schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 25 – Der Sänger und der Puppenspieler (Leseprobe)

Schön, dass Ihr wieder da seid. Kommt ans Feuer. Nachdem ich Euch gestern einen kompletten Überblick über die bisherigen 22 Quarantänegeschichten gegeben habe, wollte ich heute eigentlich damit beginnen, eine lange Geschichte in vielen Fortsetzungen zu erzählen. Aber – damit werde ich erst morgen anfangen.

Denn auf meine Bitte, mir zu erzählen, was Ihr gerne hören würdet, wie Euch die bisherigen Geschichten gefallen haben etc., hat sich genau EINE Person (danke, Flocke) gemeldet (ja, ich weiß, ich erpresse emotional 😀 ). Und die hat sich gewünscht, dass ich einen Auszug aus einem meiner unfertigen / unveröffentlichten Romane einstelle, also werde ich das heute mal tun.

Der Roman hat den Arbeitstitel „Der Sänger und der Puppenspieler“ und einen Teil des Textes, den ich Euch heute erzähle habe ich – zusammen mit ein wenig Hintergrund zur Geschichte – schon einmal hier eingestellt.

„Der Sänger und der Puppenspieler“ ist inzwischen an die 20 Jahre alt, er ist zu etwa 2/3 fertig und ich mag die Figuren immer noch ungeheuer. Es ist eine Urban-Fantasy-Geschichte und zu den Hauptfiguren zählen nicht nur Menschen, sondern auch Ratten, Katzen, Hunde und Raben. Viele Teile dieser Geschichte sind mir wirklich gut gelungen, nur… ich habe den Kontakt zur Gesamtgeschichte verloren. Ich weiß nicht, ob ihr das kennt, aber ich komme seit Jahren nicht mehr in die Geschichte rein. Ich lese das, was bereits existiert gerne, aber ich lese es wie etwas, das ein anderer geschrieben hat. Vielleicht ändert sich das nochmal. Vielleicht bleibt „Der Sänger und der Puppenspieler“ aber auch nur ein Fragment, an dem ich sehr hänge.

Als Einführung in die Geschichte zitiere ich mich hier einmal selbst (aus dem oben verlinkten Beitrag):

Blasius ist eine Ratte und er hat es nicht leicht. Sein Volk – ein sehr altes und kriegerisches Rattenvolk – sieht einem Kampf entgegen, auf den es sich buchstäblich seit Jahrtausenden vorbereitet. Es hat dazu eine Armee unter einer erfahrenen und klugen Befehlshaberin zum Ort der Entscheidung entsandt. Aber: Politik spielt auch bei diesem Volk eine wichtige Rolle. Und da Blasius der Neffe eines wichtigen Politikers ist, hat er – ohne irgendwelche Qualifikation – einen hohen Offiziersposten bei dieser Expedition erhalten. Und gleich in der ersten, noch nicht entscheidenden Schlacht führen Blasius falschen Entscheidungen fast in die Katastrophe. Die Befehlshaberin (Stella mit Namen) entzieht ihm sofort sein Kommando, aber degradieren oder nach Hause schicken darf sie ihn nicht. Statt dessen gibt sie ihm einen Geheimauftrag, eine Spähermission hinter den Linien des Feindes. Und damit er eine Chance hat, dies zu überleben, stellt sie ihm eine bewährte Kriegerin und Späherin an die Seite, Iris. Ein erster Spähgang brachte Iris zu der Überzeugung, dass jemand oder etwas namens „Lerri“ wichtige Informationen hat, die sie brauchen. Und da Blasius zwar nicht besonders kämpfen, dafür aber reden kann, zieht er aus, dendiedas Lerri zu finden…

Und wie üblich: Wieder unter der Lizenz Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0)*.

Auszug aus „Der Sänger und der Puppenspieler“.

von Michael Schreckenberg

Es war eine kalte, mondhelle Nacht und Blasius brauchte mehr als eine Stunde, um den Uferstreifen zu verlassen und die Wiese zu überqueren, so ängstlich war er darauf bedacht, sich in den Schatten zu halten um nicht gesehen zu werden. Als er den Weg erreicht hatte, wurde er mutiger. Er überlegte kurz und machte sich dann auf in Richtung Stadt. Dort hatte Iris die Ratten getroffen, die diesen Lerri erwähnt hatten, dort war die Chance am größten, weitere zu treffen, die ihn kannten.

Er war nicht weit gegangen, als er links von sich Stimmen hörte. Er schlich vorsichtig näher. Wenig vor sich sah er, in einem losen Ring aus Bäumen, ein Haus, sehr klein für menschliche Verhältnisse und dahinter einen mit Kies ausgestreuten Hof. Der Hof wurde begrenzt von einer kleinen Wiese, auf der seltsame Geräte aus Holz und Metall aufgestellt waren, deren Bedeutung Blasius nicht erraten konnte, er vermutete, dass es Kunstwerke waren. Zwischen diesen Kunstwerken hatten die Menschen eine flache, holzeingefaßte Sandgrube angelegt. Von dort kamen die Stimmen. Blasius pirschte sich vorsichtig näher an. Er war kein geschickter Schleicher, aber die Aufmerksamkeit der beiden Ratten war völlig von etwas gefangen, dass in der Mitte der Sandgrube lag. Für Blasius sah es aus, wie ein langes Fass, aber es schien weder aus Holz noch aus Stahl oder Stein zu bestehen. Es musste sehr leicht sein, denn die beiden mageren Ratten in der Grube konnten es ohne Mühe hin und her schieben. Sie waren offenbar in heller Aufregung.

„Bier, Bier“, rief der Längere von beiden.

„Bier“, sagte der andere andächtig.

„Welches Bier?“

Der Kleinere lief um das Fass.

„Hansa!“

„Ah! Hansa!“

„Wie viel Hansa?“

Der Lange rappelte am Fass.

„Halbe Dose. Vielleicht mehr. Halbe Dose Hansa!“

„Ah“, machte der Kleine, offensichtlich begeistert. „Das ist gut. Menschen sind so dumm. Lassen ‘ne halbe Dose Hansa da.“

Der Lange lachte laut. „Dumme Menschen, ja. Jetzt ist’s unser Hansa.“

Der Kleine hörte auf, um das Fass herum zu laufen und betrachtete es nachdenklich.

„Zuviel für uns. Zuviel Hansa. Wir müssen die Familie rufen.“

„Nein! Unser Hansa!“

„Denk nach. Denk an Biergift. Wir sterben an Biergift. Oder die Katze holt uns.“

„Katzen holen uns nicht mehr. Die großen Völker haben Frieden geschlossen.“

Der Kleine schnaubte. „Wer’s glaubt. Und selbst wenn’s stimmt. Denk ans Biergift.“

Der Lange wirkte der Verzweiflung nah.

