schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 9 – No Booze in the North

Zu Beginn von Sarahs und meiner Geschichtenerzählaktion hatte ich Euch ja vor allem Phantastik versprochen, insbesondere Horror (oder, wie man das meiste, was früher Horror war, heute nennt: Mystery). Die eine oder andere Krimigeschichte ist auch dabei, weil ich eben auch Krimis schreibe. Was ich hingegen fast nie schreibe sind autobiographische Geschichten. Klar, man kann darüber trefflich diskutieren, inwiefern jede belletristische Geschichte irgendwie auch autobiographisch ist, aber Ihr wisst was ich meine: Wahre Geschichten, genau so passiert. Erstens will ich mit meinem Privatleben nicht hausieren gehen (und wenn, dann hier im Blog 😀 ) und zweitens ist das jetzt auch nicht sooooo interessant.

Es gibt allerdings zwei Ausnahmen – zwei autobiographische Kurzgeschichten, die ich aber nie veröffentlicht habe, abgesehen davon, dass ich sie in dem Autorenforum, in dem Sarah und ich uns kennengelernt haben, mal online gestellt und besprochen habe.

Heute ist aber der richtige Tag für eine davon, finde ich. Ich habe heute den Großeinkauf für eine Familie aus fünf Erwachsenen gemacht, und ratet, was ich nicht bekommen habe? Richtig. Klopapier und Mehl. Es ist bizarr – Brot? Kein Problem. Getränke, Gemüse, Obst, Fleisch, Milch, Salz, Zucker … alles Grundnahrungsmittel? Ausreichend vorhanden, wenn man von Nudeln mal absieht. Aber eine Welle von irrsinnigen Hamsterkäufern hat zu Beginn der Krise bei ganz bestimmten, keineswegs unersetzlichen Gütern eine künstliche Verknappung hergestellt, auf die sich unsere moderne Just-in-Time-Logistik noch nicht einpendeln konnte. Vielleicht war die Sache mit der Lagerhaltung doch gar nicht so dumm…

Naja… Mich hat das jedenfalls daran erinnert, wie ich einmal – es muss 2001 oder 2002 gewesen sein – auf der verzweifelten Suche nach einem knappen und wertvollen Gut durch das Herzogtum Lauenburg geirrt bin. Damals war ich noch PR-Berater in einer Agentur und der Name, unter dem ich mich im Internet hauptsächlich bewegte, war „Razorback“:

(Wieder unter der Lizenz Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0)*)


No Booze in the North

von Michael Schreckenberg

„Jo – das war’s dann.“ Ich klappe meine metallene Kladde zu, die eigentlich gar nicht meine ist, sondern die meiner Frau und sehe den Exportleiter an. Er sieht zurück und nickt.

„Jo.“

Wir stehen auf und reichen uns die Hand. Sein freundliches Mondgesicht lächelt. Ich mag die Norddeutschen, die Schleswig-Holsteiner besonders. Sie sind so cool, wie die Hamburger gerne wären und wie die Düsseldorfer nicht einmal wissen, dass man sein kann. Natürlich ist das mit dem stets gelassenen, unerschütterlichen Norddeutschen ein blödes Klischee. Nur – alle, die ich kenne sind wirklich so. Der Exportleiter lächelt, es ist ein professionelles Lächeln, aber es wirkt trotzdem warmherzig. Wenn meine Düsseldorfer Kunden professionell lächeln sieht das aus, als hätte ich ihnen gerade in die Eier getreten. Ob sie ahnen, dass ich ihnen wirklich gerne einmal… aber lassen wir das. Den Exportleiter jedenfalls will ich nirgendwo hin treten.

Er geleitet mich aus dem kleinen Besprechungsraum, verspricht mir noch einmal, die Unterlagen die ich für meinen Artikel brauche, von seinem italienischen Partner anzufordern, wir verabschieden uns. Als ich den Raum verlasse, ist er bereits in ein Gespräch mit einer seiner Mitarbeiterinnen vertieft. Ich gehe durch den Büroflur, klopfe beim Marketingchef an und öffne die Tür. Ich weiss, dass er nicht da ist, aber mein Werbeleiter hat mich gebeten, nachzusehen, ob er das Poster bekommen hat, dass wir ihm geschenkt haben. Hinter der Tür eine staubige, leere Rohbauhöhle. Stimmt, die bauen ja um.

Ich gehe zum Ausgang, unterhalte mich kurz mit der Rezeptionistin, die heute krank aussieht und gestresst. Aber sie ist freundlich und ihr Humor hat offenbar nicht gelitten. Ich frage sie nach dem Poster, es ist noch nicht angekommen. Ich gehe schnell, um nicht ein weiterer Stressfaktor zu werden und nehme mir vor, sie morgen, wenn ich die Unterlagen der Italiener abhole, mal zu fragen, ob alles in Ordnung ist. Für mich jedenfalls ist der Arbeitstag angenehm früh beendet, ich packe das Recherchematerial über die türkischen und die Hong-Kong-Projekte in den Wagen und fahre vom Gelände.

In der Nähe meines Kunden gibt es einen „direkt“-markt. Mein Plan für den Abend sieht vor, im Hotel in aller Ruhe an „Der Sänger und der Puppenspieler“ weiter zu schreiben und dazu einen leckeres Glas Single Malt zu trinken. Ich brauche sowieso neuen, meine Vorräte zu Hause sind arg dezimiert. Als ich das letzte Mal hier war hatte der direkt eine kleine Auswahl brauchbaren Giftes der niedrigeren Preisklasse, Glendronach, Scapa, Glenmorangie und zehnjährigen Laphroaig. Gerade den Scapa und den Laphroaig mag ich gerne und die Tatsache, dass man sie inzwischen sogar im Walmart bekommt, schmerzt zwar den Genießer, aber sie hat eben auch ihre Vorteile. Vor allem preisliche.

Der direkt enttäuscht mich bitter. Kein Single außer Glenfiddich und Loch Lomond. Letzerer ist zwar theoretisch trinkbar, aber nicht, wenn man sich auf einen Laphroaig eingestellt hat. Ich werde woanders suchen müssen. Zunächst aber ins Hotel.

Offenbar bin ich in der heimlichen Gäste-Hierarchie aufgestiegen. Mein Zimmer hat – zum selben Preis wie immer – diesmal neben einer kleinen Küchenzeile auch einen Balkon mit herrlichem Blick auf den See. Schade, dass das Wetter so mies ist, die Idee, auf dem Balkon zu schreiben, den Laptop vor und den Malzschnaps neben mir, hat grossen Reiz.

Ich ziehe mich um und rufe meine Liebste an. Alles im Lack zu Hause. Meine Tochter hat mitbekommen, dass Mama telephoniert, vermutet mich am Telefon und krabbelt herbei „Papapapapa?“. Die Liebste lenkt sie ab, wenn die Kleine jetzt mit mir spricht und ich dann heute Abend nicht nach Hause komme, macht sie das nur traurig. Dann fällt der klugen Frau noch ein, dass zwei Nachnahmepakete angekommen sind. Die Musikanlage für unsere neue Familienkutsche und drei CDs von den Mad Heads, die ich neulich bei Crazy Love Records bestellt hatte. Ich bin positiv überrascht, dass es so schnell ging. Gute Nachrichten. Ich berichte von meiner geplanten Whiskysuche. Sie lacht.

„Viel Spass. Und wenn Du keinen Laphroaig findest, kauf Dir einen guten Cognac.“

Ich lache auch, aber eigentlich will ich nichts von Cognac wissen. Ich will, will, will Laphroaig.

Eingedenk der CDs, die zu Hause auf mich warten, lege ich mich aufs Bett, packe eine Mad Heads Hörprobe die Freund Sick mir gebrannt hat in den Discman und ziehe mir dreimal hintereinander „Psycholella“ rein. Danach bin ich in Stimmung, die Jagd zu beginnen.

Zuerst suche ich in der Stadt, in der ich hier wohne, aber das stellt sich schnell als fruchtlos heraus. Karstadt – sonst eine erstaunlich gute Adresse für Single Malt – hat hier nicht mal eine Lebensmittelabteilung. Einen richtigen Spiritousenhändler gibt es natürlich nicht. Ein Piercing-Studio und ein Fachgeschäft für gebrauchte Play-Station Artikel (gut sortiert übrigens), aber keinen Schnapshändler. Ich verlasse die Stadt, gerate auf die falsche Strasse und irre erstmal ein wenig durch das Outback des Herzogtums Lauenburg. Ich habe keine Eile, im Radio laufen Oldies, ich weiss aus Erfahrung, dass hier sämtliche Strassen letztlich nach Hamburg oder Lübeck führen, also lasse ich mich von Dorf zu Dorf treiben. Ich meditiere ein wenig über die Tatsache, dass schleswig-holsteinische Dorfnamen nach preußischem Generalstab klingen und singe ein paar Oldies mit. In den Dörfern gibt es natürlich auch keine Whiskyverkäufer, jedenfalls nicht solche, die den Stoff in Flaschen feil bieten. Genaugenommen sehe ich gar keine Läden. Mich beunruhigt das nicht, ich setze meine Hoffnung in die grösseren Städte längs der Bundesstrasse. Städte. Na ja – „Städte“.

