schreckenbergschaut: FANTASY FILMFEST 2012 – V/H/S

Hallo!

Nein, ich bin nicht weg, ich bin nichtmal im Urlaub oder so. Ich schreibe nur eben einen sehr unregelmäßigen Blog. Habe ich doch gesagt.

Wer meine Romane kennt wird sich nicht wundern, dass ich ein großer Fan des Fantasy Filmfestes bin. Bisher habe ich es noch in jedem verlegten Buch erwähnt, im Finder erinnert sich Daniel daran, als er einmal darüber nachdenkt, was die Überlebenden an geliebten Kleinigkeiten verloren haben. Er erwägt sogar kurz, nach Köln zu fahren und zu versuchen, ein Kino im Cinedom wieder in Gang zu bekommen. In den Träumern nimmt es eine wichtigere Rolle ein, wir lernen Bastian zu Beginn des Buches kennen, als er entnervt einen miesen Festivalfilm verlässt. Außerdem ist das Fantasy Filmfest seine (erste) große Gemeinsamkeit mit Linda – sie sehen sich (unter dem Spott ihrer jeweiligen Lebenspartner) gemeinsam viele Filme an, sie diskutieren darüber nachher bei Fast Food – wie man das eben so macht, als Festivalfan. Ich habe da einiges an persönlicher Erfahrung und Liebhaberei rein gelegt – die ganze Atmosphäre, die ganzen Nerds die mit Sicherheit kein bisschen nerdiger sind als ich, dieses prickelnde Gefühl vor dem Film, wenn man nichts weiß (Nur absolute Anfänger verlassen sich auf das Programmheft, das LÜGT! 😀 ), außer, dass dieser Film aufgrund der in den Jahren gesammelten Erfahrung ganz gut zu sein verspricht…

Und auch ich besuche das Fantasy Filmfest normalerweise mit einer guten Freundin, die aber diesmal unter völlig fadenscheinigen Vorwänden (Beruf: Wichtige Drehbuchüberarbeitungen, baldiger Drehbeginn, blablabla, als wenn man so einen Dreh nicht mal eben um eine Woche verschieben könnte für das Heilige FFF ) abgesagt hat (miss you, Beste 😉 ). Dieses Jahr nun summiert sich das Pech allerdings auf. Nicht nur, dass der blöde ORF seine großartig geschriebene Serie ausgerechnet zum ungünstigsten Zeitpunkt planen muss, nein – ich habe diesmal selbst so wenig Zeit, dass ich nur sechs (SECHS!!!) Filme sehen kann. Nur 6!!! Ich!!! Mehr nicht!!!!!!!! Katastrophe. Aber was soll ich machen? Wenn ich die Ehre habe, bei der ersten Ausgabe des neuen Kölner Krimifestivals Crime Cologne lesen zu dürfen, dann lehne ich das nicht ab, wie könnte ich. Und dann beginnt mein Kurs bei den Leverkusener Jugendkunstgruppen. Und die Lehrer meiner Kinder haben Sprechtage. Und dann ist da noch dieser Roman, der Anfang Oktober erscheinen soll… Alles sehr geballt diesmal.

Aber ich werde Euch natürlich an meinen Erfahrungen Teil haben lassen! Mal sehen, vielleicht mache ich sogar nach dem Festival damit weiter, die FNHF dümpeln ja derzeit etwas vor sich hin. Ich werde Euch meine sechs Filme also hier vorstellen, und ich beginne mit:

V/H/S
(USA 2012)

Drehbuch: Ohne – ach doch, Moment: 10 Autoren! Nö, dafür habe ich keinen Platz, die liste ich nicht auf. Ich wette, sie werden mir irgendwann dankbar dafür sein.

Regie… also: „Regie“ – auch Zehn. „Diverse“, sagt man da wohl.

Auch das FFF hat seine dunkle Seite – die Eingangssequenz in den Träumern (NACH dem Prolog) ist keine Erfindung! Den Film habe ich wirklich gesehen, ich habe ihn nur leicht abgeändert, außerdem war er nicht französisch sondern spanisch und – thank Good for little favours – nicht in 3D. Das war aber auch alles. Mistiger Mistfilm, mistiger. Aber eben auch so etwas kommt vor: Man setzt sich in einen unbekannten Film, Trailer, Programmheft (ICH IDIOT!!!! Fool me XXXth – shame on me!), Vorrecherche im Internet haben Vielversprechendes versprochen und dann kommt Mist. Das ist das Risiko bei einem Festival.

Blöd natürlich, wenn man nur sechs (6!!!) Karten hat, und direkt der erste Film ist ein tiefer Griff ins Klo.

Inhalt:

Einige kriminelle bis kriminell alberne Subjekte werden angeheuert, ein VHS-Tape zu klauen. Sie brechen in das Haus ein, finden dort eine vermeintliche (nein, das ist KEIN verdammter Spoiler, das ist jedem im ersten Moment klar, der in seinem Leben schon mal jemanden gekannt hat, der eine Schwester hat, deren Ex-Freund Horrorfilme mochte, näher muss es gar nicht sein) Leiche und gaaaaanz viele Tapes. Und darauf sind gaaaaaanz viele ganz doll schlimme Sachen zu sehen, uiuiuiuiui! Episodenfilm. Ach ja, Moment:

************ SPOILERWARNUNG**********************

Am Ende werden alle ganz doll blutig tot gemacht. Uiuiuiui.