„Unser Hansa“, jammerte er.

Der Kleine betrachtete wieder nachdenklich ihren Fund.

„Wir könnten’s verstecken. Hansa bleibt lange gut.“

„Ja! Ja, wir verstecken’s. Und kommen jeden Abend wieder.“

„Aber der Alte wird‘s merken. Alle werden‘s merken, wenn wir wie Hansa riechen.“

„Wir schwimmen im Fluss. Trinken Flusswasser. Finden eine Schöne und machen Paarung. Rennen viel. Wälzen uns in Fleisch. Jede Nacht was anderes. Riechen dann nicht so nach Hansa.“

„Hm.“

„Oh ja, komm. Wir verstecken’s. Wenn wir die Familie rufen, säuft der Alte unser Hansa weg.“

„Hast recht, ja.“ Der Kleine dachte immer noch nach.

Auch Blasius dachte nach, fieberhaft. Das war die Gelegenheit, es konnte lange dauern, bis er wieder auf Ratten traf. Und die beiden wirkten nicht so, als wären sie sehr erpicht darauf, anderen von ihren Erlebnissen in dieser Nacht zu erzählen. Andererseits war zu befürchten, dass sie in jeder anderen Ratte erstmal einen Konkurrenten um ihre Beute sehen würden, und Blasius hatte keine Lust, sich zu prügeln. Ganz abgesehen davon, dass er darin nicht besonders gut war. Er brauchte eine gute Geschichte und zwar schnell. Jetzt! Jetzt sofort!

Der Geistesblitz kam ganz plötzlich. Blasius sprang aus seinem Versteck, bevor er Angst haben konnte und lief mit einem extrabreiten Grinsen und rollenden Augen auf die Sandgrube zu. Die beiden waren immer noch in Betrachtung ihres Fasses versunken und bemerkten den heranrasenden Blasius nicht, bis er auf die Holzeinfassung sprang und laut rief:

„Hurra! Preiset die Götter, Brüder!“

Die mageren Ratten wirbelten herum und starrten ihn feindselig an. Oh ja, sie fürchteten ganz offensichtlich, er wolle ihnen ihr Hansa streitig machen, was immer Hansa sein mochte. Blasius grinste noch breiter und – wie er hoffte – blöder.

„Friede Brüder! Es ist ein Ros entsprungen! Fürchtet Euch nicht! Hurra!“

„Wer bist Du?“ fragte der Kleine und sah ihn misstrauisch an.

„Was ist entsprungen?“ wollte der Große wissen.

„Sehet, ich bin der Verkünder großer Freude!“ rief Blasius. „Hurra!“

„Was für Freude?“

„Hurra!“

Die beiden sahen sich an. Der Kleine tippte sich vielsagend hinters Ohr.

„Magst Du Bier?“ fragte er.

„Niemals! Bier ist von Dämonen. Biergift, denket an das Biergift. Preiset die Götter. Hurra!“ Blasius hatte keine Ahnung, was Biergift war, aber offenbar waren die beiden jetzt beruhigt.

„Wer bist Du noch mal?“ fragte der Kleine, jetzt etwas freundlicher.

„Und was war das, was entsprungen ist“, wollte der Lange wissen. „Ist es gefährlich?“

„Ich bin der Verkünder! Sagt, wo finde ich den Botschafter?“

„Wen?“

„Den Botschafter Brüder! Hurra! Sagt es mir, und die Götter werden Euch belohnen! Hurra!“

„Was für‘n Botschafter?“

„Lerri! Lerri ist sein Name! Hurra! Er soll die Botschaft der Götter tragen!“

„Ach Lerri“, sagte der Kleine, grinsend nun. „Du suchst Lerri?“

„Hurra! Ja, das ist sein Name!“

„Na, das ist nicht schwer. Du findest ihn am öffentlichen Klo im alten Bunker!“

„Reich wird Dein Lohn sein, Bruder“, jubelte Blasius. „Nun weise mir noch den Weg!“

„Hm. Lauf einfach immer diesen Weg immer weiter, bis zur großen Straße, dann links. Wenn Die Straße aufhört, wieder links. Dann riechstes bald!“

„Hurra!“ rief Blasius und prägte sich die Route angestrengt ein. „Die Götter lieben Euch, Brüder!“

„Was ist entsprungen?“ wollte der Lange wissen.

„Hurra!“ brüllte Blasius, sprang hoch in die Luft, drehte sich um und rannte von dannen. Die Beiden sahen staunend dieser riesigen und offenbar völlig durchgedrehten Ratte nach. „Hüte Dich vor‘m verbrannten Land“, rief der Kleinere Blasius nach.

Blasius rannte, bis er außer Sicht war, dann schlug er sich in ein Gebüsch neben dem Weg und dachte nach. Iris Vermutung, ein Lerri sei ein Held oder ein Weiser, schien nicht zu zu treffen. Zumindest hatten die beiden nicht viel Ehrfurcht gezeigt. Allerdings schienen sie auch nicht besonders helle zu sein – und vor allem sehr ängstlich. Es passte zu dem, was Iris gesagt hatte, die Ratten hier am Fluss schienen in ständiger Angst zu leben. Er fragte sich, was in dem Fass gewesen sein könnte, dass sie so wild darauf gewesen waren. ‚Hansa‘… er würde versuchen, mehr darüber heraus zu bekommen. Jetzt aber musste er erst einmal diesen Lerri finden, was immer sich hinter dem Namen verbarg. Der Weg schien, der Beschreibung nach, nicht sehr kompliziert zu sein. Blasius steckte die Nase aus dem Gebüsch, witterte in die Runde und machte sich wieder auf den Weg.

Stunden später stand die Sonne hoch am Himmel und Blasius Zuversicht war aufgebraucht. Der Weg war tatsächlich nicht sehr kompliziert gewesen – dafür aber lang. Sehr, sehr lang und gefährlich. Überall wimmelten Menschen herum, von den rasenden Transportmaschinen gar nicht zu sprechen. Er wühlte sich durch den Müllhaufen, in dem er sich versteckt hatte, vorsichtig nach oben und spähte hinaus, zum Himmel. Die Helligkeit war kaum zu ertragen, aber er hatte inzwischen genug über Zeitbestimmung anhand des Sonnenstandes gelernt, um festzustellen, dass es ziemlich genau Mittag sein musste. Er hörte Menschen überall und fluchte. Das hatte er nun davon – er saß fest.

