Das Lexikon der absonderlichen Arten 4 – Kryptosockologie

Mit dem heutigen Eintrag ins Lexikon der Absonderlichen Arten nimmt Sarah sich einer DER Menschheitsfragen überhaupt an:

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Kryptosockologie, die:

Wissenschaftlicher Zweig, der sich der Erforschung der Frage widmet, wo zum Teufel die Socken hinkommen. Vertreter dieser Disziplin verbringen viel Zeit damit, Waschmaschinen zu sezieren und mit Feldstecher und Schmetterlingsnetz vor der Sockenschublade zu lauern. Doch trotz heroischem Einsatz konnte das Rätsel um den weltweiten Sockenschwund bis heute nicht gelöst werden und gilt als eine der größten Fragen der Menschheitsgeschichte.

Berühmtester Vertreter der Kryptosockologie ist Prof. Prof. Dr. Engelbert Humperding-Humpernick aus Göttingen. Auf seiner rastlosen Suche nach der Ursache des Sockenschwunds entdeckte er aus Versehen Atlantis*, lebte mehrere Jahre unter Yetis und fand gleich drei verschiedene Sinne des Lebens, aber der eigentlichen Frage kam er keinen Schritt näher. Schließlich beendete er seine Karriere mit dem frustrierten Ausruf: „Ich geb auf! Die Scheißdinger VERSCHWINDEN EINFACH!“ und heiratete eine Strumpfhändlerin.

*und verlor es etwa zwei Stunden später wieder, im Zuge einer etwas peinlichen Geschichte, die ein paar Glas Bier, eine…

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schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 36 – Der Ruf, Teil 11

Mein kleines Gewinnspiel von gestern hat ja bombastische Resonanz. 😀 So schwer? Okay, ich gebe einen Tipp: Es sind Figuren aus nur zwei (veröffentlichten) Geschichten, und wer Schwierigkeiten hat, eine davon zu identifizieren, der sollte noch mal einen genauen Blick auf den Epilog des jüngeren der beiden Bücher werfen. Und ja, bei einem… „Charakter“ sind zwei Antworten möglich.

Weiter geht es mit dem Ruf – die Nacht endet, und damit auch die letzten Illusionen, die sich die eine oder andere Hauptfigur vielleicht noch gemacht hat. Selbst Philip und Britt merken, dass da etwas ganz gehörig nicht stimmt. Auch wenn sie es wirklich gerne verdrängen würden. Ich kann sie verstehen.

Der Ruf – Teil 1, Hintergrund, Rechte

Der Ruf – Teil 2

Der Ruf – Teil 3

Der Ruf – Teil 4

Der Ruf – Teil 5

Der Ruf – Teil 6

Der Ruf – Teil 7

Der Ruf – Teil 8

Der Ruf – Teil 9

Der Ruf – Teil 10



Der Ruf – Teil 11

2

ANDERSWO

Schmerz. Er lag auf dem Waldboden. Er sah. Hoch, hoch über sich, sah er die Sterne. Es waren keine Sterne die er kannte. Schmerz. Eine Erinnerung an Schmerz. Ruhe. Langsam verging der Schmerz und die Ruhe blieb. Der Himmel schien zu verschwinden Immer höher und weiter zog er sich im blauschwarzen Licht der Nacht. Dann zog sich an den Rändern seiner Wahrnehmung ein dunkles Feld zusammen, das wuchs und wuchs bis die Welt ganz und gar dunkel war. Er schwebte in samtener Finsternis. Er floss mit der Dunkelheit dahin und all seine Empfindungen und all sein Dasein wurden eins mit ihr. Die Zeit hörte auf zu sein.

Dann begann die Zeit wieder zu fließen, aber anders, als zuvor. Er schwebte dahin. Ein Tag verging und ein Jahr. Und noch ein Jahr. Und noch einmal zehntausend Jahre. Eine Stimme sprach zu ihm.

„Willkommen.“

„Was geschieht mit mir?“

Die Stille wartete.

