Die 10 beliebtesten Blogbeiträge – Platz 6: Der Finder

Trotz Sonntagsfrage geht es natürlich auch heute weiter mit den Top 10 der beliebtesten Blogartikel. Auf Platz 6 steht der Beitrag, mit dem ich am 17. Februar 2012 die Hintergrundgeschichte zu meinem bisher erfolgreichsten Roman erzählte:

Der Finder

Wie angekündigt geht es weiter mit den Geschichten hinter den Geschichten. Heute mit dem Buch, das mein erster veröffentlichter Roman wurde. Es begann mit einer Schreibblockade und einem sehr schlechten Film.

Am Ende des Weges

Bevor ich die Novelle schrieb, aus der später der Roman „Der Finder“ wurde, litt ich an einer sehr langen Schreibblockade. Nachdem ich mich erfolglos (siehe gestern) an dem Vorläufer von „Der Ruf“ versucht hatte, schrieb ich noch einen ganz brauchbare Science-Fiction-Roman, der aber zu sehr Joe Haldemans „Der ewige Krieg“ ähnelt, um ihn zu veröffentlichen. Danach kamen noch ein paar fruchtlose Romananfänge und dann: Ende. Für fast zehn Jahre nur ein paar Kurzgeschichten und Songtexte. Es war ein Teufelskreis. Ich sah, wie meine großen Vorbilder in den Genres – Stephen King zum Beispiel – sich immer weiter entwickelten, wusste, dass ich nie ein Bradbury sein würde und entdeckte Genies wie Iain Banks. Dabei hatte ich die ständige Sorge, mangels Training immer schlechter zu werden. Und von dem Niveau eines Pubertierenden abzusteigen ist nichts, was ein junger Schriftsteller anstrebt.

Es waren meine Frau (damals meine Freundin) und mein bester Freund, die mich aus dieser Wüste holten und dabei halfen ihnen Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller eines wirklich miesen Films.

Mein Freund, nennen wir ihn Roy (keine Sorge – wir NENNEN ihn nur Roy), ist ein begnadeter Musiker, guter (aber leider unveröffentlichter) Autor und toller Zeichner. Verdammte Multitalente. 😀 An dem betreffenden Abend hatten wir uns verabredet, um gemeinsam einen Thriller im Kino zu sehen, mit diesem berühmtem Schauspieler den wir beide schon immer für talentfrei hielten. Aber die Geschichte klang in den Vorankündigungen gut. Vorher quatschten wir ein wenig, wie man das auf dem Weg zum Kino eben so macht. Ich erzählte, ich hätte eine gute Idee für einen Roman, schaffe es aber irgendwie nicht, sie umzusetzen. Er erzählte, er habe eine tolle Idee für einen Comic, da er aber nicht so gut zeichnen könne wie Hal Foster lasse er es bleiben. Ich war perplex. Nur weil er kein Genie war, wollte er es gleich ganz lassen? Wir erzählten uns die Geschichten. Ich fand seine gut. Er fand meine gut. Dann kam der Film.

Er war schlecht. Todlanweilig schleppte er dahin und ständig schaute dieses Schauspielerimitat dämlich aus der Wäsche. Meine Gedanken begannen, abzuschweifen, ich beschäftigte mich mit meiner Geschichtsidee – und der Tatsache, dass Roys Einstellung zu Hal Foster ziemlich genau meiner zu Iain Banks entsprach. Als wir das Kino verließen, war die Geschichte in meinem Kopf fertig.

Am nächsten Tag begann ich zu schreiben. Ich hatte mir gute Musik aufgelegt („Aural Sculpture“ von den Stranglers) und schrieb vier Stunden lang. Danach war ich so matschköpfig wie ich immer bin, wenn ich aus einer Geschichte komme. Und das war gleich die nächste Probe. Würde meine Freundin das ertragen? Dieses Zwischenwesen, dass zwar in dieser Welt nur sie liebt, aber geflutet ist mit Endorphinen, hervorgerufen durch eine imaginäre Frau namens Esther? Ich lebe nämlich nicht nur in meinen Geschichten, ich verliebe mich leider auch allzu oft in meine weiblichen Hauptfiguren. Nun – sie ertrug es. Sie fand es amüsant (heute findet sie es amüsant und etwas nervend, aber sie erträgt es immer noch 😉 ). Sie ermutigte mich, sie stärkte mir den Rücken, sie tat all das, was ein(e) Schriftsteller(in) sich von seinem/ihrem Partner(in) wünscht.