Dabei war es ein Wunder, dass er überhaupt noch lebte, einer seiner Versuche, clever zu sein hätte ihn fast das Leben gekostet. Als es immer schwieriger geworden war, an der Strasse vorwärts zu kommen, hatte Blasius nach einem besseren Weg gesucht – oder, wenn er ehrlich war – einem bequemeren. Und, brillant, brillant, hatte auch bald einen gefunden, auf der Rückseite der Gebäude, die längs der Straße verliefen. Er war über Dächer, durch Gesträuch und leere Höfe gelaufen und kam sich schon sehr, sehr clever vor, als er eine Mauer überstieg und sich plötzlich auf einem riesigen, leeren Platz wieder fand. Im selben Moment schrillte eine Glocke, offensichtlich ein Alarm. Und während Blasius noch, starr vom Schock, vor der Mauer stand, flogen die Türen des großen Gebäudes auf, dass den Platz auf einer Längsseite begrenzte und Menschen strömten heraus, junge Menschen der Größe nach, aber offensichtlich entschlossen, ihr Gebäude zu verteidigen. Das Geschrei, mit dem sie den Platz stürmten, konnte nur Kriegsgeheul sein. Blasius fasste sich und floh in Richtung eines Gebüsches auf der Seite des Platzes, die dem Gebäude gegenüberlag, aber er war entdeckt worden. Aus unzähligen Schreien hörte er das Wort „Ratte!“ manche schienen erschrocken, andere begeistert. Er schlüpfte in das Gebüsch und merkte, dass er in der Falle saß. Es gab keinen Weg hier heraus, zumindest keinen sicheren, jenseits seiner kleinen Zuflucht war nur ein schmales, spärlich bewachsenes Stückchen Erde, vor ihm der Platz, hinter ihm eine Mauer, die er leicht hätte erklettern können – wenn er da nicht allzu leicht sicht- und verwundbar gewesen wäre. Die Stimmen kamen näher.

„Isse da drin?“

„Ja, da isse reingelaufen.“

Der Busch bebte, offenbar schlug jemand dagegen. Ein Gesicht tauchte auf.

„Krass. Ich kann sie sehen.“

Wieder bebte der Busch, heftiger diesmal.

„Ist das wirklich ‘ne Ratte?“

„Ja. Voll riesig“

„Bäh.“

„He! Was macht Ihr da!“ Eine neue Stimme. Sie musste einem älteren Menschen gehören. Die jungen Stimmen schienen sich ein Stück vom Busch zurück zu ziehen und Blasius wagte einen Blick durchs Geäst nach draußen. Das Ergebnis war nicht viel versprechend. Zwar hatten sich die jüngeren Menschen ein paar Meter von seinem Gebüsch entfernt, doch sie beobachteten es immer noch scharf. Hinzu kam nun ein ausgewachsener Mensch, eine Weibliche, wie Blasius vermutete, obwohl er nicht sicher war. Sie war seltsam gekleidet, selbst für einen Menschen, in ein hartes, schwarzes Gewand. Auf dem Kopf trug sie eine schwarze Haube. Offenbar war sie so etwas wie ein Befehlshaber, denn die Jüngeren warteten mit merklichem Respekt.

„Da ist ‘ne Ratte im Gebüsch, Schwester Beate, “ sagte eine von ihnen.

„Eine Ratte? Das ist Quatsch!“ Trotzdem kam die Befehlshaberin näher an das Gebüsch. Sie ließ sich auf die Knie, spähte durchs Blattwerk und prallte zurück, als sie Blasius sah.

„Tatsächlich.“ Sie trat nach Blasius, konnte ihn aber nicht erreichen, weil er sich tiefer in die Büsche zurückzog. Schließlich gab sie es auf.

„Das ist ekelhaft. Ich hole den Hausmeister. Versucht nicht, sie zu fangen. Ratten sind gefährlich.“

‚Das sagt die Richtige‘, dachte Blasius. Er versuchte, noch einmal die Lage zu erkunden, wurde aber von einigen der jüngeren Menschen zurückgetrieben, die sich Stöcke abgebrochen hatten. Blasius hielt es für klüger, sich zunächst so tief wie möglich zu verkriechen und abzuwarten.

Er musste nicht lange warten. Bald zogen sich die Jüngeren zurück. Blasius wagte sich wieder nach vorne. Was er sah gefiel ihm ganz und gar nicht. Die jungen Menschen hatten sich tatsächlich zurück gezogen, allerdings nicht sehr weit, sie bildeten immer noch einen Halbkreis um sein Gebüsch. Zwischen ihren Beinen konnte Blasius hindurchsehen. Die Befehlshaberin kam zurück. Begleitet wurde sie von einem männlichen Menschen der etwas trug, dass stark nach einer Waffe aussah: Einen Knüppel, der an einem Ende eine breite, rechteckige Klinge trug. Blasius brauchte nicht viel Phantasie um sich auszumalen, was der Mensch, offenbar eine Art Vollstrecker, damit vorhatte. Welches Verbrechen er auch durch die Überschreitung der Mauer begangen hatte – es stand die Todesstrafe darauf. Er überlegte fieberhaft, welche Möglichkeiten er hatte und kam zu zwei Ergebnissen: Erstens, die einzige Chance bestand in der Flucht und zweitens, er musste jetzt fliehen, da seine Bewacher etwas abgelenkt und Befehlshaberin und Vollstrecker noch nicht nah waren. Er suchte kurz nach der besten Stelle in der Mauer aus Beinen und rannte los.

Der Ausbruch kam völlig überraschend und war deshalb erfolgreich. Blasius raste aus dem Gebüsch heraus auf einen Jungen ganz am Rande des Halbkreises zu, der, alleine mit der großen Ratte konfrontiert, kreischend zur Seite sprang. Dann allerdings begann die Jagd. Schreiend rannten sie hinter Blasius her, der einen Haken nach dem anderen schlug, allen Versuchen ihn zu umzingeln auswich und dabei vergaß darauf zu achten, wohin er rannte. Endlich glaubte er, alle Verfolger hinter sich gelassen zu haben und sah auf. Was er sah erschreckte ihn fast zu Tode. Direkt vor ihm waren vier Menschen und sahen ihn an. Sie waren groß, größer als seine Verfolger, aber sie schienen jünger zu sein als die Befehlshaberin und der Vollstrecker. Dennoch – auch sie mussten Offiziere sein, denn sie trugen ebenfalls schwarz. Und sie sahen noch grimmiger aus als die Befehlshaberin. Drei waren weiblich. Sie trugen lange Mäntel und spitze Schuhe, eine von ihnen hatte Metallspitzen daran befestigt – tödliche Waffen. Ihre Gesichter waren kalkweiß geschminkt, die Lippen und der Bereich um die Augen schwarz angemalt. Die Haare waren ebenfalls pechschwarz. Eine von ihnen hatte ein Halsband mit langen, metallen glänzenden Spitzen. Der vierte war männlich, auch er trug einen schwarzen Mantel, dazu schwere Stiefel von denen Ketten herabhingen. Sein Gesicht war ebenso weiß geschminkt, sein schwarzes Haar stand als hoher, bedrohlicher Kamm auf seinem ansonsten kahlen Schädel. Krieger. Und zwar von der ganz üblen Sorte.

