Der Pirat, der in alle sieben Weltmeere pinkeln wollte – Teil 6

Und auch bei Sarah und ihren Piraten geht es weiter. Ich mag die heutige Episode aus vielerlei Gründen, aber nicht zuletzt auch deshalb, weil ein Pirat namens Kai-Lorenz Rodriguez darin vorkommt.

Avatar von Sarah WassermairDer Guppy war's und nicht die Lerche

About: Geschichten für euch
Teil 1
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Teil 4
Teil 5

DER ATLANTIK

Im Nachhinein betrachtet war die Sache mit der Queen nicht unbedingt die brillianteste Idee gewesen, die Alischa jemals gehabt hatte. Oh, natürlich, am Vorabend in der Taverne hatten sie alle sie toll gefunden, inklusive Norbert, der seinen Humpen gehoben und: „Wir werden alle sterben!“, gebrüllt hatte, dieses Mal aber auf enthusiastische Art und Weise. Eine bessere Gelegenheit, den Atlantik auf seiner Liste abzuhaken, gab es doch gar nicht! Eine Militärparade mit Queen Elizabeth direkt an der Küste! Und sie hatten immer noch genug Grog und Rum, um ihre Heldentat danach angemessen zu begießen! Und die ganze Crew hatte zufälligerweise ohnehin gerade volle Blasen, was daran lag, dass sie nicht mehr ganz so viel Grog und Rum hatten wie noch vor zwei Stunden! Es war, mit einem Wort, perfekt. Sie hatten sogar ein Lied darüber…

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schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 6 – Die Sturmglocke Teil 1

Heute beginnt das erste Wochenende, seit Sarah und ich begonnen haben, unsere Geschichten für die Zeit der coronabedingten sozialen Isolation einzustellen. Ich hoffe, wir konnten Euch die erzwungene oder freiwillige Isolation etwas versüßen.

Sarah erzählt ihre Geschichte vom Piraten der in alle sieben Weltmeere pinkeln will in Fortsetzungen, und wendet sich damit vor allem an Kinder und vorlesende Eltern (obwohl auch für Erwachsene mit Humor wirklich, wirklich lesenswert ist). Ich erzähle täglich eine Kurzgeschichte für Leser*innen die der Kinderliteratur entwachsen sind. (Ich drücke mich immer bewusst um den Begriff „Erwachsene“, da ich meine erste Horrorkurzgeschichte mit 13 gelesen habe, und das Publikum unter 18 oder auch 16 nicht ausschließen will.)

Heute – bzw. dieses Wochenende – weiche ich von meiner Eine-Geschichte-Pro-Tag-Regel ab, da ich Euch von heute bis Sonntag eine etwas längere Geschichte erzählen möchte. Sie heißt „Die Sturmglocke“ und ist 2017 in der gleichnamigen Anthologie im Gardez!Verlag erschienen. Sie ist immer noch im Buchhandel erhältlich beziehungsweise bestellbar:

Fans klassischer Horrorliteratur werden schnell merken, in welche Tradition ich mich hier stelle, Fans MEINER Bücher werden feststellen, dass sich die Geschichte im selben Geschichtenuniversum bewegt wie meine Romane „Der wandernde Krieg – Sergej“ und „Der Ruf„. Zwei Figuren aus „Sergej“ sind sogar namentlich erwähnt. Fans von Limburg an der Lahn (gibt es die? 😀 ) werden einiges wiedererkennen. Oder auch nicht…

Kurz noch das Übliche:

Wieder stelle ich die Geschichte unter der Lizenz Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0)* ein. Bitte beachtet dabei, dass JEDE Verwendung den Hinweis auf die Erstveröffentlichung enthalten muss!

Viel Spaß!


Die Sturmglocke

von Michael Schreckenberg

Erstveröffentlichung in „Die Sturmglocke“, Gardez!Verlag 2017.

Ich schreibe diese Zeilen als Abschied und als Warnung. Wenn ich sie beendet habe, werde ich meine Reise antreten, eine letzte Expedition und niemand darf mir folgen oder mich auch nur zu suchen. Ich werde das Tor, durch das ich diese vertraute Welt verlasse, zu schließen versuchen, von der anderen Seite. Gott gebe, dass es mir gelingen möge. Alles hängt davon ab.

Ich schreibe auf Papier, damit Du, meine Verbündete, diese Seiten aufbewahren und verbergen kannst. Gewisse Kulte und Geheimgesellschaften durchforschen das Internet wie sie zu aller Zeit alle Archive und Bibliotheken durchforscht haben, nach geheimem Wissen und jenen, die es tragen. Wer glaubt, all dies seien Mythen, der ahnt nicht einmal, dass es das wahrhaft Böse wirklich gibt. Die Sünde im Sinne Arthur Machens, das infernalische Wunder. Es gibt die Kräfte, die Blumen singen und Steine Frucht treiben lassen. Es gibt die Dreiecke, deren Winkelsumme 181 Grad ist. Aber wem sage ich das? Niemand weiß es besser als Du.

Um alle die zu schützen, die in dieser Welt leben, arg- und ahnungslos gegen die Dinge, die direkt hinter ihrer Schwelle lauern, schreibe ich dies. Es gab eine Zeit, nicht lange her, da hoffte ich, ich würde meine Aufzeichnungen öffentlich machen. Ich würde der Welt die Wahrheit bringen, Ruhm ernten, ich würde meine Forschungen nicht mehr verstecken müssen und meinen Namen mit der Wahrheit verknüpfen, für immer.

Nichts davon. Ich werde meine Aufzeichnungen versiegeln. Ich verstecke sie dort, wo nur Du sie finden kannst, meine Vertraute. Tu damit, was Du für sinnvoll hältst.

Ich habe mein Zeitgefühl verloren, aber wenn ich auf den Kalender sehe, dann wird mir klar, dass es kein Jahr her ist, dass all dies begann. Wenige werden sich daran erinnern – an jenen unschuldigen Post bei Facebook und an seine Folgen. Dieser eine Eintrag, der dazu führte, dass ich nach Limburg kam und die Glocke zum ersten Mal mit eigenen Augen sah. Die Sturmglocke, dieses Unding, dem immer noch erlaubt ist, im Turm des Doms zu hängen und zu läuten, weil niemand weiß, was dieses Läuten ist – oder was es sein kann. Welchen Sturm es über die Welt bringen kann. Auch darum schreibe ich dies: Dass Du, meine Vertraute die richtigen Fäden ziehst. Dass dies niemals geschieht.

Es ist also nicht ganz ein Jahr vergangen, seit ein Angestellter, der mit den Liegenschaften des Bistums Limburg betraut ist, ein Bild auf seiner Facebookseite einstellte, und in die Runde seiner Freunde fragte, ob jemand wisse, was es wohl mit jenen seltsamen Vertiefungen auf sich habe – oder jemanden kenne, der entsprechende Kenntnisse hat. Ich werde hier keine Namen nennen, mit zwei Ausnahmen. Schon wenige Stunden später waren das Bild, die Frage und sämtliche Spuren derselben im Internet verschwunden, während der arme und gänzlich unschuldige Mann sich im strengen Verhör befand. Er glaubte, dass die Frau, die ihm gegenüber saß, eine Beamtin des Bundeskriminalamts sei. In Wirklichkeit gehört sie einer Behörde an, die dem BKA nur angegliedert ist und von der, außerhalb eines engen Zirkels Eingeweihter, nie jemand gehört hat. Diese Behörde gründeten einst die Ritter des Deutschen Ordens, die Brandenburger übernahmen sie von ihnen, ebenso die Habsburger, als die Deutschritter nach Wien kamen. Sie existierte durch das Königreich Preußen und die Weimarer Republik. Wenige wissen was geschah, als die Nazis versuchten, sie gleichzuschalten. Aber die Folgen jenes Fehlers erschreckten selbst diese Entmenschten so sehr, dass sie es nie wieder antasteten. Im Kalten Krieg blieb die Behörde eine Einheit mit Niederlassungen in Wiesbaden, Wien und Dresden, und sie existiert bis heute. Und, das will ich hinzufügen, es ist ein Segen, dass es sie gibt. Ein Segen – und mein Untergang.

Das Bild, das jener Angestellte der Bistumsverwaltung veröffentlichte, zeigte eine sehr starke Vergrößerung eines bestimmten Bereiches auf der Außenseite der Sturmglocke. Der Mann hatte die Glocke zuvor von Vogelkot reinigen lassen und die gereinigten Bereiche danach – sei es aus Neugier oder, wie er im Verhör unbeirrbar behauptete, Pflichtbewusstsein – sehr genau inspiziert. Dabei waren ihm ein kleines Feld aufgefallen, das flache, rundliche Vertiefungen aufwies, wie Tupfen an der Haube der Glocke. Die Glocke gilt allgemein als völlig frei von Verzierungen und Inschriften, und so dachte der Bistumsangestellte zunächst an Schäden aus dem Reinigungsverfahren. Dafür waren die Tupfen aber wiederum zu regelmäßig angeordnet. Und als seine eigenen Recherchen ihn immer nur in Sackgassen führten, wandte er sich blauäugig an die Schwarmintelligenz des sozialen Netzwerkes.

