schreckenbergschreibt: Regen, Wind und andere Stürme – CRIMINALE 2012

Eigentlich habe ich ja am Anfang geschworen, in diesem Blog nicht politisch zu werden, und ich gebe zu, das galt weniger Eurem Schutz langem Gerede (bzw. Geblogge) als vielmehr meinem. Ich neige nämlich bei politischen Themen – zumindest, sofern sie mich direkt betreffen, dazu mich fürchterlich zu echauffieren. Und manchmal greife ich im Geiste zu Maßnahmen, die politisch nicht nur unkorrekt sondern auch spätestens seit dem 30jährigen Krieg nicht mehr zeitgemäß sind. Und ich will mich doch bemühen, nett zu sein. Meistens. Außer in meinen Geschichten. 😉

Aber manchmal betrifft es mich eben doch so direkt, dass ich es hier zum Thema machen muss. Weil es eben auch die Themen dieses Blogs betrifft – und letztlich auch Euch. Aber ich verspreche, mich kurz zu fassen. Und außerdem wollte ich erstmal was anderes erzählen:

Gestern Abend also war die Eröffnungsveranstaltung zur CRIMINALE 2012. Im Foyer der Stadtsparkasse zu Brilon im Sauerland. Nein, es war nicht so, wie sich das anhört. 😀 Die Musik war gut (obwohl ich den Mecky Messer ja lieber in düster höre), das Essen auch, und die Reden der örtlichen Honoratioren hört man auch umso lieber wenn man weiß, dass sie diese ganze Veranstaltung erst möglich gemacht haben (also – die CRIMINALE. Nicht nur die Eröffnung). Das Highlight des Bühnenprogramms war aber mit Sicherheit die… ähm… Begrüßung? Einleitung? Eröffnungsrede? Was auch immer, der jedenfalls massiv unterhaltsame Vortrag von Peter Godazgar. Ich bin ja Neuling im Syndikat und außerdem gar nicht so ein engagierter Krimileser, kannte ihn also vorher nicht. Aber wenn der Mann so schreibt wie er spricht werde ich Fan. Heute Abend liest er in Sundern, gemeinsam mit Kai Hensel und Britt Reissmann, und das lasse ich mir auf keinen Fall entgehen.

Dass ich NICHT die ganze Zeit alleine in der Ecke stand und den anderen beim Sozialisieren zusah ist vor allem Oliver Buslau und meiner Patin Sandra Lüpkes zu danken. Oliver packte mich am Kragen und stellte mich jedem vor, der in Reichweite kam, Sandra tat ähnlich und versicherte mir außerdem, mich jedem vorzustellen, dem ich vorgestellt werden wolle, das ganze so freundlich und mit solchem Charme, dass mir erstmal gar niemand eingefallen ist, dem ich vorgestellt werden möchte. Kommt bestimmt noch. Sandra, Oliver, so Ihr dies lest – fühlt Euch virtuell geherzt.

Ich lernte also gestern einige nette und interessante Menschen kennen, die ich jetzt hier nicht alle aufzählen möchte, das wäre Namedropping. Sie werden bestimmt in dem einen oder  anderen Thema von „schreckenbergschreibt“ auftauchen. 😉

Tja, und dann fuhr ich zurück. Von Brilon nach Sundern. Nachts. In Regen und Wind. Im SAUERLAND (Straßenmarkierungen sind für Sissis, meint man hier wohl oft). Und – um das ganze komplett zu machen – mit einer Brille bei der auf einer Seite die Entspiegelung abgeplatzt ist. Was für ein F… SEHR beängstigendes Erlebnis, wirklich.

Okay, es folgt der versprochene politische Teil: Heute bin ich wieder in Olsberg, gerade sitze ich auf dem Parkplatz der Sauerlandtherme, wo der Netzempfang gut ist. Eben fand die Pressekonferenz zum Start der Initiative Ja-zum-Urheberrecht statt. Ich will gar nicht viel dazu sagen, wer mir auf Facebook oder Twitter folgt kennt meine Position sowieso. Ich BIN Urheber. Kein Resampler, kein Nacherzähler, ich schaffe neue Dinge – mein geistiges Eigentum. Wie ich damit verfahre möchte ich selbst entscheiden dürfen, und das Recht dies zu tun nennt man Urheberrecht. Und mein Verleger ist mein Partner der mir hilft, meine Geschichten zu den Lesern zu bringen, was a) Zeit kostet und er b) auch besser kann als ich. Nix Ausbeutung oder Contentmafia. Ich KENNE meine Verträge. Die, die sich immer wieder anheischig machen, mich davon zu befreien, kennen sie nicht. Wenn ihr mir dieses Recht zugesteht – unterstüzt bitte die Initiative. Wenn ihr es mir nicht zugesteht, erklärt mir mal, warum nicht. Oder schert Euch gottweißwohin.

Was mich dann aber wirklich geplättet hat war, was mir eine Autorenkollegin (ich nenne den Namen jetzt nicht, ihr werdet gleich verstehen, warum) von Ihrer Tochter erzählte. Diese – Schülerin – legte sich via Facebook mit ihren Schulkameraden an, die Kim Schmitz bedauerten. Woraufhin sie einem Shitstorm ausgesetzt war, der dazu führte, dass sie sich nicht mehr in die Schule traute.

