schreckenbergschaut: FNHF Teil 2 – The Haunting

Es ist Freitagnachmittag, Zeit für den Freitagnachmittagshorrofilm. Diesmal:

The Haunting
(USA 1963)

Drehbuch: Nelson Gidding

Regie: Robert Wise

Vorweg erstmal: Der Film ist kein Meisterwerk. Ich höre zwar immer wieder, er sei eins, aber das ist ein Missverständnis – nicht jeder sehenswerte Film in Schwarzweiß den hauptsächlich Genrefans kennen und schätzen ist gleich ein Meilenstein des Filmschaffens. Aber ich wollen hier ja auch nicht über Meisterwerke reden, sondern über einen schönen, soliden Horrorfilm für den Freitagnachmittag, einen echten FNHF. Und das ist „The Haunting“ – oder, um den bescheuerten deutschen Titel mal zu nennen „Bis das Blut gefriert“ – allemal.

Vermutlich sollte sich in den Köpfen der damaligen deutschen Verleihfirma der Titel in etwa so anhören: „Biiis das Bluhuhuuuuut gefriehiehierhiertmuahahahahhihihiharhar.“ Und das wiederum tut diesem feinen Film unrecht. Denn doofer Trash ist er, im Gegensatz zum Remake aus dem Jahr 1999, absolut nicht. Aber alles der Reihe nach:

Inhalt:

Wir kennen das klassische Spukhaus Setting – Wissenschaftler, Geisterjäger, übermütige Studenten, etc., etc., – lassen sich in einem Spukhaus einschließen, um dem Spuk auf den Grund zu gehen. Diese Ausgangssituation ist inzwischen x-mal verfilmt worden, mal gut, mal einfallslos. „The Haunting“ war eine frühe Umsetzung der Idee und hat – ebenso wie Shirley Jacksons Geschichte „The Haunting of Hill House“, die dem Drehbuch zugrunde liegt – viele Nachfolger inspiriert.

Wie es sich für das Jahre 1962, in dem der Film spielt, gehört, ist es hier ein seriöser Wissenschaftler, der Anthropologe Dr. John Markway (Richard Johnson), der sich seinen Jugendtraum von der Jagd auf das Übersinnliche unter dem Deckmantel der Forschung erfüllt. Zu diesem Zweck hat er eine Liste von „Assistenten“ aufgestellt, Menschen die „schon einmal mit dem Paranormalen in Berührung gekommen sind“. Dummerweise bekommen die meisten dieser Handverlesenen kalte Füße, als sie sich ein wenig mit dem Hintergrund des Spukhauses (Hill House) beschäftigen. Das Haus hat – kurzgefasst – eine arg fiese Geschichte und es gab eine Menge Tote.

Die einzigen, die sich davon nicht abschrecken lassen, sind zwei Frauen: Theo (Claire Bloom) und Eleanor, genannt Nell (Julie Harris). Theo ist eine ziemlich fähige (und ziemlich distanzlose) Telepatin. Nell hatte in ihrer Jugend Ärger mit Poltergeistern, ist aber derzeit vor allem deshalb mit den Nerven am Boden, weil sie bei ihrer reichlich bösartigen Schwester und deren Familie leben muss und sich dazu noch die Schuld am Tod ihrer Mutter gibt. Komplettiert wird das Quartett von Luke Sanderson (Russ Tamblyn), einem jungen Lebemann, der Hill House eines Tages erben wird und sichergehen möchte, dass niemand den Verkaufswert seines künftigen Erbes schmälert.

Was nun kommt ist wenig überraschend: Ja, es spukt in Hill House, und nicht zu knapp. Schon in der ersten Nacht weckt ein Donnern Nell und Theo, ein Stampfen und Dröhnen, das wahrhaftig schauerlich ist. Wie es dann weiter geht, wie das Haus die Eindringlinge täuscht und manipuliert und vor allem mit Nell sein Spiel treibt, bis es schließlich bekommt, was es möchte, das möchte ich hier nicht verspoilern. Es ist sehenswert. Und hörenswert!

