schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 18 – Weihnachtsbesuch

Eigentlich wollte ich heute ein wenig pfuschen, und Euch einen der (drei) Prologe eines noch nicht geschriebenen Romans als Kurzgeschichte vorsetzen. Ich habe dann aber davon abgesehen – der Prolog ist zu kurz und setzt zuviel Kenntnis des Vorgängerromans voraus. Stattdessen erzähle ich Euch heute eine Kurzgeschichte, die zwischen dem Vorgängerroman und dem noch nicht geschriebenen Roman angesiedelt ist. Bei dem Vorgänger handelt es sich um:

Der Wandernde Krieg – Sergej.

Der etwas sperrige Titel leitet sich davon ab, dass der Roman ursprünglich als erster Teil einer Geschichte angelegt war, die ich über zwei oder drei Bücher erzählen wollte. Das zweite Buch – besagter ungeschriebener Roman – sollte den Titel „Der wandernde Krieg – Erin“ tragen. Im Moment sieht es nicht so aus, als sollte es dieses zweite Buch in absehbarer Zeit geben. Trotz durchgängig guter Kritiken, obwohl er für einen der wichtigsten deutschen Phantastikpreise nominiert war und obwohl ich „Sergej“ selbst sehr mag, verkaufte er sich von all meinen Romanen mit Abstand am schlechtesten. Ihr könnt ihn heute gebraucht kaufen oder – neu oder als E-Book – beim Verlag.

Die Geschichten um den Wandernden Krieg sind und bleiben allerdings einer der Kernmythen meiner Geschichtenwelt. Einige der Geschichten, die ich hier schon geposted habe, stammen aus dem selben Geschichtenuniversum, etwa „Die Sturmglocke“ oder „Im Block“, auch der Roman „Der Ruf“ spielt in dieser Welt. In vielen weiteren Kurzgeschichten und in allen meinen Romanen finden sich zumindest Spuren dieses Universums.

Die Geschichte, die ich Euch heute erzählen möchte, war ursprünglich als Weihnachtsgeschichte geschrieben und beantwortet ein wenig die Frage, was Sergej (oder das, was aus ihm geworden ist), denn so getrieben hat, nachdem er in einer Sylvesternacht ein ganzes Dorf ausgelöscht hat und dann verschwunden ist. Wir sehen – er ist sich treu geblieben. Wenn Kinder von Sarahs Feuer mit herüber kommen wollen – bitte die jüngeren und die phantasiebegabten anderweitig beschäftigen!

Wieder unter der Lizenz Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0)*.



Weihnachtsbesuch

von Michael Schreckenberg

Es lag kein Schnee.

Es lag kein Schnee, aber die Nacht war kalt und die Luft wie Glas. Hier, inmitten der Felder, vor den Hügeln und dem Wald, spannte sich der Himmel als schwarze Kuppel über die kleinere Schwärze am Boden und die Kuppel war alt, und die Sterne darin waren alt und alles darunter war neu und unerprobt. Auch das Haus inmitten der Schwärze.

Die Gestalt, die drei Tage lang reglos, in einer ruhigen Vogelhaltung, auf einem der Hügel inmitten des Waldes gekauert hatte, wandte zum ersten Mal den Blick von dem Haus ab, prüfte die Luft mit der Zunge und betrachtete eine Weile die Sterne. Ja, sie waren alt, und sie waren gleichgültig und er fühlte sich ihnen verbunden. Es war erst zwei Jahre her, zwei Jahre in diesem Winkel der Ewigkeit, in dem Zeit von einer so grotesken Bedeutung war. Zwei Jahre und ein Tag, das er sein ausgebranntes Haus als ein anderer betreten hatte, zwei Jahre, dass er es wieder verlassen hatte als der, der er immer gewesen war. Etwas später waren seine beiden Existenzen versöhnt worden, in einer Nacht wie dieser, kalt und sternenklar, voller Blut und Feuer. Er war gleichgültig gegen die Zerstörung gewesen, und er hatte sein Ziel erreicht, damals. Ein sehr großes Ziel.

Heute ging es um weniger. Wie stets seither. Er erhob sich, und schritt zügig den Hügel hinunter, auf das große Haus zu.

Eine halbe Stunde später schloss der Hausherr das Fenster seines Büros. Auch er hatte die Sterne betrachtet, aber er hatte ihr Alter und ihre erhabene Gleichgültigkeit nicht gespürt. Das Essen, der Wein, die Unterhaltung, das Kaminfeuer und die Vorfreude hatten ihn erhitzt. Es war an der Zeit, die Feier zu beginnen, alles war vorbereitet, alles war fertig. Nun mussten er nur noch die Kinder wecken. Er wandte sich vom Fenster ab, nahm das Buch und verließ das Büro.

Als er auf der Treppe war, hielt er einen Augenblick inne und lauschte. Unten war es erstaunlich still. Andererseits – nun kam der ernste, der besinnliche Teil des Abends. Später würde es wieder ausgelassen sein, aber alles zu seiner Zeit. Stille war in Ordnung. Stille war passend.

Er betrat die Bibliothek, und da saß ein Mann, den er nicht kannte. Der Mann saß wie selbstverständlich in seinem besten Lesesessel, hielt eines seiner besten Kristallgläser, auf dem Rauchtisch neben ihm stand – geöffnet – eine Flasche seines besten Single Malt. Der Mann nippte an seinem Glas und sah in den Kamin. Der Hausherr stand da, in seiner Festrobe, nebenan erwartete man, dass er die Feier eröffnete, und da saß ein Fremder in seiner Bibliothek und störte sich nicht an ihm. Dem Hausherren fiel nichts Passendes ein. Um seine Chance auf einen wirkungsvollen Auftritt nicht gänzlich zu verderben, ließ der das Buch, das er in der Hand hielt, schwer auf einen der Lesetische fallen. Der Fremde tat ihm den Gefallen, aufzublicken.

„Das,“ sagte er, „sollten sie nicht tun.“

Der Hausherr blickte ihn verständnislos an.

„Das Buch,“ der Fremde deutete darauf. „sie sollten vorsichtiger damit sein. An Ihrer Stelle hätte ich mehr Respekt davor.“

„Sie… kennen das Buch?“

„Sicher.“

Der Hausherr war bestürzt. Ein Eingeweihter. Warum kannte er diesen Mann nicht?

„Ich habe größten Respekt vor dem Buch,“ beeilte er sich zu sagen.

„Ja? Ich selbst nicht. Aber wenn ich Sie wäre, hätte ich ihn. Wollen Sie sich nicht setzen?“

Es war diese doppelte Unverschämtheit, die den Hausherrn aus seiner Überrumpelung weckte. Er rief laut und mehrmals. Nach Dienern. Nach Gästen. Niemand kam. Die Stille nach seinen Rufen war groß. Jedes Knacken eines Scheites im Kamin war ein Schuss.

„Es wird niemand kommen“, sagte der Fremde. „Wollen Sie sich jetzt nicht setzen?“

Der Hausherr fiel schwer in einen der Sessel.

„Wo… sind sie denn alle?“

„Nebenan. Sie können Sie nicht hören. Aber wenn Sie weiter so herumbrüllen, wecken Sie noch die Kinder. Wollen Sie das?“

„Es ist noch zu früh.“

Der Fremde grinste böse. „Ja, das denke ich mir.“

Eine Frage flog dem Hausherrn zu, so sinnvoll und passend, dass er hoffte, sie können ihm ein Anker sein.

„Wer sind Sie?“

Der Fremde dachte eine Weile nach, wie einer, der ein sehr interessantes Rätsel zu lösen hat.

„Sie dürfen mich Sergej nennen,“ sagte er schließlich.

„Sergej…“

„Einfach Sergej.“

Eine weitere Ankerfrage kam. Der Hausherr gewann langsam die Hoffnung, das Chaos, das gerade in sein ritualisiertes Dasein gekommen war, bändigen zu können.

„Und was wollen Sie… Sergej?“

„Das Siegel. Geben Sie es mir bitte.“

Hitze explodierte im Bauch des Hausherrn, seine Kopfhaut kribbelte. Seine Hand glitt kurz auf die Hosentasche unter seiner Robe.

„Was für ein Siegel?“

„Oh, bitte.“ Der Fremde seufzte. „Lassen Sie das doch. Geben Sie es mir.“

„Nein.“

Der Fremde legte den Kopf ein wenig schief und sah ihn an. Er lächelte sehr freundlich und nickte.

„Doch.“

Der Hausherr missverstand das Lächeln. Und war der Fremde nicht auch ein Eingeweihter, einer, der das Buch gelesen hatte?