Also nochmal: Eine junge Frau, deren Familie zu nicht unerheblichem Teil von dem Urheberrecht ihrer Mutter lebt, setzt sich für die Achtung des Urheberrechts und gegen einen Dieb und Hehler ein (denn nichts anderes ist er in meinen Augen). Daraufhin wird sie gemobbt und der Lüge bezichtigt, weil niemand ihr glaubt, dass sie kein Diebesgut und keine Hehlerware auf dem Rechner habe. WO ZUM TEUFEL SIND WIR EIGENTLICH??? Das Leute, kommt dabei heraus, wenn man die Existenz von geistigem Eigentum negiert, die Leute, die damit und mit der Verwertung ihren Lebensunterhalt verdienen als „Contentmafia“ denunziert und diejenigen, die das geistige Eigentum anderer nutzen, dafür aber keine Gegenleistung bringen wollen, „nicht kriminalisieren“ will. Der Rechtsbruch wird zum Normalfall erklärt und wer sich für das Recht einsetzt wird an die Wand gedrückt. Willkommen im Wilden Westen.

Also, deutlich: JA ZUM URHEBERRECHT.

 

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Ich weiß nicht, was es ist aber es kommt direkt auf mich zu – die CRIMINALE 2012

Der oder dem einen oder anderen wird es aufgefallen sein – diese Woche ist der FNHF ausgefallen. Das kam zum einen daher, dass ich am Freitag eine Lesung in Solingen hatte (sehr gelungene Lesung übrigens, danke nochmal an die Veranstalter und an das grandiose Publikum) und die Woche über nicht dazu kam, auf Halde zu schreiben. Zum anderen konnte ich den Horrorfilm der Woche auch nicht nachholen – denn ich habe eine Reise vorzubereiten: Am kommenden Mittwoch beginnt die CRIMINALE 2012 im Hochsauerlandkreis, und ich bin dabei.

Seit Ende letzten Jahres – seit den Träumern, die ja nun ohne jeden Zweifel ein Krimi sind – bin ich Mitglied im Syndikat, der Vereinigung der deutschsprachigen Krimiautorinnen und -autoren. Die Criminale ist ebenso ein Krimifestival wie unser Jahrestreffen, mit Vollversammlung und Lesungen, Workshops, Treffen an der Bar, Spiel des FC Criminale und natürlich der Verleihung des Glauser – eines der, wenn nicht des wichtigsten deutschen Krimipreises. Das werden verdammt spannende Tage!

Und ich freue mich darauf wie Bolle. Ich freue mich darauf, Sandra Lüpkes kennen zu lernen, meine Patin (als Neuling durfte man sich wünschen, ein erfahrenes Syndikats-Mitglied an die Seite zu bekommen, das beim Einstieg hilft). Als echte Patin hat sie mich gefälligst zu beschützen und mir zu helfen und dafür wird sie mich eines Tages – und dieser Tag wird vielleicht niemals kommen – bitten, ihr einen Gefallen zu tun… 😉

Ich freue mich auf Oliver Buslau, den Erfinder des Bergischen Detektives Remigius Rott, ich freue mich auf Karin Schickinger, die gemeinsam mit Sandra und mir am Freitagabend in Sundern lesen wird, auf Nina George, die ich bei Facebook kennen gelernt habe und die so engagiert für die Rechte von uns Urhebern kämpft, ich freue mich auf den Tango Criminale, auf den Sorpesee und das Sauerland, ich möchte möglichst viele Lesungen besuchen und viele andere Autorinnen und Autoren hören und kennen lernen… ich freue mich seit Monaten darauf.

Und argh, ist mir flau im Magen. Es ist nämlich so – ich bin nicht besonders gut darin, mit neuen Menschen umzugehen. Also… solchen, die ich nicht selbst erfunden habe. Ich bin der Typ, der auf einer Party rumsteht und hofft, dass sich jemand seiner erbarmt und ihn anspricht. Ich bin SCHRIFTSTELLER verdammt! Sensibelchen! Künstler!

„Moment!“ ruft da jemand, „Bist Du nicht auch PR-Berater? Sind das nicht diese schampustrinkenden Kommunikationsgenies, die mit allem und jedem über alles und jedes sprechen können?“
„Tut mir leid“, antworte ich, „ich schreibe Konzepte, ich bin PR-Stratege. Und Redakteur. Ich mag keinen Schampus und wenn ich arbeite, bietet mir auch keiner einen an. Schau weniger Vorabendserien!“

„Aber“, ruft ein anderer, „da sind doch lauter Schriftstellerinnen und Schriftsteller! Bedeutet das, Ihr steht alle nur rum und hofft…“
Erschreckende Vision! 😀 Aber es soll ja auch extrovertierte Vertreter unserer Zunft geben.