Ich bekam die Glocke zwei Tage später zu Gesicht. Es war nicht das erste Mal, dass die anonyme Behörde sich an mich wandte. Ich hatte Inschriften von einem Artefakt aus Tibet gedeutet, das die Behörde im Hamburger Hafen beschlagnahmt hatten – zusammen mit den 32 Tonnen billigen chinesischen Spielzeugs, unter denen es verborgen war. Und als ein Tourist mit Fotos von Basreliefs, die er an einer namenlosen Ruine in der australischen Wüste gesehen hatte, am Frankfurter Flughafen landete, da warteten die Agenten schon in Zolluniformen auf ihn und nahmen ihm Kamera, Computer, Handy und alle Speichermedien ab.

Ich hatte, als die Behörde zum ersten Mal an mich wandte, schon einen gewissen Ruf in der wissenschaftlichen Welt. Er macht es mir unmöglich, an irgendeiner Universität, die auf ihren guten Ruf bedacht ist, zu lehren. Aber ich bin ein gesuchter Ratgeber, Gutachter und Recherchepartner – einer von denen, deren Name nie genannt wird, deren Schriften nicht zitierbar sind und die ihr Honorar von anonymen Stiftungen für „Beratertätigkeiten“ und „nützliche Dienste“ erhalten. Ich bin das schmutzige kleine Geheimnis hinter so mancher Karriere und großen Entdeckung.

Ich bin bei Adoptiveltern aufgewachsen. Über meine leiblichen Eltern ist nichts bekannt, als dass jemand mich im Alter von wenigen Tagen vor dem Eingang eines Krankenhauses aussetzte. Das Ehepaar, das mich adoptiert hatte, war gut zu mir, finanziell fehlte es an nichts und die Atmosphäre im Haus war stets … freundlich. Freundlich aber auch distanziert. Meine Adoptiveltern verheimlichten niemals vor mir, dass ich nicht ihr leibliches Kind war. Sie waren gut zu mir, ohne mich zu lieben. Ich war ihr Projekt, dass sie, nachdem sie festgestellt hatten, dass sie gemeinsam keine leiblichen Kinder haben konnten, geplant hatten und nun durchzogen. Dass ich dankbar für all das zu sein hatte, was sie mir gaben, stand völlig außer Frage, und mit Dankbarkeit konnte ich sie am meisten erfreuen. So wurde es mir zur zweiten Natur, mich dankbar zu zeigen, für all die Chancen und Privilegien, die sie mir boten. Die Karriere eines Geisteswissenschaftlers erschien ihnen, Pädagoge und Psychologin, erstrebenswert, also strebte ich sie an.

Zu Beginn meiner wissenschaftlichen Laufbahn hatte ich noch sehr seriös und eifrig an der Universität Zürich Theologie und Philosophie studiert. Um meinen Doktor zu machen ging ich nach Köln. Die Natur meiner bisherigen Forschung legte nahe, in Völkerkunde zu promovieren, so dass Professor Nickenich mein Doktorvater wurde. In seinen Kolloquien lernte ich eine andere Doktorandin kennen, eine Amerikanerin. Sie bat mich eines Tages um ein Gespräch unter vier Augen, sie wollte meinen Rat zu einigen Fragen der Symboliken alter, fast vergessener Völker. Was sie mich fragte und die Zusammenhänge, die sie gefunden hatte, veränderten meine Sicht auf die Welt – und mein Leben, unwiderruflich. Bald änderte ich die Richtung meiner Forschung. Professor Nickenich konnte mich nicht länger begleiten, verwies mich aber an einen seiner Kollegen, den einzigen vielleicht, der mich aufnehmen würde. Dieser lehrte – und lehrt bis heute – an der Miskatonic Universität von Arkham, auf dem Lehrstuhl, den einst Freeborn und Lapham besetzten. Dort, in der berüchtigten Bibliothek dieser ebenso berühmten wie gefürchteten Universität, las ich im rätselhaften Buch von Eibon, blätterte voller Entsetzen im legendären Necronomicon des wahnsinnigen Arabers Abdul Alhazred und vertiefte mich in das verstörende Wege und Tore aus der Feder des Darius von Delft, der angeblich niemals starb.

Die Schlüsse, die ich aus dem zog was ich las, die Verknüpfungen, die ich herstellte, waren äußerst radikal. Sowohl mein Doktorvater als auch wohlmeinende Kollegen rieten mir, mich zu mäßigen, warnten mich, dass ich meine wissenschaftliche Karriere endgültig aufs Spiel setze. Ich hörte nicht auf die Warnungen. Ich war überzeugt davon, einer großen, tiefen und alle Kulturen durchdringenden Wahrheit auf der Spur zu sein. Wenn ich Beweise brächte, so dachte ich, würde niemand dieser Wahrheit ausweichen können und mein Name wäre für immer mit ihrer Entdeckung verbunden. Ich würde Newton und Einstein, Platon und Kant gleichzeitig sein. Und ich hatte Erfolg, so dachte ich. Ich bestätigte einige meiner Vermutungen auf Studienreisen, die mich auf eigene Kosten tief hinein in die sibirische Tundra, in die Antarktis und zuletzt die Sahara führten. Doch was ich dort fand, war von derartig schrecklicher Fremdheit und Abseitigkeit, dass mich der Versuch meine Wahrheit zu verkünden augenblicklich vernichtete. Das Entsetzen bei denen, die mir glaubten war zu groß, der Unglaube bei der Mehrheit so gewaltig, die Folgen einer Veröffentlichung so unabsehbar, dass ich zum Paria in der gesamten wissenschaftlichen Welt gemacht wurde. Die Miskatonic Universität schenkte mir gleichsam meine Promotion – als Gegenleistung dafür, dass ich versprach, die USA sofort zu verlassen und die Universität nie wieder zu betreten.

Ich war als Forscher nicht gänzlich tot. Mit einigen mutigen Wissenschaftlern, Abenteurern und Künstlern konnte ich mich noch austauschen. Ich sah einer ungewissen Zukunft entgegen, als eine Freundin, die in einem verschwiegene Büro im Vatikan arbeitet, mich anrief. Ihr Name war Karla. Die Behörde hatte sich bei ihr gemeldet und um Expertise zu einigen beunruhigenden Funden bei archäologischen Ausgrabungen in einem Tal der Alpen gebeten. Sie erkannte die Verbindung zu dem, was ich in Sibirien gesehen hatte, brachte mich mit der Behörde in Kontakt, wechselte bald selbst von Rom nach Wiesbaden und wurde meine Ansprechpartnerin, die einzige Person innerhalb der Behörde, die ich je kennen lernte. Der Rest ist Geschichte – meine Geschichte, die mich am Ende hierher führte, in den Glockenstuhl des Nordturmes, zu diesem Ding, das vorgibt, eine schlichte Glocke zu sein.

Als ich nach Limburg kam, hatte ich nicht die geringste Ahnung, was ich dort finden würde. Wenn Karla mich rief, dann meist in abgelegene Gegenden, Bergtäler, Inseln, Wälder, Wüsten. Ich hatte auch schon in Städten gearbeitet, dort aber fast immer an Sekundärquellen. Die Bilder und Berichte, die die Behörde mir geschickt hatte sahen einigermaßen interessant und beunruhigend aus, das Video von der Vernehmung des Bistumsangestellten wiederum war geradezu grotesk belanglos. Ich erwartete nicht viel, als ich die steilen Gassen der mittelalterlichen Innenstadt zum Dom hinaufstieg.

Die Behörde hatte dafür gesorgt, dass ich den Glockenstuhl im Nordturm ganz für mich hatte. Die Sturmglocke läutet sowieso nur in der Karwoche, ihre Nachbarin, die Uhrglocke zu Taufen. So ließ es sich diskret einrichten, dass ich mich mit der Sturmglocke beschäftigte ohne dass jemand außerhalb eines kleinen Kreises Eingeweihter davon Notiz nahm. Ich baute meinen Arbeitsplatz und die nötigen Gerätschaften direkt im Glockenstuhl auf und machte mich an die Arbeit.

In den Tagen zuvor, und selbst noch während meiner Reise nach Limburg und den ersten Gesprächen mit Karla, war ich skeptisch gewesen. Die Sturmglocke, so hatte schon die erste, oberflächliche Recherche ergeben, war etwa 800 Jahre alt und eben frei von Inschriften und Zier. Das war ein wenig ungewöhnlich, aber auch wieder nicht außergewöhnlich genug, als dass es unter anderen Umständen mein Interesse geweckt hätte. Wären die Tupfen, die auf den Bildern zu sehen waren, schon immer dort gewesen, so dachte ich, hätten sie in all der Zeit jemand auffallen müssen. Für mich sah das alles eher nach einer peinlichen Schadenersatzgeschichte für das Reinigungsunternehmen aus – und nach zunehmender Paranoia in der Behörde.