„Bitte“, sagte er. „Lassen Sie uns doch unsere kleine Feier. Wir holen nur die Kinder hinunter, dann feiern wir… vielleicht möchten Sie ja mit uns feiern.“ Er rang sich ebenfalls ein Lächeln ab. „Es ist doch Weihnachten.“

„Weihnachten, ja…“ Der Fremde sah einen Moment lang durch ihn hindurch, wanderte in Erinnerungen – aber nur sehr kurz. Er lächelte nicht mehr.

„Das Siegel. Jetzt.“

Der Blick des Hausherrn wanderte zu der kleinen Truhe auf einem der Rauchtische, in dem die Pistole lag. Sehr, sehr weit weg. Der Fremde bemerkte den Blick.

„Nein, das wird nicht funktionieren. Das Siegel.“

„Was, wenn ich es Ihnen nicht gebe.“

„Dann werde ich Sie sehr, sehr qualvoll umbringen. Also bitte.“

Der Hausherr hatte mit so einer Antwort gerechnet. Doch wie sollte das möglich sein? Er stand auf und straffte sich.

„Sie werden nicht…“

Der Fremde sah ihn an. Er hatte schwarze Augen. So schwarz. Doch tief, tief in der Schwärze war etwas Rotes, und dahinter…

„Das Siegel!“

Der Hausherr spürte Speichel auf seiner Unterlippe. Und auf seinem Kinn. Der Speichel tropfte herunter. Der Hausherr griff in die Hosentasche und gab dem Fremden das Siegel. Der nahm es, steckte es achtlos in seine Brusttasche und betrachtete ihn wieder. Der Hausherr musste an einen Forscher denken, der eine neue, interessante Insektenart beobachtet.

„Und jetzt, war das freiwillig, oder nicht?“

„Bitte… meine Feier…“

„Sie haben das Siegel doch gar nicht mehr.“ Der Fremde hielt plötzlich etwas in der Hand, das wie eine sehr kleine Sense aussah.

„Nein, nein, nein, nein…“

Es ging schnell und tat nicht weh.

Der Mann, der sich Sergej nannte, blickte sich ein letztes in dem Raum um – die vielen Bücher, die schweren Möbel, das warme, dunkle Holz an den Wänden, der Kamin, der genau die richtige Größe hatte, das Feuer, das genau die richtige Wärme spendete, die goldene Flüssigkeit in seinem Glas. Er zog das Siegel aus der Tasche. Ein kleiner Elfenbeinzylinder, auf dessen Boden eine ungelenke Schnitzarbeit in erhabener Prägung die Gestalt eines sitzenden, fetten Menschen mit dem Kopf eines Tintenfisches darstellte. Er betrachtete die Schnitzerei kurz, schüttelte leicht den Kopf, zerdrückte den massiven Elfenbeinstempel fast lässig und zerrieb ihn zu Staub. Den Staub nahm er in den Mund, bewegte ihn dort ein wenig und achtete sorgfältig darauf, nichts zu verschlucken. Dann spie er ins Feuer, das kurz und heftig aufloderte. Er nahm einen Schluck Whisky, spie noch einmal aus, dann noch einmal. Den letzten, großen Schluck trank er. Sergej nahm das Buch, warf es ebenfalls ins Feuer, und verließ den Raum.

Das Esszimmer war hell erleuchtet, hier war schon alles für die große Feier vorbereitet gewesen. Der gewaltige Tannenbaum in einer Ecke des Raumes wirkte in der grellen Beleuchtung nur grotesk. Darunter lag ein Stapel Geschenke, der geholfen hatte, die den Widerstand der Kinder gegen das Nickerchen vor der Bescherung mit Vorfreude zu brechen. Das Mittel in ihrem Kakao hatte dann das Übrige getan. Um die vier Altäre, auf denen die Kinder hatten geopfert werden sollen, lagen zwanzig Leichen. Sie hatten in dieser Nacht etwas beschwören wollen. Sergej betrachtete die verrenkten Körper, die verzerrten Gesichter und die lächerlichen Roben mit ihren Phantasierunen und nachgemachten Stickereien… es war ihm trotz allem ein wenig zu schnell gegangen. Er hatte zügig arbeiten müssen und leise. Er lauschte… tatsächlich, da stöhnte noch jemand. Sehr schwach. Sergej ging zu dem Mann hinüber, ließ ein paar Körnchen des Siegelstaubs, die noch an seinen Händen klebten, auf dessen Kopf fallen und flüsterte die Worte. Die Augen des Mannes brannten aus, und das Stöhnen erlosch. Immerhin – das Siegel war echt gewesen. Was für Narren.

Sergej stieg die Treppe hinauf, ging den Gang entlang und betrat das Kinderzimmer. Dort schliefen sie noch alle, in den neuen, weißen Nachthemdchen. Den Opferhemden. Sergej vergewisserte sich, dass das Mittel noch wirkte und sie noch eine Weile schlafen würden. Es war Zeit. Er verließ das Zimmer und ging hinunter. Im unteren Flur und in der Halle lagen weitere Leichen, Festgäste, Diener und Leibwächter. Sergej zog einem der Leibwächter das Handy aus der Tasche und wählte den Notruf. Er griff seinen Mantel, den er auf das Treppengeländer gehängt hatte, zog ihn über, nahm einen der am Boden liegenden Köpfe und verließ das Haus. Den Kopf spießte er auf das Tor zur Einfahrt. Er hasste solche Theatralik, aber er hoffte auf Bilder und auf Reaktionen. Das erleichterte zuweilen die Suche.

Als Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste die lange Auffahrt zum Haus entlangfuhren, saß Sergej wieder auf seinem Hügel, wie ein großer Vogel. Er schenkte dem Trubel da unten kaum Beachtung, es würde noch eine Weile dauern, bevor sie mit der Suche beginnen würden. Er hielt ein Bild in der Hand, das eine Frau mit kurzen blonden Haaren zeigte. Es begann zu schneien. Und er dachte an Weihnachten.

ENDE










*Dies ist eine allgemeinverständliche Zusammenfassung der Lizenz und Haftungsbeschränkung (die diese nicht ersetzt).

Sie dürfen:

Teilen — das Material in jedwedem Format oder Medium vervielfältigen und weiterverbreiten, solange Sie sich an die Lizenzbedingungen halten:

Unter folgenden Bedingungen:

Namensnennung — Sie müssen angemessene Urheber- und Rechteangaben machen, einen Link zur Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Diese Angaben dürfen in jeder angemessenen Art und Weise gemacht werden, allerdings nicht so, dass der Eindruck entsteht, der Lizenzgeber unterstütze gerade Sie oder Ihre Nutzung besonders.

Nicht kommerziell — Sie dürfen das Material nicht für kommerzielle Zwecke nutzen.

Keine Bearbeitungen — Wenn Sie das Material remixen, verändern oder darauf anderweitig direkt aufbauen, dürfen Sie die bearbeitete Fassung des Materials nicht verbreiten.

Keine weiteren Einschränkungen — Sie dürfen keine zusätzlichen Klauseln oder technische Verfahren einsetzen, die anderen rechtlich irgendetwas untersagen, was die Lizenz erlaubt.

Veröffentlicht unter Quarantänegeschichten, schreckenberglebt, schreckenbergschreibt | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , | 4 Kommentare

Der Dunkle Fürst und das Fräulein Niedermaier – Teil 5

Naht Rettung für den geplagten Fürsten Salamacian? Sarah erzählt es Euch heute:

Avatar von Sarah WassermairDer Guppy war's und nicht die Lerche

About: Geschichten für euch
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4

Schließlich wagte er eine Zwischenfrage: „Sagt mal, habt ihre eigentlich schon mal jemanden… also, einen ungehorsamen Domestiken… am Leben gelassen? Und stattdessen irgendetwas anderes…. getan?“

Verwirrtes Schweigen. Die Fürstin der Frettchen runzelte die Stirn.

