schreckenbergliest: Die Regeln

Heute werde ich meine erste Buchkritik hier einstellen. Daher halte ich es für sinnvoll, Euch kurz mit den Regeln bekannt zu machen, die ich mir dafür gegeben habe:

1.) Der Aufbau ist einfach und wie bei den Filmen: Inhalt und Urteil. Wobei ich beim Inhalt nicht spoilern werde, ihr bekommt also keine komplette Inhaltsangabe, sondern nur einen Anriss.

2.) Es gibt kein Punkte- oder Sternesystem. Ich schreibe mein subjektives Urteil, was Ihr daraus schließt, überlasse ich Euch.

3.) Da ich selbst Schriftsteller bin ergibt sich, dass ich häufig Bücher von Leuten besprechen werde, die ich persönlich kenne. Daher möchte ich klarstellen: ICH SCHREIBE KEINE GEFÄLLIGKEITSREZENSIONEN. Wenn ich das Buch eines / einer Bekannten lobe, dann ist das Lob ehrlich. Wenn es mir nicht gefällt, werde ich es hier nicht besprechen, sondern meine Kritik dem/der Autor(in) persönlich unterbreiten. Daraus ergibt sich, dass ich…

4.) …in der Regel keine Verrisse schreiben werden. Motzen ist so einfach, loben ist viel anspruchsvoller und macht außerdem mehr Spaß. Und wenn mich ein Buch nervt, dann lese ich es in der Regel sowieso nicht zu Ende. Was ich aber nicht gelesen habe, kann ich fairerweise auch nicht wirklich beurteilen. Vielleicht ärgert mich mal ein Buch so sehr, dass ich Euch unbedingt warnen muss, aber das wird sicher die Ausnahme sein.

Soviel zum Rahmen. Bis bald. 😉

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Ray Bradbury ist gestorben

Heute ist ein trauriger Tag, denn heute habe ich erfahren, dass Ray Bradbury vorgestern gestorben ist. Die Welt ist grauer geworden. Ich will hier garnicht erst versuchen, einen Nachruf zu schreiben, nur ein paar Worte:

Ray Bradbury war ein unübertroffener Meister der Sprache und der Atmosphäre. Ich kenne keinen zweiten Autor, der mich seine Geschichten so sehr empfinden lässt. Seine Ideen waren… unbeschreiblich. Für mich, der ich in den selben Genres schreibe wie er, ist Ray Bradbury ein Leitstern. Ich weiß, dass ich ihn nicht erreichen kann, aber wenn ich mich bemühe, ihm nachzueifern – nicht ihn zu kopieren, sondern meine Sprache so zu beherrschen wie er die seine und mit meiner Kreativität so umzugehen wie er mit der seinen – werde ich ein besserer Schriftsteller. Ich bemühe mich, und sein Tod ist eine Erinnerung daran, dass dieses Streben endlich ist. Also gibt es keinen Platz und keine Zeit für Nachlässigkeit.

Die meisten Menschen kennen Ray Bradbury als den Autor von „Fahrenheit 451“. Das ist nicht sein bestes Werk, nicht einmal eines seiner Besten. Offener Moralismus war – so heisst es – seine Attitüde, aber als Schriftsteller war er am besten, wenn er das, was er zu sagen hatte, in eine Geschichte packte, die nicht zuerst Botschaft war, sondern vor allem eben dies: Eine Geschichte. Eine Erzählung, in der man versinken kann. Unter all diesen wundervollen Geschichten sind für mich am bedeutungsvollsten und schönsten die folgenden Werke:

Romane:
The Martian Chronicals
Something wicked this way comes

Kurzgeschichten:
Homecoming
The Scyth
There will come soft Rains
The Laurel and Hardy Love Affair

Drehbücher
Moby Dick

Und wenn das nächste Mal jemand in Eurer Gegenwart mal wieder Paul Maar für seine ach so tolle Idee mit dem tätowierten Hund preist, dann weist ihn doch bitte höflich darauf hin, dass Ray Bradbury die Idee schon neun Jahre vorher veröffentlicht hat.

Danke, verehrter Ray Bradbury für die Inspiration und den Ansporn und danke, tausendmal danke, für die Geschichten. Mögen Sie in Frieden ruhen.

