schreckenbergzeigt: Lob und Tadel für „Der Finder“

Ich stehe im Moment, wie vorgestern beschrieben, zwischen den Büchern. Irgendwie scheint das so ein Frühjahrsding zu sein: Anfang 2011, nach dem Finder, war unklar, ob meine Verlage den Ruf veröffentlichen würden oder nicht. Sie taten es nicht, wollten aber meine Krimiidee umsetzen, also habe ich die Träumer geschrieben und den Ruf als E-Book herausgebracht. Letzten Frühling dann war zunächst unklar, ob wir die Träumer fortsetzen oder uns auf Der wandernde Krieg – Sergej einlassen. Der JUHRVerlag bewies Mut und (wie ich glaube) Weitsicht und wagte sich an Sergej, aber ob und wie genau, das war bis in den April hinein unklar.

Und dieses Jahr ist es eben wieder genauso – wir haben einige Optionen, aber welche davon wir letztlich ziehen werden, das ist noch ganz unklar. Letztes Jahr bin ich in dieser Stimmung zur CRIMINALE gefahren und habe eine in vieler Hinsicht großartige Woche verlebt. Dieses Jahr findet die CRIMINALE 2013 leider ohne mich statt, und mein Herz blutet. Nächstes Jahr… Aber das ist ein anderes Thema. Ich bleibe also hier, treffe keine Reisevorbereitungen und muss mir die Zeit irgendwie anders vertreiben. Und da solche „Zwischenzeiten“ immer ein guter Anlass sind, in irgendeiner Form Bilanz zu ziehen, dachte ich, ich trage mal zusammen, was sich im Laufe der Zeit an Onlinerezensionen meiner Bücher angesammelt hat, präsentiere Euch eine Auswahl und sage ein paar Worte dazu. Sollte ich EURE Besprechung oder eine, die Ihr gelesen habt, übersehen haben, so wäre ich dankbar für Hinweise. 😉 Ich beginne natürlich mit meinem ersten veröffentlichten Roman, der gerade seine zweite Auflage sieht:

Der Finder

Meine Endzeitgeschichte um Daniel, Esther, Lara und die anderen Siedler ist bis heute mein erfolgreichster Roman. Die meisten Kritiken sind ganz oder überwiegend positiv, manche sogar enthusiastisch. Offenbar habe ich da einen Nerv getroffen. Zu den allerersten Netzkritiken gehörte eine Ausgabe der Buchspione von Birte Mentzel:

Die Rezensentin übte, bei allem Lob, auch als erste die Kritik, die mich bis zur Zweitauflage verfolgen sollte: Das Cover. Eine Minderheit liebte es, die Mehrheit fand es irgendwo zwischen unschön und irreführend. Letzterem schließe ich mich inzwischen an, obwohl mir die Zeichnung immer noch gefällt. Na ja, jetzt haben wir ja ein anderes. 😉

Ebenfalls sehr früh kam eine sehr ausführliche, überwiegend positive Kritik, die die Rezensentin Antje Jürgens an verschiedenen Stellen im Internet veröffentlichte, unter anderem in ihrem Blog „Die Leselustige„. Interessant ist eine Kritik, die sie brachte: Der Schluss ging ihr zu schnell. Damit war sie nicht alleine. Anderen war dafür der Anfang zu langsam, die Mehrzahl schien das Buch aber ausgewogen zu finden – ein Phänomen, über das ich mich hier im Blog schon einmal geäußert habe.

Überhaupt meinten es die Blogerinnen gut mit mir: Bei „Krimi & Co“ bekam der Finder eine sehr wohlwollende Kritik, ebenso bei „Horror and More“ und im „Laberladen„. Es scheint übrigens kein Zufall zu sein, dass es sich hier tatsächlich ausschließlich um Blogerinnen handelt – auch wenn man herausrechnet, dass Frauen generell mehr lesen als Männer, habe ich überdurchschnittlich viel Lob von Frauen erhalten. Das bestärkt mich darin, nicht auf eine bestimmte Zielgruppe hin zu schreiben: Ich hätte, trotz starker weiblicher Figuren wie Esther, Lara und Carmen, nie vermutet, dass diese Geschichte und diese Thematik Frauen so sehr anspricht. Es ist also offensichtlich besser, ich schreibe ERST meine Geschichten und schaue DANN, wer sie so liest. 😉

