schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 42 – Der Ruf, Teil 17

Und heute gehen wir in die siebte Woche der sozialen Isolierung und auch in die siebte Woche unserer Quarantänegeschichten. Seit dem 15. März erzählen Sarah und ich Euch hier und in ihrem Blog jeden Tag eine Geschichte, um Euch diese seltsame Zeit ein wenig zu erleichtern. Denn wir sind Geschichtenerzähler*innen, eine edle und uralte Zunft, und das ist eben nunmal unser Job. Sarah hat zunächst vor allem Geschichten für Kinder erzählt – „Vom Piraten, der in alle sieben Weltmeere pinkeln wollte“ und „Vom Dunklen Fürsten und dem Fräulein Niedermaier„. Seit einigen Tagen erfreut sie uns mit ihren hochpoetischen und witzigen Einträgen in das „Lexikon der absonderlichen Arten„.

Ich habe zunächst 22 Kurzgeschichten erzählt, dann einen kurzen Auszug aus einem Roman und seither erzähle ich meine Horrorgeschichte „Der Ruf“ in Fortsetzungen.

Sechs Wochen sind schon heftig – und ich gehe mal davon aus, dass wir noch eine Weile vor uns haben. Mit etwas Glück eine kürzere als hinter uns liegt. Wobei ich glaube, dass die Maßnahmen richtig waren und sind, mit denen wir in Deutschland und Österreich auf die Pandemie reagieren. Dass wir in beiden Ländern bisher weitgehend glimpflich davongekommen sind, ist meines Erachtens kein Argument gegen die Maßnahmen, sondern deren Folge.

Aber da ich Geschichtenerzähler bin, und weder Arzt noch Soziologe, beschränke ich mich lieber wieder auf das, was ich am besten kann. 😉 Nach der gelungenen Aktion im Haus wenden wir uns wieder dem Geschehen in der Sauna zu. Und den Insekten selbst die mir, wenn ich es so lese, irgendwie faschistoid vorkommen. Vielleicht kein Zufall. Oh, und da ist eine klitzekleine Erinnerung daran, dass wir uns in der Welt von „Der wandernde Krieg – Sergej“ befinden. Falls jemand das vergessen haben sollte…

Der Ruf – Teil 1, Hintergrund, Rechte

Der Ruf – Teil 2

Der Ruf – Teil 3

Der Ruf – Teil 4

Der Ruf – Teil 5

Der Ruf – Teil 6

Der Ruf – Teil 7

Der Ruf – Teil 8

Der Ruf – Teil 9

Der Ruf – Teil 10 (mit Gewinnspiel)

Der Ruf – Teil 11

Der Ruf – Teil 12

Der Ruf – Teil 13

Der Ruf – Teil 14

Der Ruf – Teil 15

Der Ruf – Teil 16



Der Ruf – Teil 17

Die Sauna, gegen 10 Uhr

„So weit, so gut.“ Chris nickte zufrieden und setzte sich auf eine der Saunabänke. „Sie können hier nicht rein.“

Simon und sie hatten die drei kleinen, holzgetäfelten Räume, Sauna, Bad und Vorraum, gründlich nach Schwachstellen abgesucht, durch die die Insekten eventuell eindringen könnten. Die offensichtlichsten Schwachstellen, die Fenster im Vorraum und im Bad sowie das kleine Oberlicht im eigentlichen Saunaraum, waren verschlossen und gut isoliert, ebenso die Tür nach außen. Chris hatte die Abflüsse von Dusche und Waschbecken verstöpselt und Wasser in die Becken laufen lassen. Selbst wenn es einer besonders findigen Ameise nun gelingen sollte, durch die Abflüsse zu gelangen und sich an dem Stöpsel vorbei zu mogeln, würde sie ertrinken. Simon sorgte dafür, dass er sich nie zu weit von dem Eisspray entfernte, Chris hatte sich mit einer Flasche WC-Lufterfrischer bewaffnet. Sie hatten Saunatücher, mit denen sie notfalls nach den Viechern schlagen oder sich selbst schützen konnten. Sie fühlten sich, den Umständen entsprechend, sicher.

Simon setzte sich neben sie und schüttelte den Kopf. „Himmel, was für ein Irrsinn.“

Chris sah nachdenklich auf den Boden. „Was meinst Du, warum sie das machen?“

Er machte eine hilflose Geste. „Ich weiß es nicht. Ich verstehe nichts von sowas. Ich habe gehört, dass es in Amerika Bienen gibt, die Menschen angreifen und manchmal sogar töten. Und es gibt solche Treiberameisen, irgendwo im Urwald, die alles platt machen, was ihnen in die Quere kommt. Aber hier? Und das Ameisen, Wespen, Bienen und Hornissen sich verbünden, davon habe ich noch nie gehört.“ Er versuchte ein Lächeln. „Nicht mal in Biene Maja.“

Sie belohnte seinen Versuch mit einem halben Lachen. „Nee, ich auch nicht. Es ist… keine Ahnung. Wir hatten hier immer Wespen, einmal sogar ein Nest, drüben im Schuppen, aber so was… sie waren immer ganz normal, weißt Du? Lästig, aber normal.“

Er nickte.

„Vielleicht“, überlegte Chris, „irgendein genetisches Experiment? Vielleicht haben sie irgendwelche Viecher genetisch verändert und sie dann ausgesetzt. Oder sie sind ausgebrochen. Hältst Du das für möglich? Klingt das zu sehr nach Horrorfilm?“

Simon lachte unfroh. „Klar klingt das nach Horrorfilm. Alles, was heute Morgen passiert ist. An dem, was Du sagst, könnte was dran sein. Diese Bienen in Amerika, von denen ich eben erzählt habe, das war auch so eine Geschichte. Ich glaube, sie haben afrikanische mit südamerikanischen Bienen gekreuzt und dann sind…“

Sascha stöhnte auf. Sie sprangen beide auf und gingen ins Bad, wo er immer noch auf der Badematte lag, gepolstert und zugedeckt mit mehreren Handtüchern. Sie hockten sich neben ihn.

„Sascha?“, sagte Chris. „Hörst Du mich?“

Er nickte fast unmerklich.

„Kannst Du sprechen? Wie fühlst Du Dich?“

„Beschissen“, sagte er leise.

„Hast Du Schmerzen?“

Er nickte wieder schwach.

„Wo?“

„Nacken. Gesicht. Heiß. Spannt.“

„Das kommt daher, dass Deine Haut überall geschwollen ist. Wie fühlt sich Dein Kopf an?“

Er dachte einen Moment, dann hob er eine Hand und tastete seinen Schädel ab.