Tatsache ist – ich bin, bei aller Vorfreude, schon ganz schön unsicher. Und da kommt IHR ins Spiel, meine lieben unbekannten oder doch bekannten Leserinnen und Leser, Finderfans, Langenrathbewohner, Rufenthusiasten, Träumerfreunde und Freitagnachmittagshorrorfilmschauer. WENN ich da Internet habe (ich nehme den Surfstick mit und hoffe, dass das deutsche Hinterland etwas besser erschlossen ist als das niederländische) werde ich von der CRIMINALE bloggen. Folgt mir, seid mein Stück Heimat im Outback von NRW. Und wenn Ihr wollt – kommt mich besuchen:

Aufgemotzt und abgeschmiert
Lesung mit Sandra Lüpkes, Karin Schickinger und Michael Schreckenberg
27. April, 19.30 Uhr
Fa. Capristo, Kalmecke 5
59846 Sundern-Stemel

Der Eintritt ist frei, vorherige Anmeldung unter Telefon 02933 810 wäre aber nicht dumm.

Sehen wir uns? 😉

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schreckenberglauscht: Kosima And The Blue Cable, The Gadgets und höfliche junge Wrecker

Heute, liebe Freunde, eröffne ich eine neue Kategorie in diesem meinem Blog und ihr Name sei:

schreckenberglauscht

Diese Kategorie hat eindeutig gefehlt, denn immerhin füge ich jedem Roman den ich schreibe eine Auflistung der Künstler bei, deren Musik mir beim Schreiben geholfen hat (schreiben ohne Musik ist mir fast unmöglich). Und außerdem, das sei nicht vergessen, bin ich Songtexter. Ich habe mit meinen Texten nicht unwesentlich zu zwei der drei CDs einer Psychobilly Band beigetragen, der großartigen Boozehounds, und dass die sich aufgelöst haben, gerade als sie wirklich dabei waren in die Spitze der Szene vorzudringen, dafür kann ich ja nichts.

Musik ist also wichtig und ich sollte viel öfter darüber schreiben.

Die Eröffnung dieser Kategorie hat jedoch auch einen konkreten Anlass. Gestern abend besuchte ich die CD-Release Party zweier Bands: „The Gadgets“ aus Bochum und „Kosima and the Blue Cable“ aus Remscheid.

Kosima and the Blue Cable habe ich vor ein paar Wochen kennengelernt. Ich war auf Einladung des „Initiativkreises Kremenholl“ zu einer Lesung in Remscheid, gemeinsam mit Daniel Juhr und Michael Itschert. Das mag ein wenig nach Kulturbespaßung in der hintersten Provinz klingen, und rein geographisch ist das auch so falsch nicht, aber die Lesungen beim Initiativkreis machen immer so richtig Spaß – das (zahlreiche!) Publikum geht mit und ist darüber hinaus auch noch sehr kauffreudig und die Veranstalter sind engagiert und verstehen ihr Geschäft. Das habe ich durchaus auch schon anders erlebt. Aber das nur am Rande. 😉

Ich freute mich also auf eine weitere gelungene Lesung, fand nach den üblichen Kremenholl-Problemen einen Parkplatz und eilte zum Veranstaltungssaal, wo ich aus den „Träumern“ lesen wollte. Dort angekommen traf ich nicht nur meine Mitstreiter an, da saßen auch ein paar nette, etwas schüchterne Mädchen mit Instrumenten. Das sei, so sagte man mir, die Band „Kosimairgendwas“ und sie würden für den musikalischen Support sorgen. „Wie nett“, dachte ich, „die geben der örtlichen Schülerband ’ne Chance. Wird schon klappen.“

Ja Pustekuchen!

Kosima and the Blue Cable“ so der volle Name, entpuppte sich als unbedingt hörenswerte Singerinnen-Songwriterinnen-Combo die es ohne Probleme schaffen, mit ihrer selbstgeschriebenen Musik im einen Moment an die frühen Cowboy-Junkies (ich weiß, die kennt hier niemand außer mir, das ist aber EUER Fehler, nicht meiner 😀 ) zu erinnern, um im nächsten Moment ein Publikum zu rocken, das eigentlich gekommen war, um sich Krimis vorlesen zu lassen. Ich war schwer begeistert und wurde sofort Fan. Und ich schwöre, niemals, niemals wieder die Künstlerauswahl des Initiativkreises Kremenholl zu unterschätzen.

Dieser Tage nun erfuhr ich über unser aller Facebook, dass Kosima (das ist übrigens kein menschliches Bandmitglied, sondern eine Gitarre) eine EP produziert hat und zur Release Party im Remscheider 12INCH Cub ruft. Das wollte ich mir keineswegs entgehen lassen. Gestern nun fand das Releasekonzert statt, gemeinsam mit „The Gadgets“ aus Bochum. Und ich berichte in Reihenfolge des Lineups:

The Gadgets

The Gadgets sind Caroline von der Heydt (Keyboard, Voc), Patrick Mitze (Gitarre, Voc), Daniel Wirtz (Drums) und Sören Rehner (Bass). Sie spielen etwas, dass sie selbst als Indierock bezeichnen – das Blöde mit Indie ist leider nur, dass es eben ALLES heißen kann. Ich würde sagen, das ist Poprock, der sich in den besten und mutigsten Momenten vielversprechend in Richtung 80er Wave schleicht. Wenn „The Gadgets“ in Stimmung kommen, dann bekommt ein alter Mann wie ich sentimentale Anwandlungen, weil er den Eindruck gewinnt, dass The Cure doch nicht umsonst gelebt hat. Sie selbst mögen seit „Lullaby“ den Weg der Jammermusik eingeschlagen haben, aber einige junge Menschen haben die gute alte Zeit nicht ganz vergessen. 😉

Die Gadgets beherrschen ihre Instrumente. Das ist soooo wichtig. Das ist so verdammt wichtig, in Zeiten, da alle Welt so tut, als sei das Nebensache, Hauptsache Tremolo und Performance, den Rest macht dann das Studio. Nee, Leute, eben nicht. Wer einen Drummer wie Daniel Wirtz in Aktion gesehen hat, an dem selbst der Große Tommo Stürtz seine Freude hätte, der versteht, warum ein guter Schlagzeuger als heimlicher Anführer einer Band so ungeheuer wichtig ist. Und das Fräulein von der Heydt macht mit seinem kleinen Keyboard auch ganz große Sachen. Gitarristen haben es bei mir immer besonders schwer, da mein bester Freund nun mal leider der überaus begnadete Stefan Mikus ist, aber seien wir ehrlich – Patrick Mitze ist noch jung und jetzt schon besser als sehr, sehr viele Saitenquäler die sich Frontmänner bekannterer Bands schimpfen. Bass kann ich nie beurteilen, aber meine Begleiterin lobte ihn stark. Und die kann das beurteilen. 😀

Der Gesang war okay, aber die Band sang mit Handicap: Patrick, so berichtete Caroline, ist gerade erst von einem Husten genesen – zwischendurch verließ die Stimme ihn. Mag bestimmt am Husten liegen, aber ich glaube, ein wenig Atemübung würde auch nicht schaden. 😉 Er hat es aber auch schwer bei mir – wenn in einer Band ein Mann und eine Frau singen, tendiere ich dazu, die Frau völlig subjektiv besser zu finden. Das geht mir mit „Mad Jack and the Hatters“ so, und mit „The Hillbilly Moon Explosion“ und hier ist es nicht anders. Ich höre Caroline lieber zu, auch wenn sich die beiden gut ergänzen.

Ein ganz großes ABER habe ich allerdings: The Gadgets schreiben in ihrer Bandbeschreibung „Believe the hype!“ Ja, glaubt ihn doch bitte erstmal selbst!!! Ihr seid gut, ehrlich, hörenswerte Newcomer, und ihr seid vor allem live besser als aus der Konserve, was ein gutes Zeichen ist! Warum, verdammt nochmal, so schüchtern? Ihr müsst das Publikum nicht fragen, ob es ihm gefällt. Ihr müsst Euch nicht entschuldigen, wenn was daneben geht. IHR steht da auf der Bühne, ihr herrscht, Euch gehört der Saal. Und wenn das Publikum, so wie gestern, klatscht und pfeift und tanzt, dann habt ihr gewonnen. Glaubt es ruhig und zeigt etwas weniger Angst.

Und damit zu:

Kosima and the Blue Cable

Die Band setzt sich zusammen aus Stella Klaus (Gitarre, Voc), Aileen Wiedemann (Gitarre, Voc), Karin Maar (Percussion) und Ayla Wirth (Bass), gestern vertreten durch den Gastbassisten Thomas.

Tja, was soll ich sagen – ich war sehr begeistert und muss mich schwer zusammenreißen, um nicht ins Schwärmen zu geraten. Sie begannen den Auftritt mit zwei ruhigen Nummern, sehr stimmungsvoll, sehr schön, bei denen Stella sich scheinbar einmal im Text verhaspelte und Karin plötzlich ihre Rasseln über die Bühne schoss. Aufgemerkt: Stella grinste sich eins, überspielte kurz und sang dann weiter, Karin holte sich Szenenapplaus für die Performance. So macht man das. 😉 Wenn die Musik so gut ist, dann verzeiht ein Publikum vieles bis alles. Danach verkündete Stella, der Lagerfeuer-Teil sei nun vorbei, Karin nahm am Schlagzeug Platz und die Mädels (und der Gastherr) ließen es krachen.

Ich möchte gar nicht so sehr ins Detail gehen, diese Band ist einfach wirklich gut. Ihre Instrumente beherrschen sie natürlich, der Gesang macht Freude, Stella und Aileen ergänzen sich sehr gut. Und sie wissen, wie man ein Publikum mitreißt – das hat vor allem etwas damit zu tun, dass sie sichtbar Spaß bei der Arbeit haben und wissen, was sie können. Außerdem können sie mit verschiedenen Zielgruppen umgehen: Damals in Kremenholl war es ein anderes Publikum, ein anderer Raum, andere Rahmenbedingungen, als haben Kosima and the Blue Cable da auch eine andere Facette gezeigt. Auch sowas muss man können.