Als ich mit der Geschichte zur Hälfte durch war bekam ich die Gelegenheit, mich für eine Woche in ein Haus in Zeeland zurückzuziehen und den Rest zu schreiben. Ich schrieb ganze Tage im Rausch, nur unterbrochen von gelegentlicher Nahrungsaufnahme und Abstechern ans Meer, wenn die Geschichte sich sperrig zeigte.

Am Ende war die erste Version fertig, es war alles da, was heute da ist. Die explosive Liebe zwischen Daniel und Esther, die plötzlich leere Welt, das kleine Häuflein Überlebender und der Hof auf dem sie siedeln, Daniels Suche nach Dingen, Menschen und dem Grund von all dem, Lara, Alex, Carmen, Ben (der damals noch Bernd hieß), Thomas, die Heuler und die hoffentlich überraschende Auflösung. Die Geschichte war viel kürzer, als sie heute ist, und sie war pünktlich am Freitagmittag fertig.

Am Nachmittag kamen Roy und meine Freundin an – sie hatten Tintenfischtuben dabei und Roy zauberte einen Stoß beschriebener Blätter hervor. Es war der Beginn eines Romans – wenn er schon nicht zeichnen wollte, hatte er sich doch entschieden, seine Geschichte in Prosaform zu verarbeiten. Ich las Roys Text, meine Freundin las meinen Text und Roy briet die Tintenfische. Es wurde eines der besten Wochenenden meines Lebens.

Viele Jahre und zweieinhalb Romane später lernte ich einen Verleger kennen. Ich hatte natürlich schon des Öfteren versucht, meine Romane an den Mann zu bringen, aber der hier schien echt interessiert. Er ließ sich Exposees schicken und wählte – zu meiner Verwunderung – die Geschichte, die ich inzwischen nur noch als „Die Novelle“ bezeichnete. Ich fand, sie sei zu kurz.

„Die ist zu kurz“, sagte der Verleger, „Du solltest den Anfang ausbauen. Wie sie durch diese leere Welt ziehen, ihre Siedlung aufbauen, wie die leben – das interessiert die Leute. Bau das aus, dann haben wir einen guten Roman.“ Also nahm ich mir die Geschichte nochmal vor und baute den Anfang aus. Fertig.

Nein – nicht ganz, ein Detail fehlt noch. Der Name „Am Ende des Weges“ war nicht gut. Es gab ihn schon mehrmals, vor allem für Sachbücher über Leute, die im Sterben liegen. Also zerbrachen der Verleger und ich uns den Kopf über einen neuen Namen, kamen aber auf nichts brauchbares. Eines Abends erzählte ich am Tisch von diesem Problem. Meine jüngste Tochter, damals sieben Jahre alt, fragte:

„Was macht denn der Daniel in dem Buch?“

„Na ja,“ sagte ich, „er reitet eben durch die leeren Städte und sucht Sachen, die die anderen brauchen.“

Sie überlegte kurz und meinte dann: „Nenn‘ es doch >Der Sucher<.“

Der Rest ist Geschichte.

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Die Sonntagsfrage: Ist die Realität wichtig?

Eines der Weihnachtsgeschenke, die ich von meiner Schwester und ihrer Familie bekam, ist  dieses nette Ding:

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Es nennt  sich „Sinnfragen Kombinator„, Autorin ist Pia Frey, erschienen ist der Kombinator im November 2013 als „Tischkalender“ im Metermorphosen Verlag. Ein Kalender ist er aber nur Form nach, er hat nichts, was einen Kalender zum  Kalender macht – da sind weder Tage, noch Wochen noch  Monate drin. Statt dessen enthält er zwei  durch eine Spiralbindung verbundene Zettelblöcke. Auf dem  linken Zettel steht jeweils „Ist“ und ein Substantiv, rechts ein Wort – meist ein Adjektiv – und ein Fragezeichen, so dass durch zwei zufällig aufgedeckte Zettel eine zufällige Frage entsteht, wie etwa: „Ist Leberwurst verwerflich?“ oder „Ist Phantasie mächtig?“ oder „Ist Macht langweilig?“ Prinzip ist klar, oder?