*************ENDE SPOILERWARNUNG****************

Urteil

Ja, was soll ich sagen? Schlecht. Die erste Episode WÄRE ganz gut, wenn sie nicht von all diesen schrecklich vorhersehbaren Geschichten die vorhersehbarste wäre (Ganz ehrlich Leute, die Frage ist doch nur, WAS das Mädel ist, sonst ist alles von Anfang an klar, oder?).  Die letzte (oder war’s die vorletzte?) hat einen netten Twist am Ende, aber ist dafür ist sie in der selben miesen Optik wie der ganze Rest. Kleiner Hinweis an die Filmemacher: Es stimmt schon, die Optik von VHS Filmen war manchmal mies. Aber die 90er an sich (oder die 80er oder was immer das sein soll) waren schon an sich kontrastreich und scharf gestellt. Ich weiß es, ich war dabei. Die 50er waren ja auch nicht schwarzweiß. Wenn man also in den 80er/90ern jemanden aufschlitzte, ihm Organe rausriss, ihm… Ihr versteht schon. Oh, habe ich das vergessen? Die „Autoren“ setzen voll auf Splatter. Das ist eine kluge Wahl, denn wenn man schon keine Dramaturgie zu benötigen braucht, dann ist es weise, zumindest ein Subgenre auszuwählen, das keine verlangt.

Heute geht’s weiter. Hope springs eternal…

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schreckenbergschreibt: Musik zum Schreiben – schreiben zu Musik

Jetzt aber!

Nachdem ich beim letzten Mal den Beitrag zum meiner Schreibmusik angekündigt habe um dann wortreich zu erklären, warum ich ihn NICHT geschrieben habe, schreibe ich ihn jetzt.

Wann immer ich an einer oder über eine Geschichte schreibe, läuft Musik. Im Moment zum Beispiel „Sabrina“ von den Einstürzenden Neubauten, Teil der i-tunes Playlist „Sergej“, die ich mir für die letzten Arbeiten an dem gleichnamigen Roman zusammengestellt habe. Wie immer läuft die Playlist auf Random. Die Musik ist vergleichsweise laut, kein sanftes Hintergrundrauschen, ich nehme deutlich wahr, was Blixa mir da zu erzählen hat. Würde ich nicht an meinem Blog sondern an einer Geschichte arbeiten, dann würde ich dennoch bald in den Flow gleiten und den Text nur noch unterschwellig wahrnehmen, die Atmosphäre jedoch spüren und mich davon tragen lassen.

Die Musik hilft mir auf verschiedene Weisen. ((jetzt läuft: „The Glade, Part 2“ aus dem Soundtrack zu „Last of the Mohicans“ von Trevor Jones und Randy Edelman)) Zum einen dient sie der Abschirmung. Ich arbeite häufig, während meine Familie zu Hause ist, und ich kann schlecht absolute Ruhe verlangen, während der Künstler künstlert. Ich gehöre aber leider auch nicht zu den Menschen, die die Welt um sich rum ausblenden können. Also nehme ich mir eine Ausblendehilfe, wenn es gar zu unruhig ist da draußen: Knöpfe in die Ohren, Welt abschalten. Wenn ich unbedingt benötigt werde, kann man ja immer noch rein kommen und mir auf die Schulter klopfen. ((Rammstein: „Ohne Dich„)).

Das ist aber nur der vordergründigste Zweck der Musik. Ich höre sie auch, wenn ich alleine im Haus bin und auch, wenn ich mich für ein paar Tage in das Haus an der niederländischen Küste zurückgezogen habe (das nicht mir gehört, nein, wir Schriftsteller sind in der Regel NICHT reich 😀 ), in dem ich gerne und leider viel zu selten intensiv an meinen Texten arbeite. Die wichtigste Funktion der Musik ist, mich aus der Welt zu heben. ((Duran Duran:   „A View to a Kill„)).  Ich habe schon als Kind Musik sehr intensiv mit Bildern in meiner Phantasie verbunden und sie genutzt, um mich in meine eigenen Welten zu begeben. Musik ist ein Tor zu meinen Geschichten ((Nick Cave covering Leonard Cohen: „Suzanne„)) und in den vielen Jahren, in denen ich Erfahrung mit diesen Toren gesammelt habe, habe ich auch ein Gespür dafür entwickelt, welche Tore funktionieren und welche nicht. Dabei weiß ich gar nicht genau, warum manche Tore funktionieren und manche nicht. Egal ob ich früher eine LP oder Cassette endlos gehört habe oder mir heute eine Playlist bastele – ich finde meist das passende. ((Calexico: „Crystal Frontier„)) Es gibt Musiker, die fast immer funktionieren (ich werde Euch gleich meine Best-off vorstellen) und es gibt welche, die mal helfen und mal nicht. Moby ist so ein Beispiel. „Extreme Ways“ ist ein großes und prächtiges Tor in meine Welten – aber auch sein einziges für mich. Andere Musiker passen zu einem Werk und nicht zu mehr. Die Platters waren ((Duran Duran: „Save a Prayer„)) eine große Hilfe beim „Ruf„. Danach nie wieder.  Es muss nicht mal meine Lieblingsmusik sein. Mit Duran Duran kann ich so viel gar nicht anfangen – meine Liebste war in ihrer Jugend Duranie, hat ein paar Platten  mit in die Beziehung gebracht  und sich mal eine best-off CD von denen gekauft. Aber zum Schreiben eignet die Musik sich hervorragend. ((The Stranglers: „Mad Hatter“)). Andererseits höre ich im Alltag sehr gerne Psychobilly und Ska. Aber es gibt nur sehr, sehr wenige Lieder, die sich da als Schreibmusik eignen – und bei einem Teil davon habe ich die Texte selbst geschrieben. 😉 ((Calexico: „Removed„)).

