Das Lexikon der Absonderlichen Arten – König Mushroomius

Sehr knapp heute, die Frau Wassermair mit ihrem Lexikoneintrag. Wir wollen mehr von diesem König und seiner Welt hören. 😀 😉

Avatar von Sarah WassermairDer Guppy war's und nicht die Lerche

König Mushroomius IV

Historische Figur der Pilzgeschichte, Sohn von König Schwammerl V und Enkel von Großfürst Morchel I. Wurde bekannt durch seinen sehr erratischen Regierungsstil, der unter anderem zum großen Schleimpilzaufstand von ’83 und den Myzelkriegen ’97 führte. 

War beim Volk nie beliebt und wurde von seiner eigenen Leibgarde ermordet. Sie trennten ihn knapp über dem Boden ab und lieferten ihn an eine alte Dame aus, die gerade Pilze für ihr Abendessen suchte. Er war köstlich.

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schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 44 – Der Ruf. Teil 19

So, heute habe ich es geschafft, mein Geschichtenfeuer mal ein paar Stunden früher zu entzünden. Kommt herbei, Clanmitglieder, ich erzähle Euch die 19. Episode vom Ruf.

Rein nach Seitenzahl im Manuskript sind wir jetzt übrigens genau in der Mitte der Geschichte. Wer sich für Dramaturgie interessiert: Ich habe hier (unbewusst) die interessante Variante einer Handlung gewählt, bei der der Midpoint kein direkt erkennbarer Wendepunkt ist, sondern zunächst nur wie ein Teil der aufsteigenden Handlung erscheint. Er hat aber eine entscheidende Bedeutung für die Entwicklung, die dann später zum Tiefstpunkt führt. Was bin ich doch für ein alter Dramatikfuchs. 😀

Nein, viel interessanter eigentlich: Am „Ruf“ lassen sich alle klassischen Dramaturgien, mit denen ich arbeite (Drei-Akt, Fünf-Akt, Heldenreise) und wahrscheinlich auch alle anderen, die ich nicht oder nicht gut kenne, sehr einfach nachweisen. OHNE dass ich das beim Schreiben gewusst oder beabsichtigt hätte. Ist also schon etwas dran, an der Theorie, dass wir diese Strukturen tief und unbewusst verinnerlicht haben.

Soviel zur Theorie. Hier ist die Geschichte:

Der Ruf – Teil 1, Hintergrund, Rechte

Der Ruf – Teil 2

Der Ruf – Teil 3

Der Ruf – Teil 4

Der Ruf – Teil 5

Der Ruf – Teil 6

Der Ruf – Teil 7

Der Ruf – Teil 8

Der Ruf – Teil 9

Der Ruf – Teil 10 (mit Gewinnspiel)

Der Ruf – Teil 11

Der Ruf – Teil 12

Der Ruf – Teil 13

Der Ruf – Teil 14

Der Ruf – Teil 15

Der Ruf – Teil 16

Der Ruf – Teil 17

Der Ruf – Teil 18

Der Ruf – Teil 19



Die Sauna, gegen 11 Uhr

„Hey! Ich glaube, ich habe was gehört.“

Chris sah auf. Simon hatte sie ein wenig beruhigen können. Im Moment hatte sie eine Verantwortung für Simon und Sascha. Also hatte sie sich auf eine der Bänke in der Sauna gelegt und begonnen, intensiv nachzudenken. Niemand kannte diese Sauna, den Garten und das Haus so gut wie sie. Wenn es eine Fluchtmöglichkeit gab, irgend etwas Hilfreiches, dann würde sie es finden.

Simon hatte unterdessen eine Runde nach der anderen gemacht, durch die Fenster nach draußen geschaut und versucht, etwas über ihre Feinde herauszufinden, irgendeine Beobachtung zu machen, die hilfreich sein könnte. Nun stand er im Bad, wo Sascha immer noch auf dem Boden lag und schlief. Chris kam herein und sah, dass Simon vor dem Fenster stand, das Ohr an das Glas gelegt.

„Was hast Du gesagt?“

„Ich habe was gehört. Vom Haus rüber.“

„Echt?“ Sie kam schnell zu ihm und horchte ebenfalls. Sie hörte nichts. „Was war es?“

„Stimmen. Laute Stimmen. Das heißt, ich habe sie leise gehört, aber sie müssen ziemlich laut gewesen sein, wenn ich sie bis hierhin hören konnte, oder?“

Sie sah ihn erschrocken an. „Meinst Du, da ist wieder… ich meine… dass sie wieder jemanden umgebracht haben?“

Simon schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht. Es klang eher wie Streit.“

Chris schüttelte verwundert den Kopf. „Komisch. Konntest Du hören, wer es war?“

„Nein,“ Simon zuckte mit den Achseln, „Frauen, glaube ich.“

Chris verdrehte den Kopf und versuchte, zum Haus hinüber zu spähen, obwohl sie wusste, dass das Fenster zu klein war.

„Das heißt, im Haus lebt noch jemand. Mindestens zwei Frauen. Mensch…“

Simon lachte gallig. „Ja, und es muss ihnen verdammt gut gehen, wenn sie sich den Luxus leisten können, sich anzuschreien.“

„Weiß nicht“, sagte Chris, „in der Situation – ist ’ne Menge Stress.“

„Kannst Du Dir vorstellen, dass wir uns anschreien? Jetzt, meine ich?“

Sie sah ihn eine Weile an. „Nein“, sagte sie schließlich, „aber ich muss mir nur vorstellen, dass da drüben Justus und Britt zusammen eingesperrt sind. Das wäre vermutlich Dauerkrieg.“

„Was ist denn mit den beiden? Die waren doch früher zusammen, oder?“

Chris nickte vorsichtig. „Ja.“

„Und, was war dann?“

„Weiß niemand genau.“

Simon dachte einen Moment nach. „Jetzt wo Du es sagst – als es losging, im Garten, war Britt auf der Terrasse. Und Justus auch. Sie hatten es nicht weit, sie könnten es geschafft haben.“