Meine kleine Schwester kennt mich ziemlich gut – ich spiele mit dem Kombinator voll Begeisterung und habe auf die Blankoseiten am Schluss schon einige eigene Begriffe eingetragen. Auch wenn er genaugenommen nur sehr wenig echte Sinnfragen stellt, hat er mich gepackt. Und nach einer Weile  dachte ich: Das wäre  doch was für  den Blog. Und wenn es nur ist, damit mein Philosophiestudium sich mal praktisch bewährt. Ich werde also von nun an jeden Sonntag eine (zufällig gewählte) „Sonntagsfrage“ aus dem Kombinator stellen und – selbstverständlich – beantworten. 😉 Und die erste Frage lautet:

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Ist die Realität wichtig?

Eine schöne Frage, denn sie ist nach all meinem einleitenden Geschwätz vergleichsweise einfach zu beantworten.

Stellt sich natürlich zunächst die Frage: Was ist Realität? Spontan würde man wohl antworten „die Wirklichkeit“, aber das würde nur bedeuten, dass ich ein unerklärtes Substantiv durch ein anderes ersetze. Ein Blick in den Duden hilft hier ein wenig weiter. Meine Ausgabe des Dudens (2009) definiert „Realität“ zwar auch als „Wirklichkeit“ bietet als zweite Definition aber „Gegebenheit“. Das ist hilfreicher, denn diese Definition macht klar, dass die „Realität“ der sie erfahrenden Person gegeben ist, sie kommt also nicht aus ihrer eigenen Vorstellung. Ich weiß, es gibt ganze philosphische Seminare (Pro- wie Haupt-) die sich mit der Frage, „Was ist Realität?“ beschäftigen, von klugen schriftlichen Werken durch alle Epochen ganz abgesehen, ich muss also hier verkürzen. Aber ich denke, für die Zwecke dieses Blogs ist es angemessen, wenn ich „Realität“ als den Teil der Wirklichkeit definiere, der unabhängig von jeder menschlichen Vorstellung existiert, sie aber mittels der menschlichen Wahrnehmung beeinflussen kann. Oder,  um es verständlich zu machen: Bäume waren schon real, bevor es Menschen gab. Sie wurden aber Teil der menschlichen Vorstellung, sobald Menschen sie sahen, fühlten und dagegen liefen.

Ergibt sich die Frage: Stimmt das? Waren Bäume real, bevor Menschen sie wahrnahmen? Natürlich wissen wir von Baumfossilien, aber die nehmen wir auch wahr, wenn auch nur vermittelt. Ähnliches gilt für ferne Galaxien, die wir nur durch Bilder des Hubble-Teleskopes kennen. Sind also Galaxien real, die das Hubble Teleskop nicht wahrnimmt, waren Bäume real, die vor 30 Millionen Jahren wuchsen, aber nie zu Fossilien wurden? Ist  etwas real, das wir nicht wahrnehmen können?

Die Antwort ist:  Wir können es nicht wissen. Wir können über eine Realität außerhalb unserer Wahrnehmung nur Vermutungen anstellen (oder feiner: Theorien bilden).

Was aber ist mit der Realität, die wir wahrnehmen, vermittels unserer Sinne und unseres Verstandes? Können wir sicher sein, dass ein Ding, welches wir wahrnehmen, uns zuerst einmal von sich aus anspricht, und wir es erst dann mit Hilfe unseres Verstandes analysieren (indem wir es zum Beispiel „Baum“ nennen). Die ernüchternde Antwort ist: Nein. Spätestens Immanuel Kant hat endgültig nachgewiesen, dass es Kategorien unseres Verstandes gibt, die nicht aus der Wahrnehmung der uns umgebenden Wirklichkeit kommen, sondern nur aus unserem Verstand.  Das einfachste Beispiel ist immer die „Ursache“. Wir sehen, dass eine Tasse vom Tisch fällt. Die Tasse zerschellt auf dem Boden. Ergebnis: eine zerbrochene Tasse. Das Zerschellen ist die Ursache des Bruchs, der Sturz die Ursache des Zerschellens (Physiker  können das viel komplizierter erklären, aber es läuft  auf das selbe hinaus). Nur: Mittels unserer Sinne haben wir nur wahrgenommen: Tasse auf Tisch, Tasse stürzt, Tasse zerschellt, Tasse kaputt. Die URSACHE legen wir selbst hinein. Und – das ist das Tückische – wir können nicht anders. Wir können uns vielleicht theoretisch eine Welt ohne einzelne Kategorien  oder Ordnungsfunktionen wie Ursache, Zeit oder einige andere ausmalen – aber niemals ohne alle. Und es gibt Kategorien/Ordnungsfunktionen, die unmöglich wegzudenken sind, wie etwa Raum oder Einheit/Vielheit/Allheit. Etwas ist entweder Eins oder Vieles oder Alles, anders können wir nicht wahrnehmen.

