Warum bei Beschreibungen Less More ist. Lesenswerter Beitrag von Marcusjohanus.

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schreckenbergschreibt: Kreativtechniken – Tarot und I Ging

That is not dead which can eternal lie
yet with strange aeons even death may die.

Sagt H. P. Lovecraft und das gilt auch für meinen Blog: Da bin ich wieder. 😀

Derzeit habe ich leider nicht viel Zeit zu bloggen, weil ich – und darüber gibt es nichts zu jammern – mit dem beschäftigt bin, was Schriftsteller tun sollten: ich schreibe! Ich habe gerade eine Kurzgeschichte fertig geschrieben, die ich kommenden Mittwoch auf einer Lesung vorstellen werde. Zwei Novellen habe ich noch nicht einmal angefangen, doch schon dräut die Deadline für eine Anthologie. Und dann ist da natürlich mein kommender Roman, dessen Veröffentlichung im September / Oktober ich beinahe mit mehr Freude und banger Erwartung entgegen sehe, als seinerzeit meinem Erstling. Ich liebe diese Geschichte und ihre Figuren fast zu sehr.

Und um diesen Roman soll es heute gehen – weniger um den Inhalt, als um den Schaffensprozess. Denn den Inhalt lest Ihr schon noch früh genug 😉 – aber ich habe meine Vorstellungskraft gerade mal wieder mit einer Kreativtechnik angefeuert, die ich sehr gerne aber viel zu selten nutze, weil sie vergleichsweise aufwändig ist. Aufwändiger jedenfalls, als ins Schwimmbad zu gehen und zwei bis vier Kilometer zu schwimmen, oder mich ins Auto zu setzen und mit dröhnender Musik ein oder zwei Stunden über Land zu fahren. Das mache ich ganz gerne, wenn ich ein paar Ideen brauche. Diesmal aber brauchte ich mehr. Und das kam so:

Ich hatte das Manuskript für besagten Roman (Arbeitstitel „Terra Incognita“, wird veröffentlicht als „Der Wandernde Krieg: Sergej“) beim Verlag abgeliefert – eine recht komplexe Geschichte mit drei Haupt- und zwei Nebenhandlungssträngen. Ein wichtiger Handlungsort ist das fiktive Städtchen „Langenrath“ und darin der Stadtteil „Neurath“. In Neurath und mit den Neurathern gehen einige Veränderungen vor, die ich im Laufe der Handlung andeute, meist indirekt, reflektiert durch eine der Hauptfiguren.  Diese Veränderungen in Langenrath und Neurath, so schlug der Lektor vor, solle ich ausbauen: Hier und da ein Zusatzkapitel, das streiflichtartig erhellt, was meine Figur in ihren Tagebüchern sonst nur andeutet.

Mir gefällt die Idee, und Figuren für diese kleinen Einschubpassagen hatte ich schnell gefunden – es sind ja genug da. 😀 Aber mir fehlte noch eine genaue Vorstellung davon, wie sich das, was in Neurath passiert im alltäglichen Leben auswirkt, ich muss quasi die Geschichte eines Stadtteils über zwei Jahre entwerfen – und das nur, um ein paar kleine Streiflicher zu schreiben. Ich brauchte eine Hintergrund, ohne zu spezifisch zu werden. Also griff ich zu meinen Tarotkarten und zum I Ging.

Ich weiß – heute denken viele, wenn sie „Tarot“ oder „Kartenlegen“ hören, an abgelebte Frauen die im Fernsehen behaupten, Kontakt zu Engeln zu haben und Menschen, die aus mir nicht erklärlichen Gründen bei ihnen anrufen, potentiell in den Selbstmord faseln. Und wir alle wissen: Wer „Die Liebenden“ zieht muss mit James Bond schlafen, ob es dem örtlichen Voodoo-Priester nun passt oder nicht.