Urteil

Wie gesagt – kein Meisterwerk. Das Drehbuch hat, so sehr es mich schmerzt das zu sagen, erhebliche Schwächen. Klar, Nells innere Monologe sind wichtig. Aber man kann auch alles übertreiben, viel zu oft höre ich, was ich im Bild gleichzeitig sehe. Nelson Gidding traut mir nicht zu, auch die geringste Emotion insbesondere von Nell zu begreifen ohne, dass er sie mir erklärt. Schade. Denn Nell, so verstört und verängstigt sie ist, ist neben Luke der am besten nachvollziehbare Charakter. Was ist denn dagegen mit Theo los? Ist die eifersüchtig, weil Nell für Markway offenbar der wichtigere Freak ist? Ist sie intrigant? Versucht sie wirklich, Nell zu helfen? Fragen über Fragen, und ich werde den Eindruck nicht los, dass für Gidding Frauen generell ein Rätsel sind, er mir daher die eine dauernd übererklärt, während die andere vor allem auf kryptischste Weise launisch ist.

Auch Dr. Markway…. Der kennt die Geschichte des Hauses und um ihn herum wimmelt es nur so von bedrohlichen Zeichen und Geschehnissen, aber er bleibt bis kurz vor Schluss so nervtötend nonchalant, dass es weh tut. Hinzu kommt, dass Richard Johnson ihn völlig überspielt, ich habe immer den Eindruck, er möchte gar nicht Dr. Markway spielen, sondern viel lieber Clark Gable, der zufällig gerade Dr. Markway spielt. Und dann ist da noch diese blöde Logiklücke am Schluss. Für alle, die den Film kennen: Warum in aller Welt ist Markway so versessen darauf, Nell endlich auf den Heimweg zu bringen, während Grace immer noch verschwunden ist? So kaputt schien die Ehe doch gar nicht zu sein?

Aber genug über die Schwächen des Films – er hat ja auch so große Stärken.

Da sei zuvorderst genannt das Spiel von Claire Bloom und besonders Julie Harris (Letztere vor allem bekannt als die „Abra“ aus „East of Eden“). Die holen aus ihren seltsamen, unausgegorenen Rollen wirklich heraus was eben geht. Claire Bloom schafft es tatsächlich, die Theo halbwegs glaubwürdig zu machen und Julie Harris spielt so ausdrucksstark, dass Nell einen scharf gezeichneten Charakter bekommt, den das Drehbuch eigentlich nicht hergibt.

Und dann natürlich – das Haus selbst. „The Haunting“ ist ein Horrorfilm über ein Spukhaus, und er nimmt dieses Genre ernst. Habe ich eben noch über das Drehbuch geschimpft, hier ist es wirklich gut. Die meisten Autoren und Regisseure vertrauen offenbar nicht darauf, dass ein Ding so glaubwürdig böse sein kann. Das beste Beispiel dafür ist das alberne Remake, in dem es dann der böse Geist von Hugh Crane ist, der die armen Kinderseelen gefangen hält. Blöder, pathetischer Film. Im Original hingegen werden auch alle möglichen Geistergeschichten als Erklärung angeboten – aber das sind nur Fallen, und das Haus stellt sie. Das ist nicht einmal ein Spoiler, denn Markway sagt es schon in den ersten Sätzen der Einleitung. Es ist nur eben so schwer zu glauben – immer wollen wir eine Ursache.

Hill House liefert keine Ursachen und keine Erklärungen.  Das Donnern und Dröhnen – sind das Schritte? Oder klingt es nur so ähnlich, weil wir uns diese Erklärung basteln. Verformen sich die Türen, weil etwas dagegen drückt? Sind die Gänge gekrümmt und die Spiegel verzerrt, oder verändert sich einfach die Wahrnehmung? Wer oder was hält Nells Hand? Es gibt viele Fragen dieser Art und das Schöne ist – sie werden nie beantwortet. Und weil sie nicht beantwortet werden, spielt sich der eigentliche Horror im Kopf des Betrachters ab. Hier fließt kein Blut, hier springt nichts aus dem Schrank, hier zappelt nichts. Es sind die Geräusche und nur hin und wieder ein Anblick – Nell im Spiegel, das Gesicht der verängstigen Grace in der Dachbodenklappe. Für sich Dinge, die so schrecklich gar nicht sind. Es ist die Atmosphäre dieses Films die bewirkt, dass ich das alles zu etwas Grässlichem zusammensetze. Und das ist eines der größeren Komplimente, die ein Horrorfilm sich verdienen kann.