„Bin ich tot?“

„Ja, Du bist tot.“

„Bin ich… ein Geist?“

Etwas wie ein Zögern. Dann:

„Du bist ein Geist.“

„Warum?“

„Folge mir.“

In der Schwärze öffnete sich ein Kreis aus Licht.


3

MORGENDÄMMERUNG

Am See, 4.30 Uhr

Philip erwachte in das graudämmernde Morgenlicht und brauchte einen Moment, um sich zu orientieren. Richtig, die Party. Er war am See eingeschlafen. Überall spürte er Schmerzen, außerdem war ihm kalt und die Kleidung, in der er geschlafen hatte, fühlte sich unangenehm klamm an. Er nahm einen leicht säuerlichen, Geruch wahr und stellte fest, dass er von ihm selbst kam. Er spürte Britts Hand auf seinem Arm und ihr Bein auf seinem Oberschenkel, schob sie vorsichtig von sich und betrachtete sie unsicher. Er war immer noch genauso in sie verliebt wie gestern abend, und er wusste nicht, ob ihm das wirklich behagte. Das hatte beim letzten Mal ganz genauso angefangen. Eine Party, viel Sympathie, viel gemeinsames Lachen, Wein, ein langer gemeinsamer Spaziergang, noch mehr Wein, Geknutsche – nicht am Feuer, sondern in einem echt kitschigen Postkartenwinterwald, irgendwo in der Eifel — und ihr Name war Sylke gewesen. Sylke mit Ypsilon. Und während er noch selig in seiner Hormonsoße gedümpelt hatte, hatte Sylke mit Ypsilon sich plötzlich an ihren Freund erinnert, ein schlechtes Gewissen bekommen, und von einem Moment auf den anderen war er aus seinem rosaroten Himmel auf den Boden geknallt. Britt hatte niemanden, an den sie ein schlechtes Gewissen band. Aber trotzdem, wie weit würde das tragen? Er betrachtete sie und seufzte. Es war egal, er war verliebt und er war müde. Sollte eben passieren, was wollte.

Britts Kopf war, während sie geschlafen hatten von Philip Brust gerutscht und hing jetzt in einem ungesunden Winkel im Sand neben ihm. Er schob den Schlafsack, der ihm selbst als Kopfkissen gedient hatte, zu ihr und bettete ihren Kopf darauf. Britt machte ein niesendes Geräusch, nahm aber ansonsten keine Notiz von seinen Bemühungen. Er betrachtete sie noch eine Weile.

Der unangenehme Druck in seiner Blase brachte ihn zurück in die Welt des Hier und Jetzt. Philip stand auf und streckte sich. Er zitterte und schlug seine Arme um sich. Dabei war es nicht einmal so kalt.

‚Ich bin müde‘, dachte Philip. ‚Wie spät ist es?“

Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Halb Fünf. Wann war er eingeschlafen? Sicher nicht vor Drei. Eineinhalb Stunden Schlaf, nicht gerade viel.

Als er kurz darauf aus dem Wald zurück kam, saß Britt auf dem Schlafsack und strich sich den Sand aus dem zerwuschelten Haar. Philip trat leise von hinten an sie heran, ging in die Knie und küsste sie in den Nacken.

„Morgen, Britt.“

Sie zuckte kurz zusammen, als er sie berührte, sie hatte ihn tatsächlich nicht bemerkt, dann drehte sie sich zu ihm um und sah ihn verschlafen an.

„Da bist Du ja.“ Sie nahm sein Gesicht in ihre Hände und küsste ihn auf den Mund. „Morgen.“

Er setzte sich selig neben sie. Britt setzte die Säuberung ihres Haares fort.