Blasius sah sich gehetzt um. Seine Verfolger kamen näher. Und die Krieger vor ihm hatten sich in Bewegung gesetzt. Kein Raum zur Flucht. In seiner Panik hatte er kaum Zeit, sich über sein nahes Ende Gedanken zu machen, als zu seiner grenzenlosen Verwunderung eine der Kriegerinnen über ihn hinweg stieg, während die anderen drei ihn passierten. Hinter ihm bauten sie sich auf.

„Ey!“ hörte er die kleinste der Kriegerinnen mit einer recht piepsigen, aber nicht minder energischen Stimme rufen. „Lasst gefälligst die Ratte in Ruhe, ihr kleinen Kacker!“

„Nathalie!“ brüllte die Befehlshaberin von weitem. „Was fällt Dir…“

Mehr hörte Blasius nicht. Er sprintete auf das Tor in der Mauer zu, durch das die Krieger auf den Hof gekommen waren, sah einen Müllcontainer auf der anderen Straßenseite, hetzte über die Strasse und kletterte hinein, bevor weitere Menschen ihn sehen konnten. Und hier saß er nun.

Und hier saß er auch noch, als die Sonne die Mittagszeit anzeigte. Draußen wimmelte es von Menschen und nach seinen Erfahrungen auf dem Hof hatte er keine große Lust, es noch einmal mit ihnen zu versuchen. Sie hätten viel vergessen, hieß es immer. Offenbar hatten sie alles vergessen. Verbündete jedenfalls verhielten sich anders. Er hatte sich gerade damit abgefunden, auf die Nacht zu warten, als es über ihm im Müll zu rascheln begann. Er zog sich ein wenig zurück, als der Berg rechts von ihm ins Rutschen geriet und kippte. Er hörte einen erschrockenen Schrei, dann noch mehr Gerumpel und etwas kam von oben zu ihm gerutscht. Blasius sah in das Gesicht einer Katze.

Eine ganze Weile starrten sie sich nur schweigend an, dann sagte Blasius zögernd:

„Friede, Freund?“

„Friede“, sagte der Kater, ebenso vorsichtig.

Sie beäugten sich wieder schweigend. Der Kater sah nicht sehr beeindruckend aus, er war dünn. Und schwarz. Blasius war immer noch nicht sicher, ob das ein gutes oder schlechtes Omen war.

„Ich bin Colin“, sagte der Kater, „Unteroffizier der Königin Guenevre. Du bist eine Ratte der Unterwelt, oder?“

Blasius atmete auf. Ein Verbündeter. Die Katzen der Königin hatten gemeinsam mit ihnen am Fluss gefochten – sie mochten nicht alle die herzlichsten Gefühle für Ratten haben, aber sie hielten sich an das Bündnis.

„Ja. Ich bin Blasius Sixtus Cassius, Tribun der Expedition.“

„Ah.“ Colin sah sich um. „Und was macht ein – äh – ein Tribun hier im Müll?“

„Die Menschen haben mich hier rein gejagt. Ich verstecke mich vor ihnen.“

Colin nickte. „Das ist grundsätzlich eine gute Idee.“

„Und was macht ein Unteroffizier im Müll?“

„Ich habe mir ein Mittagessen gesucht. Im Krankenhaus. Sie haben mich erwischt und rausgeworfen. Was ist Deine Mission, Blasiktus? Kann ich Dir helfen?“

„Blasius. Meine Mission ist geheim. Aber… kennst Du ein Lerri?“

„Larry? Die verrückte Scheisshausratte? Klar.“

„Er hat… Informationen.“

Colin lachte so laut, dass er fast umfiel. „Die hat er sicher, mehr als Dir lieb ist. Aber was könnte davon für Dich wertvoll sein?“

„Weißt Du etwas über das verbrannte Land?“

Colin hörte auf zu lachen und sah ihn nachdenklich an. „Nein“, sagte er langsam. „Nur Gerüchte. Es soll ein Ort am Fluss sein, vor dem alle sich fürchten. Ein Märchen. Aber Du hast Recht, Larry redet manchmal vom verbrannten Land. Hat die Sache mit unserem gemeinsamen Kampf zu tun?“

„Sicher.“

Colin nickte nachdenklich. „Ich bringe Dich zu ihm. Aber jetzt lass uns erstmal sehen, dass wir aus diesem Mülleimer hier rauskommen.“

Er arbeitete sich durch den Abfall nach oben und spähte nach draußen. Als Katze hatte er im Falle einer Entdeckung weit weniger zu befürchten. Blasius scharrte unruhig mit den Pfoten.

„Siehst Du was?“

„Klar.“

Colin war offenbar der Meinung, das reiche als Auskunft. Blasius fand das nicht.

„Was siehst Du?“

„Na – die Strasse eben. Und den Bürgersteig. Und gegenüber die Schule.“

„Eine Schule ist das?“

„Ja.“

„Komische Schule“, murmelte Blasius. Dann wieder lauter: „Siehst Du Menschen?“

„Klar. Massenhaft.“

„Also können wir nicht raus?“

„Ich könnte schon, Du nicht. Hab etwas Geduld.“

Blasius nagte unglücklich an einem Stück Papier.

„Und jetzt?“ fragte er einige Minuten später.

„Was, jetzt?“

„Ist die Luft jetzt rein?“

„Nein.“

Blasius sah die Sinnlosigkeit weiterer Fragen ein und verlegte sich aufs Warten. Es fiel ihm ungeheuer schwer. Dann dachte er an Iris, die sicherlich in so einer Situation ruhig stundenlang still ausharren konnte. Abgesehen davon, dass sie vermutlich gar nicht in diese Situation gekommen wäre. Er kam sich einmal mehr völlig unfähig vor. Die Zeit verging und Blasius begann, sie nach dem Schrillen des Alarms, oder was immer es war, in der Schule gegenüber einzuteilen. Doch irgendwann gab es keinen Alarm mehr, und immer noch saß Colin unverändert unter dem Rand des Containers und spähte hinaus.

„Colin, vielleicht…“

„Sei ruhig. Warte noch einen kleinen Moment.“

Blasius schwieg. Doch diesmal musste er sich nicht lange gedulden.

