schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 39 – Der Ruf, Teil 14

Interessant an uns Menschen ist ja, dass wir immer sehr schnell versuchen, in neuen und auch völlig ungewohnten Situationen einen pragmatischen Weg zu finden, damit umzugehen. Das gilt für die derzeitige Krise ebenso wie für die Figuren in „Der Ruf“…

Der Ruf – Teil 1, Hintergrund, Rechte

Der Ruf – Teil 2

Der Ruf – Teil 3

Der Ruf – Teil 4

Der Ruf – Teil 5

Der Ruf – Teil 6

Der Ruf – Teil 7

Der Ruf – Teil 8

Der Ruf – Teil 9

Der Ruf – Teil 10 (mit Gewinnspiel)

Der Ruf – Teil 11

Der Ruf – Teil 12

Der Ruf – Teil 13



Der Ruf – Teil 14

3

BELAGERUNG

Die Sauna, 09.15 Uhr

Chris saß auf dem Boden, das Gesicht in die Hände vergraben, und weinte. Von Ferne hörte sie das Rauschen der Brause, Saschas Stöhnen und Simon, der leise tröstend auf ihn einsprach. Sie hörte es als sinnloses Klingen im Hintergrund ihres Verstandes. Was sie wirklich hörte, was sie verstand, das war Andreas, der sie ansah, während die Wespen ihn langsam umbrachten, Andreas, der flehte und weinte, der sie um Hilfe anbettelte, als sie die Tür schloss. Sie hatte all dies nicht wirklich gehört. Wenn Andreas überhaupt einen hörbaren Laut von sich gegeben hatte, dann war es unverständliches Gebrabbel gewesen. Wahrscheinlich hatten die Schmerzen ihm schon den Verstand geraubt, als Chris ihm die letzte Hoffnung verschlossen hatte. Dennoch hörte sie ihn.

Simon hatte nichts mitbekommen von diesen letzten Minuten im Garten, er hatte sich um Sascha gekümmert. Er hatte den Heulenden zur Dusche geschleift, schnell, während die Wespen auf dessen Kopf damit beschäftigt waren, Sascha zu quälen. Simon hatte die Insekten mit dem dicken, scharfen Strahl der Brause abgespült. Es war ihm gelungen, sie so zu überraschen, dass die meisten ins Duschbecken fielen, wo er sie niederhalten und ertränken konnte. Einige aber waren aufgeflogen und hatten ihn wütend attackiert, in seinen Rücken gestochen, die Arme und die Stirn. Aber er wurde ihrer Herr, zuerst, indem er sie sich mit dem Wasser vom Leib hielt, dann mit Hilfe eines großen Saunatuches, mit dem er sie gleich zu mehreren aus der Luft holte und zu Boden schlug, wo er sie zertrat. Er trampelte noch auf ihnen herum, als sie alle schon lange tot waren. Dann hörte er Chris weinen, ging zu ihr, nahm sie in den Arm und wiegte sie sanft.

„Es ist gut“, sagte Simon leise, obwohl er daran überhaupt nicht glaubte. „Sie können nicht zu uns rein.“

Sie schluchzte etwas, das er nicht verstand. Er streichelte ihr durchs Haar.

Sie legte den Kopf an seine Brust und schluchzte wieder, diesmal verstand er. Es war ein Name. Andreas.

„Was ist mit Andreas?“, fragte er so vorsichtig wie möglich.

„Tot“, weinte sie.

‚Nicht der einzige‘, dachte Simon bitter. Er hatte gesehen, wie Martina gestorben war und er hatte auch Schreie vom Haus und von der Terrasse gehört. Tatsächlich schätzte er die Chance, dass außer ihnen Dreien überhaupt noch jemand lebte, ziemlich gering ein. Selbst wenn es einigen gelungen war, ins Haus zu flüchten – hatten sie die Tür rechtzeitig geschlossen? Und wenn ja, was war dann mit den Fenstern?

„…dreas“, stammelte sie wieder. Simon wunderte sich ein wenig, dass gerade sein Tod ihr so nahe ging. So viel er wusste, hatten die beiden sich nicht ungewöhnlich nahe gestanden.

„Chris…“, begann er vorsichtig.

„Meine Schuld“, stammelte sie. „Ich hab‘ ihn umgebracht. Tür. Habe die Tür zu gemacht…“

Langsam begriff Simon, was sie meinte, wenn er auch nicht genau verstand, was passiert war. Er drückte sie noch einmal an sich, dann bettete er ihren Kopf sanft gegen die Wand, stand auf und spähte durch das kleine, dick verglaste Fenster in der Tür.

Vor seinen Augen lag eine Landschaft aus der Apokalypse. Der Ausschnitt des Gartens, den er durch das Fenster sehen konnte, war klein, aber er reichte aus, um eisige Klarheit in sein Herz zu pflanzen.

Sie würden sterben.

Er wusste es, ohne einen Zweifel.

Das würden sie niemals überleben.

Er konnte den Garten bis zum Schuppen sehen, dahinter verlor sich alles in den Schatten des Waldes. Das Gras lebte.

Der ganze Boden wimmelte und es dauerte einen Moment, bis er verstand, was da wimmelte. Es waren Ameisen. Unzählige Ameisen, ein Heer, das den Boden bedeckte und dem Rasen ein ekliges Leben verlieh.

Die Luft war ebenfalls voll mit Insekten, Wespen und sicherlich auch Bienen und Hornissen, er hatte beides von Saschas Kopf gespült. Wie große, braune Schneeflocken, aufgewühlt und umhergetrieben, sausten sie hierhin und dorthin, scheinbar wirr und ziellos.

Er sah die Toten. Zwei von ihnen. Die Ameisen nahmen keine Notiz von ihnen, manche krabbelten beiläufig auf ihnen herum. Es waren Martina und Andreas. Martina lag dort, wo er sie hatte fallen sehen, unter der schmalen Buche. Ihr Gesicht konnte er nicht erkennen, ihre langen, blonden Haare waren wie ein Tuch über ihren Kopf gebreitet. Doch er sah ihren Rücken, ihre Arme und ihre Beine, aufgedunsen und verfärbt. Simon wandte den Blick für einen Moment ab, um seine Übelkeit zu unterdrücken.

Andreas lag viel näher an der Sauna. Aber was immer dort geschehen war, Chris traf keine Schuld. Sie hätte ihn nicht retten können, aber indem sie die Tür schloss, hatte sie Simon, Sascha und sich selbst gerettet. Er schüttelte den Kopf.

„Nein“, sagte er, „Du kannst nichts dafür. Du hast uns gerettet.“

Sie schluchzte wieder. „Er hätte es vielleicht geschafft. Wenn ich gewartet hätte. Wenn ich die Tür…“

„Nein!“, sagte Simon entschieden. „Er ist zu weit weg, glaub mir, Chris.“

„Gekrochen“, murmelte sie. „Er ist gekrochen. Immer auf mich zu. Und er hat mich angesehen. Er hat bestimmt gedacht, dass ich auf ihn warte.Er hat…“

Simon hockte sich vor sie und nahm ihr Gesicht in seine Hände, bemüht, den Stich auf ihrer Wange nicht zu berühren. Im Hintergrund seiner Wahrnehmung meldete sein Gehirn Schmerzen. Er war auch gestochen worden. Nicht wichtig. Wichtig war, dass sie nicht zusammenbrach. Dass sie begriff.