Darum geht es selbstverständlich nicht. Es mag Menschen geben, die glauben, dass „die Karten die Zukunft kennen“ – ich persönlich glaube das nicht. Was ich aber glaube ist, dass Tarot ein sehr guter Weg ist, mit dem eigenen Unterbewusstsein in Kontakt zu kommen und sich von dort Antworten und Inspiration zu holen. Aus diesem Grunde nutze ich auch die Motive von Lady Frieda Harris, auch gerne als Crowley-Tarot bezeichnet. Sie sind, von den mir bekannten Decks, am wenigsten eindeutig und beschäftigen die Phantasie am meisten. Zumindest meine Phantasie. 😉

Das „I Ging“ gilt als seriöser, warum auch immer. Ich glaube, dass die drei 20 Pence Stücke, die ich werfe, die Zukunft genausowenig kennen wie die 22 großen Arkana. Die 20p nehme ich, weil sie so schön sechseckig sind und weil mir die Rose gefällt und mal ehrlich: Man kann über Pfund und Euro ja viel diskutieren, aber ÄSTHETISCHER sind die englischen Münzen auf jeden Fall. Früher hatte ich sogar mal drei alte chinesische Münzen, blöderweise waren die aber nur voller chinesischer Schriftzeichen, und ich wusste nicht, welche Seite Kopf und welche Zahl ist. 😀 Wie das Tarot, so eignen sich auch die Hexagramme des I Ging sehr gut, das eigene Unterbewusste zu erforschen – wenn man davon ausgeht, dass dieses in der Lage ist, sowohl den Münzwurf als auch das Mischen und ziehen der Karten unbemerkt zu beeinflussen. Es spricht einiges dafür, dass das so ist, und ich habe mit dieser Annahme bisher gute Erfahrungen gemacht.

Wie genau man die Karten legt oder das I Ging benutzt will ich jetzt hier nicht ausbreiten, wer sich dafür interessiert findet eine Menge Literatur. Zumindest für’s I Ging braucht man die, mit Tarot kann man notfalls auch alleine über Assoziation arbeiten. Ich würde aber jedem raten, sich ein wenig in das Thema einzulesen.

Das „I Ging“ – das Buch der Wandlungen“ benutze ich für meine Geschichten dem Namen entsprechend: Es soll mir Handlungsverläufe, grundlegende Entwicklungen vorschlagen. Phillip K. Dick hat bekanntlich auf diese Art seinen Roman „The Man in the High Castle“ entworfen, und das ist ein verdammt guter Roman – ich befinde mich also in bester Gesellschaft.

Ich werde jetzt hier nicht lange erzählen, welche Entwicklungen ich für die einzelnen Passagen meines Buches und für Neurath geworfen habe, nur soviel: Es passt sehr gut. Es hat mir noch einmal klar gemacht, wie die Situation sich den Dörflern darstellt, nachdem diese eine, sehr entscheidende Sache passiert ist. Wie beherrschend eine bestimmte Figur ist und wie sehr sie – bei all den vielen Dingen die geschehen – den Ort im Griff hat. Denn ich habe, und das ist ungewöhnlich, nur statische Hexagramme geworfen, keine Wandlung. Neurath ist gewissermaßen arretiert, gekettet an diese eine Figur, und es entwickelt sich nur noch mit ihr und durch sie. Spreche ich in Rätseln? Nun – ich will nicht spoilern. Aber ihr werdet es erkennen, wenn Ihr das Buch lest. Und ich hoffe, die Streiflichter, die ich schreiben werde, werden das erhallen.

Das Tarot funktioniert etwas anders: Ich lege ein klassisches Kreuz, Fragekarte in der Mitte, Erläuterung zur Frage im Süden, Vergangenheit im Westen, Gegenwart im Norden, künftige Entwicklung im Osten. Dazu kämen, wenn es um eine Selbsterforschung ginge, noch ein bis drei „Orakelkarten“, aber die brauche ich hierfür nicht. Was ich hier wissen möchte ist: Wie verhält es sich mit der zentralen Entwicklung, nach der ich frage (Fragekarte), welche Bedeutung hat sie für die Geschichte/den Handlungsstrang (Erläuterung), welche Entwicklung in der Vergangenheit der Geschichte (Vergangenheit) hat zu der untersuchten Situation (Gegenwart) geführt und wie wird sie sich weiter entwickeln (Zukunft)? Dabei halte ich mich nicht allzusehr an den Namen der Karte, das sollte man sowieso nicht tun, und es würde mich als Geschichtenerzähler zu sehr einengen (Der Kaiser – die Liebenden – der Tod – alles klar :-D) sondern beschäftige mich mit der Symbolik der Karten (wie gesagt – Bücher sind hilfreich) und den Bildern selbst. Das funktioniert großartig und kann ein toller Augenöffner sein.