Die Bundesstrasse ist bald wiedergefunden und lässt mir die Wahl zwischen – surprise – Hamburg und Lübeck. Ich wähle Hamburg. Irgendwo im Hinterkopf spielt vielleicht der Gedanke mit, dass ich mich ja notfalls in Hamburg ganz gut auskenne, falls es hier auf dem Land keinen Laphroaig gibt. Ich grinse über mich selbst. Für einen Schnaps nach Hamburg. So blöd bin ich dann doch nicht.

Die erste „Stadt“ an der Bundesstrasse ist eine Enttäuschung. Ich habe kaum Luft geholt, da liegt sie auch schon hinter mir. Eine Tanke, ein Gasthaus, eine Kreuzung, das war’s. Kein Edeka, kein Walmart, schon gar kein Laden namens „Harmsens Whisky“ oder so. Der Oldie Sender spielt immer noch. Norddeutsche Sender haben – das ist scheinbar ein Naturgesetz – die bessere Musik aber die dämlicheren Sprüche. Sie werden nicht besser, wenn man sie alle fünf Minuten hört. Ausserdem ist der Sprecher ein Idiot, er soll auch nicht sprechen, er soll die besten Oldies der 60er, 70er und 80er spielen. Immerhin – die Nachrichtensprecherin heisst Tabeah Thomsen. Ich finde, der Name klingt erotisch. Die Stimme auch. Leider liest sie nur die Nachrichten. Ansonsten redet der Idiot.

Ich habe inzwischen drei weitere Orte, drei weitere Tankstellen und fünf weitere Gasthäuser passiert. Und zwei Penny-Märkte. Penny hat keinen Single Malt.

Noch zwei Tankstellen weiter beginne ich, an MiBo aus dem Forum zu denken. Die ist aus Schleswig-Holstein. Die soll mir gefälligst erklären, warum ein durstiger Mann in ihrem komischen Land keinen guten Whisky bekommt. Ich werde sie morgen fragen, wenn ich wieder im Netz bin. Der Idiot im Radio macht einen Witz. Warum tut er das? Er soll Oldies spielen.

Ich klammere meine Hoffnung an die nächste Stadt, die diesen Namen verdient – sie heisst Schwarzenbek. Könnte auch ein preußischer General sein und hiess nicht mal ein Fussballer so? Vor meiner Zeit…

Am Ortseingang begrüßt mich ein Penny Markt. Ich erkenne ein schlechtes Omen, wenn ich eins sehe. Mit wachsender Verzweiflung fahre ich durch die Stadt. Es gibt hier eine Mange Läden, mehrere chinesische Restaurants, ein Piercing Studio aber kein… In meiner Verzweiflung fahre ich auf den Parkplatz des örtlichen Lidl. Die Niederlage ist natürlich vollkommen. Die Leere, mit der ich in das Regal voll billigen Sprits starre, erntet mir ein paar mitleidige Blicke. Mitleidige Blicke vom Schwarzenbeker Lidl-Publikum. Ich beeile mich, raus zu kommen.

Ich verlasse Schwarzenbek und auf dem Wegweiser stehen links nur noch zwei Namen: Lauenburg und Hamburg. Rechts sind vergangene Enttäuschungen aufgelistet. Sollte ich wirklich bis Hamburg… das wäre zu peinlich. Immerhin – Lauenburg gibt der Gegend hier ihren Namen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Der Sprecher des Oldie Senders scheint meinen persönlichen Hass auf sich laden zu wollen, denn nun spricht er über Leverkusen. Über Bayer, um genau zu sein, noch genauer über Bayer 04. So schönen Fussball hätten die gespielt. Und Liverpool. Und Manchester. Und dann Nürnberg. Und jetzt sieht es schlecht aus. Schade, schade. Mund halten, Cretin! Der letzte Spieltag kommt erst noch. Und wir brauchen Euer Mitleid nicht. Schleswig Holstein hat nicht eine Mannschaft in der Bundesliga und Pauli steigt ab. Kümmert Euch besser um Eure Whiskyversorgung, Fischköppe!

Lauenburg voraus. Es sieht enttäuschend klein aus. Rechts in einer Senke ein famila-Markt, dann das Ortsschild, die erste Kreuzung – Moment! famila?!

Ich wende auf der Kreuzung, mein Wagen hat Hamburger Kennzeichen, hier erwartet man von solchen Wagen eh nichts Gutes. famila! Gott schütze die Bundeswehr. Hätte ich mein Jahr nicht in Hamburg verbracht, ich wüsste nicht, was famila ist. Im Rheinland gibt es das nicht.

Der famila ist die Hölle der letzten zweieinhalb Stunden im Kleinen. Dort, wo ein grosses, leuchtendes Schild Getränke ankündigt, gibt es keine harten Spirituosen, nur Bier. Ich mag kein Bier. Man soll es noch einmal destillieren, dann ist es Whisky. Apropos – wo ist der Whisky?

Ich irre durch den famila und weigere mich zu glauben, dass es hier keinen Schnaps gibt. Irgendwoher muss der Lauenburger doch seinen Küstennebel bekommen. Und dann, endlich in der Nähe der Kassen…

Ich sehe Dimple und Tullamore, die ganzen Blends, sehe Glenfiddich und dann: Glenmorangie. Laphroaig.

Laphroaig.

Ich bin zu müde, um mich zu freuen. Eigentlich will ich ihn gar nicht mehr. Seit sie ihn überall verkaufen, ist die Qualität sowieso nicht mehr dieselbe. Sick Steve meint, ich bilde mir das nur ein, aber ich bin der Islay-Fanatiker von uns beiden. Ich würde mich jederzeit seinem Urteil über Talisker oder Scapa beugen, aber Laphroaig…

Ich nehme die schmucklose, weiß-grau-schwarze Pappdose in die Hand. Sie ist etwas schmutzig, oben am Rand. Sauerei sowas. Sie behandeln den guten Tropfen nicht mal mit dem nötigen Respekt. In der Flasche, die in der Dose verborgen ist, gluckert der Whisky mir zu. Ja, ich freue mich auch, Dich zu treffen. Gesunkene Qualität hin oder her, er ist dem ganzen anderen Zeug in dieser Preisklasse immer noch tausendmal überlegen. Ich nehme ihn mit.

Fast an der Kasse fällt mir ein, dass ich vielleicht nicht nur trinken, sondern auch essen sollte. Das Restaurant im Hotel ist zu teuer. Ich gehe in die Exoten-Ecke und suche eine Dose Miso-Suppe aus. Krabben, fällt mir ein, wären gut nach der Miso-Suppe. Hausmacher-Sushi für bedürftige Razorbacks. Gute Idee.

Ein letztes Mal narrt mich der famila, dann finde ich die Krabben in der „Milch und Butter“-Abteilung. Ich bin jenseits davon, mich zu wundern, ich gehe zur Kasse. Vor mir eine Familie mit zwei randvollen Einkaufswagen. Die Mutter schaut kurz auf, sieht mich an und schnell wieder weg. Ich kann mir denken, warum. Ich bin stark kurzhaarig, zu klein für mein Gewicht, schwarz angezogen und mache vermutlich ein Gesicht, in dem sich meine ganze Vorliebe für diesen Volksstamm ausdrückt, der nur eine Whiskyverkaufstelle auf zehntausend Quadratkilometern aufweist, Leverkusen bemitleidet und seine Krabben in der Rubrik „Milch und Butter“ versteckt. Wenn ich in ähnlicher Stimmung durch meine Stadt gehe, geben mir zuweilen Jugendbanden den Weg frei. Was soll’s.

Sie schaut wieder auf, ich starre zurück. Dann lächelt sie warm und sagt:

„Wollen sie nicht vorgehen?“

Ich brauche einen Moment, bis ich verstanden habe. Dann stammele ich einen Dank, schiebe mich am ersten Einkaufswagen vorbei, sehe sie noch einmal fragend an und werde freundlich weiter gewunken. Ich stelle meine Miso-Suppe, die Krabben und den Whisky aufs Band, lege noch eine stilechte famila-Papiertüte hinzu, werde von der Kassiererin freundlich begrüßt, schnell abgefertigt und verabschiedet. Ich verabschiede mich ebenfalls, bedanke mich noch einmal bei der Familie, die schwer damit beschäftigt ist, den Inhalt der beiden Einkaufswagen auf das Band zu laden und verlasse famila Lauenburg.

Auf der Rückfahrt gluckert mein Laphroaig fröhlich vor sich hin und klickt hin und wieder gegen die Suppendose. Im Radio verliest Tabeah Thomsen mit ihrer schönen Stimme die Nachrichten.