„Komisch.“

„Wie, komisch?“

„Taub. Kalt, irgendwie…“

„Wir haben Dir Eisspray drauf gesprüht, weißt Du noch? Du bist ohnmächtig geworden.“

„Eis… pray?“

„Ja.“

Er lachte schnaubend. „Gutidee.“ Dann veränderte sich sein Gesichtsausdruck, er kniff die Augen zu und begann heftig zu husten. „Schlecht“, stammelte er. „Vo-sich. Ich muss kotz…“ Er drehte seinen Kopf von ihnen weg und übergab sich mehrmals auf ein Handtuch. Sein schwacher Körper wurde durchgeschüttelt, und als er schließlich erschöpft auf sein improvisiertes Lager zurücksank, glänzte seine Stirn von Schweiß. Chris wischte ihm behutsam Mund und Gesicht mit angefeuchtetem Klopapier ab, während Simon das besudelte Handtuch zusammenfaltete und in eine Ecke zwischen Dusche und Wand warf. Sascha atmete nun heftiger und pfeifend, aber seine Augen schauten Chris wach an.

„Was ist passiert? Wo sind die anderen?“, flüsterte er verschliffen.

„Die Wespen haben uns in die Sauna gejagt…“

„Weiß! Was ist sonst? Was ist passiert?“

„Keine Ahnung. Wir können hier erstmal nicht raus. Was mit den anderen ist weiß ich nicht. Ein paar haben sich, glaube ich, ins Haus retten können.“

„Paar?“

„Ja.“

„Und die anderen. Die nicht im Haus sind, was machen die?“

Chris schluckte schwer. „Die sind tot, Sascha.“

Er sagte eine Weile gar nichts. Dann, noch leiser: „Wer?“

„Martina auf jeden Fall. Und Andreas.“

„Tanja und Frank auch“, sagte Simon tonlos. „Man kann sie vom Badezimmerfenster aus sehen. Von einigen wissen wir nicht, wo sie sind, vermutlich unten am See. Wahrscheinlich sind sie auch… sie konnten ja nicht zurück. Khan und Michael zum Beispiel, und Ulf und Rena.“

„Und Christoph“, Chris spürte, wie ein dicker Klumpen aus Angst und Trauer sie würgte und auf ihren Magen drückte. Bisher hatte sie noch keine Zeit gehabt, so weit zu denken. Tränen stiegen in ihre Augen. „Und Stephan. Und Kat.“ Sie fing an zu weinen.

Sascha seufzte erschöpft und schloss wieder seine Augen. Simon schaute unschlüssig zwischen den Beiden hin und her, dann schloss er die heftig weinende Chris in seine Arme. Er wiegte sie und streichelte ihr Haar. Er wusste nichts zu sagen.

„Es ist so gemein“, stammelte sie schluchzend. „Das ist… das ist nicht richtig. Das ist einfach gemein.“

Er hielt sie wortlos. Es gab nichts zu sagen.

Plötzlich schrie Chris auf. „Es tut mir leid“, schluchzte sie. „Es tut mir so leid.“

„Du kannst nichts dafür“, flüsterte er ihr sanft ins Ohr. „Es ist nicht Deine Schuld.“

Sie schüttelte wild den Kopf, heftig schluchzend. „Meine Party. Meine Schuld. Alle nur wegen mir hier. Meine Schuld.“

„Nein Chris, nein.“

„Sie ist meine beste Freundin, Simon. Meine liebste Freundin. Oh, Kat…“ Sie weinte lange an seiner Schulter, und er hielt sie, während Sascha im Delirium dämmerte. Und Simon fragte sich, ob es Rettung geben konnte, oder ob sie in diesem Alptraum untergehen würden. Er hielt Chris und versuchte, sie zu trösten, und fühlte sich unendlich allein.

Im Garten, gegen 10 Uhr

Ein Volk, ein Wille.

Ein Volk, ein Geist.

Ein Volk, ein Sein.

Sie waren gewachsen.

Sie waren viele.

Und sie waren eins.

Ein Volk.

Ein Wille.

Ein Geist.

Ein Sein.

Ein Wesen.

Der Schwarm war eines aus vielen.

Der Schwarm diente dem Meister.

Der Schwarm brachte dem Meister Nahrung, drang ein, grub tief, fand und brachte es zu ihm.

Der Meister wollte den Tod der anderen Wesen und der Schwarm jagte sie, hatte sie in ihre Nester getrieben und dort eingeschlossen, nun suchte er einen Weg, zu ihnen vorzudringen und sie zu vernichten. Die anderen Wesen waren schwach, sie waren nicht eines aus vielen, sie waren nicht ein Wille.

Die anderen Wesen waren schlau, doch nicht sehr. Sie taten Dinge, die der Schwarm nicht verstand. Doch der Schwarm lernte. Er wurde klüger und klüger, verstand mehr und mehr Dinge.

Der Schwarm hatte Geduld. Er war überall, am Himmel und auf der Erde, er wachte und suchte, kroch in jeden Spalt und jede Ritze, suchte und fand, prüfte und verwarf, war beharrlich, ruhig ausdauernd. Er suchte und er würde finden. Er breitete sich aus, wo er eingedrungen war. Ohne Hast.

Er drang ein.

Grub tief.

Fand.

Der Schwarm diente dem Meister, der Meister war sein Wille und seine Zuversicht.

Der Meister war groß.

Der Meister war Macht. Seine Macht umgab sie, seine Macht war über diesem Ort, hüllte ihn ein, wie ein großer Bau, eine Kuppel, unter der sie nun lebten.

Er herrschte.

Nichts konnte ihm widerstehen.

Kein Feind, der ihm gewachsen wäre.

FORTSETZUNG FOLGT

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schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 41 – Der Ruf, Teil 16

Kommt näher, setzt Euch, ich erzähle die Geschichte vom „Ruf“ weiter. Die im Wohnzimmer gestrandeten wagen heute eine Expedition:

Der Ruf – Teil 1, Hintergrund, Rechte

Der Ruf – Teil 2

Der Ruf – Teil 3

Der Ruf – Teil 4

Der Ruf – Teil 5

Der Ruf – Teil 6

Der Ruf – Teil 7

Der Ruf – Teil 8

Der Ruf – Teil 9

Der Ruf – Teil 10 (mit Gewinnspiel)

Der Ruf – Teil 11

Der Ruf – Teil 12

Der Ruf – Teil 13

Der Ruf – Teil 14

Der Ruf – Teil 15



Der Ruf – Teil 16

„Wie hast Du es Dir gedacht?“ Philip sah Bastian fragend an. Der schaute unschlüssig.