Wenn die Musik dann läuft, ist es vor allem die Atmosphäre, die ich wahrnehme, und die zum Teil (!) zur Atmosphäre in meinen Geschichten wird. Der Begriff „Flow“ ist vergleichsweise neu, aber ich kenne keinen besseren – „Trance“ ist zu abwesend, „Konzentration“ zu technisch. Wenn ich im Flow bin, dann fließt die Geschichte durch mich hindurch und  ((Rammstein: „Wollt Ihr das Bett in Flammen sehen„)) ich bin in der Handlung, dann schreibe ich fast als Chronist. Der Flow hat noch andere seltsame Auswirkungen, so empfinde ich „echte“ Gefühle gemäß meiner Geschichte, die aber natürlich keine Entsprechung in der Realität haben – was mich, wenn ich nach dem Schreiben noch „in der Geschichte“ bin zu einem etwas dösigen, schwer berechenbaren Wesen macht. ((The Stranglers: „Souls“)).

Ich frage mich seit längerem, ob die Zusammenstellung von Playlists in diesem Zusammenhang eher ein Fluch oder ein Segen ist. Sicher – eine Vielzahl auf dem Computer gespeicherter (und – das am Rande – LEGAL erworbener) Titel gibt mir die Möglichkeit, die Tore gezielt zu wählen und gleichzeitig ((Nick Cave: „I Let Love in„)) eine gewisse Abwechslung zu haben. Besseres Feintuning, sozusagen. Andererseits habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Atmosphäre dichter wird, wenn ich auf wenige Titel zurück geworfen bin, die ich mir nur bis zu einem gewissen Grad selbst aussuchen kann. Ein schönes Beispiel dafür ist „Der Finder„. Als ich begann, das Buch zu schreiben, hatte ich kurz vorher die LP (große, schwarze Scheibe mit sehr wenig Speicherplatz) „Aural Sculpture“ von den Stranglers auf einem Flohmarkt gekauft ((Nick Cave: „And no more shall we part„)). Ich hatte einen alten Plattenspieler (Abspielgerät für große, schwarze Scheiben mit sehr wenig Speicherplatz) im Arbeitszimmer – keinen CD-Player, keinen Kassettenspieler und Musik vom Computer… was sagt Euch der Begriff „486er“?  😀 Ich hörte also die Stranglers rauf und runter ((Johnny Cash: „I see a Darkness„)), und NICHTS sonst. Als ich dann nach Zeeland fuhr, um die erste Fassung des Buches zu beenden, hatte ich noch eine CD fürs Auto mit und eine Cassette, auf die ich die Stranglers aufgenommen hatte und noch ein wenig Musik zusätzlich, um das Band voll zu bekommen. Die Musik dieser drei Tonträger hat das ganze Werk sehr maßgeblich beeinflusst. ((Leonard Cohen: „Famous Blue Raincoat„)) Ich empfehle Finderfans, die Geschichte mal zu lesen, während im Hintergrund „Aural Sculpture“ läuft, dazu die ersten Stücke von „Proud like a Good“ von den Guano Apes, das Album „Skylarking“ von XTC und „Paranoid“ (nur das eine Stück) von Black Sabbath. Keine Ahnung, was das bei Euch bewirkt. Aber wenn ich etwas von dieser Musik höre, dann bin ich blitzschnell wieder im Finder, bei dem Beginn der Liebesgeschichte von Daniel und Esther, auf der winterlichen Landstraße mit Lara, in der Uni mit Daniel und dem Heuler… ((Leonard Cohen: „Hallelujah„)).

Ich bedanke mich zu Beginn jedes Romans bei den Künstlern, die mich mit ihrer Musik durch den Schreibprozess getragen haben. Außerdem setze ich gerne Musiktextzitate, die ich für das Folgende besonders passend finde, an den Beginn der Geschichte oder größerer Teilstücke. Die zitierten Stücke sind immer ein ((Nick Cave: „Red Right Hand„)) Bestandteil der Schreibmusik, sie müssen also nicht nur textlich passen, sie müssen mich auch berühren.

Ich habe mir mal die Mühe gemacht, eine Rangliste zu erstellen. Für jede Erwähnung in der Danksagung eines veröffentlichten Werkes („Sergej“ gilt dabei schon als veröffentlicht) habe ich dabei drei Punkte vergeben, für jedes Textzitat einen und für jede geplante Erwähnung in der Danksagung eines noch unfertigen bzw. unveröffentlichten Werkes ((Calexico: „All the Pretty Horses„)) zwei Punkte. Heraus kam eine Liste von 44 Musikerinnen, Musikern und Bands von 16 Horsepower bis XTC. ((Depeche Mode: „Stripped„)) Die Top 8 sind:

Leonard Cohen  (28 Punkte)

Nick Cave / Bad Seeds (22 Punkte)

Calexico (19 Punkte)

Johnny Cash (10 Punkte)

Sting / The Police (9 Punkte)

16 Horsepower (8 Punkte)

The Boozehounds (8 Punkte)

The Stranglers (8 Punkte)

Diese Rangfolge ((Nick Cave: „Blue Bird“)) ist natürlich nur eine Momentaufnahme. Auch wenn ich davon ausgehe, dass es schwer wird, Leonard Cohen, Nick Cave und Calexico je von da oben zu verdrängen, so wird doch sicherlich die Bedeutung von zum Beispiel PJ Harvey, den Pogues, den Dire Straits und Bruce Springsteen ((Rammstein: „Links, 2 3 4„) wachsen. Und nicht, weil ich deren Musik gerade erst entdeckt hätte – ich höre die Pogues, Bruce Springsteen und die Dire Straits seit den 1980ern, PJ Harvey habe ich in den 90ern entdeckt. Aber ich schreibe eben erst jetzt die Geschichten, zu denen sie mir die Tore öffnen. Und ich entdecke natürlich immer wieder neue Musik, die sich zum Schreiben eignet. Die letzten großen Entdeckungen in diesem Zusammenhang waren für mich Diary of Dreams, Mad Jack and the Hatters und ((Johnny Cash: „Thirteen„)) natürlich Kosima and the Blue Cable.