„Naja, wenn das Vergehen nicht zu groß ist – also, wenn eine Zofe in meiner Gegenwart nicht schnell genug die Augen senkt oder so – dann verwandle ich sie nur in ein Frettchen und lass sie zur Abschreckung für die anderen ein paar Wochen in einem Käfig im Innenhof sitzen. Meinst du so was?“

„Ja, also… fast“, murmelte Salamacian: „Ich mein, nur, also, seit ihr schon mal einen ungehorsamen Untergebenen losgeworden ohne… ihr versteht, ich rede jetzt aus rein theoretischem Interesse… also, nur so als diabolisches Gedankenspiel… und eigentlich frag ich eh für einen Bekannten, also… so ganz ohne Gewalt?“

Nach seinen letzten Worten…

Ursprünglichen Post anzeigen 456 weitere Wörter

Veröffentlicht unter Quarantänegeschichten, schreckenbergliest, schreckenbergzeigt - Reblogs & Co. | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 17 – 8 Stunden, 11 Minuten, 42 Sekunden

Kommt näher, liebe Freundinnen und Freunde. Draußen ist es wieder kälter geworden. Das Feuer ist warm, und ich hoffe, meine heutige Geschichte wärmt Eure Herzen mit süßen Erinnerungen – bei mir tut sie das. Und vielleicht bekommt Ihr durch sie auch eine Idee, wie Ihr Euch die Quarantäne versüßen (und das Social Distancing ausweiten 😀 ) könnt.

Auch die heutige Geschichte ist unveröffentlicht, ich habe sie einst als Vorlesestück für das erste analoge Treffen des Internet-Forums geschrieben, in dem Sarah und ich uns kennen gelernt haben. Nun lese ich sie Euch allen vor.

Wieder unter der Lizenz Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0)* Bitte beachtet dabei, dass JEDE Verwendung den Hinweis auf die Erstveröffentlichung enthalten muss!



8 Stunden, 11 Minuten, 42 Sekunden

von Michael Schreckenberg

Ich war so entsetzt, entsetzt und empört, dass ich wortwörtlich sprachlos war. Ich knallte das Dossier auf Rotfelds Schreibtisch und starrte ihn an. Er erwiderte meinen Blick eine ganze Weile, dann lächelte er halb, sah auf die Kladde und zupfte ein wenig an den herausstehenden Blättern herum.

„Papier. Ist Ihnen das schonmal aufgefallen, Tyler? Wir sind so weit weg von… von allem, dass wir wieder Papier benutzen.“

„Was?“ Ich war nicht sicher, ob ich ihn richtig verstanden hatte.

„Papier…“ Er lächelte wieder, während er an einem anderen Blatt zupfte. Dann schüttelte er leicht den Kopf und sah mich wieder an.

„Was haben Sie für ein Problem, Tyler?“

„Das… Verzeihung, Sir, aber das kann nur ein Witz sein.“

„Was kann nur ein Witz sein?“

Mühsam, während ich mich fragte, ob er mich wirklich nicht verstand, senkte ich meinen Finger ruhig auf das Dossier, so ruhig, wie ich eben konnte.

„Das. Sir.“

„Oh ja…“ Er lächelte immer noch dieses abwesende Lächeln. „Seltsam, das ganze, nicht wahr?“

„Seltsam? Das ist reiner Wahnsinn. Sie schreiben mir alles vor, alles. Ich… ich kann überhaupt nichts tun. Und diese Vorschriften sind der reine Irrsinn.“

„Ich dachte, Sie sind gewohnt, Befehle zu empfangen.“

„Befehle ja. Aber nicht… so etwas. Auf wessen Mist ist das gewachsen?“

„Es kommt von oben, Tyler.“

„Von… oben?“

„Ja.“

Ich wartete einen Moment, aber er war offensichtlich nicht gewillt, konkreter zu werden. Ich sah meine Felle schwimmen. Mir war klar, dass er keine Änderung an dem Plan erlauben würde. Erlauben durfte, ich will fair bleiben. Dennoch machte ich einen weiteren verzweifelten Versuch. Ich zog das größte Stück Papier, einen Plan der Festung, aus der Kladde und breitete ihn aus. Er war so groß, dass er über den Schreibtisch des Direktors hinausragte.

„Sehen Sie, Sir. Hier in diesen Trakt kommt dieser Freeman, sehe ich das richtig?“

Er schaute kaum auf den Plan. „Ja.“

„Gut. Oder nicht gut, egal, aber damit kann ich noch leben. Aber dann das – alle anderen Gefangenen in den Westblock?“

„Ja.“

„Das ist Irrsinn. Auf dem Westblock oben ist der Heliport. Wenn wirklich jemand kommt, um Freeman rauszuholen….“

„Wir sind sicher, dass jemand kommen wird.“

„Ja, aber dann ist das doch absoluter Wahnsinn. Es gibt keinen besseren Platz, um eine Flucht zu starten, als den Westblock. Sie müssen einfach nur die Treppe hoch laufen, und sind draußen.“

Er lächelte wieder. „Sie vergessen etwas Wichtiges, Tyler.“

„Was?“

„Wir erwarten, dass jemand kommt, um Freeman zu befreien. Nicht die anderen.“

„Sir. Wenn jemand Freeman befreien will, wird er mit ziemlicher Sicherheit eine Fluchtroute zum Heliport wählen. Und wenn jemand über den Heliport fliehen will, braucht er nur die anderen Gefangenen – die sinnigerweise im Westflügel untergebracht sind – zu befreien, und er hat mit einem Mal 43 Mann Verstärkung, davon mindestens 30 ehemalige Söldner. Wenn wir sie dagegen in die Keller…“

„Tut mir leid, Tyler.“

„Aber warum?“

„Befehl von oben.“

Es war sinnlos, ich wußte es, aber ich konnte nicht aufhören.

„Dann lassen sie mich wenigstens etwas an diesen völlig hirnrissigen Verteidigungsringen ändern. Zuerst die Milizmänner. Dann die normale Besatzung, dann die Roboter, dann die Cyborgs und zuletzt meine Leute und ich. Das ist…“

„Tyler…“

„Bitte Sir, sehen Sie das denn nicht? Wir helfen jedem, der hier eindringen will. Wir lassen ihn lernen. Wir selektieren zu seinen Gunsten. Die Stärksten kommen durch und gewinnen ein Maximum an Kenntnissen bei geringstmöglichem Schaden. Wenn ich dagegen direkt da draußen bin. Mit meiner Truppe. Dann…“

„Tyler, es ist unmöglich.“

„Dann lassen Sie mich zumindest ein paar der Roboter draußen stationieren. Die können hier drinnen doch gar nicht ihr ganzes Potential entfalten. Und die Scanner…

„Tyler…“

„Sir, ich habe es berechnet, ein halbes Dutzend mal. Es gibt in jedem Gang mindestens einen toten Winkel. Dabei wäre es ganz einfach…“

„Oberst Mc Bain! Sie werden die Verteidigung dieser Anlage gemäß den Ihnen vorliegenden Plänen organisieren. Dann werden Sie morgen Mittag den Gefangenen Oberon Freeman empfangen, ihn in die für ihn vorgesehene Zelle bringen, und ihn mit Ihren Leuten bewachen. Exakt so, wie es der Plan vorsieht. Ist das klar, Oberst?“

„Ja, Sir. Ich bitte um Entschuldigung.“

Ich faltete den Plan zusammen, stopfte ihn in die Kladde, nahm das verdammte Ding und ging hinaus.

Es schneite. Wie immer. Hier schneite es immer und ich fragte mich stets, wie es kam, dass wir nicht einfach alle im Schnee begraben wurden, ich, der Direktor, die Gefangenen, das ganze beschissene Gefängnis, der ganze verdammte Planet. Aber irgendwie schien die Schneedecke nie wirklich zu wachsen. Spuren wurden mit der Zeit verdeckt und verweht, aber die Felsspitzen standen immer unbedeckt und schwarz in den gleichförmig grauen Himmel. Und niemals hatte ich gesehen, dass einer der Milizionäre das Tor freigeschaufelt hätte. Oder die Wege im Vorhof. Immer fiel der Schnee, aber es war, als verschwände er einfach im Nichts, wenn er den Boden berührte und eins mit der weißen Decke wurde.

Andererseits – war das mein Problem? Ich war Soldat, kein Meteorologe. Mein Problem schwebte zwar auch gerade aus dem nebligen Dunkel des Himmels, aber es war nicht weiß und still. Es war häßlich, grau-gelb und laut. Der Transporter, der Freeman brachte.

Ich hatte nicht vor, an der nun folgenden kleinen Szene aktiv Teil zu nehmen. Freeman sollte zumindest im Unklaren darüber bleiben, wie wichtig man ihn hier nahm. Ich überließ die Formalitäten, das Gerede, die Belehrungen und Vergatterungen Burton, stand etwas abseits und sah mir das ganze an. Dabei achtete ich sorgfältig darauf, dass aus der Art, wie ich dastand und mir alles ansah, klar wurde, wer hier wirklich das Sagen hatte. Spielchen, sicher. Aber die gehören dazu, bei so etwas.