Ebenso hilfreich kann das Tarot beim Entwerfen einzelner Figuren dienen, sowohl, was ihren Charakter als auch, was ihre Entwicklung betrifft. Ich kann jeder Autorin und jedem Autor nur raten, es einmal damit zu versuchen.

AND NOW FOR SOMETHING COMPLETELY DIFFERENT:

Ich frage auf meiner Facebookseite nach Eurer Meinung zu den Coverentwürfen des Verlages für den kommenden Roman. Unter allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern verlosen wir drei signierte Exemplare von „Der Wandernde Krieg: Sergej“. Wenn Ihr mitmachen wollt, schaut hier. Vielen Dank und viel Glück! 🙂

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schreckenbergschreibt: Meine Stadt – Langenrath

Gestern habe ich den Verlagsvertrag für meinen nächsten Roman unterschrieben. Er wird den Titel „Der Wandernde Krieg: Sergej“ tragen – und Ihr liegt nicht falsch, wenn Ihr vermutet, dass sich noch andere Romane anschließen werden deren Titel mit „Der Wandernde Krieg:“ beginnt. Keine Sorge – ich werde nicht beginnen, eine Reihe zu schreiben. Diese Geschichte war von Beginn an als Trilogie geplant, und Trilogie bedeutet – drei abgeschlossene Romane, jeder für sich lesbar und verständlich. Der erste Teil erscheint, wenn alles klappt, Mitte – Ende September dieses Jahres. Aber das nur am Rande, heute will ich mich nicht mit diesem kommenden Roman beschäftigen, sondern mit der Stadt, in der er zum Teil (und zu einem wichtigen Teil) spielt: Langenrath.

Die Geschichte Langenraths beginnt mit der Geschichte des kommenden Romanes – „Sergej“ wie ich ihn kurz nennen werde oder „Terra Incognita“ (oder kurz: TI), das war lange, sehr lange der Arbeitstitel (von 1998 bis vorgestern, um genau zu sein). Gemäß meinem Grundsatz, dass ich meine Geschichten am liebsten dort spielen lasse, wo ich mich selbst gut auskenne, sollte diese Geschichte vor allem in Leverkusen und einer benachbarten Stadt spielen, in der ich aufgewachsen bin. Es ergab sich nur ein Problem – im Laufe der Geschichte nimmt ein Ortsteil dieser Stadt ganz erheblichen Schaden. Außerdem brauchte ich, ganz in der Nähe dieses Ortsteils, ein bestimmtes Gebäude (das „Gut“, ihr werdet es im Buch bald erkennen). Und in der Nähe des Gutes ein Feld und einen Wald und einen Waldrand mit ganz spezifischen Merkmalen. Und natürlich gab es genau diese Gegebenheiten in der Wirklichkeit nicht. Ich stand also vor der Wahl: ändern oder neu schaffen?