Sagte ich schon, dass ich die Norddeutschen mag?

ENDE






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Der Pirat, der in alle sieben Weltmeere pinkeln wollte -Teil 8

Derweil stellt sich Sarahs Pirat mit Mission eine knifflige Frage: „Wie umwirbt man eine Frau, die einen verachtet, deren Namen man nicht kennt und die als oberster Geheimdienstleiter der Königin von England dient?“ Alischa wird eine Antwort finden, da bin ich sicher. Wahrscheinlich keine optimale Antwort… Aber eine Antwort.

Avatar von Sarah WassermairDer Guppy war's und nicht die Lerche

About: Geschichten für euch
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 5
Teil 6
Teil 7

Wie umwirbt man eine Frau, die einen verachtet, deren Namen man nicht kennt und die als oberster Geheimdienstleiter der Königin von England dient? Blumen waren zu simpel. Schmuck trug sie keinen. Und Pralinen würde sie wahrscheinlich einfach nur mit Arsen versetzen und an den französischen Botschafter weiterverschenken, womit zwar dem Land, aber nicht Alischas Liebesleben geholfen wäre. Er überlegte kurz, einfach den Mittelteil zu überspringen und ihr gleich den Kopf des betreffenden Botschafters zu bringen – sein Vater hatte seinerzeit seine Mutter erfolgreich mit einer ähnlichen Geste umworben – aber seine Crew drohte mit Meuterei, wenn er innerhalb von einem Monat gleich zwei Weltmächten ans Bein pinkelte. (Und nur einer davon metaphorisch.) Nein, es gab nur eine Möglichkeit: er musste sich in ihren Augen als Held beweisen! Während er und seine Crew…

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schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 8 – Die Sturmglocke Teil 3

Und weiter geht es mit den Quarantänegeschichten und mit der „Sturmglocke“. Da diese 2017 erschienene Kurzgeschichte sehr lang ist, habe ich sie dreigeteilt, vorgestern gab es

Teil 1

und gestern

Teil 2.

Heute also nun der dritte und letzte Teil. Ich freue mich übrigens über Kommentare, Wünsche und Anregungen. Welches Genre möchtet Ihr am liebsten lesen? Horror? Krimi? SciFi? Autobiographisches (ja, da habe ich auch zwei Geschichten)? Veröffentlichtes oder Unveröffentlichtes?
Heute jedenfalls geht es weiter mit Horror. (Und Sarahs Lieblingsszene ist diesmal auch dabei. 😀 )

Oh und falls das jemanden interessiert: Die Glocke gibt es wirklich. Sie ist hier auf der Anthologie angebildet und hängt, wie in der Geschichte beschrieben, im Dom zu Limburg.







Die Sturmglocke – FORTSETZUNG:

Dort, wo ich hergekommen war, barg das Diözesanmuseum vor allem wertvolle Kunst- und Kirchenschätze. Das Dommuseum hier beschäftigte sich ganz mit dem Dom und seiner Geschichte. Offenbar war das Gebäude in die Überreste eines außerirdischen Steins hinein gebaut, der sich vor langer Zeit in den Domberg gebohrt hatte. Woher er gekommen war, und warum der Einschlag des scheinbaren Meteoriten keinen Krater verursacht hatte, obwohl ein so großes Stück übrig geblieben war, darüber rätselten die Geologen. Es gab einige Theorien, die im Museum alle dargestellt wurden, von denen aber noch keine als vorherrschend galt.

Dieser Dom hier, das wurde mir schnell klar, war keine christliche Kirche. So weit ich es verstand, schien es überhaupt kein Christentum zu geben. Ebenso wenig wie das Judentum oder den Islam, auch von den anderen mir bekannten Religionen schien keine zu existieren. Statt dessen gab es eine weltweite Religion, sofern man sie so nennen konnte. Die Kuratorin, die der junge Mann am Eingang erwähnt hatte – oder wer immer sonst hier für die Ausstellungen verantwortlich war – ging offenbar davon aus, dass sie allen Besuchern des Museums geläufig war, weswegen sie nirgendwo erklärt wurde. Was ich verstand war, dass es darin um Übergänge ging, die von höheren Wesen, vielleicht Göttern, gewährt wurden. In vielen Fällen hatten diese Götter auch den Umgang mit Übergängen und Portalen gelehrt. Dies erinnerte mich in manchem an die Lehre von den Großen Alten, wie sie etwa im Necronomicon nachzulesen ist, und besonders an Darius von Delfts Wege und Tore. Aber weder die Großen Alten noch Darius‘ Wandernder Krieg oder auch nur die Autoren und die Namen ihrer Werke fand ich irgendwo im Museum erwähnt. Dafür fand ich aber viele Jahreszahlen, die mich verblüfften. Die Zählung der Jahre war ebenfalls anders als alles, was ich kannte. Für die Menschen um mich war es das Jahr 16427, die Zählung begann mit der ersten Öffnung eines Tores durch die Göttin Vidatra. Damit habe eine Zeit des Glücks begonnen, die seither ununterbrochen anhalte.

Als ich das Museum Stunden später wieder verließ, hatte ich mehr Fragen als je zuvor. Ich stand in der Nachmittagssonne, umströmt von Menschen, die völlig selbstverständlich in einer Welt lebten, die auf den ersten Blick nur ein ganz klein wenig anders als die war, die ich kannte. Aber wenn man nur ein winziges Stück hinter die Fassade schaute, war alles ganz, ganz anders. Wer waren diese Götter, die sehr reale und nachhaltig wirkende Dinge getan hatten – und an deren permanente Gegenwart oder auch baldige Wiederkehr offenbar jeder glaubte? Wieso war hier jedermann so offen und freundlich, wieso gab es weder Geld noch Automobile? Und vor allem – wo war ich hier?

Ich bekämpfte den Drang, sofort die Antwort auf all diese Fragen zu suchen – ich musste zurück, damit meine Abwesenheit nicht auffiel. Aber ich war entschlossen, zurück zu kehren, diese Welt zu erforschen und alles zu erfahren, was ich wissen musste. Und dann würde ich einer ganzen Welt, MEINER Welt, die Augen öffnen. Alles würde sich ändern. Alles.

Von nun an verbrachte ich fast jeden Tag in dieser anderen Welt – einer Welt, die keine Kriege kannte, keine Not, keine Verteilungskämpfe, keinen Hunger und keine Verschwendung der natürlichen Ressourcen. Die Menschen waren freundlich, geduldig und tolerant, niemand schien es eilig zu haben. Wer immer etwas brauchte, ging zu einer Verteilstation die in etwa unseren Geschäften entsprach und nahm es sich dort. Limburg war, ganz wie in unserer Welt, eine Touristenstadt, hier wie dort waren der Dom und die malerische Altstadt die Attraktionen. Dadurch gab es auch hier viele Restaurants, Eisdielen und Kunsthandwerkergeschäfte – mit dem Unterschied, dass deren Besitzer und Betreiber ihren Berufen aus Liebhaberei nachgingen und dem Drang, andere an den Früchten ihrer Arbeit Teil haben zu lassen. Bezahlen musste niemand dafür. Die Menschen schienen sich rein vegetarisch zu ernähren, ich fand aber zahlreiche Hinweise darauf, dass zu besonderen Festtagen Fleisch in großen Mengen verzehrt wurde. Nur hatte ich einen solches Fest bisher noch nie erlebt. Natürliche Rauschdrogen aller Art waren erlaubt und leicht zu bekommen, aber ich stellte schnell fest, dass kaum jemand sich dafür interessierte.

Warum das alles so war, war allerdings schwer für mich herauszufinden. Für die Menschen um mich herum waren es Selbstverständlichkeiten, und danach zu fragen hätte mich sofort als Fremden geoutet. Das wäre kein Problem gewesen, wenn ich mich als Reisender aus einem fremden Land hätte ausgeben können. Aber wie hier, so fand ich bei meiner Recherche leicht heraus, war es überall auf der Welt. Es musste eine Quelle dieses friedlichen, allgemeinen Wohlstandes geben, aber sie schien mit einem Tabu belegt. Dasselbe galt für die Tatsache, dass ich immer noch die Mehrheit der hiesigen Menschen nicht ansehen konnte, ohne instinktiv Abscheu zu empfinden. Ich gewöhnte mich im Laufe der Zeit daran und konnte den ersten Impuls inzwischen ohne jede Mühe unterdrücken, aber je besser mir dies gelang, desto mehr wurde mir klar, dass ich mit diesem Gefühl nicht alleine war. All diese freundlichen und hilfsbereiten Menschen zuckten bei meinem Anblick zunächst fast unmerklich zusammen, wandten kurz den Blick ab oder atmeten kurz durch. Oder nein – nicht alle. Einer von vielleicht zehn hatte diesen Impuls nicht. Und das waren genau die Menschen, bei denen auch ich keinerlei Abstoßung empfand. Als ich mir dies bewusst gemacht hatte begann ich zu beobachten, wie die Leute auf der Straße miteinander umgingen. Ja, sie alle waren liebenswürdig miteinander – und fast alle unterdrückten eine erste Aufwallung von Ekel. Jeder Mensch schien etwa 90 Prozent aller anderen Menschen spontan abstoßend zu finden. Aber, und das war vielleicht noch bemerkenswerter: Daraus entstanden keinerlei Konflikte. Im Gegenteil. Die vielleicht verstörendste Beobachtung machte ich auf dem Domplatz, am sechsten oder siebten Tag meiner Expeditionen. Ein Paar, beide um die 40, setzte zu einem Kuss an, als die Frau sich schlagartig wegdrehte und offenbar einen heftigen Brechreiz unterdrückte. Der Mann beugte sich zu ihr herunter und sprach tröstend auf sie ein – wobei er sich die Hand vors Gesicht hielt. Sobald die Frau sich gefangen hatte begann sie, sich wortreich zu entschuldigen, worauf er entgegnete, es sei seine Schuld gewesen… Geplänkel Liebender, das in einem innigen Kuss endete.