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schreckenbergschreibt: Sex

Nein, das ist kein Versuch, Traffic auf meinen Blog zu ziehen. „Sex“ ist – wenn man Google glauben darf (und wohin kämen wir, wenn man den Monopolisten dieser Welt nicht mehr trauen könnte) – schon lange kein Top-Suchwort mehr. Wollte ich Massenbesuche auf dieser Seite generiern, müsste ich vermutlich Dinge wie „EM 2012“, „Griechenland“ oder „Venustransit“ schreiben. Ich schreibe aber nicht „EM 2012“, „Griechenland“ oder „Venustransit“. Wie käme ich dazu, „EM 2012“, „Griechenland“ oder „Venustransit“ zu schreiben – das hat ja gar nichts mit dem heutigen Thema des Blogs zu tun. Denn hier geht es heute um Sex – bzw. darum, warum und wie ich ihn in meine Bücher einbaue. Und was immer der oder die eine oder andere befürchten oder hoffen mag: Die heutige Rubrik ist „schreckenbergschreibt“. Nicht „schreckenberglebt“. 😉

Im Rahmen meines zweiten Radiointerviews zum „Finder“ fragte mich Ralf Krieger von Radio Wuppertal sinngemäß, ob man heute Sexszenen im Buch unterbringen müsse, um gelesen zu werden. Ich war ob dieser Frage kurz perplex (ich glaube, man hört es bei der Antwort 😀 ). Aber sie kommt in der einen oder anderen Form immer wieder, und sie erstaunt mich jedes Mal. Es ist schon richtig, der Finder enthält einige Sexszenen, aber sie sind nun nicht besonders explizit (das war mal anders, aber dazu weiter unten), finde ich zumindest. Und die Idee, dass jemand ein Buch – also einen belletristischen Roman – wegen der darin enthaltenen Sexszenen kaufen könnte ist mir tatsächlich noch nie gekommen. Vielleicht kommt irgendwann mal jemand auf die Idee, eine wissenschaftliche Hausarbeit mit dem Titel „Der Geschlechtsverkehr in der literarischen Reflexion des Bergischen Landes – eine vergleichende Studie der Werke von Oliver Buslau, Andreas Schmidt und Michael Schreckenberg“ oder so ähnlich zu schreiben, der muss die Bücher natürlich deswegen lesen. Aber sonst? Wer sich meine Bücher aus voyeuristischen Motiven kauft dürfte, trotz allem, ziemlich enttäuscht werden. Und damit keine Missverständnisse aufkommen: Auch Oliver und Andreas setzen DEUTLICH andere Schwerpunkte. 😉

Warum also haben meine Figuren Sex? Nun, zunächst einmal: Warum nicht? Sie essen ja auch. In meinen Romanen tauchen regelmäßig Liebespaare auf. In den meisten Fällen verlieben sich meine Protagonisten im Laufe der Handlung und beginnen eine Beziehung. Das zu beschreiben ohne Sexszenen einzubauen käme mir in hohem Maße unnatürlich vor. Und ich schreibe keine Bücher für Kinder. Ich schreibe Krimis und phantastische Literatur und wende mich an ein erwachsenes Publikum, meine Bücher sind entsprechend, vom philosophischen Hintergrund bis zur Schilderung von Gewalt. Warum sollte ich ausgerechnet beim Sex (also bei dem angenehmen Teil der Erwachsenenthematik) eine Ausnahme machen? Ich halte es also für völlig selbstverständlich, dass ich das schildere.

Es gibt aber auch ganz praktische Gründe, Liebesszenen (körperliche) in einen Roman einzubauen. In der vertrauten und entspannten Stimmung nach dem Sex ergeben sich, meiner Erfahrung nach (Mist, ich wollte doch nicht… aber detailierter wird es nicht, versprochen), oft sehr gute und tiefgründige Gespräche, auch und gerade unter Neuverliebten. Man lernt sich im Bett eben nicht nur körperlich sehr genau kennen. Von daher ist eine Bettszene der einen Art eine gute Einleitung für eine Bettszene der anderen Art (bei der Überarbeitung einer frühen Version des „Finders“ habe ich selbst an den Rand geschrieben: „Reden Daniel und Esther überhaupt miteinander, ohne vorher miteinander geschlafen zu haben?“ Man sieht – es kann auch zuviel des Guten sein und Überarbeitung ist IMMER wichtig. 😉 ).