„Ändern“ hätte bedeutet, dass ich die reale Stadt meinen Bedürfnissen anpasse. Das wäre nichts Neues gewesen – im „Finder“ und in „Die Träumer“ habe ich genau das gemacht. Wer aufmerksam durch Leverkusen und Wuppertal (zum Beispiel) geht, wird zwar feststellen, dass ich mich in beiden Romanen sehr oft an die Realität gehalten habe, dass ich mir aber auch einige Freiheiten erlaubt habe: Den Bunker, in dem die Party zu Beginn des „Finders“ statt findet, gibt es zwar – aber man konnte ihn zuletzt vor 20 Jahren für Partys mieten, heute hat er einen anderen Zweck. Wer sich die Mühe macht, in der Gegend, in der ich den Hof von Daniel, Esther und ihren Gefährten ansiedele, nach diesem Hof zu suchen, wird vermutlich den einen oder anderen ähnlichen Hof finden – aber das Vorbild (das es gibt) steht ganz woanders. Auch die Waldkaserne in Hilden gibt es – aber sie sieht in meiner Geschichte von innen eher aus wie die Röttigerkaserne in Hamburg, in der ich meinen Wehrdienst geleistet habe, und die ich auf laaaangen Wachstreifen sehr gut kennengelernt habe. Ähnlich ist es mit den „Träumern“. Wer – vielleicht auf den Spuren von Chloe Lynch – in Opladen zum Beispiel das Haus sucht, in dem Bastian wohnt, wird feststellen, dass er Chloes Weg vom Bahnhof aus genau nachvollziehen kann, inklusive des Cafés in dem sie sitzt und beobachtet, des Friseurs und der Bank, deren Aushang sie liest. Das Haus selbst aber wird er nicht finden. Da ist wohl ein Haus, und es ähnelt auch dem in meiner Beschreibung – aber für meinen Protagonisten musste ich mir eben dann doch einige Spezifika ausdenken, von der Luxuswohnung in der er wohnt bis hin zu der langsam schließenden Haustür, die Chloe nutzt, um sich Zugang zu verschaffen.

Ich gehöre nicht zu den Autoren, die den Anspruch haben, jeden Baum richtig zu benennen und die Zahl er Fenster in jedem Haus, dass ihre Figuren passieren, richtig gezählt zu haben. Ich weiß, dass es diese Autoren gibt und dass viele Leser solche Geschichten sehr gerne haben, gerade wegen des Wiedererkennungseffektes. Aber meine Geschichten funktionieren anders. Ich möchte zwar (schon alleine, weil es das Schreiben erleichtert) nah an den realen Gegebenheiten bleiben und nehme dafür auch gerne viel Recherche auf mich, mache viele Fotos, renne mit Notizblock und Diktiergerät durch die Gegend – ganz alte Schule. Wenn aber die Notwendigkeiten der Geschichte mit der Realität kollidieren, dann regiert die Geschichte und im Leverkusener Chempark erscheint eine komplette Fabrik wo keine ist oder der Keller eines Kasernengebäudes aus Hamburg befindet sich plötzlich in Hilden. Ich schreibe keine Dokus.

Und nun stand ich plötzlich da, mit der Notwendigkeit, einen ganzen Ortsteil und seine Bewohner zu verändern, teilweise zu vernichten und alles in allem nicht besonders gut aussehen zu lassen. Zu diesem Ortsteil brauchte ich das Gut. Und den Wald. Und das Feld. Und dann einen Bauernhof. Und noch ein Wäldchen. Hügel. Einen Gasthof an der Landstraße. Die Landstraße selbst… die Geschichte wuchs und wuchs und mit ihr die Notwendigkeiten, die real existierende Stadt zu verändern, bis mir schließlich klar war, dass es so nicht mehr ging. Immer noch zu behaupten, dies sei die real existierende Stadt, wäre lächerlich gewesen. Also musste ich den größeren Wurf wagen: Ich schaffte mir meine eigene Stadt. Und ihr Name sollte „Langenrath“ sein, das klingt sehr bergisch und den hiesigen Flurnamen ähnlich. Und damit war auch gleich der vermaledeite Ortsteil mitgeboren: „Neurath“.

Ich habe ein Vorbild, was dieses Vorgehen betrifft: Stephen King hat für seine Geschichten die Städte Castle Rock und Derry in Maine geschaffen. Das Vorbild für Derry ist Bangor, Castle Rock hat, soviel ich weiß, kein Vorbild. Langenrath ist eine Verbindung aus beidem: Es hat ein Vorbild (und ich nenne diese Stadt in keiner der Langenrath-Geschichten beim Namen, behaupte aber auch nie, es gäbe sie nicht – der Leser mag denken, was er möchte), ähnelt diesem aber weniger als Derry Bangor ähnelt (laut Stephen King, selbst nachprüfen konnte ich es leider noch nicht).