„Alles voller Sand“, murmelte sie, „so’n Mist.“

„Wie geht es Deinem Hals?“

„Meinem Hals? Gut, warum?“

Philip lachte. „Du hast vorhin dermaßen verkrümmt gelegen, dass ich befürchtet habe, die Hälfte Deiner Muskeln wäre versteinert.“

Sie lachte auch und schüttelte den Kopf. „Nein, keine Sorge.“ Dann legte sie besorgt eine Hand auf seinen Unterarm. „Himmel, Du zitterst ja wie Espenlaub. Was ist?“

„Nichts, ich bin nur noch müde. Und mir ist kalt. Ich glaube, ich gehe rüber ins Haus und schlaf noch ’ne Runde.“

„Hast Du was dagegen, wenn ich mitkomme?“

Er stand auf, reichte ihr die rechte Hand und griff mit der Linken nach dem Schlafsack. Als sie am Waldrand standen, drehten sie sich noch einmal herum und sahen auf den See hinunter. Dort war die kleine Kuhle, in der sie gelegen hatten, dahinter die erloschenen Reste des Feuers. Direkt neben dem herunter gebrannten Holzstoß lagen Markus und Tanja, ein Stückchen weiter Martina, auf der anderen Seite Khan, Michael ein paar Meter weiter oben, direkt unterhalb des Hanges. Unmittelbar am See sahen sie jemanden in einem blauen Schlafsack. Philip war ziemlich sicher, dass es Chris war.

Dahinter breitete sich der See in völliger Ruhe unter dem fahlen, rötlichgrauen Himmel aus. Das gegenüberliegende Ufer war noch in die Nachtschatten des dahinter liegenden Waldes gehüllt. Sie hörten keinen Laut außer dem gelegentlichen Glucksen des Sees.

Britt flüsterte unwillkürlich. „Ganz schön unheimlich, was? So still.“

Philip nickte nur. Vorhin, als sie noch unten am See gewesen waren, waren sie noch ein Teil dieses Bildes gewesen. Nun aber boten die lautlosen Schläfer vor dem gleichgültigen See einen beunruhigenden Anblick. Und diese Stille.

„Ich höre keine Vögel“, flüsterte Britt. „Du?“

Sie hatte recht. Philip fröstelte und diesmal war es weder Kälte noch Müdigkeit. Als er in den Wald gegangen war um zu pinkeln, hatte er Vögel gehört. Natürlich hatte er Vögel gehört, eine ganze Menge sogar, schließlich war dies die Morgendämmerung. Aber nun herrschte Stille.

Völlige Stille.

„Lass uns reingehen“, sagte er heiser, ohne Britt anzusehen. „Ins Haus. Komm.“

Sie gingen zügig den Weg zum Garten hinauf, überquerten die Wiese, vorsichtig darauf bedacht, nicht auf Schlafenden zu treten, passierten die Sauna und den Schuppen und waren schon fast auf der Terrasse, als die Vogelstimmen zurückkamen. Vom einen auf den anderen Moment, wie eingeschaltet. Philip kam es ohrenbetäubend laut vor. Sie sahen sich ängstlich an. Es war nicht besser geworden, dadurch, dass das Gezwitscher zurückgekommen war, ganz und gar nicht..

Am Tisch auf der Veranda saßen Rena und Ulf und unterhielten sich, Sabine war auf der Bank eingeschlafen, ihren Kopf hatte sie zwischen ihre Arme auf die hölzerne Tischplatte gelegt. Ulf bemerkte verwundert Britt und Philip, die wie versteinert zwischen Wiese und Veranda standen.

„He, ist was? Alles in Ordnung?“

Die beiden sahen ihn an.

„Die Vögel“, sagte Philip. „Hörst Du die Vögel?“

Ulf, der so vertieft in das Gespräch mit Rena gewesen war, dass er den Vögeln vorher nicht die geringste Aufmerksamkeit geschenkt hatte, lauschte kurz. Natürlich hörte er sie. Wie immer morgens. Was war daran so interessant?

„Klar höre ich sie. Wieso?“

Philip und Britt sahen sich an, dann winkte Philip ab. „Schon gut.“

Hand in Hand gingen die beiden ins Haus, Ulf und Rena sahen ihnen verwundert nach.