Dann ist Sex natürlich ein wichtiges dramaturgisches Hilfsmittel und ein 1a Katalysator. Wenn ich eine beginnende Beziehung beschreibe, eignet sich der erste Sex wunderbar um den Punkt zu setzen, an dem die Liebenden sich als Paar betrachten. Im wirklichen Leben und in Liebesproblemromanen mag das anders sein, zuweilen beginnen an dem Punkt ja erst die Probleme, aber ich schreibe eben in Genres, in denen das nicht das Hauptthema ist – und die Leser verstehen meist, wo die Figuren an dem Punkt sind ohne, dass ich es umständlich erklären müsste. Miteinander zu schlafen, insbesondere zum ersten Mal miteinander zu schlafen, ist auch immer das Überschreiten einer Grenze, was im Roman auch das Überschreiten irgend einer anderen Grenze symbolisieren kann. Die Art des Sexes kann eine Menge unterschiedlicher Emotionen viel besser darstellen als irgendeine langatmige Beschreibung oder ein innerer Monolog. Wie Menschen im Bett (oder wo auch immer) miteinander umgehen kann sehr schnell und deutlich zeigen, wie sie zueinander stehen und wie es um ihre Beziehung bestellt ist. Selbst der deutlich Verzicht auf Sex kann einen wichtigen Punkt markieren, so etwa bei Britt und Philip im „Ruf“ – in deutlicher Abgrenzung zu Kat und Stephan. Die Beziehungen sind unterschiedlich und unterschiedlich angelegt. Und das Britt und Philip eben nicht miteinander schlafen (obwohl sie beide eigentlich nichts dagegen hätten) verdeutlich einen Aspekt davon. Hoffe ich 😀 .

Wie schreibt man nun aber eine SEXSZENE (für andere Szenen mögen die folgenden Regeln ganz falsch sein)? Ich kann nur sagen, wie ich sie schreibe – wer meint, dass ich die entsprechenden Situationen gut und angemessen schildere möge sich die folgenden Regeln gerne aneignen – wer nicht, möge von mir aus genau entgegengesetzt handeln.

1.) Less is more.

2.) Keine Pflanzen- oder Tiermetaphern! NIEMALS! Da öffnet sich nichts wie irgendein Bestandteil irgendeines Gewächses, da erblüht nichts und wird nichts bestäubt. Nichts und niemand bewegt sich wie eine Pantherkatze oder ein Regenwurm. NICHTS! NIEMAND! NIEMALS! Wer je so eine Liebesszene gelesen hat wird mir beipflichten. Brrr!

3.) Bleibe bei dem, was Du kennst. Vertraut mir – ich habe die andere Seite gesehen. Ich habe in meiner Pubertät Romane geschrieben… aber die will niemand lesen. Und niemand wird je. Und ich hatte nichtmal das Internet und die grauenvolle Möglichkeit, dort zu recherchieren und das mit dem wahren Leben zu verwechseln. Das Problem mit Sex (im Gegensatz zu Weltraumflügen oder Serienmorden zum Beispiel) ist, dass vermutlich die allermeisten Leserinnen und Leser wissen, wie das geht und wie es sich anfühlt. Wenn also das Leben so fies ist, das literarische Tun vor dem sexuellen beginnen zu lassen, so übe der/die Literat(in) Enthaltsamkeit in der Schilderung von Details. Genauso wie es absolut legitim ist, Sexszenen zu schreiben, ist es legitim, statt dessen irgendeine Version des simplen Satzes „Wir schliefen miteinander.“ zu schreiben. Er erfüllt sogar einige, wenn auch nicht alle der oben beschriebenen, nützlichen Funktionen. Nur ein Tipp und eine Bitte. Der Tipp: Beendet keine fünfseitige Beschreibung eines romantischen Abends und aufkommender erotischer Spannung mit dem Satz: „Dann hatten sie Sex.“ Die rein faktische Beschreibung ist, wenn nicht alles sehr unterkühlt rüberkommen soll (auch das kann ja gut sein) eher etwas für die Rückschau. Fünf Seiten Romantik und Spannung – cut – nächster Morgen, ohne Beschreibung dessen, was da genau passiert ist. Kann sehr schön sein. Und nun die Bitte: Schreibt nicht „Liebe machen“. Bitte, bitte, bitte! Danke.

4.) Bleib bei dem was Du kennst! Wirklich! Du bist der größte Womanizer oder die größte – wie nennt man das – Manizerin? – der Stadt? Fein, das garantiert Dir eine gewisse Bandbreite in der Beschreibung. Wenn Du Dich aber außerhalb dieser Bandbreite begeben willst – dann recherchiere oder lass es. Und mit Recherche meine ich vor allem Recherchegespräche! Ein einfaches Beispiel – ich bin heterosexuell. Wenn ich nun eine homosexuelle Liebe beschreiben will, dann muss ich mich entweder in der Beschreibung der Körperlichkeit beschränken – oder jemanden fragen, der sich damit auskennt. Es wäre nicht schlecht, wenn vorher eine gewissen Vertrauensbasis bestünde….

