergeschichte, die ich Euch erzählen will ist die Hoffnung kurz und Optimismus nicht unbedingt angebracht. Aber hört selbst…

Erstmals erschienen ist meine Sommergeschichte in dieser Anthologie von 2013 im Viaterra-Verlag. Ich stelle sie wieder unter folgender Lizenz ein:

Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0)* Bitte beachtet dabei, dass JEDE Verwendung den Hinweis auf die Erstveröffentlichung enthalten muss!







SAISON IST DOCH IMMER

von Michael Schreckenberg


Erstveröffentlichung in „Sonne Mord und Ferne“, von Mechthild Zimmermann und Regina Schleheck (Hrsg.), Viaterra-Verlag 2013.

Ich hatte gedacht, die wären ausgestorben.

Aber da stand eine, an der Ausfahrt der Autobahnraststätten, ganz wie es Tradition war. Hot-Pants und Chucks, khakifarbenes Tank-Top, eine Jeansjacke um die Hüfte geschlungen, stützte sie sich mit der Linken auf einen Rucksack, an dem außen ein Schlafsack befestigt war. In der rechten Hand hielt sie ein großes Stück Karton, auf dem stand: „Süden“. Den Daumen hielt sie aber nicht hoch. Doch zwischen dem Ende der Hot Pants und dem Beginn der Chucks befanden sich Beine, und oben jenseits des Tops, ein Wust blonder Locken und Augen und Sommersprossen, und ich war ein Mann.

„Wohin?“

Sie lachte und wackelte mit dem Schild. „Erstmal einfach nach Süden.“

Jetzt, da sie sich in den Wagen beugte, sah ich, dass sie älter war, als ich geschätzt hatte – eher Mitte 30 als Anfang 20. Ich lächelte zurück.

„Ich fahre nach Süden.“

„Und, nimmst du mich mit?“

30 Kilometer weiter wusste ich, dass sie Anja hieß. Ich wusste, dass Anja Grundschullehrerin war und zwei Kinder hatte. Ich wusste, dass Anja die letzten drei Wochen der Sommerferien nutzen wollte, um – wie sie es formulierte – „einfach mal rauszukommen, spontan, ohne Ziel.“ Und ich wusste, dass Anja nach Sommer duftete, dass sie einen Humor hatte, der mir gefiel. Und obwohl ich ganz bereit war, mich nur dem Genuss ihres Duftes, ihres Anblicks und ihrer Stimme hinzugeben, war da ein Widerspruch in den 30 Kilometern Information. Der Kilometer über „rauskommen und treiben lassen“ passte nicht zu den 20 Kilometern über ihre tollen Kinder.

„Und deine Kinder?“, wollte ich also wissen. „Was machen die, während du dich nach Süden treiben lässt?“

„Sind bei ihrem Vater.“ In dem Halbsatz war eine Endgültigkeit, die klar machte, dass dies alles war, was ich zu diesem Thema hören würde. Mich störte das nicht – „ihrem Vater“ hatte einen weit besseren Klang als „meinem Mann.“

„Und wohin willst du?“, fragte sie, während auf der Sommer-CD Don Henley bereits den Abgesang auf die „Boys of Summer“ anstimmte. „I can see you. your brown skin shining in the sun…“ – auch Anjas Haut war von einem leichten natürlich Goldton, der – Moment. Wie war die Frage? Ach ja.

„Oh, mir geht’s wie dir“, sagte ich leichthin. „Ich lasse mich treiben. Für heute habe ich mir einen Campingplatz in Bayern ausgeguckt, in der Nähe von Donauwörth. Hübsch abgelegen an einem See. Vielleicht fahre ich morgen weiter, vielleicht bleibe ich ein paar Tage da. Mal sehen.“

„Campingplatz am See“, sinnierte sie. „Klingt nicht schlecht.“

Ich hatte an ihrem Rucksack kein Zelt gesehen. Ich fragte nicht danach. Im Gegenteil:

„Da findest du bestimmt einen neuen Lift. Oder –“

„– oder wir fahren einfach zusammen weiter“, beendete sie den Satz strahlend. „Willst du vielleicht nach Italien? Ich war noch nie in Rom.“

„Rom ist gut“, sagte ich so geschäftsmäßig, wie es mir möglich war.

„Das Gute an dem Job als Lehrerin ist“, sagte sie und zwinkerte mir zu, „wenn du es willst, dann hast du wirklich viel Ferien. Ich kann ,die ganzen restlichen Sommerferien freimachen. Und was machst du so?“

„Freiberufler“, sagte ich knapp. „Berufsmusiker.“ Das war meine Standardantwort, und sie bewegte sich auf einer mittigen Linie zwischen der etwas peinlichen Wahrheit und ebenso wahrer Aufschneiderei. Die etwas peinliche Wahrheit war, dass ich ein echtes Glückskind war. Ich war so reich, dass ich mich Berufsmusiker nennen konnte, obwohl ich von den spärlichen Einnahmen meiner Kunst kaum hätte leben können. Dieser Reichtum war nicht mein Verdienst – ich hatte geerbt. Meine Eltern waren schon lange tot, kurz vor meinem 18. Geburtstag bei einem seltsam bizarren Badeunfall gestorben. Es waren auch eigentlich gar nicht meine Eltern gewesen – sie hatten mich im Säuglingsalter adoptiert. Ich hatte eine rundum sorgenfreie Kindheit und Jugend, an die sich, dank des riesigen Erbes, eine ebenso sorgenfreie Zeit als Erwachsener anschloss. Ich bohemte seit nunmehr 24 Jahren vor mich hin, ohne je durch die harte Schule existenzieller Not gegangen zu sein, die so viele meiner Musikerkollegen kannten. Dafür schämte ich mich. Manchmal. Ein wenig.

Aufschneiderei hingegen wäre gewesen, wenn ich mich sofort als Mitglied von „King’s Child“ geoutet hätte. Die Band begann gerade, sich eine große Fanbase jenseits von Szeneghetto und Mainstream aufzubauen. Aber ich war der Drummer, und niemand kennt den Drummer. In den Medien war ich normalerweise nur ein Name, der nebenbei erwähnt wurde, und ganz glücklich damit. Mir lag nichts an Ruhm.