Musik zu hören, die meine Kreativität und meine Träume weckt, ist etwas, das ich getan habe noch bevor ich wirklich Geschichten geschrieben habe. Die Wechselwirkung ist – trotz aller Erfahrung – immer wieder überraschend. Ich bin gespannt, was da noch kommt. ((Garou: „New Years Day“ – während ich die Tags setze 😉 ))

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schreckenbergschreibt: Meine Figuren und ich

19 Tage ist der August schon alt und ich habe noch nicht einen Blogbeitrag geschrieben. So geht das nicht. So wird man niemals reich und berühmt durch Blogging. Aber ich sagte ja von Beginn an: Dies wird ein sehr unregelmäßiger Blog.

Doch langsam regte sich mein Mitteilungsdrang, und ich wollte Euch eigentlich den längst fälligen Beitrag über ein Thema liefern, das mir sehr wichtig ist: Schreiben und Musik. Denn ich höre immer Musik beim Schreiben und denke, dass ich dazu ein paar Gedanken äußern kann, die vielleicht lesenswert sind. Ich habe gestern schon ganz eifrig und methodisch eine Tabelle erstellt, in der ich Punkte vergab: Erwähnung in einer Danksagung in einem veröffentlichten Roman = 3 Punkte, Textzitat in einem veröffentlichten Roman = 1 Punkt, zur Danksagung in einem noch unveröffentlichten Manuskript vorgesehen = 2 Punkte. So kam die stattliche Anzahl von 44 Künstlern/Bands zusammen, mit drei ganz deutlichen Spitzenreitern, über die sich regelmäßige Leserinnen und Leser meiner Werke sicher nicht wundern werden (Na? Was glaubt Ihr? 😉 ). Ich wollte Euch erzählen, welchen Einfluss etablierte Musiker wie Nick Cave oder Sting auf mich haben und Euch ein paar verborgene aber höchst inspirierende Perlen wie etwa Mad Jack and the Hatters oder Kosima and the Blue Cable vorstellen. ABER: Das muss noch warten.

DENN: Es ist verdammt heiß, da draußen. Bäh. Ich sitze an meinem Schreibtisch in einem verrammelten, verdunkelten und darob ziemlich erträglichen Zimmer, aber dennoch – es ist nicht schön. Und während ich über diese missliche Tatsache nachgrübelte, fiel mir auf, dass ausnahmslos ALLE Protagonisten meiner Romane diese meine Abneigung gegen Sommerhitze teilen. Einzige Ausnahme sind vielleicht die Figuren im „Ruf„, aber die haben eine Gartenparty, auf die sie sich freuen können und einen See zum Abkühlen in der Nähe. Aber sonst… Beispiele gefällig? Gerne:

Aus „Der Finder„:

…dann lag ich einfach schlaff und bewegungslos da, starrte an die Decke und genoss die fast vollständige Abwesenheit von Licht. Ruhe. Kühle. Dunkelheit. Gut. Draußen raste ein brüllend heller Tag im heißesten Frühsommer seit Jahren dem Mittag entgegen.

Aus „Der Wandernde Krieg: Sergej“:

Ich bin kein großer Freund des Tageslichts, Erin. Schon gar nicht im Sommer.

Und in „Die Träumer“ motzt Bastian nur deswegen nicht über den Sommer, weil das Buch im Spätsommer beginnt und im Herbst endet. Der wird auch noch jammern, keine Sorge, die Fortsetzung spielt hauptsächlich im Sommer. 😀 Und in meinen Büchern sind die Sommer meistens heiß, keine Ahnung, warum.

Warum schreibe ich das? Weil ich das nicht geplant habe, es hat sich ohne mein Zutun ergeben. Und es entspricht genau meiner Einstellung zum Sommer, zumindest tagsüber (Sommernächte mag ich sehr – ebenso wie meine Protagonisten). „Klar“, wird mancher nun denken, „sind ja auch Deine Figuren. Du hast sie Dir ausgedacht, also denken sie so wie Du.“ Aber das ist gleich in mehreren Hinsichten falsch. Zum einen ist es einfach ein Irrtum, den Autor mit seinen Hauptfiguren zu verwechseln. Ich kann nicht reiten, wie Daniel aus dem „Finder„, und merke Dinge hoffentlich etwas schneller als er. Ich bin kein Recherchegenie, wie Bastian aus den „Träumern„, habe dafür aber auch weniger moralische Probleme mit unserem gemeinsamen Beruf. Ich bin nicht so cool wie Stephan aus dem „Ruf„. Und was Sergej betrifft… nun, ich bin nicht ganz sicher, was Sergej betrifft, aber er denkt und tut Dinge, bei denen ich mir ganz sicher nicht einig mit ihm bin. Ihr werdet das merken, und Ihr werdet verstehen, warum ich Schwierigkeiten habe, ihn einzuordnen. 😉 ALLE meine Figuren haben etwas von mir, selbstverständlich. Aber ich bin KEINE davon. Und was den Sommer betrifft – es geht auch anders. Noch ein Auszug aus dem kommenden Roman „Der Wandernde Krieg: Sergej“ – Sergej, die namensgebende Hauptfigur, zeigt seiner neuen Freundin bei ihrem ersten Besuch sein Haus:

Die Führung war kurz. Küche und Bad waren schnell gezeigt, und in den beiden oberen Räumen gab es nichts zu sehen, außer einem Lagerregal, das ich in einem Baumarkt gekauft hatte um meine wenigen Habseligkeiten vorerst unterzubringen. Dafür gefiel ihr die wild wuchernde Wiese hinter dem Haus, mit der ich den Rundgang beendete. Sie ließ sich auf den Rücken fallen, breitete die Arme aus und kniff die Augen zusammen.