Mit Castle Rock verbindet Langenrath, dass es bald zu einem Mittelpunkt meines Geschichtenuniversums wurde – zumindest zum Mittelpunkt meiner Mystery- oder Horrorgeschichten. Nach dem ich den Ort für „Terra Incognita“ / „Sergej“ geschaffen hatte, gewann er bald ein Eigenleben. Ein Handlungsstrang in „Der Ruf“ beginnt dort, mehrere Kurzgeschichten spielen hier, selbstverständlich werden alle Teile der Trilogie um den „Wandernden Krieg“ hier Schauplätze haben und auch ein weiterer, bisher nicht abgeschlossener Roman mit dem Arbeitstitel „Königskinder“ ist in Langenrath angesiedelt. Es gibt wiederkehrende Figuren, allen voran die Journalistin Recha Gold von der Lokalzeitung „Langenrather Neueste Nachrichten“.

Die Stadt wächst. Begann sie ihre Existenz in „Sergej“ mit einem Bahnhof, einer Fußgängerzone und eben Neurath, so kamen noch im selben Roman eine Kirche, ein See, die Post und vieles mehr hinzu. Die Kurzgeschichte „Im Block“ steuerte eine genauere Verortung zwischen den (realen) Nachbarstädten und eine Tankstelle bei. Da die Protagonisten in „Königskinder“ Jugendliche sind, gewann Langenrath plötzlich mehrere Schulen, eine Disco und einen Gothic-Club, eine Bar, ein Café, einen Stadtpark und ein Schwimmbad – die Stadt wächst mit den Geschichten, sie ist lebendig. Und es geht mir mit ihr wie mit meinen Geschichten oft, ich weiß noch nicht genau, wohin sie sich entwickeln wird und wie es mit ihr weiter geht. Eins aber ist klar: Sie ist jetzt schon dabei, sich ihre eigene Geschichte zu schaffen, die Figuren in „Königskinder“ nehmen oft Bezug auf die Geschehnisse in „Sergej“, obwohl die Geschichten eigentlich nur lose miteinander zu tun haben. Aber sie spielen eben in der selben Stadt, und die Jugendlichen aus „Königskinder“ sind zur Zeit, in der „Sergej“ spielt, noch Kinder, der Schrecken, der über ihre Stadt kommt, prägt sie mit.

Ich bin gespannt, wie es mit Langenrath weiter geht, ich habe Pläne für die Stadt. Und ich werde Euch auf dem Laufenden halten, wenn es so geht, wie ich hoffe, könnt ihr diese Pläne sogar aktiv mitgestalten. Aber das ist noch Zukunftsmusik. Heute kann ich Euch zumindest schon einmal auf einen kurzen, nächtlichen Besuch in meine Stadt einladen – mit dieser Kurzgeschichte:

Im Block

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schreckenbergliest: Myriane Angelowski – Der Werwolf von Köln

Bevor ich in die Kritik des nächsten Buches einsteige, muss ich Euch noch einmal auf die Regeln hinweisen, denen ich mich selbst unterworfen habe. Es könnte nämlich den regelmäßigen Verfolgern dieses Blogs auffallen, dass ich die Autorin – Myriane Angelowski – persönlich kenne und schätze. Das gilt auch für Volker Streiter, den Autor des zuletzt rezensierten Buches. Nur habe ich bei Volker eben gesagt, „Fressen ihn die Raben“ sei ein gutes, lesenswertes Buch. Myrianes Roman werde ich im Folgenden über die Maßen loben und preisen, und deshalb sei hier noch einmal deutlich gesagt:

ICH SCHREIBE KEINE GEFÄLLIGKEITSREZENSIONEN!

Was ich schreibe ist meine subjektive Wahrheit. Und das mir unbekannte Buch eines Autors oder einer Autorin zu öffnen, den/die ich kenne und mag, ist ein Wagnis. Es kann passieren, dass mir das Buch nicht gefällt – was mache ich denn dann? Nun – siehe Regeln. Es kann mir aber auch so etwas passieren, wie Myrianes „Der Werwolf von Köln„. Und dann muss ich eben… aber der Reihe nach:

Verlag und Autorin nennen es „Mystery Thriller“, und sie sind damit den schweren Weg gegangen, den ich auch gehen werde, aber seien wir ehrlich: Ich bespreche hier den Horror-Roman einer deutschen Autorin. Wie schön, für einen Horrorfan wie mich. 🙂