Und ein ganz großes Lob vom Schriftsteller und (Ex?)-Songwriter: Gute Texte! Die konnte ich mir erst auf dem Heimweg richtig zu Gemüte führen. Da ich (selbstverständlich!) beide CDs gekauft habe, hatten wir auf dem Weg nach Hause ausreichend Muße, zuzuhören, was die Damen zu sagen haben. Schade nur, dass auf dem Cover der CD nirgends steht, wer welchen Song geschrieben hat. Wäre schön zu wissen. Kosima etc. sind live ein Erlebnis, auf der CD nicht viel weniger, aber eben abzüglich der Liveatmosphäre, also anders.

Ich war übrigens ganz froh, dass ich gestern nicht der Älteste im Saal war, ich hatte so etwas befürchtet. Das Publikum war – geschätzt – zu 60 Prozent im Alter der Musiker, 10 Prozent jünger, 30 Prozent älter. Und unter den älteren Leuten müssen auch ein paar Überzeugungstäter wie ich gewesen sein – so viele Eltern hat niemand.  Und höflich ist die Jugend heute… Als sich unter dem Jungvolk vor der Bühne Pitstimmung breit zu machen begann, bin ich, wie ich das von Krawallmusikkonzerten kenne, etwas nach vorne gegangen. Das ist da inzwischen oft so – die Jugend tobt und wir älteren, breiteren Kämpen stehen drumherum, drängen allzu Ausgelassene weg und schützen die Damen und Zivilisten hinter uns. Hier allerdings waren die Umgangsformen feiner. Zwar hüpfte auch einer von den Jungspunden so arg umher, dass man ihn an seinen Platz zurück schubsen musste, aber als dann einem der Wrecker der Hut vom Kopf fiel, standen die anderen sofort still, bis er ihn gerettet und wieder aufgesetzt hatte. Toll. Wo ich herkomme macht man das maximal, wenn ein Mensch am Boden liegt. 😀

Und noch eins: Diese Bands haben Mut, und ich meine Mut im Detail. Sich auf die Bühne zu stellen und dem Publikum auszusetzen, geschenkt. Aber in Zeiten des ewig gleichen Breis Melodielinien zu schreiben, die außergewöhnlich sind und auszuprobieren, was so ein Instrument kann, anstatt einfach vorsichtshalber das zu machen, was alle machen, dazu gehört was.

Vielen Dank also an Kosima and the Blue Cable und The Gadgets für den Abend.

Die EP-CDs (jeweils 5,- €):
Kosima And The Blue Cable – Impulsive (direkt über die Band zu beziehen, nur 300 Stück!)
The Gadgets – the feeling when it’s two minutes to morning (direkt über die Band zu beziehen)

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schreckenbergschaut: FNHF Teil 7 – Final Destination

Heute ist Freitag der 13., und da bespreche ich in meiner kleinen Freitagsnachmittagshorrorfilmecke selbstverständlich – NICHT „Freitag der 13.“ Den finde ich nämlich eher langweilig. Nicht langweilig hingegen ist:

Final Destination
(USA 2000)

Drehbuch: Glen Morgan, James Wong, Jeffrey Riddick
Regie: James Wong

Final Destination, hm, hm, hm… da rümpft der Connossieur gerne mal das empfindliche Näslein. „Ist das nicht,“ näselt er, „diese doofe Filmreihe, wo es immer nur darum geht, neue, bescheuerte Todesarten zu erfinden? Dafür bin ich mir aber zu fein. Da schaue ich doch lieber was Tiefgründiges, Saw oder Hostel oder so.“

Mitnichten, lieber Connossieur!“ entgegne ich. Okay – spätestens ab Final Destination 3 wird es wirklich blöd und danach versuchen sie das ausgelutschte Prinzip durch die neue Geißel der Menschheit zu retten – 3D. Erfolglos, natürlich. Aber die ersten beiden Filme, insbesondere der Beginn der Reihe aus dem Jahr 2000, haben seinerzeit eine Menge Lob eingeheimst – und zwar zu Recht. Worum geht es also:

Inhalt

Teenager Alex (Devon Sawa) kann sich nicht so richtig auf den Trip seines Französischkurses nach Paris freuen (Transatlantiktrip, Alex ist Amerikaner, versteht sich, oder?). Das Schicksal hat in die ganz große Vorzeichentüte gegriffen und haut ihm die Warnungen nur so um die Ohren, bis hin zu der Tatsache, dass auf dem Flughafenklo John Denver singt. Mir, der ich paranoid bin und lieber einen Umweg über Land fahre, wenn ich nur das vage Gefühl habe, die Autobahn besser zu meiden, hätte das aber sowas von gereicht. Alex aber ist ein psychisch gesunder junger Mann und besteigt mit seinen Lehrern und Klassenkameraden den Flieger. Also haut irgendein gnädiger Gott (nennen wir ihn „Drehbuchautor“, siehe meinen Beitrag von letzter Woche) so richtig mit der Warnkelle zu: Alex hat eine überaus realistische Vision eines bevorstehenden Flugzeugabsturzes und verlässt schreiend und tobend die Maschine, mehr oder weniger freiwillig begleitet von seinen Klassenkameraden Clear (Ali Larter), Tod (Chad E. Donella), Billy Hitchcock (gespielt vom Euch Arthouse Fans natürlich völlig unbekannten Sean William Scott 😉 ) Carter (Kerr Smith), Terry (Amanda Detmer) und der Lehrerin Valerie Lewton (Kristen Cloke). Da das Flughafenpersonal keine Lust auf nochmehr Krawall hat, werden sie nicht zurück ins Flugzeug gelassen. Was den leicht aufbrausenden Carter genau so lange stocksauer macht, bis das Flugzeug wirklich am Himmel explodiert. Den armen Alex allerdings macht das in den Augen aller – abgesehen von Clear und seinem Kumpel Tod – eher zum gruseligen Freak, als zum allseits beliebten Lebensretter.