„Echt, Musiker?“, wollte sie wissen. „Und davon kann man wirklich leben?“

„Ja, ganz gut“, behauptete ich. „Und im Moment haben wir eben keine Auftritte und keine Aufnahmen. Ich kann eigentlich machen, was ich will und so lange ich will, wenn ich nur im September wieder zurück bin.“

Ich registrierte zufrieden, dass dies ein leichtes Lächeln in ihr Gesicht zauberte. Das konnte der Beginn eines sehr viel besseren Urlaubes sein, als ich mir erträumt hatte.

Florian und Uwe trafen wir kurz hinter Würzburg. Sie hätten dem Augenschein nach Vater und Sohn sein können, waren es aber nicht. An Florians Golf war der Reifen geplatzt, er hatte es gerade noch auf den Standstreifen geschafft, und Uwe, der zufällig hinter ihm gefahren war, hatte ebenfalls angehalten, um ihm zu helfen. Zu viert hatten wir den Reifen schnell gewechselt. Nach getaner Arbeit tauschten wir unsere Pläne für die weitere Reise aus. Es stellte sich heraus, dass Florian – Flo, wie wir ihn bald nennen durften – auf dem Weg zu seiner Freundin in Österreich war, mit der er zum Ballaton weiter reisen wollte. Uwe war ein passionierter Camper, der denselben Campingplatz ansteuerte wie ich, um ihn zu testen. Wir lachten über den Zufall, und da Flo ebenfalls mit einem Zelt ausgerüstet war und der Platz auch auf seinem Weg lag, beschlossen wir, als Konvoi weiter zu reisen.

„Komische Sache“, meinte Anja, als wir wieder auf der Piste waren.

„Was?“

„Na ja, dass wir alle dasselbe Ziel haben.“

Aber unsere kleine Reisegruppe aus seltsamen Zufallsbekanntschaften war noch nicht komplett. Bei Feuchtwangen verließen wir die Autobahn und fuhren über Land weiter. Ich hatte alle Fenster geöffnet, der Fahrtwind spielte mit Anjas Locken, ich versuchte, mich auf die Landstraße zu konzentrieren. Plötzlich richtete sie sich auf.

„Was ist das denn?“

Es war ein Van mit holländischem Kennzeichen, daneben sechs wild winkende Menschen, vier Männer und zwei Frauen. Wie sich herausstellte, handelte es sich um eine Gruppe niederländischer Investmentbanker. Sie waren auf dem Weg zu einem Teambuilding-Wochenende im bayrischen Wald: Zelten, Geländespiele, Gruppendynamik. Ihr Navi hatte schon vor Stunden den Geist aufgegeben, und sie hatten sich heillos verfahren. Wir schlugen ihnen vor, uns zu begleiten. So erreichten wir gut eine Stunde später mit vier Fahrzeugen den „Campingplatz am Pfortensee“.

Ich ging in das kleine Verwaltungsgebäude, während die anderen auf dem Parkplatz warteten und die Blicke über das Gelände schweifen ließen, über den See, der dem Ort seinen Namen gab, und die bewaldeten Hügel dahinter. Ich hörte anerkennendes Gemurmel und Gelächter, während ich das flache Gebäude betrat. Drinnen führte ein kurzer Flur in ein Büro, das ein großer Tresen beherrschte. Der Raum war erstaunlich hell, durch drei große Fenster fiel das Licht des Sommernachmittags herein. An der Tür hing eine Karte der Umgebung, die ich für mindesten 20 Jahre alt hielt. Auf dem Tresen lagen Flyer örtlicher Sehenswürdigkeiten. Kein Mensch war zu sehen. Ich wartete einen Moment, dann schlug ich probehalber ein paarmal mit der flachen Hand auf den Tresen. Zu meiner Verwunderung hatte ich Erfolg – durch dieselbe Tür, durch die ich den Raum betreten hatte, wuselte ein dicker Mann herein, klein, mit schütterem Haar, in ein kariertes Hemd und Bermudashorts gekleidet. Ein Bild neben dem Begriff „Campingwart“ im Lexikon hätte nicht passender sein können. Ein rotes, verschwitztes Gesicht grinste mich an.

„Ah, sind Sie schon da?“, sagte er mit deutlichem bayrischen Zungenschlag.

„Ich … ähm … ich hatte gar nicht reserviert“, erwiderte ich. „Muss man das? Ich dachte …“

„Nein, nein.“ Er holte eine ledergebundene Kladde unter dem Tresen hervor und blickte wieder auf. „Das passt schon. Wir sind nicht besonders voll im Moment.“ Sein enervierend fröhliches Grinsen machte klar, dass ihm dieser Umstand keinerlei Sorgen bereitete. Auch mir war der leere Parkplatz aufgefallen.

„Ist das immer so? Es ist doch gerade Hauptsaison.“

„Ach was“, er lachte scheppernd und zwinkerte mir zu. „Saison ist doch immer, oder?“

„Wenn Sie meinen.“

„Ja, ja … so … wie viele Plätze sind’s denn?“ Er zückte einen rot-golden schimmernden Federhalter, der unpassend edel aussah, und ließ ihn über der Kladde kreisen.

„Oh … das weiß ich gar nicht genau. Also, ich weiß nicht, wie viele Zelte. Wir sind zehn Personen.“

Er nickte. „Köpfe geht auch. Also… neun und Sie?“

„Ja.“

„Sechseurofünfzigpropersonundtag, viereuroprozelt, besuchermüssenextrazahlen, münzenfürdenduschautomatengibtsbeimir“, leierte er herunter. „Und wie lange bleiben Sie?“

„Keine Ahnung. Erst mal eine Nacht, dann wollte ich weiter sehen.“

„Gut.“ Er trug es ein. „Unterschreiben Sie hier, dann …“

„Ich glaube, Sie haben das falsch verstanden“, unterbrach ich ihn. „Wir sind keine richtige Gruppe. Wir haben uns nur zufällig unterwegs getroffen. Ich kenne die anderen kaum.“

„Nicht schlimm. Sie sind zu nichts verpflichtet, wir rechnen mit jedem einzeln ab, nicht wahr? Zahlung bei Abfahrt. Sie bestätigen nur die … die Ankunft.“

„Okay.“ Ich ließ mir den Stift geben und unterschrieb. Er nickte zufrieden, nahm den Federhalter wieder an sich und setzte seinen Namen ebenfalls in das Buch, direkt unter meinen.