„Hör zu“, sagte er und sah sie an. „Hör mir gut zu, Chris. Du – konntest – ihm – nicht – helfen. Verstehst Du? Er war zu weit weg. Selbst wenn er gelaufen wäre, hätte er fünf oder sechs Schritte gebraucht. Da draußen war das zu viel. Und wenn er gekrochen ist, hatte er erst recht keine Chance. Du hast das einzig richtige getan. Wenn Du nicht die Tür zu gemacht hättest, wären sie hier rein gekommen. Wir wären vielleicht nicht mit ihnen fertig geworden. Du hast es richtig gemacht okay? Es war völlig richtig. Du hast uns gerettet.“

„Was ist mit Sascha?“, wollte sie wissen und Simon atmete innerlich auf. Gut. Wenn sie sich um Sascha Sorgen machte, der noch lebte, war das besser, als wenn sie sich mit Andreas befasste, der tot war.

„Es geht ihm nicht gut“, antwortete er. Wie um Simons Worte zu untermalen stöhnte Sascha leise. Simon warf einen kurzen Blick in den Duschraum und war recht froh, dass er ein nasses Handtuch um Saschas Kopf gewickelt hatte. Er war kein schöner Anblick.

„Sie haben ihn überall am Kopf gestochen, vor allem unter den Haaren, aber auch ins Gesicht. Und auf die Stirn. Seine Augen haben sie nicht erwischt. Ein oder zwei haben ihn innen in die Ohren gestochen, aber in seinem Mund oder seiner Nase ist, glaube ich, keine gewesen. Er atmet ziemlich normal. Nur schneller.“

Sie sah ihn aus großen Augen an. „Oh Gott“, sagte sie.

Er nickte nur.

Chris rappelte sich hoch, Simon erhob sich ebenfalls, dankbar, dass er es geschafft hatte, sie aus ihrer Verzweiflung zu lösen. Sie würden noch mehr als genug Zeit zum Trauern haben. Sie wollte gerade zu Sascha gehen, als sie Simon zum ersten mal mit sehenden Augen anblickte. Erschrocken legte sie ihm eine Hand auf die Schulter.

„Dich haben sie ja auch erwischt.“

Der Damm brach und der Schmerz überspülte ihn. Er kam aus seiner Schulter, seinem Rücken, vor allem aber von seinem Kopf und seinen Armen. Ja, sie hatten ihn erwischt. Und nicht zu knapp.

„Warte“, sagte sie. Sie verschwand hinter der Tür im Duschraum. Während er ihr verwundert nachsah, hörte er sie dort herum wühlen. Sie kam zurück, mit einer rot-weißen Tube in der Hand und drückte sich etwas Salbe in die Hand.

„Was ist das?“

„Gegen Insektenstiche“, erklärte sie, während sie begann, seinen Arm und seine Stirn einzureiben. Die Creme kühlte ein wenig und legte sich als samtiger Film auf die Haut, der die schmerzenden Stellen angenehm erfrischte. Der Schmerz war nur wenig gelindert, aber die Creme machte ihn erträglicher.

„Wir haben immer ein paar Sachen in der Sauna“, erzählte Chris. „Eisspray, Pflaster, Jod, ‘ne Pinzette, falls jemand sich einen Splitter holt, und eben die Creme. Ist gegen Sonnenbrand und Insektenstiche. Ich kann Dir aber nicht alles geben, wir müssen was für Sascha aufbewahren. Hast Du noch irgendwo Stiche?“

„Am Rücken.“

„Okay, dreh‘ Dich um.“

Sie zog sein T-Shirt nach oben und begann die Stiche auf seinem Rücken und seinen Schultern einzureiben. Dann betrachtete sie die behandelten Stellen sorgfältig.

„Nirgendwo ein Stachel“, verkündete sie.

„Wespen lassen ihren Stachel nicht drin.“

„Nein, aber Bienen. Und da waren doch auch Bienen, oder?“

Er nickte. „Ja.“

„Komm, wir sehen nach Sascha.“

Simon hielt sie am Arm fest. „Was ist mit Dir?“

Sie sah ihn verwundert an. „Wieso?“

„Du hast auch was abbekommen. Da, auf Deiner Wange.“ Er berührte die Stelle vorsichtig. Sie tastete danach.

„Stimmt. Jetzt wo Du es sagst… tut’s auch weh.“ Sie rieb etwas Salbe darauf. Dann gingen sie wieder in den Duschraum und hockten sich neben Sascha. Simon löste vorsichtig das Handtuch. Sascha stöhnte ab und an, schien aber sonst nicht viel mit zu bekommen.

Chris atmete tief durch, als sie Saschas misshandelten Kopf sah. Sie fing sich und streichelte ihm vorsichtig über den Arm.

„Sascha? Verstehst Du mich?“

„Auaaaahh…“, stöhnte er.

Chris nickte und streichelte ihn weiter. „Ich werde Dich jetzt mit Salbe einreiben. Das tut vielleicht im Moment etwas weh, aber es wird Dir dann gut tun. Simon und ich haben uns auch schon damit eingerieben. Es geht uns jetzt viel besser. Oder, Simon?“

Simon verzog das Gesicht zu einem bitteren Grinsen, schaffte aber ein fröhliches: „Ja, viel besser.“

„Sascha? Ist das okay mit der Salbe?“ Chris sah ihm direkt in die Augen und war froh, als sie darin ein waches Glimmen entdeckte. Er nickte langsam.

„…kay“, hauchte er.

Chris drückte sich etwas Creme auf die Handflächen. Zunächst zuckte Sascha bei jeder Berührung zusammen und atmete zischend aus, aber nach einer Weile hatte er sich entweder daran gewöhnt oder war wieder in Apathie versunken. Chris versorgte ihn gründlich, aber angesichts der ungeheuren Vielzahl der miteinander verquollenen Stiche hatte sie wenig Hoffnung, Sascha wirklich helfen zu können. Am Rande bemerkte sie, dass Simon sich abgewandt hatte und etwas zu suchen schien. Sie war gerade dabei, Saschas Nacken einzureiben, als Simon sie leicht antippte. Er deutete mit dem Kopf in Richtung Vorraum. Chris verstand, beendete Saschas Behandlung und legte ihm eine Hand auf die Schulter.

„Ich gehe mal kurz mit Simon nach vorne, okay?“

Sascha riss die Augen auf, Entsetzen war darin. „Nein. Nich‘… nich‘ ausgehn. Sind da draußen“, stammelte er heiser.

Chris schüttelte den Kopf. „Nein, nein. Wir wollen nicht raus gehen. Nur in den Vorraum, hier vorne. Wir bleiben in der Sauna.“ Sie deutete durch die Tür.

Sascha sah sie einen langen Moment an, dann verstand er und nickte. „Gut. Nich‘ raus.“

„Nein, keine Sorge.“

Chris folgte Simon in den Vorraum. „Was ist?“

Er hatte das Eisspray in der Hand. „Vielleicht sollten wir ihm das auf den Kopf sprühen“, schlug er vor. „Sie haben ihn hauptsächlich unter den Haaren erwischt. Da kommen wir mit der Salbe nicht hin“

Chris sah die Spraydose unschlüssig an. Sie hatte lange genug Basketball gespielt, um ein gespaltenes Verhältnis zu Eisspray zu haben.