„Eigentlich gar nicht. Ich dachte, wir gehen einfach hoch und holen das Zeug. Was meint ihr?“

Philip ging im Geiste durchs Haus und versuchte, sich zu erinnern. Wie war das gewesen, als er vorhin von oben runter gekommen war? „Also der Flur ist wahrscheinlich noch sicher, hier unten zumindest. Die Fenster nach vorne raus sind zu.“ Er ging in Gedanken die Türen durch. „Das Bad wird auch sicher sein, es grenzt nur an den Flur. Was kommt dann…“

„Dieser Lagerraum“, sagte Britt. „Wo die ganzen Sachen für die Küche drin sind. Da ist die Frage – war die Tür zur Küche zu oder nicht?“

„Nein“, sagte Markus heiser. Sie sahen ihn verblüfft an, er schaute mit rotgeweinten Augen zurück. Immer noch liefen Tränen über seine Wangen. „Die Tür zur Küche war offen“, sagte er. „Ich habe immer reingeguckt, als ich… als wir…“ Er brach ab, stützte seinen Kopf in die Hände und holte tief und zitternd Luft. „…als wir Kaffee gekocht haben. Aber die Tür vom Lager zum Flur war zu. Und die ist unten dicht, da kommen sie erstmal nicht durch.“

„Okay.“ Philip setzte seinen Weg in Gedanken fort. „Die Tür von der Küche zum Flur ist auch zu, aber da können sie unten durch. Also werden wir uns beeilen müssen. Was oben ist… keine Ahnung.“

Britt stupste ihn an. „Wir haben oben geschlafen, Du Trottel“, sagte sie liebevoll. „Das Fenster in dem ersten Raum ist zu. Du hast es selbst geschlossen.“

„Stimmt“, gab er zu. „Wir können also wahrscheinlich zumindest in den ersten Raum oben. Aber es muss schnell gehen, wegen Tür zwischen Küche und Flur. Wer kommt mit?“

„So viele wie möglich“, sagte Britt. „Wir sollten alle gehen, außer Markus und vielleicht Maike. Irgend jemand muss ja weiter sehen, was sie draußen machen.“

„Ich komme mit“, sagte Markus.

Philip sah ihn an. „Bist Du sicher?“

„Klar. Dann habe ich wenigstens was zu tun.“

„Ich komme auch mit“, entschied Maike. „Britt soll hier bleiben.“

„Was? Wieso ich?“

„Wegen Deines Knies. Das ist doch nicht nur eine Schürfwunde, so wie Du humpelst. Du kannst wahrscheinlich nicht so gut Treppen steigen und tragen und alles. Dann kannst Du doch besser hier bleiben und ich schleppe das Zeug.“

Britt sah sie unglücklich an. „Ich weiß nicht. Vielleicht können wir ja doch alle gehen.“

Philip schüttelte den Kopf. „Nein, Maike hat recht. Irgend jemand muss aufpassen. Und wir haben nicht viel Zeit.“ Er schaute sie bittend an. Britt seufzte und nickte.

„Okay, ja. Ich bleibe hier.“

„Und was ist mit mir?“, fragte Sabine.

Justus sah sie erstaunt an. „Was soll mit Dir sein. Du kommst mit, oder?“

„Ach, das entscheidest Du so einfach?“

Philip stöhnte auf. „Komm, Sabine, was ist mit Dir los? Was soll das? Wir wollen Dir doch nichts.“

„Ich möchte zumindest gefragt werden, bevor Ihr einfach entscheidet, was ich zu tun habe.“

„Niemand entscheidet irgend etwas“, erklärte Philip so ruhig wie er konnte. Er musste sich mit Mühe im Zaum halten, vor seinem geistigen Auge sah er Massen von Wespen unter der Tür zwischen Küche und Flur hervorquellen, die ihnen den Weg zur Treppe abschnitten.

„Du kannst gerne auch hier bleiben, es ist Deine Entscheidung. Niemand zwingt Dich zu irgend etwas, okay?“

Sie nickte. „Na gut.“

„Na dann…“ Er stand auf und sein Blick fiel auf eine Tür am anderen Ende des Wohnzimmers. „Scheiße“, sagte er, „Das Zimmer da – das Schlafzimmer. Da haben wir…“

„Das Fenster ist zu“, erklärte Bastian. „Der Raum ist sicher.

„Echt. Weißt Du… ich meine…?“

„Ja“, antwortete Maike. „Sicher. Wir wissen es.“

Wenig später öffnete Philip langsam die Tür zum Flur und spähte hindurch. Unwillkürlich erwartete er, von einem Schwarm fliegender Ungeheuer angefallen zu werden, aber nichts geschah. Die schlauchartige Diele vor ihm war, soweit er sie einsehen konnte, insektenfrei. Er drehte sich um, küsste Britt und sah die anderen an. „Alles klar. Gehen wir.“

Sie bewegten sich langsam den Gang hinunter, eine seltsame Patrouille in Feindesland, bewaffnet mit Büchern, Zeitungen und einer Tischdecke. Britt stand unglücklich im Türrahmen, winkte ihnen nach. Philip winkte zurück, er hatte das irrationale Gefühl, sie sei sehr, sehr weit weg. Britt schloss die Tür.

Der Flur war dämmerig. Philip ging voraus, ihm folgten Bastian und Maike, dann kamen Markus und Sabine und zuletzt Justus. Niemand kam sich albern vor, während sie so durch das Ferienhaus von Chris’ Eltern schlichen. Nicht nach dem, was sie erlebt hatten.

Philip deutete auf die Eingangstür. Maike verstand was er meinte, ging zur Tür und sah sie sich kurz an. Philip selbst ging weiter, an Badezimmer und Lager vorbei, und spähte um den Knick, den der Flur dahinter machte.

„Unten isoliert“, sagte Maike. „Aber die Ameisen können da bestimmt durch.“

„Hier nicht“, verkündete Bastian von der Tür zum Vorratsraum. „Die ist dicht.“

„Womit abgedichtet?“, wollte Justus wissen.

„Gummi.“

„Da fressen die sich durch.“

„Ja, aber das dauert.“

„Vorne alles klar, Philip?“, fragte Maike leise.

Er schüttelte den Kopf und sie schlossen zu ihm auf, nachdem Markus und Sabine die Fenster inspiziert hatten. Sie waren fest und dicht verschlossen, aber sie konnte sehen, dass der Schwarm inzwischen auch hier vorne tobte. An eine schnelle Flucht durch die Eingangstür zu den Autos war nicht zu denken.

„Was ist?“, fragte Maike, als sie bei Philip waren, der immer noch um die Ecke lugte.

„Da sind sie“, sagt er leise. „Bei der Treppe. Sie kommen unter der Küchentür durch, wie wir gedacht haben.“

„Viele?“

„Genug, um unangenehm zu werden.“

„Meinst Du, wir kommen durch?“, fragte Justus.

Philip nickte. „Ja. Aber schön wird das nicht.“

„Kommen wir dann auch wieder zurück?“

Philip zuckte mit den Schultern. „Es geht. Wenn wir nicht zuviel Zeit verschwenden.“ Er sah die anderen an.