Ich denke, ich spoilere nicht allzusehr wenn ich verrate, dass die Entkommenen nun den „Plan des Todes“ durchkreuzt haben und der nun, aufs höchste verärgert, sein Bestes tut, um den Fehler wieder auszubügeln. Dieses metaphysische Konzept ist natürlich so löchrig wie ein sehr löchriges, durchlöchertes Blatt mit vielen Löchern, aber hey – Kant habe ich Euch letzte Woche zugemutet. Heute geht es wieder um den FNHF, und da muss ich eben mal eine bescheuerte Prämisse schlucken, damit der Rest Spaß machen kann. Kein Problem für mich.

Der Tod ist also grantig und holt sich die Überlebenden nun in möglichst korrekter Reihenfolge (Warum in dieser Reihenfolge? Weil’s so im Drehbuch steht, halt den Mund!) und auf möglichst phantasievolle Weise. Das erinnert ein wenig an diese Horrorkurzgeschichte, von der ich leider sowohl Autor als auch Titel vergessen habe, und in der die Schicksalsgöttinnen eine kreative Blockade haben und daher eine Schulklasse damit beauftragen, neue Todesarten zu erfinden.

Wie es ausgeht und wer wie und warum stirbt verrate ich natürlich nicht. Aber es ist wie immer in solchen Szenarien: Fast alle gegen drauf.

Urteil

Der Film wird gerne auf die phantasievollen bis total abstrusen Kausalketten bis zum jeweiligen Tod reduziert und darob gelobt oder kritisiert. Zu Unrecht! Dass das alleine nicht reicht, einen Film unterhaltsam zu machen, beweisen eindrucksvoll die Teile 3, 4 und 5 der FD-Reihe. Denn da geht es tatsächlich nur noch darum. Im ersten – und mit Abstrichen auch im zweiten – Teil der Reihe gibt es dagegen auch noch so etwas wie eine Geschichte, die trägt. Man merkt schon, dass das ganz zu Anfang mal als Plot für Akte X gedacht war (leider treten zwei andere FBI Agenten auf – aber man kann sie sich entfernt als Moulder und Scully vorstellen). Alex und Clear haben einen Hintergrund, der ihrem Denken und Handeln Tiefe verleiht, Valerie Lewton ist ebenfalls weit mehr als ein Klischee. Und auch wenn Tod, Carter, Terry, Billy dann doch die typischen Highschool-Abziehbilder sind (der beste Freund, der Jock, die Schöne und der Trottel) nimmt man sie in diesen Klischeerollen doch ernst, selbst Carter und Terry haben ihre Charaktermomente. Und Alex Selbstzweifel und seine wachsende Verzweiflung weil es ihm nicht gelingt, seine Freunde NOCHMAL zu retten gibt ihm eine Tragik die dazu führt, dass auch die sehr zurückhaltend erzählte Liebesgeschichte mit Clear nicht aufgesetzt wirkt. Hier stimmt in allem noch die Balance.

Das Ende ist ein wenig aufgesetzt, effekthascherisch und enttäuschend. Wirklich nur ein wenig. Auf der DVD ist ein tiefgründigeres, alternatives Ende, das letztlich die Auflösung des zweiten Filmes vorwegnimmt. Obwohl es das intelligentere Ende ist glaube ich, es ist besser, dass es nicht so im Film vorkommt. Final Destination ist kein moralischer oder philosophischer Film, diesen Anspruch kann er schon wegen der wackeligen Ausgangssituation nicht haben. Wie gesagt – die Balance stimmt, er hat gerade genug Tiefe, um ein echter FNHF zu sein, mein Beispiel wann immer jemand mich fragt, was denn ein typischer Horrorfilm für den Freitagnachmittag sei. Mehr sollte er nicht sein wollen.