Aber ich will hier nicht so tun, als habe der Finder nur Ehr und Preis erfahren, es gab auch deutliche Kritik. Ein Hauptkritikpunkt war die Logik. Das ist bei einem Endzeitthriller irgendwo natürlich – wenn die menschliche Zivilisation auf die Art enden würde, auf die sie hier endet, würden derartig viele Dinge geschehen und geschehen können, dass sie unmöglich alle abzusehen wären, und jeder Autor kann da andere Schwerpunkte setzen. Die Logikkritiker teilen sich in zwei Gruppen:

A) Die „So-würde-ich-aber-nicht-handeln“-Gruppe

Ich habe bei amazon ein paar negative Bewertungen erhalten, die in diese Gruppe gehören. Sie lassen mich, ehrlich gesagt, ein wenig ratlos. Ich habe gleich am Anfang meine Überlebenden in zwei Fraktionen geteilt: Die, die weiterhin alle noch brauchbaren technischen Errungenschaften nutzen möchten, bis es nicht mehr geht und die, die sich von Beginn an entschließen, aller modernen Technik zu entsagen, sofern eben möglich (in Notsituationen greifen sie ja dennoch darauf zurück). Die erste Gruppe ist, ausdrücklich, die GRÖSSERE, weil ich, wie meine Kritiker, glaube, dass die meisten Menschen moderne Technik nutzen würden wo immer und so lange es noch geht. Nur – ich folge mit meiner Geschichte eben der KLEINEREN Gruppe, denen, die auf Blockhütten, Pferde und, in Daniels Fall, sogar auf Pfeil und Bogen zurückgreifen. Wenn mir dann jemand vorwirft, das sei unlogisch, weil er selbst sich eher der ersten Gruppe angeschlossen hätte, dann fehlen mir irgendwie die Argumente. Was kann ich groß sagen, als „In DIESEM Buch geht es aber nunmal um die andere Gruppe“? Tja…

Ach ja, und in einem Falle findet jemand die Auflösung unrealistisch. Öhm… Phantastik? 😀

B) Die „Folgendes-Problem-hat-der-Autor-nicht-bedacht“-Gruppe

Hier geht es meist um technische, ökologische etc. Auswirkungen in einer Welt, die auf diese Art endet, welche ich nicht erwähnt oder scheinbar nicht in Betracht gezogen habe. Diese Kritiker haben in aller Regel recht, und über Kritik dieser Art freue ich mich normalerweise auch, weil sie mir zeigt, dass der entsprechende Rezensent sich auf meine Finderwelt eingelassen und sich Gedanken darüber gemacht hat. Ich nehme diese Kritik sehr ernst und ärgere mich manchmal über mich selbst, wenn mir etwas durchgegangen ist, auch wenn ich (wie auch die meisten Kritiker dieser Art) der Meinung bin, dass ich keine so katastrophalen Bolzen geschossen habe, dass meine Geschichte an sich albern wäre. Ich kann diesen Kritikern nur entgegnen – „Der Finder“ ist letztlich eine Geschichte. Eine Liebesgeschichte und eine Geschichte von Menschen, die sich plötzlich in einer völlig neuen Umgebung zurecht finden müssen. Es ist kein Versuch einer Dokumentation nach Art von „Zukunft ohne Menschen“ oder „Die Welt ohne uns“ (obwohl ich Letzteres zu Recherchezwecken während der Überarbeitung gelesen habe). Diesen Anspruch hatte ich nie und ich könnte ihn auch nicht erfüllen. Mein Anspruch war, diese Finderwelt so zu schildern, dass sie plausibel und möglich ist, keinesfalls perfekt und bewiesen. Ich hoffe, diesem Anspruch werde ich gerecht – aber wo immer ich in die Finderwelt zurückkehre, für Kurzgeschichten oder für andere Pläne, beziehe ich die Anregungen dieser Kritiker mit ein.