Da aber nun diese Kategorien und Ordnungsfunktionen aus uns selbst herauskommen und wir nicht überprüfen können, ob sie eine Entsprechung in der Realität haben (Kant spricht von „rein a priorischer Erkenntnis“) ergibt sich, dass wir auch nichts Gültiges über die von uns unabhängige Realität sagen können. Die „Dinge an sich“ entziehen sich unserer Wahrnehmung. Damit ergibt sich, dass ich höchstens etwas über meine persönliche „Realität“ sagen kann, schon nichts mehr über die „Realität“ meines Nachbarn, schon gar nichts über die „Realität an sich“. Die aber ist, laut Definition oben, gemeint.

Ich könnte jetzt noch versuchen, „wichtig“ zu definieren, aber das brauche ich gar nicht. Wenn ich über die Realität an sich nichts Gültiges sagen kann, kann ich auch nicht sagen, ob sie wichtig ist, unwichtig oder vielleicht doch ein Pinguin. Die Antwort auf die Frage lautet also:

Ob Realität wichtig oder unwichtig ist, ist mir gleichgültig. Ich kann es nicht beurteilen.

Bliebe noch zu klären, ob das, was ich persönlich als Realität wahrnehme, wichtig ist. Ich würde sagen: ja. Wer zweifelt kann ja mal anhand eines naturwissenschaftlichen Experiments die  Realität eines Hammers und des eigenen kleinen Fingers überprüfen. Ich empfehle es ausdrücklich NICHT!!! Die  subjektive Realitätserfahrung ist sehr unmittelbar und drastisch.

Verwendete Literatur:

Frey, Pia: „Sinnfragen Kombinator„, Frankfurt 2013

Kant, Immanuel: „Kritik der reinen Vernunft – nach der ersten und zweiten Original-Ausgabe herausgegeben von Raymund Schmidt“, Hamburg (3) 1990

Wermke, Dr. Matthias u.A. (Herausgeber): „Duden – Die deutsche Rechtschreibung“, Mannheim, Wien, Zürich (25) 2009

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Die 10 beliebtesten Blogbeiträge – Platz 7: Sex

Weiter geht es mit den Top 10. Viele Blogbesucher wollten diesen Beitrag vom 6. Juni 2012 lesen. Na los, gebt es zu. Ihr wollt es doch auch. 😉

Sex

Nein, das ist kein Versuch, Traffic auf meinen Blog zu ziehen. „Sex“ ist – wenn man Google glauben darf (und wohin kämen wir, wenn man den Monopolisten dieser Welt nicht mehr trauen könnte) – schon lange kein Top-Suchwort mehr. Wollte ich Massenbesuche auf dieser Seite generiern, müsste ich vermutlich Dinge wie „EM 2012“, „Griechenland“ oder „Venustransit“ schreiben. Ich schreibe aber nicht „EM 2012“, „Griechenland“ oder „Venustransit“. Wie käme ich dazu, „EM 2012“, „Griechenland“ oder „Venustransit“ zu schreiben – das hat ja gar nichts mit dem heutigen Thema des Blogs zu tun. Denn hier geht es heute um Sex – bzw. darum, warum und wie ich ihn in meine Bücher einbaue. Und was immer der oder die eine oder andere befürchten oder hoffen mag: Die heutige Rubrik ist „schreckenbergschreibt“. Nicht „schreckenberglebt“. 😉