Auch für dieses seltsame Verhalten fand ich keine Erklärung. Oder – keine befriedigende. Ebenso wie die der allgemeine Wohlstand und Frieden hatte auch dieses „fremdigen“, wie es hier und da in den Quellen genannt wurde, etwas mit den Göttern und ihren Toren zu tun – aber kein Text wurde deutlicher. Auch die hiesige Wikipedia hatte schlicht keine Einträge zu diesen Themen, für mich ein Zeichen, dass hier ein sehr mächtiges Tabu am Werk war.

Überraschend viele Informationen fand ich hingegen zum Ursprung meiner Forschung – der Sturmglocke im Limburger Dom. Dem Limburger Dom auf MEINER Seite. Sie war hier entstanden, auf der anderen Seite. Ich will das Verfahren nicht beschreiben. Ich kann es nicht. Nach allem was ich erlebt und gesehen habe, raubt mir die bloße Vorstellung, wie diese Glocke … gewachsen ist, den Nachtschlaf. Sie entstand, so las ich, gemeinsam mit der hiesigen Uhrglocke zwischen den Jahren 15621 und 15625 und war dem Gott Burebot geweiht, einer dunklen Wesenheit, die auch „Plagenbringer“ genannt wurde. Ich sah Darstellungen von Burebot – und in jedem Bild fand ich mindestens ein Feld, das die mir so wohlbekannten Tupfen zeigte, wenn auch in unterschiedlichen Anordnungen. Wenige Tage vor dem feierlichen Aufhängen der Glocke im Dom aber war sie verschwunden – und bis heute wusste niemand, wohin.

Nun, ich wusste es. Und ich fragte mich, ob und wann ich es den Menschen hier sagen wollte. Ich hatte mich, wenn man das so sagen kann, ein wenig in diese Welt verliebt. In ihren Frieden, in all die Freundlichkeit, in die Toleranz, in die Geduld, auch in die ruhige Ordnung, die sie ausstrahlte. Dort wo ich herkam, waren Krieg, Armut, Rassismus und die ganz alltägliche Aggression bestimmende Themen. Hier waren die meisten Menschen einander körperlich widerlich – aber Ablehnung, irgendeine Form von Rassismus oder gar Gewalt waren keine Themen. Mehr und mehr wuchs in mir der Wunsch, hinüberzuwechseln, hier zu bleiben. Und welch besseres Gastgeschenk konnte ich, ein Wissenschaftler, mitbringen als die Lösung eines jahrhundertealten Problems? Vielleicht, so dachte ich, musste ich ja auch gar nicht zwischen den Welten wählen. Vielleicht konnte ich sie verbinden. Wobei, das war mir klar, ich die Menschen hier, in meiner neuen Welt vor den egoistischen Raubtiermenschen, zu denen wir uns in der alten entwickelt hatten, zunächst würde schützen müssen. Aber vielleicht, wenn ich damit beginnen würde, ausgewählte, vertrauenswürdige Personen mit hinüber zu nehmen, konnte es gelingen. Ich würde der Botschafter zwischen den Welten sein und so womöglich Gutes in beiden bewirken.

Zunächst aber, das war mir klar, würde ich Karla gegenüber Rechenschaft ablegen müssen. Nach allem, was die Behörde für mich getan hatte, schuldete ich ihr das. Und ich konnte ihr vertrauen. Was ich entdeckt hatte, ging über die Entschlüsselung einer fremdartigen Notenschrift so weit hinaus, dass sie es mir, dem einzigen Menschen mit Erfahrung in dieser anderen Welt, nicht wegnehmen würde. Ich ging also durch die kleine Pforte und hinauf in den Glockenstuhl in der festen Absicht, mich gleich am nächsten Tag bei Karla zu melden.

Sie kam mir zuvor. Ich hatte auf meinen Expeditionen festgestellt, dass die Zeit in beiden Welten unterschiedlich schnell verging, nicht sehr aber spürbar. Ein Muster hatte ich darin nicht erkannt, meist verging sie auf der alten Seite langsamer als auf der neuentdeckten, aber in einigen Fällen war es umgekehrt. Ich hatte die Gegenwelt am Nachmittag verlassen. Als die Klänge aus meiner Boombox verklungen waren, war es in der Heimatwelt dunkel und still – tiefe Nacht. Auf meinem Stuhl vor meinem Schreibtisch saß Karla. Ich wusste sofort, dass vor der Tür mindestens zwei Agenten der Behörde warteten. Und unten noch mehr.

„Willkommen zurück“, sagte sie leichthin. Ich antwortete nicht. Ich musste erstmal das Adrenalin niederkämpfen. Sie wartete und ließ die Stille wirken.

„Ich wollte es Dir sagen“, brachte ich schließlich heraus.

„Aber sicher wolltest Du das. Wann denn?“

„Morgen.“

Sie lachte auf.

„Ehrlich“, sagte ich etwas kläglich.

Sie musterte mich nachdenklich.

„Dir ist schon klar, was normalerweise mit Leuten passiert, die uns verarschen wollen, oder? Dass Du da noch stehst und redest, verdankst Du nur meiner Weichherzigkeit. Und meiner Neugier.“

Mir wurde flau. Schlagartig war mir klar, dass ich mit meinem Leben gespielt hatte, die ganze Zeit. Die Behörde war in solchen Fällen nicht nachsichtig sein, konnte es sich gar nicht leisten. Und Karla war nicht weichherzig. Sie musste verdammt neugierig sein.

„Woher weißt Du es?“

Sie schüttelte den Kopf. „Für wie blöd hältst Du uns? Normalerweise überwachen wir Dich nicht, um Deine Ergebnisse nicht zu verfälschen. Aber seit Du plötzlich andauernd nicht erreichbar bist…“ Sie deutete auf drei Punkte, zwei an der Decke und einen an der Wand. Wenn man es wusste, waren die Kameras sogar leicht zu sehen.

„Hör zu,“ begann ich. „Du hast vielleicht etwas Seltsames gesehen, aber Du hast keine Ahnung, was ich…“

Sie seufzte. „Du hast einen Übergang nach Cadh entdeckt.“

„Was?“

Sie seufzte erneut. „Herrjeh, glaubst Du, Du bist der einzige, der Darius gelesen hat? ‚Der Adept sehe sich vor, denn dies Toir ist Klang und Schall. Es führet ins schreckliche Land von Cadh. Narrisch und unverstandig ist der Adept, welcher ins Land Cadh geht, allein und ohne Wehr. Dies Land darf er nimmer erforschen, noch jenen, die in Cadh leben, kund machen, dasz ein Toir hinüber führet.’“ Karla schaute mich sauer an. „Ausgerechnet Dir muss ich nicht sagen, dass man Darius‘ Warnungen ernst nehmen sollte, oder? Du hast Erin Simpson doch gekannt.“

Ich versuchte, zu begreifen, was sie da sagte. Das konnte nicht sein. Ja, sicher, das Tor war Klang, aber sonst war nichts so, wie Darius Cadh beschrieb. Ein Land voller grauenvoller, blutdürstiger Kreaturen, eine Hölle, vielleicht das mythische Vorbild für DIE Hölle.

„Karla – das kann nicht Darius‘ Cadh sein. Die Menschen auf der anderen Seite…“

„Menschen?“ Sie schaute skeptisch.