Burton brachte Freeman zu dem kleinen Gleiter und schubste ihn hinein. Drinnen saßen schon zwei von meinen Leuten. Ich schwang mich im letzten Moment mit rein, dann schloß sich die Ladeklappe zischend. Der Gleiter setzte sich in Bewegung, gefolgt vom Rest meiner Truppe, flankiert von zwei gewaltigen Kampfrobotern. Das hatten sie mir seltsamerweise erlaubt. Was hätte ich darum gegeben, zumindest diese beiden draußen im Schnee Patrouille laufen zu lassen. Aber ich hatte eben andere Befehle. Von oben.

Freeman schwieg, während wir zum Gefängnis glitten. Ich hatte aufgegeben zu fragen, warum sie ihn nicht einfach zum Heliport gebracht hatten. Ich sah mir meinen Gast an. Er sah jung aus, für einen so brillanten Wissenschaftler und gefährlichen Aufrührer, aber das mochte nichts heißen. Schon zu der Zeit, als ich noch in der Zivilisation gelebt hatte, waren die Möglichkeiten der Lebensverlängerung und Jugenderhaltung erstaunlich gewesen. Seither war eine Ewigkeit vergangen, ich wußte nicht zu sagen, wie viele Standardjahre. Das auffälligste an seinem jungen Gesicht waren die sehr großen, sehr dunklen Augen. Das schwarze Haar fiel ihm wirr ins Gesicht und ich konnte nicht sagen, ob das an der langen Reise oder an irgendeiner Mode lag. Seine Haut war olivfarben und makellos, die Kälte draußen, gegen die wir uns mit Masken schützten, schien ihm nichts ausgemacht zu haben. Er war schmal, aber er wirkte nicht geschwächt, wie so viele andere, die ich hier hatte ankommen sehen.

„Hör zu, Mann. Hier kommt keiner raus.“

Freeman drehte sein Gesicht langsam in die Richtung des Mannes, der ihn angesprochen hatte. Es war Burton gewesen. Auch ich sah meinen Leutnant an. Was ging hier vor?

„Du wirst hier für immer versauern, ist Dir das klar? Wir bewachen Dich. Der Bionic-Squad.“

„Ihr könnt die Freiheit nicht einsperren,“ sagte Freeman mit seltsam heller Stimme.

Dieser pathetische Blödsinn paßte schön zu Burtons martialischem Blödsinn, aber damit hatte sich die Konversation auch erschöpft. Den Rest des Weges legten wir wieder schweigend zurück. Nachdem wir das Tor passiert hatten, nahmen die Milizionäre Freeman in Empfang. Ich wandte mich im Vorbeigehen an Burton.

„Leutnant.“

„Sir?“

„Melden Sie sich in zehn Minuten in meinem Büro.“

„Ja Sir.“

Ich saß in meinem Büro und starrte aus dem Fenster. Schnee, Schnee, Schnee und immerwährende Dämmerung. Was für ein jämmerlicher, kalter Scheißplanet. Der Schnee erstickte die Zeit, die Dämmerung tötete sie, es war alles ein endlos dahinschleichendes, ewiges Nichts, ein einziger, endloser, monotoner Moment. Die Bilder auf meinem Schreibtisch, meine Frau, meine Eltern, die Diplome und Auszeichnungen an der Wand, sie waren nichts mehr als Dekoration, Fassade, damit der Raum bewohnt aussah. Ich war in die Mitte des Nichts geraten, einen Ort, der keine Verbindung zu Raum und Zeit mehr hatte. Abgesehen von Oberon Freeman, der von außen gekommen war. Es klopfte an der Tür. Ich nickte. Burton hatte das offenbar durch die Milchglasscheibe erkannt, denn er betrat das Büro.

„Sir, ich melde mich wie…“

„Machen Sie die Tür zu, Leutnant.“

„Ja, Sir.“

Ich kam hinter meinem Schreibtisch hervor und baute mich vor ihm auf. Burton war massig und überragte mich um Haupteslänge, aber er entsprach nicht dem Klischee des Muskelmannes. Er war ruhig und besonnen, klug und vorsichtig. Hatte ich zumindest bis eben gedacht.

„Was war das für ein Auftritt, eben im Gleiter, Larry?“

Sein riesiger Adamsapfel hüpfte.

„Ich weiß es nicht, Sir.“

„Wie bitte?“

„Ich weiß es nicht. Es… äh… es überkam mich einfach, es…“ Er wurde tatsächlich rot. „Ich verstehe es selbst nicht, Sir.“

„Hier kommt keiner raus?“

„Sir…“

„Du wirst hier für immer versauern?“

„Es… ich…“

„Und was, beim Teufel, ist ein Bionic-Squad?“

„Nun, Sir, wir sind doch…“

„Ja?“

„…verändert, und…“

„…deshalb geben Sie uns einen dämlichen Namen?“

„Sir, ich kann es mir auch nicht erklären.“

„Wie soll ich das verstehen, Larry?“

„Ich verstehe es selbst nicht, Sir.“

„Kommt es öfter vor, in letzter Zeit, dass Sie etwas… überkommt?“

„Nein, Sir.“

Ich musterte ihn eine Weile, offenbar war ihm sein Auftritt selbst mehr als peinlich. Bionic-Squad. Schließlich winkte ich ihn hinaus.

„Ich betrachte die Sache als erledigt, Leutnant. Ich erwarte, dass sowas nicht wieder vorkommt. Gehen Sie auf Ihren Posten.“

„Ja Sir. Danke Sir.“

Er ging. Ich fühlte mich unendlich müde.

Sie kamen drei Tage später. Drei Gleiter, von denen zwei schon beim Anflug abgeschossen wurden. Ich sah mir die Aufzeichnung, die der Satellit gemacht hatte, in Rotfelds Operationsraum an. Ich konnte es nicht glauben.

„Sie haben uns einen Haufen Dilettanten geschickt, Sir?“

„Meinen Sie?“

„Nun ja…“

„Sehen Sie weiter.“

Der graue Schemen, der den Gleiter darstellte, setzte auf. Die Bildschirmansicht wechselte von einer dreidimensionalen Aufsicht im Winkeln in die zweidimensionale Vogelperspektive – der Satellit zeigte uns ein stilisiertes Bild. Aus dem Umriss des Gleiters quollen acht rote Punkte. Der erste verschwand sofort, die anderen näherten sich den Vorposten der Milizionäre. Wieder verschwanden zwei. Minen. Dann ein weiterer – die Selbstschussanlage.

Es war in wenigen Minuten vorüber. Keiner der Acht war auch nur in Schussweite des ersten Vorpostens gekommen. Ich begriff es nicht. Rotfeld sah mich von der Seite an.

„Und?“

„Was soll das, Sir? War das eine Übung?“

„Nein. Ist ihnen nichts aufgefallen?“

„Der erste war ziemlich schnell weg. Herzinfarkt?“

„Nein.“

Mir ging dieses Rätselspiel auf die Nerven. Ich beschloss, zu schweigen. Wie erwartet hielt Rotfeld das nicht lange aus.

„Was sagt Ihnen der Name „Shadowsuit“, Oberst?“

„Nichts.“

„Das wundert mich nicht. Es ist eine völlig neue Entwicklung. Ein Kampfanzug der, wenn er aktiv ist, seinen Träger unsichtbar macht. Für jeden Sensor. Egal ob biologisch, elektronisch, oder… bionisch.“

„Schön. Und Nummer Eins steckt in diesem Ding?“

„Es sieht so aus. Es gibt ihn eigentlich noch nicht, er war noch in der Testphase.“

„War?“

„Er wurde gestohlen.“

Ich seufzte. Warum nur hatte ich das Gefühl, das alles schon tausendmal erlebt und gehört zu haben? Ich war müde.

„Gestohlen?“

„Ja, leider. Aber immerhin, einen Vorteil haben wir.“

„Ja?“

„Er war noch in der Testphase, wie gesagt. Er verbraucht sehr viel Energie. Unser Freund wird ihn bald wieder aufladen müssen.“

„Aufladen. Womit?“

„Standardakkus. Er läuft mit Standardakkus.“

War das nicht klar? Ich nickte nur.

„Haben Sie ein Problem, Oberst?“

„Ich? Oh, nein, gar nicht. Ich dachte gerade, wie schön das zu dem Befehl von vorletzter Woche passt.“

„Zu welchem Befehl?“

Ich schaffte es, mich zu beherrschen und rechnete mir das hoch an. „Zu dem Befehl, Sir, überall in der Festung kleine Depots mit Munition, Passwaycards und/oder Standardakkus anzulegen. Für den Fall, für den sehr unwahrscheinlichen Fall, dass unsere Einheiten bei der Verteidigung der Festung isoliert würden.“

„Oh, DER Befehl.“

„Ja, Sir.“

„Tut mir leid, Oberst. Kam von ganz oben.“

Ich schwieg. Er auch. Aber nur kurz.