Ich begann also, die Außenhaut der Glocke zu untersuchen – und fand nichts. Weder auf den ersten Augenschein noch mit der Lupe. Ich betrachtete die Bilder genau, suchte die entsprechende Stelle an der Haube der Glocke. Ich fand die Marken, gewisse Unreinheiten und Kratzer, setzte sie in Relation, sah genau auf den Ort, wo das Tupfenfeld hätte sein müssen und sah nichts als die glatte Außenhaut der Glocke.

Mehr in Gedanken als wirklich mit Absicht legte ich meine Finger auf die Stelle – da spürten meine Fingerspitzen, was meine Augen nicht hatten sehen können: Kleine, flache Vertiefungen, kaum spürbar, wenn man sie nicht suchte. Ich nahm meine Hand von der Glocke und schaute wieder genau hin. Doch auch nun, da ich wusste, dass es etwas zu sehen gab, sah ich die Tupfen nicht, die meine Finger doch so eindeutig erspürt hatten.

Ich betrachtete das Foto noch einmal genau. Es war an einem düsteren Tag entstanden, der Himmel offenbar stark bewölkt und der Nachmittag viel weiter fortgeschritten als an dem heiteren Sommertag, an dem ich die Glocke untersuchte. Ich versuchte nachzuvollziehen wo der Fotograf gestanden und wie er die Kamera gehalten hatte. Doch egal, ob ich Fotos mit meinem Handy machte oder die Oberfläche mit einer Handlampe beleuchtete – die Vertiefungen wollten sich nicht zeigen. Das war interessant. Die Skepsis, mit der ich meine Arbeit begonnen hatte, begann zu weichen. So etwas hatte ich schon zuvor erlebt. Ich erinnerte mich an eine Mauer, die ich in der Sahara gesehen hatte. Eine Mauer, die in einem unmöglichen Winkel zu dem Gebäude stand, das ich unter dem Sand vermutete, und deren schiere Existenz Blasphemie war. Eine Mauer, die eine Form hatte, die sie nicht hätte haben dürfen, die aus Stein gewachsen zu sein schien. Sie war weit älter als die widerlich knotigen Schriftzeichen, die ich auf ihrer scheinbar ganz glatten Oberfläche entdeckte. Auch diese Obszönitäten hatte ich zunächst ertasten müssen, bevor ich sie gesehen hatte. Seinerzeit hatte mir der Zufall geholfen… Ich kramte in den Dateien auf meinem Laptop nach den Bildern und Notizen, die ich damals angefertigt hatte, fand sie und berechnete Winkel, mit einer Form der Mathematik, die Euklid und Diophantos entsetzt hätten. Ich selbst hatte die Anleitung dazu in den Archiven der Miskatonic Universität gefunden und wagte nie, mir Gedanken darüber zu machen, welche Ergebnisse ich bekäme, wenn ich mehr als einzelne, isolierte Gleichungen damit lösen würde. Hier aber half sie mir. Ich wartete, bis der Abend kam, und mit ihm die Düsternis. Dann fand ich den Punkt im Raum, an dem ich stehen musste, hob meine Lampe auf die richtige Weise und richtete den Lichtstrahl auf die Außenhaut der Glocke. Und dort sah ich zum ersten Mal die Tupfen, die zutiefst böse Notenschrift einer anderen Welt.

Ich überspringe die Beschreibung meiner Theorien und Irrtümer, meiner vergeblichen Forschungen, die mich Wochen und Monate beschäftigten und zunehmend verzweifeln ließen. Ich hatte solche Tupfen gesehen, in der Antarktis und Sibirien. Wilmarth hat ausgiebig von ihnen berichtet. Es gibt Versuche, sie zu übersetzen, an diese wollte ich anknüpfen, aber das war ebenso vergeblich wie alle anderen Ansätze. Karla begann, häufiger nachzufragen. Trotz aller Diskretion gab es erste Gerüchte über meine Tätigkeit im Nordturm des Doms. Und obwohl das Osterfest noch einige Monate in der Zukunft lag, wollte die Behörde nicht riskieren, diesen Gerüchten ein Ziel zu geben und das Geläut der Sturmglocke in der Karwoche ausfallen zu lassen.

Vielleicht war es eine dieser Bemerkungen, die mich schließlich auf die richtige Spur brachte. Was, wenn die Tupfen in dieser Anordnung gar keine Sprache symbolisierten, sondern Musik? Wenn ich sie, statt als Hieroglyphen oder Buchstaben, als Noten verstand?

Ich merkte schnell, dass dieser Ansatz mehr Erfolg versprach als jeder andere. Schon bald glaubte ich, eine gewisse Logik in der Anordnung der verschiedenen Töne zu verstehen, auch wenn diese Logik keiner glich, die in unserer Philosophie bekannt ist.

Was mir schließlich nur noch fehlte, war der Grundton – und das richtige Instrument. Denn ich kannte keines, das die Töne, oder vielleicht eher Geräusche, hervorzubringen im Stande war, welche die von mir entdeckte Notenschrift andeuteten. Doch die Behörde hat Zugriff auf viele Experten. Als ich an Karla mit dem Problem des Instruments herantrat, fand sie mir schnell jemanden, der aufgrund meiner Angaben ein Computerprogramm schrieb, mit dem ich die entsprechenden Geräusche auf meinem Laptop erzeugen konnte. Was das Programm hervorbrachte, war eine seltsame Form von Knacken und Scheppern, in dem auch immer wieder Töne zu erahnen waren, wie sie eine Glocke hervorbringen kann, die jedoch in keinerlei erkennbarem Zusammenhang standen.

Am Schluss war es ganz einfach. So erschreckend einfach, dass ich die Lösung meines Problems leicht hätte übersehen können. Ich hatte so lange in verbotenen Schriften und geheimen Archiven geforscht, dass mir die einfachste und offensichtlichste Idee erst kam, als ich ob der Vergeblichkeit all meiner Versuche aufgeben wollte. Ohne jede Hoffnung gab ich den Schlagton der Glocke, g1, als Bezugston ein. Und zu meiner eigenen größten Überraschung wurde aus dem zusammenhanglosen Getöse eine klare Folge aus acht Glockentönen. Sie schienen aufs erste Hören immer noch zusammenhanglos und chaotisch, und bei mindestens dreien hätte ich nicht gewusst, wie ich sie hätte notieren sollen. Aber je länger ich dieser Folge lauschte, desto besser glaubte ich sie zu verstehen, bis sie mir schließlich harmonisch erschien, auf eine Weise, die ein tieferes Verständnis in mir berührte. Ein Begreifen, das weit jenseits jedes Wissens und jeder Gewohnheit lag.

Ich veränderte die Lautstärke meiner Boombox nie, dennoch schienen die Töne lauter zu werden, durchdringender, füllten erst mich und dann den Raum, hoben mich auf und trugen mich. Ich weiß nicht, wie lange ich lauschte, schwebte in diesem fremdartigen Klang, bis ich, ganz widerwillig noch, eine letzte Sequenz ausklingen ließ und die Wiedergabe stoppte, bevor die Tonfolge von neuem begann.

Ich saß wie benommen. Die Töne klangen in mir nach, doch wie ich auch versuchte, sie zu fassen, nachzusummen oder sie mir auch nur vorzustellen, scheiterte ich. Der Klang war da, in mir, in meiner Erinnerung, doch ungreifbar, wie ein Echo an dessen Ursprung ich weder verstand noch kannte.

Nur langsam begriff ich, dass mein Auftrag damit beendet war. Ich hatte die Tupfen entschlüsselt, ich konnte, wenn auch nur grob, ableiten, welcher Systematik diese Notenschrift folgte. Ich konnte andere Zeichen vorhersagen, wenn ich auch nicht die geringste Idee hatte, wie die dazugehörigen Töne klingen würden. Zwar war ich gierig, mehr zu erfahren, den Ursprung der Schrift und ihrer Erfinder zu ergründen und herauszufinden, wie und warum sie auf der Glocke angebracht worden waren, aber all das würde ich auf eigene Faust tun müssen. Meine Zusammenarbeit mit der Behörde in diesem Fall würde morgen beendet sein. Karla würde mich wie immer in bar bezahlen, mit einer Summe, die mich für längere Zeit von allen Geldsorgen befreien würde – aber das würde das Ende sein.