Inhalt

Im Prolog verschwindet ein Kind während einer Schnitzeljagd. Es ist ein Kinderferienlager, die Gruppenführerin passt nicht auf, die große Schwester ist mit Knutschen beschäftigt und abends fehlt ein Junge. Er ist einfach verschwunden. Dann beginnt die Haupthandlung, und ich sage bewusst „die Haupthandlung“, nicht „die HaupthandlungEN“ obwohl Buch zwei Handlungsstränge hat, die sehr deutlich getrennt sind, auch wenn es Verbindungen gibt oder zu geben scheint. Wie Myriane Angelowski diese Stränge aber dann am Ende zusammenführt das ist… aber zum Urteil später. Also – die Handlungsstränge:

Der eine spielt in der frühen Neuzeit*, beginnt 1565 und endet 1593. Zu Beginn verkauft ein junger Mann – Peter Stubbe – seine Seele dem Teufel und zum Schluss bezahlt er dafür, dazwischen verfolgen wir das Schicksal einiger Menschen, deren Leben er berührt und meist zerstört. Hier zu verkünden, dass Peter Stubbe am Ende stirbt ist kein Spoiler, Stubbe ist eine historische Figur. Ich rate Euch, sein Leben erst zu recherchieren, nachdem ihr den Roman gelesen habt, denn Myriane Angelowski spinnt um diesen historischen Fall eine gut und grausig erzählte Geschichte mit überraschenden Wendungen und Verbindungen. Spoilert Euch die nicht kaputt. Ich habe es auch nicht getan. 😉

Der andere Handlungsstrang verfolgt einige entscheidende Tage im Leben von Amanda, einer Kölner Schülerin im Hier und Jetzt. Zuerst erscheint Amanda als Klischeefigur: psychische Probleme, ritzt sich, Stress mit Mutter und Stiefvater… wie das eben so ist, wenn es bei einem sensiblen Mädchen mit Hang zum Düsteren schief läuft. Doch das Klischee ist eine Falle – eine gut gestellte Falle, denn wir glauben Klischees ja allzu gerne, nicht wahr? Amanda ihrerseits glaubt, auf dem Rückweg von einer Party jemanden überfahren zu haben. Und obwohl das ganz offensichtlich nicht wirklich passiert ist, nimmt die Vision sie dermaßen mit, dass ihre labile Psyche wieder auf der Kippe steht. Amanda bittet ihre Mutter – Irmelis – sie für einige Tage zu ihrer Tante Hedwig nach Bedburg ziehen zu lassen. Hier hat Amanda als Kind einige schöne Zeiten verbracht, hier will sie zur Ruhe kommen. Irmelis stimmt zu.

Gleichzeitig geschehen in und um Köln Morde in Serienkillermanier – so meint die Polizei. Wir aber erleben, was vor mehr als 400 Jahren in der selben Gegend geschah, sehen die Parallelen – und beginnen, uns ernsthafte Sorgen um Amanda zu machen, denn irgend etwas hat sie mit der Sache zu tun…

Urteil

Das letzte Buch, das ich in einem durchgelesen habe, ohne zu schlafen, an einem Tag und in einer Nacht, war „Es“ von Stephen King. Und das ist SEHR lange her, meine deutsche Ausgabe ist aus dem Jahre 1986. Das letzte Buch, das ich tief in der Nacht zur Seite legte, aus schmerzhafter Vernunft, denn ich hatte am nächsten Tag eine wichtige Recherche und eine lange Heimfahrt von Hamburg ins Rheinland vor mir, war „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“, von Joanne K. Rowling. Das letzte Buch, das mich so gefesselt hat, dass ich in jeder freien Minute zu ihm zurück wollte – und ich meine „Minute“, jeder Satz war mir Droge – war „Consider Phlebas“ von Iain M. Banks. Myriane Angelowski hat es geschafft, sich zumindest für dieses Buch (andere kenne ich von ihr noch nicht) bei mir in diese Liga zu spielen. An „Es“ reichte es nicht ganz heran – ich habe geschlafen – aber mit den anderen beiden ist „Der Werwolf von Köln“ auf einer Linie.