„Nun, McBain, worin sehen Sie die beste Chance für unsere Verteidigung?“

„Darin, dass er wirklich einen Herzinfarkt hatte.“ Ich verließ den Raum.

Er passierte die Milizionäre unbehelligt. Zweimal fasste der Satellit ihn kurz auf, offenbar schaltete er seine Tarnung ab, um die Akkus zu schonen. Aber die Amateure, die ich draußen hatte, waren nicht in der Lage, schnell genug zu reagieren. Hätte ich auch nur einen der Kampfroboter einsetzen dürfen… . Er kam ins Gebäude, und dort konnte der Satellit ihn nicht mehr orten. Die Sensoren erfassten ihn hin und wieder, aber er war gut. Er entwischte ihnen schnell und nutzte geschickt die toten Winkel aus, die ich nicht hatte beseitigen dürfen. Ich saß in meinem Büro, das Kommgerät in meinem Kopf aufgeschaltet, gab meine Befehle, aber er war mir immer einen oder zwei Schritte voraus. Ich konnte seinen Weg zunächst nur verfolgen, indem ich die unidentifizierten Passwaynutzungen verfolgte. Er hatte offensichtlich eines unserer Depots gefunden.

Er passierte die reguläre Besatzung fast unbemerkt, allerdings tötete er drei der Männer unterwegs. Die armen Kerle hatten nie eine Chance. Den ersten erledigte er mit einem Schuss aus weiter Distanz. Die anderen beiden mit einer Gasgranate. Die stammte aus einem unserer Depots. Es war zum Heulen.

Allerdings schien er so etwas wie ein Gewissen zu haben – was mich wunderte. Aber während von den Wachmännern nur die umgebracht hatte, an denen er sonst nie und nimmer vorbei gekommen wäre, kannte er bei den Robotern kein Pardon. Eine Spur von zerfetztem Stahl und sauteurer Elektronik pflasterte seinen Weg, er wollte offenbar ganz auf Nummer sicher gehen. Einen Robot nach dem anderen verwandelte er in Schrott. Immerhin konnte ich so seinen Weg recht gut verfolgen und vorhersehen, und ich schickte ihm mein bestes Stück in den Weg – einen Killemall Mercyless 88a. Das Ding schob sich ihm in den Weg, gerade als seinem Anzug die Energie ausging. Vermutlich begriff er nie, was ihn erwischte.

… kannte er bei den Robotern kein Pardon. Eine Spur von zerfetztem Stahl und sauteurer Elektronik pflasterte seinen Weg, er wollte offenbar ganz auf Nummer sicher gehen. Einen Robot nach dem anderen verwandelte er in Schrott. Immerhin konnte ich so seinen Weg recht gut verfolgen und vorhersehen, und ich schickte ihm mein bestes Stück in den Weg – einen Killemall Mercyless 88a. Die Sensoren erfassten ihn kurz, als er den Akku wechselte, dann war er wieder verschwunden. Dennoch machte der Killemall seine Sache gut. Der Robot berechnete den Weg seines Feindes aus den Angriffsmustern, schickte im richtigen Moment einen EMP Impuls und legte so die Tarnung lahm. Der Rest war kurz, gemein und unappetitlich.

… erfassten ihn kurz, als er den Akku wechselte, dann war er wieder verschwunden. Dennoch machte der Killemall seine Sache unter den gegeben Bedingungen nicht schlecht. Der Robot berechnete den Weg seines Feindes aus den Angriffsmustern und schickte hin und EMP Impulse los, um die Tarnung lahm zu legen. Unser Eindringling hatte aber offenbar irgendeine Konterwaffe – die EMPs verpufften wirkungslos. Es dauerte vier Minuten, dann erwischte eine von diesen kleinen, gemeinen Hohlladungen meinen schönen, teuren Robot, und die sich öffnende Tür war vorerst das Letzte, was ich von meinem Gegner sah.

Dann hätten wir ihn fast erwischt. Ich hatte hilflos beobachtet, wie er einen Cyborg nach dem anderen ausschaltete und schon fast aufgegeben, als ihm der Saft ausging. Plötzlich war er da, von zwei Sensoren gleichzeitig erfasst, bei dem Versuch, in dem Gängegewirr vor dem Gefangenentrakt einen Weg zu finden. Er irrte wie kopflos herum, wandte sich hierhin und dorthin und leuchtete auf meinen Monitoren wie ein ganzes Feuerwerk. Er hatte mir nur noch drei Cyborgs gelassen, aber das waren drei der allerneuesten Prototypen: Tyrant RE 4000. Und die ließ ich jetzt auf ihn los.

Habe ich erwähnt, dass er gut war? Der erste Tyrant kam gar nicht an ihn heran, er hatte sich mit einer Annäherungsmine geschützt. Den zweiten erledigte er aus einem Luftschacht heraus, in den er sich verkrochen hatte. Sein Meisterstück aber lieferte er bei dem Dritten ab. Er sprengte ihm mit einer genau gezielten Minigranate den Oberkörper weg, näherte sich dann seelenruhig dem zuckenden Rest, öffnete die Klappe in der Fußsohle, nahm den Akku heraus – und verschwand. Kurz darauf passierte er die letzte Tür vor dem Gefangenentrakt.

Ich wußte nun, mit wem ich es zu tun hatte, die Sensoren hatten ihn identifizieren können. Sein Name war Chris Jensen. Ex-Polizist, Ex-Geheimagent, Ex-Söldner, Ex-Alles. Irgendwann hatte er die Seite gewechselt und arbeitete nun für den Widerstand. Für Freemans Leute.

Jetzt war es soweit. Ich rief Burton, der kurz darauf in meinem Büro stand.

„Sir?“

„Haben Sie die ganze Sache verfolgt?“

„Sicher, Sir.“

„Er wird zu Freeman gehen. Wir teilen die Gruppe. Sie nehmen Shepherd, Croft und Yagu und fangen ihn vor der Zelle ab. Wenn das schief geht, warte ich mit Whesker, Valentine und Denton vor dem Westblock. Da muss er durch.“

„Sir – darf ich einen Vorschlag machen?“ fragte er.

„Bitte.“

„Lassen Sie mich mit Whesker und Denton vor den Westblock, teilen Sie Valentine den Zellen zu. Yagu kann dort das Kommando übernehmen. Sie, Sir, erwarten Jensen beim Heliport – wenn alle Stricke reißen.“

Ich überlegte kurz.

„Gut.“

Das war vor etwa einer Stunde. Ich stehe in einem kleinen Verschlag oberhalb des Landedecks, von hier aus habe ich einen guten Blick auf den ganzen Heliport. Hier oben ist es schön ruhig, nur der Sturm, der ewige Sturm rüttelt an den Wänden meines Verschlages. Es kann jetzt nicht mehr lange dauern.

Meine Leute sind alle tot. Unter mir tobt das Chaos. Die Mobile Infanterie ist gelandet und liefert sich in der Festung eine Schlacht mit den Häftlingen, die Jensen befreit hat. Die Soldaten werden gewinnen, aber das ist egal, bis dahin sind Jensen und Oberon Freeman längst über alle Berge. Wenn ich sie nicht aufhalte.

Der Fluchtheli ist eben gelandet, es ist eine Transport-Kampf-Einheit. Das bedeutet, ich kann ihn nicht zerstören, er würde sich verteidigen und mich schneller erledigen als ich ihn, mit den spärlichen Mitteln, die ich hier habe.

Unten öffnet sich eine Tür. Ich schiebe mich langsam aus der Tür, hebe das Gewehr und blicke durch die Zieloptik. Freeman zuerst. Sollte es so einfach sein?

McBain legt an und schießt. Freeman ist sofort tot.

… Unten öffnet sich eine Tür. Ich schiebe mich langsam aus der Tür, hebe das Gewehr und blicke durch die Zieloptik. Freeman zuerst. Sollte es so einfach sein?

Selbstverständlich nicht. Jensen scheint zu ahnen, was auf ihn zu kommt, vielleicht hat er mich auch gesehen. Er stößt Freeman zur Seite, mein Schuss geht ins Leere. Er hebt seine Waffe, schießt, verfehlt mich. Ich reagiere zu schnell für ihn. Ich springe hinunter auf das Landedeck -–so ein bionischer Körper kann sehr praktisch sein. Er versucht mich zu erwischen, aber ich bin zu schnell für ihn. Als seine Munition aufgebraucht ist, habe ich leichtes Spiel. Er zieht sein Messer – es ist das letzte, das er tut.