5.) Oben steht „less is more“. Das gilt für die letzte Version! Vorher ist das etwas anderes. Die allererste Version des „Finders“ zum Beispiel war regelrecht pornographisch. Das war aber keine Panne, das war gewollt, mir war klar, dass das nie und nimmer die Version für die Öffentlichkeit (oder auch nur für einen Verlagslektor) sein wird. Aber wenn man für sich selbst einmal klar hat, was da geschieht, dann kann man es wunderbar zusammenstreichen. Mir war ganz klar, dass ich meine Leser nicht an meinem Kopfkino teil haben lassen, sondern ihnen das eigene ermöglichen wollte. Aber wenn ich Andeutungen schreiben möchte, die jede(r) mit seinen / ihren eigenen Phantasien füllen kann, dann sollte ich erst einmal wissen, was ich für mich andeuten möchte. Diese Regel ist außerdem sehr nützlich, wenn man unter Einfluss von Glückshormonen schreibt, weil man zum Beispiel gerade selbst verliebt ist. Verliebte neigen zu fürchterlichem verliebten Geplapper und schmeißen mit Details um sich, die niemand braucht. Manchmal etwas peinlich im echten Leben, aber kein Problem für Literaten. Immer gib Details, immer gib! Vergiss nur nicht, die entsprechenden Stellen mit kühlem Kopf zu überarbeiten – und höre auf den Rat von Freunden, die Deine Texte probelesen und gerade nicht so hormongebadet sind wie Du selbst.

6.) Verliere niemals den Respekt vor Deinen Figuren.

7.) Verliere NIEMALS den Respekt vor Deinen Figuren!

Und um nochmal zur Ausgangsfrage zurückzukommen: Muss man heute Sexszenen beschreiben, damit ein Buch Leser findet? Ich denke: Nein. Aber ich werde es trotzdem nicht unterlassen. 😉

 

 

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schreckenbergschreibt: Sag mir, wo der Horror ist.

Es gibt so Fragen, die kommen oft:

Auf der Party: „Ah, Schriftsteller?! Und was schreibst Du so?“

Im Kollegenkreis: „Und was schreibst DU so?“

Nach der Lesung: „Schreiben Sie nur Krimis / Fantasy / Endzeit?“ (Letztere je nachdem, wie die Leute den „Finder“ einordnen – und wieso eigentlich nur?)

Ich gebe normalerweise eine Variation dieser Antwort: „Ich schreibe Krimis und Phantastische Literatur. Da vor allem Horror, aber mein erster veröffentlichter Roman ist eine Endzeitgeschichte. Manchmal auch SciFi*, aber selten.“

Damit habe ich mein gesamtes vergangenes und vermutlich auch künftiges belletristisches Hauptwerk in wenigen Worten zusammengefasst. Vor allem aber habe ich das BÖSE WORT gesagt, und die Reaktion, die darauf folgt, ist ganz oft eine Version hiervon:

„Horror… kann ich ja nicht… so blutig.“

Hä?

Wenn ich, wie jetzt, an meinem Schreib- und Arbeitstisch sitze, schaue ich auf MEINE Bücherregale. Es sind, wie die Buchhändlerin die ich liebe sagen würde, zwei „Achsen“, und sie sind nur ein Bruchteil der Bücherregale, die unsere Wohnung füllen (von den regallosen Bücherstapeln gar nicht zu reden), aber die gehören mir, fast zur Gänze gefüllt mit dem Zeug, das nur ich lese (abgesehen vom unteren Drittel rechts, da stehen auch Tolkien, Pratchett und Moers, die lesen wir beide). Und dort stehen, neben vielen Science-Fiction Autoren, Werke von:

Clive Barker
Algernon Blackwood
William P. Blatty
Robert Bloch
Ray Bradbury
E.T.A. Hoffmann
T.E.D. Klein
H.P. Lovecraft
Arthur Machen
Richard Matheson
Joyce Carol Oates
Edgar Allan Poe
Bram Stoker
Peter Straub

und selbstverständlich ganz vorne: Stephen King.