„Ich weiß nicht. Das ist ein heftiges Zeug. Und wenn was in seine Augen kommt…“

„Da müssen wir eben aufpassen.“

Sie nahm die Dose und wog sie unglücklich in der Hand. „Er wird uns garantiert ohnmächtig.“

„Wäre das so schlimm?“

„Nein. Aber ich weiß nicht. Es wird ihm weh tun.“

„Nicht lange. Und Schmerzen hat er so oder so.“

Chris überlegte noch eine Weile und nickte dann. „Okay. Ich glaube, es würde mehr nutzen als schaden.“

Simon nahm die Spraydose. „Gut. Willst Du es ihm sagen?“

„Klar.“

Sie gingen zurück in den Duschraum, Chris kniete sich vor Sascha und sprach ihn an.

„Sascha? Verstehst Du mich?“

Er sah sie halbwegs wach an und machte ein zustimmendes Geräusch. Oder zumindest hielt sie es für zustimmend.

„Gut. Wir werden Dir jetzt Eisspray auf den Kopf sprühen. Das tut wahrscheinlich ziemlich weh und wird Dich für einen Moment ausknocken. Aber ich denke, es wird Dir wenn Du… ähm… wieder aufwachst viel besser gehen. Ist das in Ordnung?“

Zu ihrer beider Überraschung gab er ein bellendes Lachen von sich. „Ausknocken ist gut“, sagte er klar und deutlich, bevor der die Augen wieder halb schloss und leise vor sich hin stöhnte.

Chris und Simon sahen sich unsicher an. Dann nickte sie ihm zu, sagte sanft, „Vorsicht, Sascha“, und drückte mit ihren Zeige und Mittelfingern Saschas Augenlider zu. Simon schüttelte die Dose, nahm die Kappe ab und sprühte schnell einen scharfen Schwall des Sprays über den misshandelten Kopf. Sascha schrie auf, Chris fühlte, dass er die Augen aufreißen wollte, seine Hände schossen an seine Stirn. Simon sprühte noch einmal, Sascha gab einen Laut wie „Hö…“ von sich und kippte zur Seite. Chris fing ihn auf und bettete ihn vorsichtig auf eine Badematte vor der Dusche.

„Hoffentlich war das nicht zuviel“, sagte sie.

Simon steckte die Kappe wieder auf die Spraydose. „Glaube ich nicht. Der ist gleich wieder bei uns.“

„Na, hoffentlich.“ Chris sah unbehaglich auf Sascha.

Simon nickte zuversichtlich. „Bestimmt. Aber mir ist noch was eingefallen.“ Er klopfte auf das Eisspray. „Das ist ’ne gute Waffe. Falls sie rein kommen.“

Chris sah ihn an. „Stimmt“, sagte sie. Darum müssen wir uns auch noch kümmern. Sie dürfen hier nicht rein kommen.“

FORTSETZUNG FOLGT

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Das Lexikon der absonderlichen Arten – Der Zaunkönig

Heute erzählt Sarah schon, während ich noch redigiere. Wisst Ihr, was ein Zaunkönig ist? 😉

Avatar von Sarah WassermairDer Guppy war's und nicht die Lerche

Zaunkönig, der:

In den meisten Teilen der Welt werden Zäune heute basisdemokratisch regiert, es gibt aber immer noch Enklaven – Irland, Burundi und Österreichs beispielsweise – in der Zaunkönige das Sagen haben. Laut Experten unterscheidet man einen Zaunkönig von einem normalen Zaun anhand von Kleinigkeiten, wie beispielsweise der Winkel, in dem die Latten zueinanderstehen, und die Farbe, in der er gestrichen ist.

Es ist bis heute nicht genau geklärt, wie sie mit ihren Untertanen kommunizieren und welche Befehle wohl ein Zaun dem anderen geben kann. Vermutlich aber sind: „Halte er still!“ und „Quietsche er nicht!“ sehr weit oben auf der Liste.

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Das Lexikon der Absonderlichen Arten – Die Toilettensphinx

Wer wissen will, wie man selbst ein öffentliches Klo mystisch und poetisch machen kann, der frage bei Sarah nach:

Avatar von Sarah WassermairDer Guppy war's und nicht die Lerche

Toilettensphinx, die:

Der Legende nach stürzte sich die Sphinx zu Tode, aus Zorn darüber, dass der Held Ödipus ihr Rätsel gelöst hatte. Das ist natürlich eine grobe Unwahrheit. Ein Wesen wie die Sphinx stirbt nicht, und schon gar nicht freiwillig – sie verschwindet höchstens und taucht unter in der Zivilbevölkerung. So kommt es, dass sie heute incognito in Wien sesshaft ist, als Putzfrau in einer öffentlichen Toilette irgendwo im zweiten Bezirk.

Bevor der werte Leser nun Mitleid mit ihr hat ob dieser niedrigen Profession, so möge er sich zweierlei vor Augen aussuchen: sie hat sich diesen Posten selbst ausgesucht. Und: sie ist glücklich dort. Denn während die Sphinx nichts auf menschliche Rangordnung gibt, so fühlt sie sich immer noch ihrer alten Rolle als Schwellenwächterin verbunden. Was könnte also idealer für sie sein, als den ganzen Tag vor einer Tür zu sitzen und darauf zu warten, dass Menschen in höchster Not…

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schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 38 – Der Ruf, Teil 13

Schön, dass Ihr da seid. Lasst mich die Geschichte vom Ruf weiter erzählen. Die 13 bringt den meisten meiner Figuren kein Glück, heute verkleinert sich die Partygesellschaft radikal.

Flocke – die hier zu meiner großen Freude eifrig kommentiert (und bisher die einzige mit Chancen auf einen Preis im Gewinnspiel ist, wenn sie herausfindet, wer die fünfte Figur ist 😉 ) – sprach vorgestern von „Kanonenfutterfiguren“. Ja, der Eindruck ist angebracht, wenn eine Geschichte mit einem großen Pool an Charakteren startet, den ich dann stark ausdünne. Ich kann Euch nur versprechen: Das ist bei mir nie so. Auch wenn Ihr in der Kürze der zur verfügung stehenden Seiten oft nicht die Gelegenheit habt, alle gut kennen zu lernen, ich kenne sie alle. Ich kenne die Geschichte und das Wesen jeder einzelnen Figur und in der Regel wünsche ich keiner davon den Tod. Ich muss sie umbringen (wie auch im „Finder“ und in den „Nomaden“), weil die Geschichte es verlangt. Aber da ich ein Discovering Writer bin, wenn ich Romane schreibe, weiß ich meist vorher nicht genau, wen es erwischt und wer durchkommt. Und es tut mir um die allermeisten leid. Auch hier.

Der Ruf – Teil 1, Hintergrund, Rechte

Der Ruf – Teil 2

Der Ruf – Teil 3

Der Ruf – Teil 4

Der Ruf – Teil 5

Der Ruf – Teil 6

Der Ruf – Teil 7

Der Ruf – Teil 8

Der Ruf – Teil 9

Der Ruf – Teil 10 (mit Gewinnspiel)

Der Ruf – Teil 11

Der Ruf – Teil 12

Der Ruf – Teil 13

2

HÖLLE

Im oberen Zimmer, gegen 08.00 Uhr

Philip wachte davon auf, dass Britts Knie sich unsanft in seinen Oberschenkel bohrte. Noch schlaftrunken rieb er sich die schmerzende Stelle, schlug die Augen auf und stellte fest, dass er nicht mehr müde war. Er versuchte, sich so vorsichtig aus dem Schlafsack zu schälen, dass er sie nicht weckte, aber das gelang natürlich nicht. Britt murmelte ungehalten, atmete dann zweimal tief und öffnete die Augen einen Spalt. Philip lächelte sie an.