Nachdem Jensen tot ist, sucht McBain Freeman nur kurz. Er findet ihn und bringt ihn zurück in die Festung, wo die Mobile Infanterie gerade die letzten Häftlinge zusammentreibt.

… Unten öffnet sich eine Tür. Ich schiebe mich langsam aus der Tür, hebe das Gewehr und blicke durch die Zieloptik. Freeman zuerst. Sollte es so einfach sein?

Selbstverständlich nicht. Jensen scheint zu ahnen, was auf ihn zu kommt, vielleicht hat er mich auch gesehen. Er stößt Freeman zur Seite – und ist verschwunden. Mein Schuss geht ins Leere. Ich brauche einen Moment um zu begreifen, was passiert ist. Jensen, der seinen letzten Akku während des Kampfes mit Leutnant Burton aufgebraucht hatte, hat das letzte Depot gefunden, direkt unter dem Heliport. Ich weiss, dass ich jetzt chancenlos bin. Vielleicht, wenn ich…

Mc Bain wird getroffen, direkt in die Brust. Der Treffer wirft ihn gegen eine Wand. Wie im Traum sieht er den Heli mit Jensen und Freeman abheben, dann plötzlich Worte am Himmel, die sein ganzes Sichtfeld füllen, Buchstaben ziehen vorüber, so schnell, dass sein schwindender Geist sie nicht erfassen kann. Dann stehen die Buchstaben still. Die Welt verschwindet Und das letzte, das Oberst Tyler McBain sieht, ist eine Schrift vor schwarzem Nichts:

FREE MAN 2 – THE BIONIC SQUAD

Final Score: B++

Enemies killed: 32

Items found: 51

Saves: 3

Total Time: 8 hours, 11 minutes, 42 seconds

Save data?

Yes

No

ENDE







*Dies ist eine allgemeinverständliche Zusammenfassung der Lizenz und Haftungsbeschränkung (die diese nicht ersetzt).

Sie dürfen:

Teilen — das Material in jedwedem Format oder Medium vervielfältigen und weiterverbreiten, solange Sie sich an die Lizenzbedingungen halten:

Unter folgenden Bedingungen:

Namensnennung — Sie müssen angemessene Urheber- und Rechteangaben machen, einen Link zur Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Diese Angaben dürfen in jeder angemessenen Art und Weise gemacht werden, allerdings nicht so, dass der Eindruck entsteht, der Lizenzgeber unterstütze gerade Sie oder Ihre Nutzung besonders.

Nicht kommerziell — Sie dürfen das Material nicht für kommerzielle Zwecke nutzen.

Keine Bearbeitungen — Wenn Sie das Material remixen, verändern oder darauf anderweitig direkt aufbauen, dürfen Sie die bearbeitete Fassung des Materials nicht verbreiten.

Keine weiteren Einschränkungen — Sie dürfen keine zusätzlichen Klauseln oder technische Verfahren einsetzen, die anderen rechtlich irgendetwas untersagen, was die Lizenz erlaubt.

Veröffentlicht unter Quarantänegeschichten, schreckenberglebt, schreckenbergschreibt | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , | 3 Kommentare

Der Dunkle Fürst und das Fräulein Niedermaier – Teil 4

Salamacian hat es schwer – und das Schlimmste, was man in so einer Situation bekommen kann ist? Richtig – das Mitleid von Leuten, die keine Ahnung haben, WIE groß das Problem ist.

Avatar von Sarah WassermairDer Guppy war's und nicht die Lerche

About: Geschichten für euch
Teil 1
Teil 2
Teil 3

Dankenswerterweise gab es an diesem Nachmittag einen kleinen Bauernaufstand in einer seiner Ländereien – nichts vertreibt Kummer und Sorgen so gut wie die dedröppelten Gesichter einer geschlagenen Rebellenarmee – aber bis zum späten Abend war Salamacians finstere Stimmung zurückgekehrt und verfolgte ihn bis zum monatlichen Saunatreffen mit seinen Kollegen.
Während die anderen Schreckensherrscher fröhlich schwitzten, dabei ein Gläschen Absinth1umgehen ließen und in eine lebhafte Diskussion über die Drachenzucht verwickelt waren, starrte Salamacian nur auf die Holzbank vor sich und hing bitterschwarzen Gedanken nach. Das war an und für sich nichts Ungewöhnliches – düsteres Grübeln gehört mehr oder weniger zu den Berufsanforderungen – aber Salamacian beschränkte diese Beschäftigung normalerweise auf die Geschäftszeiten. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er auffiel und ein skelettierter Finge ihn vorsichtig auf die Schulter klopfte. Der Finger gehörte zu Koriolan Knochenreiter (K.u.K…

Ursprünglichen Post anzeigen 405 weitere Wörter

Veröffentlicht unter Quarantänegeschichten, schreckenbergliest, schreckenbergzeigt - Reblogs & Co. | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , | 1 Kommentar

schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 16 – Urknall

Soooo, nach zwei Wochen Quarantänegeschichten habe ich jetzt mal den Holzvorrat für meine Geschichtenlagerfeuer überprüft. Zwei veröffentlichte Geschichten habe ich noch, von denen ich allerdings die eine nicht mag und die andere… naja, ich mag sie schon, aber sie ist recht düster. Also – ein reales Düster, kein phantastisches, wie sonst.

Außerdem habe ich noch 12 fertige, unveröffentlichte Geschichten, die ich aber einzeln überprüfen und überarbeiten muss. Einige sind nicht besonders gut gealtert, eine musste ich eben verwerfen. Es war eine nette kleine Rachegeschichte, die ich mal für einen Wettbewerb geschrieben habe, vor fast 20 Jahren. In der Zwischenzeit… Sagen wir mal so – ich habe genug von Serienkillern und hübschen Leichen. Bei anderen, aber eben auch bei mir selbst.

Die Geschichte aber, die ich Euch heute erzählen will, mag ich immer noch. Sie ist ein wenig einfach im Stil (wäre ja auch traurig, wenn ich in den 17 Jahren seit ihrer Enstehung als Autor nicht dazugelernt hätte), aber ich mag sowohl die Grundidee als auch die Geschichte selbst immer noch sehr.

Und keine Sorge – Sarah und ich werden nicht aufhören, Euch mit Geschichten zu versorgen, auch wenn wir davon ausgehen, dass die Isolation noch länger als die knapp zwei Wochen dauern wird, die mein Geschichtenvorrat noch reicht. Ich lasse mir etwas einfallen. 😉

Vor der Geschichte wie immer dies:

Wieder unter der Lizenz Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0)*.






URKNALL

von Michael Schreckenberg

Es hat alles mit dem Stein angefangen. Einer dieser Zufälle, die die Menschheit weiter vorangebracht haben als viel akribische, fruchtlose Forschung. Der Stein war alt. Die genauesten Schätzungen lagen bei 300 bis 250 Millionen Jahren. Er war warm und pulsierte, wie ein lebendiges Wesen. Er war Energie. Er bedeutete die Lösung all unserer Probleme. Dachten wir.

„Du solltest da wirklich nicht noch mal rein gehen. Was soll das? Du hast alles tausendmal kontrolliert.“

Andreas schüttelte den Kopf. „Du verstehst mich nicht. Ich will nichts kontrollieren. Ich will dabei sein, wenn wir die Maschine einschalten.“

Grischa ließ seine Kladde sinken und starrte ihn an. „Das ist nicht dein Ernst.“

„Doch, sicher. Warum nicht?“

„Es ist zu… es ist zu gefährlich. Und verboten ist es außerdem.“

„Es ist nicht verboten, und du weißt das.“ sagte Andreas ungeduldig.

