schreckenbergschreibt: Blick in die Schublade Teil 5 – Der Prophet

Um das mal vorweg zu sagen: In den letzten vier Beiträgen habe ich ja immer von Arbeitstiteln gesprochen, einfach weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass außer den „Träumern“ keiner meiner Romane am Schluss des Verlagsprozesses noch den Titel hatte, unter dem ich ihn zum Teil jahrelang führte. „Der Finder“ hieß vorher „Am Ende des Weges“ und „Der wandernde Krieg – Sergej“ hieß „Terra Incognita“. Ich gehe also mal davon aus, dass auch die Manuskriptfragmente, die ich Euch in den vergangenen Tagen vorgestellt habe, unter Umständen anders heißen werden, wenn sie als Bücher erscheinen. Aber die Titel „Die Löwen„, „Der wandernde Krieg – Erin„, „Königskinder“ und „Der Sänger und der Puppenspieler“ gefallen mir recht gut, von mir aus kann es gerne dabei bleiben. Mit dem Propheten ist es anders – da weiß ich noch nicht einmal, ob der Titel letztlich wirklich zur Geschichte passen wird. Aber bisher heißt sie nunmal:

Der Prophet

Und nun noch eine:

***********  SPOILERWARNUNG **********

ACHTUNG – DER FOLGENDE TEXT ENTHÄLT SPOILER ZU MEINEM ROMAN  “DER FINDER”. ABER SOWAS VON! DIE MÜTTER UND VÄTER ALLER SPOILER. NICHT WEITERLESEN, WENN IHR DEN „FINDER“ NOCH NICHT KENNT!!!

***********  SPOILERWARNUNG ENDE **********

 

 

 

 

 

So, liebe Finderfans, ich denke, jetzt sind wir unter uns. 😉 Viele wünschen sich ja eine Fortsetzung dieses Romans, der a) bisher immer noch mein erfolgreichster und b) eine in sich abgeschlossene Geschichte ist. Ich habe mich, wie einige von Euch wissen, immer gegen eine Fortsetzung gewehrt und gesagt, dass ich schon eines Tages in die Finderwelt zurückkehren möchte – aber später, viele Jahre nach den Geschehnissen im Finder. Obwohl die individuellen Schicksale der (überlebenden) Hauptfiguren sicher weiterhin spannend sind, und auch mich sehr interessiert, was gerade aus Daniel, Esther, Lara und Alex wird, hielt (und halte) ich das als Geschichte für zu Ende erzählt. Mein Plan war, hin und wieder zu einem kurzen Besuch zu dieser Gruppe zurück zu kehren (wie zum Beispiel mit meiner letztjährigen Weihnachtskurzgeschichte) und sie ansonsten in Frieden zu lassen. Ich habe ihnen, weiß Gott, genug angetan.

Aber wie das manchmal so ist – da bin ich mir einer Sache völlig sicher, und dann plötzlich… ändert sich die Perspektive und alles sieht ganz anders aus. So ging es mir, als ich im Frühjahr ganz unvermutet eine Idee hatte, die mir einen neuen Blick auf die Finderwelt ermöglicht. Ich werde nicht sagen, welche Idee das war, es reicht, wenn ich hier über einen Roman spoilere, den ich schon geschrieben habe – Spoiler zu einem, von dem gerade mal fünf Kapitel und ein Prolog existieren wären etwas doof. 😉 Aber ich drei Dinge kann ich Euch versichern:

1.) Der Roman wird einigen der schärfsten Finderkritikern wahrscheinlich gefallen.

2.) Der Roman wird den meisten Finderfans voraussichtlich auch gefallen.

3.) Nichts, was im „Finder“ gesagt wird – insbesondere im Finale mit Thomas – verliert seine Bedeutung und alles, was am Ende des Finders gilt bleibt auch gültig. Aber wenn dieser Roman so gelingt, wie ich ihn mir vorstelle, vermittelt er eine zusätzliche Perspektive, die gegen Ende des Finders nur angedeutet ist.

Das alles setzt natürlich voraus, dass ich sprachlich, stilistisch und Atmosphärisch das Niveau des ersten Romans halte oder toppe. Ich tue mein Bestes. 😉

Genug der Kryptik – auf zur Leseprobe aus „Der Prophet“. Sie ist aus dem ersten Kapitel, wir begleiten meinen Protagonisten Jo zu einer Party. Im Prolog wollte Jo sich eigentlich recht theatralisch umbringen – er wollte sich von der Hohenzollernbrücke in Köln stürzen, die ja auch im Prolog zum „Finder“ eine gewisse Bedeutung hat. Dann ist allerdings jemand gekommen und hat ihn davon… hm… „überzeugt“, zumindest noch ein paar Wochen zu warten. Dieser Abend nun soll, so plant Jo es zumindest, sein letzter sein, bevor er dann am nächsten Tag beendet, was er auf der Brücke vor hatte. Die eine oder andere Figur könnte Euch bekannt vorkommen…

Ach ja – und das ist wieder rohester Rohtext.

Beginn Leseprobe:

1

Jo! Hey, wie cool, dass Du auch gekommen bist. Unser erster Promi. Ich habe Dein Buch gelesen, war echt stark.“ David, einer der Organisatoren der Revival-Party, lachte, offen, glücklich, drückte mir die Hand, schlug mir auf die Schulter, wie in so einer blöden Bierwerbung. Aber er meinte es ehrlich, er freute sich wirklich. Seine Freude war wie ein Tritt in den Bauch. ‚Ich habe Dein Buch gelesen.‘ Wie oft würde ich den Satz in dieser Nacht noch ertragen müssen?

Ich hätte es wissen müssen, ich hatte es gewusst, das war ja der Grund gewesen, aus dem ich niemals hatte herkommen wollen. Aber 14400 Euro können ein sehr, sehr starkes Argument sein. 14400 Euro, die Dir jemand, den Du 10 Jahre lang nicht gesehen hast, auf einer nächtlichen Brücke in die Hand drückt. 14400 Euro dafür, dass Du noch drei Wochen lebst und zu einer Party gehst. Nachdem Erkan in Richtung Köln verschwunden war, hatte ich mich in einem schwächlichen Anfall von Stolz noch einmal an das Brückengeländer gestellt, aber der Rhein sah plötzlich gar nicht mehr einladend aus, nur noch nass und dunkel. Und die Menschen um mich waren plötzlich kein bedrohlicher grauer Strom mehr, sondern Pärchen und Inlineskater, Radfahrer und Touristen, Nachtjogger und Wanderer auf dem Weg in die und von der Stadt. 14400 Euro waren endlich, das war mir klar – aber wenn ich annahm, dass die Zeit, die sie mir borgten ebenso endlich war, drei Wochen und eine Party, dann waren sie ein Reichtum der mir einen stilvollen und angenehmen Abschied kaufen konnte. Ich kehrte nicht zurück in meine Wohnung. Ich überquerte die Brücke und ließ mich in die Stadt fallen. Am nächsten Vormittag checkte ich im Hilton ein, direkt am Kreisverkehr beim Bahnhof. Ich zahlte 21 Nächte plus Frühstück im Voraus und hatte immer noch genug von Erkans Argumenten übrig, dass ich mich ernsthaft fragte, ob ich die bis zur Party würde auf den Kopf kloppen können. Es gelang mir nicht ganz, aber fast. Ich lebte drei Wochen lang, wie ich zuletzt vor sieben Jahren gelebt hatte, nur diesmal bewusst. Ich kaufte, was ich an Kleidung brauchte und sonst fast nichts, das ein Mahl, einen Tag oder einen One-Night-Stand überdauerte. Am Morgen des letzten Freitages, des Tages der Party, mietete ich mir ein Motorrad, das ich nicht bezahlen würde, weil ich nicht vorhatte, es jemals zurück zu bringen. Es war eine Harley Fat Boy, und in dem Moment als ich mich darauf setzte wusste ich, dass es das schönste und beste Fahrzeug war, das ich je besessen hatte, besser als der 911, besser als der Z3. Weil ich darauf ich selbst blieb. Ich kaufte dem Händler, der sie mir vermietete, ein Braincap ab und er erklärte mir pflichtschuldig, dass das nur ein Dekostück sei, kein regelgerechter Helm. Ihm war es egal, mir auch. Ich verbrachte den Tag mit meiner Harley auf den Pisten des Bergischen Landes, duschte am Abend ein letztes Mal im Hotel und donnerte dann im anthrazitfarbenen Einreiher mit farblich darauf abgestimmten Boots, Braincap und Motorrad nach Opladen. Ich wollte diese Nacht so gut nutzen, wie man eine letzte Nacht unter den Freunden und Feinden seiner Jugend nur nutzen kann. So weit der Plan.

Ich hatte den verdammten Satz über das verdammte Buch schon dreimal gehört, als ich es endlich schaffte, mich von den Grüppchen vor der Tür des alten Bunkers zu lösen und in das Gebäude zu fliehen. Hier drin war es besser. Unten war das Buffet aufgebaut, bei dem ich mich nicht lange aufhielt, ich flüchtete die breite Treppe hinauf in den ersten Stock, von wo Musik zu hören war. Wir waren auf dem Gymnasium die „80er-Retro-Stufe“ gewesen, irgendwie hing uns dieses graue Jahrzehnt zwischen Punk und Wende an, in dem wir Kinder gewesen waren. In meiner Klasse hatte es einen Per-Anhalter-durch-die-Galaxis-Fanclub gegeben, unser Literaturkurs hatte den Pilotfilm von Miami-Vice als Theateradaption auf die Bühne gebracht, die von uns organisierte Oberstufenparty war selbstverständlich eine 80er-Party gewesen und unser Abi-Ball hatte unter dem Motto „Popper-Punker-Waver“ gestanden. So war es in jeder Hinsicht passend, dass mich The Bolshoi im ersten Stock begrüßte. „Happy Boy“. Ja, genau. Ich drängte mich auf die Tanzfläche, stellte mir vor, die drei Frauen und der hin und her wackelnde Eckensteher darauf wären eine Menschenmenge und versank für lange Zeit in der Musik.

Als Ofra Haza mich schließlich wieder vom Tanzboden vertrieb war ich angenehm aufgekratzt. Ich ließ mich an die Wand des Raumes treiben, jemand drückte mir einen Becher in die Hand.

Hallo Jo.“

Eine Frauenstimme. Ich drehte mich zu ihr und konnte gerade noch verhindern, dass die Adrenalinexplosion mir die Knie so weich machte, dass ich einknickte. Leuchtend rote Haare. Grüne Augen. Es war zu dunkel, um das zu sehen, aber ich wusste, dass sie grün waren. Ich hatte gedacht, ich wäre auf sie vorbereitet gewesen. Falsch gedacht. Immerhin konnte ich noch sprechen.

Hallo Esther.“

Sie hielt einen eigenen Becher in der Hand und nippte lächelnd daran, also musste sie mit dem anderen hier auf mich gewartet haben, bis ich fertig war. Gleich würde sie sagen, dass sie mein Buch gelesen hatte.

Früher konntest Du nie so lange tanzen,“ sagte sie statt dessen.

Früher hatte ich dann meist schnell was Besseres zu tun,“ parierte ich und sie lächelte wieder. Sie war lange genug das Bessere gewesen. Ich suchte verzweifelt nach brauchbaren Worten. Sie war einer der Gründe gewesen, mit denen ich mir Erkan und seine Argumente schön geredet hatte. Ich hatte in meinem kurzen Leben sehr, sehr viel kaputt gemacht und wenig davon konnte ich mit einem letzten Gespräch zu heilen hoffen. Esther war die erste Zerstörung gewesen, und ich hatte gedacht, dass ich wenigstens diese eine Sache gut machen konnte. Nun wirkte sie allerdings nicht besonders zerstört. Warum auch, es war 10 Jahre her, mehr sogar. Aber wenn sie mir einen einen Plastikbecher voll – was war das? – Cider (Cider, mein Gott, das wusste die noch?) geben und mich danach gnadenlos lieb anlächeln konnte, warum schämte ich mich dann immer noch so, als sei es gestern gewesen?

Esther…“

Aber Ofra Haza hatte unterdessen aufgehört zu weinen und in diesem Moment legten die Sisters of Mercy richtig los. Wer mixte denn hier die Musik? „HEY NOW, HEY NOW NOW…“ Ich verstand mein eigenes Wort nicht mehr. Esther sah, dass ich etwas gesagt hatte.

Was?!“ brüllte sie.

Es tut mir leid!“ brüllte ich zurück.

Was??!“

Sie hatte mich wieder nicht verstanden, oder? Was mir leid tat war ja wohl klar. Ich deutete auf die Decke des Raumes und brüllte wieder:

Nach oben?“

Sie verstand und nickte. Oben, im zweiten Stock, das hatte David erzählt, war eine improvisierte Chill-out Zone.

Sing this corrosion to me!“ rief Andrew Eldritch mir nach. Noch nicht, jetzt noch nicht.

Sie ging vor mir her auf der Treppe nach oben und ich kam nicht umhin, ihre Figur zu bewundern. Das Mädchen, das meine erste Freundin gewesen und dessen erster Freund ich gewesen war, hatte sich mit den eckigen Bewegungen großer, dünner Jugendlicher bewegt, nicht unelegant, aber teenagerhaft unfertig. An der Frau, der ich nun folgte, war nichts Unfertiges. Ich konnte den Gedanken nicht verhindern, der mich fragte, was gewesen wäre, wäre ich damals weniger selbstsüchtig und überheblich, weniger Arschloch gewesen. Wären wir noch zusammen? Hätte sie mir vielleicht den Halt gegeben, den ich im richtigen Moment gebraucht hatte? Müßige Fragen, erst recht jetzt. Wir erreichten den zweiten Stock, betraten einen der drei Räume hier, über dessen Tür ein handgemaltes Schild eine „Lounge“ versprach und schlossen die Tür hinter uns. Sofort wurde die laute Musik, die aus dem unteren Stockwerk hinauf schallte, zu einem gedämpften Hintergrundwummern, die Wände des alten Bunkers waren dick. Hier hatten sie Sofas und Sessel aufgestellt, verschiedenste Stile, alle recht verschlissen und sehr gemütlich. Sanfte Elektromusik von der angenehmen Sorte füllte den Raum, das Licht war gedämpft, abgesehen von einem Tisch unter dem Fenster, auf dem eine verirrte Schreibtischlampe brannte. Darum hatte sich eine kleine Gruppe gesammelt und schaute einem Mann zu, der am Tisch saß, schnell auf Bierdeckel zeichnete und die dann an die Umstehenden verteilte. Ich erkannte das Gesicht, der hatte früher manchmal ganz gute Karikaturen für die Schülerzeitung gemalt und so ein wenig Prominenz in der Stufe gewonnen. An den Namen konnte ich mich aber ums Verrecken nicht erinnern. Esther zog mich auf eins der Sofas und setzte sich in unverfänglich vertraute Distanz zu mir.

Okay, was wolltest Du sagen, unten?“

Ich sah auf meine Hände und wieder hoch zu ihr. Wie anfangen, nach all der Zeit? Ich versuchte den selben Text wie im Tanzraum, an den hatte ich mich zumindest gewöhnt.

Es tut mir leid, Esther.“

Sie schaute mich verdattert an, und ihre Verwirrung war echt.

Was tut Dir leid?“

Ich stotterte herum, auf der verzweifelten Suche nach Worten. Eine Dekade voller Selbstvorwürfe, wann immer ich an meine erste große Liebe dachte – und dann das. „Wegen uns“, brachte ich schließlich hervor. Sie brauchte noch einen Moment, dann verstand sie. Ihr Blick wurde warm und umfasste mich. Im nächsten Moment umarmte sie mich wirklich und hauchte mir einen Kuss auf die Stirn. Dann rückte sie wieder ab und schaute mich voll Mitleid an.