Tief in Gedanken stieg ich vom Turm herab. Ich spürte Wehmut, wie selten am Ende eines Auftrags und unbändige Neugier. So vieles an dieser Glocke war geheimnisvoll – wer hatte sie gegossen? Und wann? Ihre Entstehung schätzten Experten auf die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts, aber Genaues wusste niemand. Warum trug sie keinerlei offensichtliche Inschrift oder andere Zier? Und dann natürlich: Wer hatte diese geheimnisvollen, fast unsichtbaren Tupfen aufgebracht, wie und warum? Alle Verbindungen, die ich von dieser Notenschrift zu anderen Zeichensystemen ableiten konnte, deuteten auf viel ältere Quellen, so viel älter, dass sie sich nicht nur der Geschichtswissenschaft und Archäologie entzogen, sondern jeder Forschung die hoffen durfte, außerhalb eines Kreises skurriler Außenseiter ernst genommen zu werden. Wer hatte dieses Wissen vor 800 Jahren besessen?

In derlei Grübeleien vertieft überquerte ich den Domplatz, auf dem Weg zu meinem Auto, das ich direkt davor, auf dem Parkplatz an der Domstraße abgestellt hatte. Ich wohnte in einem Hotel etwas außerhalb, in Hadamar. Meine Vermutung ging dahin, dass Karla mich dort einquartiert hatte, damit ich nicht mit unnötig vielen Menschen in Limburg ins Gespräch kam, so wenig Aufsehen erregte wie irgend möglich. Aber ehrlich gesagt machte ich mir darüber nicht allzu viele Gedanken. Das Hotel übertraf meine Ansprüche, das Frühstück und der Service waren hervorragend und meine Überwachung durch Agenten der Behörde unauffällig und unaufdringlich. Mehr durfte ich nicht erwarten, also war ich zufrieden.

Ich hatte schon den Weg zu den langen Treppen erreicht, als mir klar wurde, dass ich am Parkplatz vorbei gegangen war. Oder daran vorbei gegangen wäre – denn da war kein Parkplatz. Dort, wo ich am Morgen wie jeden Tag in den vergangenen Monaten mein Auto geparkt hatte, befand sich eine mannshohe Hecke. Und dahinter, wie ich feststellte, als ich erstaunt darum herum ging, ein kleiner Park, der zum Ausruhen und zur Kontemplation einlud – sicher sehr passend, an diesem Ort, aber eben nichts, was hier hätte sein dürfen.

FORTSETZUNG FOLGT














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schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 5 – Die Schweine von Wiehl

Heute ist der fünfte Tag, an dem Sarah und ich Euch Lesestoff für die Quarantäne, beziehungsweise für die (noch) freiwillige (Deutschland) oder verordnete (Österreich) soziale Abschottung anbieten. Lasst Euch von uns Geschichten erzählen und bleibt bei uns am Feuer, lauft nicht draußen rum, wo man Viren einfangen und verbreiten kann.

Sarahs Geschichte ist ja eigentlich als Kindergeschichte gedacht, sie ist aber auch für die Großen äußerst vergnüglich. Meine Geschichten sind dagegen mehr so das Angebot für das erwachsenere Publikum, obwohl auch Jugendliche und lesegeübte ältere Kinder in der Regel damit zurecht kommen. HEUTE ALLERDINGS NICHT! Die heutige Geschichte ist – denke ich – recht witzig geschrieben und ziemlich ironisch, aber nichts für Kinder.

Ich habe sie 2016 für diese Anthologie geschrieben:

Das Buch ist immer noch erhältlich, zum Beispiel hier, und ich kann es Euch sehr ans Herz legen.

Kurz das Übliche:

Wieder unter der Lizenz Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0)* Bitte beachtet dabei, dass JEDE Verwendung den Hinweis auf die Erstveröffentlichung enthalten muss!

Also – rückt etwas näher, an unserem virtuellen Feuer kann uns das Virus ja egal sein – und lasst Euch erzählen, was alles schief gehen kann, wenn etwas mal so RICHTIG schief geht:






Die Schweine von Wiehl

von Michael Schreckenberg

Erstveröffentlichung in „Tote und andere Entdeckungen“, JUHRVerlag 2016.

Das war dann wohl mal völlig schiefgelaufen. Wir standen im Kreis und starrten auf den Körper am Boden.

„Was jetzt?“, fragte Rallemann.

„Gute Frage“, murmelte ich.

„Gute Frage“, murmelte auch der Schlosser. Ich sah ihn erstaunt an. Das war das erste Mal seit Stunden, dass er überhaupt etwas sagte.

„Wir müssen ihn loswerden“, verkündete der Bullenkaiser nach einer Weile. Sie nannten ihn den Bullenkaiser, weil … ah, fuck, ich habe nicht die geringste Ahnung, wie er zu dem Namen gekommen ist. Aber wie der schon aussieht … Der sieht doch aus wie ein Bullenkaiser. Außerdem heißt er Gerfried Finsterloch. Gegen alles gibt es Gesetze, aber sowas? Der hatte bestimmt ’ne schwere Kindheit. Dann doch besser Bullenkaiser.

Als hätten wir uns abgesprochen, schauten alle zu Frank-Kevin. Der schaute verdattert zurück. „Was?“

„Naja“, sagte der Bullenkaiser freundlich. Freundlich war er sicher nicht drauf, aber freundlich ist die einzige Art, die Frank-Kevin versteht, von Anschreien vielleicht mal abgesehen. Und Anschreien war gerade keine Option. Frank-Kevin grinste zurück, unsicher.

„Also, was machen wir jetzt?“

„Ich dachte, du hast vielleicht eine Idee“, sagte der Bullenkaiser, immer noch freundlich.

Frank-Kevin schüttelte den Kopf. „Nee, echt nich‘. Wieso ich?“

„Weil du ihm eine verpasst hast, dass er jetzt hin is‘?“, sagte der Bullenkaiser. „Ich dachte, du hast vielleicht mal nachgedacht, bevor du das gemacht hast.“

Frank-Kevin bemerkte den Sarkasmus selbstverständlich nicht, er schien eher erleichtert, dass jemand es ihm erklärte. „Nee, echt nich‘.“

„Wieso hast du das eigentlich gemacht?“, platzte ich heraus.

„Ja, zum Teufel, wieso hast du das denn gemacht?“, echote Rallemann, zornig. Frank-Kevin schaute ihn verunsichert an. Normalerweise führt der Bullenkaiser hier das große Wort, soviel hatte ich verstanden, aber Rallemann ist Frank-Kevins großer Bruder. Wahrscheinlich war das überhaupt der Grund, warum er hier dabei war. Einen anderen konnte ich mir nicht vorstellen. Verdammte Landeier.

„Er hat mich halt genervt mit seinem Gequatsche“, sagte Frank-Kevin leise. Ich starrte ihn an. Am liebsten hätte ich ihm eine gescheuert.

„Das ist alles? Deshalb killst du einen?“

Frank-Kevin zuckte nur verlegen mit den Schultern und lächelte den Bullenkaiser schüchtern an. Der seufzte und schüttelte den Kopf. „Jetzt brauchen wir einen echt guten Plan“, sagte er schließlich.

Das wäre eigentlich mein Einsatz gewesen, denn der Mann mit dem Plan bin ich. Nur – mein Plan war ein ganz anderer gewesen. Nach meinem Plan war ich zu dem Zeitpunkt schon wieder auf dem halben Weg nach Köln, mit meinem Teil von der Beute. In meinem Plan lag niemand tot auf dem Boden rum. Das war alles nicht geplant gewesen. Ich hasse es, wenn etwas anders läuft als geplant.

Pläne sind mein Job. Das kann ich – besser als alle anderen. Wenn ich einen fertig habe, und das kann manchmal Monate dauern, dann verkaufe ich ihn an De Leeve Jung. So nennen wir Deutschen ihn. Seine Leute nennen ihn anders und seine Mutter nennt ihn ganz sicher nochmal anders, aber für uns ist er De Leeve Jung und das ist auch richtig so. De Leeve Jung ist korrekt, so lange du korrekt bist, höflich, respektvoll, nicht unverschämt. Ich halte mich daran und bin damit immer gut gefahren. Ich habe andere gesehen, die sich nicht dran gehalten haben. Selbst Schuld.

Bei dem Plan hier war es aber etwas anderes. Auftragsarbeit. Der Bullenkaiser hat mir eine Mail geschickt. Amateur vom Land eben. Aber die Sache klang interessant. Ich habe mich korrekt bei De Leeve Jung gemeldet, er hat gesagt, was er für sein Okay bekommt und es mir dann gegeben. Alles korrekt, wie es sich gehört unter kultivierten Städtern. Das Bauernpack dagegen …

Es ging schon damit los, dass der Bullenkaiser darauf bestand, sich mit mir in Wiehl zu treffen, anstatt sich selbst mal für einen halben Tag in die Zivilisation zu begeben. Bin ich also raus gefahren, zu den Oberbergischen Hillbillys, und habe mich erst mal völlig verfahren, weil mein Navi ein Problem mit Wiehl hatte. Was ich ihm im Nachhinein kaum übel nehmen kann. Wenn man nur tief genug in den Wald fährt, dann ist Wiehl scheinbar überall. Da ist ein Ortseingangsschild „Wiehl“ und fährt man den Hügel wieder runter, kommt man ans Ortsausgangsschild „Wiehl“. Das nächste Schild behauptet: „Wiehl, 8 Km“. Und wieder ein anderes verkündet, man sei nun in „Oberwiehl“. Wiehl ist überall … und nirgends, das Phantom unter den Städten. Schließlich fand ich aber doch so etwas wie eine Innenstadt, mit einem grün verpackten Kirchturm und einem Laden, der tatsächlich damit warb, Pasta und Steaks anzubieten. Ich hatte das in der Mail für einen Witz gehalten. Der Bullenkaiser wartete drinnen.