Das ist toll. Du hast eine eigene Wiese.“

Ich sah sie von oben belustigt an. Erin, das ist ein Haufen Unkraut. Und außerdem ist es hell und heiß. Lass uns reingehen.“

Mit einer völlig unvermuteten, schnellen Bewegung hebelte sie mir das linke Bein weg. Obwohl ich im letzten Moment merkte, was sie vorhatte, fiel ich. Sie war über mir, schnell wie ein Schatten.

Verdammter, lichtscheuer Mann. Du wirst jetzt eine Weile mit mir auf dieser wunderschönen Sommerwiese bleiben, ist das klar?“ Ihre Augen blitzten fröhlich. Ich roch, wie sich ihr Duft mit dem der Wiese vermischte, fühlte ihren Körper unter dem dünnen Kleid und ergab mich. Zuletzt hatte ich meine Einstellung zu Helligkeit, Hitze und dem Unkraut hinter dem Haus zumindest in einigen Punkten revidiert.

Es GIBT Argumente für den Sommer. 😉 Aber viele sind es nicht.

Aber wie werden meine Figuren so? Ich setze mich nicht hin und plane sie, es gibt keine Tabelle, in der unter dem Stichwort „Sommerhitze“ bei Sergej steht „hasst sie“ und bei Erin „hat kein Problem damit“. Ich weiß, dass es Kollegen gibt, die regelrechte Interviews mit ihren Figuren führen, bevor sie sie auf die Manuskriptseiten loslassen. Ich bewundere diese methodische Arbeit und habe mir ein entsprechendes Formular gemacht, aber ich benutze es nur für meine Drehbücher, denn Drehbücher sind generell sehr viel geplanter und formelhafter als Romane, selbst als Kriminalromane. Und ich HABE Personalakten über meine Romanfiguren – aber ich lege sie an, wenn ich die Figuren kennen gelernt habe.

Das hört sich vielleicht etwas seltsam an, aber es ist wirklich so: Ich lerne meine Figuren kennen. Ich weiß Anfangs nicht einmal, wie sie aussehen, und bei den Protagonisten bleibt das immer vage. Meine Figuren kommen zu mir, und wie ich es an anderer Stelle schon mit Bezug auf die Ideen zu den Geschichten selbst geschrieben habe: Woher sie genau kommen, weiß ich nicht.

Selbstverständlich forme ich sie. Die ganze Geschichte ist ein Formungsprozess, aber ich rüste sie natürlich auch ganz gezielt mit Eigenschaften aus. Daniel kann eben reiten und ist gerne für sich, weil ich so jemanden für die Geschichte brauchte. Bastian ist vor allem deshalb so ein Rechercheass, weil ich einen Ermittler brauchte, der gut ermitteln kann ohne Polizist oder Detektiv zu sein. Stephan ist so charmant und entspannt, weil er mürrisch und verklemmt keine Schnitte bei Kat gehabt hätte, und ich brauche die Beziehung der beiden. Das betrifft auch bestimmte äußere Eigenschaften meiner Figuren. Ihr werdet Erin, die wichtigste weibliche Nebenfigur im kommenden Roman, als eine Meisterin der Selbstverteidigung kennen lernen. Es gab sogar Testleser (nur Männer, interessanterweise), die sich über „die Superfrau“ beschwert haben. Aber da kann ich aus meiner eigenen Erfahrung als Kampfsportler und Selbstverteidigungslehrer sagen: Die ist realistisch. Ich kenne solche Frauen. Und für den Roman brauchte ich jemanden, der sich zu wehren und anderen zu helfen weiß – deshalb kann Erin das, was sie kann. Warum sie aber eher klein ist, blauäugig und kurze blonde Haare hat? Warum sie Amerikanerin ist? Keine Ahnung. Sie war eben so, als ich sie kennen lernte. 😀

Meine Figuren kommen also zu mir, manchmal, wenn ich sie brauche, manchmal einfach so. Und dann forme ich sie aus, meist, indem ich schreibe, überarbeite, schreibe, überarbeite etc. Was ich ausdrücklich NICHT tue ist, mir einen echten Menschen als Vorbild zu nehmen und ihn dann in meine Geschichten einzubauen. Da würde erstens nicht funktionieren, denn, wie schon oft gesagt: Die Geschichte regiert! Da passen keine echten Menschen rein, echte Menschen kann man nicht verbiegen. Außerdem wäre alleine der Versuch anmaßend – schließlich kenne ich keinen echten Menschen so gut, dass ich seine innersten Gefühle und Motive kennen würde oder seine Handlungen vorhersagen könnte. Genau das muss ich aber für eine und in einer Geschichte tun. Was manchmal vorkommt ist, dass eine oder mehrere Charakteristika eines echten Menschen in eine Figur einfließen. Das beste Beispiel dafür ist Lara aus dem „Finder“ die viele Eigenschaften mit einem Mädchen teilt, das ich mal kannte. Witzigerweise habe ich das erst gemerkt, nachdem ich sie geschrieben hatte, denn äußerlich ähneln sich die beiden kaum. Aber auch Lara hat mit ihrer Inspiration am Ende wenig zu tun und das nicht nur, weil die beiden selbstverständlich einen sehr unterschiedlichen Lebensweg gegangen sind. Sie existieren in unterschiedlichen Universen. Und im Gegensatz zu ihrem Vorbild ist Lara ein Herbstmensch, der die Sommerhitze nicht mag. Wie ich. 😉

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schreckenbergschreibt: Das Böse Wort

Es gibt Fragen, auf die gibt es keine richtige Antwort. Sie lösen die so genannte Todesspirale aus. Beispiele gefällig?