Hast Du das etwa die ganze Zeit mit Dir rumgeschleppt?“

Na ja…“ ich versuchte mit einer Geste zu zeigen, was ich nicht sagen konnte. „Du warst so traurig damals.“

Esther lächelte und schüttelte den Kopf. „Ich war nicht traurig, mein Herz war gebrochen und ich war völlig zerstört. Susie hat einen Racheplan nach dem anderen geschmiedet und sie mir alle vorgetragen, ich hatte ja keine Ahnung, auf wie viele Arten man jemanden fertig machen kann, wenn man ein paar Gedanken daran verschwendet. Aber ich war viel zu gedemütigt um irgendetwas zu tun, außer sehr viel Vanilletee zu trinken und zu heulen.“ Sie lachte. „Aber das ist mehr als zehn Jahre her, Jo. Mein Herz ist geheilt, ich habe daraus gelernt, ich habe sogar am Ende einiges an Selbstbewusstsein daraus gezogen, wie ich mich aus dem Tief befreit habe. Und wir hatten vorher immerhin zwei wirklich schöne Jahre. Mit die schönsten meines Lebens. Wir sind quitt, würde ich sagen.“

Du bist mir gar nicht böse?“

Sie schüttelte wieder den Kopf. „Nein. War ich schon damals nicht mehr. Ich wollte Dir das schon auf dem Abiball sagen, aber Du bist ja dauernd vor mir weggerannt, Du dämliches Gemüse.“

Jetzt musste ich auch lachen. Ich hatte mir oft ausgemalt, ob und wie sie mir verzeihen würde, in meiner Vorstellung hatte das meist mit einer tränenreichen Szene zu tun. Nun war der wichtigste Teil des Abends so leicht für mich vorüber gegangen, wie ich es nie geahnt hatte. An meinen Plänen für den nächsten Tag änderte das nichts, aber ich konnte mich endlich entspannen. Wir saßen eine Weile in vertrautem Schweigen nebeneinander, alte Freunde eben, die sich einmal sehr, sehr nahe gestanden hatten. Dann stand Esther auf und nickte zu dem kleinen Getränkebuffet an der gegenüberliegenden Wand. „Ich hole mir mal was zu trinken. Willst Du auch was?“

Ich schüttelte den Kopf, immer noch angenehm eingelullt von der Entspannung nach dem nicht stattgefundenen Sturm.

Okay.“ Sie schaute kurz unschlüssig. „Wenn ich wiederkomme, musst Du mir unbedingt von dem Buch erzählen, das Du geschrieben hast, ja? Alle sprechen davon, nur an mir ist es wohl völlig vorbeigegangen.“

Wie schön,“ murmelte ich unhörbar, nickte aber. Sie ging zum Buffet, auf halbem Weg kam sie an dem Tisch mit dem Zeichner vorbei. Aus dem Grüppchen das darum stand löste sich eine Frau und griff sie lachend am Arm. Manuela, erinnerte ich mich, sie war auch in dem Per-Anhalter-durch-die-Galaxis-Fanclub gewesen.

He, Du hast Esther noch nicht gemalt. Mal mal Esther!“

Der Zeichner schaute auf, sah Esther, stutzte und schaute noch einmal. Dann begann er zu zeichnen, langsamer und unsicherer als zuvor. Für mich war das ein willkommenes Zeichen. Sie würde eine Weile beschäftigt sein, und wir würden später noch Zeit haben zu reden. Vielleicht würde sie dann das Buch vergessen haben. Ich verließ den Raum und stieß fast mit David zusammen, der gerade hereinkommen wollte. Ich hielt ihn auf. Wenn die erste Pflichtveranstaltung des Abends schon so gut gelaufen war, wollte ich die zweite gleich hinter mich bringen.

Weißt Du, wo Erkan ist?“

Erkan?“ Er schaute kurz irritiert, dann hellte sich sein Blick auf. „Ach ja. Der sitzt, glaube ich, drüben vor dem Pentagon. Mit… äh…“, er kratzte sich mit zusammengekniffenen Augen am Kinn. „Mit Thomas, wenn mich nicht alles täuscht.“

Ich verließ den Bunker und lief quer über die verkehrsberuhigte Straße. Inzwischen war es dunkel geworden, die Nacht war schön sommerlich lau. Vor der Eckkneipe gegenüber der Tankstelle standen Tische, an einem davon saß Erkan. Er spielte Schach mit einem Mann, der ein wenig aussah wie eine jüngere Version von Nick Cave. „Thomas“ hatte David ihn genannt. Ich erinnerte mich nur sehr vage an ihn. Das Schachspiel bestand aus roten und weißen Figuren, und die beiden begannen gerade ein neues Spiel. Erkan machte den ersten Zug mit einem der weißen Bauern. Ich trat unschlüssig und möglichst leise hinzu. Das war wohl nicht der richtige Moment für eine Aussprache. Thomas griff nach seinen Figuren, dann bemerkte er mich, blickte auf und für einen Moment war ich erschüttert von der Wut in seinem Blick. Aber das war nur der Bruchteil einer Sekunde, ich wusste kaum, ob ich es wirklich gesehen hatte. Thomas grinste.

Hallo Jo.“ Er zwinkerte. „Ich habe Dein Buch gelesen.“

Ich zuckte zusammen und auch Erkan sah auf. Er schenkte mir ein freundliches Lächeln und deutete auf den freien Stuhl am Tisch. „Willst Du Dich zu uns setzen?“

Ich will nicht stören.“

Ach was“, sagte Thomas, „Du störst doch nicht.“ Er klopfte auf den Stuhl. „Setz Dich, alter Freund.“

Ich nahm den Stuhl, rückte ihn ein Stück von Thomas ab und setzte mich hin. Die beiden schauten jetzt zum Bunker hinüber, beide sahen nachdenklich aus. Ohne auf das Brett zu schauen zog Thomas einen seiner Bauern. Ich blickte ebenfalls zum Bunker und fragte mich, was es da zu sehen gäbe.

Jemand kam aus der Tür, der Zeichner. Er lehnte sich an die Wand des Bunkers, ein Auto fuhr vorbei. Dann nahm er eine Zigarette aus der Brusttasche und begann zu rauchen. Im nächsten Moment kam Esther aus der Tür und sprach ihn an. Sie redeten kurz, er zappelte herum, verlor dabei seine Zigarette, sie sah ihn an, er sah sie an, sie lachten. Ich konnte nicht hören, was sie sagten, aber es reichte, die beiden zu sehen um zu wissen, dass ich vermutlich für den Rest des Abends nicht an der Spitze von Esthers Prioritätenliste stehen würde. Ich spürte einen kleinen Stich und wunderte mich, warum. Thomas lachte leise und etwas bitter.

Niedlich, die beiden.“

Erkan warf ihm einen scharfen Blick zu, sagte aber nichts sondern machte einen weiteren Zug. Ich fühlte mich fürchterlich fehl am Platze. Aber als Erkan mich ansah, war die Schärfe aus seinem Blick verschwunden. Er wirkte traurig.

Tut es weh?“

Normalerweise hätte ich jetzt den Verständnislosen gespielt, aber nach der Nummer auf der Brücke war ich gewillt, ihn als Gedankenleser zu akzeptieren. Oder zumindest als sehr begabten Empathen.

Kaum“, sagte ich wahrheitsgemäß.

Ende der Leseprobe.

Das war’s mit den Blicken in meine Schublade. Ich hoffe, es hat Euch ein wenig gefallen – und ich hoffe natürlich auch, Ihr seid gespannt. 🙂

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schreckenbergschreibt: Blick in die Schublade Teil 4 – Der Sänger und Der Puppenspieler

Sooo, da bin ich wieder. Tut mir leid, gestern hat es nicht geklappt – ich habe mich entschieden, in der knappen Zeit die blieb lieber fünf Kilometer sinnlos durch die Gegend zu laufen, den Körper zu schinden und den Geist zu erfrischen, statt zu bloggen. 😉

Dafür gibt es heute aber den nächsten Blick in die Schublade – und diesmal ganz ohne Spoilerwarnung, denn die Geschichte, um die es heute geht, ist mit meinen anderen Geschichtenuniversen nicht verbunden, weder mit dem um Bastian noch mit dem um Langenrath. Die Geschichte ist und hat ihr eigenes Universum und ihr Arbeitstitel ist:

Der Sänger und der Puppenspieler

Die erste Idee zu dieser Geschichte hatte ich als Student, so lange ist das schon her – und am Anfang standen ein Bild und ein Titel. Das Bild war das einer schattenhaften Gestalt, die Marionetten an Fäden hält, der Titel eben besagter Arbeitstitel (von dem ich heute meist die Kurzform „SuP“ benutze – ist kürzer). Ich bastelte an der Grundidee immer mal wieder, begann aber erst, sie ernsthaft niederzuschreiben nachdem ich mit der ersten Fassung des „Ruf“ fertig war. Das muss so um 2000 / 2001 gewesen sein, lange vor meiner ersten Veröffentlichung. Die Geschichte wuchs und wuchs während ich sie schrieb, es ist eine von diesen Erzählungen, die die Tendenz hat, sich auszubreiten, und ich muss höllisch aufpassen, dass sie mir nicht über den Kopf wächst. Im Moment hat sie drei Haupt- und zwei Nebenhandlungsstränge, damit kann ich ganz gut umgehen. Es gibt ja zwei Arten zu schreiben, jedenfalls für mich: Die geplante, sorgsam geplottete Geschichte und die Geschichte, von der ich nur einige lose Wegmarken kenne, die ich aber dazwischen beim Schreiben von selbst wachsen lasse. Das klassische Beispiel für die erste Form sind „Die Träumer“. Einen Krimi muss ich plotten, damit alle Hinweise aufgehen und alles logisch ineinanderpasst, sonst komme ich in Teufels Küche. Ein gutes Beispiel für die zweite Form zu schreiben ist „Der Finder„. Da kannte ich zwar von Beginn an wichtige Szenen, mehr aber auch nicht. Ich wusste auch sehr lange nicht, wie die Geschichte ausgeht. Eigentlich mag ich diese Art zu schreiben mehr, aber sie fordert in der Nachbearbeitung einen sehr hohen Preis – da muss ich dann immer viel streichen, um- und dazuschreiben.

Der Sänger und der Puppenspieler ist nun eine Geschichte die sich SEHR frei entwickelt. Ich habe schätzungsweise die Hälfte geschrieben (mehr als 200 Manuskriptseiten) und ich weiß zumindest, welche meiner Hauptfiguren die Geschichten überleben werden. Bei zwei der drei Haupthandlungsstränge weiß ich auch schon genau, wie das Ende für die Hauptfiguren genau aussehen wird. Aber der Weg dahin ist noch recht unbestimmt, von den üblichen Wegmarken abgesehen.

Meine üblichen Testleser sind einstimmig der Meinung, dass das, was von SuP bisher existiert, das beste sei, was ich je geschrieben habe. Ich bin, das möchte ich betonen, NICHT dieser Ansicht, ich finde etwas anderes besser (ich sage aber nicht, was 😉 ). Aber egal ob jetzt Erst-, Zweit- oder Drittbestes: Das ist immer Geschmacksache, und gelungen finde ich die Geschichte bis hierher schon. Ziemlich gut gelungen, sogar. Es ist eine Urban-Fantasy Geschichte, neben Menschen spielen (intelligente) Tiere und Halbwesen (vergleichbar mit Halbgöttern und Dämonen) eine wichtige Rolle. Das alles spielt im hier und jetzt, also kein klassisches Fantasy-Setting. Eher die Welt die wir kennen und darin eine weitere Welt, die wir einfach nicht bemerken.

Ein besonderer Aspekt macht die Geschichte für mich zunehmend reizvoller: Die Stadt, in der die Geschichte spielt, nenne ich nie beim Namen, aber wer meine Heimatstadt kennt wird unschwer viele Übereinstimmungen mit Leverkusen finden. Ich habe von Anfang an einige wichtige Änderungen vorgenommen, so steht zum Beispiel das Vorbild für das Haus, in dem eine meiner wichtigsten Figuren (Daphne) lebt in Wirklichkeit in Solingen, einen weiteren wichtigen Handlungsort habe ich komplett neu erfunden, etc., etc. – aus diesem Grund habe ich mich entschieden, nicht von Leverkusen zu sprechen. Das war von Beginn eine Art Parallel-Leverkusen.

Da ich schon so lange an dieser Geschichte arbeite, hat dieser Parallelweltaspekt immer mehr an Bedeutung gewonnen. Der wichtigste Teil der Geschichte spielt im Leverkusener Stadtteil Opladen, mit dem ich eine Menge Erinnerungen verbinde, die ich teilweise in die Geschichte habe einfließen lassen. Und gerade Opladen hat sich in den letzten 10 Jahren extrem verändert. Das Schwimmbad, in das mein Protagonist Phillip so gerne geht und das dem Hallenbad entspricht, in dem ich als Jugendlicher beim Schwimmverein trainiert habe? Ist abgerissen. Der Schulhof, auf dem die Hauptfigur eines anderen Handlungsstrangs (Blasius) ein ziemlich gefährliches Abenteuer erlebt (siehe Leseprobe) und der dem Schulhof meines alten Gymnasiums entspricht? Da steht heute eine Turnhalle. Das Bahngelände, das ein wichtiger und wiederkehrender Handlungsort ist? Dort bauen sie gerade (und ich finde das gut!) die Neue Bahnstadt. (Interessanterweise steht aber der Turm, von dem ich in der Geschichte sage, dass dort immer ein Turm gestanden hat und immer stehen wird, weiterhin, und er wird auch nicht abgerissen…)

Ich werde die Geschichte, nachdem ich einige Zeit darüber nachgedacht habe, NICHT den neuen Gegebenheiten anpassen. Das ist ein Parallel-Opladen, und das wird es bleiben – vielleicht meine Art, die Hauptstadt meiner Jugend (denn ist das nicht die Stadt, in der wir zur Schule gegangen sind, ob wir dort gewohnt haben oder nicht?) für mich zu bewahren.

Kommen wir zur Leseprobe. Da die Geschichte, wie gesagt, mehrere Handlungsstränge hat, kann ich Euch diesmal nur einen ganz kleinen Ausschnitt eines dieser Stränge bieten. Die Geschichte hat sehr gruselige und blutige aber auch einige eher witzige Momente, und ich habe mich für einen der lustigeren Entschieden. Dabei ist die Situation für den Protagonisten dieses Ausschnitts eher unlustig. Folgende Situation:

Blasius hat es nicht leicht. Sein Volk – ein sehr altes und kriegerisches Volk – sieht dem entscheidenden Kampf seiner Geschichte entgegen, dem Kampf, auf den es sich buchstäblich seit Jahrtausenden vorbereitet. Es hat dazu eine Armee unter einer erfahrenen und klugen Befehlshaberin zum künftigen Ort der Entscheidung entsandt. Aber: Politik spielt auch bei diesem Volk eine wichtige Rolle. Und da Blasius der Neffe eines wichtigen Politikers ist, hat er – ohne irgendwelche Erfahrung oder auch nur Ausbildung im Militär – einen hohen Offiziersposten bei dieser Expedition erhalten. Er selbst ist damit unglücklich, seine Vorgesetzte ist damit ebenso unglücklich, nur sein Onkel findet die Idee toll und hat die Macht, sie durchzusetzen. Und gleich in der ersten, noch nicht entscheidenden Schlacht führen Blasius falschen Entscheidungen fast in die Katastrophe. Die Befehlshaberin (Stella mit Namen) entzieht ihm sofort sein Kommando, aber degradieren oder nach Hause schicken darf sie ihn nicht. Statt dessen gibt sie ihm einen Geheimauftrag, eine Spähermission hinter den Linien des Feindes. Und damit er eine Chance hat, dies zu überleben, stellt sie ihm eine bewährte Kriegerin und Späherin an die Seite, Iris. Unter Iris Führung haben sich die beiden in der Nähe eines Flusses (der irgendwie an die Wupper erinnert 😉 ) ein Basislager geschaffen, ein erster Spähgang brachte Iris zu der Überzeugung, dass jemand oder etwas namens „Lerri“ wichtige Informationen hat, die sie brauchen. Und da Blasius zwar nicht besonders kämpfen, dafür aber reden kann, zieht er aus, dendiedas Lerri zu finden…

Ach ja: Blasius, Iris und Stella sind, wie viele andere wichtige Figuren – Ratten. Hatte ich das erwähnt? 😉

Beginn Leseprobe:

Es war schon fast wieder dunkel, als Iris ihn weckte.