Er schloss die Kladde mit einen Knall, der verstörend dumpf in dem kleinen Raum widerhallte. Dann nickte er mir zu – ich war entlassen. Ich ging hinaus, um den anderen die Preise und Bedingungen zu verkünden.Der König des Campingplatzes kam aus seinem Häuschen, öffnete ein Schloss an dem Schlagbaum, der Parkplatz und Einfahrt trennte, und winkte uns hinein. „Gleich hier links um das Gebäude auf die große Wiese, wenn sie wollen“, sagte er. „Ist ja alles frei. Sie können auch den Grillplatz nutzen. Kohlen gibt’s bei mir.“

Die Wiese war tatsächlich ideal – Platz genug für alle, auf drei Seiten begrenzt von Duschgebäude, Außenhecke und dem Grillplatz mit fest installiertem Schwenkgrill, auf der vierten von einem schmalen Pfad, hinter dem sich der See anschloss, den man bis hierher freundlich glucksen hörte. Während die anderen geschäftig begannen, ihre Zelte auszupacken, nahm Anja ihren Rucksack aus meinem Kofferraum und schaute etwas unschlüssig.

„Sollen wir unsere Zelte nebeneinander aufschlagen?“, schlug ich vor. „Vielleicht da, im Schatten der Hecke.“

„Ja …“, sie druckste ein wenig herum. „Das habe ich dir gar nicht gesagt. Ich habe nämlich gar kein Zelt.“

„Ach“, war alles, was mir einfiel, während sich hinter meiner Stirn mehr oder minder clevere Antworten jagten wie Wolkenfetzen. „Also … ähm …“, stammelte ich schließlich, „ich habe so ein Drei-Mann-Igluzelt. Tolles Teil, wasserdicht, und auch bei Windstärken bis … ähm … also, ich meine, was ich sagen wollte, es ist groß genug, falls du …“

Ohne dass wir darüber gesprochen hätten, errichteten wir unsere Zelte in einem Kreis – links von mir schlossen sich die vier männlichen Investmentbanker mit einem großen Kuppelzelt an, daneben ihre Kolleginnen, es folgte Flo mit einem flachen, winzigen Teil, kaum größer als ein Doppelschlafsack. Uwe schloss den Kreis rechts von mir mit einem Gebilde, das eher einem Gartenhäuschen glich als einem Zelt für eine Person. Anja und ich breiteten gerade die Schlafsäcke in meinem Iglu aus, als einer der Holländer, Roy, hörbar an der Zeltwand zupfte.

„Sorry“, sagte er, „störe ich? Ich hab nur eine Frage.“

Ich krabbelte aus dem Zelt, sie hinterher. Roy hielt mir sein Smartphone hin. „Schau. Es klappt nicht. Kein Empfang. Die anderen haben auch keinen.“

Ich zückte mein eigenes Handy und schaute darauf.

„Auch nichts.“ Ich wandte mich zu Anja. „Hast du Netz?“

Sie grinste. „Ich habe nicht mal ein Handy.“

Es stellte sich heraus, dass niemand Empfang hatte. Roy und ich gingen zurück zum Verwaltungsgebäude, wo der Büttel uns fröhlich bestätigte, was wir gerade festgestellt hatten: Das Mobilnetz hier sei sehr schlecht. Aber schließlich wären wir ja im Urlaub. Wir könnten natürlich sein Münztelefon benutzen. Leider seien die kleineren Schächte kaputt, es nehme nur Ein- und Zweieuromünzen. Roy verzog sich knurrend. In seinem Gemurmel erkannte ich das Wort „Duitsers“, und es klang nicht nach einem Kompliment. Ich blieb zurück und schaute den Herrn des Campingplatzes strafend an.

„Sie verarschen uns doch.“

„Nein, ehrlich.“ Er wirkte tatsächlich zerknirscht. „Natürlich sind die Schächte nicht kaputt, aber der Besitzer hat sie zugelötet. Davon habe ich auch nichts, ich darf nur die schlechte Nachricht verkünden.“

„Sie sind gar nicht der Besitzer?“

„Ach was, ich bin nur der Verwalter hier.“ Er überlegte. „Wissen Sie was, ich schenke Ihnen einen Sack Kohlen. Davon haben wir so viel – genug für die Ewigkeit. Das merkt keiner. Dann können Sie grillen. Fleisch und Zeug bekommen Sie oben im Ort.“

Ich betrachtete ihn genauer. Ich hatte das Gefühl, ihn schon einmal gesehen zu haben – ein sehr bestimmtes Gefühl, das nichts damit zu tun hatte, dass er wie die männliche Standardbesatzung jedes Campingplatzes oder Schrebergartenvereins aussah.

„Kennen wir uns?“, fragte ich also.

Er schaute interessiert zurück. Interessiert und ein wenig belustigt, wie mir schien. „Ich weiß es nicht. Wo kommen Sie denn her?“

„Langenrath. Das ist in der Nähe von Köln.“

„Köln? Wo der Dom ist?“

„Genau. Dieses Köln.“

„Nein,“ sagte er, „da war ich noch nie. Vielleicht waren Sie schon einmal hier bei uns?“

„Nein,“ sagte ich nachdenklich. „Ich war noch nie in Bayern.“ Dennoch ließ mich das Gefühl nicht los. Er zuckte mit den Schultern.