„Schmuck“, sagte er, „Kreditkarten, Bargeld, richtig viel. Der Typ ist Paranoiker, traut keiner Bank und nichts, nur seinen Sicherheitssystemen. Wenn du uns da rein bringst … Kannst du das?“

Ich nickte und versuchte dabei, nachdenklich auszusehen. In Wirklichkeit würde das ein Spaziergang sein. Paranoiker trauen niemandem – aber sie brauchen dennoch jemanden, der ihnen ihre Festung einrichtet. Normalerweise machen das Firmen für Sicherheitstechnik. Und deren Rechner zu hacken ist nie ein Problem. Und dann … Rechnungen, Aufträge, Kostenvoranschläge, Schriftwechsel, Pläne, meist auch Fotos. Sichten, auswerten, recherchieren, die Logistik einrechnen, Anmarsch, Abmarsch, Eigensicherung, fertig ist der Plan. Verkaufen, zurücklehnen. Leicht verdientes Geld.

Weiß der Himmel, was mich beim nächsten Satz ritt. Misstrauen? Kann sein. Wer weiß, ob das Volk des Waldes weiß, wie man in der Zivilisation Geschäfte macht. Bei so was vereinbare ich immer eine Pauschale plus Anteil, und ich war ziemlich sicher, dass die mich bei dem Anteil übers Ohr hauen würden. Und der Name des Typen, in dessen Festung der Bullenkaiser einbrechen wollte, war mir ein Begriff – wie jedem. Der mochte mehr haben als Schmuck und Bargeld. Ich hatte keine Lust, einen Picasso oder so was an der Wand zu lassen, während die Regio-Ganoven goldene Ringe einsammelten. Die mochten vielleicht nichts mit Kunst anfangen können. De Leeve Jung schon. Er würde mir einen sauunfairen Preis machen. Aber so läuft das eben, immerhin hat er die Verbindungen so etwas zu Geld zu machen, ich nicht. Er ist korrekt. Besser ein paar sauunfaire Tausender als nichts.

„Ich komme mit“, sagte ich also.

„Hä?“, machte der Bullenkaiser.

„Ich komme mit. Ich mache euch den Plan, aber ich komme auch mit.“

„Wir sind genug Leute“, entgegnete seine Hoheit. „Rallemann, der Schlosser und ich. Vielleicht noch Frank-Kevin, aber …“

„Ich diskutiere gerade nicht“, erklärte ich dem Begriffsstutzigen. „Ich komme mit.“

„Okay“, meinte der Bullenkaiser gedehnt, „aber dafür ziehen wir ein Drittel von deiner Pauschale …“

„Nein. Ich komme mit. Einfach so.“

Der Bullenkaiser kniff die Augen zusammen. „Versuch nicht, mich zu verarschen, Jüngelchen. Du glaubst vielleicht, dass du eine große Nummer bist, aber ich bin nicht irgendein blödes Landei. Ich kenne Leute. Ich habe Verbindungen bis nach Wuppertal.“

Ich musste mich echt anstrengen, um einfach nur ruhig zu antworten: „Ändert nichts. Ich komme mit.“

Und dabei blieb es. Ich machte meinen Plan – es war selbstverständlich ein Spaziergang – und bot ihn, der guten Sitten halber, trotz allem zuerst Dem Leeven Jung an. Der ließ sich alles erklären, schüttelte dann, wie erwartet, gönnerhaft den Kopf und sagte: „Nee, kannst du alleine machen, wenn du willst. Wenn du was Schönes findest, dann zeig mir das mal.“ Schlag auf die Schulter, Espresso zum Dessert und ich konnte mein Abenteuer im Oberbergischen beginnen.

Und hier standen wir um einen toten Körper herum, und ich hatte ebenso wenig Ahnung wie die Landbevölkerung, wie es nun weiter gehen sollte. Und ich hasse es, wenn ich nicht weiß, wie es weiter geht.

Der Job selber war so glatt gelaufen. Einen Picasso hatte ich nicht gefunden, aber zwei schöne kleine Plastiken von diesem Engländer – eine davon würde völlig reichen, um meinen Tribut in Köln zu entrichten. Dazu mein Anteil an Schmuck und Barem … Ich war echt fröhlich drauf gewesen, hatte erst dem Schlosser und dann Frank-Kevin die Plastiken erklärt und sie nebenbei auf etwa ein Zehntel ihres Wertes taxiert … Und dann BÄM!, Frank-Kevin baut Scheiße und ich stecke bis zum Hals darin. Ich hasse, hasse, hasse so was.

„Vergraben im Wald …“, begann der Bullenkaiser und redete sofort selbst dagegen. „Nee, nach dem ersten Unwetter …“

„Versenken wir ihn doch einfach in der Talsperre oben“, schlug Rallemann vor. Der Bullenkaiser schüttelte den Kopf.

„Das geht nicht so leicht wie im Fernsehen“, verkündete er wichtig. „Die kommen irgendwann wieder hoch. Und wenn nicht, dann findet irgendwann irgendein blöder Taucher was und wir sind dran. Mord verjährt nicht.“

„Das war kein Mord“, plärrte Frank-Kevin. „Das war Notwehr.“

„Bitte was?“, fragte ich.

„Halt bloß die Fresse“, knurrte Rallemann ihn an.

Frank-Kevin murmelte vor sich hin, dann hellte sich sein Mausgesicht auf: „Lösen wir ihn doch in Salzsäure auf!“

„Du hast Salzsäure?“, fragte der Bullenkaiser spöttisch. Frank-Kevin schüttelte den Kopf. „Nee. Aber vielleicht im Baumarkt?“

Ich konnte nur fassungslos starren. Ans Planen war gar nicht zu denken. Der Bullenkaiser schaltete tatsächlich schneller.

„Erstmal müssen wir hier weg. Packt die Kohle ein, und den Schmuck …“

„Und …“, begann ich.

„… und die beiden Dinger von unserem Freund hier, aus der Stadt, und dann nichts wie raus.“

Sie hielten sich an meinen Abmarschplan, so gut das mit dem Körper im Schlepp möglich war, und hinterließen kaum Spuren. Als wenn das jetzt noch wichtig gewesen wäre. Der Körper landete im Kofferraum, die Klappe schlug zu und ich stand einfach da und starrte auf das Heck des Kombi. So schnell gingen Pläne über den Bach. Sie wären glatt ohne mich losgefahren, ich schaffte es gerade noch, mich in den Wagen zu schwingen und neben Rallemann auf den Rücksitz zu drängen.

„Bieg mal da rechts ab“, kommandierte der Bullenkaiser im Kreisverkehr, und der Schlosser fuhr wortlos in Richtung Wiehl-Zentrum. Entschuldigung – „Zentrum“.

„Halt mal da“, befahl Majestät als nächstes. Der Schlosser lenkte den Wagen an die Tankstelle und hielt. Der Bullenkaiser stieg aus, ging in den Verkaufsraum und kam mit einem Frikadellenbrötchen zurück, das bei jeder Bewegung größere Mengen Krautsalat verlor.

„Wenn ich esse, kann ich besser denken“, erklärte er. Ich sah ihm beim Essen zu und merkte, dass ich keinen Hunger hatte. Durst auch nicht. Die anderen schwiegen aus Ehrfurcht, also konnte Ehrwürden in Ruhe denken, während wir an der Tanke warteten.

„Ich hab’s“, verkündete er schließlich. „Wir suchen uns eine passende Baustelle und legen ihn ins Fundament. Da findet ihn nie einer. Fahr los!“

Der Schlosser tat, wie ihm geheißen. Ich wollte protestieren, wollte brüllen, dass das ein Scheißplan war, aber was hätte ich dann sagen sollen? Dass ich auch keine Ahnung hatte, wie es weiter gehen sollte? Dass ich zum ersten Mal seit Jahren keinen Plan hatte, gar keinen? Ich hielt lieber meinen Mund.