Fast alle kritischen Aspekte, die ich bis dahin gesammelt hatte – vom Cover bis hin zur Logik – merkt auch Peter Kümmel von der „Phantastik Couch“ an. Außerdem findet er meine Chrakterzeichnung oberflächlich. Andererseits lobt er das „Kopfkino“ und bescheinigt mir Potential, so dass ich trotz allem in der Januar-Ausgabe der Phantastik Couch eine – wenn auch knapp – positive Bewertung bekommen habe. Mich freut diese Rezension trotz der deutlichen Kritik, vor allem, weil sie so differenziert ist und weil der Rezensent mir Potential bescheinigt – und sich dann später, bei Sergej, darüber freut, dass ich es in seinen Augen ausgereizt habe. Aber dazu übermorgen. 😉

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schreckenbergschreibt: Zwischen den Büchern

Es ist Samstag, gleich 14 Uhr, und wenn es eine Zeit gibt, um die man nach allen Regeln der Social-Media-Kunst nicht bloggen sollte, dann ist es diese. Oder, wahlweise, unter der Woche um 3 Uhr Nachts. Aber was soll’s, ich bin Schriftsteller, ich will schreiben, und eigentlich will ich natürlich an einer Geschichte schreiben, aber ich bin in diesem dämlichen Limbus der da heißt: Zwischen den Büchern.

So ist die Lage:

Ich habe in der Schublade zwei angefangene Romane, die nicht in das Profil meiner Verlage passen. Der eine ist eine Urban-Fantasy-Geschichte, sehr groß, sehr episch, meine regelmäßigen Testleser halten sie für das Beste, das ich bisher geschrieben habe. Ich bin anderer Ansicht, aber was weiß ich schon. 😀 Etwa die Hälfte davon ist fertig, ich habe damals aufgehört, daran zu schreiben, als es daran ging, den Finder zu veröffentlichen. Der andere ist das, was man heute eine „All-Age-Geschichte“ nennt – also ein Buch, das in erster Linie für Jugendliche gedacht, aber auch für Erwachsene interessant ist. Geht in Richtung Horror/Mystery, ist zu etwa einem Drittel geschrieben und spielt im selben Geschichtenuniversum wie „Sergej„, ohne direkt mit dieser Geschichte zu tun zu haben. Diese Bücher werden definitiv nicht im JUHRVerlag erscheinen, mal sehen, was ich damit mache.

Dann habe ich drei erschienene Romane, die nach einer Fortsetzung verlangen: Der Finder, Der wandernde Krieg – Sergej und Die Träumer. Die letzten Beiden haben, obwohl in sich ganz abgeschlossen, offene Handlungsfäden die nach einer Fortsetzung verlangen. Was den Finder betrifft, so habe ich ja bisher immer gesagt, dass ich eine Fortsetzung eigentlich nicht plane, obwohl viele Fans danach verlangen. Nun hatte ich just letzte Woche eine Idee, die meine Haltung – sagen wir – teilweise geändert hat. Viel mehr will ich dazu nicht sagen, es wäre keine direkte Fortsetzung, aber eine Geschichte, die mich und meine Leserinnen und Leser in die Finderwelt zurückführen würde, und zwar nicht irgendwann in einer fernen Zukunft sondern in der Gegenwart des Romans. Wir würden viele Figuren aus dem „Finder“ wiedertreffen, ohne, dass ich die Geschichte meiner Figuren, die ich weitestgehend für auserzählt halte, neu aufkochen müsste. Es ist eine Idee, die sich anbot, auf die ich einfach nur kommen musste. Im Moment habe ich sehr viel Lust darauf.

Ich sehe Euch die Stirn runzeln. Ich höre Euch sagen: „Schreckenberg, das ist ja wohl der bescheuertste Appetitmacherblogpost, den ich je gelesen habe. Jetzt sag schon, was Du machen willst und dann werden wir ja sehen, ob ich’s lesen will.“

Und das ist eben das Blöde an der Lage. Ich WEISS es nicht. Ich habe ebensolchen Appetit aufs Schreiben wie Ihr aufs Lesen. Und ich habe – siehe oben FÜNF verdammte Romane, die ich schreiben könnte und schreiben bzw. zu Ende schreiben will. Von weiteren Ideen rede ich gar nicht. Von Drehbüchern, Theaterstücken und Kurzgeschichten auch nicht. Und bevor das irgendjemand falsch versteht: Ich nöle hier nicht über den JUHRVerlag. Die sind im Moment in der Programmplanung, für letzte Woche war ein Treffen geplant, das ist dann leider geplatzt, aber wir werden uns treffen, wir werden planen und dann werde ich auch wissen, wie es damit weiter geht. Nur gerade jetzt…

Ich schreibe nicht einfach so, weil ich zum Häkeln zu ungeschickt bin (das bin ich, aber das ist eine andere Geschichte :-D). Ich habe, wie ich oft und gerne sage, Geschichten im Kopf und die wollen raus. Und im Moment drängen sie. Alle. Aber wenn ich mich auf eine Geschichte einlasse, sagen wir die Fortsetzung der „Träumer“, dann begebe ich mich mit Haut und Haaren da rein, und wenn wir dann in ein paar Tagen entscheiden sollten, dass wir die Fortsetzung von „Sergej“ oder den neuen Besuch in der Finderwelt vorziehen, dann wird es schwer und schmerzhaft, sich aus dieser Welt wieder zu lösen, vor allem, sie ohne Abschluss zurück zu lassen.