„Dann ist es wohl eine Verwechslung.“

„Ja“, bestätigte ich, wider meine Ahnung. „Muss wohl.“

Der Rest des Nachmittags und des Abends verlief wie im Bilderbuch, fast schon zu gut um, wahr zu sein. Und letztlich war es natürlich auch so – aber was hätte mich misstrauisch machen sollen? Die Tatsache, dass ich mich mit Uwe nicht nur blendend verstand, während wir zum Nachbarort fuhren, sondern dass er sich auch als DER Uwe herausstellte, der berühmte Schriftsteller? Er schrieb unter Pseudonym, aber wenn man es wusste – es war ein einfaches Anagramm seines Nachnamens. Der Umstand, dass wir in dem winzigen Supermarkt alles, aber auch wirklich alles was wir brauchten, im Sonderangebot fanden? Die Tatsache, dass niemand außer Anja und mir Lust hatte, im See schwimmen zu gehen, und dass sie am anderen Ufer eine sehr geschützte Bucht fand? Als wir zurück kamen, hatten Roy und Uwe den Schwenkgrill schon angeworfen, und selbstverständlich erwiesen sie sich als perfektes niederländisch-deutsches Grillteam. Der Verwalter spendierte einen Kasten des örtlichen Starkbiers, scheinbar immer noch von schlechtem Gewissen gebeutelt. Der Abend war angenehm warm, ein leichter Wind erfrischte uns, der See gluckste träge.

Das Bier tat seine Wirkung, langsam aber beharrlich, die Holländer verabschiedeten sich nach und nach in Richtung Zelte, ebenso Anja. Eigentlich wollte ich ihr direkt folgen, aber dann verwickelte Flo Uwe und mich in ein Gespräch, wir kamen über Uwes Bücher und meine Musik auf Flos Schwester, die Malerin war und fast an Krebs gestorben wäre, bis der sich dann im letzten Moment wie durch ein Wunder wieder zurückgebildet hatte. Als ich endlich ins Zelt kroch, lag Anja schnarchend auf ihrem Schlafsack. Der Anblick war entzückend, und ich haderte nicht mit meiner Verspätung. Wir hatten die Bucht gehabt, wir würden Rom haben und alles dazwischen und vielleicht noch mehr. Alles war gut.

Als ich am nächsten Morgen erwachte, war Anja verschwunden. Der Schlafsack war noch da, ihre Kleidung und ihr Gepäck, sie aber fehlte. Zunächst machte ich mir gar keine Gedanken. Sie hatte gestern schon angekündigt, dass sie vor dem Frühstück gerne schwimmen würde. Ich verließ das Zelt, und richtig: Der Badeanzug, den sie gestern zum Trocknen über eine der Spannschnüre von Uwes Palast gehängt hatte, war auch verschwunden. Auf dem Weg zum See kam Uwe mir entgegen, er drückte sich Wasser aus dem Haar.

„Ist Anja noch im Wasser?“

Er schaute erstaunt. „Die habe ich heute noch gar nicht gesehen. Ich dachte, sie wäre bei dir.“

„War sie auch. Nur …“ ich schaute mich etwas ratlos um. Unser kleines Lager war leicht zu überblicken. Die Holländer und die Banker wuselten zwischen Duschgebäude und Zelten hin und her, Flos Zelt war noch geschlossen, aber darin war träge Bewegung. Keine Spur von Anja. Eine kurze Umfrage ergab, dass sie auch nicht bei den Duschen war. Niemanden schien ihr Verschwinden sonderlich zu beunruhigen. Ich beschloss, sie auf dem restlichen Campingplatz zu suchen, allzu weit konnte sie ja nicht sein – so ganz ohne ihr Gepäck.

Die Leere war erstickend. Kaum hatte ich mich ein wenig von unserem Camp entfernt, begann ich zu begreifen, wie leer dieser Campingplatz wirklich war. Und wie still. Es war ein Postkartenvormittag in einem Postkartensommer, der Himmel postkartenblau mit postkartenweißen Postkartenwölkchen. Die Luft versprach schon die Hitze des Mittags, aber in dem Versprechen lag keine Drohung, dafür sorgte der leichte Wind, gerade erfrischend genug, gerade nicht zu zugig. Doch kein Vogel zwitscherte, kein Tierchen raschelte im Gras, die Bäume rauschten nicht. Das allgegenwärtige Glucksen des Sees schien das einzige Geräusch zu sein. Und wo waren all die Menschen? Der Platz war spärlich besetzt, was seltsam genug schien, doch gut – er lag etwas abseits der großen Reiserouten, ein Geheimtipp vielleicht. Aber ein paar Wohnwagen waren doch hier, einige Zelte und sogar das eine oder andere Mobile-Home eines Dauercampers, mit Vorzelt, Lichterkette und Zaun. Aber kein Mensch, nirgends. Kein Kinderlachen, kein Gerede, keine Vormittagsgeräusche. Nichts. Und keine Anja.

Ich rief nach ihr, zuerst zaghaft, dann immer lauter. Erfolglos. Schließlich kehrte ich zu meiner Gruppe zurück, glücklich, endlich wieder Lebenszeichen, Stimmen zu hören. Ich war jenseits von Sorge und Irritation, der leere, stille Platz hatte mich vollständig entnervt. Ich hatte Angst. Uwe sah es und kam mir besorgt entgegen.

„Nichts?“

„Nein.“ Ich ließ mich ratlos auf eine der Bänke am Grillplatz fallen. „Und der ganze Platz ist … leer. Hier ist niemand außer uns.“

„Vielleicht noch was früh“, meinte er unsicher.

„Es ist Hochsommer, Uwe.“

„Ja …“

Flo kam hinzu und hatte auch keine Erklärung. Eine neuerliche Befragung der Holländer ergab nichts – sie hatten Anja nicht gesehen, und Roy vermutete zwinkernd, dass sie mich wohl sitzengelassen hätte. Flo hatte eine Idee:

„Vielleicht ist sie in den Ort gegangen, zum Shop oder so. Wie wäre es“, er wandte sich an mich, „wir gehen sie suchen. Ist doch nicht so weit, hast du gesagt.“

Wir verzichteten auf unsere Autos, um nicht aus Versehen an Anja vorbeizufahren. Die Landstraße kam mir schon nach kurzer Zeit viel länger vor als gestern, als ich auf dem Weg zum Supermarkt hier vorbei gefahren war. Hätten wir nicht schon lange die Bushaltestelle sehen müssen? Und was war mit dem Bauernhof mit den auffälligen Solarkollektoren auf dem Dach? Hier war nichts, nur die immer gleichen Platanen und monoton sonnengeflutete Felder, endlos, wie es schien. Andererseits – gestern hatte ich mich mit Uwe unterhalten. Zeit verfliegt schneller, wenn man sich gut unterhält, nicht wahr?