„Fällt Dir was an mir auf?“

„Warum guckst Du meine Freundin an?“

Oder auch, für Schriftsteller:

„Schreibst Du Regio?“

Ja, pfft…

Es gibt immerhin eine korrekte Antwort (und nur eine!) auf diese Frage, und die lautet:

„Definiere Regio.“

Nur – das kann man schlecht sagen, wenn man nicht als Klugscheißer und arroganter Möchtegernstar rüberkommen möchte. Aber es ist die einzige Rettung, denn was weiß ich denn, was mein Gegenüber mit „Regio“ verbindet? Sind das gute Geschichten, die Lesern, die zufällig in der Region wohnen in der sie spielen, noch einen zusätzlichen Wiedererkennungsspaß bieten? Oder sind das lieblos runtererzählte Rahmenhandlungen, deren einziger Zweck es ist, möglichst viele Straßennamen, Hausnummern und Kneipen zu erwähnen? Und wie steht der Fragende dazu? Ist er ein Regiohasser, der keiner Geschichte eine Chance gibt, die sich um ein wenig authentisches Lokalkolorit bemüht? Gehört er zu den Leuten, die grundsätzlich nur Bücher gut finden, die man nachher ablaufen kann, um herauszufinden, ob die vom Autor erwähnte Buche in der XY-Straße in Wirklichkeit auch ja keine Eiche ist? Liegt die Wahrheit dazwischen? Und vor allem – und da schließt sich der Kreis – WAS MEINT ER MIT „REGIO“?

Regio ist das böse Wort! Es dient selbst in Kollegenkreisen zuweilen dazu, Kollegen abzuqualifizieren („Der schreibt so Regiokrimis.“). Und manchmal stimmt es ja wirklich. Es gibt Bücher, die haben nichts, keine Figuren, keine Dramaturgie, keine Logik, nur eins: Lokalkolorit satt!

Andererseits habe ich auch schon Bücher gelesen, die beispielsweise in London spielten und obwohl ich London im Grunde wirklich nur als Tourist kenne (und heute gar nicht mehr, denn ich war schon EWIG nicht mehr da, aber das ist eine ganz andere Klage… ), habe ich sofort gemerkt: Da stimmt nix! Warum musste der/die (deutsche!) Autor/in die Geschichte nur ausgerechnet dort spielen lassen?

Regio scheint mir eine ganz und gar deutsche Krankheit zu sein. Vielleicht irre ich mich, aber hat jemals jemand Henning Mankell gefragt, warum er „Ystad-Regio“ schreibt? Hat irgendwer je gelesen oder gehört, dass man Stephen Kings Werke als „Maine-Regio“ bezeichnet hätte? Meines Wissens nicht. Dennoch bin ich sicher, dass die Touristenbüros von Ystad und Bangor irgendwo eine kleine Statue ihre regionalen  Bestesellerautors aufbewahren, die täglich geputzt und verehrt wird. 😀 Ich selbst bin sicher – WENN es mich eines Tages mal in die US of A verschlägt, dann werde ich SICHER einige Orte in Maine besuchen. Und warum? Genau! Es funktioniert also auch ohne Etikett.

Und bevor mir jemand Heuchelei vorwerfen kann: Ich bezeichne mich selbstverständlich (und gerade in meiner Regio-n) selbst als Leverkusener bzw. Bergischer Autor. Und jeder Leverkusener, Kölner, Wuppertaler etc. der zu meinen Büchern greift weil sie – ganz  oder teilweise – in seiner Heimat spielen, ist mir mehr als herzlich willkommen. Ich hoffe nur, es bleibt nicht dabei. Wenn mir jemand sagte „Also, die Träumer fand ich eigentlich doof, habe es aber trotzdem gerne gelesen, immerhin wohnt Bastian (der Held des Buches) ja in Opladen.“, dann empfände ich das nicht als Kompliment. Umgekehrt freuen mich Statements der Art „Den Finder fand ich klasse, obwohl mir das Bergische Land völlig egal ist und ich im Leben nie nach Wuppertal will.“

Denn ich schreibe Geschichten, keine Touristenführer. Natürlich mache ich meine Recherche. Ich bin für den Finder mit der Kamera durch Wuppertal gezogen, habe für den Ruf  laaaange Recherchefahrten durchs Oberbergische gemacht, mit Kamera und Diktiergerät, bin für die Träumer durch den japanischen Garten geschritten um alles zu überprüfen, etc., etc., etc. Und ich hoffe, das gibt meinen Geschichten Leben, denn eine echte Umgebung ist besser, glaubwürdiger und stimmiger als jede ausgedachte. Und ich fände es lustig, zum Beispiel mal eine Finder-Schnitzeljagd mit authentischen Schauplätzen zur organisieren. ABER: Wenn ich an einer bestimmten Stelle einen Baum brauche und da ist keiner, dann schreibe ich ihn mir da hin! Und wenn ich eine ganze Stadt brauche, die es nicht gibt, dann mache ich das auch. Priorität hat immer, immer, immer: Die Geschichte!

Schreibe ich also Regio? Hm… Definiere Regio! 😀

Ich bin ein Schriftsteller aus Leverkusen. Ich kenne mich in vielen Gegenden in NRW gut aus, ebenso in einer bestimmten Region der Niederlande und, mit Abstrichen, in Hamburg und ein paar anderen Ecken Europas. Meine Geschichten spielen – von einigen wenigen Kurzgeschichten abgesehen – im Schwerpunkt alle dort, wo ich mich auskenne, insbesondere in Leverkusen, Köln und dem Bergischen Land. Wenn mich das zum Regio-Autor macht, dann bin ich einer. Und gerne!