Wir fuhren mit der Abenddämmerung wieder aus der Stadt hinaus, vorbei an dem Pasta-und-Steak-Restaurant, und ich wandte mich noch einmal zu dem verpackten Kirchturm um, wie wehmütig. An dem Kirchturm hatten sie ein riesiges Plakat befestigt:

„Ich bin Dir näher als Du glaubst – Gott.“

Bei meinem ersten Besuch hatte ich das noch lustig gefunden. Gott als Stalker. Jetzt fand ich das eher gruselig.

Der Bullenkaiser dirigierte den Schlosser durch zwei weitere Kreisverkehre, da rief Frank-Kevin mit einem Mal: „Fahr da hoch! Fahr da hoch!“ Er wies nach links. Der Schlosser hatte sich daran gewöhnt, Anweisungen zu befolgen, bog in die Einfahrt eines Hotels mit dem seltsamen Namen „Waldhotel Tropfsteinhöhle“ ab und folgte dem Weg, der ihn zu mehreren terrassenförmig übereinander angeordneten Parkplätzen führte. Auf dem zweiten fand er eine freie Bucht. Während ich noch darüber nachdachte, ob „Tropfsteinhöhle“ ein guter Name für ein Hotel sei, fragte der Bullenkaiser:

„Was soll das?“

„Die Höhle!“, rief Frank-Kevin mit leuchtenden Augen. „Wir legen ihn in die Höhle, dann tropft das Wasser auf ihn und er sieht aus wie ein Stalka… Stakla… wie ein Tropfstein.“

„Kann ihn bitte jemand totschlagen?“, fragte ich. „Nur aus Gerechtigkeitsgründen?“

„Die Höhle hat schon zu“, sagte Rallemann.

„Ihn auch? Bitte?“

Niemand achtete auf mich. Der Bullenkaiser starrte stattdessen sinnierend am Hotel vorbei in den Wald. „Das könnte funktionieren …“

„Bitte“, sagte ich, „hat hier niemand eine Ahnung, wie langsam Tropfsteine wachsen? Das kann …“

„Die Wildschweine. Oben im Wildpark. Wir verfüttern ihn an die Wildscheine.“

„Nicht dein Ernst!“, rief ich.

„Tolle Idee“, fand Rallemann.

Die folgenden Stunden waren übel. Denn die Brains von Oberberg waren sich einig, dass man den armen Wildschweinen wohl keinen kompletten Körper anbieten kann. Also fuhren wir in die Werkstatt des Schlossers, und dann sägten und hackten sie, was das Zeug hielt. Ich bin echt nicht zimperlich, aber darauf hatte ich wirklich keine Lust. Ich hätte ihnen sagen können, dass De Leeve Jung die Idee auch schon mal hatte. Und wenn man so was vorhat, dann braucht man jemanden, der das recherchiert. Der einen Plan macht. Auch für so was. Wenn es effizient gehen soll, dann brauchst du etwa 15 Schweine. Und du musst den Körper vorher rasieren und die Zähne rausbrechen, weil Haare und Zähne unverdaulich sind. War Dem Leeven Jung dann doch zu aufwändig, der hat dann eine andere Lösung gefunden. Eine Aufwandsentschädigung für mich gab’s trotzdem. Statt aber die Idioten zu beraten oder ihnen zur Hand zu gehen habe ich überlegt, wie ich aus der Nummer rauskommen kann.

Weg konnte ich vorerst aber auch nicht, also bin ich mitgekommen, als sie die Teile verpackt und spät in der Nacht wieder im Wagen verstaut haben. Bin mit zurück gefahren zum Hotel. Sie haben die Teile auf dem Parkplatz in einen Bollerwagen geladen. Natürlich kam niemand aus dem Tropfsteinhotel, während wir daran vorbei zogen, das Glück ist mit den Dummen. Wir nahmen den Abzweig des Waldweges hoch zum Wildpfad, die alten Buchen reckten sich hoch in einen sternklaren Himmel und zum ersten Mal erkannte ich, wie verdammt schön es hier war. Wirklich, wirklich schön. Rallemann und der Schlosser mussten derweil Frank-Kevin davon abhalten, die Körperteile einfach über den Zaun ins Wildschweingehege zu werfen.

Wir folgten der Umzäunung des Geheges aus dem Wald heraus. Auf der anderen Seite des Zauns hatten die Schweine kräftig gewühlt, die Erde sah aus, als hätte hier eine Traktorparty stattgefunden. Der Bullenkaiser deutete auf einen Verschlag aus großen Holzbohlen am Waldrand innerhalb des Geheges.

„Da.“

„Wieso?“, wollte Rallemann wissen.

„Weil sie gewohnt sind, dass es da Futter gibt, Mann.“

Rallemann strahlte vor Bewunderung. „Du bist echt ein Fuchs, Bullenkaiser.“

Sie steigen über den Zaun. Sie legen die Teile in die Erde um den Verschlag. Bewegung im Wald. Die Schweine kommen. Rallemann, Frank-Kevin, der Schlosser und der Bullenkaiser machen sich aus dem Staub. Ich bleibe zurück.

Ich mache mir keine weiteren Gedanken um sie. De Leeve Jung kennt ihre Namen. Sie werden ihn kennenlernen. Und es wird ihnen nicht gefallen. Mal sehen, was Verbindungen nach Wuppertal dann nutzen.

Die Schweine sind da – fünf Stück. Das wird kaum reichen. Ich war ein ziemlich großer Mann. Wenn der Bullenkaiser und seine Crew wirklich Glück haben, dann findet die Polizei sie noch, bevor Dem Leeven Jung klar wird, wer ihm da seinen Fachmann für Pläne gekillt hat.

Fachmann für Pläne … Ja, das war ich wohl. Und jetzt? Müsste ich nicht in irgendein helles Licht gehen? Oder müsste sich nicht ein Höllenschlund vor mir auftun? Nichts davon. Gar nichts. Die Schweine fressen von meinem Körper, ich stehe daneben und habe nicht den geringsten Plan, was ich tun soll.

Ich hasse es, wenn ich nicht weiß, wie es weiter geht.

ENDE







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Der Pirat, der in alle sieben Weltmeere pinkeln wollte – Teil 5

Wieder war Sarah schneller als ich. Heute geht es (natürlich) wieder um unseren Piraten Alischa und seine Crew, aber auch um Papamöwe, Mamamöwe, die andere Papamöwe, den schon von gestern bekannten Seedrachen undBalzriutale. Ich bin begeistert.

Avatar von Sarah WassermairDer Guppy war's und nicht die Lerche

About: Geschichten für euch
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4

Aber Alischa hatte gedacht, wenn er schon ins gelbe Meer… nun ja… dann an einem besonders eindrucksvollen Ort, um den Anlass gebührend zu feiern. Immerhin hatte es ihn Jahre gekostet, hierher zu kommen, da wollte er seine dritte Meeresbepinkelung nicht einfach schnell in irgendeiner Ecke erledigen. Genau das versuchte er jetzt stockend und stotternd, dem Drachen zu erklären. Der hörte sich seine Ausführungen mit finsterem Blick an und ließ Alischa offensichtlich nur aus Höflichkeit aussprechen, bevor er ihn und seine ganze Crew auffraß. Was wiederum Alischa zu besonderer Redseligkeit anspornte, um diesen Punkt möglichst lange hinauszuzögern. Aber als er in seiner Erzählung schließlich zum Ursprung der ganzen Geschichte kam und zu einem gewissen Mädchen mit Haaren so rot wie der Schweif einer Meerhexe… da hellte sich die Miene des Drachen mit einem Mal auf. „Was, ein Mädchen?! Du…

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schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 4 – Im Block

Sarahs Lagerfeuer, an dem sie eine ganz vorzügliche Geschichte für die Kinder des Clans erzählt, brennt schon eine Weile.

Ich habe derweil noch an meiner Geschichte gefeilt, was insofern ein wenig witzig ist, als es eine meiner ältesten ist. Ich musste sogar – ähem – in meinem eigenen Wikipediaartikel nachschauen, ob ich sie schon einmal veröffentlicht habe, oder nicht. Habe ich demnach nicht, ich glaube das mal so. 😀

So, jetzt brennt auch das Lagerfeuer für die Großen. Kommt näher, Schwestern und Brüder. Ich möchte Euch eine Geschichte erzählen.

Wie gesagt – „Im Block“ ist uralt. Wie alt genau weiß ich gar nicht mehr, aber sicher nicht jünger als 30 Jahre. In der Zwischenzeit habe ich sie SEHR oft überarbeitet, mehr als jeden anderen Text. Ich habe keine Ahnung, die wievielte Version die heutige ist. Die Fassung, die ich überarbeitet habe ist von 2012, und wenn ich aus einer Kurzgeschichte fast eineinhalb Seiten herauskürze, dann war die Überarbeitung auch bitter nötig. Fassung 2012 war sicher nicht die Beste. Hier ist Fassung 2020:

( Und wie üblich vorweg – Wieder unter der Lizenz Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0)*)


Im Block

von Michael Schreckenberg

Wo bin ich?