„Wird Zeit, dass Du Dich auf den Weg machst“, flüsterte sie. „Achte darauf, dass niemand Dich sieht, bis Du auf dem Pfad bist. Und geh den Menschen aus dem Weg. Sie sind offenbar nicht gut auf uns zu sprechen, hier draußen. Meine beiden Freunde heute Morgen lebten in ständiger Sorge, sie könnten von Menschen gesehen werden.“

Blasius schüttelte sich und versuchte, ein wenig frisch zu werden Es misslang kläglich, er fühlte sich, als müsste er noch mindestens zehn Stunden schlafen. Er bemühte sich, seinen Zustand zu verbergen und wenn Iris ihn trotzdem bemerkte, so sagte sie gnädigerweise nichts dazu. Ihre letzten Worte sickerten zurück in sein Bewusstsein.

„Ich dachte, die Menschen wären unsere Freunde.“

„Ja. Aber wie Kamerad Marcellus schon sagte – sie haben viel vergessen.“

Er wandte sich zu ihr um und erschrak. Sie war über und über mit Schlamm und Pflanzenresten beklebt, als hätte sie sich erst am Ufer im Dreck gewälzt und wäre dann in der Vegetation Amok gelaufen. Jetzt roch er es auch. Sie roch stark nach Fluss – als wäre sie ein Teil des Ufers geworden. Nur ihre Augen und ihre Pfoten wiesen sie noch klar als Ratte aus.

„Was ist passiert?“

Sie sah erstaunt um sich. „Wie, passiert?“

„Na ja – Du siehst aus…“

„Wie sehe ich aus?“

„Ähm… irgendwie… wie ein Stück Landschaft.“

„Genau das ist die Absicht, Blasius. Wie die Landschaft aussehen. Nicht wie eine Ratte, die sich in der Landschaft versteckt.“

„Ah.“ Er sah sie immer noch irritiert an. Iris begann zu kichern.

„Was freue ich mich darauf, wenn wir Dich tarnen. Aber jetzt geh erstmal. Finde diesen Lerri und frag ihn aus. Und mach es unauffällig.“

„Was soll ich denn sagen, wenn ich jemanden treffe? Das selbe wie Du? dass ich aus einer anderen Stadt bin, oder so?“

„Besser oder so. Zweimal die selbe Geschichte wirkt irgendwie nicht gut, oder. Man weiß nie, wer zufällig von wem etwas gehört hat.“

„Hmmm… Was soll ich denn dann sagen?“

Sie lachte.

„Bei den Göttern, Blasius, Las Dir was einfallen. Du bist doch der Neffe eines Politikers, oder? Rede sie einfach an die Wand.“

Blasius fand diesen Rat nicht gerade hilfreich, aber er wollte auch nicht noch weiter fragen, also nickte er nur, verabschiedete sich und machte sich auf den Weg.

 

Es war eine kalte, mondhelle Nacht und Blasius brauchte mehr als eine Stunde, um den Uferstreifen zu verlassen und die Wiese zu überqueren, so ängstlich war er darauf bedacht, sich in den Schatten zu halten um nicht gesehen zu werden. Als er den Weg erreicht hatte, wurde er mutiger. Er überlegte kurz und machte sich dann auf in Richtung Stadt. Dort hatte Iris die Ratten getroffen, die diesen Lerri kannten, dort war die Chance am größten, weitere zu treffen, die ihn kannten.

Er war nicht weit gegangen, als er links von sich Stimmen hörte. Er schlich vorsichtig näher. Wenig vor sich sah er, in einem losen Ring aus Bäumen, ein Haus, sehr klein für menschliche Verhältnisse und dahinter einen mit Kies ausgestreuten Hof. Der Hof wurde begrenzt von einer kleinen Wiese, auf der seltsame Geräte aus Holz und Metall aufgestellt waren, deren Bedeutung Blasius nicht erraten konnte, er vermutete, dass es Kunstwerke waren. Zwischen diesen Kunstwerken hatten die Menschen eine flache, holzeingefasste Sandgrube angelegt. Von dort kamen die Stimmen. Blasius pirschte sich vorsichtig näher an. Er war kein geschickter Schleicher, aber die Aufmerksamkeit der beiden Ratten war völlig von etwas gefangen, dass in der Mitte der Sandgrube lag. Für Blasius sah es aus, wie ein langes Fass, aber es schien weder aus Holz noch aus Stahl oder Stein zu bestehen. Es musste sehr leicht sein, denn die beiden mageren Ratten in der Grube konnten es ohne Mühe hin und her schieben. Sie waren offenbar in heller Aufregung.

„Bier, Bier“, rief der Längere von beiden.

„Bier“, sagte der andere andächtig.

„Welches Bier?“

Der Kleinere lief um das Fass.

Hansa!“

„Ah! Hansa!“

„Wie viel Hansa?“

Der Lange rappelte am Fass.

„Halbe Dose. Vielleicht mehr. Halbe Dose Hansa!“

„Ah“, machte der Kleine, offensichtlich begeistert. „Das ist gut. Menschen sind so dumm. Lassen ‘ne halbe Dose Hansa da.“

Der Lange lachte laut. „Dumme Menschen, ja. Jetzt ist’s unser Hansa.“

Der Kleine hörte auf, um das Fass herum zu laufen und betrachtete es nachdenklich.

„Zuviel für uns. Zuviel Hansa. Wir müssen die Familie rufen.“

„Nein! Unser Hansa!“

„Denk nach. Denk an Biergift. Wir sterben an Biergift. Oder die Katze holt uns.“

„Katzen holen uns nicht mehr. Die großen Völker haben Frieden geschlossen.“

Der Kleine schnaubte. „Wer’s glaubt. Und selbst wenn’s stimmt. Denk ans Biergift.“

Der Lange wirkte der Verzweiflung nah.

„Unser Hansa“, jammerte er.

Der Kleine betrachtete wieder nachdenklich ihren Fund.

„Wir könnten’s verstecken. Hansa bleibt lange gut.“

„Ja! Ja, wir verstecken’s. Und kommen jeden Abend wieder.“

„Aber der Alte wird‘s merken. Alle werden‘s merken, wenn wir wie Hansa riechen.“

„Wir schwimmen im Fluss. Trinken Flusswasser. Finden eine Schöne und machen Paarung. Rennen viel. Wälzen uns in Fleisch. Jede Nacht was anderes. Riechen dann nicht so nach Hansa.“

„Hm.“

„Oh ja, komm. Wir verstecken’s. Wenn wir die Familie rufen, säuft der Alte unser Hansa weg.“

„Hast recht, ja.“ Der Kleine dachte immer noch nach.

Auch Blasius dachte nach, fieberhaft. Das war die Gelegenheit, es konnte lange dauern, bis er wieder auf Ratten traf. Und die beiden wirkten nicht so, als wären sie sehr erpicht darauf, anderen von ihren Erlebnissen in dieser Nacht zu erzählen. Andererseits war zu befürchten, dass sie in jeder anderen Ratte erstmal einen Konkurrenten um ihre Beute sehen würden, und Blasius hatte keine Lust, sich zu prügeln. Ganz abgesehen davon, dass er darin nicht besonders gut war – er wollte ja mit ihnen reden. Er brauchte eine gute Geschichte und zwar schnell. Jetzt! Jetzt sofort!

Der Geistesblitz kam so plötzlich, dass er regelrecht erschrak. Er sprang aus seinem Versteck, bevor er Angst haben konnte und lief mit einem extrabreiten Grinsen und rollenden Augen auf die Sandgrube zu. Die beiden waren immer noch in Betrachtung ihres Fasses versunken und bemerkten den heranrasenden Blasius nicht, bis er auf die Holzeinfassung sprang und laut rief:

„Hurra! Preiset die Götter, Brüder!“

Die mageren Ratten wirbelten herum und starrten ihn feindselig an. Oh ja, sie fürchteten ganz offensichtlich, er wolle ihnen ihr Hansa streitig machen, was immer Hansa sein mochte. Blasius grinste noch breiter und – wie er hoffte – blöder.

„Friede Brüder! Es ist ein Ros entsprungen! Fürchtet Euch nicht! Hurra!“

„Wer bist Du?“ fragte der Kleine und sah ihn misstrauisch an.

„Was ist entsprungen?“ wollte der Große wissen.

„Sehet, ich bin der Verkünder großer Freude!“ rief Blasius. „Hurra!“

„Was für Freude?“

„Hurra!“

Die beiden sahen sich an. Der Kleine tippte sich vielsagend hinters Ohr.

„Magst Du Bier?“ fragte er.

„Niemals! Bier ist von Dämonen. Biergift, denket an das Biergift. Preiset die Götter. Hurra!“ Blasius hatte keine Ahnung, was Biergift war, aber offenbar waren die beiden jetzt beruhigt.

„Wer bist Du noch mal?“ fragte der Kleine, jetzt etwas freundlicher.

„Und was war das, was entsprungen ist“, wollte der Lange wissen. „Ist es gefährlich?“

„Ich bin der Verkünder! Sagt, wo finde ich den Botschafter?“

„Wen?“

„Den Botschafter Brüder! Hurra! Sagt es mir, und die Götter werden Euch belohnen! Hurra!“

„Was für‘n Botschafter?“

„Lerri! Lerri ist sein Name! Hurra! Er soll die Botschaft der Götter tragen!“

„Ach Lerri“, sagte der Kleine, grinsend nun. „Du suchst Lerri?“

„Hurra! Ja, das ist sein Name!“

„Na, das ist nicht schwer. Du findest ihn am öffentlichen Klo im alten Bunker!“

„Reich wird Dein Lohn sein, Bruder“, jubelte Blasius. „Nun weise mir noch den Weg!“

„Hm. Lauf einfach immer diesen Weg immer weiter, bis zur großen Straße, dann links. Wenn Die Straße aufhört, wieder links. Dann riechstes bald!“

„Hurra!“ rief Blasius und prägte sich die Route angestrengt ein. „Die Götter lieben Euch, Brüder!“

„Was ist entsprungen?“ wollte der Lange wissen.

„Hurra!“ brüllte Blasius, sprang hoch in die Luft, drehte sich um und rannte von dannen. Die Beiden sahen staunend dieser riesigen und offenbar völlig durchgedrehten Ratte nach. „Hüte Dich vor‘m verbrannten Land“, rief der Kleinere Blasius nach.

 

Blasius rannte, bis er außer Sicht war, dann schlug er sich in ein Gebüsch neben dem Weg und dachte nach. Iris Vermutung, ein Lerri sei ein Held oder ein Weiser, schien nicht zu zu treffen, zumindest hatten die Beiden nicht viel Ehrfurcht gezeigt. Allerdings schienen sie auch nicht besonders helle zu sein – und vor allem sehr ängstlich. Es passte zu dem, was Iris gesagt hatte, die Ratten hier am Fluss schienen in ständiger Angst zu leben. Er fragte sich, was in dem Fass gewesen sein könnte, dass sie so wild darauf gewesen waren. ‚Hansa‘… er würde versuchen, mehr darüber heraus zu bekommen. Jetzt aber musste er erst einmal diesen Lerri finden, was immer sich hinter dem Namen verbarg. Der Weg schien, der Beschreibung nach, nicht sehr kompliziert zu sein. Blasius steckte die Nase aus dem Gebüsch, witterte in die Runde und machte sich wieder auf den Weg.

 

Stunden später stand die Sonne hoch am Himmel und Blasius Zuversicht war aufgebraucht. Der Weg war tatsächlich nicht sehr kompliziert – dafür aber lang. Sehr, sehr lang und gefährlich. Überall wimmelten Menschen herum, von den rasenden Transportmaschinen gar nicht zu sprechen. Er wühlte sich durch den Müllhaufen, in dem er sich versteckt hatte vorsichtig nach oben und spähte hinaus, zum Himmel. Die Helligkeit war kaum zu ertragen, aber er hatte inzwischen genug über Zeitbestimmung anhand des Sonnenstandes gelernt, um festzustellen, dass es ziemlich genau Mittag sein musste. Er hörte Menschen überall und fluchte. Das hatte er nun davon – er saß fest.

Dabei war es ein Wunder, dass er überhaupt noch lebte, einer seiner Versuche, clever zu sein hätte ihn fast das Leben gekostet. Als es immer schwieriger geworden war, an der Straße vorwärts zu kommen, hatte Blasius nach einem besseren Weg gesucht – oder, wenn er ehrlich war – einem bequemeren. Und, brillant, brillant, hatte auch bald einen gefunden, auf der Rückseite der Gebäude, die längs der Straße verliefen. Er war über Dächer, durch Gesträuch und leere Höfe gelaufen und kam sich schon sehr, sehr clever vor, als er eine Mauer überstieg und sich plötzlich auf einem riesigen, leeren Platz wieder fand. Im selben Moment schrillte eine Glocke, offensichtlich ein Alarm. Und während Blasius noch, starr vom Schock, vor der Mauer stand, flogen die Türen des großen Gebäudes auf, dass den Platz auf einer Längsseite begrenzte und Menschen strömten heraus, junge Menschen der Größe nach, aber offensichtlich entschlossen, ihr Gebäude zu verteidigen. Das Geschrei, mit dem sie den Platz stürmten, konnte nur Kriegsgeheul sein. Blasius fasste sich und floh in Richtung eines Gebüsches auf der Seite des Platzes, die dem Gebäude gegenüberlag, aber er war entdeckt worden. Aus unzähligen Schreien hörte er das Wort „Ratte!“ manche schienen erschrocken, andere begeistert. Er schlüpfte in das Gebüsch und merkte, dass er in der Falle saß. Es gab keinen Weg hier heraus, zumindest keinen sicheren, jenseits seiner kleinen Zuflucht war nur ein schmales, spärlich bewachsenes Stückchen Erde, vor ihm der Platz, hinter ihm eine Mauer, die er leicht hätte erklettern können – wenn er da nicht allzu leicht sicht- und verwundbar gewesen wäre. Die Stimmen kamen näher.

„Isse da drin?“

„Ja, da isse reingelaufen.“

Der Busch bebte, offenbar schlug jemand dagegen. Ein Gesicht tauchte auf.

„Krass. Ich kann sie sehen.“

Wieder bebte der Busch, heftiger diesmal.

„Ist das wirklich ‘ne Ratte?“

„Ja. Voll riesig.“

„Bäh.“

„He! Was macht Ihr da!“ Eine neue Stimme, noch etwas entfernt. Sie musste einem älteren Menschen gehören. Die jungen Stimmen schienen sich ein Stück vom Busch zurück zu ziehen und Blasius wagte einen Blick durchs Geäst nach draußen um zu sehen, ob er eine Flucht über die Mauer wagen konnte. Das Ergebnis war nicht viel versprechend. Zwar hatten sich die jüngeren Menschen ein paar Meter von seinem Gebüsch entfernt, doch sie beobachteten es immer noch scharf. Hinzu kam nun ein ausgewachsener Mensch, eine Weibliche, wie Blasius vermutete, obwohl er nicht sicher war. Sie war seltsam gekleidet, selbst für einen Menschen, in ein hartes, schwarzes Gewand. Auf dem Kopf trug sie eine schwarze Haube. Offenbar war sie so etwas wie ein Befehlshaber, denn die Jüngeren warteten mit merklichem Respekt.

„Da ist ‘ne Ratte im Gebüsch, Schwester, “ sagte eine von ihnen.