Chris sah ihn nachdenklich an. „Stimmt. Aber Du sagst, es waren zwei Frauen.“

„Hörte sich so an. Sicher bin ich nicht.“

Chris überlegte weiter. „Justus war auf der Terrasse, Du hast Recht. Philip und Britt auch. Sabine war auch auf der Terrasse. Maike und Bastian. Und Markus war drinnen, er hat Kaffee gekocht.“

„Das bedeutet, das vielleicht doch einige überlebt haben. Mit uns… elf. Vielleicht sogar mehr, wer weiß.“ Er strahlte sie an. „Die im Haus müssen doch nur die Feuerwehr anrufen. Oder die Polizei. Vielleicht kommt schon bald jemand und…“

Chris lächelte traurig und strich über Simons Arm. „Tut mir leid. Aber im Haus ist kein Telefon.“

„Vielleicht haben sie Handys.“

„Wie lang sind wir schon hier drin, zwei Stunden? In der Zeit wäre Hilfe gekommen, wenn sie welche rufen könnten.“

Simon schaute noch einmal aus dem Fenster und seufzte. „Wahrscheinlich hast Du recht. Aber wir sollten die anderen auf uns aufmerksam machen, oder? Dass hier auch noch Überlebende sind.“

„Wir müssten auch schreien, meinst Du?“, sagte Chris

Simon nickte. „Und wenn es draußen dunkel ist, können wir das Licht an- und ausschalten. Das würden sie auch sehen, auf dem Rasen.“

Chris sah ihn unbehaglich an. „Ich hoffe, dann ist die Scheiße hier vorbei. Ich meine…“

Er nickte. „Ich weiß.“

Sie standen nebeneinander, sahen aus dem Fenster und er musste nicht mehr sagen. Chris wusste es auch so. Was war schon normal?

Im Haus, gegen 11.30 Uhr

Sie saßen wieder um den Tisch, mit Ausnahme von Britt, die den Beobachtungsposten am Fenster bezogen hatte. Sie planten den zweiten Ausflug in den Flur und es war klar, dass Britt aufgrund ihrer Verletzung wieder nicht dabei sein würde. Es gab kein vernünftiges Argument dagegen. Sie kam sich nur so verdammt nutzlos vor. Britt starrte in den Garten auf ein unverändertes Bild. Es waren nicht mehr ganz so viele Tiere in der Luft, aber das bedeutete nicht, dass die Gefahr geringer geworden war. Viele hatten sich auf den Bäumen niedergelassen oder krabbelten über Tische, Stühle und Wände, und Britt war sicher, dass sie auffliegen würden, sollte einer von ihnen sich nach draußen wagen. Sie würden über ihn herfallen und ihn töten. Sie hatte nicht den geringsten Zweifel, was das betraf. Ihr Blick wanderte über die Toten, Tanja und Frank. In all der Zeit, die sie nun schon den Garten beobachtet hatte, waren die beiden fast Teil der Landschaft geworden, wie die Möbel, die Steinfliesen der Terrasse, das Gras und die Bäume. Ameisen krabbelten über sie. Britt wurde gewahr, wie sehr sie sich an dieses Bild des Horrors gewöhnt hatte und schluckte schwer. Das da draußen waren ihre Freunde gewesen. Und wenn nicht direkt ihre Freunde, so doch Menschen, die sie gekannt hatte, mit denen sie noch vor wenigen Stunden gefeiert, mit denen sie als Kind gespielt hatte. Frank war von der Fünf an in ihrer Klasse gewesen. Seinen Sinn für unpassende Scherze hatte er schon immer gehabt. Aber sie hatten auch Spaß mit ihm gehabt, er war ziemlich gut darin gewesen, Lehrer zu parodieren. Gestern Abend noch hatte er einige seiner alten Glanznummern zum Besten gegeben. Einmal hatte sie ihn in einer kritischen Mathearbeit abschreiben lassen und er wollte sie später dafür zu einem Eis einladen. Sie hatte abgelehnt. Was wusste sie von ihm? Es musste doch noch etwas anderes geben als den geschmacklosen Clown mit den schmierigen Zoten und süffisanten Andeutungen. Die Antwort war: Nein. Es gab den Clown nicht mehr und auch nichts anderes, und was immer er erlebt, gelernt, getan und geträumt hatte, es war vorbei. Es gab eine Leiche an der Grenze zwischen Terrasse und Rasen, und das war alles. Britt begann zu weinen, leise, um die anderen nicht zu verstören.

Philip merkte es trotzdem, er kam zu ihr und nahm sie in den Arm.

„Es ist so verdammt traurig“, flüsterte sie. „Es ist so gemein.“

Philip warf einen Blick aus dem Fenster und nickte. „Ja.“

Sie weinte eine Weile still, dann strich sie sich die feuchten Strähnen aus dem Gesicht und sah ihn an.