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schreckenbergschaut: FNHF Teil 1 – Triangle

TRIANGLE

GB /Australien 2009

Drehbuch: Christopher Smith

Regie: Christopher Smith

Eigentlich spricht alles dagegen, diesen Film hier zu präsentieren. Er ist kein klassischer FNHF (und damit wirklich eine erstklassige Wahl, um die Reihe zu eröffnen), denn man muss währenddessen eine Menge denken. Und erst danach…

Dann widerspricht er meiner Grundüberzeugung, dass Regie und Drehbuch zwei sehr unterschiedliche Jobs sind und daher von unterschiedlichen Leuten gemacht werden sollten. Christopher Smith beweist hier, dass auch das Gegenteil richtig sein kann – tolle Bilder, tolle Geschichte. Dazu hat er im Jahr darauf – nur als Regisseur, den Drehbuchautor jetzt nachzuschlagen weigere ich mich aus fortgesetzter Verärgerung – mit „Black Death“ einen abgrundtief miesen Film abgeliefert. So schlecht, dass ich deswegen fast noch in einen Austausch körperlicher Argumente mit einem Unverschämtling geraten wäre, wie Silentium in ihrem Blog seinerzeit berichtete. Es gilt also: MANCHMAL ist es besser, wenn jemand beide Jobs macht. Bei Nolan und den Coens ist das so, bei Mr. Smith offenbar auch.

Und dazu kommt: Ich will hier Filme vorstellen und beschreiben. „Triangle“ kann man aber kaum beschreiben, ohne schrecklich zu spoilern. Gut… der Anfang geht. Fange ich also am Anfang an:

Inhalt:

Wir lernen Jess (Melissa George) kennen, die junge, offenbar alleinerziehende Mutter des autistischen Tommy (unglaublich gut gespielt von Joshua McIvor – wie man als Kind mit einem einzigen Blick derartig eine Emotion vermitteln kann, wie der Knabe das in der ersten Szene macht… ganz tiefe Verbeugung!). Heute hat Jess es ein wenig eilig, denn Greg (Michael Dorman) hat sie auf sein Segelboot eingeladen. Also schnell ein wenig aufräumen, die von Tommy verkippte blaue Farbe aufwischen, Kind ins Auto, los geht’s!

Derweil bereitet Greg den Segeltörn vor, macht das Boot klar, empfängt seine Freunde Downy und Sally (Henry Nixon und Rachael Carpani) die – sehr zu Gregs Leidwesen – noch Heather (Emma Lung) mitbringen, mit der Sally den armen Greg allzugerne verkuppeln möchte. Greg möchte aber gar nicht verkuppelt werden, denn er hat sich in Jess verguckt, die Kellnerin seines Stammcafes, die just in diesem Moment im Schlepptau seines Kumpels/ersten Maates/Wasauchimmer Victor (Liam Hemsworth) zum Boot kommt. Jess wirkt arg verstört, Victor deutet an, bei ihr seien ein paar Schrauben locker, Greg belehrt ihn freundlich, dass die arme ein behindertes Kind und auch sonst ein hartes Leben habe.

Es sieht also alles nach einem Segelbootintrigenkrimi aus, und Sally tut auch wirklich ihr Bestes, eine Segelbootintrige gegen Jess zu spinnen, aber das klappt nicht so recht. Greg hat nur Augen für Jess und keine für Heather, was Heather aber nicht stört, denn sie hat gefallen am muskulösen Victor gefunden. Und just als Sally Jess zum Gespräch bittet, vermutlich, um ihr verbal die Augen auszukratzen, flaut der Wind ab, und am Horizont erscheint etwas, dass wie die Wolke aus dem guten alten MB Spiel „Bermuda Dreieck“ aussieht. So wie man sie sich von unten vorstellt.