„Eine Ratte? Das ist Quatsch!“ Trotzdem kam die Befehlshaberin näher an das Gebüsch. Sie ließ sich auf die Knie, spähte durchs Blattwerk und prallte zurück, als sie Blasius sah.

„Tatsächlich.“ Sie trat nach Blasius, konnte ihn aber nicht erreichen, weil er sich tiefer in die Büsche zurückzog. Schließlich gab sie es auf.

„Das ist ekelhaft. Ich hole den Hausmeister. Versucht nicht, sie zu fangen. Ratten sind gefährlich.“

‚Das sagt die Richtige‘, dachte Blasius. Er versuchte, noch einmal die Lage zu erkunden, wurde aber von einigen der jüngeren Menschen zurückgetrieben, die sich Stöcke abgebrochen hatten und versuchten, ihn damit zu stechen. Blasius hielt es für klüger, sich zunächst so tief wie möglich zu verkriechen und abzuwarten.

Er musste nicht lange warten. Bald zogen sich die Jüngeren zurück. Blasius wagte sich wieder nach vorne und riskierte einen Blick nach draußen. Was er sah gefiel ihm ganz und gar nicht. Die jungen Menschen hatten sich tatsächlich zurück gezogen, allerdings nicht sehr weit, sie bildeten immer noch einen Halbkreis um sein Gebüsch. Zwischen ihren Beinen konnte Blasius hindurchsehen und der Grund ihres Rückzuges war klar: Die Befehlshaberin kam zurück. Begleitet wurde sie von einem männlichen Menschen der etwas trug, dass stark nach einer Waffe aussah: Einen Knüppel, der an einem Ende eine breite, rechteckige Klinge trug. Blasius brauchte nicht viel Phantasie um sich auszumalen, was der Mensch, offenbar eine Art Vollstrecker, damit vor hatte. Welches Verbrechen er durch die Überschreitung der Mauer begangen hatte war Blasius unklar aber eines war sicher – es stand die Todesstrafe darauf. Er überlegte fieberhaft, welche Möglichkeiten er hatte und kam zu zwei Ergebnissen: Erstens, die einzige Chance bestand in der Flucht und zweitens, er musste jetzt fliehen, da seine Bewacher etwas abgelenkt und Befehlshaberin und Vollstrecker noch nicht nah waren. Er suchte kurz nach der besten Stelle in der Mauer aus Beinen und rannte los.

Der Ausbruch kam völlig überraschend und war deshalb erfolgreich. Blasius raste aus dem Gebüsch heraus auf ein Mädchen ganz am Rande des Halbkreises zu, das, alleine mit der großen Ratte konfrontiert, kreischend zur Seite sprang. Dann allerdings begann die Jagd. Schreiend rannten sie hinter Blasius her, der einen Haken nach dem anderen schlug, allen Versuchen ihn zu umzingeln auswich und dabei vergaß darauf zu achten, wohin er rannte. Endlich glaubte er, alle Verfolger hinter sich gelassen zu haben und sah auf. Was er sah erschreckte ihn fast zu Tode. Direkt vor ihm waren vier Menschen und sahen ihn an. Sie waren groß, größer als seine Verfolger, aber sie schienen jünger zu sein als die Befehlshaberin und der Vollstrecker. Dennoch – auch sie mussten Offiziere sein, denn sie trugen ebenfalls schwarz. Und sie sahen noch grimmiger aus als die Befehlshaberin. Drei waren weiblich. Sie trugen lange Mäntel und spitze Schuhe, eine von ihnen hatte Metallspitzen daran befestigt – tödliche Waffen. Ihre Gesichter waren kalkweiß geschminkt, die Lippen und der Bereich um die Augen aber wieder schwarz angemalt. Die Haare waren ebenfalls pechschwarz. Eine von ihnen hatte ein Halsband mit langen, metallen glänzenden Spitzen. Der vierte war männlich, auch er trug einen schwarzen Mantel, dazu schwere Stiefel von denen Ketten herabhingen. Sein Gesicht war ebenso weiß geschminkt, sein schwarzes Haar stand als hoher, bedrohlicher Kamm auf seinem ansonsten kahlen Schädel. Kein Zweifel – Krieger. Und zwar von der ganz üblen Sorte.

Blasius sah sich gehetzt um, doch es war zu spät. Seine Verfolger kamen näher. Und die Krieger vor ihm hatten sich in Bewegung gesetzt. Kein Raum zur Flucht. In seiner Panik hatte er kaum Zeit, sich über sein nahes Ende Gedanken zu machen, als zu seiner grenzenlosen Verwunderung eine der Kriegerinnen über ihn hinweg stieg, während die anderen drei ihn passierten. Hinter ihm bauten sie sich auf.

„Ey!“ hörte er die kleinste der Kriegerinnen mit einer recht piepsigen, aber nicht minder energischen Stimme rufen. „Lasst gefälligst die Ratte in Ruhe, ihr kleinen Kacker!“

„Nathalie!“ brüllte die Befehlshaberin von weitem. „Was fällt Dir…“

Mehr hörte Blasius nicht. Er erkannte die Chance und versuchte nicht weiter, sie zu verstehen. Er sprintete auf das Tor in der Mauer zu, durch das die Krieger auf den Hof gekommen waren, schlüpfte hindurch, sah einen Müllcontainer auf der anderen Straßenseite, hetzte über die Straße und kletterte hinein, bevor weitere Menschen ihn sehen konnten. Und hier saß er nun.

Und hier saß er dann eben auch noch, als die Sonne die Mittagszeit anzeigte. Draußen wimmelte es von Menschen und nach seinen Erfahrungen auf dem Hof hatte er keine große Lust, es noch einmal mit ihnen zu versuchen. Sie hätten viel vergessen, hieß es immer. Offenbar hatten sie alles vergessen. Verbündete jedenfalls verhielten sich anders. Er hatte sich gerade damit abgefunden, auf die Nacht zu warten, als es über ihm im Müll zu rascheln begann. Er zog sich ein wenig zurück, als der Berg rechts von ihm ins Rutschen geriet und kippte. Er hörte einen erschrockenen Schrei, dann noch mehr Gerumpel und etwas kam von oben zu ihm gerutscht. Blasius sah in das Gesicht einer Katze.

Eine ganze Weile starrten sie sich nur schweigend an, dann sagte Blasius zögernd:

„Friede, Freund!“

„Friede“, sagte der andere, denn er war offensichtlich ein Kater, ebenso vorsichtig.

Sie beäugten sich wieder schweigend. Der Kater sah nicht sehr beeindruckend aus, er war dünn. Und schwarz. Blasius war immer noch nicht sicher, ob das ein gutes oder schlechtes Omen war. Nach seinen Erlebnissen auf dem Hof standen die Chancen eins zu eins.

„Ich bin Colin“, sagte der Kater, „Unteroffizier der Königin Guenevre. Du bist eine Ratte der Unterwelt, oder?“

Blasius atmete auf. Ein Verbündeter. Die Katzen der Königin hatten gemeinsam mit ihnen am Fluss gefochten – sie mochten nicht alle die herzlichsten Gefühle für Ratten haben, aber sie hielten sich an das Bündnis.

„Ja. Ich bin Blasius Sixtus Cassius, Tribun der Expedition.“

„Ah.“ Colin sah sich um. „Und was macht ein – äh – ein Tribun hier im Müll?“

„Ich bin in… in geheimer Mission unterwegs.“

Colin grinste. „Muss ja verdammt geheim sein, wenn sie Dich hierhin führt.“

„Die Menschen haben mich hier rein gejagt. Ich verstecke mich vor ihnen.“

„Das ist grundsätzlich eine gute Idee.“

„Was macht ein Unteroffizier im Müll?“

„Ich habe mir ein Mittagessen gesucht.“

„Hier?“

„Nein. Im Krankenhaus. Sie haben mich erwischt und rausgeworfen und… na ja, hier bin ich dann eben gelandet.“

„Oh.“

„Was ist Deine Mission, Blasiktus? Kann ich Dir helfen?“

„Blasius. Meine Mission ist geheim. Aber… kennst Du ein Lerri?“

„Larry? Die verrückte Scheißhausratte? Klar.“

„Ich muss mit ihm reden.“

„Oh – das wird eine interessante Erfahrung für Dich. Aber worüber kann man mit dem reden?“

„Er hat… Informationen.“

Colin lachte so laut, dass er fast umfiel. „Die hat er sicher, mehr als Dir lieb ist. Der Kerl labert Stuss am Streifen. Aber was könnte davon für Dich wertvoll sein?“

„Weißt Du etwas über das verbrannte Land?“

Colin hörte auf zu lachen und sah ihn nachdenklich an. „Nein“, sagte er langsam. „Nur Gerüchte. Es soll ein Ort am Fluss sein, vor dem alle sich fürchten. Ein Märchen. Was hat Larry damit zu tun? Und warum interessiert es Dich?“

„Es hat mit meiner geheimen Mission zu tun. Und meine Informationen besagen, dass Larry Informationen darüber hat.“

„Larry ist absolut voll mit Informationen“, sagte Colin, mehr zu sich selbst. „Aber Du hast Recht, er redet manchmal vom verbrannten Land. Hat die Sache mit unserem gemeinsamen Kampf zu tun?“

„Sicher.“

Colin nickte nachdenklich. „Okay. Ich bringe Dich zu ihm. Aber jetzt lass uns erstmal sehen, dass wir aus diesem Mülleimer hier rauskommen.“

Er arbeitete sich durch den Abfall nach oben und spähte nach draußen. Als Katze hatte er im Falle einer Entdeckung weit weniger zu befürchten als eine Ratte. Blasius scharrte unruhig mit den Pfoten.

„Siehst Du was?“

„Klar.“

„Und?“

„Wie und?“

„Ja – ist die Luft rein?“

„Nein.“

Colin war offenbar der Meinung, das reiche als Auskunft. Blasius fand das nicht. „Was siehst Du?“

„Na – die Straße eben. Und den Bürgersteig. Und gegenüber die Schule.“

„Was?“

„Die Schule.“

„Eine Schule ist das?“

„Ja.“

„Komische Schule“, murmelte Blasius. 

Ende der Leseprobe.

Und morgen: Die Fortsetzung des Finders.

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schreckenbergschreibt: Blick in die Schublade Teil 3 – Königskinder

Und wieder öffnen wir eine virtuelle Schublade meines virtuellen Schreibtischs. Und wieder kommt zunächst einmal eine…

***********  SPOILERWARNUNG **********

ACHTUNG – DER FOLGENDE TEXT ENTHÄLT SPOILER ZU MEINEM ROMAN  “DER WANDERNDE KRIEG – SERGEJ”.

***********  SPOILERWARNUNG ENDE **********

Das heutige Geschichtenfragment unterscheidet sich in zwei wichtigen Punkten von den ersten beiden: Im Gegensatz zu „Die Löwen„, die der Folgeroman zu „Die Träumer“ werden sollen und „Der wandernde Krieg – Erin„, was der zweite Teil der Trilogie um den wandernden Krieg und der Nachfolger von „Der wandernde Krieg – Sergej“ ist, ist die heutige Geschichte die Fortsetzung von gar nichts. Sie spielt im Langenrath Universum, in dem auch „Sergej“, „Erin“ und „Der Ruf“ spielen, wir werden einige bekannte Figuren wiedertreffen (zum Beispiel Hakan und Marco) aber die Geschichte hat weder etwas mit dem Wandernden Krieg zu tun, noch mit dem Buch „Wege und Tore“.  Der Arbeitstitel ist:

Königskinder

Außerdem wandet die Geschichte sich an ein anderes Zielpublikum. Wobei ich einschränkend sagen muss, dass ich beim Schreiben nie ein bestimmtes Publikum im Kopf habe, ich schreibe einfach für alle, die es lesen wollen. Aber wenn es stimmt, dass das Zielpublikum meist im Alter des Protagonisten ist, dann ist das eher ein Buch für Jugendliche. Mein Held – Bejamin, genannt „Imp“ ist zwischen 15 und 16, die wichtigsten Nebenfiguren ebenso, mit einer Ausnahme.Wobei sich natürlich ein Problem auftut: Ich bin 42, es ist also ein paar Wochen her, dass ich ein Jugendlicher war. Aber das beunruhigt mich nicht wirklich – einige grundsätzliche Dinge am Heranwachsen ändern sich nie, davon bin ich überzeugt. Und ich kann mich an meine eigene Jugend und daran, wie und was ich damals gedacht und gefühlt habe, noch ziemlich gut erinnern. Das ist eine gute Grundlage. Was den Feinschliff betrifft, so habe ich ein paar Testleser und Testleserinnen im Kopf (die noch nichts von ihrem Glück wissen) die gerade im richtigen Alter sind und mich vor Fehlern aus Ahnungslosigkeit bewahren werden. Und sie werden mich, wo nötig, die richtige Sprache lehren – denn Erwachsene, die versuchen, Jugendsprache zu imitieren, gehören zu den peinlichsten Erscheinungen der Welt. 

Ich bezeichne die Geschichte dennoch ungern als „Jugendroman“, weil das klingen würde, als wäre sie für erwachsene Leser uninteressant – was sie hoffentlich nicht ist. Also, wie heißt dieses hübsche neue Wort? Das wird eine „All-Age-Geschichte“, genau. 😉

Worum geht es? Imp lebt, wie das zu Anfang jeder Geschichte so ist, sein ganz normales Leben. Er geht zur Schule, spielt Handball, hängt mit Freunden herum, facebookt, muss damit zurecht kommen, dass sein bester Freund und seine Schwester ein Paar sind und so weiter, und so fort. So weit so normal – abgesehen davon, dass Imp (dessen Spitzname aus einer wenig schmeichelhaften Anspielung auf sein Äußeres erwachsen ist) einige Monate zuvor eher per Unfall herausgefunden hat, dass er unter Wasser atmen kann. Es ist unangenehm und tut weh, aber er kann es. Allerdings behält er es tunlichst für sich, weil er keine Lust hat, als Freak zu gelten – auch er hat X-Men gesehen. 😀 Dann aber verschwindet eine Mitschülerin und Imp muss nach und nach erkennen, dass die grausigen Dinge, die nun in Langenrath beginnen, direkt mit ihm zu tun haben.

Letztlich ist das eine Geschichte um Freundschaft, Liebe, Loyalität und Verrat und, wie so viele All-Age-Geschichten, um Identitätssuche.

Von „Königskinder“ existieren bisher etwa 70 Manuskriptseiten. Heute ausnahmsweise mal zwei Kapitel als Leseprobe – wir begleiten Imp und Svey (= Svenja) auf der Suche nach besagter verschwundener Mitschülerin, Ina. Und dann, weil ich eben doch Vater bin und nicht mehr Kind, gönne ich uns noch einen kurzen Besuch bei Inas Mutter:

Beginn Leseprobe:

4

Das „Cuba Libre“ war schon ein eher verzweifelter Versuch gewesen, und auch hier war sie natürlich nicht. Als wir raus gingen, schmiss Svey die Tür hinter sich zu, als habe die Bar sie persönlich beleidigt.