Um nur die Wichtigsten zu nennen. Was für Namen. Was für SCHRIFTSTELLER, was für eine Ansammlung von demuterzwingender Qualität, mit zwei Ausnahmen allesamt in Pappeinbänden, denn sowas gab es seinerzeit nur als Taschenbuch. Dazu Anthologien mit Kurzgeschichten von zum Teil ebenso großartiger Qualität, und sie tragen Titel wie: „Angst“, „Horror“, „Unheimliches“ etc., etc., etc.

“ Horror… kann ich ja nicht… so blutig.“

Bin ich so verdammt alt? Bin ich wirklich Angehöriger einer verschwindenden Minderheit, die sich noch erinnert, dass all diese Namen einmal für „Horror“ standen? Offensichtlich. Als was gilt H.P. Lovecraft heute? Ist das ein „Mystery“ Autor? Und Clive Barker? „Fantasy“? Robert Bloch – „Krimi“? Stephen King – „Regio Maine“?

Meine Initialzündung als Schriftsteller bekam ich 1984. Ich war 13 und las gerne John Christopher, Mark Brandis, Michael Ende, Philip José Farmer und die klassischen Griechischen Sagen, Phantastische Literatur war damals schon meins, aber nicht ausschließlich – Jo Pestum und Agatha Christie zum Beispiel waren auch Favouriten, die Krimi-Saat war also ebenfalls ausgelegt. Und dann erwarb ich eines Tages eine Anthologie namens „Schattenlicht“** aus der Reihe „Twillight Zone“. Darin Kurzgeschichten von Autoren, deren Namen mir nichts sagten: „Stephen King“. „Ramsey Campbell“. „Thomas Disch“. „Robert Sheckley“. „Joyce Carol Oates.“ „Robert Bloch.“ „Richard Matheson“. „Peter Straub.“ „Edgar Allan Poe.“ Und noch ein paar andere. Nie gehört. Aber der Klappentext klang vielversprechend: „Wiege der modernen Horror-Literatur.“ „Die besten Stories prominenter Autoren.“ (Ich war, wie gesagt, erst 13, auf die typisch pubertäre Idee, dass ein Autor ja wohl nicht prominent sein kann, wenn ICH ihn nicht kenne kam ich erst so etwa ein Jahr später 😀 .) Und einen der Autoren kannte ich: Roald Dahl. Von dem besaß ich das Buch „Charlie und der große gläserne Fahrstuhl“, und das hatte mir ganz gut gefallen. Ich legte also die schwindelerregende Summe von Sechsmarkachtzig auf den Tisch, erwarb die Anthologie, las die erste Geschichte, „Travel“ von diesem King – und mein Schicksal war besiegelt.

Witzigerweise ist „Travel“ eigentlich klassische Science-Fiction: Die Geschichte spielt in der Zukunft und handelt – vordergründig – von einer fiktiven technischen Errungenschaft. Aber damals war der Begriff „Horror“ noch weit, so weit, wie es die Bedeutung des englischen Wortes erlaubt: „Horror“ bedeutet „Schrecken“ eine „Horror Story“ ist – mit dem schönen, nicht mehr gebräuchlichen deutschen Wort übersetzt, eine „Schauergeschichte.“ Und da gehört „Travel“ unbedingt rein, denn die Geschichte weckt einen entsetzlichen Schrecken, und wer bei dem Gedanken an das, was dort passiert, keinen Schauer empfindet, dem ist meiner Meinung nach in Sachen Phantasie nicht zu helfen. Und die Geschichte ist weitgehend unblutig, die beiden einzigen Toten darin – ein Mann und eine Maus – sterben an Herzinfarkten. Ganz am Ende gibt es einen überflüssigen Gore-Moment, aber den braucht die Geschichte nicht, er ist viel weniger schrecklich als der unblutige Schrecken.

Ich war begeistert. So etwas durfte man machen? Und je mehr Kurzgeschichten ich las, desto begeisterter wurde ich. So viele verschiedene Varianten des Genres Horror! So viele phantastische Ideen! Solche Ideen hatte ich auch. Und hier sah ich – man konnte das hinschreiben, man musste es gar nicht in die lyrischen Welten eines Michael Ende oder die Zukunftsvisionen eines John Christopher kleiden. Es ging einfach so! Und ich begann, Horrorkurzgeschichten zu schreiben…