Der Sturm, in den die „Triangle“ (der sinnige Name des Bootes) nun gerät, ist kurz und brutal, Victor und Greg schaffen es nicht, die Segel rechtzeitig herunterzunehmen, das Boot schlägt um, und als der Sturm ebenso plötzlich verschwunden ist, wie er kam, rettet sich die Besatzung auf den kieloben treibenden Rumpf. Heather aber ist veschwunden. Die Überlebenden versuchen noch, ihres Entsetzens Herr zu werden, als ein Schiff auftaucht, ein großes Passagierschiff. Die Rettung, wie es scheint…

Und mehr KANN ich nicht erzählen, ohne zu spoilern und den ganzen Spaß, den dieser Film macht, zu verderben. Triangle ist ein Film, den man sich wieder anschaut und wieder und wieder, ein Kauknochen für den Verstand, das, was man heute gerne als Verstandesgeschlechtsverkehr bezeichnet (um nicht durch das englische Wort in diversen Filtern hängen zu bleiben). Die Geschichte lässt viele Deutungen zu, meine ist eine andere als zum Beispiel die, die in der Wikipedia angeboten wird.

Urteil

Ein guter Film, und ich danke dem Zufall, dass er mich eines Nachts darauf zappen ließ. Denn dass es ihn gab, war bis dato komplett an mir vorbei gegangen – und auf dem Fantasy Filmfest haben sie ihn auch nicht gezeigt.

Eine Warnung noch: „Triangle“ enthält sehr verstörende Bilder. Nicht verstörend, weil jemand seinen Kopf um 360 Grad dreht, sondern wirklich, WIRKLICH verstörend. Und außerdem ist er ziemlich blutig. Das allerdings, weil die Geschichte es verlangt. Das Blut ist hier kein Selbstzweck, wie in Langweilern Marke „Saw 1 – 235“. Nein, dieser Film ist wirklich richtig gut.

Und die Möwen… ach, lassen wir das. 😉

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schreckenbergschaut: Horror am Nachmittag. Freitags.

Wie der oder die eine oder andere wissen wird, habe ich von Ende der 90er bis Mitte der 2000er Jahre in einer PR-Agentur gearbeitet. In dieser Zeit entstand meine ganz persönliche Tradition:

Der Freitagnachmittagshorrorfilm

Die Tradition entstand Ende der 90er aus drei Umständen:

1.) Die Agentur war Freitags ziemlich liberal, was den Feierabend betraf. Wer seinen Job gemacht hatte, konnte ohne weiteres gehen, egal ob es jetzt gerade 17, 16 oder gar erst 13 Uhr war. Gut – es gehörte zum guten Ton, sich nicht vor Mittag zu verdünnisieren. Aber die Mittagspause dauerte dann durchaus gerne auch mal zwei Stunden um bei der Rückkehr ins Büro festzustellen, dass nichts mehr zu tun war und nach Hause zu fahren.

2.) Meine Liebste hingegen arbeitete (und arbeitet bis heute) in einem Job mit festen Arbeitszeiten, auch am Freitag. Die Schicht geht von X bis Y. Punkt. Was dazu führte, dass ich freitags in aller Regel viel früher zu Hause war, als sie.

3.) Damals gab es meine geliebte 24-Stunden-Videothek noch. Moment… damals? Anfrage an Radio Mountfright: Trifft es nicht zu, dass es Ihre geliebte 24-Stunden-Videothek noch heute gibt? Antwort: Im Prinzip ja. Aber sie ist jetzt an einem anderen Ort, das Angebot ist kleiner und 24 Stunden geöffnet haben sie auch nicht mehr. Ich liebe sie nicht mehr. Und im Grunde ist es auch eine DVDothek, aber das war in der guten alten Zeit auch schon so.

Aus der Kombination aus den Punkten 1, 2 und 3 ergab sich, dass ich Freitags, wenn ich aus dem Büro kommend von der Autobahn herunterfuhr, den Wagen nicht etwa zuerst nach rechts, in Richtung Wohnung steuerte, sondern nach links, in Richtung Videothek. Dort frönte ich meiner Lust am stöbern, bis ich ein oder zwei Filme gefunden hatte, die meine Liebste und ich uns am Wochenende gemeinsam anschauen wollten UND: Den Freitagsnachmittaghorrorfilm. Denn mein Lieblingsmensch mag keine Horrorfilme. Außer „Shaun of the Dead“. Und „Fido“. Und „Tucker and Dale vs. Evil“. Welche alle drei mit Sicherheit großartige Filme sind, aber… ich will nicht immer lachen, wenn ich einen Horrorfilm sehe. 😉 Also nahm ich mir auch stets einen Film für den Nachmittag mit, den ich dann, idealerweise bei zugezogenen Vorhängen, mit einer guten Tasse Kaffee als Einstieg in das Wochenende genoss.