„Hallo, Schönheit.“

„Hallo. Müssen wir aufstehen?“

„Wir müssen gar nichts. Aber ich bin jetzt wach. Bleib ruhig noch liegen.“

Sie schüttelte den Kopf und krabbelte aus dem Schlafsack. „Nee, besser ich stehe auch auf. Ich habe keine Lust, die ganze Party zu verpennen.“

Er lachte, zog die Vorhänge auf und das hereinfallende Morgenlicht erhellte den Raum. Britt zog ein T-Shirt über und wühlte in ihrem Rucksack nach Duschzeug.

„Ich gehe nochmal unter die Dusche“, kommentierte sie.

Philip nickte. „Gute Idee. Werde ich gleich auch machen.“

Sie sah ihn eine Weile an . „Du kannst ja mit mir kommen.“

Er überlegte einen Augenblick und schüttelte dann den Kopf. „Sonst jederzeit gerne, aber… ich weiß nicht, ob…“ Er brach ab und sah sie verwirrt und verlegen an. Britt lachte nahm ihn in den Arm und streichelte ihm durchs Haar.

„Du bist süß.“

Er zuckte mit den Schultern. „Es ist ein bisschen blöd. Aber hier… Ich will es nicht verderben, Britt.“

Sie drückte ihn noch einmal. „Ich auch nicht.“ Sie war schon fast draußen, als er sie noch einmal ansprach.

„Britt?“

Sie drehte sich zu ihm um. „Ja?“

„Wir haben doch Zeit, oder?“

Sie war gerührt. „Ja, haben wir.“

Dann ging sie durch die Tür, begann mit tänzelnden Schritten den Flur entlang zu laufen, sobald sie außer Sicht war, hüpfte fröhlich die Treppe hinunter ins Erdgeschoss und schwebte in Richtung Bad.

Philip sah ihr eine Weile nach, nachdem sie durch die Tür verschwunden war und begann dann, Kleidung und Duschutensilien aus seinem Rucksack zu klauben. Er war gerade dabei, den Schlafsack zum Lüften auszubreiten, als Britt wieder durch die Tür kam, mit nassen Haaren und in einem schlichten, khakifarbenen Kleid.

„Ist die Dusche frei?“ fragte er.

„Ja. Die frühstücken alle schon. Gibt es hier irgendwo ‘ne Steckdose?“

Er zog den Vorhang zur Seite. „Hier.“

„Ich warte hier auf Dich, okay?“

„Du kannst ruhig schon mal runter gehen.“

Sie grinste ihn fröhlich an. „Ich will aber nicht ohne Dich.“

Als Philip unter der Dusche stand, verliebt und mit dem Kaffeeduftin der Nase, der ihm aus der Küche entgegen geweht war, war er sicher, dass es kaum einen perfekteren Beginn für einen Tag geben konnte.

Im Wald, gegen 08.45 Uhr

Ulf und Rena streiften durch den Wald auf der Suche nach der Weinflasche, die sie vor 15 Jahren vergraben hatten. Sabine hatte sich, wieder ernüchtert, als langweilig erwiesen und wollte lieber frühstücken.Ulf und Rena hatten ihren toten Punkt lange überwunden. Eigentlich hatten sie die Flasche auch erst nach dem Frühstück suchen wollen, aber über das Bier und ihre vielen Gespräche, Gespräche über ihre Jugend, über alles was sie gewollt, gehofft, gewonnen und verloren hatten, war die Flasche irgendwie immer wichtiger geworden. Also hatten sie schnell einen Kaffee aus der ersten Kanne genommen und waren in den Wald gegangen. Jetzt waren sie etwa auf der Mitte zwischen ihrem und dem gegenüberliegenden Ufer und wurden sich bewusst, dass sie nicht die geringste Ahnung hatten, wo sie suchen sollten. Aber irgendwie hatten sie die gemeinsame Gewissheit entwickelt, dass sie die Stelle schon finden würden. Irgendwie.

Es war Rena, die sie schließlich fast gefunden hätte. Sie hatte sich ein wenig zurückfallen lassen, weil sie den Eindruck hatte, den starken Eindruck, sich an diesen Teil des Waldes zu erinnern. War das da nicht die Buche, über deren Wurzeln sie damals gestolpert war? Ulf suchte derweil weiter vorne.

Sie ging auf den Baum zu.

Genau.

Und dahinter müssten ein paar Birken zu sehen sein.

Richtig.

Sie ging weiter in den Wald hinein. Dort war eine weitere, große Birke.

Genau.

Und dahinter waren wieder zwei Buchen und dann…

Sie spürte ein Kribbeln an ihren bloßen Beinen und sah erstaunt nach unten.

„Was ist das denn?“, sagte Rena.

Ulf ging ein ganzes Stück weiter bis er bemerkten, dass da niemand mehr hinter ihm war. Er drehte sich erstaunt um.

„Rena?“

Der Weg hinter ihm war leer.

„Wo bist Du?“, fragte er perplex.

Er begann, den Weg zurück zu gehen.

„Hallo?!“, rief er. „Rena! Wo bist Du!“

Er machte auf gut Glück einige Schritte vom Weg, in den Wald hinein.

„Hast Du was gefunden? Wo bist Du?“

Der Boden bewegte sich unter ihm. Er geriet ins Schlingern, ruderte mit den Armen und schaffte es gerade, das Gleichgewicht zu halten. Ulf sah nach unten und sah die Ameisen. Und dann schrie er.

Bis sie seinen Mund füllten.

Im Garten, gegen 09.00 Uhr

„Schon wieder alle?“ Chris schüttelte die Thermoskanne, das geringe Gewicht und das ärmliche Plätschern im Inneren sprachen ein deutliche Sprache. Sie seufzte.

„Ich gehe eben rein und hole neuen.“

„Quatsch.“ Bastian stand ebenfalls auf. „lass mich gehen, ich…“

Sie winkte lachend ab. „Nee, ich mach das schon. Ihr könnt Euch ja in der Zeit weiter Künstlergeschichten aus dem Ardéche anhören.“ Sie zwinkerte Justus zu.

Maike lachte. „Ich finde es interessant was Du erzählst, Justus. lass Dich nicht ärgern.“

„Ich finde es auch interessant“, sagte Chris grinsend. „Aber es macht Spaß ihn zu ärgern.“ Damit zog sie ab in Richtung Haus.

Justus seufzte und brachte ein Lächeln zustande. Sie hatte Recht: Die meisten hier waren wirklich freundlich. Damit hatte er nicht gerechnet. Er hatte feststellen müssen, dass die meisten wirklich erwachsen geworden waren, tolerant, interessiert. Er hatte es eben nicht mehr mit pubertierenden Kindern zu tun. Das gefiel ihm.

Chris traf in der Küche auf Markus, der immer noch die Kaffeemaschine bediente. Britt und Philip standen bei ihm, je eine Tasse in der Hand, plaudernd. Britt nahm einen Schluck und nickte Markus zu. „Der Kaffee ist wirklich lecker.“

„Wann seid Ihr aufgewacht? Am See meine ich“, fragte Chris.