„Ja, Menschen. Ich sage doch, das ist nicht Cadh. Darius bezeichnet sich doch selbst immer wieder als Forscher und Unwissenden. Wahrscheinlich kannte er einfach nicht alle Tore aus Klang.“

„Was er vor allem sagt ist, dass man mit den Wegen und Toren nicht herumpfuschen sollte. ‚Dump ist der Scholasticus, der trotzig anfanget, Worte nachtzusprechen, mit deren Folgen er niemals umgehen kann. Sein Schicksal wird grauenvoll sein, doch traget er selpst die Schuld, und ich weine im keine Trane nach.’“

„Da geht es um Beschwörungen…“

„Mann!“ Sie schlug mit der flachen Hand auf den Schreibtisch. „Das ganze Buch ist voll davon. Du hast Dich einfach von Deiner Hybris verführen lassen. Endlich der große Entdecker sein. Endlich die Anerkennung bekommen, die Dir zusteht.“

Ich schluckte. „Es ist nicht Cadh.“

„Weißt Du, wo die Glocke herkommt? Weißt Du, wer sie rüber gebracht hat? Weißt Du, warum sie diesen verdammten Dom überhaupt erst gebaut haben? Weißt Du, wer ihn gebaut hat?“

„Theoderich…“

„Theoderich von Wied, ja.“ Unterbrach sie mich. „Weißt Du, wer das war?“

Was sollte die Fragerei? „Der Erzbischof von Trier, warum…“

Wieder knallte ihre Hand auf die Tischplatte. „Das war nicht irgendein Kirchenheini. Der Mann war ein Krieger. Und der Patron ist Sankt Georg. Merkst Du eigentlich noch irgendwas? Die haben das verdammte Ding hier versteckt. Du solltest rausfinden, was es damit auf sich hat, und es, verdammt nochmal, nicht ausprobieren.“

„Und warum hast Du es mich dann ausprobieren lassen und mich nur beobachtet?“

Sie atmete durch. „Das war nicht meine Entscheidung. Meine Entscheidung war nur, Dich am Leben zu lassen.“

Ich atmete schwer. So war das also. „Danke.“

„Oh, überaus gern geschehen.“

„Und was jetzt?“

„Du gibst mir alles, ALLES, verstehst Du? Und dann schauen wir mal… Vielleicht schicken wir eine Drohne durch. Vielleicht lassen wir es auch einfach auf sich beruhen. Himmel, Cadh, das darf niemals…“

„Es ist nicht Cadh, Karla. Ehrlich. Es ist schön da. Die Menschen sind einfach nur freundlich. Was immer das ist – es ist nicht Cadh.“

Sie zögerte. „Was macht Dich so sicher?“

„Es ist alles anders. Wirklich alles. Und ich habe mich dort umgesehen, ich habe recherchiert. Es gab nie eine Zeit, in der es so war, wie Darius Cadh beschreibt. Komm mit. Sieh es Dir an.“

Sie lachte auf. „Ganz sicher nicht.“

„Wieviele Leute hast Du vor der Tür? Zwei? Vier? Und ihr seid alle bewaffnet.“

Sie sah mich wieder mit diesem nachdenklichen Blick an. „Vier.“

„Komm mit. Ich zeige es Dir.“

Ich erinnere mich noch, wie forsch und selbstsicher ich aus der kleinen Pforte im Turm trat. Karla und ihre Begleiter, drei Männer und eine Frau, folgten mir vorsichtig. Die Zeitverschiebung hatte diesmal zu meinen Gunsten gearbeitet, es war ein sonniger Vormittag, als wir den Domplatz betraten.

„Siehst Du“, sagte ich zu Karla. „Sieht so die Hölle aus? Und schau Dir die Leute an. Wenn Du den ersten Anflug von Ekel überwunden hast sind es die nettesten Menschen die man sich vorstellen kann.“

Sie sah mich verdutzt an. „Wieso Ekel?“

„Naja“, ich lachte. „Das ist komisch hier, merkt Ihr das nicht? Die meisten Leute sehen erstmal… komisch aus. Aber…“

Sie schüttelte den Kopf, lächelnd. „Wieso komisch? Das sind ganz normale Leute.“ Sie drehte sich zu ihren Bodyguards. „Findet Ihr die Leute komisch?“

Auch die Vier hatten sich sichtlich entspannt. „Nein“, sagte ihr Anführer, ein Mann namens Linus, „gar nicht. Was…“

Einer der vielen Menschen auf dem Platz war auf uns aufmerksam geworden. Ein Mann um die 30, offensichtlich Tourist, rotes T-Shirt und Blue Jeans. Bis eben hatte er mit dem Handy Fotos gemacht. Jetzt ging er mit schnellen Schritten auf uns zu. Ich wandte kurz meine Blick ab. Er war einer von den besonders widerlichen, aber das würde gleich vergehen und dann würde Karla selbst erleben, wie die Menschen hier wirklich waren.

„Wo hat er die her?“ Er richtete die Frage direkt an mich.

„Was?“ Ich war verdattert. Er zog etwas aus der Tasche, einen kurzen, metallischen Stab mit einem roten Knopf auf der Oberseite. Als er den Knopf drückte, brach Chaos aus.

Unbeschreiblicher Lärm, Sirenenheulen, aber nicht von den Dächern, da waren keine Sirenen, sondern aus jedem Handy, jeder Laterne, jedem Gebäude. Wir standen starr, während der Mann seinen Stab hob, dessen roter Knopf nun leuchtend blinkte. Und dann bewegten sie sich. Alle Menschen auf dem Domplatz rannten auf uns zu. Ich weiß nicht, wo all die Klingen plötzlich her kamen. Trugen sie diese Messer immer bei sich? Wieso hatte ich noch nie eins gesehen und was…

Mein Denken endete. Sie umringten Karla und zerrissen sie buchstäblich, ich sah nicht viel, ich hörte nur ihre Schreie. Zwei ihrer Leibwächter erging es nicht anders, einer schaffte es noch, seine Waffe zu ziehen, aber er kam nie dazu sie abzufeuern. Stattdessen fing er auf so entsetzliche Weise an zu heulen, dass ich fast froh war, als er verstummte. Den dritten Mann und die Leibwächterin schleiften sie fort, nachdem sie sie bewusstlos geschlagen hatten.

Es war in Sekunden vorbei. Ich stand auf dem Domplatz, umringt von einer Menschenmenge. Dort, wo Karla und die beiden Leibwächter eben noch gestanden hatten, waren nichts als blutige Haufen. Mir wurde schlecht und ich wartete auf mein Ende. Was hielt sie auf?

Eine Hand legte sich auf meine Schulter. Es war der Mann, der den Alarm gegeben hatte, der Tourist. Ich zuckte zusammen. Er lachte freundlich.

„Nicht erschrecken. Wo hat er sie her?“

Ich konnte ihn nur anstarren. Sein Blick veränderte sich, wurde besorgt.

„Ist alles in Ordnung mit ihm? Wo ist er her gekommen? Wo ist das Tor?“

Eine alte Frau mit Rollator antwortete ihm. Sie war ganz offenbar keine Touristin, sondern Limburgerin.

„Hier ist kein Tor“, sagte sie. Und dann zu mir: „Wo ist er her gekommen? Woher hat er seine Beute?“

Ich schaute zum Dom hinüber. Sie folgte meinem Blick – und begriff.

„Er hat die Glocke gefunden? Das verlorene Tor? Burebots verlorenes Tor?“ Sie flüsterte jetzt und sah mich voller Ehrfurcht an. Einige der Touristen tauschten irritierte Blicke, aber alle, die wussten was es mit der Geschichte vom verlorenen Tor auf sich hatte, sahen mich an wie einen Wundertäter. Und der war ich ja auch. Endlich war ich am Ziel meiner Träume.

Ich sah eine Lücke in dem Ring aus Menschen, die mich angafften, und begann zu rennen. Bevor sie sich fassen konnten, war ich fast an der kleinen Pforte. Als sie zu rennen begannen, schloss ich die Tür von innen ab und rannte die Treppe hinauf. Während ich rannte, begriff ich, begriff ich alles. Die Tore. Der Reichtum ohne Ausbeutung ihrer eigenen Welt. Es war so einfach. Sie beuteten einfach die anderen Welten aus, in die sie gelangten. Darius hatte Recht – Cadh war die Hölle. Aber nicht in Cadh selbst, sondern überall wohin es kam. Irgendjemand, vielleicht jemand wie ich, hatte die Glocke vor acht Jahrhunderten hinüber gebracht. Was immer Theoderich von Wied gewusst hatte, was immer er getan hatte – er hatte sie verborgen und verhindert, dass Cadh auch in unsere Welt kam. Weil niemand das Tor öffnen konnte. Denn die Sturmglocke, die Glocke, die nun in unserer Welt war, sie musste zuerst geöffnet werden. Von hier aus konnte man nur hindurch, wenn sie offen war. Und jetzt WAR sie offen, denn ich hatte sie offen stehen lassen. Was, wenn jemand hier die Klangfolge kannte?