Im Rahmen meines zweiten Radiointerviews zum „Finder“ fragte mich Ralf Krieger von Radio Wuppertal sinngemäß, ob man heute Sexszenen im Buch unterbringen müsse, um gelesen zu werden. Ich war ob dieser Frage kurz perplex (ich glaube, man hört es bei der Antwort 😀 ). Aber sie kommt in der einen oder anderen Form immer wieder, und sie erstaunt mich jedes Mal. Es ist schon richtig, der Finder enthält einige Sexszenen, aber sie sind nun nicht besonders explizit (das war mal anders, aber dazu weiter unten), finde ich zumindest. Und die Idee, dass jemand ein Buch – also einen belletristischen Roman – wegen der darin enthaltenen Sexszenen kaufen könnte ist mir tatsächlich noch nie gekommen. Vielleicht kommt irgendwann mal jemand auf die Idee, eine wissenschaftliche Hausarbeit mit dem Titel „Der Geschlechtsverkehr in der literarischen Reflexion des Bergischen Landes – eine vergleichende Studie der Werke von Oliver Buslau, Andreas Schmidt und Michael Schreckenberg“ oder so ähnlich zu schreiben, der muss die Bücher natürlich deswegen lesen. Aber sonst? Wer sich meine Bücher aus voyeuristischen Motiven kauft dürfte, trotz allem, ziemlich enttäuscht werden. Und damit keine Missverständnisse aufkommen: Auch Oliver und Andreas setzen DEUTLICH andere Schwerpunkte. 😉

Warum also haben meine Figuren Sex? Nun, zunächst einmal: Warum nicht? Sie essen ja auch. In meinen Romanen tauchen regelmäßig Liebespaare auf. In den meisten Fällen verlieben sich meine Protagonisten im Laufe der Handlung und beginnen eine Beziehung. Das zu beschreiben ohne Sexszenen einzubauen käme mir in hohem Maße unnatürlich vor. Und ich schreibe keine Bücher für Kinder. Ich schreibe Krimis und phantastische Literatur und wende mich an ein erwachsenes Publikum, meine Bücher sind entsprechend, vom philosophischen Hintergrund bis zur Schilderung von Gewalt. Warum sollte ich ausgerechnet beim Sex (also bei dem angenehmen Teil der Erwachsenenthematik) eine Ausnahme machen? Ich halte es also für völlig selbstverständlich, dass ich das schildere.

Es gibt aber auch ganz praktische Gründe, Liebesszenen (körperliche) in einen Roman einzubauen. In der vertrauten und entspannten Stimmung nach dem Sex ergeben sich, meiner Erfahrung nach (Mist, ich wollte doch nicht… aber detailierter wird es nicht, versprochen), oft sehr gute und tiefgründige Gespräche, auch und gerade unter Neuverliebten. Man lernt sich im Bett eben nicht nur körperlich sehr genau kennen. Von daher ist eine Bettszene der einen Art eine gute Einleitung für eine Bettszene der anderen Art (bei der Überarbeitung einer frühen Version des „Finders“ habe ich selbst an den Rand geschrieben: „Reden Daniel und Esther überhaupt miteinander, ohne vorher miteinander geschlafen zu haben?“ Man sieht – es kann auch zuviel des Guten sein und Überarbeitung ist IMMER wichtig. 😉 ).

Dann ist Sex natürlich ein wichtiges dramaturgisches Hilfsmittel und ein 1a Katalysator. Wenn ich eine beginnende Beziehung beschreibe, eignet sich der erste Sex wunderbar um den Punkt zu setzen, an dem die Liebenden sich als Paar betrachten. Im wirklichen Leben und in Liebesproblemromanen mag das anders sein, zuweilen beginnen an dem Punkt ja erst die Probleme, aber ich schreibe eben in Genres, in denen das nicht das Hauptthema ist – und die Leser verstehen meist, wo die Figuren an dem Punkt sind ohne, dass ich es umständlich erklären müsste. Miteinander zu schlafen, insbesondere zum ersten Mal miteinander zu schlafen, ist auch immer das Überschreiten einer Grenze, was im Roman auch das Überschreiten irgend einer anderen Grenze symbolisieren kann. Die Art des Sexes kann eine Menge unterschiedlicher Emotionen viel besser darstellen als irgendeine langatmige Beschreibung oder ein innerer Monolog. Wie Menschen im Bett (oder wo auch immer) miteinander umgehen kann sehr schnell und deutlich zeigen, wie sie zueinander stehen und wie es um ihre Beziehung bestellt ist. Selbst der deutlich Verzicht auf Sex kann einen wichtigen Punkt markieren, so etwa bei Britt und Philip im „Ruf“ – in deutlicher Abgrenzung zu Kat und Stephan. Die Beziehungen sind unterschiedlich und unterschiedlich angelegt. Und das Britt und Philip eben nicht miteinander schlafen (obwohl sie beide eigentlich nichts dagegen hätten) verdeutlich einen Aspekt davon. Hoffe ich 😀 .