Philip rollte den Schlafsack in einem dem beiden größeren Räume im oberen Stockwerk aus, in denen das Gepäck untergebracht war. Er zog die Vorhänge vor den Fenstern zu, was das Licht immerhin so wirksam aussperrte, dass er nicht allzusehr um Schlaf würde ringen müssen. Zuvor war er kurz im Bad gewesen, hatte sich den sauren Geruch abgewaschen und den pelzigen Mund ausgespült. Jetzt war Britt im Bad. Philip zog sich bis auf die Unterhose aus, öffnete den Schlafsack und legte sich hinein. Die Tür ging auf und er hörte jemanden auf leichten Füßen hereintappen.

„Hallo? Philip?“

„Ja?“ Er drehte sich zu ihr.

„Hast Du noch Platz in Deinem Schlafsack?“

„Ja.“

Britt tappte zu ihm herüber, legte sich zu ihm und kuschelte sich an. Er genoss das Gefühl ihrer Haut und streichelte sie, was sie mit einem wohligen Schnurren quittierte.

„Gute Nacht“, sagte er.

„Guten Morgen. Meinst Du, sie haben schon Kaffee fertig, wenn wir aufwachen?“

„Das will ich ihnen wohl geraten haben.“

Im Wald, 4.50 Uhr

Er hatte sie gefunden.

Seine Helfer.

Er hatte nicht lange gesucht, doch alle Tiere im Wald und alles, was im See lebte hatte seinen suchenden Geist gefühlt und sich ängstlich verborgen, einem sehr alten Instinkt gehorchend. Für einen winzigen Moment wussten sie, wessen Geist dort umging, wussten es aus einer Erinnerung, die sich vor Urzeiten in das Bewusstsein ihrer Ahnen eingefressen hatte.

Und dann fand er seine Helfer. Ja, er hatte sich nicht weit bewegt. Nicht im Raum. Wenn auch alles anders zu sein schien, so war doch in Wirklichkeit fast alles gleich. Lediglich die Oberfläche war angekratzt. Zeit war eine Illusion für die Schwachen, nicht wahr? Es fiel ihm nicht schwer, sich zurecht zu finden. Er hatte ähnliche Helfer gehabt, vorher, ähnliche Sklaven. Sie waren viele, und sie waren leicht zu lenken, denn ihnen wohnte nur ein Wille inne und es war nicht schwer, diesen einen Willen dem seinen zu unterwerfen.

Doch seine Macht war noch gering und so wählte er zuerst nur zwei Völker, zwei von denen, die fliegen konnten. Die anderen, die Krabbelnden, waren zahlreicher, weniger tödlich und ihr Wille war schwerer zu beherrschen. Er würde sich später ihrer annehmen. Sie würden nützlich sein.

Er brauchte Nahrung für diesen Körper.

Und er brauchte Schutz für diesen Körper.

Denn noch war er schwach.

Er befahl seine Sklaven zu sich und sie kamen in großer Zahl, schwirrten um ihn, krabbelten auf dem Körper herum, den er sich erobert hatte.

„Bald“, flüsterte er ihnen zu. „Nur noch eine kleine Weile.“

Tief im Kerker seines Verstandes heulte Christoph auf.

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Das Lexikon der absonderlichen Arten – Die Libellfe

Heute erzählt uns Sarah von höchst eigentümlichen Mischwesen. Ich wünschte, es gäbe Bilder. Außerdem erfahren wir, warum man keine Gartenzwerge halten sollte:

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Libellfe, die:

Libellfen sind ein Hybridform von Elfen und Libellen, wobei die Mutter eine Elfe und der Vater eine Libelle ist. (Im Umgekehrten Fall spricht man von Elfellen.) 

Ähnlich wie Maultiere und Liger gelten Libellfen sie als nicht zeugungsfähig, was ihnen großes Herzzerbrechen bereitet. Beim jährlichen Paarungsflug der Elfen im Frühjahr sitzen oft ein, zwei Libellfen in einem nahen Baum, beobachten das Geschehen sehnsüchtig und schluchzen leise in Taschentücher aus Nebel und Spinnenseide. 