„Was macht Ihr jetzt?“

„Justus und ich gehen in den Flur und schauen nach, wie weit er sicher ist. Wenn es geht, kommen Bastian und Maike nach und sammeln so viel von dem Motorradzeug ein, wie sie finden können. Markus und Sabine schauen im Bad nach, ob sie Eimer finden, irgend etwas, mit dem wir uns Wasser sichern können.“

Sie lachte bitter. „Und wir sollten alle noch mal aufs Klo gehen.“

Philip nickte. „Ja.“

Sie sahen sich einen Moment an und Britt seufzte. „Muss es sein?“

„Was?“

„Du weißt genau, was. Dass Justus und Du zuerst gehen.“, sie streichelte seinen Arm, „Ich will nicht, dass Dir was passiert.“

„Wir sind die am besten geeigneten. Maike und Sabine sind beide kleiner als wir.“ Er dämpfte seine Stimme. „Und Markus ist durch. Allein von der Körpermasse kann Justus von uns allen vermutlich am meisten Stiche verkraften. Und ich bin der Schnellste.“

„Ich bin schneller als Du. Jede Wette.“

Er grinste sie an und strich ihr liebevoll über die Wange. „Mag sein, Britt. Können wir gerne mal austesten. Aber nicht mit dem Bein.“

„Ich kann die Zähne zusammenbeißen“, widersprach Britt. „Ich habe mal ‘nen Zweihundert-Meter-Lauf mit einem angeknacksten Sprunggelenk durchgestanden. Ich bin Zweite geworden. Das ist noch gar nicht so lange her, verdammt, ich…“

„Nein“, unterbrach er sie. „Mag sein, dass Du jetzt noch einmal rennen könntest, schneller als jeder von uns, aber danach müssten wir Dich tragen. Wie fit warst Du nach diesem Lauf? Wir können es uns nicht leisten, Reserven zu vergeuden, Britt. Vielleicht brauchen wir Deine Schnelligkeit noch einmal, Knie kaputt oder nicht. Aber im Moment wäre es Verschwendung, Dich für etwas zu verheizen, was Justus und ich auch erledigen können. Außerdem – Du bist Ärztin. Wir können auf keinen Fall auf Dich verzichten. Ich verticke Immobilen, Justus malt. Wir sind…“

„Ich kann nicht auf Dich verzichten“, sagte sie wütend. „Hast Du darüber schon mal nachgedacht?“

„Britt, bitte…“

Sie nickte und winkte ab. „Schon gut. Schon gut. Ich komme mir nur so verflucht nutzlos vor.“

Er umarmte sie fester und küsste sie. „Außerdem bist Du unser Spähposten.“

„Toll.“

„Ich habe keine Lust, aus dem Flur zu kommen und dann hier von den Biestern in den Arsch gebissen zu werden, weil niemand darauf aufgepasst hat, ob sie ein Schlupfloch finden.“

Sie lachte. „Geh in den verdammten Flur und spiel‘ den Helden. Pass auf Dich auf.“

Er küsste sie erneut. „Versprochen.“

Sie standen an der Tür. Philip atmete tief durch, Justus sah ihn an.

„Fertig?“

Philip klopfte mit der zusammengerollten Zeitung, die er in der Hand hielt, gegen seinen Oberschenkel. Justus trug eine Flasche Haarspray.

„Bereit, wenn Sie es sind.“

Justus und öffnete die Tür langsam. Philip spähte durch den Spalt.

„Und?“ fragte Justus.

„Ich sehe nichts. Sie sind noch nicht hier. Nicht an der Wand und nicht an der Tür. Auf dem Boden auch nicht.“

„Hast Du an die Decke gesehen?“

„Ist sauber.“

Justus stieß hörbar die Luft aus. „Dann los.“

Sie gingen, langsam und vorsichtig, zuerst zur Badezimmertür. Justus öffnete sie, schaltete das Licht ein und ging in das Zimmer, während Philip den Flur im Auge behielt. Er hörte Justus fluchen.

„Was ist?“

„Die Scheiß-Ameisen. Sie kommen durch die Abflussrohre. Sie sind schon in der Dusche… und im Waschbecken…“, er murmelte etwas Unverständliches, „…und Badewanne…“ Philip hörte Wasser rauschen.

„Brauchst Du Hilfe?“

Keine Antwort.

„Justus? Alles okay?“

Das Wasser ging wieder aus.

„Was?“

„Alles klar bei Dir?“

Justus kam wieder aus dem Badezimmer. „Ja, kein Problem. Ich habe sie weggespült und die Stopfen in die Abflüsse gesteckt. Es waren noch nicht viele.“

„Hast Du Eimer gesehen?“

„Einen unter dem Waschbecken. Vielleicht sind im Schrank auch noch welche.“

Philip nickte. „Sabine, Markus“, rief er dann laut, „Ihr könnt kommen.“

Sie kamen in den Flur, Bastian und Maike folgten ihnen.

„Alles in Ordnung?“, fragte Maike.

„Soweit schon.“ Justus warf einen Blick den Flur entlang. „Hier sind sie noch nicht. Das Motorradzeug ist da an der Tür, bei der Garderobe. Wartet aber noch, bis wir um die Ecke gesehen haben.“

Maike nickte. Sabine und Markus gingen derweil ins Badezimmer. Justus und Philip gingen bis zur Biegung des Ganges, Philip schaute um die Ecke.

„Na?“, fragte Justus.

Philip antwortete nicht. Was er sah, machte ihn sprachlos. Es war schrecklich, aber auf morbide Weise faszinierend. Der hintere Teil des Ganges war verschwunden. Anstelle von Decke, Boden und Wand war da nichts als das schwarze Gewimmel unzähliger Leiber. Die Tür, unter der sie durch kamen, war kaum noch zu erahnen, einzig der Spalt blieb sichtbar, durch den sich unablässig neue, winzige Invasoren schoben und sich ihren Platz am Rande des wimmelnden Teppichs suchten. So wuchs die Masse langsam und stetig und unaufhaltsam wie Lava. Der Strom kroch auf sie zu, indem er wuchs und Philip wusste, dass die Insekten den Flur füllen und sie im Wohnzimmer einschließen würde. Langsam. Bald. Und inmitten der Flut lockte die Treppe. Rein und verführerisch ragte sie aus dem Meer der kleinen Leiber. Unerreichbar.