„Wenn ich springe“, sagte Colin ohne sich umzudrehen, „dann komm sofort hinterher. Ich werde laufen, renn hinter mir her und halte Dich nicht auf!“

„Gut.“

Blasius kletterte schnell nach oben, während der Kater sich zum Sprung spannte. Dann zog er sich auf den Rand des Containers und machte einen langen Satz nach draußen. Blasius wühlte sich schnell durch die letzten Zentimeter Mülls und sprang ebenfalls. Er landete auf hartem Boden, sah sich schnell um und entdeckte Colin, der los rannte, sobald er sah, dass Blasius hinter ihm war. Die Ratte hetzte hinter ihm her, konnte sich kaum den Weg merken, so schwierig war es, mitzuhalten. Es ging durch ein Gebüsch, dann über eine Art Hof, über eine Mauer und durch einen seltsamen Park, wieder über eine Mauer, unter geparkten Transportmaschinen durch, bis Colin plötzlich stehen blieb.

„Was ist“, fragte Blasius leise.

„Da vorne ist eine Strasse, siehst Du? Auf der anderen Seite ist der alte Bunker, da wohnt Larry. Auf dem Klo. Du musst über die Straße, dann hast Du es geschafft.“

„Kommst Du nicht mit?“

Colin lachte. „Nein, sicher nicht. Larry würde kein Wort mit Dir reden, wenn Du in Begleitung einer Katze kommen würdest.“

„Hat er Angst vor Euch? Wir haben doch ein Friedensabkommen.“

Wieder lachte der Kater. „Von sowas hält Larry nichts. Er hat nicht wirklich Angst vor uns. Aber er glaubt, wir seien welche von denen.“

„Von welchen.“

Breit grinsend schüttelte Colin den Kopf. „Glaub mir – wer das versteht, der versteht auch Larry. Ich persönlich habe keine Ahnung. Bis dann, Blasius.“

„Bis dann, Colin. Danke.“

„Dafür nicht.“ Er drehte sich um, sprang auf eines der stehenden Gefährte, winkte noch einmal und lief davon.

Blasius kroch in einen dicht bewachsenen Grünstreifen, der den Transportmaschinenabstellplatz von der Straße trennte und spähte vorsichtig hinaus. Zu seiner großen Genugtuung schien diese Straße wenig benutzt. Es dauerte nicht lange, bis er einen günstigen Moment fand und ungesehen von Menschen und Maschinen auf die andere Seite laufen konnte. Er schlich vorsichtig um das flache, heruntergekommene Gebäude aus großen, dunklen Steinen, dass Colin den „Bunker“ genannt hatte, fand aber keinen Weg ins Innere. Es gab wohl Türen, aber die waren alle geschlossen. Schließlich aber fand er einen Weg, als er die Lüftungsöffnungen über der Haupttür direkt an der Strasse untersuchte. Die metallenen Lamellen ließen sich mit ein wenig Anstrengung auseinander drücken. Blasius zwängte sich hindurch, balancierte kurz auf dem inneren Rand der Öffnung und ließ sich dann fallen. Auf der anderen Seite herrschte fast völlige Dunkelheit, was Blasius gut passte. Er orientierte sich kurz und stellte fest, dass er in einem kurzen Gang war, an dessen Ende eine Treppe in die Tiefe führte. Er stieg die Treppe hinab, während sich seine Augen, die die ständige Nacht unter der Erde gewohnt waren, sich schnell an die Dunkelheit gewöhnten. Während er hinablief versuchte, er sich einen Reim auf die Gerüche zu machen. Der bestimmende, allgegenwärtige war der menschlichen Urins. Er kannte diesen Geruch vom Bahnhof, hier aber war er alt, beißend, als seien sämtliche Wände damit getränkt. Fast ebenso stark roch es nach Feuchtigkeit und Moder, dazu ein wenig Verwesung, Rost und diverse andere Gerüche, die er an einem solchen Ort erwartete. Irgend etwas aber passte nicht. Er war sich nicht ganz klar, was es war, ein schwaches Aroma, dass er nicht zuordnen konnte und dass er hier nicht hin gehörte. Aber er kam nicht darauf und im Moment hatte er wichtigeres zu tun – er musste Larry finden.

Die Sorge, wie er den Bewohner dieser verlassenen Latrine finden könne, wurde Blasius schneller abgenommen, als ihm lieb war. Er hatte gerade das Ende der Treppe erreicht, dass in einen Quergang mündete, hatte sich spontan für den rechten entschieden und war wenige Schritte gelaufen, als über ihm Kacheln aus der Wand flogen und mit lautem Knall auf dem Boden zersprangen. Etwas schoss aus der Öffnung in der Wand und fiel auf Blasius hinunter, er spürte nasses Fell, Krallen die ihn packten und Zähne in seinem Nacken.

„Was, “ fragte eine scharfe, heisere Stimme, „hast Du hier zu suchen, hä?“

Blasius improvisierte in Windeseile.

„Bitte… bitte nicht.“

„Was nicht?“

„Nicht mitnehmen.“

Das schien Larry – denn Blasius hatte keine Zweifel, dass es Larry war, der auf seinem Rücken saß – etwas aus dem Konzept zu bringen. Was nicht weiter verwunderlich war, schließlich hatte Blasius selbst nicht die geringste Ahnung, worauf er eigentlich hinaus wollte. Irgendwo im Hintergrund seines Geistes formte sich eine Idee, wie er aus dieser misslichen Situation hinauskommen konnte. Etwas, dass Colin gesagt hatte…

„Wie mitnehmen? Wohin soll ich Dich mitnehmen?“

„Nein!“ heulte Blasius. „Nicht mitnehmen. Bitte nicht.“

Larry lockerte den Griff ein wenig und nahm die Zähne von Blasius Nacken.

„Was faselst Du? Ich will Dich nicht mitnehmen! Ich will, dass Du Dich schnellstens aus meinem Klo verpißt.“

„Nein!“ schrie Blasius noch lauter und, wie er hoffte, mit einem hysterischen Ton. „Nein, nein, nicht raus. Sie sind da draußen.“

„Wer?“

„Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, wer sie sind. Es sind welche von denen. Sie sind hinter mir her!“

Einige endlose Sekunden lang herrschte absolute Stille, dann stieg Larry von Blasius Rücken und trat ein paar Schritte zurück. Blasius drehte sich um und sah ihn an. Larry war groß, sehr groß selbst für den Standard der Festung. Sein Fell war struppig, sein Schwanz lang und kräftig, sein Kopf riesig, er war eine beeindruckende Erscheinung. Oder wäre es gewesen, ohne diese Augen. Selbst in der Dunkelheit konnte Blasius erkennen, dass sie flackerten, ständig im Raum umher huschten, rastlos, nur unterbrochen von einem plötzlichen Starren, mit dem er Blasius immer wieder unvermittelt fixierte. In diesen Momenten sah er tieftraurig aus, ängstlich und schwach.

„Wer ist hinter Dir her?“ fragte Larry, mit dieser scharfen Stimme, die so gar nicht zu seinen Augen passte. Oder doch? Blasius glaubte, ein leichtes Zittern zu hören.