Das war vor 28 Jahren. Damals begann „Horror“ gerade, aus der Schmuddelecke zu kommen, in die die Kulturbeutel das Genre permanent drücken wollten – und immer noch wollen. Stephen King war es, der dir Tür für uns alle öffnete, weit und weiter, der so lange großartige Bücher schrieb, bis auch die Mehrheit der Literaturbesserkenner die blöde Metapher von den Fliegen und dem Mist nicht mehr bringen konnte und zähneknirschend gestehen mußte, dass der Mann ein erstklassiger Autor ist. Ich selbst habe seither drei Romane veröffentlicht: Einen Krimi (Die Träumer), eine Endzeitgeschichte (Der Finder) und einen Horrorroman (Der Ruf). Der Krimi läuft gut. Die Endzeitgeschichte geht gerade richtig ab. Der Horrorroman… verkauft sich manchmal. Das mag damit zusammenhängen, dass es ein E-Book ist, und ich eben, wenn, dann vor allem als Print-Autor bekannt bin. Aber es ist ein gutes Buch, nicht schlechter als meine beiden anderen und tief in meiner eigenen Geschichte verwurzelt. Doch es ist eben eine Horrorgeschichte. Und ich mag sie nicht anders nennen, denn das würde ich als Verrat an dem Genre verstehen, dem ich letztlich alles verdanke. Nur – der Begriff „Horror“ ist heutzutage ein Kassengift. Denn alle erwarten nur noch BLUUUUUUUUUUUUUUT.

Warum eigentlich? Weil eine Liebesromanschrifstellerin hinterrücks die Vampire und Werwölfe gekapert und aus diesen dämonischen Halbwesen handzahme, glitzernde Kuschelchen gemacht hat – und dutzende Nachschreiber in ihrem Gefolge? Weil eine begnadete Jugendbuchschriftstellerin in ihren Werken Horror- und Fantasyelemente mischt und geradezu ein neues Genre kreiert hat? Weil die angeblich so horrortypischen Blutorgien heute in jedem dritten Krimi zu finden sind, man aber nicht das ganze Krimigenre als „Horror“ labeln kann (obwohl es bis heute Leute gibt, die zum Beispiel „Das Schweigen der Lämmer“ für einen Horrorfilm halten)? Ich weiß es nicht. Ich bedauere es nur – tun kann ich wohl nichts dagegen.

Warum schreibe ich das alles? Nun – ich stehe vor einem Verrat, dem Verrat, den ich beim „Ruf“ noch vermeiden konnte. Mein Verlag liest gerade einen Roman, den ich vor einiger Zeit schon geschrieben habe, und der mir sehr am Herzen liegt. Die Signale sind positiv – kann gut sein, dass er meine nächste Veröffentlichung wird. Ich habe diese Geschichte als Horrorgeschichte geschrieben. Sie hat ihre blutigen Momente, aber die sind eher krimitypisch blutig. Nichts, was zum Beispiel geübte Krimileser nicht gut verdauen könnten, niemand wird mit seinen Gedärmen erwürgt oder mit seinem Blut ertränkt oder so etwas. Ich habe echt schon Grausigeres gelesen. Nein – wenn man die Geschichte so mitdenkt, wie ich sie angedacht habe, dann ist der größere Schrecken doch im Kopf. Und es ist eine Geschichte mit starken übernatürlichen Elementen. Eine Geschichte mit großen Schrecken. Eine Schauergeschichte – a horror story.

Aber wir werden sie nicht so nennen. Denn wir – mein Verlag und ich – kennen nun einmal den Markt, und wir wollen Geschichten erzählen bzw. verkaufen, nicht missionieren. Und wenn wir „Horror“ draufschreiben werden viele Leute, denen der Roman gefallen könnte, garnicht erst zugreifen. Andere, die gerne bis zu den Knien in Blut und Gekröse waten möchten, zumindest virtuell, würden vielleicht doch zugreifen und enttäuscht sein. Also wird etwas anderes darauf stehen.

Aber ich bin nicht glücklich damit. Für mich ist „Horror“ immer noch dieses weite, reiche und unglaublich kreative Feld, das ich in den 80er Jahren betreten habe und auf dem sich alle tummeln durften, Clive Barker wie Arthur Machen, T.E.D. Klein wie Richard Matheson, selbst für einen John Saul war da Platz. Ich stehe, winzig klein, auf den Schultern von Giganten wie Stephen King und H.P. Lovecraft, und ich habe mich dorthin gestellt, als sie noch nicht schick waren sondern gerne mal verachtet wurden. Ich bin auch, war zuerst und werde weiter sein: Ein HORRORSCHRIFTSTELLER!