„Scheiße.“

Sie ging schnellen Schrittes an mir vorbei, blieb unter einer Straßenlaterne stehen, trat dagegen und versank dann in Grübeln. Ich hielt mich ein paar Meter abseits und betrachtete sie, nicht zum ersten Mal an diesem Abend. Sie hatte sich so ungeheuer verändert, äußerlich zumindest, und ich fragte mich, wieso mir das nicht schon lange aufgefallen war. Wir sahen uns praktisch jeden Tag. War sie mir wirklich so egal geworden? Nur weil die beste Freundin meiner Schwester mit ihrem Typen Schluss gemacht hatte und wir danach in verschiedenen Hälften unseres zerplatzten Freundeskreises gesessen hatten? Ich konnte mich an keinen Streit erinnern, den ich je mit Svey gehabt hätte. Aber wenn ich an sie dachte, sah ich immer noch ein Mädchen mit kurzen blonden Haaren und blauen Augen, ein ganzes Stück kleiner als ich – und ich war schon kein Riese – meist mit einem bunten Pullover oder T-Shirt und einer Jeans bekleidet. Das Mädchen, mit dem ich nun seit fast drei Stunden nach Ina suchte, war zweifelsohne Svey – schließlich SAH ich sie ja jeden verdammten Tag – aber sie war natürlich nicht mehr blond. Ich hätte das wissen müssen, schließlich sah ich sie jeden … na, wie auch immer. Sie hatte teerschwarzes Haar, straff zu einem kurzen Pferdeschwanz gebunden, der Pony endete wenige Millimeter über den Augen. Die waren immer noch blau. Sie war inzwischen fast auf meiner Größe, der schwarze Hoody, den sie unter der Jeansjacke trug, wies sie als „P.O.R.K. – official Piglet“ aus, was immer das bedeuten mochte. Jeans trug sie immer noch, allerdings jetzt nicht mehr von einem Tuch, sondern von einem breiten Ledergürtel gehalten, dessen Schnalle eine Spinne darstellte, und der sehr gut zu ihren Springerstiefeln passte. Was wusste ich eigentlich noch über Svey, und warum zum Teufel hatte sie mich die ganze Zeit so wenig interessiert?

Es begann wieder zu regnen. Ich konnte nicht anders, ich musste grinsen. Sie sah es.

„Das ist nicht lustig, Imp.“

„Ich weiß. Aber der Regen … es passt.“

„Ja.“ Sie zog die Kapuze über. Eine Möglichkeit, die ich nicht hatte. Ich stellte mich neben sie und betrachtete die Regentropfen im Licht der Laterne.

„Hast Du noch eine Idee?“

Sie seufzte. „Massenhaft. Wir sind wieder in Langenrath. Außer Opladen und unserem Kaff haben wir noch nichts gesehen. Wenn wir nicht ausgerechnet Ina suchen würden, würde ich vorschlagen, wir fahren nach Köln. Da hätten wir die ganze Nacht zu tun.“

„Kann es nicht sein, dass sie sich auch verändert hat? Ich meine …“

„Wieso auch?“

„Na ja …“

Sie bemerkte meinen Blick und lachte laut. „Ach so. Ja, stimmt. Aber das wäre uns doch aufgefallen. Wir sehen sie schließlich jeden Tag.“

„Svey… ich weiß nicht. Was ist Pork?

„Hm?

„Pork – official Piglet.“

„Ach das.” Sie lachte wieder. „Das hat mit meiner Band zu tun und den Leuten, die ich darüber kenne. Das ist nicht Inas Welt. Du kennst doch Ina. Ab ins Schwimmbad und früh nach Hause.“

„Ich weiß es wirklich nicht mehr, ehrlich. Ich habe … ich meine … ich habe zwar mit Ina auch nach … nach Steffi und Alex und allem noch Kontakt gehabt, aber nur … ich meine … ich denke …“ Ich merkte, dass ich stammelte, und hielt lieber den Mund. Sie hatte mich aber verstanden und war freundlich genug, sich nicht doof zu stellen.

„Schon klar.“ Sie verzog den Mund kurz zu einem bitteren Lächeln, das ich nicht verstand. „Aber ich weiß eigentlich auch nicht mehr viel über sie, Imp.“

„Du bist ihre beste Freundin.“

„Ja? Ich weiß nicht … ich glaube, nicht mehr. Nein.“ Sie sah traurig aus. „Seit damals sind eine Menge Freundschaften den Bach runter gegangen. Und heute Abend … im Grunde haben wir doch nur im Dunkeln rumgestochert, oder? Wir wissen … oder wie glauben zu wissen, dass Ina nicht der Typ ist, der sein Wochenende in Köln oder irgendwo sonst startet, wo wirklich was los ist, also haben wir Opladen und Langenrath abgeklappert. Aber mal ehrlich – ins „Cuba Libre“ passt sie auch nicht. Zumindest nicht die Ina, an die wir denken. Mit der saß ich freitags abends zu Hause, habe Tee getrunken, geredet, Musik gehört, DVDs geguckt, gechattet … Ich weiß genau so wenig wie Du, wo ich sie suchen soll. Ich habe keine Ahnung.“

Ich dachte angestrengt nach. Irgendwo in meinem Hinterkopf lauerte eine Idee, etwas, das sie früher am Abend gesagt hatte, als wir noch bei ihr zu Hause waren. Etwas sehr Wichtiges. Nur ein bisschen Konzentration.

„Ich glaube, das bringt nichts.“, sagte Svey.  „Wir sollten …“

„Nein, warte.“ Ich hatte die Idee erwischt und zerrte sie ins Licht. „Was ist mit Deinen Träumen.“

„Wie? Was meinst…“

„Du hast von ihr geträumt. Und von mir. Wo waren wir da?“

„Ihr wart nicht zusammen. Du …“

„Nein, sie. Wo war Ina.“

Svey schauderte. „Das kann ich nicht genau sagen, Imp. Es war ein … ein schlimmer Ort. Dunkel, dreckig. Kalt. Und irgendwie … verkehrt … als würde alles im falschen Winkel stehen. Oder …“ sie kniff die Augen zusammen, um das Bild vor ihrem inneren Auge besser zu erkennen. „… oder auf dem Kopf? Keine Ahnung … ein Traum-Ort, Imp. Nicht wirklich …“

„War sie die ganze Zeit da? An diesem Traum-Ort?“

„Wirklich, ich will das nicht genau …“

„Bitte, Svey.“

Sie zog hörbar die Luft ein. „Ja. Und alles war völlig wirr. Da waren nicht nur Möbel, die schief im Nichts hingen, und Dreck und Trümmer, da waren auch Schachfiguren. Riesige Schachfiguren, die auf dem Boden lagen …“

„Sie spielt Schach, oder?“

„Ja. Ich auch, wir spielen oft gegeneinander. Haben oft gegeneinander gespielt. Ich sage ja, das war kein echter Ort, das war irgend so ein Traummix. Und … warte mal.“ Sie klatschte in die Hände. Bemerkenswert kleine Hände. Das war noch wie früher, klar. Und wenn sie so angestrengt nachdachte, dann sah sie dem Mädchen von früher doch wieder ganz ähnlich, dem Mädchen, mit dem ich mal Nudeln gekocht hatte, dem Mädchen …

„Das Schwimmbad!“

„Welches Schwimmbad? Das Waldbad?“

„Ja. Nein. Also nicht das Freibad. Das Hallenbad. Ich habe ein oder zweimal das Hallenbad gesehen, im Traum. Aber das kann auch nur wieder irgend so ein Bild sein. Ein Symbol. Wie die Schachfiguren.“

„Wir könnten nachsehen. Weit ist es nicht. Hat sie heute trainiert?“

„Ja. Frau Balten hat gesagt, sie ist vom Training nicht zurückgekommen.“

„Aber beim Training war sie?“

„Was weiß ich? Wird sie wohl. Frau Balten hat doch sicher mit den Trainern gesprochen. Du hast recht, lass uns nachsehen.“

„Vielleicht ist die Polizei schon da.“

Svey lachte unfroh. „Weil eine 16jährige am Freitagabend nicht um sechs zu Hause ist? Ganz sicher.“

„Okay, dann los.“

 

Kurz bevor wir das Schwimmbad erreichten, fiel mir plötzlich etwas sehr Beunruhigendes ein. Ich hielt an.

„Svey…“

„Ja?“

„Dir ist schon klar … Wenn wir sie jetzt wirklich finden, hier, dann ist sie … also dann ist sie wahrscheinlich …“

Sie sah mich aus großen Augen an. Die Erkenntnis, die mir eben gekommen war, dämmert auch ihr. Wir standen eine Weile einfach so da, im Nieselregen, und starrten uns an.

„Vielleicht finden wir sie ja nicht,“ sagte ich schließlich lahm.

„Wir wollen sie aber doch finden, oder?“

„Wollen wir?“

„Wenn sie …“ Svey atmete, tief durch, „… wenn sie da ist, ja. Vielleicht finden wir aber auch nur irgendetwas.“

„Was … wie … meinst Du …“

„Nein, nein.“ Sie verstand, was ich meinte und wurde kurz sehr blass. „Nein, ich dachte, irgendetwas, was ihr gehört. Eine Uhr oder ihr Fahrrad oder … mein Gott.“ Sie schlug die Hand vor den Mund. Auch mir wurde die Realität dessen, was wir hier taten, immer grauenhafter klar. In Kneipen und Discos nach Ina zu suchen war eine Sache. Hier, beim dunklen Schwimmbad, nach etwas VON Ina zu suchen, das war schrecklich. Aber wir hatten es angefangen, oder? Svey schien zu demselben Ergebnis zu kommen.

„Aber ich kann jetzt nicht zurück, Imp. Wenn … also … falls ihr was passiert ist, und wir finden etwas, das ihr helfen kann … wir müssen jetzt einfach suchen, oder?“

„Ja, ich denke schon.“

Wir teilten uns vor dem Hallenbad auf, sie ging links herum, ich rechts. Ich suchte den Eingangsbereich sehr genau ab, die Beete und Fahrradständer, die Treppe, die zum Café führte, dann den Weg nach hinten, zum zweiten Eingang und die Gebüsche, die ihn säumten, Nichts. Ich fand nicht einmal etwas, das vielleicht Ina oder vielleicht auch einem anderen Mädchen gehörte, eine Haarspange oder etwas Ähnliches. Hinter dem Gebäude, beim zweiten Eingang, traf ich wieder auf Svey.

„Und?“

Ich schüttelte den Kopf. „Nichts. Und bei Dir?“

„Auch nichts. Aber schau mal.“ Sie öffnete die rechte Hand, in der sie zwei Knoblauchzwiebeln hielt. „Die lagen im Gebüsch.“

„Und? Mag Ina besonders gerne Knoblauch?“

„Nein. Aber das ist komisch. Guck mal.“

Sie hielt eine der Zwiebeln hoch und ich sah, dass sie von den Seiten aus einmal ganz durchbohrt war. Die anderen genauso.

„Da waren noch mehr davon. Und da war das hier.“

Sie griff in die Tasche und zog ein Stück Schnur hervor. „Darauf waren sie aufgefädelt.“

„Bitte?“ Ich verstand nicht sofort.

„Ein Ring aus Knoblauchzwiebeln. Komisch, oder?“

„Ja …“

Wir hatten beide denselben Gedanken, schauten uns einen Moment an und mussten lachen. Dann lachten wir lauter, und das war vor allem die Erleichterung darüber, dass wir nichts gefunden hatten. Nichts von Ina, sie blieb völlig verschwunden, und für einen Moment war uns das auch lieber.

„Und jetzt?“ fragte ich schließlich.

„Lass uns noch hinten auf dem Parkplatz vom Freibad gucken. Da schließt sie manchmal ihr Rad an, wenn sie nach dem Schwimmen noch läuft. Und dann ab nach Hause. Ich habe genug für heute. Und Du bist schon wieder ganz nass.“

Ich zögerte einen Moment – wie fragt man so etwas? Schließlich entschied ich mich für Beiläufigkeit.

„Bekomme ich noch ein Handtuch?“

„Klar.“

Für einen Moment wollte ich fragen, ob wir uns etwas kochen sollten. Nudeln vielleicht. Aber das ließ ich lieber. Jedenfalls gefiel mir der Abend inzwischen sehr. Und wir hatten nichts gefunden. Gottlob.

„Ich nehme die linke Seite vom Parkplatz und den Eingang vom Freibad, Du die rechte und das Gebüsch auf der anderen Seite, okay?“

Sie nickte und wir teilten uns wieder auf. Ich versuchte, in der Dunkelheit irgendetwas auf meiner Seite des Parkplatzes zu erkennen, während sie sich auf der Frontseite hinhockte und die Büsche auseinanderbog. Ich war kaum zehn Schritte weit gegangen, als sie mich rief.

„Imp! Komm doch bitte mal her!“ Seltsam steif und tonlos. Ich trabte zu ihr herüber. Sie richtete sich auf und sah mich mit sehr großen Augen an. Ihr Gesicht war sehr blass. Ihre Lippen sehr weiß. Auf ihrer Handfläche lag ein kleines, silbernes Kreuz. Ein Kettenanhänger.

„Das gehört Ina.“

Ich starrte den Anhänger an. Für mich sah er aus wie zehntausend andere auch.

„Sicher?“

Sie drehte ihn um und hielt ihn mir direkt vor die Augen. Über den langen Balken des Kreuzes lief eine Gravur: „I. B. ((Datum))

„I.B. … Ina … was ist das für ein Datum?“

„Unsere Kommunion.“

„Das ist ganz sicher ihrer?“

„Ja.“

Ich fühlte mich betäubt. Was war das? Inas Anhänger … stimmt … den hatte sie immer getragen, jetzt erinnerte ich mich auch. Immer. Wann immer man ihren Hals sehen konnte, war auch die Kette zu sehen gewesen, und im Sommer der Anhänger, immer, und jetzt … Was bedeutete das? Wenn man weiter dachte, dann konnte das bedeuten …

„Svey…“

Sie nickte und schaute den Anhänger an, als wolle sie ihn hypnotisieren. Sehr grimmig. Sehr entschlossen schien sie.

„Ich habe Angst, Imp.“

„Ja. Ich auch. Wir müssen zur Polizei, oder?“

„Nein. Zu ihren Eltern. Jetzt!“

„Ja. Gut.“

 

5

Das waren gute Kinder. Gute Kinder, dachte Susanne Balten immer noch, als die beiden schon lange wieder fort waren. Sie kannte sie beide. Svenja, natürlich, die war schon im Kindergarten Inas Freundin gewesen. Es gab eine Zeit, da hatte Svenja fast bei ihnen gewohnt, die plappernde, pummelige, immer fröhliche kleine Svenja, die ihre stille, in sich gekehrte Ina aufgeheitert und mitgerissen hatte. Ein guter Einfluss auf ihr manchmal viel zu ruhiges Kind. Und Benjamin, dieser auf so seltsam konsequente Weise hässliche Junge, der mit den anderen Freunden vom Gymnasium gekommen war und irgendwann begonnen hatte, Ina auf eine Weise anzusehen, von der er wohl glaubte, dass sie niemand bemerke, die aber nur allzu offensichtlich war. Und dann, vor ein paar Monaten, war etwas geschehen. Etwas mit Inas Freunden. Ina war wieder stiller geworden. Svenja hatte sich verändert, sehr verändert und auf eine Weise, die Susanne Balten nicht gefiel. Das Mädchen zog sich anders an als früher, gab sich viel mit älteren Jugendlichen und Erwachsenen ab und war in einer Band, von der Susanne nur ein einziges Lied kannte. Ina hatte es ihr vorgespielt. Mehr hatte sie nicht hören wollen. Svenja kam immer noch von Zeit zu Zeit vorbei, meist um Schach mit Ina zu spielen, und die Mädchen schienen sich immer noch gut zu verstehen. Aber sie lachten nicht mehr so viel und so laut wie früher. Benjamins seltene Besuche hörten ganz auf und auch seine Schwester, Sarah, kam nicht mehr. Sie kannte das – irgendwann ordneten sich die Freundschaften neu, aber es schien ihr zu früh. Und Veränderung hin oder her – sie mochte Svenja.