Als die berümteste historische Libellfe gilt Gräfin Margolita Schwirrita von Tümpelweide, die ihre Kinderlosigkeit kompensierte, indem sie ein Waisenhaus für elternlose Gartenzwerge* gründete. Sie starb im (für Libellfen) biblisch hohen Alter von zwei Jahren und drei Monaten im Kreis ihrer liebenden Pfleglinge und gilt bis heute als Schutzherrin der Schwirrita-Stiftung.

*Die hohe Gartenzwerg-Waisenrate ist eines der großen unerkannten Probleme unserer Zeit – da so viele Elterntiere als Wildfänge in den heimischen Gärten landen und dort oft jahrelang…

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schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 35 – Der Ruf, Teil 10

Heute gehen die Quarantänegeschichten in die sechste Woche. Am 15. März haben Sarah und ich begonnen, Euch jeden Tag eine Geschichte anzubieten, um Euch die Zeit in der sozialen Isolation ein wenig zu vertreiben. So verstehen wir eine unserer Aufgaben in der Tradition der Geschichtenerzählerinnen und -erzähler, seit Beginn der Menschheit. Sarah hat dabei zunächst, in Fortsetzungen, Geschichten für Kinder erzählt, ich habe mit 22 Kurzgeschichten begonnen, veröffentlichten wie unveröffentlichten. Inzwischen hat sich die Seuchenlage in Österreich und Deutschland ein wenig entspannt. Aber wir gehen davon aus, dass die Kontaktbeschränkungen in beiden Ländern noch eine Weile bleiben, schon damit das, was wir bisher auf uns genommen haben, nicht umsonst war.

Sarah hat vorgestern ihre zweite Kindergeschichte abgeschlossen und erzählt uns seit gestern von Einträgen aus dem „Lexikon der Absonderlichen Arten“. Sehr schöne, kleine Texte, die ich sehr inspirierend finde. Nicht nur für mich (den heutigen Eintrag werde ich, mit Sarahs Erlaubnis, für eines meiner aktuellen Projekte verwenden) sondern mit Sicherheit auch weiterhin für Kinder. Ich jedenfalls hätte mich, vor 40 Jahren, zum Beispiel mit dem gestrigen Beitrag sicher hingesetzt, und einen Tintenwolf gemalt. Oder einen Tintenwolf-Comic. 😀

Ich hingegen habe, nachdem mein Vorrat an Kurzgeschichten aufgebraucht war, zunächst einen Auszug aus einem unveröffentlichten Roman vorgetragen und dann begonnen, in Fortsetzung meinen Roman „Der Ruf“ zu erzählen. Der ist NICHT für Kinder und vom Genre her klassischer Horror.

Gestern gab es die ersten Opfer, heute gönne ich meinen Figuren noch einmal ein ruhiges Zwischenspiel. Und es tauchen gleich fünf Charaktere aus zwei anderen Romanen von mir auf. Wer erkennt sie alle? 😀 *


Der Ruf – Teil 1, Hintergrund, Rechte

Der Ruf – Teil 2

Der Ruf – Teil 3

Der Ruf – Teil 4

Der Ruf – Teil 5

Der Ruf – Teil 6

Der Ruf – Teil 7

Der Ruf – Teil 8

Der Ruf – Teil 9



Der Ruf – Teil 10

NACHT 1

Hello darkness, my old friend. I’ve come to talk with you again.

(Simon & Garfunkel. „The Sounds of Silence“)

1

RUHE

Am See, gegen 2.30 Uhr

Philip sah in die Flammen. Er sah die Gesichter seiner alten Freunde dahinter, auf denen Licht und Schatten des Lagerfeuers spielten und es war wie vorhin im Schuppen – der Widerschein des Feuers auf den Gesichtern löschte die Jahre aus. Sie waren nicht die, die damals am selben Ufer und vor anderen Feuern gesessen hatten, sie waren nicht die, als die sie wieder hierher gekommen waren. Das ruhige, fließende Spiel von Licht und Schatten schien das ursprüngliche Gesicht der Menschen zu enthüllen. Das, was an ihnen zeitlos war.