Grischa seufzte. „Es sollte verboten sein.“

„Blödsinn. Ich möchte einfach sehen, wie er reagiert. Wie es aussieht, wenn wir ihn anzapfen. Ich will Daten sammeln, wenn du eine wissenschaftliche Begründung willst.“

„Die Brennstäbe in einem Kernkraftwerk sehen sicher auch toll aus. Trotzdem will niemand zu ihnen rein.“

Andreas schenkte seinem Kollegen einen ungeduldigen Blick. „Du weißt, dass man das nicht vergleichen kann. Er ist nicht radioaktiv, er ist nicht instabil, wir haben es xmal simuliert und noch öfter durchgerechnet. Das weißt Du.“

„Gar nichts weiß ich. Und du weißt ebenso wenig. Niemand hat irgendeine Ahnung.“

Andreas lachte. „Mag sein, aber das hat keinen abgehalten. Dich auch nicht. Ich gehe jetzt rein. Wer ist dabei, wenn du die Maschine einschaltet? Judith?“

Grischa seufzte erneut, resigniert. So kameradschaftlich es im Team zuging – Andreas war der Chef. Leider. „Wie du willst. Judith ist dabei, ja. 30 Sekunden Testlauf, damit morgen alles gut geht. Wie du gesagt hast.“

„Morgen, mein Freund,“ sagte Andreas grinsend, „morgen schaffen wir eine neue Welt.“

„Aber klar.“

„Glaub mir!“ Damit ging er in die Kammer.

Professor Dr. Andreas Melchior hatte gedacht, er hätte die Ehrfurcht vor diesem Ding schon lange verloren. Aber wie er nun hier stand und den Stein betrachtete, der da inmitten von Streben und Leitungen steckte, angebohrt, mit Sonden beklebt, mit Reizern und Abnehmern verbunden, da wusste er, dass er nichts verloren hatte. Der Stein war sein Leben, seit 15 Jahren, seit einer seiner Studenten dass Ding aus dem Urlaub in Tschechien mitgebracht hatte. Als klar war, was Grischa da gefunden hatte, hatte es ein wenig politischen Streit gegeben, aber dann wurde das Ganze ein EU-Projekt, mit Sitz in Prag und ihm als Leiter, und alle waren wieder glücklich und zufrieden. Und er hatte unter den besten jungen Naturwissenschaftlern Europas auswählen können. Sie kamen und gingen, geblieben waren in der ganzen Zeit nur Grischa, er selbst und Judith – Dr. Judith Schmiedt – die tschechische Laborleiterin. Es war nur fair, dass sie Drei die Ersten waren. Er drehte sich zur Scheibe. Zwei Fenster weiter schüttelte Grischa den Kopf, Judith war hinzugekommen und zeigte Andreas den Vogel. Schön, so ein gutes persönliches Verhältnis im Team. Er machte das OK-Zeichen. Grischa sah ihn noch einmal fragend an, Andreas nickte ungeduldig mit dem Kopf. Darauf zuckte sein Assistent mit den Schultern und drückte auf den Knopf.

Was zur Hölle ist das?!“

Die Explosion war ohrenbetäubend – im wahrsten Sinne des Wortes. Andreas fand sich an der Wand der inneren Maschinenkammer wieder. Das Inferno um ihn war seltsam still. Er saß in einer Ruine, die Maschinenteile hatten alles zerfetzt, was ihnen im Weg gewesen war. Wände. Möbel. Geräte. Und was von dem Raum übrig war, stand in Flammen. Er saß da und wunderte sich über die Stille. Er hörte nur ein Piepen. Langsam wurde Andreas klar, was geschehen war. Er rappelte sich auf und sah, dass die Wand, an der er gelehnt hatte, keine Wand mehr war, nur noch ein sinnloser Raumtrenner zwischen dem Chaos vor und dem Inferno hinter ihm. Es gab keinen inneren Maschinenraum mehr und keinen äußeren und kein Labor – es gab nur noch Trümmer, Feuer, Fetzen – und Stille. Und das Piepen.

‚Der Rauch‘, dachte Andreas. ‚Ich muss hier raus, Rauchvergiftung. Judith. Was ist mit Judith? Und Grischa.‘

Er fand die beiden in der Nähe von etwas, das er mit Mühe als die Reste der Trennwand zum äußeren Maschinenraum erkannte. Judith war bewusstlos, sie blutete, ihr rechtes Bein war unter einem gewaltigen Trümmer eingeklemmt. Grischa war tot, die Scheibe des Sichtfensters hatte ihm den Kopf und den linken Arm abgerissen und den Rest seines Körpers mit Scherben gespickt, von denen jede einzelne so lang wie eine Schwertklinge war. Für einen Moment war Andreas begraben in Trauer um seinen Freund, aber er zwang sich, klar zu denken. Judith. Judith war eingeklemmt und der Raum brannte. Er musste sie retten, niemand sonst war hier. Er stemmte sich gegen den Trümmer, unter dem ihr Bein verkeilt war, es war ein undefinierbares Metallteil. Er roch den scharfen, fett stinkenden Rauch, spürte die Flammen, er schaffte es im letzten Moment. Der riesige Metallfetzen kippte weg von ihm, er nahm Judith auf seine Arme, und dann rannte er.

Rauch? Ist das… Nein… wo ist die Wand!?“

Draußen tobte das Chaos, ein anderes Chaos als drinnen. Menschen rannten die Gänge entlang, zu den Ausgängen, die Männer der Institutsfeuerwehr rannten in die entgegengesetzte Richtung, hin zum Labor. Alle Feuermelder blinkten, es musste ein unglaublicher Lärm herrschen, aber Andreas nahm nur ein Murmeln wahr. Immerhin das – und das Piepen wurde auch leiser. Judith legte die Arme um seinen Hals und sagte etwas mit geschlossenen Augen, er sah, wie sie die Lippen bewegte. Er kämpfte sich zur Treppe, hinunter ins Erdgeschoss, noch einmal den Flur entlang und dann ins Freie. Sanitäter der Institutsfeuerwehr kamen ihm entgegen, nahmen ihm Judith ab. Er deutete auf seine Ohren, aber sie beachteten ihn nicht, Judith hatte die Augen geöffnet und schenkte ihm ein Lächeln, als sie sie fort trugen.

Wo ist er? Da! Siehst du? Aber…“

Die Druckwelle warf ihn zu Boden, den Knall selber bekam er nur als dumpfes „Plopp“ mit. Er stand auf und drehte sich zum Gebäude. Ein Teil des ersten Stockwerks war explodiert, immer noch regneten Trümmerteile auf die andere Seite des Parkplatzes. Flammen schlugen aus der Ruine, turmhoch. Jemand berührte ihn an der Schulter, Andreas drehte sich um. Es war Puchlika, der Chef er Institutsfeuerwehr. Neben ihm stand eine weinende Frau. Puchlika sagte etwas. Andreas zuckte mit den Schultern und deutete auf seine Ohren. Der Feuerwehrmann kam näher und brüllte in sein Ohr.

„Sie… ill… titutsleit… rechen.“

„Ja,“ sagte Andreas. „Und?“

„…dergartenkinder… esicht…ung. Kind… fehlt.“

„Was? Seit wann machen wir Besichtigungen für Kindergärten?“

„Idee… PR-…teilung.“

„Ein Kind fehlt?“

Die Frau nickte. Puchlika sah ihn traurig an.

„…ön… icht… rein. …spät,“ brüllte er in Andreas Ohr.

Andreas rannte zurück in das brennende Gebäude.

Er fand das kleine Mädchen schnell, das sich verängstigt die Ecke eines Waschraums gekauert hatte. Der Kamineffekt des Flures zog den Rauch von ihr weg, aber die Flammen hatten sie eingekreist und kamen näher. Andreas sprang durch das Feuer, barg die Kleine an seiner Brust, sprang zurück, kroch, das Kind im Arm, unter dem Rauch zur Tür zurück und verließ die Ruine zum zweiten Mal. Die Menge der Geretteten draußen jubelte ihm zu. Schade, dass er es nicht hören konnte.

Es sieht aus… wie… wie ein Foto. Was sollen wir tun?“

Zwei Jahre später war er am Ziel seiner Wünsche und all seiner Träume. Es hatte Untersuchungen gegeben, aber sie hatten alle erbracht, dass ihn keinerlei Schuld an der Katastrophe traf. Grischa hatte einen Fehler gemacht mit den Reizgebern. Die Explosion hatte Andreas Theorien auf schreckliche Weise bestätigt. Der Stein selbst war völlig unbeschädigt, weiterhin warm, und pulste ruhig vor sich hin – auch das eine Bestätigung seiner Theorie. Sie hatten ihm gestattet, weiter zu forschen und eine neue Maschine zu bauen, es war dabei nicht wenig förderlich gewesen, dass er die jüngste Tochter des tschechischen Präsidenten aus den Flammen gerettet hatte. Und dann – ein Jahr nach Judiths und seinem ersten Hochzeitstag, schalteten sie die neue Maschine ein. Und sie funktionierte. Von diesem Moment an lieferte der Melchior-Generator Energie. Unbegrenzt – und kostenlos für jedermann. Darauf hatte Andreas bestanden. Die Welt feierte ihn.