„Ich weiß es nicht“, jammerte er. „Ich weiß nicht, wer sie sind. Sie… sie sind hinter mir her. Einige von ihnen sind Katzen, aber die anderen…“ er schaffte es, ein paar Tränen heraus zu drücken, während er seinen Kopf in den Pfoten vergrub. Larry betrachtete ihn eine Weile nachdenklich.

„Komm mit“, sagte er schließlich.

„Nein“, schrie Blasius, „bitte nicht.“

„Halt endlich den Mund und folge mir, Du Idiot!“ zischte Larry. „Ich bin keiner von denen. Sie sind auch hinter mir her.“

Blasius sah auf.

„Wirklich?“

„Ja. Moment.“ Er verschwand hinter der Ruine eines dieser Automaten, aus denen die Menschen ihre Rauchdrogen bezogen und kam mit etwas wieder hervor, dass wie zwei kleine silberne Teller aussah. Er reichte Blasius einen der Teller. Das Ding schien aus einer Art metallenen Folie gepresst zu sein.

„Setz dass auf Deinen Kopf. Drück es gut ins Fell, damit es nicht verrutscht.“

„Was ist das?“

„Strahlenblocker. Damit sie uns nicht orten können. Sie wissen, dass ich hier im Bunker wohne, aber sie kennen mein Versteck nicht.“ Er lachte. „Sie finden nicht durch das Labyrinth. Und ihre Strahlen können mich nicht orten, weil ich den Blocker trage, bis ich tief genug im Bunker bin. Setz ihn auf. Und dann komm mit.“

Ohne weiter zu fragen – Fragen konnten in diesem Falle nur schaden – drückte Blasius den seltsamen kleinen Teller auf seinen Kopf. Es dauerte einen Moment, bis er ihn so befestigt hatte, dass er hielt, aber Larry wartete geduldig. Als Blasius fertig war, prüfte Larry selbst noch einmal den Sitz des Dings, war’s zufrieden und nickte.

„Gut. Jetzt können sie Dich auch nicht finden. Versuch aber trotzdem, nicht zu angestrengt nachzudenken. Besonders nicht über sie. Ich weiß, das ist schwer, aber sie können Deine Gehirnströme orten.“

Blasius nickte stumm. Er brauchte nicht viel Schauspielkunst, um Sprachlosigkeit vorzutäuschen.

„Komm jetzt!“

Larry führte ihn durch den Gang, entgegen der Richtung, aus der Blasius gekommen war. Nach kurzer Zeit zwängten sie sich durch den Spalt zwischen einer halb ausgeschlagenen Tür und der Wand und waren in einem Raum mit mehreren kleinen Separees, deren Türen allesamt fehlten oder auf dem Boden lagen. In jedem Separee stand ein ovales Becken auf einem niedrigen Sockel. Der Geruch nach Urin war hier viel stärker. Larry erkletterte eines der Becken, Blasius folgte ihm.

„Keine Angst. Sie sind schon lange trocken. Keine Gefahr zu ertrinken.“

Blasius nickte und krabbelte hinter Larry her, der in die Bodenöffnung des Beckens gekrochen war. Von dort aus gelangten sie in einen Gang mit runden Wänden, ein Rohr offenbar. Es führte steil abwärts, aber die Wände boten genug Halt. Nachdem sie eine Weile in völliger Dunkelheit abwärts geklettert waren sagte Larry:

„Vorsicht jetzt. Wir müssen da vorne durch das Loch. Rutsch nicht ab.“

Tatsächlich befand sich wenige Meter weiter ein gewaltiges Loch in der Wand des Rohres. Blasius tastete sich vorsichtig hinaus – und griff ins Leere. Schnell zog er sich zurück.

„Larry! Wo bist Du?“

„Hier. Du musst Dich ein Stück weiter aus dem Rohr hängen. Hier ist eine Nische in der Wand. Du musst nur einfach rüber klettern.“

Vorsichtig schob Blasius sich vorwärts und witterte. Es roch tatsächlich nicht nach einem Abgrund oder einer Schlucht, zumindest nicht nach einem Abgrund oder einer Schlucht wie er sie kannte. Er strengte seine Augen an, glaubte die Wand vor sich zu sehen und streckte die Pfote erneut aus. Tatsächlich – da war ein Halt. Er zog sich hinüber und zwängte sich zu Larry in die Nische.

„Und jetzt?“

„Warte.“

Larry scharrte an der Wand vor sich und schob ein Stück Beton zur Seite.

„Der Bunker ist nicht mehr so stabil wie er mal war“, erklärte er, ohne sich zu Blasius umzudrehen. „Die Menschen haben ihn ausgehöhlt, als sie das öffentliche Klo hinein gebaut haben. Teilweise zumindest. Aber keine Sorge – da wo ich wohne, ist er noch so stabil wie früher.“

„Das tröstet mich“, sagte Blasius.

„Ja, nicht wahr?“

Der Geruch, den Blasius oben nur vage wahrgenommen hatte, hier war er überwältigend und nun erkannte er ihn auch. Es war ein Geruch, der ihm vom Bahnhof her vertraut war: Papier. Altes Papier.

Er folgte Larry in den Gang, der sich hinter dem Loch in der Wand auftat und erst nach einer Weile wurde ihm klar, dass es die Wände des Ganges waren, die so rochen. Larry betätigte einen verborgenen Schalter und schwaches, künstliches Licht flackerte in Röhren an der Decke auf. Die Wände waren aus Papier – aus unzähligen Stapeln aus Büchern, Schriftstücken, Heften und Dokumentordnern. Staunend blieb er stehen. Larry merkte es, drehte sich um und lachte.

„Ja, nicht wahr, das ist verrückt. Das ist ein riesiger Raum hier. All die Bücher, die Ordner und die Papiere waren schon hier, als ich hier reingekommen bin. Ich glaube, die Menschen haben sie vergessen. Ich habe sie ein wenig zurecht geschoben, hier und da etwas verändert, ein paar Tunnel genagt – jetzt ist es mein Labyrinth.“

Und das war es tatsächlich – die Gänge verliefen mal gerade, mal in wildem Zickzack, kreuzten sich, verliefen auf mehreren Ebenen und es war kaum zu unterscheiden, welche Durchgänge Larry künstlich angelegt hatte und welche sich ergeben hatten, als die Menschen diesen Raum mit Papier gefüllt hatten. Das Papier selbst war an manchen Stellen faul und schimmelig, an anderen trocken, vergilbt und rissig, an wieder anderen wie neu. Es dauerte nicht lange, und Blasius hatte die Orientierung völlig verloren.