Was macht den idealen Freitagsnachmittagshorrorfilm aus?

Er ist von der Idee und der Geschichte her gut, aber nicht zu anspruchsvoll. „Jacob’s Ladder“ zum Beispiel, ist einer meiner Lieblingsfilme und ein Meilenstein des Genres – aber kein guter Freitagnachmittagshorrorfilm.

Der Frei… ach, sagen wir ab jetzt einfach FNHF, der FNHF also soll mich unterhalten, nicht durch Handlungsarmut langweilen aber meinen von einer Woche in der Agentur genug angestrengten Kopf bitte auch nicht zu sehr beanspruchen. Er ist im besten Sinne ein B-Movie. „Final Destination“ (Teil 1!!!!) ist ein prototypischer FNHF, „The Sixth Sense“ ist auch gut (obwohl mit Bruce Willis und Haley Joel Osment eigentlich zwei zu berühmte Schauspieler dabei sind), „The Blairwitch Project“ ist schon fast an der Grenze, geht aber noch. Und natürlich gehören die Klassiker dazu, vor allem die, die ein unverdientes Schattendasein führen müssen, wie etwa „Freaks“ oder „The Changeling“.

Wozu erzähle ich das alles? Inzwischen habe ich Kinder, denen ich (noch!) keinen FNHF zumuten kann, ich bin Freiberufler, die lustige Zeit der freien Freitagsnachmittage ist vorbei, und in die DVDothek gehe ich auch kaum noch, weil ich inzwischen eine eigene, recht umfangreiche Filmsammlung auf DVD besitze. Was soll das also?

Nun, ich will die Tradition des FNHF wieder aufleben lassen. Wenn es geht, möchte ich Euch jeden Freitag einen guten und sehenswerten Film präsentieren, der vielleicht nicht ganz so bekannt ist, außerhalb der Genrefans. „schreckenbergschaut“ ist ja meine Filmecke, und keine Sorge – hier werde ich absolut nicht nur Horror präsentieren.Außer Freitags. Freitags ist ab jetzt FNHF-Zeit. Und heute geht es los mit:

Triangle

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schreckenbergschreibt: DIE TRÄUMER

Heute der dritte und (vorerst) letzte Teil von „How I met my stories.“ Denn es ist wirklich so: Ich denke mir meine Geschichten nicht aus. Oder genauer – ich denke mir die Idee nicht aus. Die Idee ist plötzlich da, mehr oder weniger ausgefeilt. Joanne K. Rowling beschreibt diesen Moment, wenn sie erzählt, wie ihr während einer Bahnfahrt plötzlich die gesamte Harry-Potter-Geschichte in ihren Grundzügen vor Augen stand – Menschen, die selbst nicht schreiben, sind an der Stelle oft ungläubig und halten diese Beschreibung für einen Marketingtrick. Ich glaube jedes Wort. Viele meiner Geschichten nehmen so ihren Ausgangspunkt, auch „Die Träumer“, oder besser – „ Die Löwen“:

Die Vorgeschichte

„Der Ruf“ und „Der Finder“ haben – siehe gestern und vorgestern – eine lange Vorgeschichte und, im Falle des Rufes, auch tiefe Wurzeln in meiner persönlichen Geschichte und meiner Jugend. „Die Träumer“ sind aus einer raschen Verknüpfung verschiedener Ideen hervorgegangen, recht alte Ideen waren dabei und ganz neue. Und im Grunde sind sie nur eine Einleitung:

Es ist ziemlich genau ein Jahr her, da musste mein Verleger (schweren Herzens sagt er, und ich glaube ihm) ein Buch von mir ablehnen. „Der Finder“ war gerade ein paar Monate draußen und lief gut an, da bot ich ihm eine Horrorgeschichte an, an deren Vollendung ich seit Herbst gearbeitet hatte: „Der Ruf“. Im Verlag traf sie auf viel Beifall und Anerkennung, aber mein Verleger lehnte sie dennoch ab – sie passte nicht ins Programm. Für einen Verlag, der auf der belletristischen Seite vor allem regional gebundene Spannungsliteratur herausbringt, war dieser Roman einfach nicht regional genug. Und dagegen konnte ich wenig sagen. Klar: Die Geschichte spielt, wie üblich bei mir, in meiner engeren Umgebung, aber in der Hauptsache eben im Wald und am See. Die liegen zwar im Bergischen Land – könnten theoretisch aber überall liegen. Also zog ich meinen Plan B und brachte den Roman als E-Book. Wie aber nun weiter mit dem Verlag?

„Was ist denn mit einem Krimi?“, fragte der Verleger. „Du hast doch gesagt, Du hättest eine Krimiidee. Einen Krimi könnten wir gut im Herbst bringen, Oktober oder November.“

„Hm“, machte ich.

Er hatte Recht, ich hatte eine Idee für einen Krimi. Begonnen hatte es mit einer Figur, die in meinem Kopf erschienen war und sich angeboten hatte. Ein heruntergekommener Typ, ehemals erfolgreich, jetzt abgestiegen, dem auf einmal ein traumhaftes Angebot ins Haus schneit. Eines von der Art, die man nicht ablehnen kann, obwohl man genau weiß, dass sie einen Haken haben MÜSSEN. Kurz vor dem Gespräch mit meinem Verleger hatte ich außerdem mit einer anderen Idee gespielt, einer sehr regionalen, die mit einer konkreten Begebenheit in den 1920er Jahren in Remscheid zu tun hat (mehr kann ich nicht sagen, sonst würde ich spoilern). Und dann, eines Vormittags, während ich zum Einkaufen fuhr, verschmolzen diese beiden Ideen plötzlich in meinem Kopf zu einer, sie prallten zusammen und in einem rowlingschen Moment der Ideenexplosion entfalteten sich vor mir die Elemente eines Kriminalromans, die ich nur noch verknüpfen und in Form bringen musste. Ein echter Kuss der Muse.

Es gab nur ein Problem: Die Sache erforderte Recherche. Ich würde mich mit der Geschichte dieser Begebenheit in den 20ern beschäftigen müssen, ich würde über die wirtschaftliche Entwicklung des Bergischen Landes seither forschen müssen, gleichzeitig meine Figuren und den Plot entwickeln… Ich habe lange genug Geschichte studiert um zu wissen, dass das keine Sache sein würde, die ich in den wenigen Monaten abschließen konnte, die mir blieben, wenn das Buch im Herbst erscheinen sollte. Und ganz nebenbei bin ich ja auch noch Vater, Ehemann und freier Öffentlichkeitsarbeiter. Keine Chance.

Bevor ich aber beim Verlag anrief, um dort schweren Herzens zu verkünden, dass der Krimi frühestens im Frühjahr 2012 würde kommen können, kam nochmal meine Figur zu mir und hatte eine Idee. Bastian Mohr – damals noch namenlos – war, wie gesagt, ein heruntergekommener Typ.

„Aber wie“, so fragte er, „ist es eigentlich so weit gekommen?“

Und ich fand, er habe ein Recht darauf, dass ich diese Geschichte erzähle. Ich verknüpfte sie mit ein paar anderen Ideenfragmenten: Ein Alptraum, den ich eigentlich zu einer Horrorkurzgeschichte verarbeiten wollte. Manipulationen mit halluzinogenen Drogen. Eine fatale Liebesgeschichte. Ein deutscher IRA-Helfer. Eine PR-Agentur in Köln. Das Fantasy Filmfest, das ich so liebe. Mein Unterbewusstsein war so nett, mich just in time mit ein paar frischen Alpträumen zu versorgen (ALLE Träume in „Die Träumer“ sind nahezu echt, abzüglich der erotischen Komponente, die ist leider reine Erfindung). Da stand es: das Gerüst meines ersten Krimis.