Also texte ich statt dessen meinen Blog und Euch zu. Sofern Ihr dies lest. Denn es ist Samstag,14 Uhr 22…

Ich halte Euch auf dem Laufenden! 😉

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schreckenbergschreibt: Wie wirklich darf’s denn sein?

Neulich las ich in irgendeinem Social Medium (Facebook, glaube ich, bin aber nicht sicher) eine Diskussion zu Sons of Anarchy, einer Serie, die ich – wie an anderer Stelle bereits erwähnt – sehr schätze. Hier beschwerte sich nun ein Diskutant bitterlich, die Serie bilde nicht „Das wahre Rockerleben“ ab. Traun, welch schröcklicher Vorwurf!

Um das gleich zu sagen: Zum Thema „echtes Rockerleben“ kann ich gar nichts beisteuern, weil ich kein echter Rocker bin. Genaugenommen bin ich gar kein Rocker. Ich höre zwar gerne Rockmusik, habe aber nicht einmal einen Motorradführerschein. Und wenn ich in letzter Zeit öfter darüber nachdenke, einen zu machen, frage ich mich, ob das wirklich Vernunft ist (um einen Zweitwagen zu vermeiden) oder einfach nur eine beginnende Midlife-Crisis. Zum „Rockerleben“ ist also von mir nichts Substantielles zu erwarten.

Ich habe nicht mitdiskutiert, weil solche Diskussionen im Netz unglaublich fruchtlos sind. Aber ich rufe dem enttäuschten Diskutanten und all seinen Brüdern und Schwestern im Geiste hiermit zu: „Ihr habt da was falsch verstanden!“ Denn Sons of Anarchy ist keine Motorrad-Doku. Es ist eine Unterhaltungsserie.

Gerade als Krimiautor – der ich ja seit den „Träumern“ auch bin – begegnet man diesem Denkfehler unglaublich oft. Jede Woche beschwert sich in irgendeinem Medium irgendein Polizist, in Krimis werde „die Polizeiarbeit nicht richtig dargestellt“. Wenn es um Geschichten geht, die an real existierenden Orten spielen, gehen tatsächlich manche Leser die Strecke ab und beschweren sich dann, wenn irgendein Straßenschild oder Baum nicht stimmt (ist mir noch nicht passiert – also die Beschwerde – habe ich aber von Kollegen so gehört). Und ich nehme mich da selbst nicht aus. Ich verstehe zwar wenig von Rockern und Polizeiarbeit, dafür aber zum Beispiel einiges von Selbstverteidigung und Nahkampf. Und wenn ich dann eine fein choreografierte Schlägerei im Film sehe, dann denke ich auch meist: „Was für ein Quatsch.“

Zu Unrecht! Es ist, glaube ich, eine sehr deutsche Sichtweise zu verlangen, ein Stück Fiktion solle vor allem realitätsnah sein. Eine Sichtweise übrigens, die uns Autoren Phantastischer Literatur das Leben schwer macht und dazu führt, dass wir immer wieder – zuletzt auf der Leipziger Buchmesse – spontan alle in den Kinder- und Jugendbuchtopf geworfen werden. Sind ja alles Märchen, gibt es ja alles nicht. Um es einmal deutlich zu sagen:

KEINE FIKTION BILDET DIE REALITÄT AB!