Irgendjemand, vielleicht jemand wie ich… was war ich? Niemand hier fand mich fremdartig – in Karla und den anderen hatten sie sofort die Fremden erkannt, während Karla das Besondere in den Bewohnern Cadhs nicht gesehen hatte. Was war das Besondere? Die Spuren ihrer Götter? Und wer waren meine Eltern gewesen? Müßig.

Ich war im Glockenstuhl. Unten brachen sie durch die kleine Pforte. Die Tonfolge begann, wehte durch den Raum zwischen den Welten und schloss die Pforte hinter mir.

Ich kam zurück, wenige Sekunden nachdem wir den Glockenstuhl verlassen hatten. Der Geruch von Karlas Parfüm hing noch in der Luft. Ich ging nach unten zu den wartenden Agenten der Behörde. Sie hatten über die Kameras beobachtet, wie Karla, ihre Begleiter und ich gemeinsam verschwunden waren. Dass ich nun alleine zurück kam und ihnen von Karla ausrichtete, dass sie noch etwas warten möchten, erschien glaubwürdig. Zurück im Glockenstuhl setzte ich mich an meinen Schreibtisch und begann, diese Zeilen zu Papier zu bringen.

Es ist morgen, ich bin fertig, mehr gibt es nicht zu sagen. Ich werde diese Notizen hier im Glockenstuhl verstecken, Du wirst sie finden, meine Vertraute, meine Verbündete. Zerstöre die Glocke. Ich werde hinüber gehen und das Tor von der anderen Seite verschließen, und ich hoffe und bete, dass es mir gelingt. Zu welchem Gott bete ich? Ich bleibe treu, ich gehöre zu Euch, was immer ich auch bin. Zerstöre die Glocke. Es ist der einzige Weg, wirklich sicher zu sein. Sie wird sich wehren, aber Du hast schon Schlimmeres gesehen als das. Zerstöre sie. Du kannst niemandem trauen. Es gibt die Kulte, es gibt die, die anderen Herren dienen, und wir können nicht wissen, wie groß ihre Macht ist. Ob ihr Arm nicht schon bis in die Behörde reicht. Ich werde das Tor schließen, ich werde meinen Computer und mein Handy vernichten, und dann werde ich die letzte Erinnerung an die grauenvollen Klänge vernichten – mich selbst.

Zerstöre die Glocke.

Ich gehe nach Hause.

ENDE

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Der Pirat, der in alle sieben Weltmeere pinkeln wollte – Teil 7

Auch mit dem entschlossenen Piraten geht es weiter – gestern hatte Alischa sich und seine Crew ja tief in die Bredouille gepinkelt. Heute… Ach, lest selbst (vor). Ich liebe es. 😀

Avatar von Sarah WassermairDer Guppy war's und nicht die Lerche

About: Geschichten für euch
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 5
Teil 6

Auch wenn sie jetzt Männerkleidung trug, seit der letzten Begegnung zwanzig Jahre älter geworden war und das rote Haar kurz geschnitten hatte – er erkannte sie doch innerhalb eines Herzschlags. „Du…du bist… du…“ stotterte er und erntete dafür eine spöttisch hochgezogene Augenbraue.

„Ich leite den Geheimdienst Ihrer Majestät“, sagte sie.

Daraufhin tat Alischa zum ersten Mal an diesem Tag etwas taktisch wirklich Kluges – er antwortete nämlich NICHT mit: „Aber du bist eine Frau!“, wie wahrscheinlich 99,9% seiner Zeitgenossen es getan hätten. Erstens ließ ihre Kleidung ihn ahnen, dass ihr Frau-sein vielleicht momentan eine höchst inoffizielle Sache war – und zweitens wäre er nach einer Kindheit mit seiner Mutter niemals auf die Idee gekommen, an der überragenden Ruchlosigkeit und Brutalität des weiblichen Geschlechts zu zweifeln.

Sie musterte ihn wie etwas Unappetitliches, das sie unter…

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schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 7 – Die Sturmglocke Teil 2

Seit vergangenem Sonntag stellen Sarah und ich jeden Tag ein Stück Geschichte in unsere Blogs, um Euch die Zeit der mehr oder weniger freiwilligen sozialen Isolation zu vertreiben. Sie erzählt in Fortsetzungen eine Lese- und Vorlesegeschichte um den Pirat der in alle sieben Weltmeere pinkeln wollte, ich stelle täglich eine Kurzgeschichte ein, meist Phantastik – das ist, was ich am besten kann. Dieses Wochenende allerdings weiche ich ein wenig davon ab: „Die Sturmglocke“ ist eine sehr lange Kurzgeschichte – nach Angelsächsicher Lesart eine Novelle – weshalb ich sie über das ganze Wochenende strecke.

In dieser Anthologie aus dem Gardez!Verlag ist sie 2017 erschienen. Ich mag diese Geschichte, denn mit ihr habe ich mich nach langer Zeit wieder in eines Geschichtenuniversen begeben, das ich besonders mag. Es ist das Universum, in dessen Zentrum das (fiktive) Buch „Wege und Tore“ steht, und mit dem ich mich selbst wiederum (grob) in das Universum von H.P. Lovecraft stelle. Und es ist ein Horrogeschichte im ganz traditiollen Sinne.


Hier ist Teil 1, inklusive Angaben zu Lizenz und Erstveröffentlichung.

Und so geht es weiter:

Die Sturmglocke – FORTSETZUNG:

„Sucht er etwas? Kann man ihm helfen?“

Ich wandte mich um und sah ins Gesicht eines Mannes um die 60. Ein später Spaziergänger vielleicht, gekleidet in eine braune Windjacke und eine beige Hose. In seinem Gesicht ein freundliches Lächeln, aber etwas an diesem Gesicht entsetzte mich zutiefst. Ich hätte damals nicht sagen können, was es war, aber der unmittelbare, tierische Impuls zu fliehen oder zu kämpfen war überwältigend. Für den Bruchteil einer Sekunde schwankte ich zwischen den Entscheidungen, schreiend den Domberg hinunter zu fliehen oder dem freundlichen Mann das Gesicht zu zerschlagen, ihn physisch zu zerstören um die Zumutung seiner Existenz nicht länger ertragen zu müssen. Ich beherrschte mich, schämte mich sofort für diese Reflexe und stammelte meine Antwort.

„Der… Parkplatz, ich suche den Parkplatz.“

„Aber da ist doch der Park“, sagte er erstaunt. „Er steht direkt davor.“

Er jetzt fiel mir seine Art zu sprechen auf. Und dann, als hätte dies eine innere Lawine ausgelöst, nahm ich meine Umgebung wahr. Links von mir, wo sich der Bau hätte befinden müssen, der einen Bischof sein Amt und seinen Ruf gekostet hatte, standen einige hohe Fachwerkhäuser. Und als ich mich umwandte und wie betäubt zum Dom sah, da sah ich ein Gebäude aus etwas, das ich für schwarzen Granit hielt, eine gewaltige, fast formlose Abscheulichkeit mit einem Turm an jeder ihrer vier Eckpunkte, die dem altehrwürdigen Dom, den ich kannte, in nichts glich.

„Wo ist der Dom?“ krächzte ich.

Der Mann sah auf das schwarze Gebäude, dann wieder auf mich.

„Geht es ihm nicht gut? Soll ich einen Arzt rufen?“

Ich konnte nur diese Ungeheuerlichkeit anstarren.

„Was ist das?“

Der freundliche Mann war nicht aus der Ruhe bringen.

„Das ist der Dom. Der Dom zu Limburg. Er ist doch eben selbst da hinaus gekommen, ich habe ihn gesehen. Das dort ist der Dom, und da hinter ihm befindet sich der Park.“ Er legte mir die Hand auf die Schulter. „Ist er sicher, dass ich keinen Arzt rufen soll?“

Mir kam ein Gedanke, eine Hoffnung auf Flucht aus diesem lebendigen Traum.

„Wo? Wo bin ich raus gekommen?“

„Na dort.“ Er zeigte auf den linken der beiden Türme. „Aus dem Nordturm.“ Seine Hand ruhte immer noch auf meiner Schulter. „Ich bringe ihn gerne ins Krankenhaus, wenn er…“

In der Mitte der Frontseite jedes der beiden Türme befand sich, das konnte ich von hier aus sehen, eine kleine Tür. Da war ich raus gekommen? Ich konnte mich nicht erinnern. Aber vielleicht gab es ja einen Weg zurück. Ich löste mich so freundlich wie möglich von meinem guten Samariter.

„Vielen Dank, Sie sind… er ist sehr freundlich. Aber ich glaube, ich muss nochmal in den Turm zurück. Ich habe was vergessen.“

Er nickte, schaute mich aber weiter besorgt an. „Soll ich auf ihn warten?“

„Nein, danke sehr. Wirklich, es geht mir schon wieder besser.“ Ich musste mich zusammenreißen, um nicht zum Turm hinüber zu rennen. Statt dessen nickte ich dem Mann mit einem, wie ich hoffte, freundlichen Lächeln zu und schlenderte zu dem Ding hinüber, das aus dem Nichts gekommen schien und den Dom ersetzt hatte.