 Und so war Svenja auch die erste gewesen, an die sie gedacht hatte, als Ina nicht vom Schwimmtraining nach Hause gekommen war. Georg, ihr Mann, war in Hamburg, auf irgendeiner Messe, und er sagte ihr, sie solle sich keine Sorgen machen. Nelly, Inas Trainerin, bestätigte ihr, dass Ina beim Training gewesen war, und sagte ihr, sie solle sich keine Sorgen machen. Die Polizei wimmelte sie ab, sehr freundlich, aber abgewimmelt war abgewimmelt, und der Beamte sagte ihr, sie solle sich keine Sorgen machen. Aber sie hatte hier gesessen, alleine, zu Hause, hatte auf ihr einziges Kind gewartet und sich gesorgt. Sie hatte Inas Handy angerufen, und in Inas Zimmer hatte es geklingelt. Sicher. Ina nahm es nie mit zum Training. Im Schwimmbad wurde viel geklaut. Sie hatte überlegt, ob sie zum Schwimmbad fahren sollte, um Ina zu suchen, oder in die Stadt, aber sie wollte weder sich noch das Kind blamieren. Ina war 16, war es nicht richtig, dass sie einmal etwas auf eigene Faust unternahm? Sie würde zu Hause bleiben, Ina würde zurückkommen, sich entschuldigen, dass sie nicht Bescheid gesagt hatte, und dann würden sie beide darüber lachen. Aber warum dauerte das so lange?

Und dann hatte sie Svenja angerufen. Einfach nur, um etwas zu tun. Svenja hatte ihr nicht helfen können. Aber immerhin hatte sie nicht gesagt, sie solle sich keine Sorgen machen.

Es war Nacht geworden, und die Stille hatte begonnen, sie wahnsinnig zu machen. Jetzt wollte sie doch losfahren und suchen, aber wo? Und sollte sie nicht hier sein, falls Ina doch nach Hause kam. WENN sie nach hause kam? Susanne Balten hatte fern gesehen, ohne wahrzunehmen, was da lief. Sie hatte Falten in die Kleidung gebügelt. Sie hatte Georg angerufen, wieder und wieder, aber er hatte das Handy abgeschaltet. Kundenveranstaltung nach der Messe. Wichtige Gespräche.

Und dann, fast um Mitternacht, hatte es an der Tür geklingelt. Angst und Hoffnung hatten sie im Bruchteil einer Sekunde dermaßen überwältigt, dass sie sich fast auf den Wohnzimmerteppich übergeben hätte. Sie hatte sich gefasst und war zur Tür gelaufen. „Ina, Ina, Ina, oh bitte, Ina, Ina, Ina …“

 Aber es war nicht Ina gewesen. Draußen hatten Svenja und Benjamin gestanden, beide vom Regen durchnässt, und Svenja hatte ihr das Kreuz gegeben. Inas Anhänger. Sie sagte, sie hätten es am Parkplatz vom Freibad gefunden. Und Susanne wurde schlagartig klar, dass die beiden in Dunkelheit und Regen nach Ina gesucht hatten, so wie sie aussahen den ganzen Abend. Gute Kinder. Dennoch brachte sie es nicht über sich, sie herein zu bitten. Sie hatten den Anhänger am Schwimmbad gefunden. Oh nein! Oh nein! Nein! Nein! Nein!

Svenja hatte gesagt, dass sie noch eine Weile bei ihr zu erreichen wären. Benjamin hatte ihr seine Telefonnummer aufgeschrieben. Dann waren sie gegangen.

Susanne war weinend hinter der Tür zusammengebrochen, das Kreuz und den Zettel mit der Telefonnummer fest umklammernd.

Gute Kinder.

Gute, gute Kinder.

Ende der Leseprobe.

Morgen wenden wir uns dann meinem Urban-Fantay Epos zu: Der Sänger und der Puppenspieler. Bis dann!

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schreckenbergschreibt: Blick in die Schublade Teil 2 – Erin

Zunächst einmal aufgepasst:

***********  SPOILERWARNUNG **********

ACHTUNG – DER FOLGENDE TEXT ENTHÄLT SPOILER ZU MEINEM ROMANEN  “DER WANDERNDE KRIEG – SERGEJ” UND „DER RUF“.

***********  SPOILERWARNUNG ENDE **********

So, nachdem ich Euch gewarnt habe (und Ihr immer noch dabei seid) öffnen wir das nächste Türchen… ähm… die nächste Schublade und finden darin:

Der wandernde Krieg – Erin (Was die Fortsetzung ist von „Der wandernde Krieg – Sergej„.)

Die Geschichte um Sergej war immer als Trilogie geplant und zwar als Trilogie innerhalb eines Geschichtenuniversums rund um Lagenrath und das Buch „Wege und Tore“. Bisher gibt es zwei Geschichten aus diesem Universum: „Sergej“ und „Der Ruf„. Abgesehen davon, dass das Buch in beiden Geschichten eine wichtige Rolle spielt hängen sie bisher noch nicht direkt zusammen, das wird sich aber ändern: Die Überlebenden aus dem „Ruf“ werden im dritten Teil der Sergej Trilogie wieder auftauchen.

Vor dem dritten aber kommt der zweite Teil – „Erin“. Ich habe angefangen diese Geschichte zu schreiben, als ich mit „Sergej“ fertig war obwohl ich wusste, dass ich Sergej und Erin erstmal verlassen wollte, um etwas anderes (den „Ruf“ eben, bzw. dessen erste Fassung – wir reden hier über das Jahr 2000, wenn ich nicht irre) zu schreiben. Aber ein paar Notizen wollte ich doch zu Papier bringen…

Aus den Notizen wurden drei Prologe (von denen ich einen inzwischen wieder gestrichen habe, die beiden anderen bleiben drin) und ein erstes Kapitel. Zu dem habe ich dann 2008, nachdem ich „Sergej“ (damals noch „Terra Incognita“) noch einmal gründlich überarbeitet habe, noch ein weiteres Kapitel geschrieben, das ist der heutige Stand. Oder auch nicht – ich habe zwar noch nicht viel an dieser Geschichte geschrieben, aber sie beschäftigt mich permanent. Abgesehen von dem Buch, an dem ich aktuell jeweils schreibe, denke ich über keine Geschichte so viel nach wie über diese. Sie ist für mich einerseits noch sehr im Dunkeln, ich habe ein paar „Wegmarken“ in der Handlung und natürlich die Grundidee, aber viel mehr nicht. Eigentlich weiß ich über den dritten Teil der Trilogie heute schon sehr viel mehr als über diesen zweiten, und das ist nicht ungefährlich. Denn ich will auf keinen Fall eines von diesen „Mittelbüchern“ schreiben, denen man anmerkt, dass sie eigentlich keine eigene Geschichte sind, sondern nur die Brücke zwischen dem Buch davor und dem Buch danach. Nein, das soll sehr wohl eine eigene Geschichte sein – aber sie ist verdammt spröde und macht es mir nicht leicht. 😉

Hier eine Leseprobe aus dem, was ich bisher habe. Und auch hier sei gesagt – das ist völlig roh, unkorrigiert, unlektoriert. Wenn das Buch dereinst erscheint liest es sich wahrscheinlich nicht ganz genauso, Ihr könnt ja vergleichen. 🙂 Los geht’s, wir treffen zwei alte Bekannte aus „Der wandernde Krieg – Sergej“:

Beginn der Leseprobe:

Anna verließ den Zug in Köln Süd. Auf dem Weg vom Bahnsteig nach unten dachte sie darüber nach, wie unwahrscheinlich es war, dass irgendjemand in Köln einen Selbstverteidigungskurs bei Sergejs Freundin machte, dann in das westfälische Kaff kam, in das es Anna verschlagen hatte und just in dem Moment im Wartezimmer eines Arztes einer Freundin davon erzählte, in dem auch sie dort war. Egal. Sie hatte gelernt, nicht an Zufälle zu glauben.

Sie irrte ein eine halbe Stunde durch die Südstadt, bevor sie sich eingestand, dass sie sich verlaufen hatte. Eine weitere Stunde brauchte sie um sich durchzuringen, jemanden nach dem Weg zu fragen. Eine Frau in ihrem Alter, offensichtlich Studentin, las die Adresse auf dem Zettel und wies ihr den Weg, es war gar nicht weit. Und dann stand sie vor dem Haus. Es war ein altes Haus in einer Front ähnlicher Häuser, typisch für die Gegend. Das große Fenster in Parterre war vergittert und von innen verblendet, die Blende zeigte die moderne, stilisierte Darstellung eines Tigers und eines Drachen. Darüber ein Schriftband mit der trockenen Selbstdarstellung, die Anna schon kannte: „Erin Simpson. Selbstverteidigung, Kampfkunst und Fitness für Frauen.“ Die Tür war ebenfalls von innen verblendet, diesmal mit einem bunten Tuch.

Plötzlich erstieg Anna die zwei Stufen zur Tür und drückte sie auf. Sie hatte sich so schnell ein Herz gefasst, dass sie selbst erstaunt war.

Nach dem abweisenden Äußeren war Anna auf einen muffigen, dunklen Raum hinter der Tür gefasst – sie wurde überrascht. Der Empfangsraum, in den sie trat, war hoch und hell, drei Fenster von denen sie gedacht hatte, dass sie zu einem oberen Stockwerk gehörten, ließen das herbstliche Mittagslicht herein. Der Raum war hell gestrichen, der Boden bestand aus hellem Holz. Neben der Tür hing eine Pinnwand mit allerlei Bekanntmachungen. Ein Treppenaufgang führte, der Beschilderung nach, zum „Büro“ und den „Hallen 2 und 3“, eine Tür zur Linken zur „Halle 1“, und „WC/Umkleide/Duschen“. Neben dieser Tür hingen von Kindern gemalte Bilder, ein beschriebenes Tape erklärte: „Grundschulprojekt Fitness“. Beherrscht aber wurde der Raum von einem großen Tresen, der ein Zwischending aus Bar und Empfangsschalter zu sein schien. Einige Barhocker standen davor, auf dem Tresen eine Karte, zwei Cocktailgläser, leer, aber einladend geschmückt. Eine kleine Pyramide aus Fitnessdrinks. Die Wand hinter dem Tresen war voll mit Diplomen die eine Menge Schriftzeichen enthielten, die Anna nicht lesen konnte und für chinesisch oder japanisch hielt. Ein paar schienen auch hebräisch zu sein. Lesbar waren immer wieder Namen: „Erin Simpson“ und „Volker Heerberg“, seltener „Bülent Ilgin“. Die wenigen vollständig lesbaren Urkunden behandelten Verdienste um Zumba, Fatburning und ähnliches und lauteten meist auf den Namen „Tanja Dachser“. Hinter dem Tresen war ein Südländer in Annas Alter damit beschäftigt, Papiere auszufüllen. Er blickte auf, als sie den Raum betrat, aber sie nahm ihn kaum wahr. Schnell fingen die Diplome an der Wand hinter ihm ihren Blick ein und der Name: „Erin Simpson.“ Anna orientierte sich kurz und ging dann zur Treppe. Ein leiser Pfiff stoppte sie.

Ähm, junge Frau – wohin des Wegs?“

Was?“ sie drehte sich um. Der Mann hinter dem Tresen schaute sie mit belustigter Verwunderung an. Er war sehr groß und schlank, das glatte schwarze Haar fiel ihm in Stirn und Nacken. Anna lächelte – und versuchte einen Bluff.

Oh… äh… ‚tschuldigung. Du musst Bülent sein.“

Derselbe, ja.“

Tja… ähm… ich wollte zu Erin. Erin Simpson. Ist die da?“

Ja. Worum geht’s denn?“

Eine… Freundin von mir hat einen Kurs bei Euch gemacht. Und da wollte ich mich auch anmelden.“

Bülent lachte. „Ey, dafür brauchst Du nicht extra den Weg machen. Anruf genügt.“ Er grinste, sehr sympathisch. Anna bemerkte einen leichten Schlag in seiner Sprache, der sowohl kölsch wie türkisch sein konnte, als er weiter sprach: „Andererseits schön, dass Du vorbeischaust. Was darf‘s denn sein?“

Selbstverteidigung.“

Hmmm…“ er nickte und kramte ein paar Formulare hervor. „Du kannst Dich gleich hier bei mir anmelden. Wir haben da verschiedene Angebote, ganz neu ist…“

Bitte…“ Sie sah ihn an. „Ich möchte lieber mit Erin… also… Frau Simpson darüber sprechen.“

Er erwiderte ihren Blick einen Moment und nickte. „Alles klar. Treppe hoch, im Gang links, zweite Tür.“

Danke.“

Oben fiel es Anna nicht schwer, sich zu orientieren. Rechts neben der Treppe knickte der Gang ab, dahinter schien ein Trainingsraum zu sein, Anna hörte weiche, schnelle Schritte, leises, stoßartiges Atmen, ein Schatten war kurz an dem sichtbaren Stück der gegenüberliegenden Wand zu sehen. Sie wandte sich nach links, ging durch eine Glastür in einen düsteren Gang. Die zweite Tür war aus Holz, weiß gestrichen. Sie starrte die weiße Tür an, unsicher, ob sie vor der richtigen stand. Es gab keinerlei Aufschrift, kein Schild, nichts von „Büro“ oder „Privat“ oder „Erin Simpson“. Hinter der Tür war kein Laut zu hören. Die Hoffnung, vor der falschen Tür zu stehen gab Anna schließlich den Mut zu klopfen. Die Antwort kam sofort.

Herein!“

Eine laute, klare Stimme. Anna schluckte, achtete nicht auf ihre zitternden Hände, drückte die Klinke und betrat den Raum.

Erins Büro war klein. Anna wunderte sich einen Moment dass ihre Schritte kein Geräusch machten, als sie eintrat, dann merkte sie, dass sie auf einem dicken, dunkelgrauen Teppich ging. An der linken Wand stand ein kleines Regal, das fast leer war. Nur auf dem mittleren der drei Bretter stand ein Holzkästchen. Es fing Annas Blick und hielt ihn fest.

Plötzlich, mit einem Mal, war dieses Kästchen das Wichtigste im Raum geworden. Anna musste es unbedingt ansehen. Sie ging zu dem Regal. Das Kästchen war ein geschnitzter Würfel aus dunkelbraunem Holz, vielleicht zehn Zentimeter Kantenlänge. Anna spürte Wunsch, es an sich zu nehmen und wusste kaum, weshalb sie sich mit Mühe zurückhielt. Es war rundum mit vielen geschnitzten Mustern verziert, ineinander verschlungene Bänder, etwas, das wie fremdartige, gekreuzte Schwerter aussah, Kronen, Sterne, einige der Muster erinnerten an Schachfiguren, Pferde, Türme, dann wieder Glyphen und geometrisch erscheinende Gebilde, viele weitere, scheinbar unzusammenhängende Symbole. Der Deckel zeigte eine kunstvolle, gruselige Schnitzerei: Ein Kreis aus Skeletten, die einer ewigen Reihe voreinander hergingen. Jedes hielt ein Schwert in der Hand, welches es dem vor ihm gehenden von hinten durch die Rippen stieß, und also wurde auch jedes von einem Schwert durchbohrt. Aus dem Kreis blickte ein Totenkopf. Anna kannte dieses Bild, sie wusste nur nicht, woher. Es hatte mit Sergej zu tun…

Gefällt es Ihnen?“

Anna zuckte zusammen, Sie hatte den Grund Ihres Hierseins für einen Moment vergessen – und auch die Stimme, die sie hereingebeten hatte. Vor dem Fenster, an einem Schreibtisch, saß eine Frau. Sie war klein, aber drahtig und durchtrainiert, was trotz ihrer legeren, sportlichen Kleidung sofort zu erkennen war. Das kurze blonde Haar war scharf gescheitelt, der Blick, mit dem sie Anna betrachtete sollte freundlich sein – aber er hatte etwas Lauerndes. Anna fasste sich mühsam.

Ja… äh… ja, gefällt mir sehr. Ich… ich interessiere mich für so… Holzschachteln.“

Und deshalb sind sie hier?“

Nein. Nein… Frau Simpson?“

Erin Simpson, ja.“ Sie sprach mit einem leichten, englischen Akzent.

Ich… ähm… ach so, ‘tschuldigung, ich heiße Anna… Rath.“ Anna ging zum Schreibtisch und streckte die Hand aus. Erin stand auf und drückte sie. Sie bewegte sich sparsam und geschmeidig, selbst bei dieser Alltäglichkeit.