Dies ist eine sehr klug gesponnene und verwobene Horrorgeschichte, und ihre Heldin ist selbstverständlich Amanda. Die Geschichte aus dem 16. Jahrhundert ist Hintergrundinformation, aber eine großartig erzählte Hintergrundinformation mit dem Wert einer eigenen Geschichte oder besser – eigener Geschichten, denn es sind gut verbundene Episoden. In Wirklichkeit aber geht es eben um Amanda, um das, was mit ihr geschieht und warum es geschieht. Ich würde Euch SO gerne erzählen, warum ich diese Amanda-Geschichte so liebe, warum mir diese Figur so ans Herz gewachsen ist und warum dieses Buch – obwohl einerseits eine klassische Werwolferzählung – in Wirklichkeit doch eine ganz andere Horrorgeschichte ist. Aber ich kann es nicht, ich müßte spoilern.

Belassen wir es also hierbei: Der Werwolf von Köln hat mich gefesselt, die Geschichte hat mich – einen erfahrenen und gestandenen Horror-Kenner seit 30 Jahren – überrascht. Und zwar auf diese angenehme Weise überrascht, wenn man der Autorin permanent auf der Spur ist, vieles richtig ahnt und versteht und dann doch von der letzten Verbindung kalt erwischt wird – und dann die ganzen Schleifen und Kreise erkennt, die gut gepflanzten Andeutungen und all diese kleinen Stellen, die so wunderbar ineinander greifen. Da gibt es keinen Deus Ex und keinen faden Beigeschmack, da passt und stimmt alles, das macht einfach Spaß. Und der Epilog ist toll.

Die Geschichte ist sicherlich gut recherchiert, wahrscheinlich stimmt die historische Beschreibung Kölns und der Umgebung und man nannte das Bier damals wirklich „Gruit“ und alles, aber wisst Ihr was – das ist mir egal. 😀 Denn die Geschichte ist so gut, dass ich Myriane locker verzeihen würde, wenn sie den Rhein aufwärts fließen ließe. Ärgerliche historische Ungenauigkeiten – wie zum Beispiel Schätzings berühmte Tabakpfeife in „Tod und Teufel“ – habe ich nicht gefunden.

Eine tolles Buch. Jeder Horrorfan, jeder deutsche Horrorfan zumal, sollte es kennen. Und wer immer eine spannende, gut gestrickte Geschichte mag auch.

* Für Nichthistoriker: Das Mittelalter endete, nach den meisten Datierungen, 1492 als Columbus die neue Welt erreichte. Ein Ereignis, von dem die allermeisten Menschen seiner Zeit nichts bemerkten oder wussten und dass ihnen wohl auch herzlich egal gewesen wäre – aber so ist das nunmal mit der willkürlichen Einteilung von Epochen. 😉

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schreckenbergliest: Volker Streiter – Fressen ihn die Raben

Und ich beginne mit diesem Krimi:

Wieso lese ausgerechnet ich einen Alpenkrimi? Ich bin ein Wassermensch, ich will nicht irgendwo meinen Urlaub verbringen, wo es sehr große Steine gibt, ich will ans MEER. Das gemeinsame diktatorische Regime von meiner Mutter und mir hat dazu geführt, dass mein Vater und meine Schwester niemals in den Bergen Urlaub machen durften, sondern immer mit uns an den nächstbesten Ozean mussten. Einmal Bayerischer Wald war das Äußerste. Und ich wohne zwar an der Grenze einer Gegend, die sich „Bergisches Land“ nennt, aber das hat mit echten Bergen nun wirklich nichts zu tun. Wie komme ich also dazu? Nun – wie bereits hier beschrieben, habe ich Volker Streiter im Rahmen der CRIMINALE 2012 kennengelernt, wir haben Bücher getauscht, und wenn mir ein sympathischer Kollege schon sein Werk gibt, dann sollte ich es auch lesen. Getan! Und das kam dabei heraus:

Inhalt

Die Kölner Kriminalpolizistin Elke Hundgeburth zieht sich aus Liebesfrust für eine Woche in die Alpen bei Berchtesgaden zurück, um beim Wandern in der und dem Blick auf die Natur den Kopf frei zu bekommen. Was sie nicht weiß, wir aber schon – kurz vor ihrer Ankunft ist hier ein Mord geschehen. Und während sich in Berchtesgaden selbst ein Sprengstoffanschlag auf einen Reisebus voller Nazis ereignet, der die Mordexperten der dortigen Polizei auf Trab hält, taucht das Opfer des ersten Mordes hoch in den Bergen wieder auf. Stück für Stück. „Feld-Wald-und-Wiesen-Ermittlerin“ Elke (ihre Worte) folgt mit einer Mischung aus Neugier und professionellem Interesse den Spuren und steckt bald mitten in dem Fall – obwohl sie doch eigentlich nur Urlaub machen wollte.