„Bereit?“

Sie nickten unbehaglich.

„Gut, dann… Los!“

Er rannte los und hörte, dass sie ihm folgten. Er sprintete an der Küchentür vorbei, die bis zur halben Höhe voller Wespen war. Sie saßen auch auf der Wand zu beiden Seiten der Tür, auf dem Boden, dem Treppengeländer und der Wand gegenüber, aber nicht so dicht, wie auf der Tür selbst. Er rannte an ihnen vorbei und über sie hinweg und war schon fast im oberen Stockwerk, als die ersten sich erhoben. Bastian und Maike waren dicht hinter ihm, ebenso Sabine. Justus rannte als letzter, ohne auf die anderen zu achten, er hatte nur Augen für die Wespen und wäre fast auf Markus aufgelaufen, der mitten im Flur stehen geblieben war und die Tiere anstarrte, die träge begannen, sich in die Luft zu erheben. Justus packte ihn am Arm.

„Komm, komm schnell!“ In Gedanken verfluchte er, dass sie ihn mitgenommen hatten.

Markus hörte ihn nicht, er sah die Wespen an. Dann schrie er wütend auf und schlug mit der Ausgabe des „Spiegel“, die er in der Hand hielt, wild auf die Insekten ein, die an der Wand neben der Treppe saßen. Der Angriff schien sie zu überraschen, er hatte schon viele erschlagen oder von der Wand gewischt, als sie aufflogen und zum Gegenangriff ansetzten. Justus packte ihn am Kragen und unter einem Arm und schob ihn auf die Treppe.

„Das reicht erstmal. Komm jetzt!“

Markus ließ von den Tieren ab und gehorchte. Sie hetzten die Treppe hinauf und trafen oben auf die anderen. Die standen eng beieinander dort, wo der obere Flur einen Knick machte. Philip und Bastian spähten angestrengt um die Ecke zum gegenüberliegenden Ende des Ganges, während Maike und Sabine die Treppe im Auge hatten.

„Schnell“, keuchte Justus, als er oben angekommen war. „Schnell, sie sind hinter uns her.“

„Nein, sind sie nicht“, sagte Maike.

„Was?“ er drehte sich um. Tatsächlich, hinter ihm war nichts. Er ging ein paar Schritte zurück und sah die Treppe hinunter, erwartend, dass die Wespen sie verfolgen würden. Statt dessen blieben sie zurück und wirbelten in einer dichten Wolke vor der Treppe und im Aufgang herum.

„Die wollen uns den Weg abschneiden.“

„Sie wollen gar nichts, Justus“, erklärte Sabine, „es sind Tiere, Insekten, die können nicht…“

„Überzeug‘ Dich doch selbst“, versetzte er und ging an ihr vorbei zu Philip und Bastian.

„Wie sieht‘s vorne aus?“

Philip schüttelte den Kopf. „Nicht gut. Wir müssen uns beeilen. Die beiden großen Räume scheinen sauber zu sein, aber sie kommen aus diesem komischen kleinen Raum dahinten. Begehbarer Kleiderschrank, oder was das ist.“

„Viele?“

„Noch nicht. Aber ich kann nicht viel erkennen, und ich will kein Licht anmachen.“

Philip wandte sich um und ging zu der Tür des ersten großen Raumes, dem, in dem Britt und er geschlafen hatten. Er öffnete sie vorsichtig und sah hinein. Durch das Fenster fiel Sonnenlicht, das Fenster selbst war geschlossen.

„Okay“, sagte er, „die Luft ist rein. lasst uns das Zeug rausholen, und dann nichts wie weg.“

Sie betraten den Raum und klaubten zusammen, was sie tragen konnten. Ihre eigenes Gepäck vor allem, dazu Sporttaschen und Rucksäcke und zwei Leinenbeutel mit Proviant. Sabine hängte sich nur einen kleinen Rucksack über und wollte durch die zweite Tür in den Flur gehen.

„He“, sprach Justus sie an. „Wo willst Du hin?“

„In das andere Zimmer.“

„Warum? Hier ist noch genug Zeug.“

„Ja, aber da sind meine Sachen.“

„Brauchst Du die unbedingt?“, fragte Philip.

„Was heißt unbedingt. Ich will sie halt haben.“

„Wir haben den Raum noch nicht gecheckt.“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich hole mein Zeug, ob es Dir passt oder nicht.“

Philip zuckte mit den Schultern und wandte sich ab. Inzwischen hatte sich auch Markus zwei Rucksäcke angeschnallt, einen auf den Rücken und einen auf den Bauch. Die fünf halfen sich gegenseitig, das Gepäck fest zu ziehen. Dann kontrollierten sie noch einmal oberflächlich, ob sie nichts offensichtlich Nützliches vergessen hatten, Maike nahm noch eine Feldflasche aus der Seitentasche eines Rucksacks und sie gingen zurück in den Flur. Maike sah sich um.

„Wo ist Sabine?“

„Die wollte eben in das andere Zimmer gehen“, sagte Justus.

Sie sahen sich einen Moment betreten an, dann legte Philip die Taschen ab. „Ich sehe nach ihr.“

„Sei vorsichtig“, empfahl Maike.

„Worauf Du Dich verlassen kannst.“

Er ging bis zu der Stelle, an der der Flur den Knick machte und spähte wieder vorsichtig um die Ecke. Er hörte die Insekten am anderen Ende des Ganges träge summen und sah auch etwas Bewegung, aber es schienen immer noch nicht viele zu sein. Bis zu der Tür zum zweiten Zimmer waren sie noch nicht gekommen. Er huschte um die Ecke, bewegte sich so schnell wie er konnte zu der Tür, öffnete sie vorsichtig und spähte hindurch. Er hatte einiges zu sehen erwartet, auch das Schlimmste, aber nicht das: Der Raum war offensichtlich sicher, das Fenster geschlossen. Mittendrin, zwischen Taschen und Rucksäcken, saß Sabine und suchte, leise vor sich hin schimpfend.

„Sabine“, zischte er. „Was machst Du da verdammt?“

Sie schrak zusammen, sah zur Tür und erkannte Philip.

„Ich suche meine Tasche“, gab sie zurück.

Verwundert sah er auf die riesige BREE-Reisetasche, die sie mit der linken Hand berührte. Er hatte sie doch damit Nkommen sehen.

„Da ist sie doch.“

„Nicht die. Meine andere. Ich brauche sie. Mein Kulturbeutel ist darin und ein paar juristische Bücher.“

Er starrte sie an wie eine Erscheinung. „Was meinst Du? Brauchst Du irgendwelche Medikamente aus dem Kulturbeutel, oder was?“

„Bücher, Philip, Bücher für meine Promotion. Weißt Du, wie teuer die sind?“

Weiße Wut stieg in Philip auf.