„Wie um alles in der Welt findest Du Dich hier zurecht?“

„Oh, das hat nicht lange gedauert. Wenn man die Gänge ein paar Mal abgeht – Du weißt ja, Ratten und Labyrinthe.“

Blasius hatte keine Ahnung, wovon Larry sprach, aber er hielt es einmal mehr für klüger, nichts zu sagen.

Sie kamen durch einen sehr engen, niedrigen Gang, der hoch oben unter der Decke verlief, als sich plötzlich ein Abgrund vor ihnen öffnete. Blasius setzte zum Sprung an aber Larry hielt ihn zurück und deutete in die Tiefe.

„Das wäre keine gute Idee.“

Blasius schaute nach unten. Zuerst sah er nichts, dann gewöhnten sich seine Augen an die seltsamen Strukturen der Papiere am Boden. Und er sah die Nägel. Sechs lange, spitze Nägel ragten aus dem Boden des Schachtes.

„Kleine Überraschung für ungebetene Gäste“, erklärte Larry im Plauderton. „Auf der anderen Seite findest Du keinen Halt. Nur dünnes Papier über Glas. Hab ’nen Spiegel gefunden. Keine Ahnung, wo der her ist. Also lass das mit dem Springen besser.“

Blasius schluckte. „Aber wie..“

„Jahaha! Das ist der Trick!“

Larry steckte den Kopf unter einen der Ordner, die die Wand rechts von ihnen bildeten und zog ein langes Stück Holz hervor, das er über den Abgrund schob.

„So. 1a Brücke. Übrigens – falls Du Dich jetzt fragst, warum ich Dir meine Sicherheitsvorkehrungen zeige – ich habe unterwegs schon ein paar Fallen abgeschaltet. Hast Du gar nicht gemerkt, was?“

„Nein“, sagte Blasius.

„Jahaha! Siehst Du? Komm!“

Er folgte Larry über die Brücke und gelangte in einen kurzen Gang, der wieder in einen Abgrund mündete. Hier aber gab es keinen Weg auf die andere Seite, statt dessen begann Larry, an der Wand abwärts zu laufen. Blasius tat es ihm nach, das Klettern gestaltete sich an der zerklüfteten Wand aus lange vergessenem Schrifttum nicht besonders schwer. Am Boden des Turmes oder Kamins oder wie auch immer führte ihn Larry zu einem kleinen Durchbruch im Beton, der mit rostigen Gittern versehen war. Hinter dem Gitter hatten die Menschen etwas angebracht, dass wie eine Massive Holzplatte aussah, aber auch da hatte Larry offensichtlich ein wenig nachgebessert – am unteren Rand der Platte ließ sich ein verborgener Spalt auseinander drücken.

„Da wären wir“, sagte Larry.

Vor dem staunenden Blasius öffnete sich ein komfortabel großer, niedriger Raum. Ob die Wände aus Beton waren, aus Holz oder Papier konnte Blasius nur vermuten – Larrys Wohnung war rundherum mit der selben silbernen Folie ausgeschlagen, aus der die Teller bestanden, die sie auf dem Kopf trugen, offenbar in mehreren Lagen. Von der Decke herab hing etwas, das wie ein großer Käfig aussah. In einer Ecke hatte Larry einen Vorrat an Essen und Getränken gelagert, Wasser in Flaschen aus diesem leichten, durchsichtigen Material, Kunststoff, haltbare Speisen, er erkannte Körner, Brotkanten, trockenes Obst und getrocknetes Fleisch. Den meisten Platz aber nahmen die Blätter ein – bedrucktes Papier aus Büchern der Menschen, akkurat zu Stapeln geordnet, die fast den ganzen Boden bedeckten. Zögernd trat Blasius ein.

„Noch ein Labyrinth?“

„Hm?“

„Na… das hier.“

„Das? Oh, nein, nein, “ Larry sah sich fahrig um und lachte. „Nein, das ist meine Bibliothek.“

„Oh.“

„Ja, ich habe alles, was ich über sie finden konnte, zusammengetragen.“ Er sah sich mit sichtlichem Stolz um. „Das ist mein Lebenswerk. Und es ist noch lange nicht fertig. Ich suche immer weiter. Die Hinweise sind verborgen. Es ist schwer, sie zu finden. Die Eingeweihten haben sie gut versteckt.“

„Die Einge…“

„Ja, die Eingeweihten. Als ich anfing zu begreifen, was passiert, habe ich noch gedacht, es steht alles in diesem dicken Buch der Menschen, der Bibel. Aber dann habe ich begriffen, dass die Hinweise überall sind. Schau her.“ Er zog ohne zu suchen ein dünnes Stück Papier aus einem der Stapel und schob es Blasius hin. „Kannst Du Menschenzeichen lesen?“

„Ja.“

„Lies.“

Blasius las laut vor:

„…oder auf ihrer Stirn anbringen Siebzehn und dass niemand kaufen oder…“

„Lies ab hier“, unterbrach ihn Larry und zeigte auf eine Stelle etwas unterhalb des Seitenanfangs. „Und lass die kleinen Zahlen weg.“

„Hier?“

„Ja.“

„Gut… äh… Hier ist Weisheit vonnöten. Wer Verstand hat rechne die Zahl des Tieres aus! Es ist nämlich die Zahl eines Menschen. Und seine Zahl ist 666. Das Gefolge des…“

„Nein, das war es schon. Die Zahl – 666.“

„Ja – und?“

„Hast Du Dir schon mal über die 23 Gedanken gemacht?“

„Worüber?“

„23. Die Zahl. Zwei mal drei – das ist sechs.“

„Ja?“

Larry sah ihn mit ehrlichem Bedauern an. „Du weißt gar nichts, oder? Die 23 sagt Dir gar nichts.“

„Ich…“

„Aber warte – hier ist noch was. Moment.“

Er lief an seinen Stapeln entlang, stoppte vor einem, zog mit selbstverständlicher Sicherheit ein weiteres Blatt hervor und brachte es zu Blasius.

„Lies! Ab da.“

Blasius warf ihm einen Blick von der Seite zu und las:

„ ‚Na schön, ‘ sagte Deep Thought. ‚Die Antwort auf die große Frage‘ ‚Ja!‘ ‚nach dem Leben, dem Universum und allem‘ sagte Deep Thought. ‚Ja!‘ ‚lautet‘ sagte Deep Thought und machte eine Pause. ‚Ja!‘ ‚lautet‘ ‚Ja!!!???‘ ‚Zweiundvierzig‘ sagte Deep Thought mit unsagbarer Erhabenheit und Ruhe. ‘ “

Blasius lachte schallend. Larry sah ihn erstaunt an.