Mit Flo war nicht so gut plaudern wie mit dem Schriftsteller. Er schien sehr in Gedanken. Je länger wir gingen, desto abwesender und wortkarger wurde der Junge. Schließlich gingen wir schweigend nebeneinander. Als Flo dann doch den Blick hob, wirkten seine Augen glasig. „Guck mal, der Nebel,“ sagte er.

„Was für ein …“, begann ich, und im nächsten Moment waren wir mittendrin. Quer über der Straße musste eine Nebelbank gelegen haben, die ich nicht bemerkt hatte. Plötzlich war sie da, dicht, undurchdringlich, die Feuchte war wattig, fast greifbar. Ich schaute nach unten und sah meine Füße nicht.

„Wir haben eine Messe für meine Schwester lesen lassen,“ kam Flos Stimme aus dem Nassen grau. Sie schwand schnell, mit jedem Wort schien er sich meterweit zu entfernen.

„Flo!“ rief ich. „Warte!“

„Wir haben eine Messe lesen lassen“, er wurde leiser und leiser. „Aber ich war nicht sicher … dachte … mehr … habe … verk.–“

Nichts mehr. Keine Stimme, keine Straße, keine Pappeln, keine Felder, kein Himmel, keine Sonne. Nur grau.

„Flo!“, schrie ich. „Anja!“

Keine Antwort. Nur grau.

Ich verlor meine Richtung und mein Zeitgefühl, ich irrte in dem Nebel umher bis ich dachte, es gäbe nichts mehr, nur noch Nebel und Nebel und hinter all dem Nebel keine Welt. Und als ich schließlich völlig überzeugt war, dass ich dieses Grau nie mehr verlassen würde, dass ich dazu verurteilt war, mich darin aufzulösen und selbst Nebel zu werden – da war er fort, so plötzlich wie er gekommen war. Die Luft war warm und trocken, der Wind leicht und erfrischend. Der Himmel war blau. Und ich stand wieder auf dem Parkplatz vor dem Campingplatz. Ich konnte den See bis hierher glucksen hören.

Auf unserer Wiese waren die Niederländer in vollem Aufbruch. Die Zelte hatten sie abgebrochen und verpackt, jetzt wanderte das letzte Gepäck in den Van. Roy kam strahlend auf mich zu.

„Schön, dass du wieder hier bist. Wir wollen jetzt weiterfahren. Tschüss.“

Verwirrt schüttelte ich seine ausgestreckte Hand. „Wo ist Uwe?“

„Uwe? Ja, den habe ich nicht mehr gesehen.“

„Und Anja? Ist die wieder aufgetaucht.“

Er lachte. „Nee, mein Freund, ich glaube, die ist weg. Mach dir nichts daraus. Es gibt andere schöne Mädchen, oder?“ Er zwinkerte noch einmal, winkte zum Abschied und ging zum Van. Die anderen winkten auch und stiegen ein. Ich drehte mich um und lief zum Verwaltungsgebäude. Der Obercamper saß hinter dem Tresen und las mit großem Interesse einen seiner eigenen Flyer.

„Haben Sie meine Begleiterin gesehen? Die Blonde? Oder den älteren Mann, der mit uns gekommen ist? – Was ist hier eigentlich los, verdammt?!“ Ich schlug mit der Faust auf den Tresen. Er schaute auf und lächelte.

„Tut mir leid, ich habe niemanden gesehen.“

„Hat Anja vielleicht Duschmünzen bei Ihnen gekauft? Oder …“

„Nein, wirklich.“ Er schaute mich mit einem Mitleid an, das ich nicht verstand. „Ich habe niemanden gesehen.“

„Da war ein Nebel …“

„Vielleicht sollten Sie sich von Ihren Freunden verabschieden?“, unterbrach er mich. „Diesen Holländern, meine ich.“

Wovon sprach der Mann? Roy und seine Truppe waren auf der Wiese, ich hatte sie nicht vorbeifahren hören. Und der Schlagbaum …

„Sie müssen sich beeilen“, insistierte er. „Sie sind bestimmt schon oben auf der Straße.“

Ja, natürlich. Irgendwie kam mir das plötzlich sehr sinnvoll vor. Ich eilte aus dem Flachbau und zum See. Der gluckste nicht mehr, die Oberfläche war aufgewühlt, die Wellen platschten und rauschten. Es war völlig windstill. Auf der Straße über dem jenseitigen Ufer des Sees tauchte der Van auf. Ich hatte Roys Abschied gar nicht erwidert. Als ich winkte, begann der Wagen zu schlingern. Ich winkte heftiger, und der Van schleuderte auf die Leitplanke zu, durchbrach sie und rutschte mit hässlichem Scheppern und Poltern zum See hinab. Ich winkte noch wilder, und der Wagen überschlug sich. Ich glaubte, Schreie zu hören.

Die Oberfläche des Sees teilte sich, und etwas kam heraus und kroch auf den Van zu und die schreienden Menschen darin. Lange vielgliedrige Beine, in bunten Farben schillernd. Und Tentakeln, mit großen schmatzenden Saugnäpfen. Ich kicherte, und die Holländer kreischten, und die Beine knackten, und die Saugnäpfe schmatzten, und der See gluckste, und ich kicherte und kicherte und kicherte, und dann …

Ich weiß nicht, wie lange ich dort gelegen hatte, auf dem Weg am See. Als ich schließlich erwachte und mich erhob, war der See ruhig und gluckste leise vor sich hin. Die Sonne wärmte, der Wind erfrischte – und die Leitplanke oben an der Straße war unbeschädigt. Kein Van lag am Ufer, natürlich nicht. Aber mich konnte das alles nicht mehr täuschen, ich wusste jetzt. Ich wusste alles. Seufzend machte ich mich auf dem Weg zum Verwaltungsgebäude. Der König des Campingplatzes warf mir einen besorgten Blick zu, als ich an den Tresen trat.

„Alles in Ordnung mit dir?“

„Klar.“ Es stimmte. Ich fühlte mich von Moment zu Moment besser.