Wie schreibt man nun aber eine SEXSZENE (für andere Szenen mögen die folgenden Regeln ganz falsch sein)? Ich kann nur sagen, wie ich sie schreibe – wer meint, dass ich die entsprechenden Situationen gut und angemessen schildere möge sich die folgenden Regeln gerne aneignen – wer nicht, möge von mir aus genau entgegengesetzt handeln.

1.) Less is more.

2.) Keine Pflanzen- oder Tiermetaphern! NIEMALS! Da öffnet sich nichts wie irgendein Bestandteil irgendeines Gewächses, da erblüht nichts und wird nichts bestäubt. Nichts und niemand bewegt sich wie eine Pantherkatze oder ein Regenwurm. NICHTS! NIEMAND! NIEMALS! Wer je so eine Liebesszene gelesen hat wird mir beipflichten. Brrr!

3.) Bleibe bei dem, was Du kennst. Vertraut mir – ich habe die andere Seite gesehen. Ich habe in meiner Pubertät Romane geschrieben… aber die will niemand lesen. Und niemand wird je. Und ich hatte nichtmal das Internet und die grauenvolle Möglichkeit, dort zu recherchieren und das mit dem wahren Leben zu verwechseln. Das Problem mit Sex (im Gegensatz zu Weltraumflügen oder Serienmorden zum Beispiel) ist, dass vermutlich die allermeisten Leserinnen und Leser wissen, wie das geht und wie es sich anfühlt. Wenn also das Leben so fies ist, das literarische Tun vor dem sexuellen beginnen zu lassen, so übe der/die Literat(in) Enthaltsamkeit in der Schilderung von Details. Genauso wie es absolut legitim ist, Sexszenen zu schreiben, ist es legitim, statt dessen irgendeine Version des simplen Satzes „Wir schliefen miteinander.“ zu schreiben. Er erfüllt sogar einige, wenn auch nicht alle der oben beschriebenen, nützlichen Funktionen. Nur ein Tipp und eine Bitte. Der Tipp: Beendet keine fünfseitige Beschreibung eines romantischen Abends und aufkommender erotischer Spannung mit dem Satz: „Dann hatten sie Sex.“ Die rein faktische Beschreibung ist, wenn nicht alles sehr unterkühlt rüberkommen soll (auch das kann ja gut sein) eher etwas für die Rückschau. Fünf Seiten Romantik und Spannung – cut – nächster Morgen, ohne Beschreibung dessen, was da genau passiert ist. Kann sehr schön sein. Und nun die Bitte: Schreibt nicht „Liebe machen“. Bitte, bitte, bitte! Danke.

4.) Bleib bei dem was Du kennst! Wirklich! Du bist der größte Womanizer oder die größte – wie nennt man das – Manizerin? – der Stadt? Fein, das garantiert Dir eine gewisse Bandbreite in der Beschreibung. Wenn Du Dich aber außerhalb dieser Bandbreite begeben willst – dann recherchiere oder lass es. Und mit Recherche meine ich vor allem Recherchegespräche! Ein einfaches Beispiel – ich bin heterosexuell. Wenn ich nun eine homosexuelle Liebe beschreiben will, dann muss ich mich entweder in der Beschreibung der Körperlichkeit beschränken – oder jemanden fragen, der sich damit auskennt. Es wäre nicht schlecht, wenn vorher eine gewissen Vertrauensbasis bestünde….