„Was ist?“

„Na… 42. Als Antwort auf die letzte aller Fragen. Das ist doch…“ er lachte wieder. „Wer ist dieser Deep Thought?“

Larry nahm ihm das Blatt weg. „Es gibt ihn nicht. Er ist eine Figur in einem Buch. Ein Buch, das nur geschrieben wurde, um diesen Hinweis zu verstecken.“

„Welchen Hinweis?“

Larry schüttelte den Kopf. „42! Hast Du es nicht begriffen?“

Blasius dachte angestrengt nach und versuchte, sich in Larrys Gedankenwelt einzufinden.

„Acht?“ sagte er schließlich.

„Was?“

„Acht. Zwei mal vier – Acht.“

Larry seufzte. „Zwei. Und! Vier.“

„Hm?“

„Zwei und vier – was macht das?“

„Sechs.“

„Ja. Siehst Du?“

„Was sehe ich?“

„Die sechs! Überall: 666. 23. 42. Über sieben Brücken musst Du geh’n…“

„Das sind sieben.“

„Nein! Eben nicht! Siebenmal wirst Du die Asche sein – aber einmal auch der Helle Schein. Einmal Asche fällt weg – eine Brücke weniger. Sechs! Sechs Brücken! Siehst Du das Muster?“

„Ähm…“

„There are six men in Birmingham and in Guilford there are four…“

„Wie bitte?“

„Was? Ach so… äh… da sind sechs Männer in Birmingham und vier in Guilford… das ist aus einem Lied. Ist es nicht klar?“

„Was?“

„Eine doppelte Sechs! Sechs Männer. Und sechsmal vier ist 24. Und die Quersumme aus 24 ist… na?“

„Sechs“, sagte Blasius matt.

„Es ist überall. Überall!!! Das kann kein Zufall sein. Die Zahl des Tiers!“

„Ja – und was bedeutet das?“

Larry, der während seiner Erklärungen aufgeregt auf und ab gelaufen war blieb stehen und sah Blasius mit diesem tiefen, traurigen Blick an.

„Ich weiß es nicht genau. Ich habe eine Vermutung und ich muss nah an der Wahrheit sein, denn sie versuchen, mich umzubringen. Aber mir fehlen noch ein oder zwei Puzzlestücke.“

„Vielleicht kann ich Dir helfen, sie zu finden?“

Larrys Augen wurden schmal. „Nein, “ sagte er nach einer kurzen Weile, „nein, Las mal. Ich forsche alleine.“ Er sah Blasius weiter an, scharf und misstrauisch diesmal. „Wie heißt Du eigentlich?“

„Ich? Oh…äh…Bla…bert. Blabert.“

„Blabert? Komischer Name.“

„Oh ja, “ sagte Blasius und redete, was sein Improvisationstalent ihm eingab. „Was meinst Du, wie sie mich zu Hause geärgert haben. ‚Blabert labert! ‘ Immer wenn ich es ihnen erzählen wollte.“

„Was erzählen?“

„Na – von denen. Ich meine…“ seine fieberhaft arbeitende Phantasie setzte die Geschichte zusammen während er redete, „…ich verstehe nicht so viel davon wie Du. Ich verstehe eigentlich gar nichts davon. Ich war auf der Suche nach… ähm…“ er schaffte es, schwer verlegen auszusehen, „einem Platz, wo meine Gefährtin und ich… du weißt schon…“

„Was? Nachforschen konnten?“

„Ähm… nein, wir wollten uns eher paaren.“

„Ach so, das. Ja? Und dann?“

„Na ja, da war diese. dieser Kellerschacht. Ich bin reingeklettert und da war ein Raum voller… voller Bücher. Ich war plötzlich ganz neugierig und wollte in eins hinein sehen, und da kam diese… schwarze Katze…“

„Ha!“ rief Larry. „Das ist es! Katzen! Ich habe es gewusst! Und schwarz war sie, ja?“

„Ja. Ist das wichtig?“

„Ich weiß nicht. Ich denke, alle Katzen gehören zu ihnen. Oder die meisten. Aber es ist interessant, dass sie schwarz waren. Manche Menschen glauben, dass sie schwarze Hubschrauber benutzen, und…“

„Was für Dinger?“

„Hubschrauber. Diese fliegenden Maschinen mit den Rotoren.“

„Ach die.“

„Ja. Heißen die bei Euch anders.“

„Was? Oh… äh… ja. Ja, wir nennen sie… Rotorflieger.“

„Ja? Komisch, nie gehört…“

„Du meintest, das hatte was zu bedeuten? Dass sie schwarz war?“

„Wer?“

„Die Katze.“

„Welche… oh, ja, ja klar. Kürzlich gab es einen Menschenfilm über eine Geheimorganisation der Menschen – Men in Black. Männer in Schwarz.“

Blasius gab sich ein nachdenkliches Aussehen. „Jetzt, wo Du es sagst… es war eine schwarze Ratte, die mich vertrieben hat. Und ich habe schwarze Vögel gesehen… und eine Menschin in einem komischen schwarzen Gewand. Vorhin. Sie wollte mich töten.“

Larry nickte. „Ja, Du beginnst zu verstehen. Es ist ein Muster. Du musst mir alles erzählen, Blabert, aber nicht jetzt. Lass uns erst etwas essen. Übrigens – ich bin Larry.“

„Larry“, sagte Blasius. „Interessanter Name.“

ENDE












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Über Mountfright

Autor und Öffentlichkeitsarbeiter, Mann und Vater, Leser und Filmfreak. Kindheit in den 1970ern, weswegen mich bis heute seltsame Musik mit Ohrwürmern plagt. Aufgewachsen in den 80er Jahren, einem Jahrzehnt, das nicht halb so grau war, wie die anderen glauben. Erste Kurzgeschichte mit 13, erster echter Romanversuch (nach pubertären Ausfällen) mit 17, die nachfolgende Schreibblockade habe ich mir mit Songtexten für die Kölner Psychobillyband "Boozehounds" vertrieben. Danach ging es wieder: Erster lesenswerter Roman mit 26, seither nicht mehr aufgehört.
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8 Antworten zu schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 25 – Der Sänger und der Puppenspieler (Leseprobe)

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  2. Flocke schreibt:

    Wie war das früher, , tiefste Dankesverneigung , wie hab ich die Ratten vermisst… Irgendwie hat er so was Fletchermässiges, fehlt noch das große böse Nudelmonster. Ich hoffe, es gibt noch mehr lesenswerte Fragmente davon.
    Aber ich versteh das auch mit dem Nicht-mehr-Reinkommen, das passiert bei Lyrik auch, wenn sie zu lange in der Schublade liegt.

    Herzliche Grüße und eine dicke Umarmung auf Abstand,
    Flocke

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  3. Flocke schreibt:

    Mist, jetzt hat er den „oh mein Guru“ rausgenommen… Denk ihn dir einfach dazu. 😇

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