„Tut mir leid,“ sagte mein Freund, „ich habe gestern gar nicht begriffen, dass du noch im Urlaub warst. Ich dachte … na ja, haste ja gemerkt.“

„Ja“, ich winkte ab. „Konntest du ja nicht wissen. Ich hatte noch ein wenig Gleitzeit hinten dran gehängt. War alles ein wenig durcheinander.“

Er nickte mitfühlend. „Kenne ich. Hat sich’s denn wenigstens gelohnt?“

Ich dachte an Anja und die Bucht und grinste breit. „Und ob.“

Er grinste ebenfalls. „Na dann …“

„Was war denn eigentlich mit der?“, fragte ich.

„Mit wem?“

„Anja.“

„Ach so.“ Er klappte seine ledergebundene Kladde auf und fuhr mit dem Finger einige eng beschriebene Zeilen entlang. „Die konnte keine Kinder bekommen. Lag eigentlich an ihrem Typen, aber na ja …“, er zwinkerte mir zu, „muss man ihr ja nicht auf die Nase binden, oder? Hat ihre Seele für zwei Kinder verkauft, war immerhin anständig genug, nur ihre zu verticken, nicht auch noch die von den Kleinen. Dafür gab’s aber dann auch nur zehn Jahre.“

„Hm“, machte ich. „Und Uwe?“

Mein Kollege lachte. „Reicher Schriftsteller, was denkst du denn, wie man das wird? Übersetzungsrechte für X Länder, mehrere gut verkaufte Filmrechte und einige minderjährige Groupies. Alles nur für seine schäbige Schreiberseele. War so ein Aktionspaket, er hat sofort zugegriffen. Und nun war die Zeit eben um.“

„Schnäppchenjäger“, sagte ich, so geringschätzig wie ich es meinte. Ich hasste die Typen, die waren bei den Verhandlungen immer schrecklich überheblich. Nun ja – am Ende ging es ihnen wie allen anderen, das war immerhin ein Trost.

„Die Banker eben deshalb?“

„Investmentbanker“, präzisierte er. „Natürlich. Wir dachten, da du schon mal unterwegs bist …“

„Kein Problem. Nur Flo … was war denn mit dem? Das ist blöd, ich habe noch nie einen verloren, und jetzt, direkt nach dem Urlaub …“

„Mach dir keine Sorgen“, beruhigte er. „Du warst ja noch gar nicht wieder du selbst. Außerdem war das nicht dein Fehler, da hat jemand beim Verkauf Mist gebaut. Die haben das mit der Schwester schon vorher geregelt, mit der anderen Seite. Messen gelesen und so. Die war schon geheilt.“

„Seit wann stört uns das?“

„Na ja, in dem Falle schon. Du kannst schlecht die Leistungen der anderen verticken, oder? Da drohte richtig Ärger, Prozesse, Bürokratie, Flammenschwert – wir haben ihn lieber gehen lassen. Hatte nichts mit dir zu tun.“

„Ah, okay.“

„Wirklich kein Problem, du kannst ganz entspannt nach Hause kommen. War das dein Resturlaub?“

„Ja. Reicht aber auch.“ Das stimmte wirklich. Ich freute mich auf zu Hause. Wenn ich zu lange fort gewesen war, fehlte mir die Arbeit. „Und dann immer dieses Chaos und die Verwirrung am Schluss … Ich habe erst mal genug von Urlaub.“

Er zwinkerte. „Das ist doch die ideale Einstellung.“

Ich zwinkerte zurück, trat meine Zigarette aus, verließ das Gebäude und ging zum See hinunter. Leise, wie von weit her, hörte ich die Geräusche des Campingplatzes – spielende Kinder, an- und abfahrende Autos, Geschwätz … noch jenseits meiner Realität, aber bald würden sich die Ebenen hier wieder vereinen. Dann wollte ich fort sein. Ich hatte erst mal genug von den Menschen. Da war das Ufer des Sees, das Wasser gluckste einladend. Ich nahm einen letzten, tiefen Atemzug und sprang hinein

ENDE






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Hey Leute,

also, Alischas Geschichte ist zumindest hier im Blog zu Ende (auch, wenn ich eventuell irgendwann eine kleine Bonusstory um das Nörgelnde Norwegische Wassereinhorn schreiben werd) und ich danke hofknicksigst dafür, dass ihr mit dabei wart.

Nachdem mir wordpress nur Leserzahlen anzeigt, aber ich so neugierig auf die Leut bin: wenn ihr mögt, sagt doch kurz in den Kommentaren hallo, egal, ob wir uns im realen Leben schon kennen oder nicht. Einfach, damit wir uns über die Kilometer und Ausgangssperren hinweg zuwinken können. Und wenn euch danach ist: erzählts ein bissl, wie’s euch geht.

Und wie geht’s weiter? 

Wenn ich sage, die Geschichte der Piraten ist ‚hier im Blog zu Ende‘, dann liegt das daran, dass es Alischa Salomonius Dorotheus Sherry und seine Abenteuer jetzt auch als Hörbuch gibt:

Der Pirat, der in alle sieben Weltmeere pinkeln wollte – Hörbuch

Die ersten paar Folgen sind schon online, geupdatet wird…

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Der Pirat, der in alle sieben Weltmeere pinkeln wollte – Teil 12

Habt Ihr geglaubt, Alischa lässt sich kleinkriegen? Dann wäre er kein Sherry, oder? Auf zum Finale mit dem Piraten, der… Ihr wisst schon. Danke, Sarah. 🙂

Avatar von Sarah WassermairDer Guppy war's und nicht die Lerche

About: Geschichten für euch
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 5
Teil 6
Teil 7
Teil 8
Teil 9
Teil 10
Teil 11

Eines morgens war Alischa wieder so in seine düsteren Grübeleien ‚Ehrenhafter Pinkelpirat versus Schauderhafte Schreckschraubenschwester“ vertieft, dass er gar nicht merkte, wie sich die Tür zu seinem Zimmer öffnete und eine Gestalt hereingekuscht kam.