„Hör mir zu, Sabine“, sagte er völlig ruhig.

Sie sah ihn erstaunt an. „Ja?“

Er lächelte freundlich. „Wenn Du jetzt nicht sofort mit mir zu den anderen kommst, kannst Du Dich alleine auf den Rückweg machen. Oder von mir aus hier oben nach Deinen Scheiß-Büchern suchen, bis die Viecher Dich fressen. Habe ich mich verständlich ausgedrückt?“

In ihrem Gesicht stand helle Empörung. „Philip, das…“

„Gut“, sagte er, immer noch lächelnd, „wir haben uns verstanden.“ Damit drehte er sich um und ging. Hinter sich hörte er Sabine schimpfend ihre Tasche aufnehmen und folgen.

Maike sah Philip und Sabine um die Biegung des Ganges kommen und war erleichtert. Sie hatte irgendwie damit gerechnet, die beiden nicht wieder zu sehen. Philip nahm die Taschen wieder auf, die er abgestellt hatte und gesellte sich zu ihnen. Sabine blieb etwas abseits stehen. Maike hatte den Eindruck, dass sie mal mit Sabine würde reden müssen, vielleicht würde auch die ganze Gruppe reden müssen. Aber nicht jetzt. Jetzt galt es, den Rückweg zu schaffen. Maike sah in die Runde.

„So schnell wie möglich runter und durch, da gibt es nicht viel zu planen, oder?“

„Wer geht zuerst?“, fragte Bastian.

„Ich, wie vorhin“, antwortete Philip. „Die selbe Reihenfolge. Haben wir irgend eine Möglichkeit uns zu schützen oder sowas?“

„Ich werde mir mein T-Shirt vor’s Gesicht ziehen“, meinte Bastian. „Was sonst.“

„Meint Ihr etwa immer noch, dass sie da unten auf uns warten?“, fragte Sabine.

„Geh doch hin und sieh nach“, schlug Justus vor.

Sie sah ihn verächtlich an. „Zumindest Dich hätte ich für vernünftiger gehalten.“

Justus antwortete mit einem Schulterzucken.

Bastian wandte sich an Sabine. „Sabine, versuch doch mal, konstruktiv mitzuarbeiten. Wenn Dir eine Gruppenentscheidung nicht gefällt, können wir darüber reden, und wenn Du…“

Philip legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Wir können darüber reden, aber nicht jetzt. Mit jeder Minute, die wir hier plappern, kommen mehr von ihnen unter der Tür durch.“

„Um uns aufzulauern“, setzte Sabine sarkastisch hinzu.

Philip beachtete sie nicht weiter, ging zur Treppe und sah hinunter. Egal was Sabine sagte – sie warteten. Etwa ab der halben Treppe hing ein wild herumschwirrender Schwarm in der Luft. Sie machten keine Anstalten, auch nur einen Zentimeter weiter nach oben zu kommen. Sie warteten. Und sie wussten, dass er und die anderen hier durchkommen mussten. Philip atmete tief durch, versuchte erfolglos, für einen Moment seine Angst zu vergessen und wandte sich an die anderen hinter ihm.

„Gut, ich werde gleich loslaufen. Es ist wichtig, dass ihr dicht hinter mir bleibt. Hat noch jemand die Tischdecke?“

„Ja,“ sagte Maike. „Ich wirbele sie herum.“

„Gut. Sie sollen nicht zur Ruhe kommen. Sie sollen keine Zeit haben, einen Angriff zu planen.“

„Die großen Strategen“, setzte Sabine hinzu.

„Sabine, bitte“, sagte Maike. Sabine sah sie beleidigt an, hielt aber den Mund.

„Danke“, sagte Philip. „Also, selbe Reihenfolge wie eben: Erst ich, dann Bastian, dann Maike mit der Decke, dann Sabine, Markus und Justus. Einverstanden?“

Die anderen nickten. Philip warf die beiden Taschen die Treppe hinunter, riss sich sein T-Shirt übers Gesicht und lief die Treppe hinab. Er hoffte, dass er die Stufenzahl richtig abgeschätzt hatte, sonst würde er sich wahrscheinlich etwas brechen. Als er die ersten Wespen spürte, sprang er. Der Flug war kürzer, als er gedacht hatte und er kam hart am Fuße der Treppe auf. Philip ließ das T-Shirt los, es rutschte von seinem Gesicht und er konnte wieder sehen. Er sah die Wespen vor sich, um sich, ein wilder Sturm aus kleinen, harten Leibern. Gleichzeitig griff er nach den Taschen, stolperte fast darüber, fing sich, hob sie hoch und rannte weiter. Hinter sich hörte er Bastian kommen. Philip spürte, wie Wespen gegen ihn prallten. Ein oder zwei waren in sein T-Shirt geraten, sie stachen ihn in Brust und Schulter, er merkte es kaum. Und dann waren sie weg, so plötzlich, wie sie gekommen waren. Er bremste ab, kurz vor dem Knick im Gang, fuhr herum, und sah zurück zur Treppe. Was er sah war unglaublich. Die Wespen bildeten eine kompakte, kugelförmige Wolke, mit der sie den Zugang zur Treppe blockierten. Jetzt stolperte Bastian aus dieser Wolke, ein kleiner Haufen Wespen saß über seiner rechten Augenbraue. Philip kam ihm zu Hilfe und wischte sie weg, die meisten überlebten das, aber sie griffen nicht wieder an, sie kehrten zurück zur Wolke. Die wurde gerade von Maike mit der Tischdecke ordentlich durcheinander gewirbelt. Sie schaffte es, für sich, Sabine und Markus einen Durchgang frei zu schlagen. Vor Justus schloss der Schwarm sich wieder, doch auch er kam durch die immer noch verstörten Wespen. Philip nahm die Taschen wieder auf, überzeugt, dass der Schwarm sie verfolgen würde. Doch nichts dergleichen geschah. Die Kugel blieb kompakt, offenbar war es die Aufgabe dieser Tiere, die Treppe zu bewachen. Mit jeder neuen Wespe, die unter der Tür durchkroch, wurde der Schwarm tödlicher. Noch einmal, würden sie nicht so einfach nach oben und wieder zurück kommen.

„Na“, sagte er an Sabine gewandt. „Sag mir nochmal, dass da kein Plan hinter ist.“

Sie lachte, antwortete aber nicht.

Bastian fasste ihn am Arm.

„Lass, Philip. Wir reden nachher darüber.“

Philip seufzte und nahm die Taschen wieder in die Hand.