Vielleicht mache ich mir mal ein T-Shirt, auf dem das steht. 😉

*Man spricht das übrigens Szei-FI, nicht Szei-FEI, man sagt ja auch nicht Szeinz-Feiktschn, zum DONNER!!!

**Heyne, dritte Auflage, 1984 – findet Ihr heute nur noch gebraucht, natürlich. Ich habe mein Exemplar noch. 🙂

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schreckenbergschaut: FNHF Teil 9 – The Incredible Shrinking Man

Ja, doch, es gibt mich noch. 😀 Erinnert Ihr, meine treuen Leser, Euch noch an den Beginn dieses Blogs? Ist ja nicht soooo lange her. Damals schrieb ich, dies würde ein sehr unregelmäßiger Blog werden. Solange ich den wöchentlichen Freitagstermin für den FNHF treu hielt und so lange ich dann auch noch fast täglich von der CRIMINALE (schaut mal, die sind jetzt offiziell schon bei 2013, ich FREUE mich schon… 😀 – hat jemand ’ne bezahlbare Bleibe für mich in Bern?) berichtet habe hätte man das ja schon fast vergessen können..

Nun – die letzten Wochen war ich so arg mit diesem Zeug, das wir Schriftsteller dauernd machen beschäftigt… wie nennt man das noch… ach ja -„Schreiben“ und dann hatte ich auch noch Geburtstag und darob meine Lieblingssarah zu Besuch (um den Gastbeitrag im Blog hast Du Dich ja hübsch herumlaviert, meine Teure 😉 ) und als ich dann letzte Woche am Towel Day ENDLICH eine passende Filmkolumne schreiben wollte, da kam mir meine liebe Kollegin Regina dazwischen und lud mich mit einer Vorlaufzeit von einem Tag auf die (den? das?) ColoniaCON ein, wo ich aus dem „Finder“ las. Und das braucht ja ein wenig Vorbereitung, also auch keine Zeit zum bloggen.

Langer Rede kurzer Sinn: Ich präsentiere Euch heute den Film, den ich eigentlich für den Towel Day vorgesehen hatte. Passenderweise kann man ihn sowohl in die Kategorie Horror als auch in Science-Fiction einordnen – oder man konnte es, als Horror noch ein respektabler Name war und SciFi auch für etwas andere galt als für Space Operas. Wobei ich absolut nichts gegen Space Operas habe, ich bin ein großer Fan von Iain M. Banks – aber wenn man sich fragen muss, ob zum Beispiel ein Gott des Genres wie Philip K. Dick heute nicht eher in die große Mystery-Soße gerührt würde, dann ist das schon eine verdammte… ach lassen wir das. Die Bedeutungen von Begriffen ändern sich. Und über den Niedergang des Begriffs „Horror“ werde ich mal einen eigenen Beitrag verfassen, also, wo waren wir? Genau – der für den Towel-Day vorgesehene Film war:

The Incredible Shrinking Man (Die unglaubliche Geschichte des Mr. C)
(USA 1957)
Drehbuch: Richard Matheson, Jack Arnold
Regie: Jack Arnold

Zwei Dinge fallen hier sofort auf:

1.) Der deutsche Titel ist besser als der englische. Kommt selten genug vor, aber nach Meisterwerken der Titelfindung wie „Das Böse“, „Das Grauen“ und „Bis das Blut gefriert“ musste das ja rein statistisch irgendwann mal kommen.

2.) „DAS SOLL EIN FNHF SEIN??? Mach mal halblang!“ höre ich die Genrefans toben und ja – diesmal haben sie wirklich recht. Wenn der Regisseur, der den B-Film zur Kunstform erhoben hat auf einen so sehr drehbuchbegabten Schriftsteller wie Richard Matheson trifft, dann muss doch ein Werk herauskommen, das weit über dem Freitagsnachmittagshorrorfilmstandard ist, oder? Nun – MUSS nicht. Die Konstellation bei „Psycho“ war ähnlich, und da ist es Hitchcock eben noch gelungen, Robert Blochs Drehbuch zu retten. Aber ich gebe zu – in diesem Falle hier ist es so. „The Incredible…“ ist ein sehr, sehr guter Film, besser als alle, die ich hier bisher vorgestellt habe. Aber es war eben Towel-Day! Ein hoher Feiertag. Ich wollte Euch etwas Besonderes gönnen. Und dann kam Regina und… 😉