In meinem Wohnzimmer, ich sitze an dem kleinen Sekretär. Die Nachmittagssonne erhellt den Raum. Der Schnee draußen stellt alles in strahlendes Weiß. Es ist so still.

Aber wo bin ich?

Vorhin lag ich auf dem Sofa. Wieder der selbe Traum. Nun tippe ich diese Worte in meinen Laptop – sicherheitshalber.

Immer derselbe Traum. Und Zhuangzis Geschichte vom Schmetterlingstraum. Vom Mannes, dem träumte, er sei ein Schmetterling, und als er erwachte, wusste er nicht mehr, was richtig war: War er ein Mann der geträumt hatte, ein Schmetterling zu sein? Oder war er ein Schmetterling, der träumte, er sei ein Mann?

Ich wünschte, in meinem Traum ginge es um Schmetterlinge.

Aber es ist besser, ich beginne mit dem, was vorher war. Folgendes ist passiert:

Fährt man die A3 von Köln aus in Richtung Norden, so liegt kurz hinter Leverkusen, im Autobahnkreuz Langenfeld, die Abfahrt nach Langenrath. Wer hier die Autobahn verlässt, erreicht über eine lange Ausfahrt die Landstraße, die rechts nach Langenrath und links nach Langenfeld führt. In Richtung Langenrath säumt erstaunlich dichter Wald die Straße. Südlich der Straße liegt das Further Moor. Der Wald nördlich, links der Straße, heißt „Im Block“ – und er hat einen schlechten Ruf. Ich habe als Kind ganz in der Nähe gewohnt und die Gruselgeschichten selbstverständlich an Freunde weitergegeben (und ein paar selbst dazu erfunden). In Wirklichkeit bin oft und gerne im Block gewesen. Es ist ein lichtreiches Waldstück, dessen Bäume und Blätter in vielen dunklen Farben leuchten. Verlässt man den Weg, findet man schmale, moosige Pfade, kleine Brücken, unvermutete Lichtungen. Es ist still dort, und kühl im Sommer. Bei Dunkelheit und trübem Wetter aber war der Ort nie ganz geheuer – welcher Wald ist das schon. Aber Wesen im Nebel? Menschen die verschwinden? Gruselgeschichten. Dachte ich.

Ich fuhr spätabends von Frankfurt nach Hause. Ich war für eine Recherche, die sich letztlich als überflüssig herausgestellt hatte, dorthin gefahren, und wollte vor Mitternacht zu hause sein. Ein paar Notizen übertragen und dann vor allem schlafen. Ich hatte eben den Rasthof Reusrath passiert, als ich mit einem Mal auf eine Wand aus Nebel zu raste. Ein paar geisterhafte Schleier patrouillierten davor und dann – nichts als dunkles, wattiges Grau, das, so weit meine Scheinwerfer reichten, grünlich leuchtete. Da ich die Nebel, die das Further Moor zu produzieren im Stande ist, kenne, entschloss ich mich, die Autobahn zu verlassen und über Land nach Solingen zu fahren. Aus den vielen möglichen Routen, durch die mein Gedächtnis nun blätterte wählte ich die, die direkt durch Langenrath führen würde. Vielleicht ein Anflug von Nostalgie…

Kaum war ich auf der Landstraße, ließ ich als erstes das Seitenfenster hinunter. Im Wagen war es stickig, denn die Heizung lief seit Frankfurt. Ich stand an der Ampel kurz hinter der Ausfahrt und genoss dieHerbstluft. Auch über der Straße zwischen den Waldstücken lag Nebel, aber nicht so kompakt wie auf der Autobahn, nur Fetzen, die aus der schwarzen Mauer des Waldes flossen. So fuhr ich am Block vorbei.

In diesem Moment geschahen zwei Dinge: Ich sah am Wald, auf der gegenüberliegenden Straßenseite, ein parkendes Auto, dessen Warnblinklicht leuchtete. Gleichzeitig flammte in meinem Wagen die Tankwarnung auf… und ich glaubte zu sehen, wie von der Anzeige, die eben noch 105 verbleibende Kilometer bis zum nächsten Tankstop anzeigte, die Eins verschwand. Das Warnlicht leuchtete und die Tankuhr stand schon auf Null. Vor lauter Verblüffung stieg ich in die Bremse und fuhr rechts an den Straßenrand. Dann starrte ich auf meine verräterischen Armaturen.

Es war nur eine unschöne Verkettung bekannter Marotten meines Wagens. Der Schwimmer im Tank war nicht besonders zuverlässig. Je nachdem, mit welcher Neigung ich den Wagen geparkt hatte, warnte er kilometerlang vor dem baldigen Ende des Benzinvorrats, egal, wie voll der Tank war. Diesmal hatte der Schwimmer mal wohl umgekehrt einen Vorrat gemessen, den ich nicht mehr hatte – und mich erst 200 Kilometer später davon in Kenntnis gesetzt. Und hatte diese Ansammlung von Displays, die sich angeberisch „Bordcomputer“ nannte, nicht die Angewohnheit, hin und wieder Werte anzuzeigen, die vielleicht mit dem Mond zu tun hatten, nicht aber mit den Verhältnissen in meinem Auto? Doch, das kannte ich auch.

Ich sah in den Rückspiegel. Dort hinten, am Rand des Blocks, stand der andere Wagen, warnblinkend, ganz wie ich. Die Tür auf der Fahrerseite schien offen zu stehen. Ich spähte angestrengter in den Spiegel, konnte aber keinen Menschen sehen. Zwischen unseren Fahrzeugen driftete der Nebel und mit einem Mal wurde ich der großen Stille gewahr, die aus den Wäldern zu fließen schien und über mir und ringsumher lastete. Kein Geräusch, kein Wind, kein Knarren, kein Auto, nichts. Ich ließ das Fenster wieder hoch und schaltete Musik ein. Johnny Cash sang viel besser als Neil Diamond darüber, was es bedeutete, ein „Solitary Man“ zu sein. Nicht weit von hier war eine Tankstelle, die ich von früher kannte, dort würde ich meinen Bezinvorrat füllen. Vielleicht war der Fahrer des anderen Wagens ja auch auf dem Weg dorthin. Würde ich unterwegs jemand mit einem Benzinkanister sehen, würde ich ihn mitnehmen. Vielleicht war es ja auch eine Fahrerin.

Der Weg war kurz. Bald fuhr ich hinab in die kleine Senke und trieb dort, mit ein paar letzten, verirrten Nebelfetzchen neben eine der Zapfsäulen an der All-Night-Open-Tankstelle. Die Tankwarnung war wieder erloschen und auch die Eins vor der 05 war zurückgekehrt, aber ich traute dem Frieden nicht mehr.

Nach 40 Litern war der Tank voll – das Benzin hätte noch gut und gerne für 100 bis 150 Kilometer gereicht. Ich betrat den Kassenraum, zückte meine Kreditkarte und nahm mir einen Schokoriegel aus der Auslage. Hinter dem Tresen ignorierte mich eine magazinlesende Teenagerin, deren T-Shirt kryptisch verkündete: „Der Bote lebt.“ Ich legte den Riegel vor ihr ab. Etwas lauter als nötig.

„’n Abend. Nummer Drei.“

Sie schaute auf und sah mich aus trüben Augen an.

„Hm?“

„Nummer Drei. Bitte. Und das hier.“

„Mmmmm…“

Sie nahm die Kreditkarte, schob sie in das Lesegerät und starrte es dann eine Weile leer an. Ich versuchte ein wenig Konversation zu machen und fragte, ob vielleicht jemand mit einem Benzinkanister vorbeigekommen sei.

„Mm-mm…“

Sie starrte weiter auf das Lesegerät. Ich erzählte weiter:

„Da scheint nämlich ein Wagen gestrandet zu sein. Oben am Block. Und ich dachte…“

Bei der Erwähnung des Blocks sah sie von dem Lesegerät auf – und lächelte mich an. So leer, dass ich eine Gänsehaut bekam. Dann begann sie, eine einfache kleine Melodie zu summen und verließ den Raum. Ich sah völlig perplex auf die Tür hinter dem Tresen, durch die sie verschwunden war.

Noch bevor ich mich erholt hatte erschien auf demselben Wege ein dünner Mensch in T-Shirt und Jeans. Ein zauseliger Kinnbart, die wirren grauen Haare und ein herzhaftes Gähnen erweckten den Eindruck eines Mannes, der bis vor wenigen Momenten geschlafen hatte. Dennoch wirkte er weit wacher als das Mädchen.