Was ist hier los!? Oh Gott – was ist das!?“

„Ich höre Stimmen, Doktor.“

Der Arzt sah ihn erstaunt an. Erstaunt – und ein wenig belustigt.

„Stimmen?“

„Ja. Seit damals, seit dem Unfall in meinem ersten Labor. Sie haben bestimmt davon gehört.“

„Ja. Sie haben das kleine Mädchen gerettet. Liebmanns Tochter. Ich habe gehört, sie soll schon studieren. Ein echtes Wunderkind. Ohne Sie…“

Andreas winkte ab. „Darum geht es nicht. Ich war damals taub, wissen Sie, hat insgesamt fast drei Wochen gedauert. Durch die Explosion. Aber damals habe ich zum ersten Mal die Stimmen gehört. In meinem Kopf.“

„Ah. Und was sagen sie?“

Andreas zuckte mit den Schultern. „Seltsames Zeug. In den letzten fünf Jahren war es immer das selbe: ‚Was ist hier los!? Oh Gott – was ist das!?‘“

„Komisch. Sehen Sie irgendeinen Zusammenhang? Was das bedeuten könnte?“

„Nein.“

„Und erkennen Sie die Stimmen?“

„Nein. Sie sind viel zu leise. Wie ein Flüstern, weit weg. Manchmal wache ich Nachts davon auf. Es ist zu gruselig.“

„Sie sagen ‚in den letzten fünf Jahren‘. Haben sie vorher etwas anderes gesagt?“

„Ja. Auch nur sinnloses Zeug.“

„Wird es mehr?“

Andreas überlegte einen Augenblick. „Nein. Nein, eher weniger.“

Der Arzt klopfte ihm auf den Arm. „Das ist Stress mein Lieber. Überlegen Sie mal: Dieser schreckliche Unfall, damals, der Tod Ihres Assistenten, dann die Anstrengung, alles wieder aufzubauen, und nun die vielen Stiftungen, denen sie vorstehen, ihre Bücher, ihre Familie – Sie kommen ja nie zur Ruhe. Gönnen Sie sich mal was. Wie wäre es mit Golf? Hätten sie Lust, Golf zu spielen?“

Es breitet sich aus. Was? Es wird größer. Schau…“

Seltsamerweise war er nie vorher auf etwas so stolz gewesen wie auf seine Triumphe als Profigolfer. Er hatte immer gewusst, dass er ein brillanter Geist war, ein großer Wissenschaftler, durch Judith hatte er gelernt, dass er ein begnadeter Liebhaber und guter Ehemann war, ihre gemeinsamen Kinder zeigten ihm jeden Tag, was für einen guten Vater er abgab. Die Menschen in der ganzen Welt verehrten ihn als den Mann, der sie aus der Sklaverei von Öl, Kohle und Kernkraft befreit und ihnen Weltfrieden geschenkt hatte. Seit drei Jahren war nun auch der letzte Bürgerkrieg beendet. Aber nichts davon hatte ihn so überrascht und daher so unerwartet stolz gemacht wie sein Talent als Golfer. Er beendete seine Karriere erst in hohem Alter – ein junger Mann war auf der internationalen Golfbühne erschienen, und nach mehr als einem Jahrzehnt spürte Andreas zum ersten Mal, dass da jemand war, der ihn würde schlagen können. Er beendete seine Laufbahn auf ihrem Höhepunkt – lächelnd.

Können wir es aufhalten?

Er hatte nicht damit gerechnet, Weltpräsident zu werden. Aber nach dem Ende aller Energieprobleme waren die Völker schneller zusammengewachsen, als sich irgendjemand hätte träumen lassen. Am 31. Dezember 2056 wurde in New York, am Sitz der alten UNO, feierlich der Unionsvertrag unterschrieben, die ersten weltweiten freien Präsidentschaftswahlen fanden zwei Jahre später statt. Der ehemalige Präsident Tschechiens, Oleg Liebmann, sein alter Freund, war in diesen Jahren Übergangspräsident der provisorischen Weltregierung. Myriam, Olegs Tochter, die Andreas vor so vielen Jahren aus dem Institut getragen hatte, hatte inzwischen ein Heilmittel gegen die meisten Formen von Krebs entdeckt, ihr Vater war einer der Ersten gewesen, die sie gerettet hatte. Es war Oleg, der ihn auf die Idee brachte, zu kandidieren. Genauer – der alte Präsident hatte ihn gedrängt, denn Andreas wollte eigentlich lieber sein behaglich gestaltetes Privatleben genießen. Aber in einer langen Nacht, mit viel gutem Wein, gelang es Oleg und Judith, ihn zu überzeugen. Als bekannt wurde, dass Andreas Melchior sich zur Wahl stellte, zogen alle anderen Bewerber ihre Kandidatur zurück. Das wiederum wollte Andreas nicht gefallen, er wollte den demokratischen Wettstreit, also fand sich Oleg Liebmann selbst bereit, gegen ihn anzutreten. Und trotz des Respektes, den der alte Mann genoss, erkor die Weltbevölkerung Andreas mit 88,76 Prozent zu ihrem ersten, frei gewählten Präsidenten. Als er auf den Stufen des neuen Regierungsgebäudes in Peking den Menschen zuwinkte, sah er Judith in der Menge. Sie lächelte…

Können wir es aufhalten?“ Klaus Puchlika hatte einen Instinkt für Gefahr, und er hatte gespürt, dass irgendetwas im Labor nicht stimmte. Deshalb war er hergekommen. Aber das hier war kein Feuer.

Grischa schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht. Ich wüsste nicht wie. Wir wissen ja nicht einmal, was es ist.“

„Wie konnte das passieren?“

„Wir wissen es nicht,“ sagte Judith tonlos. „Wir wissen gar nichts. Angefangen damit, dass wir nicht wissen, was dieser Stein überhaupt ist.“

„Er hat versucht, ihn anzufassen. In dem Moment, als ich den Knopf gedrückt habe. Vielleicht war es das.“

Puchlika warf einen Blick auf die Messskalen, ein Teil der Sensoren im äußeren Maschinenraum funktionierte noch.

„Er muss tot sein. Wie lange ist es jetzt her?“

„Zwei Minuten, acht Sekunden,“ sagte Grischa.

Sie sahen alle drei durch das Fenster. Was sie sahen, war eine Kugel die langsam pulste und sich immer weiter ausbreitete, millimeterweise und allmählich, aber sichtbar. Die graue, nebelartige Wand der Kugel war transparent genug. Darin sahen sie eine eingefrorene Szene: Die Maschinen, die Kabel, alles nebelhaft und durchsichtig, die ebenfalls transparent gewordene Wand der inneren Maschinenkammer – und die beiden einzigen soliden Teile dieser schattenhaften Welt: den Stein, und Andreas, der sich über ihn beugte.

„Was bedeutet das, wenn wir es nicht aufhalten können?“ Puchlikas Stimme war belegt. Er kannte die Antwort.

„Das Ende,“ sagte Grischa.

„Und wir?“

„Vielleicht werden wir, was immer er ist.“

„Er ist tot.“

„Das wissen wir nicht,“ sagte Judith und trat noch näher an die Scheibe. „Wir wissen nicht was mit ihm ist. Wir können nicht wissen, wie sehr er leidet.“

ENDE







*Dies ist eine allgemeinverständliche Zusammenfassung der Lizenz und Haftungsbeschränkung (die diese nicht ersetzt).

Sie dürfen:

Teilen — das Material in jedwedem Format oder Medium vervielfältigen und weiterverbreiten, solange Sie sich an die Lizenzbedingungen halten:

Unter folgenden Bedingungen:

Namensnennung — Sie müssen angemessene Urheber- und Rechteangaben machen, einen Link zur Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Diese Angaben dürfen in jeder angemessenen Art und Weise gemacht werden, allerdings nicht so, dass der Eindruck entsteht, der Lizenzgeber unterstütze gerade Sie oder Ihre Nutzung besonders.

Nicht kommerziell — Sie dürfen das Material nicht für kommerzielle Zwecke nutzen.

Keine Bearbeitungen — Wenn Sie das Material remixen, verändern oder darauf anderweitig direkt aufbauen, dürfen Sie die bearbeitete Fassung des Materials nicht verbreiten.

Keine weiteren Einschränkungen — Sie dürfen keine zusätzlichen Klauseln oder technische Verfahren einsetzen, die anderen rechtlich irgendetwas untersagen, was die Lizenz erlaubt.

Veröffentlicht unter Quarantänegeschichten, schreckenberglebt, schreckenbergschreibt | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , | 4 Kommentare