Das Gerüst auf- und auszubauen war spannend. Bisher kannte ich zwei Arten zu schreiben – die völlig freie Art, in der die Geschichte mich zu einem Ende führt, das ich lange selbst gar nicht kenne – so entstehen meine Horrorgeschichten und so ist auch „Der Finder“ entstanden. Und andererseits die sehr handwerkliche und methodische Art, auf die Drehbücher entstehen. Der Krimi ist ein Zwischending – sehr strukturiert mit hohen Anforderungen an den logisch-dramaturgischen Aufbau, aber doch frei genug, um mich zuweilen selbst zu überraschen.

Wie gesagt: „Die Träumer“ sind im Grunde ein Prolog, die Einleitung der Krimireihe um Bastian, die nun, mit „Die Löwen“ erst eigentlich beginnt. Wenn ich heute Abend noch die Zeit finde zu schreiben, wird Bastian zum ersten Mal auf Derek Roth treffen, den englischen Captain aus dem Epilog der „Träumer“. Und Derek wird ihm ein Angebot machen. Eines von der Art, die man nicht ablehnen kann, obwohl man genau weiß, dass sie einen Haken haben MÜSSEN.

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schreckenbergschreibt: DER FINDER

Wie angekündigt geht es weiter mit den Geschichten hinter den Geschichten. Heute mit dem Buch, das mein erster veröffentlichter Roman wurde. Es begann mit einer Schreibblockade und einem sehr schlechten Film.

Am Ende des Weges

Bevor ich die Novelle schrieb, aus der später der Roman „Der Finder“ wurde, litt ich an einer sehr langen Schreibblockade. Nachdem ich mich erfolglos (siehe gestern) an dem Vorläufer von „Der Ruf“ versucht hatte, schrieb ich noch einen ganz brauchbare Science-Fiction-Roman, der aber zu sehr Joe Haldemans „Der ewige Krieg“ ähnelt, um ihn zu veröffentlichen. Danach kamen noch ein paar fruchtlose Romananfänge und dann: Ende. Für fast zehn Jahre nur ein paar Kurzgeschichten und Songtexte. Es war ein Teufelskreis. Ich sah, wie meine großen Vorbilder in den Genres – Stephen King zum Beispiel – sich immer weiter entwickelten, wusste, dass ich nie ein Bradbury sein würde und entdeckte Genies wie Iain Banks. Dabei hatte ich die ständige Sorge, mangels Training immer schlechter zu werden. Und von dem Niveau eines Pubertierenden abzusteigen ist nichts, was ein junger Schriftsteller anstrebt.

Es waren meine Frau (damals meine Freundin) und mein bester Freund, die mich aus dieser Wüste holten und dabei halfen ihnen Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller eines wirklich miesen Films.

Mein Freund, nennen wir ihn Roy (keine Sorge – wir NENNEN ihn nur Roy), ist ein begnadeter Musiker, guter (aber leider unveröffentlichter) Autor und toller Zeichner. Verdammte Multitalente. 😀 An dem betreffenden Abend hatten wir uns verabredet, um gemeinsam einen Thriller im Kino zu sehen, mit diesem berühmtem Schauspieler den wir beide schon immer für talentfrei hielten. Aber die Geschichte klang in den Vorankündigungen gut. Vorher quatschten wir ein wenig, wie man das auf dem Weg zum Kino eben so macht. Ich erzählte, ich hätte eine gute Idee für einen Roman, schaffe es aber irgendwie nicht, sie umzusetzen. Er erzählte, er habe eine tolle Idee für einen Comic, da er aber nicht so gut zeichnen könne wie Hal Foster lasse er es bleiben. Ich war perplex. Nur weil er kein Genie war, wollte er es gleich ganz lassen? Wir erzählten uns die Geschichten. Ich fand seine gut. Er fand meine gut. Dann kam der Film.

Er war schlecht. Todlanweilig schleppte er dahin und ständig schaute dieses Schauspielerimitat dämlich aus der Wäsche. Meine Gedanken begannen, abzuschweifen, ich beschäftigte mich mit meiner Geschichtsidee – und der Tatsache, dass Roys Einstellung zu Hal Foster ziemlich genau meiner zu Iain Banks entsprach. Als wir das Kino verließen, war die Geschichte in meinem Kopf fertig.