5.) Oben steht „less is more“. Das gilt für die letzte Version! Vorher ist das etwas anderes. Die allererste Version des „Finders“ zum Beispiel war regelrecht pornographisch. Das war aber keine Panne, das war gewollt, mir war klar, dass das nie und nimmer die Version für die Öffentlichkeit (oder auch nur für einen Verlagslektor) sein wird. Aber wenn man für sich selbst einmal klar hat, was da geschieht, dann kann man es wunderbar zusammenstreichen. Mir war ganz klar, dass ich meine Leser nicht an meinem Kopfkino teil haben lassen, sondern ihnen das eigene ermöglichen wollte. Aber wenn ich Andeutungen schreiben möchte, die jede(r) mit seinen / ihren eigenen Phantasien füllen kann, dann sollte ich erst einmal wissen, was ich für mich andeuten möchte. Diese Regel ist außerdem sehr nützlich, wenn man unter Einfluss von Glückshormonen schreibt, weil man zum Beispiel gerade selbst verliebt ist. Verliebte neigen zu fürchterlichem verliebten Geplapper und schmeißen mit Details um sich, die niemand braucht. Manchmal etwas peinlich im echten Leben, aber kein Problem für Literaten. Immer gib Details, immer gib! Vergiss nur nicht, die entsprechenden Stellen mit kühlem Kopf zu überarbeiten – und höre auf den Rat von Freunden, die Deine Texte probelesen und gerade nicht so hormongebadet sind wie Du selbst.

6.) Verliere niemals den Respekt vor Deinen Figuren.

7.) Verliere NIEMALS den Respekt vor Deinen Figuren!

Und um nochmal zur Ausgangsfrage zurückzukommen: Muss man heute Sexszenen beschreiben, damit ein Buch Leser findet? Ich denke: Nein. Aber ich werde es trotzdem nicht unterlassen. 😉

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Die 10 beliebtesten Blogbeiträge – Platz 8: Single Malt Whisky

Letztes – nein VORletztes –  Jahr hatte ich auch eine Adventsserie im Blog:  An den 12 Tagen vor Weihnachten postete ich jeweils eine Geschenkidee. Das waren Bücher (auch meine eigenen), Musik, Selbstgemachtes, Filme… Dieser Geschenktipp vom 22. Dezember 2012 hat Euch offensichtlich besonders gut gefallen. Vielleicht, weil er für Manche(n) wirklich ein Retter in letzter Sekunde war. Vielleicht, weil er viel mit meinen Geschichten zu tun hat. Vielleicht, weil Ihr einfach einen guten Geschmack habt. 😉

The 12 days before Christmas: Tag 11 – Single Malt Whisky

Auch heute schreibe ich meinen Geschenketipp, wenn auch spät – ich habe den Tag im Krankenhaus verbracht, aber das ist eine andere Geschichte. Also… es ist Samstagabend, morgen ist Sonntag, also muss ich Euch mit einem Tipp versorgen, den Ihr am Montag umsetzen könnt, an Heiligabend selbst. Leute, Leute… aber okay, ich habe als Jüngling auch so manchen Heiligvormittag im Kaufhaus verbracht, verzweifelt nach einem Geschenk für Mutter und Vater suchend (die Schwester war irgendwie immer versorgt :-D)… Also gebe ich Euch etwas, dass Ihr in jedem Supermarkt mit halbwegs vernünftig sortierter Spirituosenabteilung bekommt, sei es nun Rewe, Real, Edeka, Karstadt, famila oder wie auch immer. Es handelt sich um

Single Malt Whisky

Lafrosch

Was ist das?

Single Malt Scotch Whisky (die Iren nennen es Whiskey) ist ein unverschnittener schottischer Malzschnaps aus jeweils einer Destillerie. Mischt man mehrere Single Malts untereinander und kippt dann auch noch „Grain Whisky“ (nennen wir es beim Namen: Korn) dazu, so nennt man die entstandene… Flüssigkeit… „Blended Scotch Whisky“, aber darüber will ich besser nicht sprechen. Hier geht es um Single.

Wer meine Bücher und auch einige meiner Kurzgeschichten kennt der weiß, dass einige meiner Figuren – Daniel, Esther, Sergej, Mark – eine ausgesprochene Vorliebe für Single Malt haben. Die haben sie von mir, und es ist kein Zufall, dass meine diesjährige Weihnachtsgeschichte nicht unwesentlich davon handelt. Was auch immer Alex in dieser Geschichte sagt: Jeder Single Malt hat seinen eigenen Charakter und sie schmecken sehr unterschiedlich – nicht nur von Destillerie zu Destillerie, sondern auch je nach Lagerzeit, Art der Lagerung etc., etc. Meine Favouriten kommen aus den Destillerien: Ardbeg, Laphroaig, Highland Park, Dalmore und Cragganmore, ich mag aber auch viele weitere, und da geht es schon los: Wenn ich weiter mache, dann komme ich ins Fachsimpeln oder ins Schwärmen.