Aber wenn Ihr mir einen Gefallen tun wollt… dann vermeidet die verdammte Frage. 😉

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schreckenbergschreibt: Vom Umgang mit Kritik

Vergangenen Samstag/Sonntag war ich auf einer Party.

Dort traf ich eine sehr nette Frau, Bekannte, Facebookfreundin, nennen wir sie der Einfachheit halber A. (sie heißt wirklich mit A). A. hatte mir beim letzten Zusammentreffen versprochen, den „Finder“ und die „Träumer“ zu lesen. Nun, einige Monate später, hatte sie beide gelesen. Sie lobte die Träumer kurz und unspezifisch und trug mir dann eine längere, differenzierte Kritik zum Finder vor. Tenor: Das Buch habe ihr gut gefallen (sie hätte mir 4 Amazonpunkte gegeben), sei aber nicht gut ausbalanciert. Der Anfang, die Suche meiner Heldinnen und Helden nach einem neuen zu Hause, die Ansiedlung, Daniels erste Finderreisen, etc., etc., das sei alles sehr schön gewesen, es habe Freude gemacht, das zu lesen, viel Lob für meine Beschreibungen – all das. Der Schluss hingegen sei viel zu abrupt gekommen, zu schnell geschrieben (ich glaube, sie sagte sogar: „heruntergeschrieben“), alles zu hastig und zu wenig Beschreibung, zu wenig Tiefe.

Das höre ich manchmal, und ich gebe dann immer die selbe Antwort (und meine sie ernst): Wenn ich eines Tages so berühmt und gefragt bin, dass mein(e) Verlag(e) sich alles erlauben kann/können, dann mache ich es wie Stephen King mit „The Stand“ und schreibe die doppelt so lange Uncut-Version. 😀 A. fand die Idee toll und was Stephen King anging waren wir uns auch einig – Die lange Version von „The Stand“ ist deutlich die bessere!

Ich weiss aber auch, dass viele diese ungeschnittene Version des kingschen Epos für eine völlig überflüssige, geschwätzige Eitelkeit halten…

Gestern nun bekam ich die Mail eines anderen Bekannten, eher aus meinem beruflichen Umfeld, nennen wir ihn B. (auch er heißt wirklich mit B – das ist alles nonfiction hier). Er hatte ebenfalls beide Bücher gelesen und mir ein Feedback versprochen. Auch er lobte die Träumer kurz (Warum eigentlich immer kurz? Leute, ich will auch wissen, was Euch an meinen Büchern gefällt! Das will ich sogar am allermeisten wissen. 😉 ) und sagte, sie hätten im besser gefallen. Zum Finder dann dies:

„Gute Idee. Anfang zu lange Beschreibung, zu wenig Fortgang im Mittelteil (…)“.

Auch das höre ich nicht selten…

JA, WAS DENN NUN??? Wer hat Recht? A., für die der Anfang sehr gelungen und der Rest zu knapp ist? Oder B., dem der Anfang zu langatmig und auch die Mitte noch nicht rasant genug ist (btw. – Sag das mal Lara, die wird Dir was husten! 😀 )? Oh – und nicht zu vergessen: Es gibt noch die beiden anderen Fraktionen. Die, denen das ganze Buch gefällt und die, die es gar nicht mögen. Erstere sind gottlob (stark) in der Überzahl – zumindest bei denjenigen, die sich bei mir melden. Wer liegt also richtig?

Alle, natürlich! Und keiner. Das ist Geschmacksache. Mein Geschmack neigt eher zu A., was nicht daher kommt, dass ich gerne viel von meinen eigenen Geschichten schreibe, sondern daher, dass ich selbst gerne epische Werke lese.

Was aber sagt das über den Wert von Kritik? Wo immer ich gefragt werde sage ich brav, dass ich mich über Kritik freue, auch über negative, weil man daraus lernen kann. Das stimmt auch, bedarf aber der Relativierung. Ein Kritiker der glaubt, indem er einen bestimmten Aspekt meiner Geschichte kritisiere bewirke er eine direkte  Verhaltensänderung bei mir, irrt. Wie ich eine Kritik einordn,e hängt von verschiedenen Faktoren ab.

1.) Was weiß ich über die Person, was kann ich ihrer Kritik entnehmen? A. & B. zum Beispiel sind keine professionellen Kritiker. Ihre Kritik ist nur für mich gedacht, sie können sich damit nicht profilieren. Außerdem sind sie mir, soweit ich das beurteilen kann, freundlich gesinnt. Ihre Kritik ist also sehr ehrlich und nur auf das Buch bezogen. Außerdem haben sie das Buch offensichtlich ganz gelesen und urteilen sehr reflektiert und differenziert.
Als Gegenbeispiel kann eine meiner Amazon Kritiken gelten: Der Autor schreibt diesen Satz:

„Das Ende wirkt schon sehr an den Haaren herbeigezogen und lässt so manche Frage offen. Hier ein Beispiel: Wieso verschwanden die Menschen und nicht die Tiere?“

Öhm… also, für alle die das Buch gelesen haben – das ist klar, oder? Entweder, der Kritiker hat das Buch nicht verstanden, oder ich habe ihn so gelangweilt, dass er es nicht zu Ende gelesen hat. Da ich nicht unbedingt ein Kafka bin denke ich mal, meine Bücher sind leicht zu verstehen, ich vermute also, dieser Kritiker hat früher aufgegeben. Auch das ist eine deutliche Aussage über das Buch, entwertet den Rest seiner Kritik aber leider in meinen Augen.