Philip überlegte kurz. „Halb Fünf, sowas. Wir sind dann hier hoch gegangen, weil es uns unten zu hell war.“

Chris nickte. „Ich weiß. Und? Ausgeschlafen jetzt?“

Britt lachte. „Na ja, so halbwegs.“

Markus tippte auf die Kaffeekanne. „Eigentlich müsstet Ihr draußen genug Nachschub haben“, meinte er, zu Chris gewandt. „Tanja ist eben mit einer von diesen Riesenkannen zu Euch raus. Bist Du ihr nicht begegnet?“

Chris schüttelte den Kopf. „Wahrscheinlich sind aneinander vorbeigelaufen.“

„Ist Christoph wieder aufgetaucht?“, fragte Philip. „Oder Kat und Stephan?“

„Nein.“ Chris seufzte.

„Okay“, sagte Philip. „Lasst uns nachher mal nach ihnen schauen, oder?“

Chris und Britt nickten, Chris sah erleichtert aus.

„Gut“, sagte Britt, „Nur noch kurz was essen, und dann können wir…“

Sie verstummte und lauschte mit offenem Mund. Sie hörten es alle im selben Moment – das Brummen. Leise zunächst, dann immer weiter anschwellend, erst dröhnend, dann immer höher und lauter, mit einem anwachsenden, wie hysterischen Sirren darin.

„Was ist das?“, fragte Philip.

„Es kommt vom Garten“, sagte Chris und war schon unterwegs. Britt und Philip folgten ihr. Markus wollte hinter ihnen herlaufen, entschied dann aber, sich zuerst um den Kaffee zu kümmern.

Als Chris, Britt und Philip auf die Terrasse liefen, standen die anderen Gäste erstarrt und sahen verwirrt in Richtung Wald, von wo das Geräusch kam. Hier draußen war es noch lauter, ein Summen, Sirren und Brummen in allen Tonhöhen. Es wurde lauter und lauter, kam näher und näher. Philip lief über die Veranda hinweg auf die Wiese, registrierte unbewusst, dass Chris und Britt neben ihm liefen, und dann sah er es.

Sie kamen über den Garten, eine gewaltige, brausende, braungraue Welle, die sich über den Bäumen am Rande des Gartens erhob und dann niederschlug. Es waren hauptsächlich Wespen, doch auch Hornissen und Bienen und diesmal waren es Zehntausende. Sie kamen von allen Seiten über den Garten und die Menschen darin, sie fielen vom Himmel und quollen zwischen den Bäumen hervor. Ihnen folgten die Ameisen, langsamer und stiller flossen sie aus dem Wald heraus.

Zuerst starben die, die sich hinter den Schuppen zurückgezogen hatten, um die Dunkelheit und Ruhe zu nutzen und noch ein oder zwei Stündchen Schlaf zu erhaschen. Sie hatten nicht einmal die Zeit, aufzustehen, geschweige denn, einen Gedanken ans Rennen zu verschwenden. Eine Wolke aus Wespen und Hornissen brach zwischen den Bäumen hervor. Von den Ameisen, die kurz darauf achtlos über sie hinweg strömten, merkten sie nichts mehr.

Die Menschen im Garten rannten um ihr Leben auf das Haus zu, durch die Wolken wütender Insekten, die einen nach dem anderen fällten. Justus erreichte die rettende Terrassentür als erster, dicht hinter ihm stolperte Sabine ins Wohnzimmer. Auf ihrem linken Arm saßen zwei Wespen, die wieder und wieder stachen. Sie schrie, obwohl sie vor lauter Entsetzen keinen Schmerz spürte, und schlug immer wieder auf die Tiere ein, bis sie als Chitinklümpchen von ihrem Arm fielen. Sie rappelte sich auf und sah Justus an der Tür stehen.

„Mach zu!“, schrie sie und rannte auf ihn zu. „Mach die Tür, zu, sie kommen rein, mach die Scheiß Tür zu, Du Idiot, mach die Tür…“

Er schubste sie weg. „Die Anderen!“, herrschte er sie an, während Maike hereinlief, „Die Anderen müssen rein kommen!“

Sabine fiel zu Boden. „Nein“, jammerte sie, „nein, nein, nein.“

Sie rannten um ihr Leben und die Schnellen und Geistesgegenwärtigen waren im Vorteil, doch es war der Zufall, der entschied. Oder das Schicksal. Martina hatte nie Chance, obwohl sie schon rannte, als die meisten noch gebannt auf die Flutwelle aus kleinen Körpern starrten, die sich über den Bäumen erhob. Sie sah die ersten Insekten aus dem Wald schießen und ihr Instinkt übernahm das Kommando. Sie drehte sich um und begann zu laufen, doch sie wusste es vom ersten Moment an, wusste, dass sie keine Chance hatte, wusste, dass sie zu nah am Wald und zu weit vom Haus entfernt war. Sie war auf dem Weg zum See gewesen, und hatte die Wiese schon fast hinter sich gelassen. Zu weit. Viel zu weit.

Dennoch rannte sie, und sie war eine gute Läuferin, sie hatte den halben Weg zur Terrasse schon zurückgelegt, als sie sie stellten. Sie schrie auf, stolperte und fiel und sie sanken auf sie herab.

Auch Chris rannte auf das Haus zu und wusste, dass sie es nicht erreichen würde. Eine Wespe setzte sich auf ihre Wange und stach sie, sie wischte sie weg und rannte weiter, ohne Chance. Sie war mit Philip und Britt aus dem Haus gekommen, aber sie war weiter gelaufen als die beiden, nun würde die Neugierde ihr Verhängnis werden. ‚Curiosity killed the cat‘, dachte sie hysterisch, ‚was für ein Witz, was für ein beschissener Witz, was für ein…‘

Jemand riss sie am Arm, so heftig, dass sie fast gestürzt wäre. Es war Simon, der im Laufen an ihr zog. Sie sah ihn verständnislos an.

„Hier lang“, rief er atemlos, „komm hier lang, Chris, zur Sauna, komm!“

Sie verstand und rannte mit ihm. Zum Haus würde sie es nicht schaffen, aber die Sauna war näher, die Sauna…

…war direkt vor ihr. Simon riss die Tür auf und sprang hinein, sie folgte ihm, drehte sich um und wollte gerade die Tür schließen, als sie Sascha sah. Er taumelte auf die Sauna zu, Wespen saßen auf seinem Kopf, viele Wespen, aber nicht so viele, dass sie ihn töten konnten, sie bereiteten ihm nur entsetzliche Qualen. Er stolperte auf die Tür zu und Chris nahm seine Hand und zog ihn hinein. Und während Simon den brüllenden Sascha geistesgegenwärtig zur Duschkabine zog und die Wespen auf seinem Kopf mit einem scharfen Schwall Wasser bekämpfte, sah Chris, warum Sascha nicht von einem größeren Schwarm zu Fall gebracht worden war. Die Masse der Tiere, die hinter ihm her gewesen waren, hatten sich auf Andreas gestürzt, der ebenfalls auf dem Weg zur Sauna gewesen war. Andreas… er hatte ihr gestern ein Geschenk gegeben, das sie noch gar nicht ausgepackt hatte, weil wieder neue Gäste gekommen waren. Dann hatte sie ihn nochmal am See gesehen, und dann? Sie wusste es nicht. Jetzt aber lag er am Boden, er musste gestolpert sein und sie fielen über ihn her, doch er kroch immer noch auf die Sauna zu, langsamer werdend. In sein Gesicht waren sie noch nicht gekrabbelt, und so sah Chris die Tränen, die über seine Wangen liefen während sein Mund vor sich hinbrabbelte. Sie sah, dass er sie auch sah, dass er sie erkannte, dass er sie um Hilfe anflehte, und sie konnte ihm nicht helfen. Sie konnte nicht hinaus zu ihm, und er konnte die Sauna nicht erreichen. Weinend schloss Chris die Tür.