Nein, auch nicht das neueste Sozialdrama! Nein, auch nicht die historische Serie, sei sie noch so atmosphärisch dicht und auf Autenthizität getrimmt. Aus zwei Gründen:

1.) Dramaturgie

Wie einer meiner Drehbuchlehrer einst sagte: „Kein Film entspricht der Wirklichkeit, denn die Wirklichkeit hat keine dramatische Struktur.“ Amen! Und das trifft für Bücher ebenso zu. So spannend unser Leben mitunter scheint, es folgt keiner Dramaturgie. Das kann jeder leicht selbst überprüfen, und zwar gerade anhand spannender Begebenheiten aus dem eigenen Leben. Natürlich gibt es dramatische Momente, Wendepunkte, Entscheidungen, Konflikte – alles, was eine gute Dramaturgie ausmacht. Aber wer einen dieser Momente aus dem eigenen Leben als Angelpunkt einer Geschichte nehmen möchte stellt schnell fest, dass das, nur für sich, mit Glück eine Kurzgeschichte sein kann. Niemals ein Roman, niemals ein langer Film. Denn die Hinführung zu diesem Punkt im Leben folgt kaum den Regeln der Dramaturgie, ebensowenig wie das Leben danach. Dafür bedarf es der:

2.) Reduktion und Betonung

Selbstverständlich ist es möglich, zum Beispiel einen Roman zu schreiben, der an die eigene erste große Liebe angelehnt ist. Man lebt so vor sich hin, dann begegnet man dem/der Angebeteten und verliebt sich (Übergang 1. zu 2. Akt). So weit so gut. Dann wird es schon schwierig: Im Roman / Film würden nun Hindernisse folgen, sich steigernde Prüfungen, ein Tiefpunkt (Midpoint – ihr seht, es ist eine Drei-Akt-Struktur), usw., usw., bis hin zum Schluss, der sich gefälligst stimmig in die Struktur einzufügen hat. So KANN man seine erste große Liebe erzählen. Aber so erlebt sie, behaupte ich mal, so gut wie niemand. Um sie so erzählen zu können, muss man reduzieren, viel weglassen und dafür gewisse Punkte, die man im Nachhinein als wichtig erkennt, betonen und dramaturgisch herausarbeiten. Hinzu kommen Figuren, die man sowohl aus Anstand als auch aus schriftstellerischer Notwendigkeit anders anlegt, als einen wirklichen Menschen. Meine Figuren sind MEINE Geschöpfe, die ich – wenn es Not tut – ganz und gar durchschauen und gestalten kann. Mit echten Menschen geht das nicht, deshalb hüte man sich vor der Anmaßung, aus echten Menschen im Ernst literarische Figuren machen zu wollen. Figuren können allenfalls Schatten der subjektiven Wahrnehmung echter Menschen sein. Mehr nicht.

Wer also den Anspruch hat, das „echte“ Leben abzubilden, der arbeite journalistisch. Literatur kann auf bestimmte Aspekte der Wirklichkeit (bzw. dessen, was wir für wirklich halten) hinweisen, sicher. Aber sie IST immer nur ihre eigene Wirklichkeit, nicht unsere.

Damit Ihr mich nicht missversteht: Ich bin ein großer Fan gründlicher Recherche! Ich fahre zum Beispiel mit dem Fotoapparat durch die Gegend und erforsche mögliche Schauplätze, für die „Träumer“ habe ich eine Anästhesistin und eine Doktorandin der Chemie interviewt, die Textstellen aus „Wege und Tore“ im „Ruf“ und in „Sergej“ habe ich mir von jemandem der das kann, in frühneuzeitliches Deutsch übersetzen lassen… das sind nur ein paar Beispiel. Und dass Bastian, der Ermittler aus den „Träumern“, PR-Berater und nicht etwa Polizist liegt daran, dass ich selbst PR-Berater bin und nicht etwa Polizist. Denn auch wenn das echte Leben in der Regel viel langweiliger und/oder langatmiger ist, als die Dramaturgie einer Geschichte erträgt – je authentischer die dramatische Konstruktion ist, desto stimmiger, desto besser die Geschichte.

Aber es ist eben die Geschichte, die Grenzen setzt. Wo das Deutsch des 16. Jahrhunderts zu unverständlich war, habe ich es behutsam verfälscht. Denn es ist wichtiger, dass meine Leser verstehen, was Darius von Delft da sagt, als dass dieser ausgedachte Niederländer 100prozentig authentisch schreibt. Und wenn die Geschichte erfordert, dass eine Straßenschlägerei im Film fünf Minuten dauert oder dass im Regiokrimi eine Buche steht, wo in Wirklichkeit eine Platane ist, dann REGIERT DIE GESCHICHTE! Und das gilt eben auch für Rockergeschichten und das wirklich wahre Rockerleben. 😉