2.) Urteile über Geschmacksachen sind Geschmacksache. B. stört im Finder genau das, was A. begeistert hat. Was immer ich ändern würde, ob ich das Ende ausbaute oder den Anfang eindampfte – eine(n) von beiden würde ich als Leser verlieren. Wenn ich gar nichts änderte, wäre die Mehrheit derer, die das Buch so mögen wie es ist, wohl zufrieden. Würde ich es radikal umschreiben gewänne ich vermutlich einige von denen, denen es im Moment gar nicht gefällt.

Was bedeutet das? Nun, es stärkt mich in meiner Grundhaltung: Ich habe beim Schreiben keinen bestimmten Leser und keine bestimmte Leserin im Kopf! Ich erzähle meine Geschichten wie es ein Geschichtenerzähler meiner Meinung nach tun sollte: Als Bericht aus seiner Phantasie für eine große Menge, die mit ihm ums Feuer sitzt und deren Gesichter er aber im Halbdunkel kaum erkennen kann. (Ausnahme natürlich: Wenn nur Kinder am Feuer sitzen. Aber das wäre weder das Finder-, noch das Träumer-Feuer. 😉 )

Hätte man mich vorher gefragt, ich hätte vermutet, der Finder ist vor allem eine Geschichte für Männer. All dieses Siedeln und Bauen, all die Kämpfe, Bogen, Schwerter, Gewehre, Hunde, Monster… klassische Männerthemen.
Die Fans dieses Buches sind, in der großen Mehrheit – Frauen. Im Nachhinein sind mir einige Gründe dafür deutlich: Die starken Frauenfiguren, insbesondere Esther und Lara, aber auch Carmen, Vera und Simone. Die Tatsache, dass Esther, wenn auch nicht die Hauptfigur (die ist und bleibt Daniel), dann doch die führende Figur ist. Beim Schreiben war mir das weder klar noch bewusst, im Nachhinein aber ist es erstaunlich eindeutig: Wann immer die Gruppe als Ganzes oder Daniel alleine Esthers Rat folgt, ist es gut. Wenn nicht – Katastrophe! Und es ist natürlich eine Liebesgeschichte.

Das sind sicher nicht alle, vielleicht sogar nicht die wichtigsten Gründe, aus denen besonders Frauen dieses Buch schätzen. Aber es zeigt mir, dass ich richtig damit fahre, eine Geschichte einfach zu erzählen, und sie nicht auf eine Zielgruppe hin schreiben zu wollen.

Ausnahme von der Geschmacksregel: Wenn eine große Mehrheit der Kritiker in einer Geschmacksfrage gleich urteilen, kann ich davon ausgehen, dass dieser Punkt über die Geschmäcker hinweg stimmt.

3.) Erklärtes Lob ist Gold wert. Viele Kritiker erklären – selbst wenn sie ein Buch mögen – vor allem das ausführlich, was ihnen nicht gefällt. Daraus kann man als Schriftsteller aber – siehe oben – gar nicht sooo viel lernen, wie viele glauben. Ich habe festgestellt, dass Lob, wenn es denn erklärt wird, vor allem deshalb hilfreicher sein kann, weil die positiven Kritiken einhelliger sind als die negativen. Es gibt Dinge an meinen Büchern, die loben fast alle meine Leser, so uneins sie auch in anderen Punkten sein mögen. Bei diesen Dingen kann ich davon ausgehen, dass ich sie richtig mache – eine Bestätigung, dabei zu bleiben. Die Regel, dass an etwas, bei dem viele Kritiker sich einig sind wahrscheinlich etwas dran ist, gilt für negative wie für positive Kritik. Daher ist es nützlich, wenn die positive Kritik ebenso differenziert ist wie die negative – es erhöht einfach die Zahl der Vergleichsgrößen. 😉

4.) Ich höre auf mein Gefühl. Ich glaube, die Schwächen meiner Bücher im Geheimen ganz gut zu kennen, ebenso einige ihrer Stärken. Wenn also ein(e) Kritiker(in) genau den Punkt kritisiert, den ich im Geheimen auch für schwach halte, dann nehme ich das sehr, sehr ernst – selbst wenn sonst niemand etwas darüber sagt. Wenn etwas, das ich für eine Schwäche halte, keine negative Resonanz erzeugt, dann bin ich geneigt, dem zu glauben und mich für überempfindlich zu halten. Wenn aber jemand darüber stolpert, dann bin ich geneigt, dieser Person recht zu geben. Denn immerhin bin ich der Autor und die Geschichten sind mein Herzblut. Wenn ich da schon etwas schwach finde… und das auch noch bestätigt wird… ändern, in der nächsten Auflage.

5.) Rechtschreibung etc. – geht mich nix an. Sache des Lektorats. Ich weiss, dass ich schwach in Rechtschreibung bin. War ich schon in der Schule. Ich strenge mich an. Ehrlich: I do my very best – and so does the editor. Verzeiht ihm, wenn trotzdem was durchschlüpft – er hat es nicht leicht mit mir.

Langer Rede kurzer Sinn: Liebe Leserinnen und Leser, Eure Kritik – negative und positive – ist mir stets willkommen und wertvoll. Auch und gerade, wenn wir uns irgendwo persönlich treffen, Party, Lesung, wo auch immer, und Ihr sie mir direkt sagt. Sollte ich aber ein wenig verwirrt oder belustigt reagieren, nehmt es nicht persönlich. Es kann sein, dass Ihr B. seid und ich gerade vorher mit A. gesprochen habe.

Danke für Eure Hilfe! (Heute besonders an A. & B.)  🙂

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