Britt und Philip liefen auf die Terrassentür zu. Sie hatten einen kurzen Weg und waren so gut wie am Ziel, als Britt über eine lose Bodenplatte stolperte. Sie stürzte hart und schlug sich ein Knie auf. Philip hörte sie schreien und drehte sich um. Wenige Meter über ihr bildete sich eine kleine, dichte Wolke aus Wespen. Er schrie ihren Namen. Sie sah auf, sah ihn und die Tiere, die sich sammelten.

„Lauf!“, schrie sie, während sie langsam, viel zu langsam versuchte sich aufzurappeln. „Lauf!“

Bastian rannte am Tisch vorbei auf Britt zu, er erkannte, was geschehen würde und packte sie unter einem Arm. Er hatte am anderen Ende der Terrasse begonnen zu laufen, und mit dem Schwung seines Anlaufes riss er Britt hoch, rannte noch ein paar Schritte, schleuderte sie durch die Tür und sprang selbst hinterher. Philip gewann die Kontrolle über seinen Körper zurück, während der kleine Schwarm, der sich über Britt gebildet hatte ins Leere stieß, drehte sich zur Tür und stolperte die letzten Schritte in Sicherheit.

Frank kam mit langen Schritten aus der Mitte des Gartens und hatte die Terrasse gerade erreicht, als Britt stürzte. Er sah ihren Fall, hörte die Schreie, das Summen von überall her, doch nur gedämpft, der Fokus seiner Wahrnehmung hatte sich verschoben, und sein Schritt wurde langsamer, ohne dass er es bemerkte. Britts kurzes Kleid war hoch gerutscht, als sie gefallen war. Als Philip sie rief, drehte sie sich zu ihm, wodurch es noch ein wenig nach oben geschoben wurde, und Frank konnte ihr Höschen sehen. Er war stehen geblieben, doch er wusste es nicht. Was er wusste war, dass Britt einen weißen Slip trug, einen weißen Slip mit Spitze vorne, er konnte ihr Schamhaar erahnen und vielleicht konnte er ihre…

Schmerzen! Rasende Schmerzen überall, er vergaß Britt, vergaß ihre nackten Beine und den weißen Slip mit Spitze, er wollte wieder rennen, aber es war zu spät. Auf den ersten Steinplatten der Terrasse fiel Frank zu Boden und er schrie, bis sie ihn in die Zunge stachen und den Rachen und den Hals.

Markus hörte Tanja schreien, er erkannte ihre Stimme sofort. Er war aus der Küche gekommen, als die Schreie begonnen hatten und hatte völlig verwirrt mit angesehen, wie erst Justus und Sabine, dann Maike und dann kurz hintereinander Britt, Bastian und Philip herein gekommen waren. Und dann hörte er Tanja.

Sie rief um Hilfe.

Er sah durch das Terrassenfenster, wie eine dichte Kugel aus Insekten neben dem gemauerten Grill über sie her fiel.

Sie schrie.

Markus gab einen gurgelnden Laut von sich und sprang vorwärts. Niemand bemerkte ihn, alle waren entweder mit ihren Verletzungen beschäftigt oder starrten gelähmt auf die Hölle, die im Garten tobte. Es war Maike, die ihn stoppte und ihm das Leben rettete. Sie hockte in der Nähe der Tür am Boden und blickte starr auf Tanja, als sie Markus herankommen hörte. Sie verstand sofort, was er vorhatte, schnellte nach oben, rammte ihn mit der Schulter wie ein Rugbyspieler und brachte ihn zu Fall.

„Nein!“, brüllte er verzweifelt. „Tanja!“

Aber inzwischen hielten Philip und Bastian ihn gemeinsam mit Maike am Boden. Er gab auf, als er Tanja am Grill zu Boden gehen sah. Er gab auf und blieb schluchzend liegen. Maike streichelte ihn unglücklich. Philip hob schwer atmend den Blick und sah Justus an, der durch die immer noch offene Tür starrte. Draußen erhoben sich die Wespen von den Toten und Sterbenden. Niemand lief mehr, die Jagd war vorbei. Und etwas anderes kam über die Wiese wie ein wachsender, schwarzer, öliger Teppich.

„Justus!“, krächzte Philip. „Justus, mach die Tür zu! Schnell!“

Justus erwachte aus seiner Trance und riss die Schiebetür ins Schloss.

FORTSETZUNG FOLGT

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schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 37 – Der Ruf, Teil 12

Kommt herbei, liebe Freundinnen und Freunde, ich will Euch erzählen, wie es weiter geht in dem Haus am See, und dem Garten, und dem See, und dem Wald. Es ist kein guter Morgen, der da anbricht.

Der Ruf – Teil 1, Hintergrund, Rechte

Der Ruf – Teil 2

Der Ruf – Teil 3

Der Ruf – Teil 4

Der Ruf – Teil 5

Der Ruf – Teil 6

Der Ruf – Teil 7

Der Ruf – Teil 8

Der Ruf – Teil 9

Der Ruf – Teil 10 (mit Gewinnspiel)

Der Ruf – Teil 11



Der Ruf – Teil 12

TAG 2

Of our elaborate plans, the end

Of everything that stands, the end

No safety or surprise, the end

I’ll never look into your eyes…again

(The Doors, „The End“)

1

JAGDZEIT

Am See, gegen 7.00 Uhr

Chris kam aus dem See, strich sich das Wasser aus dem Haar und ging zu den anderen hinüber. Michael reichte ihr ihr Handtuch. Inzwischen hatte sich eine Gruppe bei den Resten des Feuers gesammelt.

Der Tag ließ sich gut an. Chris war gegen sechs Uhr aufgewacht, da waren Tanja und Markus schon im Wasser gewesen. Auch Khan und Michael waren schon wach, Martina schlief noch schnarchend. Chris schälte sich aus dem Schlafsack und streckte sich ausgiebig. Khan und Michael hatten sie bemerkten und gewunken.

„Morgen!“, riefen sie gleichzeitig. Chris ging zu ihnen und setzte sich.

„Morgen. Habt Ihr ‘ne Ahnung, wieviel Uhr es ist?

„Kurz nach Sechs“, sagte Michael

Khan sah sie grinsend an. „Und? Noch müde?“

Chris schüttelte den Kopf. „Eigentlich gar nicht.“ Sie lachte. „Keine Sorge, das kommt noch. Heute Nachmittag oder so.“

„Das geht nicht. Du musst unsere gute Gastgeberin sein. Wir brauchen Dich wach.“

„Wenn ich müde bin, werde ich schlafen. Dann könnt Ihr Kat mit Euren Wünschen und Beschwerden nerven.“

„Wo ist sie eigentlich?“, fragte Michael. „Ich habe sie seit gestern Abend nicht mehr gesehen. Nach dem Grillen war sie weg.“

„Sie ist mit Stephan spazieren gegangen. Vermutlich haben sie die Nacht irgendwo drüben am anderen Ufer verbracht. Ich wollte sowieso eben zum Haus hoch gehen. Vielleicht treffe ich sie ja.“

Chris war zum Garten gelaufen und hatte sich gewundert, dass sie tatsächlich keinerlei Müdigkeit spürte. Im Garten und im Haus herrschte schon Betriebsamkeit, einige Schläfer hatten sich in die stilleren Ecken um den Schuppen zurückgezogen. Britt und Philip, so wurde ihr erzählt, schliefen in einem der oberen Räume. Chris lief nach oben, sie hatte den etwas unvernünftigen Wunsch sicherzustellen, dass diese beiden nicht auch verschwunden waren. Sie spähte kurz durch die Tür. Britt und Philip hatten den Raum so weit wie möglich verdunkelt, lagen nun, inmitten von Taschen und Rucksäcken, eng beieinander in Philips Schlafsack und schliefen.