„Was ist?“, fragte Justus ungeduldig. „Was siehst Du?“

„Sag ihnen“, antwortete Philip tonlos, „dass sie sich beeilen sollen.“

FORTSETZUNG FOLGT

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schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 43 – Der Ruf, Teil 18

Heute erzähle ich Euch eine weitere Episode aus „Der Ruf“. Bei den Eingeschlossenen im Wohnzimmer liegen die Nerven blank, es kommt zu absonderlichem Verhalten, Streit und Handgreiflichkeiten. Ich glaube, das können wir gerade alle mehr oder weniger nachvollziehen. Und da der Druck auf den Personen in der Geschichte ein klein wenig größer ist (Belagerung durch mordlüsterne Insekten, Garten voller toter Freunde und so) kommen sie auch schon nach nur einer Stunde an den ersten Bruchpunkt:

Der Ruf – Teil 1, Hintergrund, Rechte

Der Ruf – Teil 2

Der Ruf – Teil 3

Der Ruf – Teil 4

Der Ruf – Teil 5

Der Ruf – Teil 6

Der Ruf – Teil 7

Der Ruf – Teil 8

Der Ruf – Teil 9

Der Ruf – Teil 10 (mit Gewinnspiel)

Der Ruf – Teil 11

Der Ruf – Teil 12

Der Ruf – Teil 13

Der Ruf – Teil 14

Der Ruf – Teil 15

Der Ruf – Teil 16

Der Ruf – Teil 17



Der Ruf – Teil 18

Im Haus, gegen 10.10 Uhr

Sie hatten zuerst nach Mobiltelefonen gesucht und zwei gefunden. Und für einen Moment war alles gut gewesen. Sie waren gerettet. Es war etwas Schreckliches geschehen, aber nun war es vorbei. Sie würden es niemals vergessen können, ein Teil ihrer Seelen würde immer in diesem Garten, in diesem Haus bleiben, aber das würde später kommen. Zuerst würde die Rettung kommen.

Dann sahen sie, dass es keine Rettung gab. Der Akku des einen Handys war leer. Das andere hatte keinen Empfang. Justus hatte es in der Hand gehalten und ungläubig angestarrt.

„Aber das hier ist kein Funkloch“, hatte er heiser gesagt.

Maike sah ihn traurig an. „Hier draußen…“ sie zuckte mit den Schultern. „Ich habe gehört, dass es im Bergischen Land einige Funklöcher gibt, weißt Du?“

„Aber hier nicht“, hatte er beharrt. „Ich habe gestern zweimal telefoniert.“ Er sah sich nach Sabine um. „Du doch auch, oder? Sabine?“

„Nein. Nur Mails gecheckt.“

„Ja, aber Du hattest Empfang. Kein Funkloch!“

„Wenn es ein Funkloch wäre, hätte ich ja wohl keine Mails checken können, oder?“ Sie schüttelte den Kopf.

„Sag ich doch“, meinte Justus. „Kein Funkloch, aber…“ er ging direkt ans Fenster, „…aber das Scheiß-Ding hat gar keinen Empfang. Das kann doch nicht sein, verdammt nochmal.“

Maike sah ihm über die Schulter. „Das ist ein altes, oder?“

„Ja. Aber…“ Er schüttelte den Kopf. „Mist.“

„Kann es daran liegen?“

Justus seufzte. „Ja. Woran denn sonst. Mist, Mist, Mist.“ Er schaute sehnsüchtig zu seiner Jacke, die da auf der Veranda über dem Stuhl hing. Mit seinem Smartphone in der Tasche. Mit dem er gestern abend so kristallklaren Empfang gehabt hatte. Nur wenige Meter entfernt. So lächerlich nah und unerreichbar. Die Luft war voller Insekten.

Also hatten sie zunächst die Gepäckstücke ausgeleert, die nicht ihnen gehörten. Die lagen jetzt herum, offen wie ausgeweidetes Wild, und sie begutachteten die Ausbeute. Das meiste war Kleidung, sie hatten alles auf einen Haufen geschichtet, den Maike, Bastian und Markus durchsuchten. Philip suchte alles zusammen, was essbar erschien, Britt durchwühlte die Toilettenartikel nach Medikamenten und anderen nützlichen Dingen, während Justus alles, was übrig blieb, nach den Kriterien „offensichtlich nutzlos“ und „eventuell brauchbar“ ordnete. Er konnte sich für fast alles irgend einen Nutzen vorstellen, so dass der Unbrauchbar-Stapel klein blieb. Sabine, hatte den Beobachtungsposten an der Terrassentür bezogen.

Bastian stieß einen leisen Pfiff aus und zog eine bunte Lederhose aus dem Kleiderstapel. Britt sah von der Tablettenpackung auf, die sie gerade betrachtet hatte. „Was ist?“

Bastian hielt die Hose hoch. „Schaut mal.“

Die anderen wandten sich ihm zu.

„Und?“ fragte Philip.

„Weißt Du, was das ist?“

„Eine Hose. Motorradhose, oder?“

Bastian nickte. „Eben.“

„Ja, und?“

„Das ist ein Teil einer Kombi“, erklärte Bastian. „Wenn wir die Jacke auch noch finden…“

„Die ist hier“, sagte Markus und zog eine schwarze Gore-Tex Jacke aus dem Stapel. Maike nahm sie und betrachtete sie.

„Nee“, entschied sie. „Das ist auch ‘ne Motorradjacke, aber die gehört nicht zu der Kombi. Ist auch kleiner. Vielleicht…“

„Dann die“, meinte Markus und zog eine weitere Jacke aus dem Stapel, eine lederne diesmal, mit dem selben grün-weißen Muster wie die Hose.

Bastian nahm sie an sich. „Genau. Die passen. Und zu der Gore-Tex Jacke müsste auch ‘ne Hose da sein.“

„Ja, aber was sollen wir damit?“, wollte Philip wissen.