„Machen wir, dass wir zurückkommen.“

Sie gingen bis zur Wohnzimmertür, immer noch wachsam, doch ohne weitere Störung. Philip öffnete die Tür, ging zum Sofa, warf die erbeuteten Gepäckstücke von sich und sank neben dem Möbel zu Boden. Britt kam vom Fenster weg und hockte sich neben ihn. Hinter sich hörte er, wie die anderen hereinkamen, jemand schloss die Tür.

„Alles gut gegangen?“, fragte sie. Sie spürte, dass er zitterte.

Philip nickte. „Ist irgend etwas Neues passiert, draußen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Die Ameisen kriechen jetzt auf der Scheibe herum. Sonst nichts.“

Er stand auf, nahm ihre Hand und ging mit ihr zu den anderen, die um den Gepäckhaufen standen.

„Also dann“, sagte Justus. „lasst uns mal sehen, was wir erbeutet haben.“

FORTSETZUNG FOLGT

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Das Lexikon der Absonderlichen Arten – Aquariumsvolk

Sarahs Blog heißt nicht umsonst „Der Guppy war’s und nicht die Lerche“. Sie ist leidenschaftliche Aquarianerin – und kennt deshalb Arten, die unsereins völlig unbekannt sind.

Avatar von Sarah WassermairDer Guppy war's und nicht die Lerche

Aquariumsvolk, das:

Jeder Aquariumsbesitzer muss sich früher oder später mit den üblichen Plagegeistern herumschlagen: Algen, Schnecken, Fadenwürmer. Sie alle sind sie ärgerlich, aber nichts ist so schlimm wie ein Befall von parasitären Zwerg-Meerjungfrauen.

Sie werden meist als Eier mit frisch gekauften Aquariumspflanzen eingeschleppt, schlüpfen unbemerkt und verbringen ihre Larvenzeit tief im Ziersand vergraben. Die ausgewachsenen Exemplare werden bis zu fünf Zentimeter lang, sind aber in der Regel Meister im Verstecken – oft dauert es Monate, bis der Befall entdeckt wird. Erste Warnzeichen sind ein verdächtiger Schwund bei den Fischen (sie dienen den Zwerg-Meerjungfrauen als Nahrung), primitive Malereien an Filter und Thermostat und leiser Gesang, der Nachts aus dem Becken dringt.

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schreckenbergschreibt: Quarantänegeschichte Nr. 40 – Der Ruf, Teil 15

40 Tage… das ist so eine biblische Zahl. 40 Tage saßen Sarah und Michael am Lagerfeuer und erzählten ihre Geschichte. Dann…

…legten sie ein paar neue Scheite auf und erzählten weiter. Denn noch sind wir nicht durch dieses Tal der sozialen Distanz durch, auch wenn die Chance, dass das Licht am Ende des Tunnels kein entgegenkommender Zug ist, von Tag zu Tag wächst. Also, weiter mit „Der Ruf“. Gestern haben wir gesehen, wie das Grüppchen in der Sauna sich in der Situation einrichtet. Heute schauen wir ins Wohnzimmer:

Der Ruf – Teil 1, Hintergrund, Rechte

Der Ruf – Teil 2

Der Ruf – Teil 3

Der Ruf – Teil 4

Der Ruf – Teil 5

Der Ruf – Teil 6

Der Ruf – Teil 7

Der Ruf – Teil 8

Der Ruf – Teil 9

Der Ruf – Teil 10 (mit Gewinnspiel)

Der Ruf – Teil 11

Der Ruf – Teil 12

Der Ruf – Teil 13

Der Ruf – Teil 14



Der Ruf – Teil 15

Im Haus, Wohnzimmer 09.20 Uhr

Im Wohnzimmer herrschte Stille, nur hin und wieder unterbrochen durch ein Schluchzen von Markus oder einen leisen Fluch von Britt, die ihr aufgeschlagenes Knie untersuchte. Sabine hatte sich mit dem Rücken zur Terrasse vor den Kamin gesetzt und starrte ins Leere. Bastian saß bei Markus und versuchte vergeblich auf eine Idee zu kommen, wie er ihn trösten könne. Justus, Philip und Maike standen an der großen Fensterscheibe zur Terrasse und sahen reglos zu, wie die Ameisen vom Rasen auf die Steinplatten strömten, scheinbar ziellos durcheinander wirbelnd und doch langsam und stetig näher kommend. In der Luft wirbelten die fliegenden Tiere, sie füllten den ganzen Garten. Hin und wieder klatschte ein Exemplar gegen die Scheibe.

Philip überlegte, wie lange sie wohl hier drinnen bleiben müssten, bis all die kleinen Bestien auf diese Art gestorben wären. Ein Jahr? Zehn? Hundert? Vorher würde es Winter werden. Im Winter würden die Insekten sterben. Ärgerlich wischte er die Gedanken weg. Schwachsinn. Nutzlose Gedanken. Es gab genug aktuelle Probleme, deren Lösung lebenswichtig war:

  1. Verhindern, dass die Insekten ins Wohnzimmer kommen.
  2. Prüfen, ob schon welche im Haus sind.
  3. Hilfe holen oder Fluchtmöglichkeiten finden.

Eine Sache aber gab es, die ihm am noch wichtiger zu sein schien. Am allerwichtigsten.

„Maike?“, sagte er leise, ohne den Blick vom Garten abzuwenden.

„Ja?“

„Könntest Du den Vorhang rechts ein bisschen zuziehen? Nicht viel, nur so ein bisschen.“

Sie verstand. „Okay, klar.“

Maike zog den braun-weiß gemusterten Vorhang einen guten halben Meter vor das große Fenster. Markus hatte die ganze Zeit auf Tanjas Leiche gestarrt. Nun sah er sie nicht mehr. Für ihn schien es zwar keinen Unterschied zu machen, er fixierte den Vorhang wie vorher die Hölle im Garten, aber vielleicht war es wirklich besser, wenn er sie nicht mehr sehen musste.

Britt erhob sich vom Sofa, humpelte mit zusammengebissenen Zähnen zu Philip, legte ihm einen Arm um die Schulter und sah ebenfalls in den Garten. Dort lag Frank, an der Grenze zwischen Terrasse und Wiese, auf dem Rücken, den Kopf nach hinten überstreckt, so dass er sie anzusehen schien. Irgend etwas stimmte nicht mit seinem Gesicht. Natürlich. Da fehlte ein Auge. Ob sie es gefressen hatten?

Ein großes Insekt, vielleicht eine Hornisse, kroch aus der Augenhöhle und Britt wandte den Blick ab. Philip drehte sich mit ihr um und nahm sie in den Arm.

„Wie geht es Deinem Knie?“, fragte er leise.