Inhalt
Die Geschichte ist extrem einfach – wie so viele gute Geschichten. Leider kenne ich den zu Grunde liegenden Roman von Matheson nicht, aber hier geht es ja auch um die Drehbuchadaption. Einfach, wie gesagt – Scott Carey (Grant Williams) gerät während eines Bootsaufluges in eine Wolke, die glitzernde Partikel auf seiner Haut hinterlässt. Und obwohl er glitzert wird er nicht etwa zum Vampir, sondern er beginnt einige Monate darauf, langsam und kontinuierlich zu schrumpfen, weiter und weiter. Der Prozess stoppt zwischendurch einmal durch ärztliche Kunst (oder auch nicht?), eine kleinwüchsige Artistin schafft es sogar, ihm etwas neuen Lebensmut zu geben. Aber dann geht es wieder los und niemand kann ihm mehr helfen, kein Arzt, keine Freunde, auch seine Frau nicht. Er wird so klein, dass Katzen und Spinnen zur tödlichen Bedrohung werden und der Versuch, zu einer Brotkrume zu gelangen um etwas essen zu können, wird zur epischen Queste innerhalb der Geschichte.

Urteil
Es gibt eigentlich nur eine einzige Kritik an diesem Film: Die Prämisse ist extrem unlogisch. Ein Mensch, ein Säugetier, das so sehr schrumpft? Wie soll Scott seine höheren Gehirnfunktionen aufrecht erhalten? Wie -als er winzig wird – atmen? Wie…
Ja, ja, alles richtig aber QUATSCH! Das hier ist eben keine SCIENCE Fiction Film im Sinne von „wissenschaftlich“. Wer mit dieser Kritik an den Film herangeht hat ihn nicht verstanden, hat eine ganze Literaturgattung nicht verstanden. Viele großartige Werke des phantastischen Films und der phantastischen Literatur haben eine wissenschaftlich nicht haltbare Prämisse, deshalb handeln sie ja auch vom „Übernatürlichen“. So lange sie danach die innere Logik ihrer Geschichte halten ist alles gut. Wer damit nicht leben kann, soll Dokus schauen oder Physikbücher lesen. Literatur und Film spiegeln nicht das wahre Leben, denn das wahre Leben hat keine Dramaturgie. Von diesem Grundsatz ausgehend sind die Autoren des Phantastischen Genres eben nur noch ein wenig experimentierfreudiger als andere Literaten.

Abgesehen von der Kritik an der Prämisse ist der Film nahezu makellos, wenn man von etwas zu viel Pathos im Mono- und Dialog und den eher mittelmäßigen Schauspielern (Ausnahme: April Kent als Clarice, die ist sehr gut) absieht. Am auffälligsten ist die unglaublich gekonnte Dramaturgie, insgesamt wie in einzelnen Szenen und Sequenzen. In all seinen Filmen beweist Jack Arnold, dass er sehr gut weiß, wann und wie man Action aufbauen muss, wie man eine spannende Squenz langsam erzählt und wie man Relief einbaut. Mit Matheson hat er hier einen Autor, der ihm die congeniale Vorlage liefert, das Ergebnis ist ein Film, dessen Tempowechsel so meisterhaft sind, wie man sie heute nicht mehr erlebt. Permanente Action oder das bewusste Gegenteil entsprechen heute unseren Sehgewohnheiten, und selbst ruhige Filme kommen kaum noch ohne andauernde schnelle Schnitte aus. Hier ist das noch anders – und es funktioniert bis heute, zumindest bei mir.

Früher wurde der Film als Kritik am Kalten Krieg und am Atomzeitalter verstanden, später hielt man ihn für eine frühe und weitblickende Kritik an der Umweltverschmutzung. Da niemals genau gesagt wird, warum Scott schrumpft, kann er beides sein. Oder nichts davon – wahrscheinlich brauchte Matheson einfach nur einen Grund, um seinen Protagonisten schrumpfen zu lassen. Er ist nicht in die Falle getappt, eine harte Erklärung anzubieten und seine Geschichte damit einem Zeitgeist anzupassen. Seine Wolke ist und bleibt geheimnisvoll und damit zeitlos.

Mir gefällt außerdem besonders das offene Ende. Eigentlich mag ich es, wenn ein Film ein richtiges Ende hat, mit einem guten offenen Schluss kann ich aber auch leben. Der offene Schluss hier ist allerdings unbedingt notwendig, wenn man nicht die Phantasie des Zuschauers ersticken will. Gottlob tut Matheson uns das nicht an, sondern eröffnet eine Fülle von Möglichkeiten, über die man nächtelang reden kann. Danke. 🙂

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