Bastian wog die Hose in der Hand. „Das ist feste, dichte Kleidung. Wenn wir noch was für die Füße, Hände und den Kopf finden, dann können ein oder zwei von uns raus gehen, zu den Autos vielleicht, Hilfe holen.“

„Die Helme.“ Britt sah die anderen an. „Die liegen draußen auf der Kommode neben der Tür. Habt Ihr die nicht gesehen, als Ihr draußen wart?“

Philip erinnerte sich und nickte langsam. Stimmt, da waren zwei Helme gewesen. Ein schwarzer und ein weißer. Integral-Helme. Er erinnerte sich an seine Mofa-Zeiten und zog zweifelnd die Brauen zusammen.

„Meint Ihr, die sind dicht?“

Maike schüttelte den Kopf. „Unten nicht. Aber vielleicht finden wir da eine Lösung. Der Gedanke ist jedenfalls nicht dumm.“

Philip überlegte und nickte dann. „Zugegeben. Aber wolltet Ihr wirklich da raus?“

Maike grinste bitter. „Eher nicht. Aber falls es keine andere Lösung gibt…“

„Wir sollten das im Kopf behalten.“ Philip nickte wieder. „Wisst Ihr, wer mit dem Motorrad gekommen ist?“

„Khan“, sagte Britt. „Der hatte die schwarzen Klamotten an.“

„Und die grün-weißen?“

Sie versuchten einen Moment, sich zu erinnern, aber ohne Ergebnis. „Was meinst Du?“, fragte Maike und wandte sich Justus zu, der sich wieder über den Tisch gebeugt hatte und dem Gespräch offensichtlich nicht mehr gefolgt war. „He, Justus!“

„Was?“ Er schrak hoch und sah verwirrt in die Runde. „Was ist?“

„Weißt Du, wem die grün-weiße Lederkombi gehört?“, fragte Maike.

„Simon“, sagte er und wandte sich wieder dem Tisch zu. Philip ging zu ihm und sah ihm über die Schulter.

Justus seufzte. „Ein Netbook. Es ist Martinas. Sie hat einen Adressaufkleber drauf gemacht.“ Er hatte es aufgeklappt und und drehte es so, dass alle es sehen konnten. Der Bildschirm leuchtete grün und blau. Das Programm fragte nach dem Kennwort.

Für einen Moment herrschte absolute Stille. „Echt!“, sagte Sabine schließlich und strahlte ihn an. „Das ist ja toll.“

„Ja, toll.“ Justus lachte gallig. „Weißt Du das Kennwort?“

Sabines Gesichtsausdruck war über verdattertes Erkennen in maßlose Enttäuschung gekippt.

„Ich dachte“, sagte sie leise, „ich dachte…“

„Falsch gedacht“, sagte Justus.

Maike warf ihm einen Blick zu und griff nach dem Netbook. „Vielleicht können wir es ja erraten.“ Sie wog es unschlüssig in den Händen.

„Was?“ Justus lächelte spöttisch. „Weißt Du wie viele mögliche Kombinationen es gibt?“

„Nun, immerhin haben wir so ein paar Chancen mehr, als wenn wir es ganz lassen. Spielst Du Lotto?“

„Nein.“

„Ich schon.“

„Und, wie oft hast Du gewonnen?“

Maike ignorierte ihn, schloss die Augen, nahm das Netbook so fest in die Hand, dass ihre Knöchel weiß wurden und begann, laut und ruhig zu atmen. Die anderen beobachteten sie erstaunt. Bastian lächelte und nickte.

„Was wird das?“, fragte Justus nach einer Weile.

„Ruhe“, zischte sie halblaut, „ich versuche, das Kennwort zu erraten.“

Er schüttelte den Kopf, sagte aber nichts.

Nach einer weiteren Weile öffnete sie plötzlich die Augen, tippte schnell etwas ein und starrte das Netbook erwartungsvoll an.

„Na?“, fragte Philip.

Sie schüttelte enttäuscht den Kopf. „Nichts. Verdammt. Aber ich war ganz nah dran.“

„Vielleicht sollten wir es mal mit ‚Passwort’ versuchen“, schlug Britt vor. „Oder kennt jemand den Namen von ihrem Freund oder so…“

Sie sahen sich an und schüttelten die Köpfe.

„Versuchs nochmal, Schatz“, ermunterte Bastian Maike schließlich. Sie schloss wieder die Augen und bewegte das Netbook auf und ab.

„Will sie das Passwort raus schütteln?“, raunte Justus Philip zu.

Philip zuckte mit den Schultern.

Maike tippte eine weitere Kombination ein, wieder erfolglos.

„Nicht aufgeben, Liebes“, munterte Bastian sie auf.

Sie nickte, schloss die Augen, hob das Gerät vors Gesicht und begann, laute Summgeräusche zu machen. „Hmmmmmmmmmmmm. Hmmmmmmmmmmmm…“

„Tut mir leid, das ist mir zu blöd“, erklärte Justus und wandte sich der weiteren Sortierung seines Stapels zu. Die anderen betrachteten mit fasziniertem Befremden Maikes Vorstellung.

Sie blieb ohne Erfolg. Schließlich legte Maike das Netbook resigniert auf den Tisch. „Ich spüre nichts mehr.“

Sabine nahm das Gerät und schaute Britt an. „Genug von dem Zirkus. Was hast Du eben gesagt? ‚Passwort’?“

„Ja. Nehmen ja angeblich viele.“

Sie tippte es schnell ein, verzog das Gesicht und tippte eine weitere Kombination. Dann legte sie das Netbook wieder aus dem Tisch. Der Bildschirm meldete, dass man sich nach fünf Fehlversuchen mit dem Netzwerkadministrator in Verbindung setzen solle.

„Das war’s“, sagte Maike traurig.

Justus murmelte etwas Unverständliches, ohne von seiner Arbeit aufzublicken.

„Oh ja, Du hast gut lästern“, fuhr Bastian ihn an. „Hättest Du Maikes Konzentration beim ersten Mal nicht gestört, wäre die Feuerwehr vielleicht schon unterwegs. Beim ersten Mal ist es am stärksten.“

Justus drehte sich um und sah ihn wütend an.