„Egal“, murmelte sie verstört, „ganz egal, hast Du Frank gesehen, er…“

„Ja, habe ich.Aber wir müssen gucken, dass wir zurechtkommen, verstehst Du? Also…“

Sie nickte. „Schon klar. Aber vergiss mein Knie, was sollen wir jetzt tun?“

Justus drehte sich zu ihnen um. „Gute Frage.“

Britt suchte in seinem Gesicht nach Sarkasmus. Sie fand keinen und schluckte die wütende Entgegnung, die ihr schon auf der Zunge gelegen hatte. Philip nickte.

„Lasst uns kurz hier am Tisch beraten. Sabine, kommst Du auch? Bastian, Markus?“

Bastian führte den apathischen Markus zum Sofa und setzte sich neben ihn, Sabine nahm auf dem Sessel Platz, Britt nahm den Stuhl, auf dem Chris am Abend zuvor gesessen hatte. Als Christoph so schlecht gewesen war. Eine Ahnung stieg in ihr auf, verschwand aber sofort wieder.

Philip stand neben ihr, während Justus sich auf die Lehne des Sofas setzte. Nur Maike blieb am Fenster stehen.

„Willst Du nicht zu uns kommen, Schatz?“, fragte Bastian.

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, ich beobachte lieber weiter“, sagte sie mit dünner Stimme. „Redet nur, ich kann Euch gut von hier aus folgen. Einer muss doch… ich meine, falls etwas passiert…“

Philip nickte. „Und ich glaube auch, dass es nicht viel zu diskutieren gibt. Wir sollten zuerst sehen, dass wir sie hier aus dem Wohnzimmer raus halten. Dann müssen wir gucken, ob sie sonst schon irgendwo reingekommen sind, und dann…“

„Bist Du verrückt?“ Sabine sah ihn verärgert an. „Wie lange willst Du denn hierbleiben? Wir rufen Hilfe, und dann machen wir, dass wir hier weg kommen. So einfach ist das.“

„Und wen willst Du rufen?“, fragte Bastian.

„Was weiß ich? Die Polizei, oder die Feuerwehr. Ja, genau, die Feuerwehr. Hier wird es ja wohl ein Telefon geben, und dann…“

„Nein, hier gibt es kein Telefon.“ Britt sah sie traurig an. „Ich habe Chris gestern gefragt. Wenn ihre Eltern hier sind, telefonieren sie vom Handy. Das ist ein Ferienhaus, Sabine.“

Maike sah in die Runde. „Hat von Euch jemand an Handy? Also… wir haben keins.“

Philip nickte. „Zuhause.“

„Ich auch.“ Britt sah ihn an und verzog das Gesicht. „So eine Scheiße.“

Justus kratzte sich unglücklich am Kopf und deutete aus dem Fenster. „Da draußen. In meiner Jacke. Hängt über dem Stuhl am Terrassentisch.“

„In meinem Ferienhaus habe ich ein Telefon. Sogar Fax“, meldete sich Sabine.

Philip bemühte sich um einen sachlichen Ton. „Ja, sehr schön. Hier nicht. Aber hast Du ein Handy?“

„Ich habe ein iPhone.“

„Ja… und?“

„Und was?“

Philip schüttelte wortlos den Kopf. Justus übernahm. „Und? Wo ist es denn? Dein iPhone.“

„Na, im Auto natürlich.“ Sie sah ihn geringschätzig an. „Das mit auf ’ne Party zu nehmen ist ja wohl unhöflich. Ich habe es gestern mal gecheckt und heute morgen, und eigentlich wollte ich…“

„Und Du hast es aber im Auto gelassen?“, unterbrach Justus sie.

„Ja, klar.“

„Dann ist es egal“, sagte Philip seufzend. „Außerdem war ich auch noch nicht fertig. Natürlich müssen wir Hilfe holen. Oder es zumindest versuchen. Aber was nutzt uns die Hilfe, wenn sie hier ankommt, und die Viecher haben inzwischen das Haus gestürmt?“

„Das Haus gestürmt.“ Sabine schnaubte ärgerlich. „Du redest von ihnen, als wären sie Menschen.“

Philip wurde ebenfalls wütend. „Ich will sie jedenfalls nicht hier drinnen haben.“

„Ach und deshalb kommandierst Du uns jetzt rum? Und wenn Du…“

„Hey, hey.“ Bastian hob beschwichtigend die Hände. „Wir sollten uns nicht streiten, oder?“ Er sah Sabine freundlich an. „Tut mir leid, Sabine, aber ich bin auch Philips Meinung. Wir sollten doch erstmal dafür sorgen, dass wir selbst in Sicherheit sind, oder? Dann können wir ja immer noch Hilfe holen.“

„Eben“, sagte Philip. Die anderen murmelten Zustimmung.

Sabine schüttelte trotzig den Kopf, sagte aber nichts mehr.

Philip sah sie eine Zeit lang an, und wandte sich dann wieder zu den anderen. „Also – wie halten wir sie raus? Hat jemand eine Idee?“

„Mit den Wespen und so ist es einfach“, sinnierte Britt. „Da müssen wir einfach nur alle Öffnungen verschließen, Fenster und so…“

„Die Luftklappe vom Kamin“, warf Maike vom Fenster her ein.

Britt nickte. „Genau, all sowas. Mit den Ameisen wird es schwerer. Die können überall durch krabbeln. Wir müssen alle Ritzen zumachen, unter den Türen, überall.“

„Zur Terrasse hin ist alles dicht“, sagte Justus. „Die Terrassentür läuft auf einer Schiene, da gibt es keine Ritzen und das Fenster ist isoliert. Da kommen sie nicht durch. Wenn…“

„Scheiße“, sagte Britt leise.

Justus fuhr wütend herum. Er erkannte, dass sie gar nicht mit ihm gesprochen hatte. Britt starrte in den hinteren Teil des Wohnzimmers und zeigte mit ausgestrecktem Finger auf die Küchentür. Sie war geschlossen, aber durch den Spalt zwischen Tür und Boden krochen Wespen. Einige krabbelten schon auf dem Teppich, andere krochen an der Tür hoch. Philip begann zu laufen, Britt federte ebenfalls aus ihrem Stuhl und schrie wütend auf, als ihr Knie sich unfreundlich in Erinnerung brachte.