Ach ja – und wer meint, Tony „Candyman“ Todd als „Der gruselige Totengräber der vielleicht, aber nur vielleicht, der Tod persönlich ist“ habe hier eine Glanzleistung abgeliefert, hat ihn noch nicht als dauerbedröhnten bösen König in dem herrlich bescheuerten Film „Minotaur“ gesehen. Nur so als Anregung. 😉

Und nun, meine Lieben, widme ich mich wieder meiner Schriftstellerei – darauf habe ich mich schon den ganzen Tag gefreut. Denn wenn das klappt, was der Herr Verleger und ich gestern in Langenrath besprochen haben, dann… dann… dann wird’s toll. Mehr dazu ein andermal… 😉

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schreckenbergschreibt: Von Göttern und Nebenfiguren und der Wirklichkeit

Wegen des Karfreitags heute mal kein FNHF. Statt dessen ein paar mehr oder weniger besinnliche Worte zum Thema:

Gott / Schriftsteller / Figuren

Neulich ergab sich auf meiner Facebook-Seite ein spannender Dialog, der (gekürzt) so ging:

Ich: Gruselige Momente im Schriftstellerleben: Wenn eine Figur ganz kurz davor ist zu begreifen, was sie ist – nämlich eine Romanfigur, und man selbst das erst merkt, wenn man die geschriebene Passage nachliest. Brrrrr… Gänsehaut. Ist das irgendwie nachvollziehbar?

Claudia Junger: Ich finde es schwer zu verstehen. Es sei denn, die Figur bemerkt, dass sie nicht real ist.

Ich:  Sie (die Figur) macht sich Gedanken über die Wirklichkeit – und wie wirklich die Realität ist, in der sie sich befindet. (…) den Gedanken „was wäre, wenn ich nur die Figur in einem Roman bin“ haben wir ja vielleicht alle schon einmal gedacht. Nur… wenn eine der eigenen Romanfiguren kurz davor ist, diesen Gedanken zu haben (ohne, dass man das selbst geplant hat) – das ist creepy. 😉

Claudia Junger: Ahhhh, danke, ich verstehe. Etwa so wie die Frage, was ist das Weltall und worin befindet es sich? Total abstrakt….

Ich: Weniger naturwissenschaftlich, mehr philosophisch, wie in der berühmten Geschichte von Zhuangzi ((die Geschichte kann man hier nachlesen)). (…) Ich bin völlig davon überzeugt, dass wir über die „Wirklichkeit“ an sich nichts wissen können. Warum ich davon überzeugt bin würde jetzt hier eine Menge Worte zuviel erfordern (wäre aber vielleicht mal ein hübsches Thema für den Blog :-D). Diese Überzeugung zieht sich zuweilen auch durch meine Geschichten, aber selbstverständlich eher durch die phantastischen Geschichten (Thomas sagt das im „Finder“ mal sehr deutlich) als durch die Krimis. (…)

Wir habe ich da gesagt? Hübsches Thema für den Blog. 😀 Zuerst also kurz zu mir und der Realität:

Ich bin, wie gesagt, davon überzeugt, dass wir über die Realität an sich – die so genannte „Wirklichkeit“ – nichts wissen können. Diese Überzeugung entnehme ich in erster Linie der „Kritik der reinen Vernunft“ von Immanuel Kant und sie gründet unter Anderem auf folgender Erkenntnis Kants (fürchterlich grob wiedergegeben von mir):

Wir werden als Menschen mit bestimmten Formen der Wirklichkeitswahrnehmung geboren, die von vorneherein in uns angelegt sind und sich nicht auf Erfahrung gründen, ohne die wir aber nicht denken können (rein a-priorische Erkenntnis). Dazu gehören Raum und Zeit, Ursache und Wirkung, Einheit, Vielheit, Allheit etc. – alles Dinge, die wir in die Erfahrung hineinlegen, die wir aber nicht aus ihr gewinnen können. Da wir nicht wissen, ob die rein a-priorische Erkenntnis eine Entsprechung in der objektiven Realität hat, können wir über diese Realität weder etwas erfahren noch aussagen. Das ist aber nicht schlimm, wir kommen mit der Realität so wie wir sie wahrnehmen ja auch ganz gut zurecht. Und so lange Theologen, Naturwissenschaftler oder andere religiöse Menschen uns nicht zwingen wollen, an ihre Realitätsauslegung zu glauben, können wir auch alle friedlich in unserer Beschränktheit leben.

(Und wer sich jetzt daran stört, dass ich Kants Hauptwerk sehr verkürzt in wenigen Zeilen verwurstet habe – es steht jedem frei, die „Kritik der reinen Vernunft“ zu lesen. Nur zur Warnung: Kant war ein genialer Erkenntnistheoretiker und Philosoph. Er war ein… hm… weniger genialer Formulierungskünstler. 😉 )

Wozu das? Nun, wie gesagt – ich weiß nichts über die Realität, und egal, was Stephen Hawking hofft und glaubt: Kein Mensch wird es je können.