„Du Idiot“, brüllte Bastian inzwischen mit rotem Kopf, „es ist Deine Schuld, wenn Du nicht…“

Justus riss der dünne Geduldsfaden. „Meine Schuld?“, brüllte er zurück. „Meine Schuld? Du hast doch gar nicht gehört, was ich gesagt habe. Ich habe nicht gelästert, ich habe zu Maike gesagt, sie kann nichts dafür.Wenn Du jetzt versuchst, mir die Schuld…“

„Ja, versuche ich“, kreischte Bastian und er war den Tränen nahe. „Sie kann sowas, ich habe es schon gesehen. Und Du hast sie gestört, Du Arsch, und deshalb werden wir jetzt alle draufgehen und…“

„Bastian, nicht“, sagte Maike leise. Sie nahm ihn bei der Schulter und zog ihn an sich. Er legte schluchzend seinen Kopf auf ihre Schulter.

Justus sah sie verwirrt an und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Tut mir leid“, sagte er. „Wir sollten uns nicht anschreien, aber es ist einfach…“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, Du hast Recht. Ich kann sowas manchmal mit Spielkarten, aber ein Passwort habe ich noch nie versucht.“ Sie lächelte bitter. „War wohl ‘ne Nummer zu groß.“

Sie sahen sich traurig an. Dann wandte sich Maike an Philip und Britt. „Wie weit seid Ihr? Bastian, Markus und ich sind fertig.“

„Ich auch“, sagte Philip.

„Und Du?“ Maike schaute zu Britt. Die sah auf und schüttelte den Kopf. „Noch nicht ganz. Die Plastiktüte hier noch und den blauen Kulturbeutel da. „

„Hast Du denn schon was Brauchbares gefunden?“

Sie nickte, auch sie hatte zwei Stapel gebildet. Rechts lagen Rasierklingen und Einwegrasierer, After Shave, Zahbürsten, Wattestäbchen und ähnlicher Kram. Links das nützliche Zeug. „Antiallergika, eine Salbe gegen Insektenstiche, Asthmaspray, das kann uns im Extremfall alles nützlich sein. Und viele Schmerztabletten, Pflaster und so’n Zeug. Ist schon einiges, was wir brauchen könnten.“

Maike nickte. „Gut. Und das Essen? Philip?“

Philip hockte sich hinter seine Beute.

„Also in erster Linie“, begann er, „haben wir Schokolade, Müsliriegel und so’n Kram. Wer hat die beiden Leinenbeutel mit runter gebracht? Bastian, oder?“

Bastian nickte, seine Augen waren rotgeweint.

„Das war gut. Da war Proviant für ‘ne lange Fahrt drin. Äpfel, Bananen, diese geilen Waffeln…“

„Bäää“, machte Sabine. „Die sind doch eklig.“

„Du musst sie ja nicht essen“, sagte Philip, „jedenfalls sind hier vier Packungen davon. Schokolade war auch drin und Gummibärchen. Außerdem eine halbe Flasche Cola und vier Flaschen Sprudelwasser. Wir können zwar noch ins Bad, aber…“

„Oh nein!“, schrie Britt plötzlich. „Oh nein, Scheiße! Scheiße!“

Sie sahen instinktiv zuerst zur Terrassentür, wo sich nichts an dem schauerlichen Bild im Garten geändert hatte, und dann zu ihr. Britt saß über etwas gebeugt, was sie aus dem letzten Kulturbeutel gezogen hatte. Der Beutel war ein Trekking-Modell mit einem wasserdichten Fach, das nun weit aufklaffte. Der Inhalt lag vor Britt.

„Was hast Du da?“, fragte Philip besorgt.

Britt sah auf, sie war kalkweiß. Dann hielt sie ein geöffnetes Filofax hoch. „Martinas Filofax,“ sagte sie kaum hörbar. „Das Kennwort steht drin. Hier hinten, bei den Adressen.“

Sie starrten sie an.

„Was?“, sagte Justus schließlich heiser. „Was hast Du gesagt?“

Britt hielt nur verzweifelt Martinas Filofax hoch.

Philip nahm es und starrte das aufgeschlagene Blatt an. Zwischen den Telefonnummern „Natha“ und „Nunzinger“ stand da, in säuberlichster Mädchenhandschrift: Netbook – M1Rt1N11305.

„Wer macht denn sowas?“ sagte er „Das… das macht doch keiner. Das hält man doch geheim. Das macht doch keiner.“ Er blätterte weiter. „Sie hat auch die Geheimnummer von ihrer Bankkarte notiert.“ Er sprach mehr mit sich selbst, als mit den anderen. „Das ist doch nicht … Sowas macht doch keiner. Ist die verrückt…“ Er brach ab und sah das Filofax in seiner Hand ungläubig an. „Das macht doch keiner“, murmelte er noch einmal.

„Ich wollte zuerst reinsehen“, sagte Britt kaum hörbar. „Ich habe gedacht, der Kulturbeutel sieht witzig aus, ich wollte ihn mir zuerst ansehen. Und dann habe ich in der Tüte da ein Antihistamin gesehen, und… und ich habe ihn beiseite gelegt. Ich habe ihn beiseite gelegt und erst jetzt als letzten… als letzten. Oh nein…“ Sie vergrub den Kopf in den Händen. Philip ging zu ihr und streichelte sie.