Justus glitt von der Lehne des Sofas, um etwas zu tun, er wusste nicht genau, was, nur irgend etwas. Die Zeit schien langsamer zu fließen. Philip schien sich in Zeitlupe zu bewegen, als er im Vorbeilaufen ein großes Buch von dem Bücherbord neben dem Kamin riss, so heftig, dass alle anderen Bücher umfielen und die Buchstütze, einen Yorkshire-Terrier aus schwerem Glas, vom Bord stießen. Der Terrier fiel auf die steinerne Kaminbank, seine Ohren und sein Schwanz brachen ab. Justus beobachtete sich selbst wie von außen, er stürzte auf die Küchentür zu, wo die ersten Wespen sich in die Luft erhoben, langsam, so langsam. Hinter sich hörte er Sabine, die fragte, was den los sei. Er antwortete nicht. Philip hatte die Tür fast erreicht, er legte sich das schwere, großformatige Buch auf die flache Hand, stieß es mit Wucht gegen die Tür und tötete so den Großteil der Wespen, die daran krabbelten. Justus erreichte ihn und begann, auf den Tieren herum zu trampeln, die auf dem Teppich krochen. Die Zeit stürzte auf ihn zurück, er hörte den Lärm wieder, hörte Philip, der mit zornigen Rufen das schwere Buch („Das Bergische Land – der große Bildatlas“ las Justus) schwang und sich gegen anfliegende Wespen verteidigte. Er hörte, Maike und Britt, die sich Wortfetzen zuriefen, deren Sinn er nicht verstand. Er hörte Sabine, die hysterisch schrie, sie sollten die Biester kaputt machen, schnell, schnell und er hörte sogar Bastian, der beruhigend auf Markus einsprach. Und er sah die Wespen, die unter der Tür durch quollen, er trat auf sie und erwischte viele, doch es kamen immer mehr, obwohl er schon einen Fuß gegen den Spalt drückte, es kamen immer mehr, und dann waren plötzlich Britt und Maike da, hockten sich zwischen Philip und ihm nieder und begannen, etwas unter die Tür zu stopfen. Papier erkannte, Justus, es war Papier, eine Fernsehzeitung und ein paar alte Tageszeitungen, die als Zündmaterial beim Kamin gelegen hatten.

„Fuß weg!“, befahl Britt und er leistete sich nicht den Luxus, es im Sinne ihrer Feindschaft zu interpretieren, er zog einfach seinen Fuß zurück und beobachtete erleichtert, wie sie den letzten Durchschlupf schloss.

Dann standen sie zu viert vor der Tür und betrachteten erst ihr Werk und dann sich selbst. Philip, der die meisten Wespen aus der Luft geschlagen und zertreten hatte, hatte nicht einmal einen Stich abbekommen, ebenso Britt. Maike hatten sie in die Hand gestochen und Justus fühlte Schmerzen in dem Fuß, mit dem er den Spalt blockiert hatte. Trotz des Schuhs. Vermutlich hatten sie ihn durch eines der Löcher erwischt, durch die die Schnürsenkel liefen. Es war nicht wichtig, sie hatten sich fast schon daran gewöhnt. Keiner von ihnen hatte die Flucht aus dem Garten überstanden, ohne mehrmals gestochen worden zu sein.

„Das hält nicht lange“, meinte Britt und betrachtete sie Papierfüllung unter der Tür kritisch. „Die Wespen können sich da durchfressen.“

Philip nickte. „Ja, aber vorerst sind wir sicher. Mir macht was ganz anders Sorgen.“

„Nämlich?“, fragte Justus.

„Dass wir die Küche verloren haben. Die ist garantiert voll mit den Biestern, ich glaube, das Fenster war offen. Das heißt, wir haben nichts zu essen. Wir können schon froh sein, dass Markus die Tür geschlossen hat, als er vorhin…“

„Da!“, kreischte Sabine. „Da! Da ist noch eine! Da, da an der Wand!“

„Dann hau‘ sie kaputt, Du Kuh“, bellte Britt wütend, ohne sich umzudrehen.

„Ich muss mich von Dir nicht beleidigen lassen“, schrie Sabine, während sie die Wespe gehorsam mit einem Buch jagte.

Britt und Philip sahen sich an, Britt seufzte. „Was jetzt?“

„Wir müssen was besseres finden, um den Spalt auszustopfen.“

„Wie wäre es mit Stoff?“, meinte Bastian vom Sofa aus.

„Was meinst Du?“ Justus drehte sich zu ihm um.

„Das Gepäck.“ Bastian stütze den Kopf auf seine Arme. „Wir sollten das Gepäck von oben runter holen, die Taschen und alles. Mit den Klamotten darin können wir die Ritzen ausstopfen, notfalls zerreißen wir sie eben. Und vielleicht finden wir noch andere nützliche Sachen. Handys.“

„Bastian, die Sachen gehören nicht uns“, sagte Maike unbehaglich. Sie sah von Britt zu Justus und Philip. Die sagten nichts. Die Besitzer des Gepäcks waren tot. Fast alle. „Okay“, sagte Maike. „Okay. Aber es ist nicht gut. Wir hätten… Ich wünschte, wir könnten sie fragen.“

Britt legte ihr einen Arm um die Schulter und drückte sie wortlos.

„Die Idee ist gut“, sagte Philip schließlich. „Ich hoffe nur, wir kommen bis nach oben. Wer weiß, wo sie schon überall sind.“

Plötzlich schlug Sabine ihr Buch krachend an die Wand. „Ich habe sie!“, verkündete sie triumphierend.

„Glückwunsch“, sagte Justus gallig. Philip, Britt und er gingen zurück zum Couchtisch und setzten sich, während Maike wieder ihren Beobachtungsposten am Fenster bezog.

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Das Lexikon der Absonderlichen Arten – Kieseltroll

Es ist relativ schwer, im großartigen Lexikon der absonderlichen Arten Einträge auszumachen, die noch highlightiger sind als der Rest, und demnach als Highlights gelten können – aber das hier ist so einer. Sind die Filmrechte an ‚Der Steinsplitter meines Herzens‘ noch zu haben? Ich frage nicht für einen Freund. ❤

Avatar von Sarah WassermairDer Guppy war's und nicht die Lerche

Kieseltroll, der:

Kleinste bekannte Unterart der Gattung Brückentroll. Vertreter wiegen meist nur wenige Gramm, sind sehr schüchtern und werden oft von anderen Trollen ausgelacht. Manche versuchen sich trotz ihres Handycaps im traditionellen Brückentroll-Gewerbe des Brückenbewachens, geben aber meist bald wieder auf. Es ist nämlich erstaunlich schwer, arglosen Wanderern Angst zu machen, wenn die einen nicht einmal sehen können. Wenn jemand dann die Brücke ohne Erlaubnis passiert, dann kann der Brückentroll höchstens zurückschlagen, in dem er sich in seinen oder ihren Schuh schmuggelt und dort für Blasen sorgt. Die wenigsten finden diese Art der Rache aber wirklich befriedigend.

Als berühmtester Vertreter der Art gilt Erbschen Knirsch, der sogar unter Kieseltrollen als winzig galt. Er verbrachte eine sehr unglückliche, isolierte Kindheit und spielte laut seiner Autobiographie‚Der Steinsplitter meines Herzens’lange mit Selbstmordgedanken. Sein Geschick wendete er aber, als eines Tages aus Versehen in einen Brunnen fiel und sich dort in die…

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