Als ich näher heranging und meine Augen sich an diese Nichtfarbe gewöhnten, dieses reine Schwarz, das jeden Lichtstrahl in seiner Umgebung aufzusaugen schien, erkannte ich eine Art Logik in der Form des Gebäudes. Eine Logik, die ganz unbekannten Regeln folgte. Wie die Logik der Noten, die ich entdeckt hatte, hatte sie mit irdischer Ästhetik nichts zu tun.

Ich hätte das Ding an der Stelle des Doms länger angestaunt, wenn ich die Nerven dazu gehabt hätte, aber all meine Instinkte zogen mich zurück in den Nordturm. War ich nicht auf dem Weg nach unten, wie jeden Tag seit Monaten, vom Turm in den Dom hinunter gekommen und erst von da aus nach draußen gegangen? Egal, ganz egal: Dort war die kleine Tür, die direkt in diesen Nordturm hinein führte.

Die Tür sah auf den ersten Blick aus, als sei sie mit Leder bespannt. Aber als ich ihre Außenhaut berührte, spürte ich, dass es ein Metall war, vielleicht Kupfer, wenn auch die Farbe nicht stimmte. Und die Platten, mit denen die Außenseite der Tür belegt war, fühlten sich seltsam organisch an, was auch zu ihrem Aussehen passte. Sie sahen nicht aus, als ob jemand sie auf die Tür aufgebracht hätte, sondern als seien sie aus ihr heraus gewachsen. Mich schauderte, und später, als mich diese kleine Pforte in meine Träume verfolgte, krampfte ich vor Entsetzen. Jetzt aber interessierte mich vor allem eins: das Schlüsselloch.

Mein Schlüssel passte.

Ich wunderte mich nicht, weder darüber, dass mein Schlüssel völlig anders aussah, als der, den ich von Karla bekommen hatte, noch darüber, dass er in das Schlüsselloch passte, dessen Form noch am ehesten einer Triskele glich. Die Tür ließ sich ohne jedes Problem öffnen. Dahinter führte eine gewundene Treppe nach oben, die ich mit Sicherheit nie vorher betreten hatte. Oder doch? Ich war nicht sicher, meine Erinnerungen begannen zu verschwimmen. Wie in einer Trance tastete ich mich an der schwarzen Wand entlang die Treppe hinauf, bis ich schließlich vor einer unverschlossenen, hölzernen Tür stand. Ich öffnete sie – und fand dahinter den Glockenstuhl des Nordturms. Er sah ganz genauso aus, wie ich ihn kannte – mit zwei Ausnahmen. Meine Unterlagen, mein Arbeitsplatz – nichts davon war hier. Der Glockenstuhl sah genau so aus, wie er ausgesehen hatte, als ich ihn zum ersten Mal betreten hatte. Und: Die Sturmglocke fehlte. Dieser Glockenturm barg nur die Uhrglocke.

Hastig, fahrig, öffnete ich meine Tasche, holte meinen Laptop heraus und fuhr ihn hoch. Dann klickte ich auf die Datei, die ich „Tupfenklang-g1“ genannt hatte.

Ich hatte mir nicht die Zeit genommen, meine Boombox mit dem Computer zu vernetzen, deshalb kamen die Klänge diesmal scheppernd aus den internen Lautsprechern meines Laptops, aber das störte nur für Sekunden die überwältigende Kraft dieser Klänge. Wieder wurden die Töne lauter und durchdringender, füllten mein ganzes Sein. Und trotz allem, was ich in der letzten halben Stunde erlebt und was mich zutiefst erschüttert hatte, wurden die Klänge wiederum meine Welt, entrückten und trugen mich… wohin?

Als ich die Augen wieder öffnete, sah ich sofort, dass ich zurück war. Zurück in dem Glockenstuhl wie ich ihn kannte. Da war mein improvisierter Schreibtisch, da waren meine Aufzeichnungen und Notizen – und da war die Sturmglocke. Ich taumelte den bekannten Weg hinab in den Dom und hinaus, wagte kaum mich umzudrehen – aber da war der Dom zu Limburg, wie ich ihn kannte. Sieben Türme, rot und weiß, diese faszinierende Mischung aus Romanik und beginnender Gotik. Da waren der Domplatz und das bekannte Gebäudeensemble, da war der Parkplatz, da war mein Auto. Ich ließ mich hinein fallen. Wie ich nach Hadamar und in mein Hotelzimmer kam, weiß ich kaum zu sagen.

Ich konnte nicht schlafen. Zuerst war da das Entsetzen, der Unglaube, der Wunsch, das alles zu einem Tagtraum zu erklären, einer Vision. Mein Verstand suchte Erklärungen, die alle gleich lächerlich waren, vom Holzschutzmittel im Gebälk des Glockenstuhls über Pilzsporen in Wänden und Boden bis hin zu der Idee, dass ich gestürzt sei und mir den Kopf angeschlagen hätte. Ich ging ins Bad, um meinen Schädel vor dem Spiegel zu inspizieren. Seltsamerweise hatte ich einen großen Widerwillen in den Spiegel zu schauen, den ich fast gewaltsam überwinden musste, bevor ich mich untersuchen konnte. Da war selbstverständlich nichts. Nicht einmal ein Kratzer, von Beulen oder Platzwunden gar nicht zu reden. Ich hatte auch keine Kopfschmerzen oder irgendwelche Ausfallerscheinungen. Diese einfache Erklärung konnte ich getrost vergessen.

Was geschehen war, war wirklich geschehen. Und je mehr ich mir das klar machte, desto weniger grauenvoll erschien mir der Gedanke. War das, was ich erlebt hatte, nicht etwas, das viele der alten Schriften, die ich gelesen und erforscht hatte, nahelegten? Übergänge, Wechsel in andere Welten, Realitäten, Dimensionen… Jedes der verbotenen Bücher deutete dies zumindest an, Darius‘ Wege und Tore befassten sich zum allergrößten Teil nur damit. Ich hatte der Erforschung dieser Werke und ihrer Quellen meine Karriere und meinen guten Ruf geopfert – wieso wollte ich jetzt nicht wahrhaben, dass ich recht hatte. Immer recht gehabt hatte. Ich sollte, das wurde mir immer deutlicher, nicht Angst und Schrecken fühlen, sondern Freude und Triumph. Endlich! Endlich würde ich kein Paria mehr sein, würde wieder dazu gehören, mehr noch: Die Erfüllung all meiner Träume war zum Greifen nah. Newton und Einstein, Platon und Kant. Ich konnte alles sein. Ich würde alles sein. Alles was ich dazu tun musste, war: Beweise bringen. Den Versuch wiederholen, dieses seltsam andere Limburg auf der anderen Seite der Klänge noch einmal besuchen, Beweise mitbringen. Und dann noch einmal – mit Zeugen, vorurteilsfreien Wissenschaftlern. Die Welt würde eine andere sein. Durch mich und meine Entdeckung. Morgen… Der Schlaf fand mich und ich dämmerte mit dem überwältigenden Gefühl der Vorfreude hinüber in meine Träume.

Ich erinnere mich nicht daran, was ich in dieser Nacht träumte, aber ich wachte mit einem Gefühl großer Unruhe auf. Heute glaube ich, dass es eine Warnung war, damals aber kam es mir wie ein Ruf zum Handeln vor. Mir war klar, dass ich mein Erlebnis sofort Karla melden musste – aber das hätte bedeutet, dass ich diese wundersame andere Welt niemals wieder hätte betreten können. Meine Entdeckung, der Lohn für all meine Forschung, die Genugtuung nach den langen Jahren als Außenseiter und Geächteter würden mir versagt bleiben. Das war nicht gerecht. Zumindest ein wenig stand mir zu, zumindest ein weiterer Besuch, ein wenig Feldforschung, ein paar Beweise, die ich sichern durfte.

Zuerst tat ich, was ich tags zuvor versäumt hatte: Ich machte zwei Backups von der Tonfolge, eines auf die externe Festplatte, auf der ich alle meine Daten routinemäßig sichere, das andere auf einen jungfräulichen USB-Stick, den ich sicher versteckte. Die Cloud, in der ich normalerweise mein zweites Backup sichere, nutzte ich nicht. Denn wie heißt es so schön: Es gibt keine Cloud, es gibt nur den Server eines anderen. Und dort wollte ich meine Entdeckung nicht wissen.