„Vielleicht hätte die hier gar kein W-LAN gefunden. Und selbst wenn – dann hätten wir vor dem nächsten Passwort gestanden.“ Philip hielt sie im Arm. Sein Mund fühlte sich an, als wäre er voll Watte. ‚Offene Netzwerke’, flüsterte eine böse kleine Stimme in seinem Inneren, „Vielleicht. Vielleicht. Vielleicht.“

Er sah in die Runde. In Maikes und Bastians Gesichtern las er stumme Verzweiflung, Markus blickte völlig teilnahmslos. Justus aber starrte auf Britt und rang sichtbar mit sich. Dann lachte er kurz und bellend und nickte. „Ja“, beendete er das Streitgespräch, das sie nicht geführt haben, „ja, Du kannst nichts dafür. Aber es ist verdammtes Pech. Ich wünschte, jemand wäre Schuld. Verdammte Scheiße.“

Er hielt Britt die Hand hin. „Friede?“, fragte er. „Zumindest, bis wir das hier hinter uns haben?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein“, sagte sie leise. „Aber trotzdem, Danke.“

Er sah sie noch einen Moment lang an, dann nahm er seine ausgestreckte Hand zurück. „Keine Ursache“, sagte er traurig.

Sabine sah zwischen den dreien hin und her. „Was soll das?“, fragte sie aufgebracht. „Wieso kann sie nichts dafür? Sie hätte den Scheiß-Kulturbeutel zuerst aufmachen sollen, dann wären wir jetzt schon auf dem Weg nach draußen. Aber dann sieht unsere blonde Schönheit irgendein Hista-Zeug und das ist ja viel wichtiger als das Passwort, die uns hier raus bringt. Britt, Du bist ja so…“

„Was?“, fragte Philip scharf.

„Sie hat recht, Philip“, sagte Britt.

„Einen Scheiß hat sie! Wer torpediert denn von Anfang an alles, was wir machen?“

„Wir bräuchten Eure Scheiß-Versuche und die belämmerten Theorien von intelligenten Bienen nicht, wenn die blöde Kuh den richtigen Kulturbeutel zuerst aufgemacht hätte“, keifte Sabine. „Dann wären wir jetzt in Sicherheit. Aber dann könntest Du ja auch nicht mehr den General spielen!“

Philip hatte den dringenden Wunsch, ihr ins Gesicht zu schlagen. Er spürte eine Hand auf seiner Schulter. Er drehte sich um, es war Justus, der den Kopf schüttelte. Philip atmete durch, was Sabine zu einer neuen Tirade nutzte.

„Was ist das denn für ein Hista-Zeug, das so wichtig war, dass Du unser Passwort nicht gefunden hast, hä? Kriegt man davon glänzende Haare und große Titten, oder was? Und…“

Britt hatte genug. Sie stemmte sich hoch, achtete nicht auf den Schmerz in ihrem Knie, inzwischen war sie so wütend, dass sie ihn nicht mehr spürte.

„Es ist ein Antiallergikum. Falls irgend einer von uns auf die Stiche allergisch reagiert…“

„Ach, reagiert denn jemand allergisch, Frau Doktor? Schwachsinn! Du hättest einfach nicht so blöd sein sollen, und zuerst in den Kulturbeutel…“

„Wie viele Gifte hast Du ausprobiert?“, jetzt schrie auch Britt. „Weißt Du, wie viele Arten von Bienen und Wespen da draußen unterwegs sind? Weißt Du, ob alle von uns auf jede Art von Stich gleich reagieren? Ich weiß es nicht. Ich wollte einfach vorbereitet sein, verdammt, falls hier einer ‘nen allergischen Schock kriegt …“

„Niemand kriegt hier einen Schock!“, schrie Sabine zurück. „Aber Du kriegst verdammten Ärger, wenn wir hier raus sind. Ich zeige Dich an! Wenn wir überhaupt je hier raus kommen, dank Deiner Blödheit haben wir ja allerbeste Chancen, alle draufzugehen. Ich hoffe, es erwischt Dich zuerst, und ich hoffe…“

„Ruhe!“

Philip, der sich durch Justus harten Griff nur noch mühsam hatte zurückhalten lassen sah verblüfft zu Maike, die zwischen ihnen stand.

„Ihr werdet jetzt aufhören mit dem Mist. Wir müssen zusammenhalten, versteht Ihr das nicht? Wir dürfen sowas nicht aufkommen lassen, wir schaffen das doch nur zusammen, wir…“

„Oh, toll, die Eso-Tante meldet sich zu Wort.“ Sabine wandte sich ihr mit wütender Verachtung zu. „Was hast Du denn bisher geleistet, damit wir hier rauskommen, hä? Friede, Freude, Eierkuchen, wir haben uns alle lieb und diskutieren alles aus. Scheiße! Wie wäre es, wenn wir einfach unsere dämliche Frau Doktor den Biestern vorwerfen, vielleicht schaffen wir es zu den Autos, während sie mit ihr beschäftigt sind! Ihr seid alle so…“

Maike bewegte sich so schnell, dass Sabine keine Chance hatte zu reagieren. In einer fließenden Bewegung holte sie aus, als wolle sie Sterne fangen und knallte der Keifenden eine Ohrfeige ins Gesicht, die Sabine herum riss und ins Straucheln brachte. Sie stolperte zwei kurze Schritte auf Philip zu, der zurück trat, anstatt sie aufzufangen und fiel hart auf den Hintern. Sie saß auf dem Boden, hielt sich die Wange, auf der sich Maikes Finger abmalten und starrte anklagend in die Runde.

„Maike…“, sagte Bastian verwirrt.

Dann war es totenstill. Sabine begann zu weinen.

Maike ging auf sie zu und hielt ihr die Hand hin, um ihr hoch zu helfen.

„Tut mir leid, Sabine“, sagte sie unglücklich. „Komm…“

Sabine schüttelte trotzig schluchzend den Kopf. Maike hockte sich neben sie, begann, ihr übers Haar zu streicheln und beruhigte sie flüsternd. Schließlich ließ Sabine sich von Maike aufhelfen. Sie sah Britt an. „Tschuldigung“, murmelte sie. „Tut mir leid Britt. Ich… ich will nicht, dass wir Dich den Viechern vorwerfen. Ich habe Angst.“

„Wer nicht“, seufzte Britt und ließ sich zurück in den Sessel fallen.