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schreckenbergzeigt: Pitching

Denjenigen unter Euch, liebe Blogleserinnen und -leser, die meinem Blog folgen um daraus auch ein wenig Nutzen für Ihr eigenes Schreiben zu ziehen, möchte ich ganz dringend empfehlen, auch dem Blog von Marcus Johanus zu folgen. Ihr findet dort eine Menge erstklassiger Tipps vom Plotting über Stilfragen bis hin zu Kreativtechniken, die wirklich hilfreich sind und funktionieren. Ich kann das mit dieser Überzeugung sagen, weil ich nicht wenige der Methoden, die dort zu finden sind, schon vorher kannte und mit Gewinn angewendet habe. Andere (z.B. Clustering) waren mir neu, ich werde sie aber bestimmt nutzen – wenn auch nicht bei Kurzgeschichten, für die der Autor sie empfiehlt. Denn das ist ein weiteres Merkmal dieses Blogs: Die Techniken, die Marcus Johanus zeigt, sind keine Wundermittelchen, sondern gutes Handwerkszeug. Ich werde also weiterhin meine Kurzgeschichten (wie auch meine Lieder und Haikus) hauptsächlich intuitiv schreiben, für die langen Texte – Novellen, Drehbücher, Romane – wird mir aber zum Beispiel das Clustering von großem Nutzen sein.

Wozu diese lange Einleitung? Nun, ich verfasse im Moment Exposés und Pitchlines für Romane, die ich in der Schublade habe und die alle unfertig, ein wenig angestaubt und/oder verwaist sind. Und da die Fähigkeit, einen langen Text in ein paar prägnante Pitchlines zu verwandeln, ungeheuer wichtig ist, wollte ich dazu ein paar Zeilen schreiben – just als ich feststellte, dass Marcus Johanus das vor einiger Zeit gerade gemacht hat. Ich finde seinen Text dazu gut und hilfreich – warum also selbst schreiben, wenn man verlinken kann. 😀 Hier ist:

Pitching oder Wie du deinen Roman in einem Satz zusammenfasst – und warum das so wichtig ist

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schreckenbergliest: Zoran Drvenkar – Der letzte Engel

Den Seraph habe ich also nicht bekommen – Kai Meyer hat ihn erhalten, für seinen Roman „Asche und Phönix“. Sagen wir es mal so: Es gibt durchaus schmachvollere Niederlagen. 😀 Über meine Erlebnisse und Eindrücke von der Leipziger Buchmesse blogge ich die Tage mal – jetzt geht es um etwas anderes:

Ich hatte mir vorgenommen, noch vor der Buchmesse alle Bücher, die es mit meinem Sergej auf die Shortlist des Seraphen geschafft hatten zu lesen, um zu wissen, gegen was und wen ich da antrete. Das ist mir leider nicht gelungen – die Zeit vor Leipzig wurde plötzlich eine sehr dichte und arbeitsreiche Zeit mit wenig Muße zum Lesen. Dafür hole ich das jetzt nach. Und ich berichte Euch hier, ob, wie und warum mir die Bücher gefallen haben. Dass sie gut sind, davon gehe ich mal aus, sonst wären sie kaum in die engere Auswahl für den Preis gekommen. Und den Anfang macht:

Der letzte Engel

von Zoran Drvenkar

Der letzte Engel von Zoran Drvenkar

(Bild: Random House)

Inhalt

Motte lebt das Leben eines ziemlich normalen Teenagers – er geht zur Schule, hängt mit seinem Kumpel Lars ab, ist verliebt in und irgendwie zusammen mit Rike… kennt man. Er wohnt bei seinem alleinerziehenden Vater in Berlin, die Mutter hat die beiden unter etwas bizarren Umständen sitzen lassen – auch nicht allzu ungewöhnlich. Gut – einige Monate vor Beginn der Handlung sind Lars und er dem Attentat eines offensichtlich Irren mit einem Tomahawk entgangen, aber herrjeh: Berlin. Was will man erwarten. Nein, Motte hat keinerlei Grund daran zu zweifeln, dass er ein sehr gewöhnliches Leben führt, abgesehen davon natürlich, dass kein Teenager jemals sein Leben für gewöhnlich hält. Und als ihm also eines Abends Unbekannte seinen bevorstehenden Tod per E-Mail ankündigen, hält er das für einen blöden Scherz und ist entsprechend erstaunt, dass er am nächsten Morgen wirklich tot ist. Und noch erstaunter ist er natürlich darüber, dass er noch staunen kann.