Und was führt sie nun zu mir – wenn es nicht meine Schachtel ist?“

Ich möchte einen Selbstverteidigungskurs machen.“

Oh.“ Erin schien für den Bruchteil einer Sekunde irritiert, dann wies sie mit der Hand auf einen Stuhl, der neben dem Schreibtisch stand.

Klar. Setzen sie sich.“

Anna zog den Stuhl heran und setzte sich Erin gegenüber. Die hatte ebenfalls Platz genommen.

Sie hätten sich die Mühe hier hoch zu kommen gar nicht machen müssen. Mein Mitarbeiter – Herr Ildrin – hätte das alles mit ihnen besprechen können. Da muss irgend etwas falsch gelaufen sein, sorry.“

Nein, nein.“ Anna öffnete möglichst leise ihre Tasche, aber sie sah sofort dass ihr Gegenüber das Knacken bemerkt hatte. „Ich… ich wollte mit Ihnen sprechen.“

Oh. Ja dann – worum geht’s denn?“

Anna tastete nach der Pistole und merkte, wie ihre Hände vor Angst taub wurden. Sie spürte Schweiß auf ihrer Stirn.

Es ist… äh… ein wenig heikel. Ich… ich… sie machen auch spezielle Selbstverteidigungskurse?“

Erin lächelte: „Wenn Sie mir sagen, was sie mit speziell meinen?“

Anna hatte die Pistole gefasst und zog. Ihr Labello und das Notizbuch hatten sich verkanntet, sie bekam die Waffe nicht heraus. „So… ich meine…“

Haben Sie ein Problem mit Ihrer Tasche?“

Mit einem plötzlichen Gewaltakt riss Anna die Pistole heraus. Die Tasche flog in den Raum hinter ihr, sie verrutschte mit dem Stuhl, taumelte, der Stuhl fiel um und Anna sprang auf. Mit weit aufgerissenen Augen stand sie vor dem Schreibtisch, die Pistole am starr ausgestreckten Arm auf Erin gerichtet und schrie:

Wo ist Sergej? Wo ist Sergej Hoffrichter? Sagen Sie mir das, oder ich schieße.“

Erin blieb völlig ruhig. Sie hob nur sehr langsam die Hände vor die Brust, die geöffneten Handflächen Anna zugewandt. Eine Geste der Beschwichtigung. Anna hatte mit dieser Ruhe gerechnet. Womit sie nicht gerechnet hatte, war die große Freundlichkeit und Güte, die ihr Gegenüber plötzlich ausstrahlte.

Sie müssen die Waffe entsichern.“

Anna schüttelte wild den Kopf. „Die hat gar keine Sicherung. Keine… keine Tricks. Wo ist Sergej?“

Erin grinste breit.

Einen Versuch war’s wert, oder?“

Wo?! Ist?! Sergej?!“

Wie geht es Deiner Mutter, Kleine?“

Meiner… was?“

Ein lauter Knall ertönte, Anna zuckte zusammen und während sie noch zu erfassen versuchte, was passierte, bewegte sich Erin Simpson. Irgendetwas sagte Anna, dass sie nur den Finger krümmen bräuchte, und während sie versuchte zu begreifen, was da eben so geknallt hatte, versuchte ihre Hand zu tun, was der Schreck ihr eingab. Sie krümmte den Finger zitternd, plötzlich war da ein Widerstand und dann schlug etwas gegen ihr Handgelenk und ihren Handrücken, die Hand öffnete sich und die Pistole flog gegen die Wand. Ein fürchterlicher Hieb traf sie unterhalb der Brust, Anna rang nach Luft und versuchte, sich nicht zu übergeben. Ihre Haare wurden gepackt und ihr Kopf schlug auf den Schreibtisch. Immer noch würgend spürte Anna, wie ihre Tränen zu fließen begannen, und nicht nur wegen des Schmerzes. Es war vorbei. Alles. Alle Hoffnung. Sie versuchte, den Kopf zu bewegen, um besser atmen zu können, aber er wurde nur noch unbarmherziger auf die Tischplatte gedrückt.

Locker bleiben, Kleine.“ Da war nichts mehr von Freundlichkeit und Güte. Da war nie etwas gewesen, wusste Anna jetzt. Zu spät.

Erin, alles okay?“ Eine Stimme vor der Tür.

Oh ja. Mach Dir keine Sorgen, Volker.“

Echt?“

Ja.“

Anna schluchzte.

Na, na, wer wird denn heulen, hm?“

Etwas kaltes, schmales wurde gegen ihren Hals gedrückt, Anna spürte einen stumpfen Druck auf einer dünnen Linie. Sie wusste, dass das stumpfe Gefühl eine Täuschung war, sie musste die Augen kaum bewegen, um das Messer zu sehen.“

Wer bist Du, wer schickt Dich. Schnell!“

Niemand schickt mich.“

Kleine, Du bist offenbar nicht sonderlich clever. Nochmal: Wer schickt Dich, wer bist Du?“

Keiner!“ Annas Stimme brach, es war ihr egal. Sie hatte verloren, diese Frau würde sie umbringen. Was vielleicht gar nicht so schlecht war. Dann wäre all diese Scheiße wenigstens vorbei.

Erin seufzte. „Hör zu! Irgendjemand hat Dir einen Namen gesagt und Dich mit dieser Pistole zu mir geschickt. Du hältst das vielleicht für einen Spaß, es ist keiner. Ich kann jede Antwort aus Dir herausholen, die ich hören will. Also…“

Mich schickt keiner!“ Anna versuchte zu schreien, aber sie konnte es nicht, Rotz und Speichel erstickten ihre Stimme. „Ich heiße Anna Knipprath und ich will wissen, wo Sergej Hoffrichter ist. Es ist mir egal, ob sie mir das glauben.“

Zu Annas grenzenloser Verwunderung lockerte sich der Druck des Messers auf ihren Hals. Erin zog sie an den Haaren hoch, aber so sanft wie möglich, es tat kaum weh. Dann sahen sie sich in die Augen. Erins Gesicht war ganz nah und Anna sah zum ersten Mal die vielen, tiefen Falten um die Augen, die nicht zu dem jungen Gesicht passten. Es konnten Lachfalten sein, aber es waren keine, wie Anna wusste.

Anna Knipprath?“

Ja.“

Erin ließ sie vorsichtig los, legte das Messer aus der Hand, öffnete eine Schublade und holte eine Pistole heraus, alles in einer raschen, fließenden Bewegung. Die Waffe sah besser aus als die, die jetzt an der Wand lag. Glatter, sauberer, schöner, gefährlicher. Erin richtete die Pistole auf Anna, aber sie bewegte sich so locker, dass die Geste fast nicht bedrohlich war.

Hast Du einen Ausweis oder sowas, Anna Knipprath?“

Anna begann zu glauben, dass das kein Trick war. Nicht wie die plötzliche Wärme und Freundlichkeit vorhin. Erin wirkte immer noch gefährlich und entschlossen in jeder Bewegung – aber etwas von der tödlichen Kälte war fort. „In Deiner Tasche?“

Ja.“

Hol sie. Und mach bitte keinen Quatsch.“

Ja. Klar.“

Anna ging zu ihrer Tasche, kramte ihre Brieftasche heraus, nahm den Ausweis, brachte ihn zurück und legte ihn auf den Tisch. Erin warf nur einen flüchtigen Blick darauf.

Okay. Ich lasse Dir die Wahl, Anna. Du kannst Deine Tasche nehmen und gehen. Oder Du kannst Dich setzen, und wir unterhalten uns ein bisschen. Was möchtest Du?“

Anna sah sie vorsichtig an und nickte. „Reden,“ sagte sie leise.

Okay.“ Erin nickte und sah zufrieden aus. „Wie geht es Dir? Merkst Du noch was von dem Schlag?“

Schon. Ist nicht so schlimm.“

Gut. Dann setz Dich. Und leg bitte beide Hände auf den Tisch.“

Anna hob den Stuhl auf, schob ihn zum Schreibtisch und setzte sich. Ihr Blick fiel auf die Uhr an der Wand. Es waren keine fünf Minuten vergangen, seit sie den Raum betreten hatte.

Erin setzte sich ebenfalls und legte die Pistole aus der Hand. In bequeme Reichweite, wie Anna nicht entging.

Du weißt, wer ich bin?“

Anna nickte. „Sie… Du… Sie…“

Du.“

Du bist Sergejs Freundin. Warst Sergejs Freundin.“

Das ist richtig. Und ich weiß, wer Du bist. Du gehörtest zu diesem Zirkel um Recha und Andreas. Sie sind alle damals gestorben. Außer Recha und Dir.“

Sie sind nicht gestorben. Sie sind ermordet worden. Und es war nicht mehr Andreas Zirkel. Es war Sergejs. Ohne Sergej hätten wir sowas… sowas nie gemacht. Er hat uns dazu gebracht. Und dann war er plötzlich weg. Und sie haben uns… sie haben alle umgebracht. Thomas… meinen Freund…“

Ach so.“ Erin nickte nachdenklich. „Das wusste ich nicht, dass er Dein Freund war. Tut mir…“ sie zuckte mit den Schultern und sah Anna offen und traurig an. „Klingt blöd, aber tut mir leid.“

Schon gut.“

Und jetzt suchst Du Sergej. Warum?“

Ich… ach egal.“

Du willst Dich rächen?“

Weiß nicht. Ja. Ich will wissen warum. Ich will, dass er… dass er stirbt. So stirbt wie Thomas.“

Erin nickte wieder. „Verstehe ich. Gut, Anna, ich will Dir sagen, was ich weiß, zumindest sofern es für Dich interessant ist. Zuerst einmal: Ich weiß nicht, wo Sergej ist. Ich habe ihn in dieser Nacht verloren… ich habe ihn verloren, und ich suche ihn seither. Ich habe ihn nicht gefunden. Und was Deine Rache betrifft – vergiss das. Du wirst ihn nicht überwältigen können, geschweige denn töten.“ Sie schwieg eine Weile. „Ich glaube nicht, dass überhaupt jemand ihn töten kann,“ sagte sie dann leise.

Anna sah sie erstaunt an. „Was meinst Du?“

Hast Du ihn in dieser Nacht gesehen?“

Nein. Ich glaube, er war gar nicht da.“

Oh doch, und ob er da war. Die Brände, die Explosion im Gut, die vielen Toten in Neurath. Oh ja, er war da. Ich habe ihn gesehen Anna. (…)“

Ende der Leseprobe.

Morgen mache ich mit „Königskinder“ weiter – wir bleiben also in Langenrath. 😉

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schreckenbergschreibt: Blick in die Schublade Teil 1 – DIE LÖWEN

Wie gestern angekündigt möchte ich Euch heute und an den folgenden Tagen einen kleinen Einblick in das geben, was im Moment in meinem virtuellen Schreibtisch (i.e. auf der Festplatte meines Computers) darauf wartet, zu einem ausgewachsenen Roman zu werden. Im Moment sind es tatsächlich fünf angefangene Romane, dazu ein Hörbuch. Der kürzeste Anfang ist etwa 20 Manuskriptseiten lang, der längste mehr als 200. Dabei handelt es sich in keinem Fall um Texte, die ich beiseite gelegt habe, weil ich damit nicht weitergekommen wäre. So schwer es manchmal fällt, an einer schwierigen Stelle weiter zu machen und so verlockend es ist, sich einfach einer neuen, frischen Geschichte zuzuwenden – das tue ich in aller Regel nicht. Denn für mich wäre das der Weg in den Untergang. Ich habe noch keinen Roman geschrieben, der sich nicht unterwegs gesperrt hätte, der spröde wurde, bei dem ich nicht plötzlich gemerkt hätte, dass sich da ein Krater im Plot auftut, für den ich weder Brücke noch Füllmaterial zur Hand habe. Aber gerade dann darf zumindest ich nicht aufgeben, im Gegenteil – dann beginnt der harte Teil der Arbeit: Kreativtechniken und lange, einsame Spaziergänge, Plotdiagramme und viele Bahnen im Schwimmbad, bis irgendwann der Knoten platzt.

Nachdem ich das erzählt habe: Wie kommt es also, dass ich fünf angefangene Romane habe? Nun das kam so:

 

 

 

***********  SPOILERWARNUNG **********

ACHTUNG – DER FOLGENDE TEXT ENTHÄLT SPOILER ZU MEINEN ROMANEN „DER FINDER“, „DER WANDERNDE KRIEG – SERGEJ“ UND „DIE TRÄUMER“! 

***********  SPOILERWARNUNG ENDE **********

 

 

 

Vor viiiiiielen Jahren, hatte ich die erste Version von „Sergej“ (damals noch „Terra Incognita“) fertig geschrieben. Die erste Fassung des „Finders“ hatte ich zu dem Zeitpunkt ebenfalls schon fertig in der Schublade, die Veröffentlichung lag aber noch acht oder neun Jahre in der Zukunft. Bevor ich mich an den „Ruf“ gab (und ihn sehr, sehr schnell, fast im Rausch, herunterschrieb, als hätte ich noch unverbrauchte Restenergie aus „Sergej“), wollte ich noch rasch einige Notizen zur Fortsetzung des Romans machen, denn das es da eine Fortsetzung geben wird, ist, denke ich, nach dem Ende des Buches klar. Aus „rasch einige Notizen“ wurden die ersten Kapitel eines Folgeromans mit dem Arbeitstitel „Erin„.

Nach dem „Ruf“ begann ich an eine große Urban-Fantasy-Geschichte mit dem Arbeitstitel „Der Sänger und der Puppenspieler“ (SuP) . Diese Geschichte ist sehr umfangreich und komplex – und bis heute nicht beendet. Ich hatte sie zu etwa der Hälfte geschrieben, als der JUHRVerlag den Finder kaufte, und seitdem bin ich nicht mehr dazu gekommen, sie zu beenden.

Kurz davor aber hatte ich eine Idee für einen Jugendroman – oder all Age, keine Ahnung, der Protagonist ist jedenfalls ein Jugendlicher. Die Geschichte spielt im Langenrath-Universum, wie „Sergej“ und „Ruf“, und ich schrieb einige Kapitel davon parallel zu SuP, bevor ich mich an die Überarbeitung des Finders gab. Dieses Fragment trägt den Arbeitstitel „Königskinder„.

Diese drei Geschichten habe ich also noch begonnen, bevor ich „veröffentlichter Autor“ war. „Die Löwen“ hingegen, die ich Euch heute vorstellen werde (so weit sie gediehen sind) sind das Opfer einer Planänderung. Eigentlich sollte dieser Krimi, die Fortsetzung der „Träumer„, bereits im Frühjahr oder Sommer 2012 erscheinen. Wie hier schon mehrmals berichtet, hat sich der JUHRVerlag dann aber (zu meiner großen Freude) entschieden, doch „Sergej“ zu machen, und  die „Löwen“ blieben zunächst unvollendet.