Maike sah die anderen an, einen nach dem anderen. „Sowas darf nie wieder passieren. Ist das klar? Keiner von uns wird einen anderen schlagen. Und keiner von uns wird vorschlagen, einen von uns sterben zu lassen oder umzubringen…“

„Maike, ich…“, begann Sabine unglücklich. Maike gebot ihr mit einer sanften Geste Schweigen.

„Wir werden uns alles anhören, was die anderen zu sagen haben. Niemand wird sich über etwas, dass ein anderer gesagt hat, über irgend etwas, dass jemand ernsthaft äußert, lustig machen. Und wenn es noch so idiotisch klingt.“

Justus bewegte sich unbehaglich.

„Wir werden zusammenhalten“, fuhr Maike fort. „Haltet mich für eine Öko-Tussi, ist mir egal, aber wir sind jetzt eine Gemeinschaft und werden uns so verhalten. Niemand gibt einen anderen auf. Und jeder ist für jeden da. Akzeptiert das, oder verzichtet auf mich. Wenn es sein muss, setze ich mich in die Ecke und warte, bis die Viecher von selber abhauen, oder ich verhungert bin, aber ich will sowas nicht nochmal erleben.“

„Ich auch nicht“, sagte Bastian.

„Niemand will das“, Philip seufzte. Er hoffte sehr, dass Maike Recht behielt, was die Gemeinschaft anging, aber er hatte Zweifel. „Es gibt noch was Wichtiges“, sagte er.

„Was?“, fragte Justus.

„Wir müssen auf ein Ziel hinarbeiten. Unser oberstes Ziel muss es sein, hier raus zu kommen. Wenn wir die ganze Zeit danach gehandelt hätten, hätten wir zuerst nach Handys und Netbooks gesucht, dann nach Notizen und es erst dann auf eigene Faust versucht. Wir müssen planvoll handeln. Sonst haben wir keine Chance.“

„Manche Sachen kann man nicht planen“, sagte Justus.

Philip nickte. „Ja, aber wir sollten zumindest mit einem Konzept vorgehen, so lange wir es können. Wenn wir dann irgendwann schnell handeln müssen, müssen wir zumindest nicht noch zwanzig Sachen im Hinterkopf haben.“

„Okay“, sagte Maike. „Machen wir einen Plan.“

FORTSETZUNG FOLGT

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Das Lexikon der Absonderlichen Arten – Morpheusfliegenfalle

Eigentlich ist das ja ein Lexikoneintrag zur Guten Nacht, aber ich reblogge ihn jetzt schon. Die Idee ist so schön – und beängstigend. Wer übrigens mehr über Wiener Magistrate wissen möchte (und Sarah in einem Cameo als Beamtin eines ebensolchen hören), dem empfehle ich unsere Heldt-Episode „Der Mann aus Wien“.

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Morpheusfliegenfalle, die

Im Gegensatz zur nahe verwandten Venusfliegenfalle ernährt sich die Morpheusfliegenfalle nicht von Insekten, sondern von ihren Träumen. Da Fliegenträume und Wespenhoffnungen nicht sehr kalorienreich sind, hat sie ein hochkomplexes Verdauungsystem entwickelt, mit dem sie selbst aus dem zartesten Nachtmahr noch Energie gewinnen kann.

Problematisch wurde das erst, als sie am Anfang des 19 Jahrhunderts als Zierpflanze entdeckt wurde. Heimisch in entlegenen Moorgebieten war sie bis dahin nie mit einem solchen Nahrungsangebot konfrontiert gewesen – höchstens einmal im Jahr ein schlafender Fuchs, um die karge Mückentraumkost aufzustocken. Jetzt aber stellte man sie wegen ihrer wohriechenden porzellanweißen Blüten überall in Europas Salons und Wohnzimmern auf, in gefährlicher Nähe zu den Schlafräumen. Die Pflanzen saugten sich in kürzester Zeit mit den Träumen sämtlicher Hausbewohner voll, wurden riesig und konnten oft nur noch unter Zuhilfename von Feuer und Äxten wieder aus den Häusern entfernt werden.

Die unglücklichen Opfern brauchten oft Monate…

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Das Lexikon der Absonderlichen Arten – Grottendömmel

Sarah öffnet ihr Lexikon und hat wieder ein Highlight für uns. Ich liebe schon den Namen… ❤

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Grottendömmel, der:

Das Faszinierende an der Gattung ist, dass bisher niemand herausfinden konnte, was genau ein Grottendömmel IST. Woran das liegt, weiß niemand so genau – es ist nämlich nicht so, als ob sie besonders selten wären. Die meisten Grotten Europas sind Heimat von zumindest einer mittelgroßen Grottendömmel-Kolonie und so gut wie jede dieser Grottendömmel-Kolonien verfügt über mindestens ein Grottendömmel-Touristenbüro, ein Grottendömmel-Heimatkundemuseum und einen Grottendömmel-Erlebnispark. Weiters gibt die zentrale Grottendömmeln-Verwaltung dreimal im Jahr die Broschüre „Grottendömm!“ heraus, in der sämtliche Aspekte des Grottendömmeltums bis ins kleinste Detail beschrieben werden.

Dennoch entzieht sich der Spezies bis heute genauerer Klassifikation, aller Bemühungen der Experten – und der Grottendömmel selbst – zum Trotz. Die präziseste Beschreibung bis zum heutigen Tage stammt von der berühmten Grottendömmologin Elvira Donnerling, die ihr gesamtes Leben mit dem Studium der Art verbracht hat: „Ein Grottendömmel ist das, was entsteht, wenn ein Papa-Grottendömmel und eine Mama-Grottendömmel sich sehr, sehr…

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