Daraus ergibt sich aber – für mich als Schriftsteller – die Frage: Wie real sind meine Figuren? Kann ich sicher sein, dass sie weniger real sind als ich, oder dass ich realer bin als sie? Und die Antwort ist: Nein, das kann ich nicht! Woher weiß ich denn, dass ich mehr bin als eine Romanfigur Gottes? Dass ich nicht in diesem Moment auf eine Seite geschrieben werde und alles, was ich für meine Erfahrung und meinen Charakter halte, nur die Biographie ist, die ER in seinem göttlichen Textverarbeitungsprogramm unter „Hintergrundgeschichten Nebenfiguren“ abgespeichert hat? Nun gut, ich gebe zu – ich hoffe, dass ich eine Hauptfigur bin. Nebenfiguren werden so gerne verheizt. 😉

Daniel im „Finder“ hält sich für real. Für uns – mich als Autor, Euch als Leser – beginnt seine Existenz mit dem Moment, als er völlig verkatert von dieser Party nach Hause kommt. Er aber erinnert sich an seine Eltern und seine Schwester, an seine Schulzeit, sein Leben als Fotograf, verflossene Liebesgeschichten. All dies ist im Roman erwähnt, wir erleben es aber nicht mit ihm. Für uns ist es Hintergrundgeschichte, für ihn ist es erinnerte Realität.

Bastian aus den „Träumern“ weiß noch nicht, wie sein Leben weiter gehen wird. Wir verlassen ihn, als der Sanitäter ihn in den Krankenwagen bugsiert. Er ist verwirrt, in einem Widerstreit der Gefühle, wahrscheinlich steht er auch noch etwas unter Drogen. Und er fürchtet sich vor der ungewissen Zukunft. Ich aber weiß, was in seiner Zukunft liegt.

Es gibt im „Finder“ eine Stelle, die mir immer wieder ein wenig Angst macht. Im zweiten Teil, nach der letzten Schlacht im Schloss und nachdem sie die Toten gefunden haben, fragt Daniel Vera, was sie nun zu tun gedenke. Und sie antwortet:

Wir werden das Haus anzünden, bevor wir gehen. In der Garage ist noch eine Menge Benzin. Wir werden den ganzen verdammten Bau bis auf die Grundmauern niederbrennen und wenn es noch einen verdammten Gott gibt, der etwas anderes tut, als uns zu verarschen, fängt der ganze beschissene Wald Feuer und fackelt die beschissenen, verf***ten, kindermordenden Mistviecher mit ab.“

Ich bin erschrocken, als mir zum ersten Mal klar wurde, wer dieser bösartige Gott ist, den sie da anklagt und den sie um eine letzte Gnade bittet. Dieser verdammte, grausame Gott, der ihre Welt erschaffen hat, um sie dann wieder zu zerstören und gerade sie, Vera, und ihre Schützlinge, aufs Grausamste leiden zu lassen. Sie meint natürlich mich. Und sie hat recht mit ihrer Anklage. Welches Recht habe ich, das zu tun? Ich weiß es, ehrlich gesagt, nicht. Ich tue es, weil ich es kann und muss. Aber ich habe großen Respekt und große Demut vor meinen Figuren. Es tut mir leid, was ich ihnen antue. Aber ich kann nicht anders.

Zwei Anmerkungen dazu:

Was immer Vera über ihren Gott denken mag – er ist nicht allmächtig. Ich habe nicht die Macht, in meine Geschichten einzugreifen wie ich es will. Eine Geschichte ist nur zum Teil „Erfindung“, jedenfalls ist das bei mir so. Zu einem nicht geringen Teil ist sie Inspiration und erzählt sich selbst durch mich. Von daher steht es oft nicht in meiner Macht, Figuren weniger leiden zu lassen. Sicher – ich hätte zum Beispiel das, was Angela und Mehmet im „Finder“ in diesem Wandschrank passiert ist, verschweigen können. Aber wäre es – in der Realität der Geschichte – dadurch weniger oder anders passiert? Keine Ahnung. Ich hätte auch den Figuren im „Ruf“ diese ganze grausame Belagerung ersparen können – um den Preis, dass ich die Geschichte nicht schreibe. Denn die Geschichte verlangt, dass ich sie so erzähle, und wenn ich es nicht tue, wird sie bestenfalls schlecht, schlimmstenfalls existiert sie garnicht. Natürlich habe ich große schöpferische Freiheit – aber immer wieder werde ich von der Geschichte und auch von meinen Figuren überrascht – zum Beispiel wenn, wie oben geschildert, eine Figur plötzlich ganz nah an die Erkenntnis kommt, dass sie eine Romanfigur ist. Und dann fängt man eben an, über die Realität des Romanes nachzudenken. Und die Realität des Schriftstellers. Und die Realität darüber, und darüber und darüber…

Die zweite Anmerkung: Es ist im Moment in manchen Kreisen sehr schick zu behaupten, es gäbe kein Geistiges Eigentum. Menschen, die ganz offensichtlich selbst nicht den Drang verspüren oder die Fähigkeit haben, Neues zu schaffen, leugnen, dass andere das tun. In ihren Augen fügen wir nur Versatzstücke neu zusammen. Sie irren sich. Wir sind keine Resampler und wir sind auch keine Nacherzähler – wir schaffen mit unseren Ideen etwas Neues. Ob das in der „objektiven Realität“ uns gehört, oder unseren Figuren oder dem, der uns schreibt – wer weiß. In der Realität wie wir sie kennen aber gehört es uns und uns alleine. Denn nur wir können die Realität unserer Geschichten erschaffen. Ohne uns gäbe es sie nicht.

Schöne Ostertage. 😉

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