Er lauschte auf das Knacken des verbrennenden Holzes, fühlte die Wärme in seinem Gesicht, sah Funken vor dem schwarzen Himmel verglühen. Das Feuer gab ihm Ruhe.

Als Chris von den geplanten Lagerfeuer erzählt hatte, hatte er befürchtet, es würde in einen Versuch ausarten, vergangene Romantik wieder zu beleben. Aber als sie dann das Holz hier herunter geschleppt hatten, als die Feuer brannten und er gesehen hatte, wie sie mehr und mehr der Gäste anzogen, da hatte er gewusst, dass es richtig war. Und jetzt, da er hier saß und ins Feuer sah, Britt streichelte, die mit dem Kopf auf seinem Oberschenkel eingeschlafen war, und die Stille und den Frieden in den Gesichtern der anderen sah wusste er, dass er glücklich war.

‚Mehr will ich nicht‘, dachte er. ‚Ich will nicht mehr als das, was ich in diesem Moment habe.‘

Er sah in die Flammen und ließ sich davon tragen.

„…oder nicht? Philip?“

Er schrak auf. Chris hockte neben ihm. „Was?“

„Entschuldige, ich wollte Dich nicht wecken.“

„Ich habe nicht geschlafen“, sagte er. „Was ist denn?“

„Du weißt nicht, wo Kat und Stephan sind, oder?“

Philip lächelte. „Entspann Dich mal. Die sind irgendwo da am anderen Ufer und feiern Versöhnung.“

Chris nickte verlegen. „Ja, denke ich ja auch. Nur – ich habe vorhin sowas Komisches gehört. Einen Schrei – also wie einen Schrei. Am anderen Ufer. Kann auch ein Tier gewesen sein. Oder… ich weiß auch nicht.“

„Chris… wenn Du einen Schrei vom anderen Ufer gehört hast …“

Sie verstand ihn und lachte. „Ja, kann sein. Ich mache mir zu viele Gedanken. Ich sollte lockerer werden, oder?“

Philip nickte. „Aber gewaltig. Setz Dich, genieß die Nacht. Kat und Stephan geht es Gold, jede Wette.“

Chris lächelte. „Wahrscheinlich hast Du Recht. Es war nur so, dass sie mir mit den Lagerfeuern in den Ohren gelegen hat, seit wir angefangen haben, die Party zu planen. Sie meinte, sie hätte seit Jahren kein Feuer mehr gemacht und so weiter, und so weiter.“

Britt machte ein zufriedenes Geräusch, drehte sich auf Philip’ Bein um und öffnete die Augen. Er sah sie an.

„Na, wach, Frau Doktor?“

„Nein“, sagte sie schlaftrunken. „Unekem?“

„Was?“

„Bin ich Dir unbequem?“, artikulierte sie mit müder Konzentration. „So auf dem Bein.“

„Nicht ein bisschen.“

„Fein.“ Sie schloss die Augen wieder.

Chris sah über den See und wischte sich ein paar Haare aus der Stirn. Philip klopfte ihr freundschaftlich auf den Arm.

„Immer noch Sorgen?“

Sie lächelte. „Ich weiß, es ist Quatsch, aber – ich habe so ein komisches Gefühl.“