Chris ging wieder nach unten, überlegte einen Moment, fischte ein neues Badetuch aus dem Schrank im Badezimmer, warf es sich über die Schulter und ging wieder hinaus. Auf der Terrasse lief sie Frank in die Arme.

„Gehst Du schwimmen?“, fragte er mit Blick auf ihr Handtuch.

„Ja.“

Er lachte und ging neben ihr her.

„Was dagegen wenn ich mitkomme?“

„Nein“, sagte sie, was blieb ihr übrig.

Justus und Simon stießen aus Richtung des Schuppens zu ihnen. Auch sie trugen Handtücher. Justus grinste breit und aufgeräumt.

„Schwimmen am Morgen ist ‘ne feine Sache“, erklärte er.

„Außerdem wird man dadurch vielleicht richtig wach“, murmelte Simon. Im Gegensatz zu Justus, der – abgesehen von mangelnden Rasur – frisch wie der junge Morgen selbst aussah, war er ziemlich verschwiemelt und schaute Chris aus dicken Augen an.

Chris lachte und hakte sich bei den beiden unter.

„Na dann – auf ins Nass. Ach übrigens: Von Euch hat auch keiner Kat und Stephan gesehen, oder? Heute morgen meine ich.“

Sie sahen sich nachdenklich an und schüttelten die Köpfe .Justus rieb sich das Kinn.

„Wo wir gerade dabei sind: Ich habe Christoph heute noch nicht gesehen.“

„Stimmt.“ Chris überlegte. „Irgendwer hat ihn gestern im Wald gesehen. Anscheinend nicht alleine, obwohl ich nicht weiß, wer sonst noch fehlt. Hast Du eine Ahnung, ob es ihm besser ging?“

Justus schüttelte den Kopf. „Als ich ihn zuletzt gesehen habe, hat er auf dem Sofa geschlafen. Ich dachte, er wäre die ganze Nacht da gewesen.“

„Er kann überall sein“, meinte Simon. „Die Leute sind doch auch die ganze Nacht über gekommen und gegangen. Vielleicht ist er auch in der Sauna. Sascha jedenfalls war vorhin da. Ist halt ein weitläufiges Gelände. Erinnert Euch mal an die Party damals. Hauptsache, Sonntagabend sind wieder alle da.“

Chris machte sich über etwas anderes Gedanken. „Sascha war in der Sauna?“

Simon nickte. „Ja. Wieso.“

Sie verzog das Gesicht. „Hätte ich Euch sagen sollen. Meine Eltern wollen nicht, dass wir sie anschmeißen. Bei der Menschenmasse.“

„Oh, ich glaube, er wollte nur duschen. Und das Bad war besetzt.“

Sie waren am See angekommen, als Tanja, Markus und Michael gerade an Land kamen. Ein paar Minuten später waren sie im Wasser und schwammen auf Khan zu, der in einiger Entfernung imaginäre Bahnen quer zum Seeufer zog. Die Männer planschten mehr herum als sie schwammen, aber Chris begann, in einem ruhigen Rhythmus große Ellipsen zu schwimmen. Das Wasser war kühl, sehr angenehm, wenn man nicht aus Versehen in eine der eiskalten Unterströmungen geriet, und nach kurzer Zeit spürte Chris die belebende Wirkung des Bades: Was an restlicher Müdigkeit noch in ihr war, wurde fortgewaschen. Als sie dann aus dem Wasser kam, eine ganze Zeit nach Justus, Frank und Simon, fühlte sie sich so frisch und wach wie nach mancher durchschlafenen Nacht nicht. Auf dem See zog Khan immer noch seine Bahnen. Chris spürte Hunger.

„Wird Zeit, dass ich mich mal um das Frühstück kümmere“, meinte sie, mehr zu sich selbst. Der Satz hatte auf die anderen eine elektrisierende Wirkung. Sie sahen sie begeistert an.

„Können wir Dir helfen?“, fragte Tanja.

„Ach nein, ich…“

„Chris, komm.“ Simon lachte. „Wenn Kat jetzt hier wäre, würde sie wieder mit Dir rummotzen, genau wie gestern. Nochmal: Können – wir – Dir – helfen?“

„Okay, okay.“ Sie ergab sich grinsend. „Die Brötchen müssen aufgebacken werden, und es wäre gut, wenn jemand Kaffee kocht, der etwas davon versteht. Um den Rest kümmere ich mich aber.“

„Nichts da!“, bestimmte Tanja. „Du gibst Kommandos, den Rest machen wir.“

Chris zuckte mit den Schultern. „Na gut.“

Michael sah sie etwas verlegen an. „Hast Du irgend was dagegen einzuwenden, wenn ich später komme? Ich wollte nochmal ins Wasser. Ich kann mir meinen Kaffee dann auch selbst…“

„Quatsch!“ Chris winkte lachend ab. „Ich habe genug Helfer. Guck nur, dass Du rechtzeitig nach oben kommst, bevor alles weg gegessen ist.“

Er grinste. „Da mache ich mir keine Sorgen. Ich habe die Vorräte gesehen.“

Im Wald, gegen 07.05 Uhr

Nun war es an der Zeit.

Er empfing die Botschaften seiner Späher, klare, einfache Gedanken, wie sie sie früher an den gemeinsamen Willen ihres Volkes gegeben hatten. Die Zeit war gekommen.

Und er war in Eile.

Schon jetzt brauchte er seine äußerste Kraft, um sowohl den zu beherrschen, in dem er wohnte, als auch den Willen der Sklaven zu kontrollieren. Lange würde er dies nicht mehr durchhalten. Er war gerade stark genug, die Herrschaft in diesem Körper zu behalten, unfähig nun, ihn zu bewegen nach der großen Anstrengung des Kampfes.

Er brauchte dringend Nahrung.

Am See, gegen 07.10 Uhr

Khan kam gerade aus dem See, als Michael hineinging.

„Wo sind die anderen hin?“, fragte er.

Michael deutete mit dem Kopf in Richtung Garten.

„Frühstücken.“

„Gute Idee. Ich werde mich anschließen. Was ist mit Dir?“

„Ich schwimme noch ein bisschen und dann… Scheiße, was ist das?“

Khan folgte seinem Blick zum jenseitigen Seeufer, wo sich eine lebendig wirkende, graue Wolke aus dem Wald erhob. Er beschattete seine Augen mit den Händen.

„Irgendwelche Insekten, denke ich. Fliegen vielleicht. Oder Mücken oder so.“

„So viele?“

„Keine Ahnung. Ich habe keine Ahnung, was es hier für Viechzeug gibt.“

Michael winkte ab. „Ist auch egal. Wir sehen uns gleich oben.“

Khan tippte sich an die Stirn.

„Bis dann.“

Es waren zwei kleine Wespenvölker, die sich nun über dem Wald vereinigten, zusammen nicht mehr als 5000 Tiere. Der Meister musste sich schonen.

Sie würden ihm Nahrung und Stärke bringen.