Und Buch Nr. 5? Nun, es ist ganz neu, trägt den Arbeitstitel „Der Prophet“ und ist die, von vielen Fans lange geforderte und erhoffte Fortsetzung des „Finders“. Mehr dazu auch in den kommenden Tagen, hier nur soviel: Dieses Buch habe ich nicht abgebrochen. Aber da meine Agentin fleißig arbeitet kann es sein, dass ich es demnächst abbrechen muss, weil irgendein Verlag eines der anderen Bücher kauft. Derzeit betrachte ich den „Prophet“ aber als „das Buch an dem ich gerade schreibe“. 🙂

Heute aber geht es um:

Die Löwen

Wir haben Bastian ja am Ende der Träumer in einer für ihn denkbar blöden Situation verlassen und im Epilog ein wenig darüber erfahren, wie es mit ihm weiter geht. Der neue Roman beginnt ziemlich genau ein Jahr nach Beginn der „Träumer“ (nicht ganz ein Jahr) und Bastian ist wirtschaftlich und sozial am Boden. Immerhin hat er Linda – wie das so ist in Notzeiten, da schweißt die Liebe um so stärker zusammen. Da seine finanziellen Reserven zur Neige gehen ist Bastian in einer Lage, in der er so ziemlich jeden Job annehmen muss, der sich ihm bieten. Kurz vor dem absoluten Ruin bieten sich ihm gleich zwei Chancen: Die eine hängt mit einem (fiktiven) Geschehen in der Kommunal- und Landespolitik zusammen, die andere mit einem (wirklichen) Ereignis aus der Geschichte des Bergischen Landes. Bastian ergreift beide Strohhalme…

Dieser Roman wird sehr viel mehr ein Regiokrimi sein als „Die Träumer“. Er spielt nicht nur in Leverkusen, Köln, Wuppertal und Remscheid, er hat auch tiefe Wurzeln in der hiesigen Geschichte, namentlich des 20. Jahrhunderts. Da Regiokrimi für mich, wie hier bereits gesagt, zwar ein albernes aber kein Schimpfwort ist, freue ich mich sehr darauf, diesen Roman fertig zu schreiben. Auch und gerade wegen der Recherche. Es war ja kein Zufall, dass ich vor vielen Jahren mal Geschichte studiert habe. 😉

Hier eine Leseprobe aus der EXTREM ROHEN, UNLEKTORIERTEN, UNKORRIGIERTEN, ALLERROHESTEN ROHFASSUNG dieses Romans, Work in Progress, gleichsam. Bastian und der aus dem Epilog der „Träumer“ bekannte Derek Roth treffen sich zum ersten Mal – im Kölner Hof auf der Kölner Straße in Opladen:

Beginn der Leseprobe:

Bastian hatte gedacht, er sei größer.

Derek Roth trat in den Schankraum des „Kölner Hofes“, und erst als er auf Bastian zusteuerte, der auf der Eckbank im vorderen Teil des Raumes am Fenster saß, wurde dem klar, dass dies sein geheimnisvoller Auftraggeber war. Bastian hatte den Kölner Hof nicht ohne Grund gewählt – für das erste Treffen mit einem Mann, der ihn mitten in der Nacht aus dem Bett klingelte und kryptische E-Mails schickte, wollte er einen öffentlichen Raum. Und seit er sich hier zum ersten Mal mit Vanessa Deutschmann getroffen hatte – in einem anderen Leben und vor einer gefühlten Ewigkeit, die nicht einmal ein Jahr her war – war die Gaststätte ihm vertraut geworden. Sie bot soviel heimatliche Sicherheit, wie es ein öffentlicher Raum nur konnte. Roth war offenbar nicht begeistert von dieser Wahl gewesen, hatte aber auch nicht protestiert.

Der Brite hatte die erste Mail mit seinem militärischen Rang unterzeichnet und angedeutet, dass er gemeinsam mit einer Gruppe anderer Militärs für einen ehemaligen Soldaten arbeite. Irgendwie hatte sich in Bastian das Bild eines uniformierten Hünen mit rotem Bürstenhaarschnitt festgesetzt. Der echte Derek Roth war dagegen nicht größer als Bastian selbst, wenn auch deutlich durchtrainierter. Sein hellbraunes Haar trug er zwar modisch kurz, aber nicht als Bürste, sein Gesicht erschien Bastian hart und kantig. Aber hätte er von dem militärischen Hintergrund nichts gewusst, hätte er es wohl einfach als scharf geschnitten bezeichnet, ohne sichtbare weiche Züge, vielleicht abgesehen von den dunkelbraunen Augen, die warm und freundlich schauten. Selbstverständlich trug er keine Uniform, sondern Jeans und T-Shirt unter einer kurzen, dünnen Lederjacke. Er kam lächelnd auf Bastian zu und streckte die Hand aus.

Herr Mohr? Schön, Sie endlich persönlich zu treffen. Ich bin Derek Roth.“ Sein Akzent war deutlicher als neulich nachts, er wies ihn als Schotten aus. Bastian war etwas verwirrt. Er ergriff die Hand und Roth drückte fest aber nicht schmerzhaft. Dann setzte er sich zu Bastian auf die Eckbank. Die Bedienung kam schnell, noch schneller als Bastian es hier gewohnt war. Es war eines der Mädchen, die ab dem Nachmittag manchmal aushalfen. Sie nickte Bastian kurz zu und hatte danach nur noch Augen für Roth.

Was darf ich Dir bringen?“

Noch einen Milchkaffee,“ sagte Bastian. Sie warf ihm ein kurzes Lächeln zu, nickte, und fixierte dann wieder den neuen Gast.

Und? Was nimmst Du?“

Derek Roth studierte scheinbar ungerührt die laminierte Faltkarte. „Hm… ich weiß nicht…“ er wandte sich an Bastian, „Sie nehmen Kaffee, ja?“

Milchkaffee“, sagte Bastian, „der ist sehr gut hier.“

Wir haben auch Tee,“ sagte die Bedienung. Sie hatte den Akzent bemerkt. Roth lächelte kaum merklich.

Nein, bringen Sie mir einfach eine Cola, gut?“

Klar, gerne“ hauchte sie und rauschte von dannen.

Ich habe immer noch nicht genau verstanden…“ begann Bastian, aber der Andere hob leicht die Hand.

Lassen Sie uns warten. Bis wir unsere Getränke haben und reden können, ohne Störung.“ Wieder das leichte Lächeln. „Ich glaube, es wird nicht lange dauern.“

Bastian grinste. „Das glaube ich auch.“

Sie bekamen ihre Bestellung schnell, und während Bastian Zucker über die Sahnehaube seines Kaffees streute und ihm beim langsamen Versinken zusah, nippte Roth leicht an seiner Cola und begann das Gespräch.

Es tut mir leid, dass ich sie in der Nacht geweckt habe. Aber ich wollte ihre volle Aufmerksamkeit.“

Hat funktioniert“, sagte Bastian säuerlich.

Gut. Sie verstehen, was ich von Ihnen möchte?“

Ich bin nicht sicher“, Bastian tat so als überlege er, in Wirklichkeit versuchte er, sich ein Bild von seinem Gegenüber zu machen. Es gab ein paar Punkte in Bastians Vergangenheit von denen er ziemlich sicher war, dass niemand darüber Bescheid wusste. Niemand außer Bastians Freund Joe Connor, der heute Speditionsunternehmer und Abgeordneter für Sinn Féin im Rat seiner Heimatstadt in Nordirland war. Und Joes Familie natürlich – und einige seiner Freunde. Aber diese Vergangenheit hatte dazu geführt, dass Bastian einen höllischen Schrecken bekommen hatte, als er die Mail gelesen und verstanden hatte, dass Derek Roth und die Leute um ihn zum britischen Militär gehörten. Auch wenn es hier anscheinend um etwas völlig anderes ging – Bastian wollte wachsam bleiben. In Roths Körperhaltung jedoch, seiner ganzen Mimik und Gestik und in seinem Verhalten war nichts, dass auf ein Geheimnis, einen Sinn hinter dem Sinn ihres Treffens hindeutete. Er wirkte völlig entspannt, wie ein Mann, der auf Urlaub ist und alle Muße der Welt hat. Er war fast schon zu relaxed, gemessen an den kryptischen Worten, mit denen er über den Auftrag geschrieben hatte, den er Bastian anbieten wollte.

Ich versuche mal, es zusammenzufassen,“ sagte Bastian, zog einen Zettel aus seinen Notizen, die auf der Fensterbank lagen und warf einen Blick auf die Stichworte. „1972 sind zwei Touristen aus Schottland, ein Ehepaar namens McCollaun, hier nach Deutschland gekommen. Um Ferien zu machen. Paul und… ähm… Heather McCollaun. Sie haben in Wuppertal gewohnt und sind in der zweiten Woche ihres Aufenthalts hier verschwunden. Und ich soll den Fall recherchieren. Richtig?“

Richtig,“ bestätigte Roth.

Und zu welchem Zweck? Ich meine… möchten Sie eine Zusammenfassung der Geschehnisse aus heutiger Sicht… oder…. ob es neue Erkenntnisse gibt… was genau wollen Sie?“

Der Schotte lächelte wieder fein. „Herr Mohr, was ich möchte… was mein Auftraggeber möchte ist, dass Sie den Fall lösen. Mein Auftraggeber ist sicher, dass die McCollauns gemordet wurden. Er möchte wissen wie, warum und vor allem – von wem.“

Bastian schaute ihn an, völlig überrumpelt. „Was? Mr…. Captain Roth, sie…“

Derek, bitte.“

Okay, Derek, Sie haben sich geirrt, glaube ich. Ich bin kein Privatdetektiv oder so etwas. Ich bin Redakteur, ich bin PR-Berater, ich kann nicht…“

Derek Roth schüttelte freundlich den Kopf. „Nein, nein, ich habe mich nicht geirrt. Wir… ich irre mich selten in solchen Dingen. Es heißt, dass sie ein sehr guter Rechercheur sind.“

Das mag ja sein,“ sagte Bastian. „Aber das bezieht sich auf Faktensammlungen für die Öffentlichkeitsarbeiten, verstehen Sie? Ich kann Firmen durchleuchten, das Verhalten von Personen analysieren… und was das Letztere betrifft, daran zweifle ich inzwischen auch. Ich bin nicht der Mann, der die Umstände von 40 Jahre alten Todesfällen aufklärt.“

Sein Gegenüber lachte leise. „Oh, jetzt sind sie unfair zu sich selbst. Vor ein paar Monaten haben sie einen Mörder gefunden. Morde aufgeklärt, nicht wahr? Einige davon geschahen vor fast 40 Jahren. Auf britischem Boden.“ Roth warf Bastian einen schnellen Seitenblick zu, der dem nicht entging. Er versuchte, unbeeindruckt zu wirken.

Das war Zufall. Und ich… Linda und ich, wir haben Glaser vielleicht aufgespürt. Aber er hätte uns fast auch umgebracht. Wir hatten Glück.“

Derek nickte bedächtig. „Glück, hm. Ich glaube nicht, dass das Glück war. Dieser seltsame Einbrecher, der sie gerettet hat – sie wissen wirklich nicht, wer das war?“

Nein“, sagte Bastian. „Sie?“

Nein“, sagte der Schotte lächelnd, „tatsächlich weiß ich es nicht. Leider. Aber ich habe eine Vermutung. Ich vermute, dass Ihr Freund, der ehrenwerte Joseph Connor, ihnen geholfen hat. Liege ich damit so falsch?“

Bastian starrte ihn an. „Was!?“ sagte er, und fand, dass das ziemlich überzeugend klang.

Roth seufzte. „Oh bitte. Wollen Sie mir nun sagen, dass Sie keinen Joseph Connor kennen?“

Selbstverständlich kenne ich Joe“, sagte Bastian. „Wir sind seit meiner Schulzeit befreundet. Und er hat mir sehr bei der Sache mit Glaser geholfen, das ist auch kein Geheimnis. Er ist Ratsherr, er hat Verbindungen, er konnte mir Informationen besorgen…“

Ja, das ist er. Ein Sinn Féin Mann mit sehr guten Verbindungen.“

Was ist dagegen einzuwenden?“ wollte Bastian wissen.

Absolut nichts“, sagte Derek mit überdeutlichem Sarkasmus.

Die beiden Männer starrten sich eine Weile an. Schließlich sagte Bastian, mühsam beherrscht: „Was wird das hier? Wollen sie mit mir über irgendwelche toten Schotten reden oder über meinen Freund Joe? Das können Sie vergessen. Ich glaube, wir haben uns nicht mehr viel zu sagen, oder?“

Oh,“ sagte Derek scheinbar leichthin. „Ich weiß nicht. Wir können auch über andere Dinge reden. Zum Beispiel über ein IRA-Kuriernetzwerk in Deutschland in den späten 80ern und den 90ern.“

Bastian reagierte nicht sichtbar und gratulierte sich zu seiner Selbstbeherrschung. In seinem Magen war siedend heiß Adrenalin explodiert.

Was wollen Sie mir unterstellen?“ frage er. „Wird das hier ein Erpressungsversuch?“

Roth schüttelte den Kopf, und schaute ihn mit diesen warmen, braunen Augen plötzlich wieder sehr freundlich an. „Nein, nein. Sie wollten doch das Thema wechseln. Und eine Erpressung wäre doch, wenn ich versuchen würde, von Ihnen Geld zu bekommen, ja? Ich biete Ihnen aber Geld an. Viel Geld, wirklich, mein Auftraggeber ist wohlhabend. Und es geht immer noch um… wie sagten Sie? Um irgendwelche toten Schotten.“

Bastian riss sich zusammen. „Tut mir leid. Ich wollte sie nicht beleidigen.“

Das haben Sie nicht. Um ehrlich zu sein: Die Toten waren meinem Auftraggeber sehr nah. Er möchte wissen, was ihnen geschehen ist. Ohne viel Aufsehen. Ohne die Behörden einzubeziehen. Diskret, verstehen Sie? Und wir vertrauen Ihnen, das herauszufinden. Möchten Sie uns nicht helfen?“

Habe ich denn eine Wahl?“

Er zuckte mit den Schultern. „Wollen Sie denn gar nicht wissen, wieviel wir ihnen bezahlen möchten?“

Bastian seufzte. „Wieviel denn?“

2000 Pfund pro Woche. Und damit wir nicht immer rechnen müssen würde ich sagen: Das sind 2500 Euro.“

Bastian dachte für einen Moment, er habe sich verhört. „Zweieinhalbtausend die Woche? Für eine Recherche?“

Sehen Sie… für meinen Auftraggeber ist das sehr wichtig. Sehr wichtig. Und auch, wenn das nach sehr viel Geld klingt – wir rechnen nicht damit, dass Sie sehr lange Zeit brauchen. Fünf Wochen. Zehn vielleicht. Und wir möchten, dass Sie gründlich arbeiten. Wenn sie andere Verpflichtungen haben, wären wir dankbar, wenn Sie sie auf ein Minimum reduzieren. Aber es ist uns klar, dass sie nicht all ihre Kunden verärgern können. Arbeiten Sie gut und gründlich für uns, das ist alles, was wir möchten.“

Bastian war inzwischen ziemlich sicher, dass sein Gegenüber wusste, dass er nicht viele andere Kunden hatte, die verärgern konnte. Laut aber sagte er: „Und was ist, wenn ich sie einfach nicht finde. Wenn ich nicht weiter komme, als wir jetzt schon sind? Oder wenn ich herausfinde, dass Ihr Auftraggeber sich irrt, und die beiden bei einem Unfall umgekommen sind oder sich nach Brasilien abgesetzt haben oder so etwas?“

Derek nickte zufrieden. „Dann ist das so. Sie werden mir einmal die Woche berichten. Wenn ich zu dem Ergebnis komme, dass weitere Ermittlungen sinnlos sind, dann stoppe ich es. Andernfalls gebe ich Ihnen den Auftrag für eine weitere Woche. Sie nehmen also an?“ Er zog zwei Umschläge aus der Innentasche seiner Jacke, einen weißen und einen braunen.

Ich weiß nicht genau,“ sagte Bastian und konnte nicht verhindern, dass er den weißen Umschlag fixierte. „Wo ist der Haken?“

Haken?“

Was ist faul an der Sache? Warum zahlen sie solche Summen nur für eine Recherche? Gut, ihr Auftraggeber stand den beiden Verschwundenen nahe. Aber trotzdem…“

Herr Mohr,“ sagte der Schotte sanft. „Bastian… ist das nicht offensichtlich? Die beiden sind verschwunden. Mein Auftraggeber denkt – ermordet. Und Sie sollen ihrer Spur folgen. Es könnte ein wenig gefährlich sein.“

Bastian schluckte. „Ein wenig?“

Na ja,“ Derek grinste entwaffnend. „Ein wenig schon. Aber das macht es doch spannend. Und ich bin ja auch noch da.“ Er legte seine Hand wie zufällig auf den weißen Umschlag. „Machen Sie mit?“

Leseprobe Ende

Bis morgen. 😉

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