Urteil

Mir hat „Fressen ihn die Raben“ gut gefallen, und zwar gleich aus mehreren Gründen. Zum einen merke ich (oder glaube zu merken), dass der Autor Ahnung von dem hat, was er da schreibt. Sowohl seine Schilderung der Polizeiarbeit als auch die Schilderung der Bergwelt nebst Wanderertypen erscheint mir glaubhaft. „Erscheint mir“, da ich es eben nicht weiß – ich bin weder Bergwanderer noch Polizist, ich kann das nicht wirklich beurteilen. Aber ich fühle mich hier die ganze Zeit gut aufgehoben, ich vertraue Volker Streiter (was in diesem Falle nichts mit unserer persönlichen Bekanntschaft zu tun hat, sondern ausschließlich mit seiner Geschichte 😀 ).

Dann gefällt mir der Stil. Dies ist ein altmodisch erzählter, ruhiger Krimi. Vergleichbar mit den klassischen Ermittlergeschichten streut der Autor Hinweise, falsche und richtige Fährten, ich kann Elke bei ihren Ermittlungen folgen, meine eigenen Schlüsse ziehen, richtig oder falsch liegen. Dies eingebettet in eine sehr ausführliche (aber nicht ermüdende) Schilderung von Bergwelt, Routen, Schauplätzen und Sinneseindrücken, bis hin zu Gerüchen. Ich könnte mir vorstellen, dass das dem einen oder anderen zuviel ist. Wer schnelle Schnitte und eine grauenvolle Pointe mit ungeahnten menschlichen Abgründen sucht, der wird hier nicht bedient. Auch wer Psychothriller liebt oder Geschichten an der Grenze zum Übernatürlichen (wie ich sie schreibe) sucht ist hier falsch. Diese Geschichte ist durch und durch realistisch, von den Naturschilderung über die eingestreute Liebesgeschichte (Elke und ihr Lover werden ihre Probleme nicht binnen weniger Tage auf wundersame Weise los – wie im echten Leben eben) bis hin zur letztlichen Auflösung der Kriminalfälle. All das erscheint im Nachhinein wenig ausgedacht und sehr nah an der Wirklichkeit – und ist eben deshalb doch überraschend.

Wenn man sich nicht daran stört, dass Volker Streiter seine Dramturgie sehr langsam aufbaut, dann gibt es an dieser Dramaturgie wenig zu kritisieren. Der persönliche Stil des Autors und seine Sprache gefallen mir sehr gut. Zwei Kritikpunkte habe ich allerdings auch: Zum einen wechselt Volker Streiter hin und wieder in einer Szene die Perspektive, mal sehe ich durch Elkes Augen, dann durch die ihres Gesprächspartners, dann bin ich plötzlich wieder beim allwissenden Erzähler. Das ist an sich nicht verboten, mich persönlich irritiert es aber. Und in einem Punkt ihrer Ermittlung, der das Motiv für den Mord betrifft, hat Elke einen Informationsvorsprung, den ich bis zum Schluss nicht aufholen kann. Allerdings habe ich auch einige Informationen, die sie nicht hat, ich fühle mich also nicht um meine eigene Chance zu ermitteln betrogen.

Ich bin ein Fan von Phantastischer Literatur und ich liebe das Meer. Bergfans und Freunde bodenständiger, realitätsnaher Geschichten von „Fressen ihn die Raben“ zu überzeugen dürfte Volker Streiter nicht schwer fallen. Jemanden wie mich aber für diese Geschichte zu gewinnen – dazu gehört schon etwas. 🙂

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