Die Wespen waren es gewohnt, einem gemeinsamen Willen zu dienen und der, der sie nun leitete, war so stark, so alt und verschlagen, dass er ihnen selbst, jeder einzelnen, eine Art Intelligenz eingab. Eine Intelligenz, die ganz dem einen Willen diente, in einem Maße, das alles, was die Wespen zuvor gewusst hatten, überschritt.

Als die Völker vereint waren, sanken sie auf eine Höhe von wenigen Metern über der Wasseroberfläche herab und flogen schnell auf das andere Seeufer zu.

Khan stand mit dem Rücken zum See und so bemerkte er zuerst nichts. Dann aber hörte er das Surren. Ein langsam anschwellendes, bösartiges Geräusch, wie das Brummen eines alten Ventilators. Er drehte sich verwundert um und sah die Wespen. Sie kamen schnell näher, eine surrende Wolke, die über den See auf ihn zu flog.

Auf ihn zu.

Er begriff es, während er sich noch fragte, was das überhaupt für Tiere waren. Er begriff, dass sie nicht einfach über den See kamen, sondern dass sie zu ihm kamen. Er spürte etwas Großes, Kaltes, eine Absicht, die von diesem Schwarm ausging und auf ihn gerichtet war.

Als er sich endlich aus seiner Erstarrung löste und anfing zu rennen, war es zu spät. Er stieß einen Schrei aus und rannte auf den Waldrand zu, doch er war langsam, viel zu langsam. Er schrie wieder auf als er spürte, wie die ersten kleinen Beine sich auf seine Haut setzten, schlug instinktiv einen Haken, dachte noch daran, zum Wasser zu rennen, zum Wasser, die Biester zu ertränken, dann spürte er die ersten Stiche und als er seinen Mund wieder öffnete um zu schreien hüllte der Schwarm ihn ein, und sie füllten ihn, sie füllten seinen Mund, seine Ohren, krabbelten in seine Nase und sie stachen ihn und stachen und stachen.

Michael blickte zum Ufer, als er den ersten Schrei hörte und sah entsetzensstarr, wie die Wespen Khan töteten. Er verfolgte die kurze Jagd mit weit aufgerissenen Augen, sah, was geschah und verstand es nicht. Er sah, wie der Schwarm Khan einhüllte, hörte ein wimmerndes Geräusch von dem er nicht wusste, ob es von Khan oder seinen Peinigern kam, und dann sah er ihn inmitten der wimmelnden Körper zusammenbrechen. Er war noch nicht tot, er zuckte und rollte sich hin und her und es schien endlos zu dauern, bis es vorbei war.

Michael dachte nicht daran, zu fliehen, ans Ufer zu schwimmen und zu rennen, er konnte sein Blick und sein Denken nicht von dem grausamen Schauspiel am Ufer wenden. Und jetzt war Khan tot, lag dort am Ufe. Vom Garten her schwebte Musik hinüber.

Michael lachte, er lachte hysterisch, bis er Wasser schluckte und dann sah er, wie die Wespen sich von Khans Körper erhoben. Er hörte das Surren, das er vorhin nur am Rande wahrgenommen hatte, und er spürte, dass sie es diesmal auf ihn abgesehen hatte. Er spürte es so deutlich, als hätten sie es ihm gesagt.

Michael löste sich im letzten Moment aus seiner Erstarrung und tat das einzig Richtige: Er tauchte flach unter dem Schwarm weg, der so knapp über der Wasseroberfläche ins Leere stieß, dass einige Wespen nicht rechtzeitig nach oben kamen, ins Wasser gerieten und ertranken. Michael wendete, um in die Mitte des Sees zu schwimmen, bloß weg von den Ufern. Er schwamm einige Züge unter Wasser, dann spürte er den Drang, aufzutauchen und Luft zu holen. Im letzten Moment sah er den Schwarm, der über der Wasseroberfläche schwebte. Er wendete, schwamm drei schnelle Züge, tauchte auf, durchbrach die Wasseroberfläche, holte tief Atem und tauchte sofort wieder, während er von hinten das wilde Surren der Wespen herannahen hörte. Er wendete wieder, diesmal nach links, sah die Wespen als dunklen Schatten dicht über dem Wasser, rechnete ihre Bewegung aus, schwamm im letzten Moment eine scharfe Kurve, tauchte auf, atmete, und verschwand wieder unter Wasser.

‚Wie lange kann ich das aushalten?‘, fragte er sich, während er wieder der Bewegung des Schwarms folgte, auswich, schnell vorwärts schwamm, Atem holte und wieder tauchte.

‚Wann geben sie auf?‘

Wende, vorwärts, auftauchen, atmen, eintauchen.

‚Geben sie überhaupt irgendwann auf?‘

Wende, vorwärts, auftauchen, atmen, eintauchen.

‚Warum sollten sie aufgeben?’

Wende, vorwärts, auftauchen, atmen, eintauchen.

‚Warum tun sie das überhaupt?’

Wende, vorwärts, auftauchen, atmen, eintauchen.

‚Wespen tun so etwas doch nicht, sie…’

Als er es merkte, war es zu spät. Er hatte sich so sehr darauf konzentriert, die Bewegung des Schwarms zu beobachten, ihr auszuweichen und die nötigen Sekunden zum Auftauchen zu gewinnen, dass er sich nicht einen Moment gefragt hatte, welche Absicht hinter der Bewegung des Schwarmes stand. Die Idee, dass überhaupt eine Absicht dahinter stehen könnte, war ihm gar nicht gekommen. Es waren nur Wespen. Insekten.

Er merkte es, als er Schlamm unter seinen Händen fühlte.

Das Ufer.

Sie hatten ihn ans Ufer getrieben.

Er versuchte noch einmal, hastig eine Kurve zu schwimmen, geriet auf Grund und spürte verzweifelt, wie sein Rücken die Wasseroberfläche durchstieß. Im nächsten Moment raubte ein rasender Schmerz ihm die Sinne. Brüllend vor Qual bäumte er sich auf und die Wespen hüllten seinen Kopf und seine Brust ein, stachen ihn, töteten ihn.

Im Wald, 7.20 Uhr

Die Jagd war vorüber.

Sie kamen zurück.

Sie waren tief in diese fremdartigen Wesen hineingekrochen, hatten gesucht und gefunden, mit Sinnen, die nicht die ihren waren. Und sie hatten geraubt, mit seiner Kraft und seiner Gier.

Sie waren über den See gekommen, zurück zu ihm, keine mit einer fremdartigen Intelligenz bewehrten Monstren mehr, sondern stumpfe Maschinen die eine Last trugen, die ihre Natur überstieg. Sie hatten es aus den Seelen der Sterbenden geraubt und viele starben unterwegs und fielen auf den See wie Hagel.

Es war nicht wichtig.

Die, die überlebten, brachten ihm seine Nahrung, ließen sich auf dem Körper nieder, den er bewohnte, krochen in Mund und Nase und brachten ihm, was seines war.

Er fühlte, wie seine Kraft zunahm. Vorsichtig, vorsichtig. Nicht zu schnell. Er brauchte mehr.

Dies war köstliche Nahrung, er schmeckte all die Angst, die Qual und die Verzweiflung und soviel mehr.

Er fühlte seine neu erstarkte Macht und sandte sie aus, weitere Sklaven zu finden.

Seine Zeit war gekommen.

Bald würde er sein Werk beginnen können.

Noch aber gab es jene, die wussten, wie er gekommen war, die den Ruf kannten. Und noch brauchte er mehr Nahrung.

Noch.

Mehr.

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