„Warum schaust du so traurig, Opa?“

Alischa schreckte hoch. Vor ihm stand ein kleiner Bub, vielleicht sieben Jahre, und schaute ihn neugierig an. Der Kleine kam ihm irgendwie bekannt vor…

„Welcher bist du noch einmal?“

Der Bub straffte die Schultern: „Ich? Ich bin der Leopold Aloysius Malachius Sherry.“

„Ah, der Bub von der Margo!“ Alischa strahlte. Obwohl er natürlich all seine achtzehn Kinder gleich liebte, so hatte seine Jüngste, Margolotta Amalia Dromalia Blutamboden Sherry, doch immer einen besonderen Platz in seinem Herzen gehabt. Vielleicht, weil sie von allen am meisten…

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schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 12 – Kreativität

Ich habe neulich erzählt, dass ich zwei autobiographische Kurzgeschichten geschrieben habe. Die eine (chronologisch die zweite) habe ich hier bereits als Quarantängeschichte gepostet. Die andere ist älter. Sie teilt mit „No Booze in the North“ den humorigen und – wie ich hoffe – selbstironischen Ton, aber sie ist ernster.

Ich werde nächstes Jahr 50 Jahre alt, und ich habe mich, wie man so schön sagt, mit meinen „Abgründen“ auseinander gesetzt, in all den jahren. Ich nenne sie lieber „Dämonen“. Damit meine ich nicht die Art von Auseinandersetzung, die dazu führt, dass man sich als Autor von Horror-Thriller-Krimi gerne mit finsterem Blick und Messer in der Hand ablichten lässt, um schön gefährlich und zu den eigenen Geschichten passend zu wirken.

Ich meine die Art von Auseinandersetzung, die dazu führt, dass man genau das nicht will.

Warum erzähle ich das? Als junger Mensch neigte ich dazu – wie viele jungen Menschen, glaube ich – mich auf eine coole Art für abgründig zu halten. Im Grunde diese Messer-und-böses-Gesicht-Pose, nur eben dazu noch pubertär. Ich war einigen meiner Dämonen schon begegnet – aber ich hatte weder gelernt, dass man manche davon zu seinen Freunden machen kann, andere im Käfig halten muss und auf manche beides zutrifft. Dazu hätte ich sehr viel selbstkritischer sein müssen, als ich es damals sein konnte – denn schön sind die alle nicht. (Wenn sie schön sind, sind es keine Dämonen, Leute… auch wenn manche das gerne möchten 😉 ). Also tat ich etwas einfacheres: weglaufen, verleugnen…

Diese Geschichte erzählt von einer der ersten echten Bekanntschaften, die ich mit einem Dämon machte . Oder… eigentlich sind es zwei. Den zweiten habe ich nur sehr viel später erst erkannt, und um den geht es hier auch nicht. Der erste aber… Er ist weit verbreitet und leicht zu zähmen. Aber gezähmt werden muss er.


(Wie immer unter der Lizenz Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0)*.)

Kreativität

von Michael Schreckenberg

Es muss im Frühling gewesen sein. Ich würde lügen, wenn ich behauptete, ich wüsste noch, wann es genau war. Ich erinnere mich, dass der Tag warm war, aber nicht heiß. Auf den Fotos tragen wir alle Feldjacken mit aufgerollten Ärmeln, keine Parkas. Im späten Frühling und im Sommer durfte ich nicht mehr unschuldig durch den Wald rödeln, sondern musste wichtige Sachen machen. Wichtige Sachen existieren in Abkürzungen, da zumindest, also war ich SanKurier, UvD, StOvWaFahrer und ähnliches mehr. Schwamm drüber. Es muss also Anfang Frühling gewesen sein, sagen wir März, und die Sicherheitsgefährdendenkräfte, die schon in unserer Grundausbildung dauernd die Heide hinter Harburg unsicher gemacht hatten, waren wieder da. Oh – ich merke, für Leute, die sich an den Sezessionskrieg 1990/91 nicht mehr erinnern, muss ich eine Geschichtsstunde einschieben. Ich mache es so kurz wie möglich, also:

Ende der 80er Jahre kam den Armeen des westlichen Bündnisses kurzzeitig der Feind abhanden. Schon 1990 erbot sich ein onkelhaft aussehender Mann mit einem dicken Schnauzbart, die Rolle zu übernehmen und auch auf dem Balkan braute sich schon einiges zusammen. Kaum jemand aber ahnte, was sich da wirklich zusammenbraute und was den Schnauzbärtigen betraf, so war er in die Planung der Bundeswehr noch nicht eingegangen. Zu weit weg, zu heiß, zu gefährlich. Die Planung hatte bis 1989 etwa so ausgesehen:

„Der Ivan kommt über’n Hügel, und dann druff!“

Dass der Ivan statt dessen nichtmal mehr den Hügel hatte haben wollen, war eine blöde Panne gewesen, denn von nun an konnte der Feind nicht mehr das tun, was er bis dato jahrzehntelang zuverlässig getan hatte: Rotland heissen und von Osten über’n Hügel kommen. Und so kam es zum Sezessionskrieg: Plötzlich kam der Feind ständig von Süden (Orangeland). Das konnte nur eines bedeuten: Die Bayern hatten sich erhoben. Vielleicht zusammen mit den Hessen. Von Norden fiel gleichzeitig Rosaland ein – das konnten nur die Dänen sein, in alter Wikingertradition. Ich sage mit einer gewissen Genugtuung, dass ich bei den beiden entscheidenden Schlachten dabei war: Als wir den Südstaatlern in Niedersachsen ihr Gettysburg bereiteten, gab Funker Razorback die entscheidenden Befehle weiter (und ermahnte einen Wuppertaler Grünschnabel zu Funkdisziplin, der sich das ganze mit einem Atomschlag ziemlich einfach machen wollte), bei der Abwehr der Horden aus Haithabu auf Fehmarn fuhr Fahrer Razorback kreuz und quer über die Insel und äh… rettete so die freie Welt.