Nachdem ich diese Sicherheitsvorkehrungen getroffen hatte, verband ich den Rechner mit meiner Boombox, klickte ich die Sounddatei an und wartete auf das überwältigende Gefühl, das die Tonfolge gestern in mir ausgelöst hatte. Aber – es blieb aus. Ich hörte die Klänge, ich verlor mich ein wenig in ihnen, wie ich es von guter Musik gewohnt war, aber keine Trance, kein Gefühl des Fortgetragenseins. Ich wartete eine lange Weile, bevor ich den Player ausschaltete. Verwirrt und enttäuscht fühlte ich mich, fast, als wäre ich bei einem Date versetzt worden. Dann aber kam mir der tröstliche Gedanke, dass ich es wahrscheinlich mit einem Gewöhnungseffekt zu tun hatte. Ich schaute mich in meinem Hotelzimmer um – es war gänzlich unverändert. Das Bett war zerwühlt, das Wasserglas stand halbleer auf dem Nachttisch, ganz wie vorher. Mit dem letzten Rest Hoffnung verließ ich das Zimmer. Im Flur, vor dem Aufzug, wartete ein Mann – dessen Anblick keinerlei Unbehagen in mir weckte. Ich trat auf ihn zu.

„Verzeihung, kann er mir sagen, wie spät es ist?“

Er sah mich belustigt an:

„Wie bitte?“

„Kann er mir bitte die Uhrzeit sagen?“

Immer noch grinsend schüttelte er den Kopf.

„Tut mir leid, ich trage keine Armbanduhr. Aber wenn Sie einen Moment warten, meine Frau hat mein Handy, und…“

Ich stammelte eine Entschuldigung und einen Abschied und floh zurück in mein Zimmer. Was war falsch, was hatte ich anders gemacht als gestern?

Keine Stunde später war ich zurück im Glockenstuhl. Natürlich. Alles war anders gewesen, dort im Hotel. Ich betrachtete die Sturmglocke. Keine Zier. Keine Inschrift. Über den Glockengießer war nichts bekannt. Ein einziges, großes Geheimnis. Die geheimnisvollen Tupfen waren nur die Krönung – und jetzt, da ich einfach so auf die Glocke schaute, ohne den richtigen Standpunkt, ohne die richtige Beleuchtung, waren sie auch nicht zu sehen.

Es war die Glocke. Es musste die Glocke sein. Mit hart schlagendem Herz öffnete ich den Laptop, spielte die Soundfile ab… und sie trug mich fort, nahm mich mit im Strom der Klänge, ganz wie am Tag zuvor.

Schon als ich aus dem Glockenstuhl heraus trat, wusste ich, dass ich wieder an dem Ort war, an den mich die fremdartigen Klänge gestern gebracht hatten. Ich stieg die gewundene Treppe hinab, ließ meine Hand dabei über die kühle, schwarze Wand gleiten und fragte mich, aus welchem Stoff sie gemacht war. Granit, wie ich zunächst angenommen hatte, war es nicht. Ebensowenig schwarzer Sandstein oder Beton. Ich verließ den Turm wie gestern durch die kleine Pforte und wandte mich erneut um, um die Ungeheuerlichkeit, die anstelle des wohlbekannten Domes hier stand, anzustaunen. Dabei kam mir ein Gedanke.

Es war Vormittag, der Domplatz war viel belebter als gestern. Nicht wenige Touristen staunten das Gebäude an, fotografierten es mit Kameras und Handys, so dass ich gar nicht weiter auffiel. Einige der Menschen mich weckten den selben, instinktiven Widerwillen in mir wie der freundliche ältere Herr gestern, doch diesmal gelang es mir, schneller darüber hinweg zu kommen. Ich sprach eine Frau an, die augenscheinlich keine Touristin war, die überquerte den Platz mit raschen Schritten ohne auch nur einen Blick auf das große Gebäude zu werfen.

„Verzeihung?“

Sie wandte sich zu mir. Beim Anblick ihres Gesichtes überkam mich eine blitzartige Übelkeit, die ich mit einiger Mühe unterdrücken konnte. Auch an ihr spürte ich etwas Falsches, gänzlich Abseitiges, ohne auch nur andeuten zu können, was es war. Sicher nicht ihr Lächeln. Obwohl sie offenbar in Eile war, fand ich nichts Abweisendes oder Genervtes in ihrem Blick.

„Ja?“

„Vielleicht können… kann sie mir helfen? Ich suche das Diözesanmuseum.“

Die Frau sah mich ratlos an.

„Welches Museum? Hier in Limburg?“

Es wäre auch zu einfach gewesen. Ich versuchte es trotzdem weiter:

„Ja… das Museum… über den Dom? Ich weiß nicht genau, vielleicht heißt es anders…

Sie lachte offen und freundlich.

„Das Dommuseum sucht er?“

Ich atmete auf.

„Ja, sicher, das Dommuseum.“

„Na, das hat er schon gefunden. Es ist gleich dort. Der Eingang ist um die Ecke.“

Sie wies auf den Platz, an dem auch in der Welt, die ich kannte das Diözesanmuseum stand. Auf den zweiten Blick waren die Gebäude sich sogar ähnlich, obwohl der hiesige Bau flacher und breiter war als der hohe Fachwerkbau mit dem charakteristischen Torbogen. Auch hier war der größte Teil des Gebäudes aus Fachwerk, flankiert allerdings von einem Turm aus Sandstein.

Ich fand den Eingang, wie meine freundliche Helferin gesagt hatte, um die Ecke und hatte das Museum schon betreten, als mir einfiel, dass ich nichts hatte, womit ich den Eintritt hätte bezahlen können. Natürlich hatte ich meine Brieftasche bei mir – aber ich bezweifelte, dass mir meine Euroscheine oder Kreditkarten hier helfen würden. Ich wollte sofort wieder hinausgehen um mich zunächst der Lösung dieses Problems zu widmen, aber zu spät. Ein Mann in dunklem Anzug eilte auf mich zu. Auf seinem Jackett trug er ein Emblem, das einem Tintenfisch ähnelte. Er hielt Faltblätter in der Hand, die den Dom – die hiesige Version des Doms – zeigten, und war ganz offensichtlich ein Museumsangestellter. Ich begann in meinen Taschen zu kramen als suche ich etwas und setzte eine saure Miene auf.

„Ach, das ist blöd…“

Der Mann blieb bei mir stehen und sah mich an, die selbe Freundlichkeit im Blick, die hier jeder zu haben schien. Sein Anblick erregte keinerlei Abscheu in mir. Er war einfach ein Mann in den 20ern, vielleicht ein Student, der sich hier etwas Geld dazuverdiente.

„Hat er etwas verloren? Kann ich ihm helfen?“

„Ich habe mein Portemonnaie im Wagen gelassen, glaube ich. Ich habe gar kein Geld bei mir…“

Er sah mich verständnislos an.

„Was hat er vergessen? Und wo?“

Jetzt war es an mir, ihn erstaunt anzusehen.

„Geld. Ich habe mein Geld vergessen. Was… wieviel kostet der Eintritt?“

„Tut mir leid, ich verstehe echt nicht, wovon er spricht,“ sagte der junge Mann geduldig.

Ich war völlig verdattert, schaffte es aber, so einfach wie möglich zu formulieren.

„Was muss ich ihm geben, damit ich mir das Museum ansehen kann?“

Jetzt war er verblüfft.

„Aber… was will er mir geben? Warum? Schaue er sich einfach alles in Ruhe an. Ich wollte ihm etwas geben.“ Er hielt mir eines der Faltblätter hin. „Möchte er einen Museumsplan haben? Die zweite Etage ist gesperrt, da legen wir gerade ein Fenster aus dem Mittelalter frei, das unsere Kuratorin entdeckt hat. Aber das Treppenhaus ist begehbar, er kann gleich vom ersten in den dritten Stock gehen. Die Aufzüge funktionieren auch. Sonst ist der Plan aktuell.“

Wahrscheinlich hielt er diese kleine Ansprache jedes Mal, wenn er einen der Flyer aushändigte. Sie gab ihm offensichtlich Sicherheit. Während er sprach, machte seine Verwunderung wieder freundlicher Geschäftigkeit Platz.

Ich nahm den Flyer an, bedankte mich freundlich und versuchte, mein Befremden darüber zu verbergen, dass er keine Ahnung gehabt hatte, was ich mit „Geld“, „Eintritt“, „Portemonnaie“ und „Wagen“ meinte. Er nickte zum Abschied, ging auf ein Paar zu, das das Museum eben betreten hatte und sagte sein Sprüchlein auf. Ich schaute in den Museumsführer und orientierte mich. Diese Welt, das hatte ich nun verstanden, barg sehr viel mehr Fremdartiges als ein bizarres Gebäude anstelle des Limburger Domes und diese seltsam altertümliche Art der Anrede. Ich bestand nur noch aus Fragen, die ich niemandem stellen konnte, wenn ich nicht auffallen wollte. Also würde ich mir die Antworten selber suchen müssen, und dieses Museum, so hoffte ich nun umso mehr, würde mir vielleicht einige geben.

FORTSETZUNG FOLGT

(Übrigens – Sarahs Lieblingsszene, die wir Euch in ihrem Blog für heute versprochen haben, kommt doch erst morgen. Sorry. 😉 )

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