Im Garten, gegen 3.00 Uhr

„Ich bin sicher, dass sie noch da sind!“ Ulf sah Rena und Sabine mit der Begeisterung des achten oder neunten Bieres an. Sie saßen an dem Holztisch in der Mitte der Terrasse, während überall im Garten Schlafsäcke ausgerollt wurden. Die Musik lief immer noch, und ein paar Unermüdliche tanzten eine Art Sirtaki auf ein Lied, das alles war, nur nicht griechisch. Die Drei ließen die Party Revue passieren. Die von damals natürlich. Vor 15 Jahren, am Nachmittag des zweiten Tages, waren sie zusammen mit einigen anderen, darunter Alex, Stephans Zwillingsbruder, im Wald unterwegs gewesen, in Begleitung mehrerer Flaschen Rotwein. Sie hatten irgendwo unter einem großen Baum gelagert, zum Abschluss die Flaschen feierlich unter dem Baum vergraben und sich ewige Freundschaft geschworen. Drei Monate später hatte sich eines der Pärchen schon wieder getrennt. Ulf hatte seine ewig erfolglosen Versuche, Rena zu erobern bald darauf aufgegeben, um ihr für den Rest der gemeinsamen Schulzeit aus dem Weg zu gehen. Sabine wechselte nach der zehnten Klasse auf ein anderes Gymnasium und spätestens nach dem Abi rissen auch die letzten Bande. Die meisten aus dieser Gruppe waren gar nicht hier. Rena, Sabine und Ulf aber hatten die Erinnerung an ihre kleine Privatparty wieder aufleben lassen. Und unweigerlich war Ulf auf den Gedanken verfallen, dass die Weinflaschen ja immer noch da sein müssten, wo sie sie vergraben hätten. Rena machte ein nachdenkliches Gesicht.

„Vielleicht hat sie jemand gefunden. Und dann weggeworfen.“

„Quatsch, wer denn? Wer buddelt denn in so einer gottverlassenen Gegend unter irgendwelchen Bäumen?“

„Wir zum Beispiel“, sagte Sabine.

Ulf lachte. „Zugegeben.“

„Wir können sie ja suchen gehen“, schlug Rena vor.

„Genau!“, rief Ulf. „Darauf wollte ich die ganze Zeit hinaus.“

Sabine sah die beiden zweifelnd an. „Jetzt?“

„Nein“, sagte Rena. „Es ist zu dunkel. Und wir sind zu betrunken.“ Sie kicherte. „Aber morgen. Was haltet Ihr davon? Wir gehen in den Wald, suchen den Baum und graben die Flaschen wieder aus.“

„Und dann?“, fragte Ulf.

Rena sah ein wenig ratlos aus. „Weiß nicht. Aber lasst sie uns doch erstmal suchen.“

Sie hatten alle genug getrunken, um diese Argumentation logisch zu finden und so wurde es beschlossen.

Am See, 3.30 Uhr

Philip schlief. Das Feuer war fast herunter gebrannt, Markus und Tanja hielten es noch notdürftig am Leben, während sie sich leise unterhielten. Chris hatte ihren Schlafsack geholt und sich nah am Seeufer ausgestreckt.

Philip lag im Sand, sein Kopf ruhte auf seinem unausgepackten Schlafsack. Britt lag eng an ihn gekuschelt, den Kopf an seiner Brust, ein Bein über seinen Beinen. Er träumte. Er war wieder im Schuppen, bei der Séance, aber er saß nicht am Tisch, da saßen nur Christoph, Justus, Kat, Stephan und Chris. Britt fehlte ebenfalls. Sie alle starrten Christoph an, aus dessen offenem Mund die Worte der Beschwörungsformel flossen, und während er sprach ohne den Mund zu bewegen, wurden die Worte sichtbar und die Buchstaben verwandelten sich in Insekten, in Wespen und Ameisen, die sich auf seinen Freunden am Tisch nieder ließen. Es wurden immer mehr und mehr Insekten und nun begannen sie, auf Philip zu zu fliegen und zu kriechen. Er spürte eine Hand in seiner und drehte sich zu der Person neben sich. Es war Britt. Sie lächelte ihn an, ein warmes, liebevolles Lächeln. Die Insekten kamen näher und plötzlich fühlte Philip eine Welle des Vertrauens und der Zuversicht. „Hilf mir!“, sagte er.

„Ja“, sagte sie lächelnd. „Ja, ich helfe Dir.“ Und plötzlich hielt sie eine Axt in der Hand, und hob sie über ihren Kopf, bereit, zuzuschlagen, während sie ihn immer weiter mit diesem zärtlichen Ausdruck ansah.