Warum ist das ein gutes Geschenk?

Whisky hat mehrere Vorteile, der erste: Wenn Ihr am Montagvormittag in einen Supermarkt stürmt, der – wie oben erwähnt – auch nur halbwegs gut mit Spirituosen ausgerüstet ist, dann findet Ihr dort mit ziemlicher Sicherheit einige Single Malts. Laphroaig normalerweise, ebenso Glendronach, Glenfiddich und Scapa, meist auch Talisker, Lagavullin und Cragganmore. Ich mag Glenfiddich nicht, alle anderen sind gut. Als Geschenk drückt es Eure Hochachtung für den/die Beschenkte(n) aus, denn alle wissen: Single Malt ist nicht ganz billig. Die meisten wissen nicht: Einige wirklich gute, den 10jährigen Laphroaig zum Beispiel, gibt es schon deutlich unter 30 Euro. Außerdem hat Whisky immer noch einen gewissen Nimbus. Ich trinke am liebsten Apfelsaft, Kaffee, Tee, und Leitungswasser. Was Alkoholika betrifft, so trinke ich gerne Portwein, Gin Tonic und eben Single Malt Whisky. NICHTS davon hat einen solchen Ruf von Kennertum und Stil wie der Whisky, obwohl ich behaupten würde, es ist weit schwerer, ein profunder Apfelsaft-, Kaffee- oder Portweinexperte zu werden, als ein Single Malt Kenner. Es gibt einfach nicht so viele Single Malts. Aber vielleicht liegt es gerade daran. Der Ruf des Malts färbt jedenfalls auf Schenker(in) wie Beschenkte(n) ab. 😉

Für wen?

Ich behaupte schon seit vielen Jahren: Wenn jemand harte Alkoholika nicht grundsätzlich ablehnt, so wird sich ein Single Malt für sie oder ihn finden lassen. Einsteiger und Menschen, die aus der Cognacrichtung kommen mögen normalerweise zunächst am liebsten die etwas weicheren Sorten. Viele Malts aus der Speyside-Region (die Regionen sind auf den Flaschen angegeben) gehören dazu, etwa der Cragganmore. Traditionell rauher und würziger sind die Inselwhiskys, etwa Ardbeg, Lagavullin, Talisker und Scapa. Vorsicht mit Laphroaig – ich liebe ihn sehr, aber er ist ausgesprochen speziell, an ihm scheiden sich auch unter Kennern die Geister. Andererseits – wer nicht wagt… 😀

Wenn Ihr die Zeit habt, statt des Supermarktes eine vernünftige Spirituosenhandlung aufzusuchen, so wird man Euch dort gerne beraten. Der Händler wird wissen wollen, was der/die zu Beschenkende sonst so mag, wenn Ihr also wisst, welchen Wein er/sie mag, oder ob er/sie doch eher ein(e) Biertrinker(in) ist oder ein Cognacfan, dann ist das von Vorteil. So eine Beratung kann wirklich Spaß machen.

Und wenn Ihr so gar nicht wisst, was es sein soll? Dann schenkt Euren Liebsten doch einen Gutschein für eine Whiskyverkostung. 😉

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schreckenbergliest: Schreibt Stephen King sein Alterswerk?

Im Laberladen fand ich heute eine Besprechung von Stephen Kings „Joyland“:

http://laberladen.wordpress.com/2014/01/02/joyland-von-stephen-king/#more-4951

Ich habe Joyland nicht gelesen, wohl aber den Anschlag, im Moment lese ich Doctor Sleep. Der Anschlag spielt (abgesehen von der Rahmengeschichte) in den 1950er und 1960er Jahren, Joyland also in den 70ern, Doctor Sleep beginnt mit einem langen Blick  auf die 70er und 80er und ist ja die Fortsetzung von Shining ein Buch, mit dem Stephen King ganz offensichtlich noch eine Rechnung offen hat (auch über das Missverständnis mit StanleyKubrick hinaus). Kann es sein, dass King, nachdem er den Dark-Tower-Zyklus abgeschlossen hat, damit begonnen hat, andere lose Enden aufzunehmen und Kreise  zu schließen? Er kehrt jedenfalls in seinem Geschichtenuniversum zu den Anfängen zurück. Für mich könnte das bedeuten, dass er damit begonnen hat, sein Alterswerk  zu schreiben. Was denkt Ihr?

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