Mit dem Tod seinse Helden beginnt Zoran Drvenkar seinen Roman und nimmt uns danach mit auf eine wilde Reise, Jahrtausende zurück in eine mythische Vergangenheit, dann wieder an den Wannsee unserer Tage, auf einen russischen Landsitz Anfang des 19. Jahrhunderts, zu einem einsamen Haus in Irland und zu einem ebenso einsamen Haus in Norwegen, Jahre zuvor, wir treffen Engel und eine Kriegerkönigin, Killer und Großstadtkids, die Geister toter Mädchen und ihre einzig überlebende Freundin, russische Adlige und die Brüder Grimm und, und, und, und am überraschenden und offenen Ende spuckt die Geschichte uns wieder aus und wir müssen erstmal nach Luft schnappen.

Klingt nach einer Achterbahnfahrt? Allerdings – aber es ist Zoran Drvenkars Achterbahn, und deshalb bin ich niemals aus der Spur geflogen und konnte die rasante Fahrt aufs Höchste genießen. Und mehr zu sagen hieße zu spoilern.

Urteil

Vorab: Ich bin ein Fan von Zoran Drvenkar, ich mag seine Geschichten, die immer überraschend und klug geflochten sind, und ich mag seinen Stil. Ich mag aber auch Laphroaig. Und mit den Büchern von Drvenkar ist es ein wenig wie mit diesem Single-Malt: Die Geister scheiden sich daran. So wie viele den reichen aber strengen Geschmack dieses speziellen Islay-Malts als Angriff auf ihre Geschmacksknospen empfinden, so stören sich auch viele an Zoran Drvenkars Stil, diesem Mix aus Perspektiven, diesen Sprüngen zwischen Zeiten und Ebenen, dieser teilweise bis zur Künstlichkeit ausgefeilten Sprache. Man muss das mögen, um ein Buch wie „Der letzte Engel“ genießen zu können. Ich mag es sehr – aber ich verstehe durchaus, dass das nicht jedermanns Sache ist. Es ist tatsächlich eine reine Geschmacksache, und damit wertfrei.

Wessen Geschmack das aber trifft, der wird am „letzten Engel“ seine Freude haben, genau wie ich. Dieser Roman gilt beim Verlag als Jugendbuch. Hm. Um es direkt zu sagen: Ich gehöre nicht zu denen, die glauben, das hier sei zu hart für Jugendliche. Wer aufgespießte Babys in „Eragon“ wegstecken kann, der wird auch die blutigen Szenen im „letzten Engel“ wegstecken. Und ja – die Geister der toten Mädchen sind gruselig. Aber auch da gibt es Schlimmeres. Womit der/die jugendliche Leser(in) umgehen können sollte, sind Morde an Kindern, denn davon gibt es hier nicht wenige, und das ging mir, als Vater, am nächsten. Also nichts für die Fraktion der belesenen 12jährigen, würde ich sagen, aber für abgehärtete Leseratten ab 14: freie Bahn.

Womit ich im Umkehrschluss auch nicht sagen will, dieses Buch sei nichts für Erwachsene. Neineinnein! Ich habe es sehr genossen und fühlte mich die ganze Zeit über angesprochen, konnte mich mit einer 10jährigen ebenso identifizieren wie mit Motte, mit einem jahrtausendealten Engel, und ja, auch mit Lazar, dem Killer mit Mission. Um das hinzubekommen muss ein Autor schon einiges können, und Zoran Drvenkar kann.

Besonders gut hat mir gefallen, dass in diesem Roman nie geklärt ist, wer gut ist und wer böse. Am Anfang scheint das alles sehr klar, aber das ist eine Falle – und zwar eine, die einen nicht am Ende mit einem simplen „Ach so, es ist genau andersherum“ entlässt. Wer „Der wandernde Krieg – Sergej“ gelesen hat wird sich kaum wundern, dass ich das mag.

Einzige Einschränkung: Zum Schluss hatte ich das selbe Gefühl wie beim Film (!) „Wächter der Nacht“. Da bin ich die ganze Zeit einer faszinierenden Handlung gefolgt und dann? War das wirklich nur der erste Akt? Ich bin gespannt, wie es weiter geht…

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