Am nächsten Tag begann ich zu schreiben. Ich hatte mir gute Musik aufgelegt („Aural Sculpture“ von den Stranglers) und schrieb vier Stunden lang. Danach war ich so matschköpfig wie ich immer bin, wenn ich aus einer Geschichte komme. Und das war gleich die nächste Probe. Würde meine Freundin das ertragen? Dieses Zwischenwesen, dass zwar in dieser Welt nur sie liebt, aber geflutet ist mit Endorphinen, hervorgerufen durch eine imaginäre Frau namens Esther? Ich lebe nämlich nicht nur in meinen Geschichten, ich verliebe mich leider auch allzu oft in meine weiblichen Hauptfiguren. Nun – sie ertrug es. Sie fand es amüsant (heute findet sie es amüsant und etwas nervend, aber sie erträgt es immer noch 😉 ). Sie ermutigte mich, sie stärkte mir den Rücken, sie tat all das, was ein(e) Schriftsteller(in) sich von seinem/ihrem Partner(in) wünscht.

Als ich mit der Geschichte zur Hälfte durch war bekam ich die Gelegenheit, mich für eine Woche in ein Haus in Zeeland zurückzuziehen und den Rest zu schreiben. Ich schrieb ganze Tage im Rausch, nur unterbrochen von gelegentlicher Nahrungsaufnahme und Abstechern ans Meer, wenn die Geschichte sich sperrig zeigte.

Am Ende war die erste Version fertig, es war alles da, was heute da ist. Die explosive Liebe zwischen Daniel und Esther, die plötzlich leere Welt, das kleine Häuflein Überlebender und der Hof auf dem sie siedeln, Daniels Suche nach Dingen, Menschen und dem Grund von all dem, Lara, Alex, Carmen, Ben (der damals noch Bernd hieß), Thomas, die Heuler und die hoffentlich überraschende Auflösung. Die Geschichte war viel kürzer, als sie heute ist, und sie war pünktlich am Freitagmittag fertig.

Am Nachmittag kamen Roy und meine Freundin an – sie hatten Tintenfischtuben dabei und Roy zauberte einen Stoß beschriebener Blätter hervor. Es war der Beginn eines Romans – wenn er schon nicht zeichnen wollte, hatte er sich doch entschieden, seine Geschichte in Prosaform zu verarbeiten. Ich las Roys Text, meine Freundin las meinen Text und Roy briet die Tintenfische. Es wurde eines der besten Wochenenden meines Lebens.

Viele Jahre und zweieinhalb Romane später lernte ich einen Verleger kennen. Ich hatte natürlich schon des Öfteren versucht, meine Romane an den Mann zu bringen, aber der hier schien echt interessiert. Er ließ sich Exposees schicken und wählte – zu meiner Verwunderung – die Geschichte, die ich inzwischen nur noch als „Die Novelle“ bezeichnete. Ich fand, sie sei zu kurz.

„Die ist zu kurz“, sagte der Verleger, „Du solltest den Anfang ausbauen. Wie sie durch diese leere Welt ziehen, ihre Siedlung aufbauen, wie die leben – das interessiert die Leute. Bau das aus, dann haben wir einen guten Roman.“ Also nahm ich mir die Geschichte nochmal vor und baute den Anfang aus. Fertig.

Nein – nicht ganz, ein Detail fehlt noch. Der Name „Am Ende des Weges“ war nicht gut. Es gab ihn schon mehrmals, vor allem für Sachbücher über Leute, die im Sterben liegen. Also zerbrachen der Verleger und ich uns den Kopf über einen neuen Namen, kamen aber auf nichts brauchbares. Eines Abends erzählte ich am Tisch von diesem Problem. Meine jüngste Tochter, damals sieben Jahre alt, fragte:

„Was macht denn der Daniel in dem Buch?“

„Na ja,“ sagte ich, „er reitet eben durch die leeren Städte und sucht Sachen, die die anderen brauchen.“

Sie überlegte kurz und meinte dann: „Nenn‘ es doch >Der Sucher<.“

Der Rest ist Geschichte.

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