Dann änderte sich die Szenerie, er schwebte hoch in der Luft und er sah ein Schiff auf einem Fluss, dasam Ufer festgemacht hatte. Es war ein großes, hölzernes Schiff. Auf der Wiese vor dem Ankerplatz saß ein Mann auf einem Stein, ein schwarzer Hund döste zu seinen Füßen. Der Mann polierte konzentriert die Klinge eines japanischen Schwertes. Eine rothaarige Frau kam über die Wiese auf den Mann mit dem Schwert zu und sagte etwas. Der Mann lachte. Philip hörte Geräusche aus dem Inneren des Schiffes, die auf weitere Besatzungsmitglieder schließen ließen. Und dann erkannte er zu seiner großen Verwunderung Stephan, der am Heck des Schiffes stand und sich mit einem großen Mann unterhielt, der einen langen schwarzen Mantel trug. Es schien, als ob sie sich lange kennen würden. Mit einem Mal sah der Mann in Schwarz zum Himmel, Philip hatte das Gefühl, er blicke ihn direkt an. Der Schwarzgewandete rief etwas, und vom Bug des Schiffes lief ein weiteres Besatzungsmitglied heran, ein Mann mit schulterlangen braunen Haaren. Sein ganzes Verhalten verriet, dass er an Bord etwas zu sagen hatte. Er sah zum Himmel, lachte und sagte etwas, und im nächsten Moment wachte Philip auf. Er schrak hoch und erwartete fast, die sonnenbeschienene Wiese am Fluss vor sich zu sehen. Doch es war nur das Seeufer hinter dem Garten von Chris’ Eltern, und es war Nacht. Britt murmelte etwas im Schlaf und Philip begann schnell, den Traum zu vergessen. Als er sich über ihr schlafendes Gesicht beugte, wusste er schon nichts mehr von dem Schiff und dem Fluss, als er ihr übers Haar strich, hatte er vergessen, dass er von seinen Freunden geträumt hatte und als er seinen Kopf wieder auf den Schlafsack bettete, war nichts von dem Traum geblieben als ein warmes Vertrauen für Britt.

„Helfen“, murmelte er im Einschlafen. „Wirst mir helfen.“

FORTSETZUNG FOLGT





* Wisst Ihr was, ich mache ein Gewinnspiel daraus. Die ersten Drei, die mir hier in den Kommentaren oder bei Facebook alle fünf Figuren (es müssen nicht fünf Menschen sein) aus anderen Romanen von mir, die in diesem Kapitel auftauchen, benennen, bekommen ein signiertes Exemplar eines meiner Romane. Ausgenommen sind Claudia, Sarah und Stefan (sorry, Ihr Liebsten, Ihr wisst einfach ZUVIEL ❤ ), und ausgeschlossen ist der Rechtsweg. Bin gepannt, was Ihr sagt.



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Das Lexikon der Absonderlichen Arten – Der Beamte

Heute ist Sarah wieder zuerst am Start, mit ihrem bezaubernd magisch-poetischen Lexikon. Gerüchteweise wurden übrigens die allerersten Aufmarschpläne zum ewigen/wandernden Krieg sorgfältig abgelegt von:

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Beamte, Der:

Dieser Artikel bezieht sich nicht auf die breitere Gattung ‚Beamticus Grantscherbium Formularhabwillicus‚ (dazu siehe Seite 878), sondern auf das sagenumwobene Individuum, das manchmal auch ‚Der ewige Beamte‘ oder ‚Der wandernde Beamte‘ genannt wird.

Der Legende nach handelt es sich dabei um den ersten Menschen, der jemals von einem anderen ein Formular gefordert hat. Wann genau das geschehen ist, weiß niemand genau, groben Schätzungen zufolge aber etwa fünf Minuten und dreißig Sekunden nach der Erfindung der Schrift.

Weil er damit die Plage der Bürokratie über die Menschheit gebracht hatte, wurde er von den Göttern dazu verdammt, auf ewig über die Erde zu wandeln, ohne jemals sterben zu können. Eine rastlose Seele, immer auf der Suche nach dem Tod, nach Vergebung, nach Passierschein A38.

Durch die Jahrtausende gibt es immer wieder Berichte über Sichtungen. So gibt es beispielsweise Gerüchte, dass Cleopatra mitnichten Selbstmord beging, um nicht den Römern in…

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