Blieben die Sicherheitsgefährdendenkräfte. Wir erfuhren nie, wer sie waren. Bayerische Partisanen? Oder doch die fünfte Kolonne der Dänen? Jedenfalls taten sie ständig Dinge von bedrohlicher Sinnlosigkeit. Meistens infiltrierten sie die Heide und nötigten uns, draussen zu campen, um ein Munitionsdepot zu bewachen, welches Tag und Nacht von einer Wachmannschaft bewacht wurde. Doppelt hält besser. Einmal verminten die Schlauberger die Straße zur Kaserne und zwangen uns so, durch den benachbarten Sumpf zu waten. Mein persönlicher Kampfwert wurde dadurch allerdings stark gehoben, da eine Horde Ameisen, die die Innenseite meiner Hose geentert hatte, jämmerlich ersoff. Leider zeigte sich keine Sicherheitsgefährdendekraft, die ich, so dem Leben zurückgegeben, Mores hätte lehren können.

Und dann kam dieser Frühlingstag, die Sicherheitsgefährdendenkräfte holten zum letzten und härtesten Schlag aus – sie fuhren durch den Wald. Also hiess es für den Fernmeldezug des ruhmreichen, ältesten Flugabwehrregimentes des Heeres: Sperre bauen! Das ganze lief unter dem Titel „Pionierausbildung“. Ich allerdings musste den ganzen Vormittag Material und Vorgesetzte spazieren fahren und bekam so den wichtigsten Teil der Ausbildung nicht mit. Als ich zu den Kameraden stieß, machten die gerade Mittagspause. Ich fand sie in einem lichten Wäldchen, das durch einen breiten Weg von einem dichteren, dunklen Waldstück getrennt war. Quer über den Weg hatten sie aus entrindeten Baumstämmen etwas gebaut, das wie eine Mischung aus Zaun und Mikado im Endstadium aussah. Da ich in die tieferen Tiefen des Sperrenerrichtens nicht eingeweiht worden war, bekam ich eine Aufgabe, mit der ich mich nützlich machen konnte, ohne zu stören: Ich baute Sprengfallen.

Eine übliche NATO-Handgranate besitzt, entgegen landläufiger Meinung, nicht nur eine Sicherung, sondern zwei: Den berühmten Sicherungssplint und den Sicherungshebel. Sie explodiert wenige Sekunden, nachdem der Splint gezogen und der Hebel losgelassen wurde. Man nehme also eine Handgranate und stecke sie in einen Plastikbecher, der den Hebel festhält. Dann befestige man einen Faden an der Granate, der stark genug ist, sie aus dem Becher zu ziehen, spanne den Faden und ziehe den Splint, fertig ist die Sprengfalle. Wer immer nun an dem Faden zieht, reisst die Granate aus ihrem Becher – und hat ein ernstes Problem. Ich konnte mein Glück kaum fassen: Endlich, nach fast neun Monaten, war meine Kreativität gefordert. Ich stürzte mich begeistert auf die Aufgabe. Während meine Kameraden an ihrem Mikado weiter bauten, bastelte ich theoretische Höllenmaschinen aus himmelblauen Übhandgranaten. Ich berechnete das Verhalten von Menschen, die sich plötzlich einer solchen Sperre gegenüber sehen. Ihre Laufwege. Ich ließ mir von den beiden Planern des Dings erklären, wie es gebaut war, um zu antizipieren, wie man es einreissen würde. Ich entwickelte nicht nur den Ehrgeiz, die fiktiven Fahrer des aufgehaltenen Konvois mittels kleiner Splitterbomben zuverlässig zu zerhacken, ich wollte auch noch, dass sie sich in ihrem letzten bewussten Moment als lebende Wesen verarscht vorkämen. Verarscht von mir. Ich baute zwei Sprengfallen in die Sperre selbst ein, zwei legte ich in das Gehölz. Für die fünfte hatte ich mir einen besonders perfiden psychologischen Trick ausgedacht.

Ich darf behaupten, dass dies die Glanzstunde meiner kurzen Militärkarriere war. Durch die Fallen in der Sperre war ein Abbau derselben fast unmöglich. Ich Cleverle hatte sie sogar so gebaut, dass der Versuch, eine zu entschärfen, die andere auslösen musste. Die Granaten in dem Wäldchen fanden selbst die nicht, die mich beim Bau gesehen hatten – bis sie in den Spannfaden liefen. Mit Nummer Fünf sorgte ich allseits für große Heiterkeit, als der zuständige Unteroffizier kam, um unser Werk zu begutachten. Er lobte die feine Sperre und fand für meine Bömbchen viel Anerkennung, ich sonnte mich in seiner Gnade. Dann entdeckte er einen dünnen Stamm, eher einen großen Ast, der sauber etwa zehn Meter vor der Sperre quer über dem Weg lag. Er sah uns tadelnd an: „Was soll denn der Unsinn? Meinen Sie, der hält einen Unimog auf?“ Mit diesen Worten ergriff er das offensichtlich nutzlose Stück, hob es auf – und sah sich meiner Nummer fünf gegenüber die, aus ihrem eingegrabenem Becher gezogen, direkt vor seinen Augen baumelte. Was haben wir gelacht. Und nochmal wurde ich gelobt.

Abends schrieb ich, wie jeden Abend seit knapp zwei Monaten, einen Brief an meine neue Freundin. Während ich von meinem Erfolg berichtete, wurde die Freude mir langsam schal. Ich besah den kleinen Plan, den ich auf einem Notizzettel gemacht hatte, um die Fallen wiederfinden zu können (das gehört zur Prozedur). Meine Kreativität war immer mein größter Schatz gewesen. In Nichts war ich so gut. Heute hatte ich sie verkauft – und ich hatte es nicht einen Moment gemerkt. Ich hatte nicht eine Sekunde gezweifelt. Ich hatte es gerne getan. Meine Kreativität war treu gewesen – sie hatte mir beim Sprengfallenbauen ebenso geholfen wie sie mir stets beim Geschichtenerzählen und Lösungenfinden half. Sie war treu, ich hatte sie betrogen. Nicht, weil ich die Fallen gebaut hatte, ich war mir schon darüber im Klaren, wo ich hier war, und ich war freiwillig hier. Sondern weil ich nicht einen Moment getrauert hatte. Ich sah den guten Befehlsempfänger, der ich war, und ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben Angst vor mir.

Heute, Jahre später, besitze ich den kleinen Notizzettel mit dem Plan immer noch. Und immer, wenn ich ihn ansehe, bin ich ein wenig…

…stolz.

ENDE









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