„Ja?“

„Ich habe getankt.“ Etwas ratlos wies ich auf die Kreditkarte im Lesegerät. „Ihre Mitarbeiterin…“

„Frau.“ Er tippte auf eine Taste am Lesegerät und schob es mir hin. „Meine Frau ist müde. Pin. Mit der grünen Taste bestätigen.“

Ich tippte und bestätigte. „Ich habe Ihre… Frau gefragt ob hier jemand mit einem Benzinkanister…“

„Nein. Meine Frau ist müde.“

„Weil oben am Block…“

Er drückte mir die Quittung in die Hand.

„Gute Nacht.“

Damit drehte er sich um und verschwand wieder durch die Tür, durch die er gekommen war. Ich stand eine Weile da und wartete darauf, dass er zurück kam. Dann nahm ich meinen Schokoriegel und ging zurück zum Wagen. Früher hatte ich die Leute, die hier gearbeitet hatten, gekannt. Allerdings war das mindestens zehn Jahre her.

Der Wagen stand immer noch da. Der Nebel war dichter geworden, dennoch waren die blinkenden Warnlichter deutlich zu erkennen. Kurz bevor ich an den Straßenrand fuhr und anhielt flackerte meine Benzinanzeige wieder – und statt der 758 verbleibenden Kilometer zeigte der „Bordcomputer“ 58.

Die Nacht war erfrischend, aus dem Wald brachte der Nebel einen satten, erdigen Duft. Das sanfte „Bing-Bing-Bing“ mit dem mein Auto mich daran erinnerte, dass ich das Licht noch nicht ausgeschaltet hatte, war ein angenehmer Anker in dem Meer aus Stille, das mich umgab. Ich ließ die Tür offen, als ich zu dem anderen Wagen ging, ich wollte auf die tröstliche Sicherheit, die der Ton mir gab, nicht verzichten.

Es war ein alter Golf, rot, wie ich jetzt im Licht meiner Scheinwerfer sah. Die Fahrertür war immer noch offen, der Schlüssel steckte nicht. Im Innenraum verstreut CDs („Manowar“, „Wizard“, „Iron Maiden“…), auf dem Rücksitz ein halbvoller Bierkasten – Früh-Kölsch –, liebevoll angeschnallt. Allein, der Besitzer von Bier, Musik und Fahrzeug, blieb verschwunden.

Ich wollte schon wieder zu meinem Wagen zurück, als ich das Geräusch hörte. Ich hatte mich so sehr an die Stille ringsum gewöhnt, dass mir jeder Laut außer meinen eigenen Schritten und dem „Bing-Bing-Bing“, das Heimat und Sicherheit bedeutete unnatürlich erschien. Halb vermutend, eine Stimme gehört zu haben, antwortete ich unsicher:

„Hallo!?“

Wieder der Laut, wie eine Antwort. Er klang, bildete ich mir ein, klagend, fordernd. Der Ton kam aus dem Wald, aus dem Block, aber der Nebel verzerrte ihn, es war unmöglich, auf Entfernung oder genaue Richtung zu schließen. Ich ging zurück zu meinem Wagen und holte die Taschenlampe aus dem Handschuhfach.

Als ich die Fahrertür schloss, verstummte der tröstliche Warnton. Auch das Klagen war nicht mehr zu hören. War es ein Ruf gewesen? Ich glaubte mich zu erinnern, dass es ein Hilferuf gewesen war. Ein anderer Teil meines Verstandes sprach von einem undefinierbaren Laut. Und die Stille ringsumher schwieg und wartete. Ich knipste die Lampe an und machte mich auf den Weg in den Wald.

Der Pfad war feucht, aber nicht schlammig. Ich leuchtete links und rechts in die Bäume, aber das bewahrte mich lediglich davor, über Wurzeln und Bodenunebenheiten zu stolpern. Die wattige Wand, die mich nun von allen Seiten umgab, konnte der Strahl nicht durchdringen. Hier und da war ein Baum zu erahnen. Ich war in einem fremden Universum.

„Hallo?!“

Ich rief wieder und wieder, aber die Frau, deren Stimme ich vorhin gehört hatte, antwortete nicht („ein Geräusch“ beharrte etwas in mir „nur ein verzerrtes Geräusch“). Ich fragte mich – erst jetzt – woher sie eigentlich meinen Namen kannte.

Meine Taschenlampe erfasste etwas vor mir im Nebel, eine kleine Gestalt, für einen Moment glaubte ich, ein kleines Mädchen, vielleicht vier Jahre, mit Blumenjeans und rosa T-Shirt zu sehen. Es musste ihr Kindersitz in dem Wagen gewesen sein („Bierkasten!“ schrie diese verwirrende Stimme) und hatte nicht zwischen dem ganzen Robbie Williams- (Manowar!) und Katie Melua-Zeug („Wizard!“) nicht auch eine CD vom Bär-im-Blauen-Haus („bitte… Maiden…“) gelegen? Die Kleine lief tiefer in den Nebel und war schnell verschwunden.

„Hey, warte!!!“

Ich lief , blindlings. Vor meinem geistigen Auge sah ich den Golf an den Straßenrand fahren. Eine junge Frau stieg aus, eine alleinerziehende Mutter vielleicht, befreite ihre Tochter aus dem roten Kindersitz und dann… dann lief die Kleine in den Wald und die Frau hinterher und sie hatten sich verlaufen…

Die Stille war groß. Der Nebel war groß.

Nein! Nur ein ganz kleines Waldstück, ein überschaubares Dreieck, grob begrenzt von der A3, der A 542 und der Bergischen Landstraße. Der Wald war nicht tief, der Wald war nicht geheimnisvoll…

Der Wald war gewaltig. Der Nebel war groß. Die Stille war groß. Und langsam, ganz langsam, begann sich die Stille zu füllen. Mit Lauten. Stimmen. Rufen. Klagen. Weinen. Schreien. Gelächter. Und Gelächter. Und Gelächter. Der Nebel begann zu leben. Schemenhafte Gestalten, Wesen, Menschen. Ich muss vorwärts getaumelt sein, immer weiter, immer den Weg entlang, der meiner Erinnerung nach schon lange aus dem Wald heraus und an einem Feld vorbei hätte führen müssen. Aber es gab kein Feld. Es gab keine Welt mehr. Nur Wald. Und Nebel.

Ich dachte wirr an die Geschichten. Die Verschwundenen. Die wenigen, die wieder aufgetaucht waren. Niemand hatte sie selbst gesehen, aber manche kannten jemanden, der jemanden kannte, dessen Bekannter von jemandem gehört hatte… sie waren ertrunken gewesen. Oder verbrannt. Oder zerschmettert, als seien sie aus großer Höhe gestürzt. Und Manche… Manche…

„Weg!“

Das war echt!

Ich schreckte zusammen und suchte mit der Taschenlampe. Vor mir, direkt in den Grenznebeln der grauen Wand, saß ein Mann. Ein echter Mann, kein Schemen. Er hatte dichtes dunkles Haar und einen Vollbart und er…

Er saß nicht. Er lag auf dem Boden, aber irgendwas in seiner Haltung stimmte absolut nicht und die Nebelwand hinter ihm wurde lebendig. Ganze Schwärme von Schatten die nun alle eine Richtung fanden, sehr schnell, sehr…

„Komm nicht näher! Lauf weg!“

Er drehte sich zu der Wand um und seine Stimme brach als er schrie:

„Nein! Weg! Lauf! Sie… sie… sie…

Ich rannte, immer den Weg entlang, während links und rechts der Nebel lebendig wurde, und die Stille zu summen begann und die Bäume mit tiefen, tonlosen Stimmen sangen. Ich rannte und rannte und…

…trat aus dem Wald, an genau derselben Stelle, an der ich ihn betreten hatte. Der Nebel war dicht. Die Stille war still. Ich lief an dem Golf vorbei, vermied jeden Blick auf den Bierkasten (Kindersitz) auf der Rückbank, stieg in mein Auto und fuhr nach Hause.

Ende der Geschichte.

Nein, nicht ganz das Ende der Geschichte. Als ich zu Hause ankam sah ich, dass meine Hose und meine Jacke ganz dreckig und staubig waren. In meinen Haaren waren Tannennadeln. Und es war so still.

Es ist immer so still. Ich mag den Fernseher nicht anmachen. Ich mag auch die Zeitung nicht hineinholen.Ich mag auch niemanden anrufen. Und ich könnte jetzt unten links auf dem Bildschirm sehen, wie viel Uhr es ist. Und welches Datum wir haben. Aber das möchte ich gar nicht. Ich habe ein Buch davor gelegt. Es stört beim Schreiben, aber nicht sehr.

Ich bin müde. Ich werde gleich ein wenig schlafen. Ich werde dann wieder träumen. Nicht von Schmetterlingen, leider.

Es ist immer so still hier.

Komisch ist, was der Mann mit dem Bart noch gerufen hat. Als er versuchte, mich zu retten. Ich werde ein wenig darüber nachdenken, bevor ich einschlafe. Er rief:

„Weg! Lauf! Sie… sie… sie sind noch da! SIE SIND ALLE NOCH DA!“

ENDE



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